Kapitel 15
Samuel verläßt David; vom Segensrecht; Lichterlebnis und Welt; ernste Abrechnung; großes Leid kann wankend machen; die beste Hilfe.
Es ist das Menschlichste am Menschen, sobald er ‚etwas’ ist oder glaubt zu sein, er sich an eine Spitze stellt, sich gern ohne Fehler wähnt. Wie vielseits heutzutage, so einst bei Saul, David und noch anderen. Noch hält David sich am Glauben, weicht nicht ab von Gott, trennt jedoch die Wege zwischen Gott und Welt. Nicht falsch getan, wenn das Trennende zu Gunsten Gottes gilt. ‚Ganz‘ kann der Mensch im Erdenleben nichts bewältigen, aber diese Grenzen sind des Hohen Gottes Segen.
Innerhalb von drei Wochen spitzt sich die Entscheidung zu. Saul erkennt, daß sich seine Wehrkraft mehr und mehr verringert und er tut, was er bei anderen mit dem Tod bestraft (sein Weg zur Frau in Endor 1.Sam.28), David auch nicht mehr die Feinde schont, wie er es dem Herrn versprochen hatte, als Samuel ihn salbte. Was geschah in diesen Wochen mit dem Seher?
Er, Chaha und die Rama-Freunde nehmen Abschied. Nicht Worte, des Propheten Augen mahnen David sanft und stark: ‚Denke daran, was du geschworen hast! Tust du auch nur weniges, wie Saul getan, dann ist der ‚zweite Fuß‘ für Israel zerstört!‘ Es, kommt David vor, als wäre diese Mahnung ausgesprochen worden; und noch einmal beugt er seine Kniee vor dem Seher Gottes, flehend: „Segne mich, der du in Gottes Lichtkraft stehst!“
„Segnen tut der Herr allein. Wer den Auftrag hat, kann den Segen übermitteln mit dem Wort an Mose und an Aaron: ‚Der HERR segne und behüte dich!‘ (4.Mo.6,23-26). Es kommt aber darauf an, ob man sich unter diesen Segen stellt und — soweit gegeben — der Güte Banner wehen läßt. Wendest du dich ab von dem, wie bisher getan“, Samuel sieht, daß David schon in kurzer Zeit, sobald die Weltmacht winkt, nicht streng auf Gottes Wegen bleibt, „so wird der Schatten Sauls auf deine Krone fallen.“
„Vater Samuel!“ Entsetzt hebt David seine Augen auf. „Das — o, das wolle mir der Herr ersparen! Er bewahre meinen Geist vor der Dämonie des Königs Saul! Ich will …“ „Halte deinen Willen, deine Hände rein, regiere königlich, alsdann ist Friede über Israel. Und der Segen, der dann auf deiner Krone liegt, kann das Volk vor einem Untergang bewahren.“
Der Prophet winkt Davids Männern zu, ebenso wie einen Segensgruß. Und ist keiner, dem nicht lieber wäre, Samuel bliebe bei der Truppe. O, er geht seinen letzten Gang; und alles Leid, was folgen wird, möchte er in seines Geistes Hände nehmen, um es mit seinem Erdentod dem Höchsten darzuhringen, bittend: ‚Herr, Herr, streiche alle Blutschuld aus!‘
Chaha und die Ältesten Khemal, Ochnya, Lamuor und Abelae nebst Patael von Rama scharen sich um Samuel. Machnalo bringt sie bis zur Ebene hinab, holt vom untersten Versteck die Esel und dreht sich hastig um. Ihm würgt es in der Kehle, er hat aus Samuels Blick noch mehr gesehen, als es ein David konnte. ‚Hm, hm, hätte ich dem kommenden König mich und meine Schar nicht fest versprochen — ich ginge gleich dem Seher nach.‘
Er spürt‘s: bei diesem wäre Friede, durch ihn würde er, Machnalo, einst vor Gott bestehen können. Was er als Räuber auf sich lud, es müßte abgegolten werden. Ob er das noch unter Davids Szepter fertig bringt — — Er verneint es selbst. Aber könnte er nicht David hie und da bewegen, niemandem ein Leid zu tun? Ließe sich auf solche Weise nicht noch manches bessern? Ein leiser Seufzer, als er wie der aufwärts steigt. Auf halbem Weg sieht er sich um, ein Grenzstein für die Seele: soll ich — soll ich nicht — —
Nicht wie sonst wählt er den kurzen schweren Steig, obwohl David wartet. Ohnehin muß man jetzt harren, bis neue Späher kommen. Er steht David gegenüber, sieht das Lauernde im Blick, nicht mehr wie bisher das offene Auge voller Freundlichkeit, mit jener Frage: ‚Wie verhalten wir uns nun?‘ So, ach, der Seher ist gegangen; auch ein David dreht sich um, kaum, daß das Abschiedswort verklungen ist. Und war für immer.
Machnalo ist klug genug, sich zu Günsten seiner Männer und auch für sich selbst noch zu verstellen. Zwischen ihnen und den lsraelen gab es öfter Reibereien, was sich trotz vieler Hilfe, die die Räuber brachten, bisher nicht geändert hat. Wo ist die Garantie, sobald David König wird, ob nicht dann doch — —
Er denkt nicht daneben. Verwundert wird er aber sein, was bald geschieht, daß GOTT ein Gott für alle ist, der Herz und Wege ändert, der trennt und auch zusammenführt, jenachdem, wie es einer Seele frommt. Auf Befragen Davids, warum er nicht sofort heraufgekommen wäre, sagt er schlicht:
„Ich mußte prüfen, ob sie den bezeichneten Schleichweg wählten. Wenn nicht, dann mußte ich zum Schutz des Sehers, der uns Gottes Segen gab, ihm nach, daß er nicht in einen Hinterhalt geriet. Dein Wunsch, König David.“ Absichtlich wählt der Mann den Herrscherti tel. Und gut getan. David ist besänftigt, dazu stolz, weil man ihn bereits als Israels Beherrscher anerkennt. —
Samuel zieht still des Weges, Chaha an der Spitze, er hinter ihm, die andern machen den Beschluß. Es ist ein trüber Tag, günstig für die kleine Kavalkade. Sie kommen an dem ersten Abend, nahe Ethain, in eine Siedlung, westlich der Salzmeerküste. Die Siedler drängen sich herzu; man weiß auch hier von all den vielen Fehden. Bloß wie es sich entwickeln wird, das möchte man erfahren. Samuel ist ihnen unbekannt, nur den Namen hörten sie. Chaha sagt:
„In euerem Winkel seid ihr sicher, soweit bis jetzt gegeben ist. Seid dankbar, wenn ihr ungeschoren bleibt.“ „Wer seid ihr denn? Wo wollt ihr hin?“ fragt ein Dörfler, der sich um den Ort und dessen Leute kümmert. „Wir sind Israelen, wie ihr auch; unser Gang geht abseits von dem argen Weltgetümmel. Wir wollen keinen Krieg, und wo wir Menschen helfen können, tun wir es. Das, meine ich, ist wichtig und vor Gott gerecht.“
„Mag schon sein“, erwidert jener, der sich stolz als ‚Ältesten‘ bezeichnet. In diesem abseitigen Landesteil kommt‘s nicht drauf an. Weil der Mann für seinen kleinen Ort gut sorgt, wie es ihm möglich ist, deshalb hat Fürst Chaha, der ein Amt von Ältesten bestätigen muß, auch nichts dawider.
„Wir haben schon den Ort verlassen müssen, sind mit unserm Vieh geflüchtet, haben aber nie erfahren, ob es des Königs Truppe war“, er verschluckt ‚die Bande‘, „oder ob‘s die Räuber waren, die — man sagt — einem neuen König huldigen. Gut sind wir weggekommen; denn als wir wiederkamen, standen unsere Häuschen noch, und es war auch nichts gestohlen worden. Ah, was haltet ihr von Saul und von dem anderen, der König werden will?“
„Das ergibt die Zeit“, weicht Chaha aus. Er sieht ja nicht, wie der Mann beschaffen ist; aber daß seine Leute ihm an seinen Lippen hängen, merkt sogar ein Blinder. „Vorerst ist Saul der König; ob er es noch lange bleiben kann, das bestimmt der Herr und nicht wir Menschen. Ob hernach ein anderer kommt oder jener, den man David nennt, ist abzuwarten.
Wie ich weiß“, umschreibt Chaha, „soll dieser David mehr geeignet sein, uns zu regieren. Überdies stammt er aus Bethlehem. Und schon Mose offenbarte, daß aus diesem Ort der KÖNIG kommen wird, allerdings kein weltlicher. Das wird der Herrscher sein, der aus Seiner Ewigkeit das All erschaffen hat und es allein erhält. Auch unser Leben ist dabei; denn ER, unser Gott, Er ist der EINE (u.a.2 .Mo.15,18).
David pries in Liedern diesen Herrn als König ewiglich (u.a.Ps.10,16). Wir“, Chaha zeigt auf seine Gruppe, „haben seine Lieder schon gehört. Gesang und Text ging tief in unsere Seele ein. Würde also dieser Mann zum Thron gelangen, alsdann könnte es für Israel zum Besseren werden, wenn — das Volk im Glauben an den Einen Gott verbleibt. Unser Seher Samuel kann uns darüber etwas sagen.“ Jetzt wird der Prophet hervorgehoben, es wird endlich Zeit, daß man über all die Wahrheit leuchten läßt.
Die Dörfler sind verwirrt. Natürlich haben sie schon viel von dem ‚großen Gottesmann‘ vernommen, bloß verstanden haben sie es nicht, weil er einen Weltenkönig salbte, der … Dieses kleine Dorf hat den Glauben treu bewahrt; also nicht von ungefähr’ daß Samuels Straße hierher führte, von Gott gelenkt. Er hatte es erkannt, doch war es gut, nicht sofort aufzutreten. Erst mußte die nicht unberechtigte Angst der Siedler weichen. Sie konnten es nicht wissen, auf welcher Seite Recht und Wahrheit standen: bei Saul oder dort, wo sie Davids Räuber wähnten.
„O, dann haben wir euch viel zu schlecht bewirtet, wenn zwar zu bedenken ist, daß wir keine reiche Ortschaft sind. Und — und — der große Seher Gottes! Herr“, fällt der Mann vor Samuel aufs Knie, „vergib und segne uns! Hilf, daß wir nicht in Not und Elend kommen! Wisse auch, soweit wir Menschen es vermögen, haben wir den Glauben an den Gott der Väter hochgehalten. Wir sind froh gewesen, unsere Ahnen auch, soweit die Kunde reicht, weil wir abseits an des Landes Grenze wohnen.“
„Stehe auf, Kedas“, Samuel bückt sich nieder, um den Mann, der schon älter ist, aufzuhelfen. Abelae springt hinzu und stützt den Seher, der selber eine Stütze braucht. „Sieh, du hast wahr geredet und dein Ort hat gute Sitten, euern Glauben darf ich ebenso als gut bezeichnen. Ihr seht nicht zu sehr auf manche äußerliche Satzung; euer Nächstendienst ist der echte Gottesdienst.
Mir tat es niemand kund; der Herr gab mir die Schau. Oft habt ihr Verfolgte aufgenommen, mit ihnen euer karges Brot geteilt, manchem zur gerechten Flucht verholfen. Deshalb wurdet ihr verschont. Wenn ich in die heimat komme“, nur die Freunde ahnen, wo die heimat ist — nicht in Rama, „so will ich Gott, den Vater bitten, daß ein Engel euern Ort behüten möge. Denn das Unrecht und die Kriege hören in der Welt nicht auf, auch nicht in Israel.“ Trauer leuchtet aus dem Blick des Sehers.
„Nun sagt der Herr: ‚Wer sich Meinen Händen anvertraut, den führen Meine Hände; wer sein Herz Mir öffnet, dem steht Mein Herz offen; und wer den Glauben über alle Welt erhebt, den hebe Ich zu Mir ins Reich!‘ O seht“, sagt Samuel, währenddes die Dörfler ganz ergriffen niedersanken, „so wunderbar ist unser Gott! Er weiß unser Tun und Lassen, und Er richtet Sich danach.
Nicht, weil Er müßte, und niemals so, wie wir es verdienten. Das menschliche Verdienst ist meistens mager. Gott deckt gern zu, Er streicht gern aus, wo das Versagen nicht aus Lauheit oder gar aus Bosheit kommt. Wer getreu im Willen steht, mit und ohne dem Vollringen (Röm.7,18; Phil.2,13), da wirkt die Barmherzigkeit! So seid getrost, ihr werdet lang im Frieden leben.“
Die Leute scharen sich um Samuel. Kedas bittet noch einmal: „Gib uns deinen Segen, den wir brauchen. Du stehst nahe bei dem Herrn, also kannst du uns auch segnen.“ „Nein, Kedas, das kann ich nicht, ich tue es auch nicht. Seid nicht verwundert“, Samuel zeigt seine Hände her, „da ihr im rechten Glauben steht, müßt ihr es ja wissen, daß GOTT allein den Segen gibt.
Uns Menschen gilt des Höchsten Wort und Lehre und wer daran verbleibt, dem gilt das Gnaden-, jenes Segenswort, einst dem Wandervolk gegeben, auch, als es eines Menschen (Mose) Segen haben wollte, GOTT aber gab die rechte Leuchte. Bedenkt: ein Mensch kann und darf nicht segnen, weil keiner ohne Sünde ist.
Wer sich in Diensten liebevoll erzeigt, dem Nächsten hilft, der darf im Gnadenrecht des Ewigen Segen übermitteln. Das will ich mit euch tun. Öffnet euere Herzen, tut die Türe eurer Seele auf, laßt den Geist zur Vorherrschaft gelangen und gehaltet euer kindliches Gemüt (Matt.18,3), alsdann darf ich sagen: ‚Unser Herr und Vater, der Ewig-Heilige und Einzige, segnet euch; Sein Heilsgut wird zu allen Zeiten bei euch sein.’ „
Es bleibt kein Auge trocken, man schart sich um den Seher, faßt nach dem Gewand, als stünde hier der Herr, an dem der Mensch auf ewig seinen Anhalt hat. O, in Demut denken das die Leute. Sie wissen: nicht der Verehrte ist und soll es sein, an den man sich jetzt klammert. Geistig ist es ihnen so, als wäre es der Herr, der unter ihnen weilt, Ungesehen. Samuel sieht es aber, wie das Hohe Licht in der Gestalt inmitten unter ihnen steht, die Hände auf die tief geneigten Häupter legt, wie allesamt gesegnet werden, von Ihm Selbst, dem EINEN! —
Man sucht die Lager auf, nichts wird mehr gesprochen, das Heilige hält jeder in sich fest. Auch ist es spät geworden; Samuel und die Freunde brauchen Ruhe, um anderntags die Reise fortzusetzen. Aus jedem Hause bringt man für die ‚lieben Gäste‘ Felle, denn die Nacht ist sternenklar und kalt. Kedas und ein Mann sehen nach den Eseln, streuen ihnen noch ein zweites Futter auf, und die Stalltür wird besonders gut verschlossen.
Es ist ziemlich früh am Morgen, als die Dörfler für die Freunde sorgen, kochen Kräutersud, den sie ‚Man-hu‘ nennen. (2.Mo.16,15) und richten Brot. Für unterwegs wird etwas eingepackt, auch sogar ein Schlauch mit Wein. Gern wird vom Wenigen geopfert. Später wundert man sich sehr, daß am Geringen ihres Vorrats gar nichts fehlt (wie bei der Witwe von Zarpath, 1.Kön.17,9). Hatte denn der Herr aus Wasser nicht auch Wein gemacht?
Samuel wiederholt den Segen an der Morgentafel nicht, es genügt das ‚einmal des Herrn‘ (u.a.Hebr.9,12), spricht jedoch mit Inbrunst eine Bitte um den Tagessegen für den Ort und für die Reise aus. Die Siedler sehen dem Propheten nach. Fast dreihundert Jahre, bis einst zum Untergang des Reiches Israel (722 v. Chr.), wird der Ort verschont, sind die Menschen von den Ahnen bis zum Kindeskind im Glauben treu, wird hier selbst noch mancher Flüchtende gespeist und sicher fortgebracht. Eines von den schönsten Lichterlebnissen, die Samuel und die Getreuen auf dem Wege haben.
Ganz anders ist‘s am zweiten Abend ihres Rittes. Nun schon weit im Lande läßt sich nicht vermeiden, eine feste Stadt für eine Nacht zu wählen. Zwischen Ai und Bethel halten sie die Rast. In dieser Gegend hat der Bruderkrieg, sowie die Fehden mit den Feinden sehr viel Wüstes hinterlassen; kein Wunder, daß man Wanderern am liebsten seine Tür verschließt.
An einem großen Haus betätigt man den Klopfer. Langes Warten, bis die Tür sich öffnet. Barsch fragt ein Mann, der eine Fackel trägt: „Was wollt ihr denn von mir?“ „Wir suchen für die Nacht ein Lager. Ich bin der Prophet.“ ‚Er hätte seinen Stand verschweigen sollen‘, denkt der Fürst.
„Du wagst, bei mir anzuklopfen? Dir ist zu verdanken, daß es nur noch Kriege gibt! Hättest du uns keinen König aufgehetzt — nie wäre unter uns — — Verschwinde, sonst — “ Der Rabiate senkt die Fackel Ochnya reißt ihn zurück. „Trottel!“ „Ha, da wird man aus dem Schlaf gestört, dann ist man ein Trottel, wofür man unliebsamen Leuten eine gute Nacht bescheren soll!“
Chaha sucht zu begütigen. „Wäre dir nicht recht zu erfahren, was dein Bedenken ändern kann? Verständlich, wenn du rebellierst, des Blutvergießens ist es längst genug. Du hast jedoch verwechselt, wer einen König haben wollte. Um das endlich aufzuklären, deshalb sind wir da. Magst du nun?“
Ein Knurren: „Du bist der Fürst, dich kann ich nicht vertreiben; Wo soll ich aber alle unterbringen?“ „Du hast genügend Räume und viele Decken, manchem Hirten billig abgekauft, die den Wert der eigenen Arbeit nicht errechneten.“ „Viel gefaselt!“ wird Samuel angefaucht. „Es ist nicht spät“, erwidert dieser ruhig, „läßt sich also allerlei bereinigen, Freund Ben Chosoa.“ „Freund?“ lacht dieser widerlich und seine Angst dabei verbergend. Es wäre vieles zu verbergen, zu mal vor GOTTES Schau.
Er läßt die Männer ungern ein, gebietet einer Magd, die herbeigeschlichen war, Brot und Fleisch zu holen. Ein Zeichen: ‚Wenig‘. Als man dann am großen Tische sitzt, mager aufgetragen, hält der Seher seine Hände über Trank und Speise. Hier wird nichts vermehrt, was auch nicht nötig ist. Auf Anraten Samuels hatte man noch bei der letzten Rast genug gegessen.
„Nun rede ich mit dir, Chosoa. Widersprich, wenn du meinst, es wäre falsch, was ich abzurechnen habe — im Auftrag Gottes, das sei gemerkt! Dessen Auftrag stimmt genau!“ Der Hausherr zuckt bloß mit den Schultern als ginge ihn die Abrechnung nichts an. Aber daß es eine wird, spürt jeder in der Runde. „Bin gespannt, was zu melden wäre. Fest steht, das tragen dir die Israelen nach, etwa auch mit einer Abrechnung des Herrn, daß durch dich — Oder bist du gar der einzige, der ohne Fehler vor dem Höchsten steht?“
„Mich wundert deine Rede nicht“, sagt Samuel ernst, „wohl aber, den Namen Gottes in den Mund zu nehmen. Machen wir es kurz, damit du nicht um deine Ruhe kommst.“ Ein gesunder Spott. „Du wirfst mir vor, ich hätte Saul gesalbt, womit auch der HERR Sich irrte. Denn das gibst du zu, ich hätte es vom Willen Gottes her getan. Jawohl! Frage: War es wirklich Gottes Wille?, oder hat Er, um das Volk zu lehren, bloß gebilligt, was es stur verlangte?
Greifen wir zurück auf das Geschehen mit der Bundeslade. Wer hat befohlen, das Heiligtum zu stehlen? Es war gegen Eli‘s Wille und meiner galt noch nichts. GOTTES WILLE war ein anderer! Du warst damals jung, ein Freund der Söhne Eli‘s, hast als erster mit die Hand ans Heiligtum gelegt, mit hinausgeschleppt, wohlweislich aber nicht am Kriege teilgenommen.
Fahre jetzt nicht in die Höhe, Chosoa, ich habe dir noch mehr zu sagen! Das Volk war aufgewiegelt, auch von dir; denn als Sohn des reichen Vaters hörte man auf dich. Mit unter allen Ersten bist du es gewesen, der den König forderte. Gott sprach mit mir, Er zeigte mir den Gang des Volkes auf.
Ihr dachtet: haben wir erst einen König, dann gibt‘s keine Fehden mehr. Gedacht — gewünscht — nicht eingetroffen! Keiner eurer Feinde kümmerte es viel, ob ihr einen König hättet oder nicht. Bis zum heutigen Tag sind die Grenzen nicht geachtet worden, seid auch ihr ohn‘ Rücksicht in die andern Länder eingebrochen.
Als man Saul dann krönte, nicht von mir, am wenigsten von Gott!, warst du wiederum der Erste mit, der ihm untertänigst manche Gabe brachte. Freilich, nun sind Jahre drüberhin gegangen, und wenn man dich darum befragt, gleich weichst du aus: du wärest damals viel zu jung gewesen, hättest das nicht übersehen können, was aus diesem ‚Königsspiel‘ geworden ist. Zugegeben, du hattest wirklich keine Ahnung, hast dich jedoch immer vorgedrängt. Später hast du dich um nichts gekümmert, hast bloß überall gemeutert und deine Schuld den andern aufgehalst. Mir zumal!
O, das ist keine Last für mich, sie trifft mich nicht! Wer selber lügt und Unrecht tut, den kann eine Unwahrheit, ihm angedichtet, sehr belasten. Wer jedoch wie meine Freunde“, Samuel zeigt auf sie hin, „und manche Israelen, die an unsern Höchsten glauben, wer auch wie ich das Wort des Herrn verkünden darf, den trifft weder eine Lüge, noch Bosheit oder Niedertracht.
Es ist das erstemal, daß solches meine Freunde hören. Zu deiner Herzberuhigung, unbesorgt — sie tragen das Gehörte nicht rundum und ich, Chosoa, nehme es auf meine letzte Straße mit, von wo selten etwas in die Welt herüberklingt. Gott rief dich oft, hast niemals Seinen Ruf beachtet, damals, als dein Sohn im Bruderkrieg gefallen ist, als dein Weib an schwerer Krankheit starb, als ein Hirte dir es kündete, wie bitterlich dein Tod einst wäre, weil du arme Leute übervorteilt hast und Gott verflucht, der dir Böses auferlegte, wo du doch ‚manch gute Münze in den Gotteskasten legtest! Meinst du wirklich, daß man mit Münzen dieser Welt die Gnade Gottes und den Weg ins Licht erwerben kann — bloß mit diesen? —?
Sieh, heute ruft der Herr zum letztenmal: ‚Kehre um, willst du samt deinem Hause nicht zerbrechen!‘ Gib einmal zu, als es schief gegangen war, zogst du dich zurück: ‚Nein, ich war nie dabei!‘ war deine Rede. Vor manchem Frager konntest du dein Fehl verbergen und noch manches mehr; weißt selbst, was alles aufzurechnen wäre. Bloß glaube nicht, daß dir auch vor GOTT es möglich wird, wenn du einst vor Ihm erscheinen mußt.
Ich bin nicht gekommen, und das ist Gottes Auftrag nicht, dich zu verderben, dir Lasten aufzulegen, die du nicht zu tragen brauchst. Aber alles, was du falsch getan, mit Erkenntnis, wohlgemerkt!, das ist einmal abzugelten. Und ich sage dir: nunmehr wäre es die gute Stunde, dir zu helfen, dich von deinen selbstgedrehten Stricken zu befreien; Nicht jede Zeit ist GOTTES GNADENZEIT! Es kommt auf den Menschen an, auf seine Seele, ob sie sich bereit erklärt, in Reue auch die Buße aufzunehmen.“
O weh, das harte Herz, die Güte in des Sehers Worten, vor allem in dem Ruf des Herrn, wird mißachtet. Aber ganz geheim, absichtlich zugedeckt, gibt‘s ein innerliches Frösteln: wenn — wenn — Nur wird nichts zugestanden, noch ruckt der Kopf empor, liegen da die geballten Fäuste auf dem Tisch. „Propheten reden viel, was unsrer Welt nicht dienlich ist.
Wohin soll ich mich denn kehren?, etwa mit dir durch die Lande ziehn und predigen? Was? Wem? Priester haben wir genug, die sich vom Volk ernähren lassen, die nichts anderes tun als schöne Reden führen. An Eli haben wir es damals schwer gemerkt, wie er so …“ „Schweig‘ still!“ fährt Chaha auf. Sogar ein guter Wink des Samuel wird übersehen.
„Eli diente vierzig Jahre lang, mit Mühe und Gerechtigkeit. Wer streitet ihm das ab? Sein Tun gilt hoch vor Gott, Chosoa! Was er im eigenen Haus versah, aus Liebe zu den Söhnen, das ist inzwischen abgegolten; denn er ging mit Reue heim ins Licht. Ob dir das einmal möglich ist, bezweifle ich. Du bist zu verhärtet, dazu stolz. Arme haben bei dir keinen Stand.
Erwähne nicht, du gäbest ja Almosen, die die Priester auszuteilen hätten. Soll ich verraten, wie klein die Summe ist, die du jährlich einmal opferst? Der Armenpriester schreibt die Gaben auf, auch wer bekommt. Meine Pflicht, dies zu kontrollieren. Dieser Priester geht oft weite Wege, scheut sich nicht, an manche Türe anzuklopfen, um noch etwas zu erlangen, damit mehr Not zu stillen ist, als was das Magere der reichen Leute möglich macht. Jetzt weißt du darin auch Bescheid.“
Chosoa erhebt sich jäh, blau bis hoch in seine Stirn. „Nun hab‘ ich mir in meinem eigenen Haus genügend Arges angehört, und selbst dich, den Fürsten, will ich bei mir nicht mehr sehen! Geht rasch fort, geht, wohin ihr in der Nacht noch wollt, aber meine Schwelle übertretet niemals mehr!“
Ächzend, zitternd, sinkt er nieder, ihm wird schwarz vor Augen. Er rafft sich nochmals auf, übergeht die Schwäche und sieht zu, wie die Männer völlig ruhig von ihm scheiden. Lange sitzt er so, sucht sein Lager auf, wälzt sich schlaflos hin und her; die Bilder, oh die Bilder! Er hat sie innerlich zerreißen wollen, hat sich selber ausgelacht, hat das Gegenteil von dem getan, was hie und da gleich einem Mahnmal vor ihm stand.
Ein schwerer Traum sinkt auf ihn nieder. Er sieht seine Frau, die bitterlich zu leiden hatte — immer nur durch seine Schuld, obgleich jederzeit verneint. Sie hebt warnend einen Finger und wie ein Hauch ist ihre Stimme.
‚Du hast Gottes Seher aus dem Haus gewiesen; nun ist GOTT von dir gegangen. Jetzt bleibt‘s bei dir, Ihn zu suchen, doch fraglich, ob du Ihn einmal finden wirst. Wenig Segen lag auf deinem Haus, aber ganz war Gottes Gnade nicht vergangen — um meinet — und des Sohnes willen, der nicht in deinem Schatten stand.‘ Wie ein langer Seufzer hängt das Wort im dunklen Raum. Davon wacht der Schläfer auf, in Schweiß gebadet. Krank der Körper, krank die Seele, ohne Hilfe liegt er da und wartet auf den Morgen.
Morgen — ? Von der Auferstehung durch den Geist weiß seine Seele nichts, sie ist verkümmert, jeden Umkehrruf hat sie mißachtet. Das Frühlicht dringt allmählich in das unverhüllte Fenster. Es kostet Kraft, sich vom Lager zu erheben. Ihn bedrängt‘s: Gehe Gottes Seher nach. Noch ist des Lichtes Hilfe möglich, sich zu überwinden, in Demut sich zu beugen. Nein, das kann er nicht, das tut er nicht! So vergehen für ihn viele Tage.
Die Freunde waren in das nahe Herbergshaus gegangen, dessen Hof man auch bei Nacht betreten kann. Da schläft mancher neben seinem Esel auf der Erde, hockt einer dicht im Mantel eingehüllt in einer Ecke, solche, die kein Geld für eine Übernachtung haben oder die Gesellen, die ihr dunkles Tun verbergen wollen. Im Hause leuchtet eine kleine Lampe. Vorsichtig pocht Rashi an den Fensterrahmen, sind eigentlich bloß ein paar Latten damit nicht jeder durch die Öffnung steigen kann.
„Wer ist draußen?“ fragt es leise. Die Stimme einer Frau. „Fürst Chaha; bitte öffne, wir wollen bei dir schlafen.“ „Wir? Du hast um dich stets Freunde, wenn du reist, also seid ihr mir willkommen, obwohl es sehr stark nächtet.“ Eine schmale Tür wird aufgetan, man sieht ihr an, daß hierorts wenig Reichtum eingesammelt worden ist. Trotz dessen kommt man sich geborgen vor, wenn man hinter dieser Türe steht.
Als die Frau die Freunde sieht und den Prophet erkennt, den sie sehr verehrt, läuft sie eilig in die nächste Kammer, weckt eine Tochter und führt die Männer in den Nebenraum, wo allgemein gegessen wird. „Samuel, Prophet und Helfer!“ Sie greift nach dessen Mantelsaum, oft noch üblich, um seine Ehrerbietung darzutun. „Das ist eine Freude, es ist …“
„Sei still, liebe Maga, wir wissen, was du sagen willst. Zuerst gedankt, weil du geöffnet hast. Wir sind müde, der Weg war weit und manchmal schwer. Morgen geht es weiter. Ich muß zurück nach Rama.“ „Erst aber eine kleine Speise“, rafft sich die Wirtin auf. „Es ist bloß nicht mehr viel vorhanden, tagsüber kehrten Leute ein und der Einkaufstag entfällt für mich auf morgen.“
„Mach‘ dir unsertwegen keine Sorge“, beruhigt sie der Fürst. „So hungrig sind wir nicht, wir haben eben gut getafelt.“ „Wo? Konntet ihr da nicht auch übernachten?“ Maga denkt an jenes große Übernachtungshaus, das am Rand des Ortes steht.
„Bei Chosoa.“ „Bei dem?“ Maga wundert‘s nicht, der hat die Hülle und die Fülle, der kann leicht beköstigen. „Gedacht?“ fällt Samuel ein wenig lustig ein. „Genau das Gegenteil, gab auch keinen Raum.“ „Das versteh‘ ich nicht“, nun wundert sich die Wirtin, „sein Haus ist groß und er ist reich.“
„Weltlich!“ Der Ton läßt beinah frieren, für dessen Seele, die sich selber gern verleitet. Und der Mensch — was sagt er dazu? Er umschreibt sein eigenes Begehren; wo immer möglich, wälzt er es auf andere ab. Gläubige, die glauben es zu sein, greifen eine Stufe höher, oder tiefer; denn ihr Griff ins Übersinnliche, einen Unhold nennend, der sie irre führte, ist da nicht zu suchen, wo der Glaube in des Lichtes Höhe ragt. Daselbst geht‘s hinab, wo die Finsternis ihr eigenes Gepräge hat.
„Weltlich“, wiederholt es der Prophet. „Wir wissen ja Bescheid, und du, Maga“, wendet er sich gütig an die Wirtin, „wirst es längst erfahren haben, wie Chosoa einzuschätzen ist. Uns kannst du dein Bedenken anvertrauen, all die Sorge, die dir von diesem oder jenem droht. Umsonst geht keines Menschen Weg nach hier, nach dort, wenn man unbedingt der Gotteshand vertraut.
Es kommt nicht darauf an, ob man sagt: ‚ich glaube‘, was nicht selten Worte sind und kein innerer Begriff. Letzterer entsteht nur dort, wo über allem Wanken, Ungemach, zumal durch scheinbar nicht erhörte Bitten das Vertrauen keine Schwankung kennt. Für Menschen absolut nicht billig zu erwerben. Sowas kostet tägliches Erflehen: ‚Herr, mach‘ mich stark!‘ Diese Bitte soll man immer sprechen, in welcher Hinsicht sie für uns die höchste ist.
Versteht mich recht: An sich kann jede Bitte, jedes Flehn ein Höchstes sein, insbesondere für die Nächsten, für die Feinde, vorwiegend mit für die verlorenen Seelen, wie Chosoa eine hat. Gilt es aber jenen Glauben zu erwerben, zu erhalten und zu steigern, der vom Lichte ausgegangen ist, dann steht die vorgenannte Bitte an der ersten Stelle.
Maga, schüttele nicht den Kopf, weil du meinst, das verstündest du gar nicht, das könnte sowieso nur ein Prophet oder gottgesandte Männer. Abgesehen davon: es gibt manche Frauen, die zufolge ihrer Psyche sich — wenn mitunter auch mehr kindlich — auf den Glaubensweg begeben, auf dem das Starksein zu erwerben oder festzuhalten ist. Eine solche Frau bist du.
Als ich deine Schwelle überschritt, sah ich deine Sorgen. Gott gab mir das Wissen ein um alles, was dich sonderlich gewegt.“ Samuel sieht rundum müde Augen, auch die der Wirtin, die tagsüber kaum zum Rasten kommt. Er selbst — na ja, das Menschliche am Alter läßt sich nicht verleugnen. „Es ist spät, wir wollen schlafen, früh gibt‘s eine Stunde Zeit, um unserer Herbergsfrau zu helfen.“
Stille fällt über Haus und Hof. Nicht wie sonst, daß unliebsame Zwischenfälle wecken, daß mehr geschieht, als einen kleinen Streit zu schlichten. Für eine Witwe schwer. Der Sohn ist noch zu jung, die Tochter, in der Arbeit willig, ängstlicher Natur. Manches argen Mannes Hand wollte sich nach ihrer Jugend strecken. Die Magd ist alt, der Knecht lief mit gestohlener Beute weg; und das ist‘s, was Samuel gesehen hat — und manches mehr.
Der Morgen graut, als Maga zu dem ersten Händler für die Küche einzuholen geht. Nun ist das Frühmal fertig, nicht üppig, aber mit viel Liebe zubereitet. Im Hause ist ein kleines Wohngemach, dort deckt sie für die Freunde, während andere Reisende, die auch schon munter sind und weiterwollen, in dem allgemeinen Speiseraum sich niederlassen können. Erst dachte sie, es wäre besser, würde man im Hause den Propheten sehen. Allein — da war‘s wie eine Warnung: ‚Tu‘ es nicht!‘ Recht getan.
„Schütte dein Herz aus“, mahnt Samuel, als man gegessen hat. Die Wirtin und die älteste Tochter sitzen mit am Tisch. „Ich kann mir denken, wieviel Lasten du bereits getragen hast“, erwidert Maga, „es wäre bitteres Unrecht, dir auch noch meine Sorgen aufzubündeln. Vielleicht kann Fürst Chaha mir gelegentlich zu Hilfe kommen, wenn ich dringend eine brauche und …“
„Ich bin da“, lacht der Fürst absichtlich heiter. „Wenn Samuel um deine Nöte weiß, wird‘s nicht dringend sein, dir gleich zu helfen? Später ist es oft zu spät.“ Jeder spricht auf Maga ein, „ … und ob wir jemals wieder so geeint beisammen sind“, fügt Judas Ältester, Khemal, bedächtig an, „wer weiß denn das?“
Endlich faßt die Wirtin Mut, berichtet von dem Dieb, daß manche Männer zu ihr kommen, weil sie wissen, sie ist eine Witwe, mit der kann man machen, was man will, auch in puncto Zahlung. Manche Tage hat sie so viel eingebüßt, daß sie nicht einmal die Magd entlöhnen konnte. Die schob mitunter ihren Lohn zurück, wenn sie merkte, wie karg die Kasse war.
„Wie steht es mit dem großen Herbergshaus“, fragt Ochnya. „Hast du unter dem zu leiden?“ Maga wischt rasch eine Träne ab. Samuel deckt auf: „Maga, ob du mich noch einmal siehst? Also sprich dich aus. Denke daran, GOTT hat es geführt, daß wir zu dir kamen, weil die Sorge dich zu übermannen droht.“
„Ihr seid zur rechten Zeit gekommen. Der Herberger am Handelsweg will mich kassieren, dazu meine Jüngste, die erst dreizehn ist, er fast fünfzig. Er droht, mich dem Richter auszuliefern, wenn meine Rachel …. Seit langem schickt er mir Halunken zu. Selten kommt ein Biederer, der die Fehde zwischen uns nicht kennt.
Ich kannte seine Absicht nicht und nahm ein von ihm angebotenes Geld, als ich einem Händler Ware schuldig blieb. Das nutzt er aus. Geld oder — Rachel, obendrein gewiß der Richter.“ „Erledigt!“ ruft der Fürst spontan. „Der alte Knabe soll sich wundern, was ihm vom Richter droht! Die Schuld, sicher kaum erheblich, bezahle ich unter deinem Namen, Maga, dann bist du frei.“ „Oh!“
Der Sturz der Tränen ist nicht aufzuhalten. Samuel legt ihr die Hände auf, stark und lind. Sie war am Zusammenbruch. Die Tochter schluchzt: „Mutter konnte es bald nicht mehr schaffen, und was aus uns Kindern würde — ? Denk‘ ich an die zarte Rachel, an den Bruder, und — o Samuel, verzeih, ich hab‘ in letzter Zeit gefragt: ‚Wo ist Gott? Wo Seine Hilfe, von der die Priester immer reden? Ich mochte manchmal nicht mehr glauben.
Das war eine große Sünde, durch die hat Mutter leiden müssen. Es ist meine Schuld, wenn es mit uns abwärts ging. Mit wem aber sollte ich darüber sprechen? Einmal habe ich‘s versucht und fragte unsern Rabbi, den neuen, der uns jetzt betreut. Der alte war stets gut, zu dem konnte man mit allem kommen, er wußte immer Rat und Tat. Doch der neue — — Ich hatte kaum begonnen, unterbrach er mich: ‚Das sind Dinge dieser Welt, die gehen mich nichts an. Dir fehlt die Demut, deiner Mutter auch. Man sagte mir bereits, ihr wäret ohne Glauben und bloß aufs Weltliche bedacht.‘ Ich rannte fort. Wie gut, weil ich nicht von meinen Zweifeln sprach.“
‚Der kann auch etwas erleben! Wenn der psalmodieren will, soll er -‘ Der Fürst verschluckt den weiteren Gedanken. Der Prophet hat das Mädchen dicht herangezogen, wie ein Vater sein geliebtes, müdes Kind; Chaha hat er heimlich zugewinkt: Sehr recht, dem Rabbi mal Bescheid zu stoßen. Und nun welche Liebe!
„Thamar, unser Vater sieht dich freundlich an, hat deine müden Fragen und Verzagen dir nicht angekreidet, auch der Mutter nicht, die wie du geforscht: ‚Herr, wo ist Deine Hilfe? ‘ Glaubt es, meine Lieben, wenn ein Mensch in größter Not verzweifelt, und das gleich erwähnt: Zweifelsfragen darf man unserm Vater stellen, wer anders, als gerade ER versteht nicht Seine Kinder, den nimmt der Herr in Seine Sonderschule, in die Barmherzigkeit! Dauert es auch manchmal lang, bis sich Wolken teilen und die Sonne wiederkommt — sie kommt, kommt ganz bestimmt, besonders da, wo nackte Not des Menschen Seele irre werden läßt.
Wir haben freundliche Rabbiner; doch wie überall gibt es auch bei ihnen die bewußten ‚anderen‘. Ihr seht‘s am Herberger, an Chosoa und Außenseitern, die dem menschlichen Geschlecht zu bösem Schatten ihres Weges werden. Vermerkt: Es gibt auch Schatten voller Segen (u.a.Ps.91,1), der vom Himmel kommt. Manche Reiche geben gern, und Herberger, die Arme ganz umsonst beköstigen. Für eueren Ort tritt eine Wende ein. Dann kannst du, Thamar, wiederum zu einem guten Rabbi gehn, wenn du irgend eine Hilfe brauchst.
Und du, liebe Maga, sei getröstet durch die Gnade Gottes! Er hat dein Seufzen nicht notiert, aber angesehen, was dich beschwert. Nur darf der Glaube nicht zerbrechen! Streckt man seine Hände flehend aus, da ist, mitunter unbewußt, der Grund des Glaubens unberührt geblieben, worauf sich Neues bauen läßt, im Vollvertrauen zu dem Herrn. Und damit du weißt, daß auch Chosoa dir nicht mehr schaden kann — er hat ja den Herberger bestochen, dich zu ruinieren, das bereinigt unser Fürst.“
„Wieso das?“ fragt Maga. „Er geht mich nichts an. Bloß einmal …“ Sie stockt und wird rot. „Aha“, meint Abelae, „das Übel kommt zu Tage.“ „Genau!“ Samuel lächelt fein. „Bald danach, als dein Mann gestorben war, ist ja erst drei Jahre her, und Chosoas Frau zuvor verstarb, wollte er dich doch bedrängen. Stimmt‘s nicht so?“ Maga gibt es zu. Samuel deckt weiter auf:
„Du hattest ihn zurechtgewiesen, würdest deinem Mann die Treue halten, dachtest an die Kinder, die er nicht akzeptieren würde. Das hat er dir bis heute nachgetragen. Aber bald wird ihm alles Weltliche vergehn! O denkt nicht, ihr Lieben, ich würde ihm dies wünschen, vor allem nicht, der HERR als Richter über gut und böse solle ihm ein Unheil schicken.
Ein Schicksal laden sich die Menschen selber auf. Sehr schwer verständlich: was eine gute Seele für die andern auf sich nimmt, das geht selten erst vom Erdenleben aus. Es liegt zu unserm Heile unerkannt in jenem Dasein schon, bevor man seine kleine Beihilfsstraße angetreten hat. Unser Vatergott, von altersher der Heiland (Jes.63,16), wird es einmal lehren:
‚Kommet her zu MIR alle, die ihr mühselig und beladen seid.‘ (Matt.11,28)
Mühselige sind finsternisverhaftete Seelen, die zu erlösen sind; Beladene, die von deren Lasten etwas auf sich nehmen, soweit in heiliger Erbarmung zugelassen. Das darf die guten ‚Mit-Träger‘ eben nicht zerbrechen. Nichts ist, was nicht durch Gottes heilige Hände geht; nichts, was Seine Augen sehen; nichts — was ER nicht segnet! Erst recht die Bürde eines Weltenweges.
Dein Schicksal, Maga, ging durch Seine Gnade. Einmal angedeutet: der Vater deines Mannes war nicht gut, für ihn hast du mancherlei getragen, unbewußt, aber ihm zur Hilfe auf dem Jenseitsweg, der ihm noch immer nicht ganz leicht geworden ist. Dein Mann lebt bereits in einer höheren Region. Dir zum reichen Trost gesagt.
Wollen wir nebst diesem hohen Geistigen noch für das Äußerliche sorgen. Es kommt ein junges Paar zu dir, Waisenkinder, die Arbeit suchen, und auf diese kannst du dich verlassen. Bald wird dein Haus nicht mehr von finsteren Gesellen heimgesucht, alles ändert sich, und alles, Maga, danke Gott, dem Einen!“
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