Kapitel 6
„Was wünschen Sie?“ Die kalte Miene des Herrn Mestosani berührt Herrn von Wanger nicht. Er sieht dem Gewaltigen ruhig in die Augen. Mestosani ist der Gerichtshofoberste, nennt sich am liebsten aber ‚Stadtpräfekt‘, sitzt mit als erster Ratsherr in der Stadtverwaltung, vertritt den ersten Bürgermeister und hat sich mehrere sehr einträgliche Nebenämter angeschafft. Kein Wunder, daß er aus der Höhe seiner vielen Würden niedersieht.
Der Besucher sieht bloß aus, als wäre er ihm ebenbürtig. Er hat sich trotzdem nicht erhoben, er ist hier der Souverän. ‘O du arme Seele‘, denkt der Priester, der für Mescaru sprechen will. Statt Antwort auf die arrogante Frage reicht er seine Karte hin. Mestosani liest und guckt. Soso, Missionar und Arzt, dazu ein ‚von‘. Pah, das besagt nicht viel.
„Ich habe Sie nicht konsultiert, brauche keinen Arzt, vor allem keinen Missionar!“ Immerhin — er bittet, Platz zu nehmen. „Womit kann ich dienen?“ „Eine schwere Sache, Herr Mestosani.“ Wanger unterläßt absichtlich einen Titel. Hochmut braucht den Tunker. „Herr Mescaru war bei Ihnen ein Beamter. Er war gewissenhaft. Oder nicht? Warum haben Sie ihn ohne Kündigung entlassen?“ „Er ist wohl Ihr Freund?“ klingt es höhnisch.
„Gewiß!“ „Ah, sein sauberer Sohn desgleichen?“ „Ebenfalls, zwar auf einer anderen Basis als dem Manne gegenüber, dem unverschuldet Stellung und die Ehre weggenommen wurden.“ „Erlauben Sie“, Mestosani wird krebsrot, „ein Mann, dessen Sohn hier im Gefängnis sitzt, kann ich als Beamten nicht im Hause dulden!“ „Das nicht; am wenigsten aber Ihret- und der unkameradschaftlichen Beamten wegen, sondern wegen fortgesetzter Nadelstiche! Wissen Sie, daß durch Ihre Schuld zwei Menschen sich das Leben nehmen wollten?“
Mestosani erbleicht. Daß er Mescaru ungerecht behandelt hat, ist ihm bewußt geworden; zugeben wollte er es aber nicht. „Sie meinen doch nicht . . .“ „Ja, ich meine! Durch Ihre Ungerechtigkeit wollten Herr und Frau Mescaru aus dem Leben scheiden. Das — ich kann Sie nicht entlasten — wäre Ihre Schuld gewesen!“ Wanger ist im guten Sinne hart geworden. Grobes Eisen braucht den groben Hammer, einen harten Amboß.
„Rechtsbeamte müssen wissen, ob ein Vater für das Unrecht seines Sohnes zu verhöhnen ist. Sie haben es bei Ihren Herren nicht verboten, und Sie haben ihn mit Schimpf davongejagt!“ Entsetzt spreizt Mestosani seine Finger. „Hat Mescaru . . .“ „. . . Herr Mescaru“, betont Wanger unterbrechend. „Ja, ja, natürlich ‚Herr‘. Hat er denn Ihnen irgendwas erzählt?“
„Kann er den ihm angetanen Schimpf verbreiten? Ich habe alles selbst herausgefunden.“ „Hat einer meiner Herren — “ Ha, den Verräter setz‘ ich an die Luft, wenn ich — „Sie dürfen denken, was Sie wollen“, fällt Wanger wieder ein. „Nur fügen Sie zu Ihrem Unrecht nicht ein weiteres hinzu, indem Sie jemand dafür büßen lassen, der nichts anderes tat, als Ihnen nachzubellen! Sonst müssen Sie sich selbst entlassen.“
Seit seiner Dienstzeit hatte Mestosani niemals solches über sich ergehen lassen. Der Fremde tut, als wäre er der König und Mestosani nur ein Diener. Diese Schmach wird der bezahlen müssen. Plötzlich aber fällt ihm ein, daß jener Roberto Beocana rettete und die zwei Verbrecher fing. Der Polit-Oberste hat ihm gestern Abend gleich berichtet. Die Akte ist noch nicht zu ihm gekommen. Daher juckt es ihn, Wanger in ein Netz zu treiben. Noch braucht er nichts davon zu wissen, er hat keine Unterlagen.
„Sagen Sie, Herr von Wanger“, Mestosani bequemt sich zu dem Titel, „seit wann sind Sie hier? Und als was?“ „Gern zu Diensten.“ Das klingt wie eine Warnung. Ah, den drückt seine Allgewalt nicht nieder, höchstens — ja eben, durchs Gesetz. „Ich bin als Feriengast für sechs Wochen zur Erholung ordnungsmäßig angemeldet. Wünschen Sie noch mehr zu wissen, steht Ihnen die Mission, der ich angehöre, zur Verfügung. Überdies stehe ich unter dem besonderen Schutz des deutschen Konsulats, dem des englischen und noch ein paar anderen Konsulaten.“
O je, da hätte man zu viele Schwierigkeiten; der Staatspräsident würde ihn, Mestosani, ohne weiteres vernichten. Mit verdecktem Zorn — er vergilt es diesem Wanger aber noch! — fragt er scheinheilig: „Was kann ich also für Sie tun? Auf welche Weise wurde Ihnen die geplante Untat zugetragen? Soll ich Mescaru — Herrn Mescaru — wieder seinen Posten übertragen? Ich gebe zu, er war gewissenhaft und im Umgang ein bescheidener Mann. Bloß — nun ja, das läßt sich nicht beseitigen: er ist der Vater des Verbrechers.
„Sie brauchen sich nicht anzustrengen“, ironisiert Wanger. „Ihnen zur Beruhigung: Herr Mescaru käme nie zurück, er macht Ihrem Hause also keine Schande. Für mich bedarf ich Ihrer Dienste nicht. Eines möchte ich Sie fragen: Wenn Sie stets ehrlich dienten und hätten einen Sohn, der ohne Ihr Verschulden auf die schiefe Bahn geriet, was würden Sie dann tun?“
„Das läßt sich vorher nicht bestimmen. Doch wenn — nie würde ich ihm meine Türe öffnen!“ „Man soll nicht nur strafen, sondern die Gestürzten auf die gute Lebensgasse bringen, denn nur so sind Übel auszuheilen.“ Ein Blick trifft den Gerichtshofobersten, der wühlt das Tiefste seines kalten Wesens auf.
„Herr Mescaru hatte nicht verdammt, nur Ihrer Härte wegen wollte er sich töten. Ich sagte ihm, so nähme er dem Sohn den letzten Halt und daß dann der junge Mensch ins volle Dunkel fiele. Sie jedoch verdammen, statt zu helfen; Sie vernichten, statt zu heilen; Sie brechen über jeden Abgewichenen den Stab, anstatt ihm eine neue Stütze anzubieten!
Wo, Herr Mestosani, bleibt Ihr Recht? die Möglichkeit, Verbrechen aus der Welt zu schaffen? Vergessen Sie das eine nicht: Heutzutage sieht die Jugend nichts mit unsern alten Augen an! Schauen Sie mal Ihre Akten durch, wo leicht — trotz Strafe — ein gütiges Verstehen manchen von der Bahn Geglittenen wieder auf die Füße hätte helfen können. Sie waren nie dazu bereit; Ihr Urteil galt; damit war für Sie der ‚Fall‘ erledigt!“
„Wie kommen Sie dazu“, brüllt Mestosani, „mir derlei Vorhaltung zu machen? Was sind Sie denn?“ „Ein Mensch, der menschlich denkt und nicht allein nach Paragraphen! Trotzdem weiß ich Recht vom Recht zu unterscheiden. Die Menschheit ist schon tief gesunken, nicht allein in Hinsicht von Verbrechen. Die Lieblosigkeit, der Eigennutz, sich vorzudrängen, und gar vieles mehr, was im Umfang ärger ist als das Verbrechertum, hat die Menschwelt dem Verderben preisgegeben. Und wer, frage ich, ist daran schuld?“
„Sie sind Priester“, höhnt der Präfekt, „fragen Sie doch Ihren Gott! Hat Er uns erschaffen, dann ging von Ihm das Übel aus!“ „Sie meinen?“ Wanger kennt die Ansicht solcher Leute. Er fragt: „Haben Sie mit Ihrem Wort den Schöpfer angegriffen?“ „Ja, das heißt — ich glaube nicht an einen Gott; aber wenn, dann hielte ich Ihm vor, wie schlecht Er Seine Menschen schuf!“
„Vorhalten können Sie es Ihm!“ Es sind Blitze, die den Spötter treffen. „Ihr Hohn kommt auf Sie selbst zurück. Gott nimmt ihn gar nicht an; Er läßt Sie, wenn Sie nicht zur Einsicht kommen, in Ihre selbst gegrabene Grube fallen. Sie stehen vor der Welt geachtet da, aber nicht vor denen, die Sie auf die Seite drängten. Sie sind geschult genug, um zu verstehen: ich brauche Ihren Lebenslauf nicht erst zu lesen, ich — sehe ihn!“
Mestosani wird totblaß. Manche Nacht, in der er nicht zur Ruhe kam, wo im Traum die Bilder ihn bedrängten, die er tagsüber auszuschalten wußte. Woher weiß der Fremde das? Sieht er etwa ‚hell?‘ Er glaubte nicht daran, erst recht nicht jetzt. Bloß ein Ungewisses bleibt bestehen. Ach was, er läßt sich von den hellen Augen nicht ins Bockshorn jagen. Er nicht!
„Wir beenden das Gespräch“, sagt er ohne jeden Übergang. Wanger nickt zur Verwunderung des Präfekten. Er nahm an, jener würde ihm erst eine Predigt halten und die hätte er zerrissen mit den scharfen Argumenten, die in seinem Hirn zu Hause sind. „Das eine noch“, hält Wanger an, „ehe Vilparts Eltern Ihre Stadt verlassen, möchten sie zu ihm. Geben Sie zwei Stunden frei.“
„Kein Delinquent darf unter einem viertel Jahr Besuch erhalten, ausnahmsweise eine halbe Stunde.“ „Zwei! Die Eltern gehen fort, der Junge wird sie all die Jahre gar nicht sehen und das ist sehr hart für ihn.“ Mestosani windet sich, er fühlt sich wie erpreßt. „Aber nur“ gesteht er zu, „wenn Sie mir sagen, wohin Mescarus ziehen.“
Der Arzt verrät es nicht, daß er jene nach Europa bringt, er sagt auch nicht, daß Roberto mit ihm fährt. Mestosani lacht verlegen: „Es ist für Mescaru gut, wenn sie hier verschwinden.“ Wanger geht nicht darauf ein. „Sorgen Sie dafür, daß in Ihrem Amte Herrn Mescarus Ehre wieder herzustellen ist.“
„Nach und nach wächst über alles Gras!“ Der Priesterarzt greift sofort ein: „Ja, Gras kann über alle Dinge wachsen; auch Wohltaten werden gern vergessen, nicht wahr?“ Ein Treffer! Mestosani schob den guten Mann zur Seite, der ihm zum Aufstieg alle Möglichkeiten bot. „Allein“, fährt jener fort, „wird bei bösen Dingen gar zu oft das Gras zertreten, und dann liegt die Blöße wieder da. Denken Sie einmal darüber nach!“ Ein kurzer Gruß, noch einmal jene Warnung in den Augen, die dem Mestosani seine Weltenruhe raubt. Und die Türe fällt ins Schloß.
Der Allgewaltige trinkt hastig eisgekühlten Saft. „So ein Idiot!“ Dabei geht er auf und ab. Vorzeitig schließt er die Kanzlei, aber vor den Worten, vor des Fremden Blick flieht er vergeblich. Da gibt es keine Tür, die einfach zuzumachen wäre. Die ernste Wesensart, die Gestalt, das Edle, — o nein, auch ein Mestosani kommt nicht davon los.
„Bah, er ist mysteriös“, sucht er sich abzulenken. „Gut war es, den Roberto zu erretten; die Stadt verdankt den Beocanas viel. Aber mußte es grad dieser Fremde sein?“ Als ob er zanken wolle, so redet Mestosani vor sich hin. Ja, wenn er der Held gewesen wäre, wenn er, der Präfekt — wenn — — Er flieht in ein Lokal. Trotz Zecherei vergehen ihm die Bilder nicht. —
Herr Wanger geht befriedigt zu Mescarus. Den Dünkelhaften hat er kleingekriegt, der konnte eben nichts vor ihm verbergen. Es kostete keine Mühe, die Gedanken bloßzulegen. Wie immer ist‘s ein stiller Dank, den er in die Höhe sendet, dahinauf, von woher ihm jede Hilfe kommt. Mescarus staunen, als der liebe Helfer wieder kommt. „Ist etwas?“ fragt Mescaru bang. Noch denkt er bloß an Schweres, was ihnen widerfahren könnte.
„Etwas Gutes, ich war bei Mestosani.“ „Bei dem — ?“ Ängstlich sieht Mescaru drein. „Unbesorgt“, beruhigt Wanger freundlich, „Tiger kann man zähmen.“ „Den nicht!“ verneint Mescaru. „Ich kenne ihn so viele Jahre und eher könnte unsere ganze Erde bersten, ehe der ein Zugeständnis macht!“
„Ja, es dauert lang, bevor sein letztes Eis verrinnt. Das ist wie bei Fels und Wasser. Der Fels wehrt sich tausende von Jahren, wenn das Wasser nagt. Die Natur lehrt uns ein Wunder Gottes: Das weiche Wasser, das man in der Hand zerdrücken kann, zernagt das härteste Gestein. So zernagt die hohe Gottesliebe jedes harte Herz. Es mag sich lange wehren wie es will, es kann der Mensch darüber sterben; allein — GOTT steht im Regiment!
Etwa nimmt Herr Mestosani seine Felsen mit ins Grab, die ihn sehr behindern, wenn er im ‚anderen Leben‘ vorwärtskommen will. Sünden bleiben niemandem geschenkt!“ „Gott ist gütig, Er vergibt uns unsre Schuld“, sagt Vilparts Mutter ernst. War das nicht schon eine große Sünde, daß sie ihr Leben von sich werfen wollten? Und anderes mehr? Herr von Wanger nimmt ihre arbeitsharten Hände in die seinen, er gibt sie nicht gleich wieder frei.
„Wer seine Sündenlast bekennt, dem vergibt Gott gern. Dennoch ist auch manches abzugelten. Vergleichsweise ist‘s wie auf der Welt: Die Schulden drücken, man bemüht sich, zu bezahlen. Hie und da erläßt ein guter Gläubiger dem armen Schuldner eine Rückzahlung. Das ist erfreulich; trotzdem denkt man an den unbezahlten Rest, sobald man seinem Gläubiger begegnet.
Das gilt erst recht dem Schöpfer gegenüber. Wohl mehr unbewußt, meistens unterdrückt, denkt man nicht darüber nach, ob und wie der Höchste unser Gläubiger ist. Erkennen wir es aber an, so vergibt Er mindestens den Rest von allem, was ein Mensch nie gänzlich abzugelten weiß. Wir haben einen guten Gott, Der uns hilft und uns nicht von Seinen Händen läßt.
Betrachten wir die arme Seele Mestosani‘s. Da häufen sich die Schulden zu dem Fels, der abzutragen ist. Auch hier zeigt die Natur das Bild, das zur leichteren Erkenntnis leitet. Kein Berg löst sich von selber auf. Entweder ist‘s das Wasser, das nach und nach zum Durchbruch führt oder Feuer, aus dem Erdinneren in die Höhe drängend — nicht immer als Vulkan. Beide Elemente machen Felsen bersten.
So rettet Gott die Seelen. Manche durch ein Trübsalsfeuer, manche mit dem Wasser Seiner Lehre, die Er Selber oder auch durch andere Menschen bringt. Soll man nun ein ‚Bringer‘ sein, muß man sich zuerst in Seine Hand begeben, sich von JHM führen lassen und lernen, ob ein Feuer oder ob ein Wasser helfen muß.
Der Präfekt läßt Sie in Ruhe. Möglich, daß er erforscht, wohin Sie ziehen. Ich habe Ihnen weder Land noch Ort genannt, wo Sie eine neue Heimat finden werden. Warten Sie den Tag der Reise ab. Ich habe diese für in drei Wochen vorgesehen. Und wie ich unsere Marita kenne, kommt sie angestürmt“, Wanger lacht, „um bei Ihnen alles umzukrempeln. In gutem Sinn gemeint.
Will jemand etwas wissen, nun — Sie kennen ja Ihr Domizil noch nicht. Zu Ihrem Besten so geordnet.“ „Aber wenn man Sie bestürmt?“ fragt Frau Mescaru. „Dann bin ich ein Fels, einer, dem weder Feuer oder Wasser das Geheimnis rauben können.“ Wiederum ein herzlichfrohes Lachen. Seit dem Unglück ist‘s das erstemal, daß auch die schwergeprüften Eltern einen Schein des Lächelns in den Augen haben. Wie ist Wanger froh, daß er deren Bürde abzunehmen wußte. „In den nächsten Tagen bin ich wieder hier, dann besprechen wir die Sache mit dem Haus.“
Mescaru sagt ehrerbietig: „Wenn Sie nicht gewesen wären, dann . . .“ „. . . hätte Gott einen andern hergeschickt. Gewiß, Ihr Gottvertrauen war vorübergehend ausgelöscht; allein — gerade darum hat der Herr geholfen. Es gibt andere und bessere, als ich einer bin. Aber wenn man helfen darf, so soll man wissen: Der Helfer ist allein der Herr !“
Eine Weile ist‘s so still, als ob ein Ungesehener segnend seine Hände breitet. Ergriffen weint die Frau: „Das war heiliger als in einer Kirche! Ich dachte recht zu tun mit Kirchengehen. Oftmals war es in mir leer, wenn ich aus der Kirche kam. Das war sicher eine Sünde.“ Fragend sieht sie Wanger an. Er geht wie stets mit einem freundlich lieben Lächeln auf die stumme Bitte ein.
„Sünde ist das nicht. Füllt etwas nicht das Herz, dann ist das Gegebene leer, was am äußerlichen Ritual und öfter an dem Geber liegt, am Kirchenpriester. Selbstredend gibt es eine ganze Reihe guter, die aus Überzeugung zur Gemeinde sprechen. Das erweckt dann einen Widerhall, weil die Überzeugung Gottes Segen auf den Redner samt Gemeinde fallen läßt.
Nicht das Gehen in die Kirchen legt den Maßstab an den Glauben! Der Glaube ist die eigene Verbindung an die Führung Gottes. Da ich selber Priester bin, greife ich das Kirchentum nicht an, weil es doch sein Gutes hat, richtiger: haben könnte. Aber ich bin nicht damit verbunden. Für mich steht im Vordergrund der Arzt, — so für die Welt gesagt. Für das, was die Seele braucht, steht im weiten Feld die priesterliche Tätigkeit.
An sich ist beides nicht zu trennen; denn GOTT ist Priester und ist Arzt, der Helfer und der Retter in den Lebensdingen. ER führte mich, daß ich beides wurde, dort, wo es sozusagen finster ist im Aberglauben und im Rückstand der Kultur. Dort habe ich die Kirche aufgebaut, in die Gott zu jeder Zeit zu kommen pflegt. Keinen Prachtbau haben meine lieben schwarzen Leute.
Über uns ist Gottes hochgewölbter Dom, um uns ein Stück herrliche Natur. Da lernten meine lieben Neger, sich in Andacht zu verneigen und jubelnd gehen sie in ihre Hütten. Wie leicht sind dann die Wunden und Gebrechen jeder Art zu heilen. Geduldig warten sie auf ihre Reihe; und längst haben sie es eingesehen, sich selbst nicht vorzudrängen. An diesem und außerdem an vielem mehr könnte sich die weiße Christenheit ein Beispiel nehmen.
Beten Sie im Herzen Gott zu Hause an, in der Kirche, überall; den überall ist ER zu finden! Von reinen Herzen läßt Er Sich nicht lange suchen, auch wenn es manchmal scheint, Er hätte Sich verborgen. In unserer Mission, wo Sie eine gute Heimat finden, wird es Ihnen ganz bewußt, was ein Gottesdienst zu geben weiß. Da gibt es eben keine Prunkgebäude, die Versenkung ins Gebet wird nicht zerfurcht von äußerlicher Schau.
Die glänzenden Gebäude aller Religionen haben für den Höchsten sehr oft zugemachte Türen. Wessen Seele Gott in Ehrfurcht liebt und damit — wo nicht anders möglich — in solche Kirchen geht, der nimmt für sich den Höchsten mit hinein! Wo ein kleines Kirchlein steht, am Wegesrand Kapellen, da kehrt Er immer ein. Die sind der ‚Stall von Bethlehem‘. Die Armut hat sich Gott gewählt, um durch sie des Lichtes Reichtum herzuschenken.“
Wieder segnet eine Stille die Bedrückten. Mescaru saß mit tief geneigtem Haupte da und murmelt: „Das war gepredigt.“ Niemand sah die Träne, die ihm über seine hagere Wange rann. Auch das belastete ihn: vielen Nachbarn hatte er geholfen, meist ohne Lohn. Und dann — dann hatten sie an einem Tage alles gute Tun vergessen, in den Wind geschlagen und — —
Das läßt sich nicht so ohne weiteres verbannen, das ist zu tief eingebrannt. Da sagt Wanger: „Ein Frühlingshauch verscheucht den Winter und der milde Lenz gibt neues Leben.“ Staunend sieht Mescaru hoch. Noch ist er geistig keineswegs so weit, um das Geheimnis zu begreifen, wie ein anderer die heimlichen Gedanken aufzublättern weiß, Trotz der Sorge um den Sohn fühlt er sich vom Allzuschweren wie befreit. Dankbar nimmt er jene Hände, die so fein gegliedert sind und doch Festigkeit verraten, der man sich immer anvertrauen kann. ‚Als ob es Gottes liebe Hände wären‘. Da steht der Helfer auf und sagt:
„Gott hilft den Menschen gern durch Seine Menschenkinder. Man muß nur zu verstehen lernen das Geben und das Nehmen. — Ich muß einiges besorgen und bin am Abend bei Familie Beocana.“ Mescarus schauen ihm verstohlen nach. „Was für ein guter Mann!“ sinniert die Frau und wischt sich auch die Augen aus. „Nicht nur gut“, meint er, „ich kann es nicht so sagen, doch an ihm ist etwas dran, was — hm — eigentlich, was nicht von dieser Erde ist. Einem solchen bin ich mein Lebtag nie begegnet.“
„Hochwürden sprach in der Sao-Paulo-Kirche über jene Bibelstelle, daß Engel — unerkannt — bei Menschen wären. Man dürfe das nicht wörtlich nehmen, sagte er. Engel wären bloß Begriffe, ohne Existenz. Als treues Kind der Kirche wäre es das Eigene des Menschen, welches gleich einem Engel wirke. Ob diese Lesart stimmt? Mir war, als ob dabei ein Köstlichstes des Glaubens so verloren ginge. Was meinst du dazu?“ fragt sie ihren Mann.
„Ich kann das auch nicht deuten. Vielleicht ergibt es sich, daß Herr von Wanger es erklärt. Der — nun — kommt mir wie ein Engel vor. Er ist also nach der Bibelstelle unerkannt zu uns gekommen. Für uns ist er ein guter, hilfsbereiter Mensch, einer von den wenigen, die große Gaben haben. Wollen wir uns seinen Hinweis merken: ‚Der Helfer ist allein der Herr!‘„
Frau Mescaru schlägt die Bibel auf und liest laut vor:
„Gastfrei zu sein, vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ (Heb. 13,2)
Und wieder ist‘s, als wäre da ein sonderbares Wehen. Sind es die Gedanken eines Menschen, der vom Lichte her verpflichtet ist? Sind es Fittiche des Engels, aus denen für sie Trost und Frieden niederfällt? Ist‘s Gottes Odem, der die Armen glücklich macht — — ?
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