← Zurück zu „Der Eine“

Kap. 14 – Chaha’s Friedensversuche; Samuel’s neue Schau; der Bruderkampf

Kapitel 14

Chaha’s Friedensversuche; Samuel’s neue Schau; der Bruderkampf; ein Böser wird umgewandelt.

„Ich wollte alles tun“ beginnt Fürst Chaha, als man früh nach einem kargen Mahl, gut getarnt, auf einem Felsensockel sitzt, von wo aus man die Ebene sowie den Aufstieg übersehen kann. Immer muß man Vorsicht walten lassen. Machnalo schickt seine ‚Spürer‘, wie die Mitkundschafter hießen, ab und auf. Man kann sich fest auf sie verlassen, auch darauf, Saul habe selber große Sorge, im Heer gäbe es Gemurre, man wird müde, die vielen Monde hin- und herzuziehen, den Feind, womit man David meint, nicht anzutreffen, der durch jede ‚Masche schlüpft‘. Auch sehnt man sich nach Hause; denn die Männer sorgen sich um die Familien.

Es gibt also Zeit, jetzt zuzuhören. Darüber ist sich jeder klar, daß, wenn der Kampf beginnt, es schwer und blutig werden kann. Der Seher hat sein Herzgebet in Gottes Hand gelegt, das Flehen: ‚Vater hilf, damit Friede wird, wenigstens im eigenen Volk.‘ Das wünscht jeder, der hier versammelt ist; das wünschen viele unter Saul. Nur weiß es dieser nicht. Chaha erzählt von seiner ‚langen Fahrt‘, wie er diese nennt und berichtet:

„Ihr wißt, daß ich einst als Kaufmann und als Forscher reiste, jenachdem, wie und wo das eine oder andere möglich war. Aber hinter allem stand der Wille: Völker zu vereinen, trotz Verschiedenheit, auch wenn sich dieses oder jenes schlechter einrangieren ließ. Als erstes suchte ich den Norden auf, damals, als ich plötzlich ging. Ich hörte früher schon, die Leute hielten sich gemäßigt, zeigten sich versöhnlicher, als unsere leider bösen Nachbarn, die Philister, und ein Großteil fremdblütiger Kanaaniter.

Ich fand Zugang zu manch Hohem, und wenn ich so im allgemeinen sprach, hörte man mir zu. Kam ich aber auf den Kernpunkt meiner Sendung, die ich mir vom HERRN erbat, da gab es rasch verschlossene Türen, noch verschlosseneren guten Willen. ‚Ah, Israel hält nicht mal Frieden unter sich; wie sollten wir da trauen, daß man mit uns Frieden hält?‘ Wiederholt kam ich in ein Gefängnis, man sah in mir den ‚Schleicher‘ (Spion), der die schwachen Stellen an den Grenzen und die Wehrfähigkeit der Völker auskundschaften wolle. Und glaubet es: wenn die Not am größten war, daß ich gerichtet werden sollte, kam jedesmal die Wende.

Mitunter kam ein Einsichtiger; manchmal“, Chaha sinnt ein Weilchen vor sich hin, „kamen völlig Fremde, ein Jugendlicher oder auch ein Älterer, die — bitte, glaubet es — so gar nicht weltlich wirkten. Nie konnte ich erfragen, wer sie seien. Hatten sie mich von dem Tod befreit, der mir drohte, dann waren sie verschwunden. Ging es also gut, ward ich ausgewiesen. Ich schlug mich dann zu anderen Stämmen durch, was meist mühsam war.

Jahre waren vergangen. Heimlich kehrte ich zurück, um zu sehen, ob sich unser Volk gebessert hätte. Noch nicht! Ich wandte mich den Philistern zu, als Syrer aus dem Norden. Als Israele hatte keinen Zweck. Nicht bloß, daß ich niemand finden konnte, der mir sein Ohr geliehen hätte. Entweder wäre ich dem Beil verfallen oder was dann noch weit ärger war — an Saul hätte man mich ausgeliefert, mit der falschen Mär, ich hätte Israel verraten, damit die Philister endlich alles Land besetzen könnten. Was mir da geworden wäre, brauche ich nicht zu erwähnen.

In Philistrien sagte ich, als Nordischer möchte ich das gesamte Landgebiet vereinigen. O, die Philister haben andere Feinde, sogar vom Meere her. Das wußten wir ja nicht, weil wir nie so weit dort vorgedrungen waren, wie diese hier bei uns. Von Israel wissen sie so ziemlich alles, daher die Möglichkeit, uns zu überfallen, immer dann, wenn wir nicht oder weniger gerüstet sind und stets an jenen Stellen, wo die Grenzen leicht zu überschreiten sind.

Wir hingegen haben meist bloß eine Möglichkeit: uns dem Kampf zu stellen, seltener, andere zu überraschen, wobei nicht gesagt sein soll, daß der Feind die schwarzen, wir die weißen Schafe wären. Nein! Blättert die Geschichte auf, wie man gegen Mose, Josua, gegen erste gute Richter vorgegangen ist, ‚ganz Kanaan wäre auszurotten, um daselbst allein zu herrschen“ (u.a. Jos.23,13; 24,15)

Sprach ich mit Phiistern über uns, so neigte man sich gleich dem Argwohn zu. Ich mußte mit den Worten balancieren, um mindestens zu erreichen, daß man auch mal eine ‚gute Seite‘ anerkannte. Auf diese Weise erkannte ich das rein Persönliche der Völker. Seit rund zwei Jahren, in denen ich, endgültig heimgekehrt, mit David kreuz und quer gezogen bin, beständig auf der Flucht vor Saul, ihm vieles anvertrauend und ihn lehren konnte, so daß er, wenn er König wird, versuchen kann, weitgehendst den Frieden zu bewahren. Ob das immer glückt, sei dahingestellt.

Ruhe geben die Philister nie, zu tief lebt der Haß in ihnen gegen uns. Wir sind aber auch nicht auszuschließen. Seit fast vierhundert Jahren lebt der Haß, als Josua das Land des Patriarchen eingenommen hatte. Man soll sich selber nicht erheben, eignes Tun beschönigen, die Handlungen anderer dagegen anzuprangern.

Gewiß spielt‘s eine Rolle, weil wir durch Abraham an den EINEN glauben, den Gott unserer Väter. Besser ist, Ihn als unseren Gott zu ehren, während viele Völker Götzen haben. Die Frage: Hat Israel keinem Götzenkult gehuldigt?, den Herrn verleugnet und das getan, was wider Sein Gesetz verstoßen hat? — ? (u.a. 1.Mo.32,4)

Nicht dich gemeint, David, doch bedenkt, daß ein Großteil sich den König mit Geschrei erzwang. Das ist auch ein Götzendienst. Hat man sich denn nicht gespreizt, wie die Heiden es mit ihren Herrschern tun? Ich hoffe zuversichtlich auf den Herrn! ER ist der Eine, Er wird uns helfen, auch wenn wir — im gesamten angesehen — von Ihm und Seinen heiligen Geboten oftmals abgewichen sind. Allerdings bloß auf die Güte bauen, die Barmherzigkeit erbitten, wo man ja anderes verdient — ? “ Chaha hält in seiner Rede an.

Samuel sinnt voll Trauer: Was hat der Mensch an Schuld und Sühne aufgeladen! Undbwas—o ewige Erbarmung! — ladet GOTT auf Sich? Sieht der Seher schon das Golgatha? Oder ist‘s das Bild von einst, vom großen Kindesfall? Ist es das Bild, was sich unten in der Ebene, von weltlich grausiger Verwirrung, der Verirrung schwer zusammenbraut? Bruder gegen Bruder? Um nicht zu bedrücken, hält er sich zurück. Er sagt, als man wissen möchte, ‚was ihm durch die Seele ging, man hätte es ihm angesehen‘.

„Es war eine Schau, liegt aber weit zurück, weit voraus, in einer Zeit, die von uns keiner auf der Welt erlebt. Generationen werden kommen und erleben, was ich jetzt ein wenig sehen darf. Nun“, er steht auf, „ist es spät geworden, laßt uns zur Ruhe gehn. Ich denke, morgen drängt sich manches zur Entscheidung hin. Vielleicht noch ein Dezennium, und das erste Königtum des Hauses Israel versinkt. Eigentlich das zweite.

Wieso? fragt ihr. Wir hatten vorher niemals einen König, Saul ist der erste, Wirklich? Abgesehen davon, daß man Abraham den ‚König der geeinten Stämme‘ nannte, sieben waren es, die friedlich unter seiner Hand im Lande lebten, wer war es denn“, er unterläßt mit Absicht ‚der Erste‘, „der nicht bloß Kanaan regiert?

„O wir Dummen! ER, der Heilige, nicht allein von uns, wie man es allzu gern betont, der HERR ZEBAOTH, Er war, ist und wird ewiglich der erst König bleiben und außerdem der Letzte“, fügt Khemal in tiefer Andacht an. Kommt da nicht ein sanftes Wehen auf, wie ein Hauch aus hehrem Mund: Ja, ewig war, bin und bleibe Ich der EINE, Schöpfer der Unendlichkeit! Was Ich MIR erschaffen habe, das regiere Ich. Wer unter Meinem Schutz, in Meiner väterlichen Hut geborgen ist, der braucht sich nimmermehr zu sorgen, was kommen wird. Nichts werden Meine Hände je verlieren!‘ —

Jeder hat gehört, was wie ein Abendtau vom Himmel fiel. Man sucht die Sicherheit der Höhlen auf, und ist keiner, der nicht dankbar seine Hände hebt, dazu mit einer heißen Bitte: „Herr, sei Du morgen unsere Burg und Zuversicht!“ David singt für sich und leise seine Lieder (Ps.18,3; 91,2). Die Nacht bringt Frieden, solchen, den GOTT zu geben weiß. —

Und dann — Es geht auf den Mittag zu, sieht man nicht mehr weit entfernt, Sauls Heer sich sammeln, eine große Schar, hingegen sie hier auf dem Berg sind knapp zweitausend Mann. Verständlich, wenn sogar die Räuber, die mit ‚Tod und Teufel kämpfen‘, wie sie von sich sagen, ihre Stirnen krausen. Machnalo, der Fanatiker, springt auf eine Kuppe, hebt seine Waffen, einen Speer und eine schwere Keule, und schreit grell: „Saul hat Tausend, David hat zehntausend erschlagen!“ (Sam.18,7)

Samuel lächelt leise und betrübt. Ein Ruf der Welt, wenngleich es für die Männer auf dem Berg von Nutzen ist. Alle fallen in den Kampfruf ein; und so wälzt man sich sehr siegesmutig rasch hinab, wirklich manchmal rutschend, springend, nicht sehr darauf achtend, ob es Schrammen oder ein paar Wunden gibt. Keiner hatte jetzt auf Gottes Seher acht, der zwar langsam aber bald hinabgestiegen war und sich unvermutet an die Spitze stellt, vorn neben David hin. Es wird zu spät bemerkt; die Streiter prallen aufeinander, niemand kann jetzt aus dem Kampf heraus.

Aus Sauls erster Reihe dringt ein Grobbärtiger vor. Er kennt ihn gut, den Richter und Prophet, der ihm, dem Bärtigen, eine harte Strafe auferlegte, und war so gut gemeint, um den Bösen wieder auf den rechten Weg zu bringen. Damals hatte dieser zähneknirschend vor sich hingemurmelt: „Ich warte, und wenn es Jahre dauert, du sollst durch meine Rache sterben!“

Arg war die Familie betroffen, so daß Samuel sie heimlich unterstützte. Am wenigsten aber wußte der Bestrafte es, auch nicht die Hafterleichterung, die ihm der ‚Richter‘ angedeihen ließ. Bloß die Älteste, nun zwanzigjährig, ahnte es, daß der Seher half und der Vater selber sich die Strafe zugezogen hatte.

Als der Bärtige die Keule schwingt, um Samuel zu treffen, springt ein junger Bursch dazwischen. Die Keule trifft des Jungen Schulter. Er sinkt zusammen, die Kappe fällt von seinem Kopf. Da stockt für eine Weile alles Hin und Her. Ein Mädchen liegt in seinem Blut. Es wußte, was der Mann im Schilde führte und hat sich in Sauls Leute eingeschlichen. Nun — Jungen gab es ja genug, die begeistert ihrem König folgten.

Ein Schrei: „Barara!“ Er kniet bei seiner Tochter nieder. Sogar Saul hält inne. Einer beugt sich rascher, der Seher Gottes! Wortlos legt er seine Hände auf, und das Blut steht still. Wie Puppen sehn die Krieger aus, auf beiden Seiten. Die von David haben Angst, dem Prophet soll nichts geschehen. Der sieht den einstigen Verbrecher mahnend an, gleichfalls ohne Worte, und ist ein Evangelium, das das Herz des Mannes schier zerreißt.

Nunmehr bereut er seine Tat, im Anblick seiner Tochter, die noch besinnungslos am Boden liegt. Er wagt nicht, Samuel zu bitten, um sein Kind — unter rauher Schale hat er es geliebt — gesund zu machen. Das folgt später. Auf Reue muß erst eine Umkehr kommen, die hier aus Angst geboren werden kann.

Rashi und Patael heben die Verletzte auf und legen sie dem Vater in die Arme. Er trägt das Mädchen heim, er denkt nicht mehr an die Schlacht, an den König, an — ach, und nicht mehr an die Rache, der er lange nachgegangen war. Er denkt an Samuel und — — an Gott. Daß die Tochter bald gesundet, und ob wohl Samuel zu ihm noch kommen wird? Verwirrende Gedanken. Fortan bleibt er allen Fehden fern.

Allmählich fällt die Starre von den Kriegern wieder ab, doch das Treffen ist gehemmt. Keiner trägt den Sieg davon. Gott sei Dank, es fließt wenig Bruderblut. Davids Männer sehen ohnehin vom Seher her die große Hilfe an. Allein, auch Sauls Gefolge schaut immer wieder auf den Mann, der zu einem kleinen Erdaufwurf gestiegen ist. Wie ein Mahnmal steht er dort, still, mit erhobenen Händen, beinah so wie eine Steinfigur. Es fließen ganze Ströme Kraft und Helferwille aus ihm über beide Scharen hin.

Der König hat auf Samuel bloß einen kurzen Blick geworfen. Rasch wendet er sich um; er mag den ‚Alten‘ nicht mehr sehen der ihn zwar gesalbt, der ihm aber auch die rechte Bahn gewiesen hatte, die er, Saul, einzuschlagen ganz versäumte. War nötig, David zu verfolgen? Jonathan von sich zu treiben? War denn gut, immer wieder Krieg zu führen? Unter seinem Volk! Ließ sich mit den Nachbarländern nicht gar mancherlei vermeiden?

Fragen, die Saul nicht bedenkt und wären bitter nötig. Sind es nicht auch Fragen an das gesamte Menschenvolk, damals, jetzt weit mehr? Ein wenig Friede in dem eigenen Herzen —‚ wie viele Not, wie viel Elend würde unterbleiben.

Die Sonne sinkt, die Waffen sinken auch. Saul steht David gegen über. Wieder fällt auf alle eine Starre. Was wird geschehen? Sind es zwei erbitterte Feinde um einen Thron, der allein bloß aus der Welt hervorgegangen ist? Nicht aus GOTTES Willen? ! Saul fängt als Erster an zu sprechen. Er zeigt auf, David hätte ihm seit Jahren widerstanden, dem König von ganz Israel. Er wüßte, daß man ihm nach seinem Leben trachte.

David zieht aus seinem Wams ein Stück Mantelstoff, hebt ihn hoch und sagt: „Sieh, König, diesen Zipfel habe ich von deinem Mantel abgeschnitten, als du unten in der Grotte schliefst. Frage meine Mannen, frage Machnalo, frage Samuel, dem du niemals widersprechen kannst, was daselbst geschehen war.

Mir ward ein Spieß in meine Hand gedrückt und du fandest ihn zu deinen Häupten liegen, rein, ohne einen Tropfen Blut. Wollte ich dich jemals töten — o sieh an, in jener Nacht hätte ich es leicht gekonnt, dich und die Wächter umzubringen. Ich tat es nicht! Daraus ist ja zu ersehen, daß ich niemals meine Hand an meinen König lege! GOTT ist mein Zeuge!“

„Ich weiß“, erwidert Saul mit unterdrücktem Zorn, „daß du nach mir König werden wirst (1.Sam.24,21). Du wirst Israel regieren wie — wie es Gott, dem Höchsten, wohlgefällt. So sei jetzt also Friede zwischen mir und dir und schwöre, daß du mein Haus schonen wollest und nicht verderben, die aus meinem Samen sind.“ „Ich schwöre es!“ hebt David seine rechte Hand. Er weist dabei auf Samuel, der, vom letzten Rot der Sonne angestrahlt, wie Feuer, wie eine hehre Fackel wirkt. „Er bringt meinen Schwur dem Höchsten dar, zum Zeichen, daß ich dem Herrn gehorchen will.“

Saul wirft keinen Blick hinüber auf die lobende Gestalt; er nimmt den Schwur entgegen und sinnt schon dem Gedanken nach, ob er David bald vernichten kann. Stumm schwingt er sich aufs Pferd, er reitet langsam fort, die Truppe hinterdrein. Wer kann, schleicht sich weg; es zeigte sich: der Bessere wird David sein.

Vorausgesagt: Kaum ein Mond vergeht, folgt Saul aufs neue David nach. Er fällt ihm nochmals in die Hand, als er bei Hachila, in der Wüste Siph, inmitten seiner Wagenburg im tiefen Schlafe liegt. David wagte sich hinein, nahm Sauls Spieß und Wasserbecher (1.Sam.26,12) und eilte auf den nahen Hügel. Von oben zeigte er am andern Tag des Königs Dinge vor. Bis in weit gestaffelte Reihen konnte man sie sehen. Saul verlor an diesem Tage das Vertrauen treuer Männer; es wog schwerer, als eine verlorene Schlacht. — —

Zurück zur Begebenheit, als Samuel aus Gottes Kraft die Fehde zwischen Israelen hemmt. Davids Freunde drängen sich um den Propheten. Jeder möchte ihm am nächsten sein, ein jeder Gottes Segen haben und die Anweisung, wie man sich verhalten soll. Samuel zeigt zum alten Berg. Man klimmt sehr eilig hoch, um die sicheren Höhlen aufzusuchen, die schwerlich einzunehmen sind.

Ein Sondertrupp geht in die nächsten Haine und in kleine Dörfer aufzukaufen, was da immer möglich ist. Stehlen hatte David streng verboten. Ach ja, die Räuber! Die hatten sich zu ihm geschlagen, einerseits aus Anerkennung, andererseits, um durch David jetzt und später Schutz zu haben. Vielseits werden sie verfolgt.

Erst hatte er sie nicht gern aufgenommen, doch sie stärkten seine schwache Mannschaft, die er auf seiner ersten Flucht vor König Saul besaß. Dann kam eines Nachts der Traum: ‚Nimm sie auf und siehe zu, sie von ihrem Handwerk loszulösen.‘ Schwer! Es war gelungen, unter Gottes Hand, mit Seiner Gnade.

Man holt die gut versteckten Felle vor, um von den Strapazen aus zuruhen. Am nächsten Morgen gibt es viel zu tun, Gewand und Waffen werden neu gerichtet; denn daß der König keinen Frieden gibt, ist jedermann bewußt. Samuel bejaht es auch. „Leider läßt er nicht von seinem Wahn. Mancher meint, wenn ein solcher jemanden befällt, so ware er doch frei von einer Schuld. Er könne nichts dafür, daß der Wahn, sicherlich ein böser Geist (Thopheth), ihn treibt. So sieht man das im allgemeinen an, weil man auszuweichen sucht, bei sich selbst den Fehler zu erkennen.

O ja, manchmal kann, aus einer Krankheit kommend, jemand in den Wahn verfallen; dann ist‘s keine Schuld und einem solchen Menschen muß man helfen.“ Samuel schiebt eine Pause ein und sieht die Männer rundum an. „Es kann auch am Charakter liegen, wo man einem Phantom sich ergibt. Das ist sehr schlimm und ist bei Saul der Fall. Er war bereits als Knabe eigensinnig und als Jüngling eigensüchtig. Allein er wollte immer Recht behalten.

Fragt mich nicht, weshalb er dann zum König ausersehen ward. Ich zeigte es genügend auf. Könnte es nicht sein, daß der Herr damit dem Volk ein Zeichen gab? Und das Salben —? Das ist ohnehin ja nur ein äußerliches Zeichen. Wie die Heiden tun, so wollte Israel es gleichfalls haben. Man bekam, was man sich wünschte! Nun genug, ihr wißt Bescheid. Aber das:

Sauls Wahnsinn kommt aus seiner Seele, bei ihm kein Fremdes, wie seit eh und je es heißt: ‚Ein böser Geist‘ – Freunde, diese gibt es nicht! Wohl gibt es jene armen Wesen, einst mit Gottes erstem Kind gefallen und kommt es durchaus vor, daß sie sich an einen Menschen hängen. Geschieht allerdings bloß da, wo der Mensch charakterlich solch armen Wesen gleicht. Ungut ist, jede Krankheit, jede Schuld vom Menschen abzuwälzen, um dafür das Undefinierbare, eben solche Wesen, zu belasten.

Merkt es euch: GEiST bedeutet gut; es kommt aus dem Namen GOTT! ‚Denn die Ihn anbeten, müssen es im Geist und in der Wahrheit tun‘ (Joh.4,24). Ist Gott Geist, der EINE, und ist bei Ihm allein die Fülle aller Wahrheit, so ist der ‚Begriff Geist‘ nie mit Niedrigem, mit irgend etwas Bösem auf eine Ebene zu stellen. Das habt ihr nun begriffen; selbst unsere Helfer“, er sieht die Räuber freundlich an, „denken drüber nach und ist keiner unter euch, der nicht jetzt seßhaft werden möchte, also doch ein guter Mensch. Der Heilige wird euch helfen.

Nun habe ich noch einen Gang; zwei möchten mich begleiten. Keine Sorge, vorläufig gibt‘s Ruhe, bei euch, bei mir. Rechtzeitig komme ich zurück. Währenddessen habt ihr nichts zu fürchten. Was dann geschieht — seht: auch Weltliches liegt in des Schöpfers Hand! Er läßt es für die Weltlinge aus ihrem Weltsinn zu, hie und da, weil sogar das Böseste Ihm dienen muß. Ansonst kommt alles aus der hohen Willensherrlichkeit des Heiligen, und nichts und niemand kann dem hehren Willen widerstehn!“

Zur Freude Samuels drängt man sich vor, am liebsten gingen alle mit. Machnalo bittet: „Wähle mich, ich kenne Weg und Steg, Freund und Feind.“ Er schlägt sich an die Stirn. „Verzeih, Samuel, dich führt der Herr. Er weiß am besten jeden Pfad, kennt jedes Menschenkind. Immerhin — “ Es sind verläßliche Augen, in denen Wunsch und Bitte liegt. David stimmt gern zu; er ginge selber mit, doch ist‘s hier besser, mit der Schar am Ort zu bleiben.

Nebst Machnalo winkt Samuel dem Fürsten Chaha zu; den engsten Freunden bedeutet er, es möge keiner traurig sein, weil er niemand von der Ramarunde nimmt. Man sieht es ein, daß auf dem unbekannten Weg Machnalo und Chaha wohl die besten sind, die Samuel begleiten können. Khemal sagt, als die drei Männer abgestiegen sind: „Mir kommt‘s nicht ganz geheuer vor, er wird doch nicht …“ „Du meinst“, ergänzt David, „er sucht Bensanar auf, den Verbrecher? Das könnte allerdings gefährlich werden. Was sollen wir da tun? “ Man ratet hin und her.

Zehn Räuber melden sich. „Wir schleichen nach, Samuel wird uns nicht sehen. Geht er zu dem Bärtigen, der ihn töten wollte, dann umstellen wir das Haus; und wehe ihm, wenn er dem Propheten etwas tut samt Machnalo und unserm Fürsten!“

„Nicht ganz übel“, läßt sich Ochnya vernehmen, „doch bedenke ich das Geistige. Samuel sieht es als Prophet, ob es Gefahren geben wird. Wenn ja, dann wäre er bestimmt allein gegangen, niemals hätte er einen von uns ins Verderben mitgenommen. Außerdem stand ich im Kampfe nahebei, der Blick des Bensanar war schwer bekümmert, er sah den Seher flehend an, ob er trotz allem nicht gleich helfen wolle. Ich glaube, ihm widerfährt nichts Böses.“

„Ist auch meine Meinung“, fällt Abelae ein. „Warten wir die Zeit in Ruhe ab. Allerdings könnten zehn Bewaffnete doch folgen. Wissen wir, ob aus des Königs Truppen sich noch mancher lümmelt, die sich von Saul weggestohlen haben? Solche könnten den Propheten fangen, lebendig oder tot — o, er würde triumphieren und sich von Saul ein hohes Tatgeld geben lassen.“

„Ich stimme zu: Marschbereit!“ gebietet David den zehn Leuten. „Bringt uns Samuel gesund zurück, die Begleiter auch.“ „Wenn aber nicht? “ fragt man berechtigt. „Steht ein großer Haufe irgendwo im Hinterhalt, auf Sauls Anweisungen uns zu überwachen, da wäre wenig auszurichten, denn …“ „Wenn es keinen Samuel, unsern Gottesseher gäbe!“ Lamuor hat sich erhoben.

„Ich sehe ihn noch vor mir, am Abend in der Sonnenlohe, wie ein Teil der Sonne, wie GOTTES Feuer, das bei Nacht das Volk und Mose durch die ungeheuere Wüste führte, der Man-hu gab, das Rote Meer zerteilte und — ach, es läßt sich gar nicht alles sagen, was der Höchste immer tut. Wie jederzeit, so wird Er aus der Herrlichkeit und Seinem Schöpferwillen handeln. Ich bin nicht verzagt, ich spüre es direkt: Samuel gewinnt einen Krieg, jenen gegen Rache, Bosheit und Verderben.“

David umarmt Lamuor. „Du hast wahr gesprochen, jeder zeugte vor dem Herrn, du hier am besten. Gottes Güte ist bei uns, wenn es auch noch weltlich trübe ist, was vor uns liegt. Zuletzt wissen wir, um was es ging. Wir erbitten oft das eine und das andere und bedenken, wenn es nicht geschieht, wolle uns der Herr nicht helfen. Ob unsre Bitten glaubensstark und für uns zum Besten sind, darüber denkt man selten nach. Wenn aber das geschieht, was der Höchste vorgesehen hat, dann kommt gewiß, was uns zum reichsten Segen dient, selbst wenn wir wiederholt verzagen.“

Man richtet sich noch besser auf der Höhe ein. Mitkundschafter Machnalos spähen aus, verstecken sich im unteren Geklüft, und kommt die Nacht, da suchen sie die Gegend ab. Doch es zeigt sich niemand von Sauls Heer. Die näheren Bewohner bleiben ohnehin des Nachts in ihren Hütten. —

Was geschieht bei Samuel? Machnalo entdeckt wilde Esel, die sich fangen lassen. So wird der Weg erleichtert. „Weißt du denn, wo der Bärtige wohnt?“ fragt Chaha. Samuel nickt: „In Thekoa, etwas weit nordöstlich Hebrons. Unser Weg führt darauf zu. Überdies — er hat sein Unrecht ernstlich eingesehen, so mit einem Ruck, als sein Kind im Blut am Boden lag.

Gewiß, der Schlag sollte mich betreffen; doch ihm war schon eher aufgegangen, daß er durch sein arges Treiben gegen Nachbarn in die Hände des Gerichtes fiel. Ich war dazumal der Richter, und so suchte sein Haß mich. Wir werden es erleben, wie ein Arger eine gute Gasse finden kann, Gott, dem Heiligen, zum hohen Lob.“

An diesem Tag kommen sie nicht bis nach Thekoa, doch am nächsten Morgen sind sie in zwei Stunden dort. Sie binden ihre Esel an die Futterkrippe, die meist in kleinen Orten oder Dörfern vorzufinden ist, tränken noch und lassen sie versorgt da stehen. Niemand nimmt sie weg. Das Haus des Bensanar wird leicht gefunden.

Man bleibt vor dem Hause stehn, Zanken und Gejammer ist zu hören. „Jetzt können wir“, sagt Samuel. Er pocht an die Türe; es dauert aber eine Weile, bis im Spalt das Gesicht des Bärtigen sich zeigt. Erst wollte er nicht öffnen, er witterte Gefahr, weil er mit seinem Kind ganz offen sich vom König löste. Darauf — hat Saul wiederholt getan — steht der Tod.

Als Bensanar den Seher sieht, kommt Angst über ihn. Als er aber Chaha und Machnalo erblickt, fühlt er sich erleichtert. Die Männer treten ein. Es ist ein kleiner etwas düsterer Raum, mit wenigem Gerät versehen, dennoch sauber und ordentlich geräumt. Auf einem Bett liegt Barara. Sehr bleich ist ihr Gesicht, offenbar hat sie noch starke Schmerzen. Neben ihr hockt die Mutter, sie wirft ihrem Manne böse Blicke zu.

„Oh!“ Eilig steht sie auf und schiebt den Männern Schemel zu. Sie hatte Samuel gesehen, als man Bensanar einst holte. Damals stand sie sofort auf des Richters Seite. Denn vorher hatte sie von ihrem Mann viel Leid erfahren. Was er Böses tat, da versuchte sie, soweit als möglich wieder gut zu machen, meist allerdings mit Worten; mit Taten konnte sie es nicht.

„Ich bin gekommen“, sagt der Prophet, „um nach euerem Kind zu sehen. Du“, wendet er sich an die Mutter, „bist zwar im Recht, zu zanken, weil deine Tochter durch die Schuld des Vaters leiden muß. Aber sieh“, er legt eine Hand auf ihre Schulter, „Geschimpfe hat nie einen Zweck, damit ist nichts gut zu machen. Oder —“ sie fällt förmlich vor dem Seher nieder. Er bückt sich, während Machnalo sie auf einen Hocker hebt.

„Hast recht, großer Gottesmann; allein mein Leid und meine Sorge und …“ „Alles sehe ich, Sarah, deswegen bin ich da. Löse deinen Schmerz, gib dich auch darin Gott, dem Höchsten hin. Er wird, Er kann dir helfen.“ „Durch dich“, ruft sie ehrerbietig aus; Samuel wehrt leicht lächelnd ab.

„Der Herr braucht keinen Menschen, keinen Engel, durch die Seine Kraft sich offenbart. Tut Er es, so einzig uns zur Freude und zum Segen.“ Er geht auf die Kranke zu, die mit heißen Blicken Segen sich erfleht. Samuel legt Barara die Hände auf und spricht „Im Namen unseres Hohen Herrn, du sollst gesunden! In einer Woche kannst du wieder deine Arbeit tun. Daß es nicht gleich geschieht“, dreht er sich dem Manne zu, „kommt auf deine Rechnung.

Noch manches ist in deinem Herzen auszuroden. Das kann bei jedem Menschen sein, wessen Seele sich dem Argen beugt. Da gibt‘s dann Haßgedanken und des Üblen mehr. Das trifft auf dich, Bensanar, oder sagen wir: so bist du gewesen.

Ein Unglück schreibt der Mensch den anderen zu oder — GOTT!, der nie ein solches sendet. Das schaffen sich die Menschen selbst. Geht es durch des Höchsten Hand, daß Er obendrein darüber wacht, dann, wer es will, kann aus dem Unglück einen Segen haben. Das ist hier geschehen“, Samuel zeigt auf die Familie. Scheu verhalten sich in einem Winkel noch zwei Buben. Ach, wenn der Vater böse war, gingen sie ihm aus dem Weg oder suchten bei der Mutter Schutz, die des Schutzes selbst bedurfte.

Jetzt weht im kleinen Raum ein anderer Wind. Noch zeigt Bensanar die ‚barsche Mannesseite‘, er schämt sich vor sich selbst, sowohl des früheren Wandels wie nun der Umkehr wegen. Die Familie hatte es gemerkt, als der Vater, mit dem Mädchen auf den Armen, keuchend und erschöpft, die Hüttenschwelle überschritt.

„Wie brachtest du die Tochter her?“ fragt Chaha. „Unmöglich, sie bis nach Thekoa zu tragen!“ „Doch“, klärt Samuel es auf, „er hat sie bis hierher geschleppt. Das, Bensanar, war deine Sühne, die du GOTT schuldig warst. Du denkst, die Sühne hätte mir oder deinem Kind gegolten. Doch dem Herrn — ? O merke auf: du hast dir niemals überlegt, wenn du jemanden geschädigt hast, daß dieses eine Sünde sei. Jede Untat geht grundsätzlich gegen Gott.

Du sinkst in dich zusammen“, Bensanar beugte sich, als würde er geschlagen. Er sieht vor sich seine Frau, auch seine Kinder, die sich duckten, wenn er wütete. Gottes Abrechnung! „Genau“, holt der Seher den Gedanken aus dem armen Seelengrund hervor. „Es bleibt GOTTES Recht, Seine Abrechnung, wenn das Böse an das Licht der Sonne kommt, sich also offenbart. Es kann der Mensch sich nicht vor Gottes Licht verstecken.

Heimlich hast du auf dem weiten Weg gefleht, wie das Bittere zu bewältigen wäre. Dein Kind, von dir geschlagen, wollte gar nicht zu sich kommen, obwohl der Herr das Bluten stillte. Mehrmals warst du am Zusammenbrechen, suchtest Hilfe, um Barara heimzubringen. Doch dann sagtest du dir vor: ‚Es soll mir niemand helfen, ich muß allein die Schande sühnen. Und das will ich tun, indem ich meine Tochter selber trage.‘

Du bist eben vor uns eingetroffen, weshalb dein Weib noch mit dir zankte, als es die Tochter wie gestorben vor sich liegen sah. Ah, du dachtest ans Verderben, für mich; dabei hat nicht viel gefehlt und du warest tot. Saul hatte seinen Speer erhoben, bloß des Mädchens wegen hatte er gezögert. Den Augenblick benutzte Machnalo,“ Samuel zeigt auf ihn, der sich verwundert, weil der Prophet auch das gesehen hat, „und schob andere und sich dazwischen. Indessen bist du aus dem Kampfgewühl herausgewesen.“

„Ach“, murmelt Bensanar, „unverdient, unverdient.“ Er streckt die Hände aus nach Samuel, Machnalo und nach Chaha.. „Niemals kann ich dafür danken, nie ist wieder gutzumachen, was — und es wundert mich, daß Gott so gnädig mit mir war, durch euch, ihr Männer.“ „Wer ernstlich will“, betont Fürst Chaha etwas streng, „kann alles, zumindest vieles wieder ordnen. ‚Wiedergutmachung‘ ist bei Gott ein oberstes Gesetz! Das schreibe dir ans Herz, Bensanar; und hältst du dich daran, so zeigt dir unser Gott den Weg, durch den auch dein Verschulden abzutragen ist.

Denke nicht, abgesehen von der Wunde, deinem Kinde zugefügt, dazu nicht gewollt, und gegen Gott, wie Samuel es deutete, du hättest ja das Böse nicht getan. Weißt du, was das ist?“ „Ich“, der Mann stockt. Wohl fühlt er, was zu sagen wäre, aber vor der Frau und vor den Kindern — er sieht gerade, wie sie mit den Kindern in das andere Gemach gegangen ist. So fühlt er sich befreit, und dennoch drückt die Last auf seiner Seele.

„Ich sage dir“, spricht Chaha weiter, „lügenhafte Ausreden wären es, wenn der Gedanke haften bleibt. Doch ich glaube“, Samuel nickt dazu bedächtig: „Ganz recht“, ergänzt er Chahas Hinweis, „wer mit Ausreden etwas zuzudecken sucht, der lügt sich selber an. Und das, Bensanar, können ärgere Lügen sein als jene, mit denen man gern andere übertölpen will.

Wie der Höchste das betrachtet, merkst du endlich selbst. Kehre in dich ein; böses Vorhaben ist an sich schon eine Tat. Es lag nicht in deiner Macht, und am wenigsten in deinem Willen, die Tat nicht auszuführen. Daß sie unterblieb, war Gottes wundersame Führung. Es sei hier einmal ich zuerst genannt: Sieh, mich solltest du nicht treffen, da das Ende meines Lebens wie meinen ganzen Weg der Heilige bestimmt. Zum andern war es eine für dich freilich unverdiente Gnade. Darin hast du völlig recht.

Man kann jedoch ein Unverdient sich nachverdienen. Dessen bist du willig und also wird der Herr dich leiten, dich und dein Haus. Gib dich Ihm hin und wandere fort. Wende dich weit weg, nach Japhi an das Große Meer (Mittelmeer); daselbst findest du genügend Arbeit, dort wird dich niemand suchen.

Saul ist wütend, weil er dich nicht traf. Er stellt schon Häscher auf; aber“, wieder jenes liebe leise Lächeln, das sein Altgesicht verschönt, „nicht weit ab warten auf uns Männer aus der Schar des Machnalo; die geleiten dich und die Familie. Nehmt nur das Nötigste mit, überlastet eure Esel nicht, um so unauffälliger unter Gottes Schutz und Schirm könnt ihr fliehen.“

„Wie? Nachgeschlichen?“ fragt Machnalo. Er war früher bei den Räubern, doch hatte er sich abgesetzt, als er David einmal in der Wüste traf. Ihm führte er die Bande zu und war der Verläßlichste geworden. „Warum sind die hinterdrein gekommen?“ „Nur für uns drei, mein lieber Machnalo, war es nicht nötig, du siehst aber ein, wie herrlich Gottes Gnade wirkt. Er hat es eben vorgesehen, sie sollen Bensanar und die Familie decken, auch unauffällig. Um so leichter können sie beschützen.“

„Das versteh‘ ich wieder nicht“, wagt der Mann den Einwand. „Ich ziehe gern hier fort, also hätten wir den Schutz des Herrn.“ „Gut bedacht“, lobt der Prophet, „wirst aber lernen müssen, vor allem das: Gottes Wundertun ist oft geheim; man merkt es nicht oder denkt, das tun die Menschen selbst. Gewiß! Der Mensch kann vieles selber tun, wenn er im Willen Gottes steht. Dann sind es die Gedanken, man sagt auch Eingebung, die das Richtige zu tun erkennen läßt. Manchmal aber, wo es noch nicht möglich ist, wo die Seele sich nicht völlig öffnet, läßt Gott die Gnade über andere gehn. Das ist hier bei dir der Fall.

Unsere Bewacher“, sagt er heiter, „hat der Herr gewählt, ohne daß sie selbst es wissen. Nun wollen wir sie holen.“ Sofort ruft Bensanar sein Weib herein, überlegt und fragt, wie es mit Barara denn stünde, die nicht mit reisen könne. „Doch“, entgegnet Samuel, „zwei Tage habt ihr Zeit, um alles herzurichten, bis dahin ist sie reisefähig. Du, Bensanar, mußt sie umsorgen, das ist deine Pflicht und Schuldigkeit.“ „Wohl, das will ich tun. Wenn ich dir nur danken könnte, Samuel, du hast mich gerettet, und — und — hm, vor allem meine Seele“, bekennt er offen.

Indessen stöbert Machnalo die einstigen Kumpanen auf. Ohne Frage unterstellen sie sich ihm. Als sie des Propheten Weisung hören, ist es ihnen eine Ehre, ihm zu dienen. „In vier Wochen,“ sagt er freundlich, „trefft ihr auf Davids Heer. Haltet euch ab Japhi in der Nähe von Beth Horon auf, dort warten seine Kundenreiter. Weiteres ergibt sich dann von selbst.“

Daß er, Samuel, dann nicht mehr lebt, was für Israel Verwirrung bringt, zu Sauls Schaden, während Davids Truppe sich vermehrt, läßt er jetzt noch niemand wissen. Früh genug wird der Umsturz kommen. Bevor er weiterreden kann, stürzt ein Melder in das Haus, atemlos vom jagenden Ritt. „Fürst Chaha“, er übersieht vor lauter Aufregung den Seher, „Saul sammelt sich schon wieder! Die Spitze steht nahe bei Jerusalem. Unverständlich, wie der König seine Leute rasch zum Einsatz bringt.

Zwar wären seine Haufen (Abteilungen) nicht geordnet und zwei von seinen besten Führern sollen abgewichen sein. Es war doch gut, daß David mich gen Norden schickte, Saul zu folgen; so kam mir einer in die Hand, der mir es verriet. David bittet, gleich zurückzukehren, er hält einen großen Rat.

Ach“, verneigt er sich vor Samuel, „verzeih, ich hab‘ dich nicht beachtet, ich war zu aufgeregt. Gerade dich bittet David, ihm mit deinem Rat zu helfen. Komm“, winkt er, „es eilt, sonst …“ „Gemach, mein Freund, so heiß ist die Suppe nicht, wenn‘s auch stimmt, was du zu melden hast. Und du, Bensanar, sei ohne Angst, die Begleiter bleiben hier, wie ich es vom Herrn zu sagen hatte.

Euch allen zur Beruhigung. Saul wird aufgehalten, weil hoch im Norden diesmal Syrier im Anmarsch stehn. Sind zwar für Philistrien bestimmt, doch die reiche Nordgemarkung Israels wollen sie nicht ungeschoren lassen. Saul muß sich also teilen; mit nur einer Hälfte wagt er nicht, nach Siph vorzustoßen. Er muß warten, bis im Norden die Entscheidung fällt.

Das dauert wohl nicht lang, die Syrier ziehen sich zurück, sobald sie merken, daß Saul gegen sie gerüstet hat. Sie wissen nicht, daß er sich teilen muß. Also haben wir, vor allem David, noch ein wenig Zeit“, Zeit, denkt der Seher weiter, bis — ‚Bis ich heimgegangen bin.‘ Man bricht auf, David soll nicht warten, er könnte ja aus Sorge einen Fehler machen, in die Wüste Siph hinabzusteigen. Was beinah geschehen wäre.

Bensanar dankt Samuel, Machnalo und Chaha er verspricht, stets daran zu denken, was geworden wäre, hätte er die Hilfe Gottes durch die treuen Leute nicht gehabt. Die drei Männer nehmen ihre starken Esel. Flink geht es südwärts, aber auf den Nebenwegen, die Machnalo besonders kennt. Man trifft bei David ein, als er mit seinen Mannen abwärts steigen will.

„Halt!“ winkt Chaha schon von weitem mit dem blauen Tuch, das sie in verschiedenen Zeichen wehen lassen. David war bedrückt, allzu fern des sicheren Gebirges mit Saul kämpfen müssend. Noch hat er keine große Schar, im Volke keine Obermacht an Stimmen, wenngleich manche von dem König abgewichen sind. Doch wer ist fest auf Davids Seite? Die Lauen warten ab, wer zuletzt den Sieg behält. Ist auch ein Zeichen für den Glauben, eines von den ernstesten. Man erwartet, ob man sich Gott ganz ergeben soll oder ob nicht doch die Welt den besseren Gewinn verspricht.

‚Diese Lauen‘, offenbart der Herr dem letzten Jünger, ‚will Ich ausspeien aus Meinem Munde‘ (OJ.3,15-17). Johannes wird es erst im Jenseits merken, was das ‚harte Wort‘ besagt. O ja, Gott wird sie erst aus weiter Ferne lenken, weil ohne Gotteslenkung nie ein Leben existieren kann. Wenn die Lauen sich am Boden liegend fühlen, jenseits merken, das Gute abgetan und sich nun nach langer Zeit reuig nach dem Lichte sehnen, dann erst deckt der Herr Sein Zornwort zu, den heiligen, den HEILSzorn, der so wichtig ist, wie der Odem für die Menschen, für die Kreatur.

Also finden auch die weltlich Lauen keinen echten Anschluß an das Gute, an eine Führung, die gesegnet ist. Das sieht Samuel, als er von Machnalo gestützt, den steilen Stieg erklimmt. David springt entgegen, wie ein Sohn zum Vater eilt, umarmt ihn stumm und bringt ihn mit zur Höhe. Wahr — das Alter eines Menschen läßt sich nicht verwischen, auch nicht bei einem Gottesseher.

Wie war Mose in den letzten Jahren seiner vielen Mühen manchmal schwach, wie erging es Abraham, Josua und anderen am Ende ihrer Lebenszeit auf dieser Welt. Genau so wird es später vielen anderen ergehen. Da galt bereits und immer das Wort des Herrn: ‚Wer sein Kreuz nicht auf sich nimmt und folgt Mir nach, ist Mein nicht wert‘ (Matt.10,38) Es ist, als ob Samuel dies hört; er beugt sich unter seines Kreuzes Alterslast. ‚Unter das so kleine‘, sendet er den stillen Dank hinauf an Gottes Thron.

In der größten Höhle sammeln sich die Führenden. Als David Gottes Trost vernimmt, singt er ein Lied (Ps.111,1), kniet nieder, alle tun es nach. Es freut Samuel so sehr, daß trotz Krieg, Widerwärtigkeit und Rauheit die Männer sich vor Gottes hehrem Wesen neigen, wenn da auch mancher dieses Innigste, an diesem Tag dargebracht, verlieren wird.

‚Des‘ Glaubens Kern werde ICH bewahren‘, streicht Gottes Stimme über des Propheten Seele hin, als derselbe leicht bekümmert daran denkt, wie wankelhaft der Mensch beschaffen ist; ‚Was sind für Mich die Zeiten eines Menschen? Und die Zeiten eines Menschen? ‚ was jene, wenn sie im Jenseits ihre weiten Wege gehen müssen? Und immer unter Meiner Segenshand, Mein Samuel, dessen sei gewiß!‘

‚Auch meine Pfade, lieber Vater, wollest Du bedenken, was noch vieles abzulegen ist,‘ ‚Darüber spreche ich mit dir, sobald du Mir im Licht begegnest. Lasse dir genügen, wie Ich mit dir abzurechnen habe.‘ ‚Ein bißchen bang ist mir um diese Abrechnung; denn schaue ich zurück auf meinem mageren Beihilfsweg, sehe ich im hohen Alter meine Mängel, was …’

Es ist wie eine Hand, ganz lind und Warm, die Samuels Gedanken streichen. Keiner von den Männern, der nicht merkte, daß der Seher in der Schau versunken war. Und keiner fragt: ‚Samuel, was hast du erlebt?‘ Die heilige Scheu hindert sie daran. Gerade dadurch kommt der Segen aus der Schau mit über sie.

← Zurück zu „Der Eine“