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Ruth 13 – Die liebe Tochter Gottes. Gute Erkenntnisse und böse Kunde aus M…

Die liebe Tochter Gottes. Gute Erkenntnisse und böse Kunde aus Michmas. Die Auslandshilfe

13. Kapitel

Zwei Wochen sind vergangen, als eines Tages Fürst Pereztha in Begleitung des Altrats Selemech in Bethlehem erscheint. Er kehrt zuerst bei Hanea ein, wo er erfragen will, ob in Naemis Sache etwas unternommen worden sei. Es wird verneint.

„Isremia sagt“, klärt Boas auf, „du willst Naemi melden, ihr Elend ginge bald vorüber. Daher hat er noch nichts unternommen und so haust sie noch in ihren Trümmern. Weil die Erntezeit vorüber ist, stellte ich drei Knechte für die Felder ab. Kostet viele Mühe, denn alles ist versteint. Ich schätze mindestens drei Jahre, bevor der ganze Grund bestellbar ist.“

„Hauptsache ist, es geht voran“, erwidert Selemech. „Wir danken euch, weil ihr Naemi helft.“ „Das wollen wir“, fällt Hanea ein. „Es war allzu schwer für sie.“ „Wie für so viele unseres Volkes“, sagt Pereztha. „Aber Gott hat uns geholfen, das sei nie vergessen, Ihm zum Dank, zu Seiner Ehre.“

„Wo ist Isremia?“ „Er ritt nach Michmas, hat dort ein großes Haus gefunden, um ein Lagerhaus daraus zu machen. Seine Frau blieb bei uns.“ „Ist sie eine Fremde?“ „Eine Griechin“, sagt Hanea, „lieb und gut und neigt sich unserm Glauben zu. Sie ging zu Ruth, beide haben sich befreundet.“

„Ich bin kein Gegner“, sagt Pereztha, „bringt ein Mann ein gutes Weib mit aus der Fremde heim. Ach ja ja, der alte Zopf: die bösen Heiden, wir auserwählt! Mich widert das schon lange an. Leider ist das tief in unseres Volkes Wurzel eingegraben. Ob es einmal ganz zu überwinden ist — ?“

Sagt Selemech bedächtig: „Streuen wir in unsrer Zeit das Korn der Wahrheit aus, so mag es einst zum Segen werden.“ „Genauso denke ich“, freut Boas sich. „Wie das möglich ist, hat sich in Bethlehem gezeigt. Ruth, die Moabitin, ist überall beliebt, auch die Griechin Heleana hat schon manches Herz erobert.“

„Männer?“ lacht Pereztha. „Wo denkst du hin!“ eifert Hanea. „Sie ist Isremia treu ergeben. Nun ja“, lacht sie auch, „natürlich gibt es Männer, die der schönen Griechin hold gewogen sind. Sie kann gut helfen, ist geschickt wie unsere Ruth. Für Hilfe sind die Menschen eben aufgeschlossen. Und wer wäre das auch nicht?“

„Ganz recht! Ich gehe zu Naemi, es ist besser, wenn wir, Selemech und ich, mit ihr allein das Nötige besprechen. Nächste Woche trifft der Fürstenrat zusammen, am Tage vor dem Sabbat.“ Boas, der ans Fenster trat, deutet auf den nächsten Weg. „Eben kommen Ruth und Heleana, also ist Naemi jetzt allein.“ „Sollen wir sie mit herüberbringen?“ „Selbstverständlich! Wenn ihr nicht zu lange braucht, könnten wir in einer Stunde essen.“ Damit ist man einverstanden. Der Fürst schlägt einen kleinen Umweg ein, es drängt ihn, Naemi anzutreffen.

Sie sitzt vor einer Schüssel Ähren von der letzten Lese. Sorgsam nimmt sie jeden Abfall weg. Noch immer schaut sie sich verstohlen um, unterdrückt die Sorge, weil sie Ruth nichts Besseres zu bieten weiß. Erst hatte sie gedacht, Isremia würde ihr bald helfen, er hatte sie so lieb begrüßt. Und nun — —

„Ich darf nicht klagen. Gott hat mich heimgeführt, hat mir die Tochter Ruth geschenkt und gute Freunde. O Herr, verzeihe mir! Du bist mein Vater und mein Helfer in der Not der Welt, Du hast mich nie verlassen. Den ungerechten Richter hast Du fortgejagt, so wird wohl wieder über mich Dein Friede kommen!“ Dabei wischt Naemi sich ein Tränlein vom Gesicht.

Sie hört nahe Schritte. Das ist Ruth oder Knecht und Magd, denkt sie. Bald ist Essenszeit. Dabei sieht sie in die Schüssel. ‚Nicht viel.‘ Als sie in die Höhe blickt, steht Pereztha in der Öffnung, an der eine rohe Holztür lehnt, der Altrat hinter ihm.

„Sei gegrüßt, Naemi“, ruft er froh, um das Düstere der Armut zuzudecken. Hastig springt sie auf, beinah wäre ihr die Schüssel mit dem Korn entglitten. „Wir sind gekommen, um dir etwas Wichtiges zu sagen.“ „Was? Leider kann ich nicht . . .“ Zwei kleine Hocker hat sie erst, darauf müssen sich die Männer setzen. Verwirrt bietet sie die Sitze an. Selemech sah vor dem Hause einen Klotz, den holt er sich herein, setzt sich drauf und nickt dazu.

„Denkst du, daß wir dich stehen lassen?“ „Eben“, sagt der Fürst. „Nun höre zu, Naemi. Deine Sache ist des Volkes Sache. Zu mir kam ein lieber junger Mann; er gab mir Geld für dich, daß dir von allen Armen erst geholfen würde. Für diese gab extra einen Schatz. Ich bin froh, daß es noch solche Männer gibt, dazu jung, wenig über dreißig. Ich wollte, unsere Alten, die es könnten, würden sich ein Beispiel an ihm nehmen.“

„Ist — ist es Isremia?“ fragt Naemi. Der Fürst bejaht. ‚Ach, und wie dachte ich so falsch, nicht geduldig. Gott, verzeihe mir!‘ „Er hat mir schon ein Geld gegeben, damit ich Magd und Knecht bezahlen konnte und das Nötigste am Bau. Was er jetzt gegeben hat, sollte allen Armen Juda‘s gelten.“

„Nein!“ Der Rat nimmt Naemis Hände in die seinen. „Für wen etwas gegeben worden ist, der muß es auch erhalten. Nächste Woche kommt der Maurermeister, er wird mit beiden Maurern hier vom Ort Haus und Stall errichten. Daß du nicht lange anderwärts zu bleiben brauchst, wird alles hundert Schritt vom alten stehen, was zudem günstiger zur Straße liegt.“

„Bis zum Winterwetter wird alles fertig sein.“ Pereztha sagt es heiter. „Dann bleibt noch eine schöne Summe übrig, zumal du von den allgemeinen Spenden auch dein Teil erhältst. Isremias Gabe ist eine ganz persönliche, worüber keine Rechenschaft erfolgt. Helfen sich Verwandte oder gute Freunde gegenseitig, da hat sich die Regierung gar nicht einzumengen.“

Aus Naemis Augen rinnt die Freude wie ein Wasserbach. Ist Wehmut mit dabei? Sie prüft es nicht. „Still“, mahnt Selemech, der wie der Fürst so leicht in diesem Antlitz lesen kann, in dem die Lebensrunen eingegraben sind, aber auch ein Licht, klar und schön, da muß man sagen: eine echte Tochter Gottes.

„Ist‘s dir recht, Naemi, wenn wir zunächst das Geld verwalten?“ fragt der Fürst. „Man wird hämisch sein, wenn du selber zahlst. Der Jerusalemer Meister wird von uns bezahlt und bekommt den Lohn auch für die Maurer. Doch händigen wir dir soviel aus, damit du erst mal für paar Monde ohne Sorge leben kannst.“

„Es ist gut. Wenn auch die meisten Leute zu mir freundlich sind, hilfsbereit mit kleinen Gaben, sie haben selbst nicht viel — es gibt andere, die unterm Richter ungeschoren blieben und diese . . . Nein, ich will sie nicht verraten.“

„Solche Leute kennen wir, nicht nur aus Bethlehem! Nächste Woche kommt der Meister.“ Naemi faltet ihre Hände; und da ist es wieder, dieses Sonderbare, was oft um sie zu spüren ist, was auch die Moabitin an sich hat, weil sie gläubig wurde. Die Männer neigen sich, sie denken an die Engel, die wunderbar geholfen hatten und — an Gott, der die Engel sandte.

„Komm“, sagt Pereztha, „Hanea wartet mit dem Essen. Lasse deine Körner stehen.“ Er führt Naemi. Etliche, die das sehen, lächeln: „Wie gut der Fürst von Juda ist; er kommt ins Regiment, es wird uns wohl ergehen.“ Andere ärgern sich. „Da wird Naemi hochgebracht, die sich mit Mann und Söhnen aus dem Lande schlichen, als es ihnen an den Kragen ging.“

„Du?“ warnt ein Guter, „wärest rasch verschwunden, hättest Frau und Kind verlassen, wenn dir der Kragen enge ward. Danke Gott, daß du im Lande unbeschadet bleiben konntest!“ „Unbeschadet? Und die vielen Steuern?“ „Die hatte jeder aufzubringen; man war froh, wenn der Richter nicht das Leben, Haus, Hof, Vieh und Felder nahm! Denke dran!“ Die Hämischen verschwinden. Ein Knecht hatte das Gespräch gehört und trägt die Namen den Jerusalemern zu.

„Brav“, lobt der Fürst. „Wenn die merken, daß wir für die Armen sorgen, sind‘s die ersten, die sich melden.“ „Was tust du dann?“ fragt Boas. „Vertrösten. Zuerst kommen jene an die Reihe, die an Gut und Blut geschädigt worden sind. Doch es wird im Fürstenrat vereinbart, daß sich die Stämme gegenseitig unterstützen, sobald im eigenen Stamm die Fürsorge abgeschlossen ist.

Wir gehen durch den Ort und prüfen, wer von den Genannten träge ist. Die armen Fleißigen sind vorzuziehen.“ „Ich kenne alle“, sagt Boas, „vielleicht ist‘s nicht ganz angebracht, wenn ihr euch heute sehen laßt.“ „Richtig“, bestätigt Selemech. Also werden nur die Namen aufgeschrieben.

Heleana macht auf die Männer einen besten Eindruck. Sie ist klug, die schöne Griechin, in vielen Stücken wohlbewandert. Sie sagt auf Befragen: „Mit Erlaubnis meines Vaters lernte ich bei unserem Arzt so manches; wenn möglich, möchte ich das hier verwerten. Natürlich nur im Kleinen. Manchmal ist ein Arzt nicht gleich zu haben, da kann eine erste Hilfe eine Rettung sein.“

„O, Bethlehem hat einen großen Stern“, lobt der Fürst. Er ahnt nicht, wie sich das einmal erfüllen wird. Naemi nickt für sich, sie sieht den ‚Stern von Bethlehem, wie er kommt, sich niederneigt und wieder in die Höhe geht!‘ (Gott). Heleana ist errötet. „Ich bin kein Stern, bin bloß — “ „ — ein gutes Kind“, ergänzt Hanea, „und weißt so viel. Bloß gut, daß der Oberpriester Anacarias aufgeschlossen ist; gern wird er deine ‚kleinen Hilfen‘ anerkennen. Ansonst — Die anderen — —

„Die Priester lassen sich das Amt nicht nehmen, obwohl fast alle nichts davon verstehen. Da sollen Worte helfen. Wer etwas kann, der wird bekämpft.“ „Bei uns auch“, nickt Heleana Boas zu, „doch wird eine Hilfe anerkannt. Unsere Ärzte bilden eine Gruppe, unabhängig von den Priestern. Sie stehn in gutem Ruf. Schade, daß das in Israel nicht auch so ist.“

„Schade ist das schon“, meint Selemech bekümmert, „nun — einige setzen sich ja durch.“ Der Fürst bestätigt es. „Mose hatte einen guten Arzt, von dem ist‘s herzuleiten, wenigstens bei uns, daß sich diese Wissenschaft allmählich bildete. In andern Ländern soll sie schon sehr weit gediehen sein, bereits viel früher, bevor aus uns ein Volksstamm wurde.“

„GOTT ist unser Arzt“ (2. Mo. 14, 26), sagt Naemi feierlich. „Er hat uns viel von Seinem Lebensgut geschenkt, also sollten jene, die die Gabe eines Arztes haben, auch gewürdigt sein.“ Sie schaut wie in weite Ferne. „Das kommt einmal“, erklingt es leise, „viel Not und Elend wird gelindert werden.“

Ruth hängt an ihren Lippen. „Schmerz und alles Leid?“ „Nein, mein Kind.“ Zärtlich streicht Naemi über das gelockte dunkle Haar. „Das ‚alles‘ liegt bei Gott! Es wird uns nach dem Weltenweg zuteil. O, dann gibt es keine Tränen, Schmerz noch Leid (Off. 21, 4), freilich erst, wenn wir die Materie überwunden haben, freigekauft von Gottes eigener Loskaufsumme! Geben wir uns IHM in Seine Hand, wird hinter unserm Grab die Auferstehung sein in Gottes Herrlichkeit hinauf. Darauf hoffen wir“, mit lieber Geste deutet sie auf alle. „Gott ist unser Heiland von alters her, unser heiliger Erretter und Erlöser (Jes. 43, 3 u. 11; 63, 16).“

Wieder ist es still, als wäre es ein ‚Wort‘ gewesen, ihnen aus dem Himmel zugedacht. Der Fürst nimmt das liebe, altgewordene Gesicht in beide Hände, Rath schmiegt sich in Naemis Arm, während Heleana ihren Kopf in den mütterlichen Schoß gebettet hat, und bei Hanea kommen Tropfen.

„Ich habe mitgehört.“ An der Tür steht Isremia. „Ein Willkomm war das, wie kein besseres es geben mag! Dank dir, Naemi-Muhme.“ Er umarmt die alte Frau. „Du bist schon zurück?“ fragt Heleana. „Hat es nicht geklappt?“ „Gottes Segen war bei mir. Ich habe einiges zu melden und mir ist lieb, daß ich jetzt nicht nach Jerusalem erst reiten muß,“ „So?“ fragt Pereztha.

„Nächste Woche ist der Fürstenrat. Du kommst?“ „Auf jeden Fall. Ich will dort wiederholen, was jetzt zu sagen ist; da kann man dir nicht übelwollen.“ „Wieder eine Stänkerei?“ fährt Boas hoch. „Es ist ein Kreuz mit unsern Leuten!“ „Sei nicht aufgebracht,“ beruhigt ihn sein Vetter. „Menschen sind halt Menschen, anspruchsvoll und wankelmütig. Auch wir haben unsere Fehler.“

Naemi nickt. „Man muß den Maßstab an sich selber legen. Würde man sich mehr betrachten, nicht im ‚Spiegel Glanz‘, wieviel besser würde man am Nächsten jenes Gute sehen, was jeder hat.“ „Na ja“, dehnt Boas seine Stimme, „hast recht, bist auch alt und klug; doch das Gute sucht man oft vergebens.“

„Ich habe das bei uns erlebt“, sagt Ruth, „besonders in der argen Zeit. Natürlich — man hat sich vor der Pest gefürchtet und an den Nächsten nicht gedacht. Aber unsre Ärzte halfen überall. Ist nicht der Nächstendienst bei Elend auszuüben? Was hat eine Hilfe denn bei guter Zeit für einen Zweck? O ja, da kann man leicht vom Überfluß den Armen etwas geben!“

„Sieh an“, lobt der Fürst, „was wir für liebe Mädchen haben! Deine Ansicht, Kind, wurzelt in dem Glauben unsrer Väter. Man glaubt an Gott, weniger an die Gebote ohne Ahnung, daß Er den ‚Namens glauben‘ unwahr nennt. Allein — wer Sein Gesetz erfüllt, wie wir Menschen es vermögen — und mehr verlangt Gott nicht, denn Er weiß, was wir für ein Gemächte sind (Ps. 103, 13) — ‚ der glaubt echt! Ich werde mir dein Wort gut merken.“

Ruth wird brennendrot. „ich habe aber bloß . . .“ „. . . gebracht, was Gott dir eingegeben hat, wie Naemi Gottes Wort verkündete. Das sei erkannt! Und ich meine, ein alter und ein junger Mund hat zu uns gesprochen. Es kommt nicht darauf an, wer etwas sagt, sondern was gegeben wird: Gottes Offenbarung!“

„Ich stimme zu“, sagt Selemech, „füge jedoch an, daß bei manchen Leuten auch der ‚Wer‘ in Frage kommt, bei Niedertracht! Denken wir an Beraba!“ Wieder gilt Naemis Wort: „Es gibt einen Unterschied zwischen gut und böse. Das Gute kommt von Gott, gleichgültig, wie und durch wen der Herr es offenbart. Da eben steht das ‚was‘ im Vordergrund. Böses kommt von dieser Welt, von denen, die ihr dienen. Da muß der ‚wer‘ betrachtet werden, alsdann geht man ihnen aus dem Weg; innerlich, im Gebet für die Ärmsten aller Armen, soll man sie nicht meiden.“

Man setzt sich wieder an den Tisch. Isremia beginnt zu erzählen, wie er mit dem Städte-Ältesten zusammentraf ohne ihn zu kennen. Da ergab es sich, daß dieser seinen Vater kannte, was ihn zur Flucht getrieben hatte und er sehr gern auf des Vaters Seite stand, wenn nicht allzu viele gegen ihn gewesen wären, so daß er beinah selber hätte flüchten müssen.

„Das war der erste Segen, dem die anderen folgten. Der Städter machte mich mit einem Mann bekannt, der ob seiner Mißwirtschaft in Schuld geraten war und durch Verkauf der Liegenschaft sich retten wollte. Es sind mehrere Gebäude, Lagerhof und ein großer Grund, der sich leicht bebauen läßt.

Ich habe seine Not nicht ausgenutzt“, „ — wäre auch nicht gut gewesen“, wirft Naemi ein, „ — und ließ ihm einen Acker samt dem Haus, das abseits steht.“ Der Dank wird nicht erwähnt, war zu viel Lob. Isremia ist jedoch ein Mensch, der so etwas verschweigt. Es kommt ihm viel zu eitel vor.

„Nun, was ich Pereztha sagen muß. Es ist besser, wenn du deine Leutchen kennst.“ „Ich bin dir zu Dank verpflichtet. Wohl kenne ich mein Volk, doch in jeden Winkel sieht man nicht hinein; aber aus den Winkeln kommt die Dunkelheit, mit der man — ach so oft — zu kämpfen hat.“

„Einige Namen schrieb ich auf, auch den Fürst von Benjamin. Der wollte wissen, was ich hier zu suchen hätte. Er verweigerte mir den Kauf. Darüber lachte bloß der Älteste: er solle seine Privilegien vom Richter zeigen, zufolge denen er noch etwas untersagen darf. Es ging hoch her, und ich fragte, ob er des Mannes Schuld bezahlen wolle, rechtlich, wie ich es täte.

Er wurde fast gemein. Wer in einem Elendsviertel groß geworden ist und nichts Besseres erlernte, könnte nicht gemeiner sein, wie dieser Fürst. Du, Pereztha, könnest ihm gestohlen bleiben, er käme nicht zum Fürstenrat. Alsdann würde seine Stimme fehlen, womit ein Rechtsbeschluß nicht gültig sei.

Du hättest manche Stimme dir erkauft und kämest du zum Regiment, sei die Zeit des Beraba die ‚goldene‘ zu nennen.“ Der Fürst wird bleich, so die Ehre seines Namens anzugreifen — Oh! Naemi legt ihm eine Hand auf die geballte Faust und sieht ihn an mit einem Blick, der sagt: ‚Was kümmert dich die Schlange, wenn dich Gottes Rechte hält?‘ Isremia spricht indessen weiter:

„Der Älteste schritt ein. ‚Verraten! Du stakst mit Beraba unter einer Decke! Mich hatte ohnehin gewundert, weil bei uns so wenig Leute flüchten mußten, nur drei Reiche um ihr Leben kamen. Hast mit Beraba den Raub geteilt? He?‘ Das war ein Stich ins Wespennest. Der Benjaminite schrie: ‚Dir werde ich das Leben sauer machen und dir auch‘, fauchte er mich an.

Ich erwiderte, er solle es versuchen. Sein Tun und Lassen unter Beraba erführe dann das Volk. Mein Vater hätte aus der Ferne viel erkundet, von da aus besser, als es hier möglich war. Mir hat er alles kundgetan. Ich wüßte also gut Bescheid. Möge er sich immer regen, dann würde ihm das Dach, der sogenannte gute Leumund, weggezogen. O, wie stürmte er davon!

Der Städter hätte mich gern ausgefragt, doch ich sprach: so alte Sachen solle man in Gräbern modern lassen. Was zur Sprache kommen müßte, erführe er zur rechten Zeit. Du, Fürst, brauchst dich nicht zu fürchten.“ „Das tue ich auch nicht. Oft stirbt der Schlechte samt der Bosheit rasch. Nur sieht es manchmal aus, als ob das Übel über alles Gute triumphiert.“

„Hm“, macht Selemech, „doch wir bedenken Gottes Güte. Scheint nicht jeden Tag die Sonne, und wenn sie hinter Wolken steckt? Zündet Gott nicht nachts die lieben Sterne an? Gibt ER uns nicht an jedem Tag ein neues Leben? Und so vieles mehr! Was wiegt dagegen so ein Weltling, der nur die arme Gasse kennt? Die kommen und die gehen; Gottes Güte aber bleibt in Ewigkeit! Wiegen wir das gegenseitig aus, o Freunde, was verzagen wir?!

Mit einem hat das Füchslein nicht gerechnet: Kommt er nicht zum Fürstenrat, steht für ihn der Oberpriester ein, womit zugleich ein Stänkerer beseitigt ist. Ich bin der Überzeugung, daß alle Fürsten mit uns einig gehen. Damit fällt die eine Stimme aus. Man braucht sich gar nicht nach ihr umzusehen.“

„Genauso denke ich.“ Isremia geht ein paarmal hin und her. „Das kleine Nachspiel, das der Fürst geliefert hat, ist kaum der Rede wert. Gestern Abend kamen ein paar Bürger aus der Stadt. Ihr Redner warf sich ins Geschirr, als müsse er des Volkes Fuhre ziehen. ‚Der Fürst hat uns unterrichtet. Auch wir werden euch das Dasein sauer machen. Hier’, er schob ein ziemlich kleines Männlein vor, grauen Bartes und verwitterten Gesichts, ‚das wird bei der nächsten Wahl der Älteste der Stadt.‘

Ich lachte: Euer Mann sieht danach aus, als ob in seinem Kopf die ganze Weltgeschichte stünde. Ihn mahnte ich: Befolge einen Rat und nimm die böse Wahl nicht an. Er zog ein klägliches Gesicht, während mich der Hochgeschwollene bedrohte: ‚Dein Geschäft zerstöre ich!‘ Ach, sagte ich, weil du ein Kaufmann bist? Du hast eine Töpferei und Holzgerät, doch kein Handelshaus, nicht mal hier in Israel. Ich komme dir nicht ins Gehege, obgleich dir dienlich wäre, dich zu zähmen. Bist du aber boshaft wider mich, dann sollst du einen Ben Isremia kennen lernen!

Er rief, er würde auf den Märkten gegen dich, Pereztha, hetzen und da kam mir doch das Lachen an: Paß auf, daß du dir die Lippen nicht verbrennst! Dem Ältesten ward das zu dumm. Schnell öffnete er die Tür, ohne Worte zeigte er nach außen. Sie gingen grußlos fort, manche mit erhobener Faust.

Wir waren froh. Und was meint ihr, was geschah? Heimlich kam das Männlein wieder, schwieg lang und sagte dann: ‚Glaubt mir, ich bin ungern mitgekommen und — und ich merkte, daß du ehrlich bist.‘ Er meinte mich. ‚Natürlich hatte es den Mannesstolz entfacht, daß ich zur Ehre käme, respektiert, während ich noch nie etwas zu melden hatte. Mein Stolz zerstob wie Blütenstaub im kalten Wind. Dank dir, du hast mich gerettet.‘ Vor wem, fragte ich. ‚Erst vor mir selbst‘, bekannte er ganz ehrlich, ‚dann vor den üblen Schleichern.‘ Ich drückte ihm die Hand:

Du bist klüger, als ich dachte, klüger als die Schwätzer. ‚Kann man dir nicht schaden?‘ Nein, mein Freund, ich handle mit anderen Waren als bloß mit tönernem Geschirr. Auch habe ich im Ausland gute Freunde. Ich verriet ihm nicht, es wären meine Handelshäuser. Das erfährt der Händler früh genug. Und weiter sagte ich, handele ich mit Spezereien, Stoffen und mancher Kostbarkeit. Von sowas weiß der kleine Aufgeblasene nichts.

Ich fügte ernst hinzu, ich sei festen Glaubens. Nicht etwa wie so manche, die ihren Weltkram sich von Gott erbitten. O nein! Gibt ER mir Seinen Segen, da danke ich dafür, bitte ihn um vieler Leute willen, die bei mir ihr gutes Brot verdienen, daß Gott mir meine Arbeit ihretwegen segnen wolle. Wenn einmal nicht, so lernte ich, um weltliches Verlorene nicht zu trauern. Verstehst du nun, daß die Drohung mir nichts gilt? Sie ist ein Wind gegen einen Sturm. Der Sturm ist hier der Herr!

Unser Alter ging mit einem ‚Friede sei mit euch‘ hinaus. Das war an diesem Tag das Herrlichste von Gottes reichem Segen.“ Mit einem Blick auf Naemi fragt Isremia: „Weiß sie Bescheid?“ „Ja!“ Pereztha breitet eine Rolle aus. „Die kennt sie noch nicht; wir wollten erst erfahren, wie sich dein Unternehmen angelassen hat. Dabei hast du mir den größten Dienst erwiesen; nun kenn‘ ich meine Feinde.“

„Mache sie zu Freunden“, rät Naemi. „Wenn möglich, gern. Bleibt aber einer stur, so brauche ich doch nicht sein Feind zu sein. Mit der heutigen Erfahrung läßt sich das Beste richten.“ „O ja“, meint Selemech, „doch die Hetzer muß man beugen, sonst bleibt das Gute unterm Weg.“

„Darf ich einen Rat erteilen?“ „Immer, Isremia“, gibt der Fürst gern zu. „Ich glaube, daß mitunter eine Fremde jemand weiterbilden kann, als wer bloß im Heimatwinkel hockt. Wohl, die Heimat ist die Mutter, ist Geborgenheit“, „. . . ohne böse Richter“, wirft Hanea ein, „Natürlich! Ich meinte eine eigene Verbundenheit zu ihr. Die ist nicht zu rauben, denn auch sie ist eine Gabe Gottes. Halten wir die Gabe fest, so bleibt sie ja der Seele Eigentum, selbst wenn man ungerecht verurteilt wird.“

Das löst erst eine Rückschau aus in die kaum überwundene Zeit des Beraba und anderer auch. Allein — man hat gelernt vorauszublicken, aufzuschauen zu dem ‚Gott aller Hilfe‘, dem wunderbaren nahen Gott und von fernher wirkt und hilft. Darüber redet man ein Weilchen, bis der Fürst an Isremias Rat erinnert.

„Was ich aus Michmas sagen mußte, sollte noch für sich behalten werden, auch nicht andeutungsweise etwas sagen. Ob der Benjaminite dir die Absagetafel schickt, behalte auch für dich. Nur mit unserem Oberpriester Anacarias ist alles zu besprechen, damit er rechtzeitig einzugreifen weiß. Zudem wäre gut, er käme wie von ungefähr, etwa so, daß er — von Gott geschickt — euch Fürsten und den Fürstenrat zu segnen hätte. Was sogar stimmen mag.

So stellt man üble Klappermühlen ab. Anacarias ist einer von den Besten, die Israel besitzt, und wir wollen dankbar sein, daß wir solche Männer haben. Er wird den Rat für gut befinden. Vielleicht nicht ganz glatt vor Gottes Augen — wenn ich von Michmas rede, als geschähe es erst dann, so wolle mir der Herr verzeihen. Es ist für unseres Volkes Wohl bedacht.“ Isremia sieht Naemi an, was sie dazu zu sagen hat. Sie blickt freundlich drein.

„Gott hat nichts dawider, wenn man einmal klug sein muß wie eine Schlange, aber ohne Falsch wie eine Taube ist (Matt. 10, 16). Darauf kommt es an. Leicht wird hinterher ‚gesäuselt‘, was einen Sturm entfachen kann. Gott hat‘s gelenkt, daß Isremia all das Böse hören mußte. Ihr sollt gewappnet sein.“

„Der Rat ist gut“, dankt der Fürst, „und Naemis liebes Wort hat ihn mir erhöht und Isremia deutete es an, Gott möge unsre Unzulänglichkeit bedenken.“ Selemech lacht ein wenig. „Ach, wenn wir immer wüßten, wie unser Tun und Lassen GOTT betrachtet, leichter könnten wir vom Glauben her die guten Wege wandeln. Nun — Er ist die Güte Selbst, nur sollte man mit ihr nicht rechnen als ein Privileg, das uns zuzukommen hätte.“

„Von der Naemi-Mutter lernte ich so viel und muß fleißig weiterlernen“, sagt Ruth bescheiden, „aber das erkenne ich: man kann mit Gott nicht so verfahren wie mit einem Menschen. Man muß sich von Ihm führen lassen. Das zu lernen fiel mir leicht, weil der Moabiter Glaube ähnliches besitzt. Man darf bitten oder Opfer bringen, die Priester geben einem dann die Antwort. Aber nun auf GOTTES Antwort lauschen, auch wenn man sie nicht allezeit versteht, da fühle ich Geborgenheit.“

„Gutes Kind!“ Hanea streichelt ihre Wangen und Boas sieht sie strahlend an. Möge Gott es geben, daß er Ruth als Weib gewinnt. Der Fürst schaut nach der Sonne, sie hat die Hälfte ihres Weges hinter sich. „Für den Heimritt wird‘s zu spät, zur Nacht wollen wir nicht reiten. Leider lungert mancher noch herum und — Ja, und dann sei diese Rolle noch besprochen.“ Er nimmt sie in die Hand.

„Uns ist es recht, wenn ihr bleibt. Ihr seid immer unsere lieben Gäste.“ Der Fürst reicht die Rolle, die die ganze Zeit zur Seite lag, Isremia hin. „Ihr habt Naemi schon das Wichtigste gesagt und — o weh weh, abermals ein Weg um sieben Ecken, den mir der Heilige verzeihen wolle.

Sieh, Naemi wendet Isremia sich ihr zu, „man wird dich kränken, wenn man sieht, weil du ein gutes Haus bekommst, groß genug, daß späterhin zwei liebe Mütter ihren Lebens-Abend-Frieden da genießen können, wenn“, er zeigt auf Boas, „er es macht wie jeder junge Mann: er holt sich ein gutes Weib.

Unsere Mütter sollen von der Last der Mühsal ruhn. Da ich vom Ausland kam, hast eben du, Naemi, aus dem Ausland Geld erhalten, was durchaus stimmt. Sein Vermögen hat der Vater nicht in Israel erworben.

Da man jetzt weiß, daß Ruth eines Städtekönigs Tochter ist, wird man glauben, die Hilfe sei aus Moabit gekommen. So steht in dieser Rolle: ‚Auslandshilfe!‘ Das genügt zuerst. Später, wenn wir nicht mehr leben, fragt kein Mensch danach, welches Ausland es gewesen ist; aber Ruth und deren Kinder bis in wieviel Glieder sind so für alle Zeit geschützt.“

„Nicht für alle, doch für lange Zeit.“ Wieder sieht Naemi wie in weite Ferne. „Das Volk wird oft gerüttelt werden, damit es aus dem Glaubensschlaf erwacht, in den es fallen wird. Nun, dir danke ich, Isremia, du hast vorgesorgt, wir richten uns danach. O, wie wunderbar hat mir der Herr geholfen, unser Gott der Güte und der Gnade! Habe viel ertragen müssen; Er aber hat mich heimgeführt, hat mich jederzeit gestärkt, getröstet und mir wohlgetan.“

Das bezeugen alle gern, und es wird ein Abend voller Licht und Wärme, ganz in Gottes Offenbarung eingehüllt.

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