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Ruth 14 – Der Fürstenrat. Bestes Einvernehmen

Der Fürstenrat. Bestes Einvernehmen

14. Kapitel

„Der Fürstenrat“, sagt der von Gad, „ist gut. Die Heiden lachen über uns, wir nennten uns das ‚auserwählte Volk‘ und wären wie die Hähne, die wild aufeinander gehn. Ganz recht haben sie! Du fragtest mich, ob ich den Judäer für den Besten halte, der uns aus dem Chaos hilft. Ich sage ‚ja‘; nicht, weil ich mit ihm befreundet bin, nein, er ist unter uns der Fähigste.“

Der also Angeredete, Fürst von Ruben, zuckt die Schultern. Man soll nicht gleich zu allem ‚ja und amen‘ sagen, und so erwidert er gelassen: „Mag sein; ich für mein Teil warte ab, was geschieht. Man muß erst die andern Stimmen hören, eine mit der anderen vergleichen und . . .“ „. . . nicht bloß die Stimmenmehrheit gelten lasen?“ fragt Josamath von Gad.

„Genau! Damals galt die Mehrzahl für den Richter Beraba, und was kam dabei heraus? Es braucht Jahre, bis — wenn überhaupt Pereztha nur das Ärgste zu beseitigen weiß.“ „Du bist ein Pessimist, Demach; immerhin ist‘s gut, wenn man den Wunschtraum zügelt. Das tu‘ ich auch! Wo aber Klarheit herrscht, und die hat Pereztha, sollte man mit Wort und Tat ihn unterstützen, statt ihm schon den Anfang sauer machen. Er wird zu kämpfen haben. Es möchte jeder gern des Volkes Führung übernehmen, um im ‚Glanz zu glänzen‘. Doch greift keiner von uns nach dem Regiment. Jeder weiß, was ihm dann blüht, unabhängig von dem Können oder nicht.“

„Ich lehne für mich jeden Antrag ab. Wer kann, soll die Karre aus dem Dreckwust ziehen.“ „Sei nicht ungehalten“, mahnt Josamath, „du bist mir der rechte Kerl! Willst du nicht mit Hand anlegen?, nicht mit ziehen oder schieben?, willst zusehen, wie der andere durch allzu Schweres niederbricht und dann rufen: ‚Da seht, er hat auch nichts Besseres vermocht als Beraba‘.“

Demach sieht ein Weilchen sauer drein; er wurde angegriffen — mit Recht; doch bleibt‘s nicht ohne Widerhall in ihm. Es vergeht fast eine halbe Stunde, das nächste Tor der Stadt Jerusalem kommt schon in Sicht. Josamath achtet dieses Schweigen, er fühlt, was jetzt in Demach vor sich geht. Der greift unversehens nach der Zügelhand des Josamath, hält beide Tiere an und sagt, ohne jenen anzusehen — aus verdeckter Scham:

„Mir sei ferne, zuzusehen, wie andere vor lauter Mühe nicht mehr weiterwissen. Wenn ich einen Treiber sah, dessen magerer Esel kaum noch ziehen konnte, bergauf, da habe ich geholfen. Wie viel mehr denn, wenn es unser Volk betrifft? Hast mich tüchtig angestochen, ich geb‘ es zu; und dein ‚Stich‘ war mir nicht angenehm. Nun — gib mir deine Hand, wir beide wollen Fürst Pereztha helfen, wenn er an das Ruder kommt.“

„Einem andern nicht?“ „Kommt darauf an, wer die Wahl gewinnt“, erwidert Demach. „Du sagtest selbst, nicht alle eignen sich zum Amt und so im Großen kennen wir uns gegenseitig. Dich unterstütze ich, fällt die Wahl auf dich und Fürst Foadar von Naphtalie, ansonst — du weißt Bescheid.“

„Ich halte es wie du: nebst den beiden kommst noch du für mich in Frage. Wir helfen uns am besten, wenn man seinen Stamm entsprechend lenkt, wie Pereztha es in Juda tut. Dann werden wir ein Volk, wie unter Josua und in der Zeit der ersten Richter, wie bei jener Richterin Debora. Sie muß eine einzigartige herrliche Frau gewesen sein.“ (s. ‚Das Richteramt’)

„Leider sagt die Rolle nicht sehr viel von ihr. Doch wer hörte je, daß ein Weib der Oberste des Heeres war und — siegte? Wenn ich diese Rolle las, habe ich mich in die Zeit zurückversetzt und wäre gern mit ihr geritten.“ „Fein, das du so denkst! Wisse, auch ich habe diese Rolle oft studiert und gemerkt, daß vieles an der Kunde fehlt. Aber was, kann man nicht ergründen.“

Sie sind am Tore angelangt. Die Stadt ist stark bewacht. Man weiß nicht, ob es zu Tumulten kommt. Das Volk ist schon erregt. Mit den ‚vorläufigen Gesetzen des vorübergehenden Regims‘ sind nicht alle Obergriffe einzudämmen. Die meisten Leute wünschen sich ein gutes Regiment, weil der Handel leidet. Ohne Handel und Gewerbe läßt es sich nicht leben. Allgemein wird den Fürsten zugejauchzt, so wie sich einer sehen läßt.

Josamath und Demach suchen sich ein Herbergshaus. Es ist später Nachmittag, da gilt‘s für morgen sich im Schlafe Kraft zu holen. Die eingeweihten Leute des Pereztha prüfen heimlich, wer angekommen ist, womöglich auch die Stimmung. Auf diese Weise wird ihm vieles zugetragen; er gewinnt die Übersicht, die er morgen bitter nötig braucht, Gottes Führung um des Glaubens willen und dem Dienst, den er übernehmen soll.

In aller Frühe geht es auf den Gassen hin und her, manche Männer freudigen Gesichts, daß endlich — ‚ andere drücken sich um dunkle Ecken. Der Altrat hat geboten: Aufständige werden abgeführt. Manche Stadtknechte sind leider nicht verläßlich und genügend neue waren nicht zu werben, um die Stadt in Ruhe zu erhalten, gerade heut‘ am Fürstentag.

Älteste der Umgebung sandten daher ihre Knechte; die Fürsten von Ephraim und Isaschar — weitsichtig — spannten ihre gleichfalls ein. Also bleibt es ziemlich ruhig. Die guten Knechte tauchen stets an jenen Winkeln auf, wo die bösen Brände schwelen. Gemäß der Anweisung ‚handeln‘ sie, nur wird ein Störenfried nicht drangsaliert, das hat Pereztha streng verboten. Zudem bleiben sie nicht lang in Haft. Das vorausgesagt.

Zur Tagung kommen alle pünktlich. Als Vertreter der Ältesten, da man meinte, die Fürsten unter sich wären sich rasch einig, hat man Selemech, Laban, Sinehas, Kenias und Herias hinzugezogen. Das wird anerkannt. Noch ist die Stimmung ruhig, hie und da murmeln zwei sich etwas in die Ohren. Als Letzter kommt der Fürst von Gad, in Begleitung mit Isremia.

Schon hebt man die Köpfe. Den meisten ist er unbekannt und so gilt die Frage, was der Fremde hier zu suchen hat, Rufe werden laut:

„Ich gehe, wenn der Fremde bleibt! Sollen denn die Feinde wissen, was im Fürstenrat geschieht? Dann überfallen sie uns bald!“ Isremia ist die Ruhe selbst, sieht die Sprecher an und da ist es sonderbar: die, klaren hellen Augen dringen durch und durch. Was ist denn das für einer, der solche helle Augen hat?

Auch Fürst Pereztha läßt die Reden über sich ergehen, tut so, als wäre das ganz recht und geht zum großen Tisch, der querüber vor den Versammlungsreihen steht. An ihm sitzen die vier Ältesten, Selemech davor. Der Fürst stellt sich zwischen die vier Ältesten. Da tritt Ruhe ein und er sagt, sich an Isremia wendend:

„Dank dir, daß du als Vertreter deines Vaters Isremia-Fardachai gekommen bist, einer unserer angesehendsten Ältesten. Weil er das war, darum mußte er mit dir und deiner Mutter fliehen. Nun bist du wieder hier und sollst den Platz erhalten, der deines Vaters würdig ist. Ehe wir beginnen“, sagt der Fürst zu allen, „stelle ich anheim, eure Zustimmung zu geben. Nebst unserem Altrat von Jerusalem war Isremia-Fardachai ein Altrat von ganz Israel.“

„Es steht nicht dafür, einem ‚Grünen‘ gleich den Platz des Alten einzuräumen“, kommt ein Widerwort. Josamath stößt Demach an und der steht auf. „Es tut nicht gut, schon am Beginn zu zanken. Ich kannte Isremia-Fardachai, ein Mann, wie wir heute viele brauchten, um ein geeintes Volk zu werden. Darum halte ich dafür, daß man die echten Israelen mit im Rat beläßt. Fürst Pereztha wird schon wissen, wozu dies nötig ist. Wartet doch erst einmal ab, ehe man ein falsches Urteil fällt!“

Ein paar Fürsten geben Demach recht, die Ältesten enthalten sich absichtlich einer Stimme. Isremia sagt, als wäre das das Schönste, was es gäbe: „Mein Vater, der in der Fremde starb, läßt alle guten Israelen grüßen. Er gab mir auf dem Totenbett die Namen an. Also mögen jene, die er meinte, seinen letzten Gruß entgegennehmen.“ Da das auch einige der Fürsten mit betrifft, gibt es einen sogenannten ‚warmen Wind‘. Isremia setzt sich seitlich in die Reihe, von wo der Raum zu überblicken ist.

Plötzlich sagt einer: „Es fehlt der Fürst von Benjamin; wir sind keine volle Zahl und so nützt das Wählen nichts.« „Weshalb ist er nicht gekommen?“ fragt der von Isaschar. „Weiß jemand das?“ „Keine Ahnung“, erwidert Laban, und er weiß wirklich nichts. „Eine Stimme ist aber zu ersetzen und sind wir guten Willens — ob nicht GOTT uns eine — Seine Stimme sendet.“

Da tritt der Oberpriester Anacarias herein. Den nicht ganz Guten kommt es ungeheuer vor, weil Laban von der ‚Stimme Gottes‘ sprach und der Oberpriester kam. Er wird gegrüßt. Pereztha sagt: „Laban hat uns Gott verkündet und Sein Priester ist gekommen. So wollen wir dem Schöpfer danken.“

„Daran tut ihr recht“, wird er unterbrochen. „Ich war in Silo bei der Bundeslade und habe für den Fürstenrat gefleht. Das hat der Herr im Feuer mir gesagt:

‚Den Guten helfe Ich durch Meine Güte und es soll sich jeder hüten, gegen Meine Güte anzugehen. Er verdirbt sich seine Seele selbst! O, Ich will auch dem Volke helfen um der Guten willen, die ihr ‚ich‘ mit Lasten in den Dienst der Nächsten stellen. Und so sei der Tag gesegnet, wo man sich bemüht um Meines Namens willen, daß die Welt erkenne: ICH bin der Herr und ist außer MIR kein anderer! Und wird keiner kommen, der sich neben Mich erheben kann!

Weil Ich Meine Kinder unter Mir belasse, darum ruhen Meine Augen auf dem ganzen Kindervolk. Keines geht mir aus dem Blick, keines wird von Meiner Hand gelassen! Wer sich wider Mich erhebt, auch wenn er Meinen Namen preist, wer so sein will, wie allein Ich ewig bin oder mehr wie andere, wer die Bemühung Meiner lichtgesandten Kinder hemmt, der läßt seine Seele darben, der stellt den Geist in sich zurück und kann des Todes ungut sterben. Und ist dabei ein Segen, vom Menschen schwerlich anerkannt. Durch solchen Tod rette Ich die Seele, bis sie — erst oft nach langer Irre — auch die Heimat wiederfindet, von der sie einstens fortgegangen war.

So nahm Ich euren Griesgram weg (S. 119, 6), so habe Ich das Herz verhärtet bei dem einen (Fürst von Benjamin), der nicht gekommen ist, um Mir die Ehre zu erweisen. Nicht so, das ICH die Härte gab; er selber hat sich hart gemacht und Ich habe zugesehen; denn auch er ist eine Grube, in die zum Tag der Fürsten mancher hätte fallen können.

Segen über Segen! Diesen, Anacarias, bringe deinen Brüdern und sprich Mein Wort: Seid einig in dem Geist der Gnade und des Friedens, was Ich, der Herr, euch schenken will!‘“

Anacarias schweigt. Das ‚Wort‘ muß erst in manchem Herzen Wurzel fassen. Jeder weiß: das kam nicht vom Priester, das kam von — — Die Freien wissen es, und die sich jetzt von ihrem Dünkel lösen — durch Gott. Bloß zwei möchten an dem alten Faden hängen bleiben. Diese trifft ein Blick und der fährt durch ihre Seelen, schmerzlich, aber heilend durch die Güte Gottes. Nicht gleich ganz, doch so, daß sie lieber ruhig sind, als sich unbeliebt zu machen.

Pereztha sagt verhalten: „Nebst dem Herrn von alters her sei dir, Anacarias, gedankt für Gottes Segen, den du bringen konntest. Ich bin froh trotz aller Last, die auf uns wartet. Wir dürfen dienen! Unter Gottes reicher Güte kann man mit ‚Seinem Geist der Gnade und des Friedens‘ tun, wie Ihm es wohlgefällt.

Euch Brüdern“, der Fürst spricht die Versammlung an, „danke ich von Herzen, daß ihr heute einig seid. Die Wahl sei in des Priesters Hand gelegt, er möge tun, wie Gott es vorgesehen hat. Für den Fürst von Benjamin steht Anacarias ein; weil er sich jedoch nicht selber wählen kann, möge Isremia für ihn gelten. Unser Oberpriester sage an, ob dem Herrn das wohlgefällig ist.“

Durch das ‚Wort‘ ist mancher Große klein geworden. Hm, gut, die Lücke auszufüllen. Eingedenk, was für Israel jetzt auf dem Spiele steht, sagt Anacarias: „Ich danke auch den Fürsten für die Einigkeit. Was mich betrifft, gilt das Geistige für Benjamin, bei Isremia das Weltliche. Ward nicht zeitgerecht gefragt, weshalb der Fürst denn nicht gekommen sei?“

„Bisher konnte keiner eine Antwort geben.“ „Das kann ich“, steht Isremia auf, „Ich traf ihn in Michmas an.“ „Zuerst wählen wir“, bestimmt der Priester. Obwohl begierig, was sich in Michmas zugetragen hat, wird die Wahl gleich vorgenommen.

Anacarias fragt, weicher Fürst zuerst zu nennen sei. Drei enthalten sich der Stimme, sieben nennen Fürst Pereztha, auch der Altrat und die Ältesten. Das ergibt die große Überzahl. Die von Isaschar, Gad, Naphtalie und Ruben werden aber mit zur engeren Wahl hin zugezogen, damit nicht bloß ein Fürst das Pur erhält. Man ist damit einverstanden. Die übrigen wollen nicht zur Wahl gehören.

Anacarias schüttelt seine weißen und die schwarzen Steine. Anders als sonst üblich behält er zwei in den zusammengefügten Händen und läßt einen Stein für Pereztha fallen. Es ist der weiße. Auch über die vier andern Fürsten wird das Pur geschüttelt. Stets fällt der schwarze Stein heraus. Um aber ‚Gottes Zeichen‘ darzutun, wird für Pereztha noch einmal die Prüfung durchgeführt; und siehe da — wieder kommt der weiße Stein hervor.

GOTTES WAHL! Hat der eine und der andere noch einen kleinen Wurm im Herzen, sind Wankelmütige nicht überzeugt, der Fürst von Juda könnte helfen, so zieht doch der Geist der Einigkeit durch ihre Reihen. Das große Dankgebet wird dargebracht, das stets nach einer Wahl gebetet werden muß. Gemeinsam ernst getan. Jeder ahnt: wer ans Ruder kommt, hat nichts zu lachen; und ohne ‚Hilfe aus dem Licht‘ würde bald sein Schifflein kentern.

Ungewißheit, Dank und Flehen füllt des Fürsten Seele. Still kniet er nieder, um Gottes Segen zu empfangen. Isremia kniet sich auch mit hin und da folgen alle diesem Beispiel nach, erstmalig, das man das so einig tut. Jeder freut sich, weil wieder ‚einer für alle einzustehen hat‘. Sogar die beiden Wankelmütigen sind erfreut und gewillt, mitzuhelfen, statt Steine in den Weg zu legen, wie man sich erst vorgenommen hatte.

Bei heiklen Punkten kommt manch Widerwort, bei der Forderung, die der ‚Landesfürst‘, wie man Pereztha nennt, erheischt: jeder muß für seine Armen sorgen, zumal für die von Beraba Geschädigten und „jederlei Bedürftige“.

„Woher die Mittel nehmen“, fragt der Manasser. „Hast gut reden, Landesfürst, aber . . .“ „. . . er wird handeln, daß du staunst!“ hält der Priester das Palaver auf. „Es ist ein Gott-Gebot: ‚Liebe deinen Nächsten wie dich selbst‘ (3. Mo. 19, 18)! Wenn du in einer armen Hütte lebtest, wärest du nicht froh, so man dir helfen würde?“

„Ich stützte mich mit Stolz auf meine Kraft; Arbeit findet immer ihren Lohn, man fällt niemanden zur Last.“ „In deinem Gau gibt‘s keine Kranken, die nicht schaffen können? Beraba hat die Manasser ganz verschont? Nun, dann brauchst du keine Mittel, die etwa auf ganz Israel entfallen!“ Pereztha sagt es ziemlich scharf.

„Hast du denn so viele Mittel, um . . .“ „Genug, Askamar“, warnt der Priester, „hältst du nicht das Gott-Gebot, durch Mose offenbart, dann glaubst du nicht an Gott! Du bist der einzige, der queruliert!“ „Und der Benjaminer, sonst wäre er gekommen.“

Da erheben sich die anderen wie ein Mann und Foadar spricht für alle: „Eine bitterböse Zeit liegt hinter uns, fünfzehn Jahre. Nun uns der Herr geholfen hat — noch weiß ich selber nicht auf welche Weise — ‚ da sollten wir doch einig sein und nicht so meckern. Wie du siehst, Askamar, stehst du allein, der nicht mit uns gemeinsam unserm Landesfürsten dienen will. Abwesende haben keine Stimme, ob zum Guten, ob zum Bösen.“

Pereztha dankt den „Brüdern, die mir mit Herz und Hand zur Seite stehen. Ich bitte Isremia nun, von Michmas zu berichten.“ Askamar schweigt, er fühlt selbst, wie er sich isolierte und man braucht sich gegenseitig, man muß — Jetzt wandelt er sich um; und als man alles hört, was Isremia vorgetragen hat, was bereits in Bethlehem zur Sprache kam, da horchen alle auf. Einer ruft:

„Das ist kein Fürst! Er will uns vergewaltigen! Ah, mag er als Außenseiter sehen, wie er den eigenen Leuten helfen kann!“ Hierin sind sich alle Fürsten einig, Pereztha nicht, der tiefer sieht, um was es im gesamten geht, Selemech und Anacarias ebenfalls. Noch aber hören sie ein Letztes. Absichtlich hatte Isremia nicht davon gesprochen. So kann keiner hinterher noch munkeln, der Landesfürst hätte das gewußt.

„Er hat bereits die Fühler ausgestreckt, schloß ein Bündnis mit den Ammonitern, die hinter sich zwei Stämme haben. Und säßet ihr im ‚kleinen Sattel‘, wo wer weiß wie viel zu überwinden wäre, dann würde er — — Er schwieg darüber, doch sein Gesicht verriet, was ‚dann‘ geschehen würde. Ich brauche es nicht auszusprechen; jeder kann es selbst erraten.“

„Uns überfallen?“ Sinehas ist außer sich. Seine Faust kracht auf den Tisch. „Da sollte . . .“ „. . . Beelzebub dazwischen fahren!“ zankt Herias. „Wir werden es ihm geben, dem Verräter! Wie gut, daß wir jetzt einig sind! Jeder Stamm soll gleich die Männer sammeln, offen rüsten, damit es dem Verräter in die Nase steigt!“ Niemand spricht dawider; nun geht es um das Ganze, um Israel. Ja, erst muß die Not die Menschen überfluten, das Wasser an die Kehle reichen, dann — dann besinnt man sich und ruft Gott um Hilfe an. Hier wie überall auf dieser Welt.

„Sachte, liebe Brüder“, mahnt Anacarias. „Wohl habt ihr recht mit Wort und Faust“, er lächelt mild. „Ist wohl auch ein Priesterrat mal gut? Laßt nicht das Rüsten offen vor sich gehen. Benjamin hat ungenügend Männer, die zu Felde ziehen können, Ammon ist zur Zeit nicht stark, hat demnach doch bloß kleine Helfer hinter sich, also ungefährlich. Rüstet das gesamte Volk, dann werden andere, starke auf uns aufmerksam und kommen über uns, bevor wir eine volle Wehr beisammen haben.“

Isremia lacht so herzlich laut, daß alle staunen. Er schlägt dem Priester auf die Schulter und sagt: „Du bist ein Gottesstreiter und ein Mann des Volkes! Wisse, ich dachte so wie du. In der Fremde lernt man einen weiten Blick, du allerdings hast ihn im Heimatland gewonnen oder so“, er wird wieder ernst, „dir gibt‘s die Weisheit ein, und die Weisheit kommt von Gott. Wie ein Feldmarschall hast du gesehen, wo größere Gefahren lauern, hast es deutlich aufgezeigt.“ Da wird sogar der alte Priester rot vor Freude, weil vom Jüngsten der Versammelten belobt.

Jetzt wird Isremia von den Fürsten anders angesehen, denn daran dachte keiner; die Wut über den Verräter hatte sie umnebelt. „Aber wie?, wie soll man heimlich rüsten?“ fragt Fürst Foadar. „Man sieht es doch, wenn Waffen blitzen.“ Hm, das bleibt nicht geheim. „Hast du einen Rat?“ wendet Laban sich an Isremia. Der denkt ein Weilchen nach und sagt dann eifrig:

„Verkündet es in Stadt und Land, daß durch Berabas böse Zeit es noch eigene Banditen gibt, was sogar stimmt. Jeder Fürst sammelt hundert Mann, als ‚Landschutz‘ einzusetzen. Keiner soll es wissen, daß sie für eine größere Gefahr herangebildet werden. Nach einem Monat werden sie dann abgelöst mit der Weisung: nun könnt ihr für zu Hause wieder sorgen, die Familien brauchen euch. Jetzt werden andere zum Landschutz eingesetzt. Auf diese Weise gibt es nicht einmal Gemurre.“ Isremias Augen blitzen, zu Recht, man zollt ihm offene Bewunderung.

Jetzt schlägt Anacarias ihm auf die Schulter und zwar derb. „Das habe ich gespürt, hast eine gute Hand!“ Heiteres Gelächter. Der Plan wird ausgeklügelt und dann wird pausiert. Am Nachmittag kommt die ‚Betreuung‘ an die Reihe. Beim Versammlungshause wartet eine Menge, Männer und auch Frauen. Man will wissen, was der Rat zutage bringt. Man war mißtrauisch gestimmt, die letzte Zeit der Richter hatte das Vertrauen weggenommen.

Frohe Mienen, freundliches Grüßen. Wie Frühlingsfahnen bricht es auf, man grüßt zurück und geht bewegt nach Hause mit der Kunde: ‚Es wird besser!‘ Manch Einsichtiger sagt gleich: „Ja, was beschlossen wird, das ist zu unterstützen.“

Als ein Jerusalemer auf dem Weg am Nachmittag Pereztha sagt, wie man sich freut, erwidert er: „In den nächsten Tagen kannst du zu mir kommen, falls du dringend etwas brauchst.“ Wie rasch das Gute durch die Menge eilt, soll Pereztha späterhin erfahren, seinem Amte zur Erleichterung.

Am Nachmittag gibt er bekannt, ohne Isremias Einverständnis, was derselbe für das Volk und dort beheimatet — für Bethlehem geopfert hat. Naemi bleibt erst unerwähnt. Zunächst soll jeder Fürst von seinem Stamme die Bedrängten listenmäßig sammeln, wieviel ein Haushalt Köpfe hat und den Aufruf zu erlassen: wer mit helfen will, die Not zu lindern, soll Geld und Sachwert geben, oder Kleider, Waren und dergleichen spenden.

Wo die Not am größten ist wie in Juda, weil daselbst der Richter hauste, soll Überflüssiges von einem Stamm den anderen zur freien Hand gegeben werden. Zur Verwunderung Perezthas und der schon näher Eingeweihten gibt es kein Dawider. O, welch ein Sieg, welche Güte und Barmherzigkeit, die Gott an diesem Tag der Fürsten niederregnen ließ! Dank, Dank dem Allmächtigen!

Noch etwas tut Isremia. Der Herr hat ihn so reich gesegnet, mit Irdischem, das an sich vergänglich ist. Doch man muß es haben um zu helfen. Und Isremia hat den guten Willen, dabei anspornend, auf daß der ‚Lenz der Herzen‘ wirksam werden kann.

Er wirft den Inhalt eines großen Beutels auf den Tisch, teilt ihn in zwölf Teile und sagt: „Das soll den Stämmen als die erste Hilfe gelten. Bitte — hier ist eine Liste — ‚ jeder Fürst vermerkt, was er bekommen hat. Für Benjamin soll Pereztha zeichnen.“

„Nein“, widerspricht Askamar und man befürchtet er sei umgefallen, „ich habe Isremias großes Herz erkannt, er soll selbst den Hilfszug übernehmen; denn . . .“ „Bravo“, wird er unterbrochen, „nebst allem Guten ist das heute mit das Beste!“

Der Manasser wird umringt und da zieht‘s durch seine Brust: ‚Ich war ein Idiot, mir vorzunehmen, den Fürstentag zu stören. Nun hat mich GOTT zerstört, meinen argen Willen und alles Gute hat mich überstrahlt.‘ Er wischt verstohlen eine Träne fort.

Der erste Fürstenrat zur Richterzeit, wo man an einem Tage einig ward. Anacarias hebt hervor: „Ein Gott ist über uns, Er tut alles nur einmal! So dürfen wir an diesem Tag erkennen, daß Er uns Seinen einen Segen gab! Möge es so bleiben! Solang der Landesfürst regiert, werden Fürsten, Volk und Älteste vereinigt bleiben und ich sorge, daß die Priester diese Einheit unterstützen.“

Er spricht das große Dankgebet. Alle stimmen ein, nicht murmelnd, wie zumeist — starke Stimmen klingen durch den Saal. Vor dem Hause stehen viele Leute und beten mit — andachtsvoll. —

Die letzte Richterzeit hat ausgeklungen,

in welcher ‚jeder tat, wie es ihm beliebte.‘  (Ri. 21‚ 25)

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