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Kap.16 – Die armen Waisen; stilles Lastentragen für die Zukunft; Jesu hohe Lehre

Kapitel 16

Die armen Waisen; stilles Lastentragen für die Zukunft; Jesu hohe Lehre; die freundlichen Leute; letzte Einkehr auf der Welt; falsches Asketentum; Gottes Gespräch.

Lange steht die Wirtin mit den Kindern da, bis eine Erderhebung die Scheidenden verdeckt. Einmal drehte sich der Seher um. War es des bösen Chosoa wegen?’ für das Gute bei der lieben Frau – ? Oder mehr ein Rückblick auf das ganze Leben. Daß er ob des Alters diese Welt verlassen wird, ahnen seine Freunde, die mit ihm des Weges ziehn. Ganz gewiß? —? Klammert sich der Mensch trotz Ahnung doch nicht an die Hoffnung: er kann uns nicht verlassen, er muß — — und müßte doch die Schau zum Höchsten gehn, zu dem EINEN’ der über alle Kindesgassen wacht.

Sie kommen heute rasch voran. Die Tiere, gut gefüttert, traben unermüdlich, und so sind sie nahe Ophra, als sich der Tag zur Ruhe rüstet. Zwei Gestalten hocken da am Rand des Weges. Sie laufen, um den Reitern zu entrinnen. Nahe ist ein Busch. Khemal springt rasch ab, eilt auf die Gestalten zu und ruft: „Bleibt stehn, wir tun euch nichts! Wenn ihr Hunger habt, dann kommt her, wir halten eben eine kleine Rast.“

Es sind zwei junge Menschen, ein Mann und eine Frau. Noch wittern sie wie Tiere: kann man trauen? Khemals freundliches Gesicht, im Abendschein leicht zu erkennen, gibt den beiden die Gewähr, daß sie nichts zu fürchten haben. Indessen sind die andern auch von ihren Eseln abgestiegen, setzen sich am Wegrain nieder, Samuel in ihrer Mitte, und packen ihre Beute! aus.

„Kommt“, winkt Samuel, „haltet mit!“ Der junge Mann tritt näher. ‚Ja, ich und meine Schwester haben Hunger. Wir besitzen nichts und auch kein Geld, haben schon seit Tagen nur gebettelt. Was das zu bedeuten hat, wird ein Reicher“, verständlich, daß der Jüngling anzüglich auf die Reiter zeigt, „kaum verstehen. Ihr seht freilich anders aus, sonst hättet ihr uns nicht gerufen und wir danken, wenn wir was bekommen können.“

Der Junge ist erst neunzehn Jahre alt, seine Schwester siebzehn, wie sich‘s im Gespräch ergibt. Samuel greift nach des Jungen Hand:

„Lieber Berechsa, du wähnst, wir seien reich, weil wir beritten sind und zu essen haben. Euch zwei, dir und deiner Schwester, soll es von nun an besser werden. Sieh, Gott gab uns allezeit, was wir benötigten. Weltreich sind wir nicht.“

„Herr, woher weißt du meinen Namen? Bist du vielleicht ein — ein Häscher?, zeigst dich freundlich, um uns einzufangen? Das gelingt dir nicht. Eher werden wir …“ O ja, sie hatten es erwogen, lieber sterben oder in die Fremde fliehen, als wiederum zurück zum harten Oheim, der sie arg geknechtet hat.

„Ich kenne euer Leiden.“ So mild gesagt, daß das Mädchen weinen muß. Wann jemals hörten sie ein gutes Wort? Abelae ist das Mitleid selbst, nimmt es an die Brust und streicht übers ungepflegte Haar. „Weine nur, so jung und bald am Ende deiner Kraft. Warte jetzt ein Weilchen, du wirst getröstet, dein Bruder auch.“ Judith dankt mit einem Blick und ist sicherlich des Lichtes Führung, daß sie sich zu Samuels Füßen niedersetzt. Dieser sagt:

„Hast einen guten Platz gewählt, mein Kind. Aber gleich gedeutet: nicht zu meinen, zu des Gottes Füßen sollst du sitzen. Er“, Samuel zeigt auf sich und die Geschwister, „führte uns zusammen. Der Oheim darf über euch nicht mehr bestimmen; das erledigt Chaha, der Fürst von Israel.“ ,,Woher kennst du ihn? Woher weißt du das vom Oheim?“ Berechsa wundert sich. Noch wohnt Mißtrauen in ihm, zu viel hat er in seinem jungen Leben durchgemacht. Da kann sich ein Gefühl nicht sofort wenden. Das weiß der Seher, denn er sagt und zieht Berechsa dicht an seine Seite:

„Durchaus verständlich, weil du zumal für deine Schwester Böses fürchtest. Hast sie oft beschützen wollen und konntest nicht. Sieh Gott hat mir euer Schicksal angezeigt und in die Hand gelegt.“ „Du hast uns also vorher nicht gekannt?“ „Nein, mein Junge. Noch bist du altersmäßig nicht so reif, um alles zu verstehen, bist jedoch einsichtsvoll und mit Güte leicht zu lenken.“

„Ich bin nicht klug, wir durften ja nichts lernen, durften bloß aus ‚Gnade‘ schuften.“ Bitterkeit steigt in Berechsa hoch. Chaha denkt wieder einmal: ‚Der kann auch etwas erleben‘, womit er den Oheim meint. Den wird Samuel ihn nennen und bei Gelegenheit zieht er ihn zur Rechenschaft, zwar vor einem Richter. Samuel bestätigt es mit einem Augenwink.

Er nennt jetzt seinen Namen und er wäre Gottes Seher. „Du? “ Der Jüngling rückt zur Seite, während Judith ihre Tränen an des Sehers Kleidsaum trocknet. In ihr steigt leichte Frohheit auf. Ist es der Prophet — man hat natürlich auch von ihm gehört —‚ dann ist ihre Leidenszeit vorbei.

„Samuel?“ fragt Berechsa. „Von dir wurde hie und da gesprochen, der Oheim lachte über dich, die Kumpanen schimpften, du hättest erst den Saul gesalbt, wärest dann zu David umgeschwenkt, der es mit den Räubern hielte. Was du prophezeitest wäre falsch. Ich habe nie was anderes von dir gehört.“

Ziemlich ratlos ist Berechsa. Forschend sieht er in das gütige Gesicht. Das wirkt ganz anders, als durch die Schmähung über ihn gedacht, richtiger nichts gedacht. Er kannte ihn ja nicht. Daß der Oheim selten mal von jemand etwas Gutes sprach, war stadtbekannt. „Du siehst anders aus, als ich hätte denken können, weil man böse von dir sprach. Andere Leute lernten wir nicht kennen. Wir durften niemals aus dem Haus; denn der Oheim hatte einen Knecht, genauso arg wie er, der mußte uns bewachen, all die vielen Jahre. Was das bedeutete — wer kann das ermessen?

‚Ja, ihr Kinder, das weiß ich wohl! Nun bedenket, wie es kam, daß ihr dennoch fliehen konntet.“ Erwidert Berechsa: „Zum Denken gab es keine Zeit. Der Oheim war für einen Tag verreist, da brach gerade sich der Knecht den Fuß. Das war die Gelegenheit. Es war allerdings geheuchelt, als ich sagte, ich würde unseren Hirten holen, der oft Brüche heilen konnte, und Judith ginge gleich nach Brunnenwasser, um seinen Fuß zu kühlen.

Wir liefen weg, so wie wir waren; nur zwei Brote und ein Krüglein haben wir entwendet. Ist das gestohlen?“ Aufsässig gefragt. „Das war nicht gestohlen. Im Gegenteil: ihr waret noch zu klein, als die Eltern starben. Sie waren nicht ganz arm. Häuschen, Feld und Garten und auch etwas Geld war vorhanden. Das alles nahm der Oheim einfach weg und ich rate euch: schaut nicht darauf zurück, laßt ihm seinen Raub, davon hat er keinen Segen! Ihr beide seid gesegnet.“ Samuel legt den Geschwistern seine Hände auf, wie stets mit innerlichem Flehen: ‚Herr, segne diese Deine Kinder!‘

Das letzte Stückchen Eis ist bei Berechsa geschmolzen. „Ich und Judith wollen tun, was du uns gebietest. Endlich kann ich wieder glauben, an die Menschen und an Gott. Jetzt erkenne ich: es war die Führung Gottes. Der Onkel fort, der Knecht ans Stroh gefesselt und heute dir, dem hohen Seher Gottes, auf der Flucht begegnet! Komm, Judith“, ruft er freudig aus, „komm, laß uns innigst danken, dem Propheten Samuel, auch seinen Freunden und — “ „ — und zuerst des Herrn gedacht!. Vergeßt das nicht, ihr Kinder!“

„Bis nach Bethel rüsten wir euch aus. Vor der Stadt begegnet euch ein Mann, aus Davids Truppe einer, der nach mir fragt.“ Daß David bald der nächste König wird, verschweigt Samuel, das ist vorläufig nichts für diese jungen Leute. „Dem Manne könnt ihr sagen, ich wäre wohlbehalten auf dem Weg nach Rama; und euch hätte ich im kleinen Herbergshaus bei der Wirtin Maga vorgemeldet, der Mann möge euch dahin begleiten.

Nun kommt, unter unserm Schutz, über dem der Schutz des Höchsten waltet, könnt ihr schlafen und morgen in ein neues Leben gehn. In einem nehmt die Mahnung hin: seid treu und fleißig, das verdient die Frau, Berechsa. Passe auf, daß Maga kein Gesindel mehr belästigt. Leider gibt‘s in Israel, wie anderwärts, so manchen Dunkelmann, dem in nichts zu trauen ist.“

Samuel berichtet den Geschwistern wie daselbst die Lage ist, von dem Geizhals, von dem großen Herbergshaus und manches mehr. Spontan reckt der junge Mann die Arme hoch. „Sieh, Samuel, zu etwas hat die harte Arbeit doch geholfen: ich habe Kraft, leichthin kann mir keiner widerstehn. Dem Gelichter mach‘ ich Beine!“

„Na“, meint Lamuor lachend, „deine Muskelkraft in Ehren; denke jedoch stets daran, keinem andern einen Schaden zuzufügen. Wirklich ist es des Bedenkens wert: es gibt schon Fälle, wo man sich nicht anders schützen kann, als seine Fäuste zu gebrauchen. Der viele Krieg“, ein schwerer Seufzer ist zu hören, zu dem alle ihren Beifall geben, „und besonders in dem eigenen Land ‚oh!, Bruder gegen Bruder — wie wird da gehaust!

Nun“, schwächt Lamuor ab, „du bist brav, Berechsa, das sieht man deinen Augen an, wirst schon richtig handeln. Denn wen GOTT über unsern Samuel erwählt, der hat ein freundliches Gemüt. Denk‘ jetzt nicht an Saul, den Israel gewollt und auch bekommen hat. Das war keine Auswahl, war nur gesalbt, weil die Menge sich an äußerliche Dinge klammert.“

Berechsa betastet seine Hände. O nein, wirklich schlagen will er nicht. Immer hat‘s ihm widerstrebt, hat oft ein schutzloses Tierlein vor der Rohheit mancher Burschen retten können. Auch der Oheim war ein roher Kerl, was Berechsa aufgewiegelt hat und ihn hassen ließ. Heute hat er etwas anderes erlebt, gelernt; nunmehr kennt er seinen Lauf. Wortlos drückt er Samuels Hände, auch die der Freunde; die Judith wird dafür von allen fest umarmt.

Ein neuer Morgen. „Bis ihr nahe Bethel kommt, da vermeidet jeden breiten Weg“, mahnt Chaha die Geschwister, „wenn wir uns auch unter Gottes gnadenvoller Führung wissen. Der Mensch hat den Verstand bekommen, er kann vernünftig handeln. Bald sehen wir uns wieder, sobald die Sache mit dem Oheim ausgetragen ist.“ „Dafür sei dir sehr gedankt, edler Fürst“, sagt Berechsa, während Judith Chahas Hände küßt. Und Samuel wird umarmt. Es erfüllt sich, was der Seher hier bei diesem Gnadenakt gewirkt, vorausgesehen hat. —

Man ist weiter einen Tagritt in das nördliche Gebiet gekommen. Im Süden war die Strecke sicherer; nun heißt es aufgemerkt! Da hört man hinter einem niederen Bergzug Waffenklirren und Geschrei. Der Fürst verhält. Nahebei ist ein schmales Seitental; von dem zweigen kleine nicht sehr hohe Schluchten ab. Immerhin bieten sie zunächst den besten Schutz. Man begibt sich in die erste, die besonders überwuchert ist von viel Gestäuch und hohem Gras, das den Tieren Nahrung gibt. Dazu ein kleines Wässerlein, ungetrübt, löscht bei Mensch und Tier den Durst.

Chaha schleicht spähend über Felsgestein. Eine Schar, unverkennbar Davids Leute, wird bedrängt. Die Freunde tragen Waffen, allein sie sind nur sechs, Samuel ist auszuschließen, und das reicht nicht aus, den Bedrängten beizustehen. Da fällt ihm ein: ihm ist möglich, Tierlaute nachzuahmen. Vor irgend welchen Bestien reißen auch die tapfersten Soldaten aus. Er legt beide Hände an den Mund, und so klingt‘s von seiner Höhe in das nahe Tal hinunter wie das Fauchen eines Tigers. Zwar gibt‘s in dieser Gegend keine, aber Feneke und sogar Hyänen kommen manchmal vor …

Immer wieder laßt er sein Gebrüll ertönen. Und siehe da — Sauls ‚Tapfere‘, sie sind es, die die andern überfallen haben, horchen ängstlich auf und reißen in fast zügellosen Fluchten aus. Die Männer Davids aber lauschen, sie kennen ja die Kunst des Fürsten. Schon winkt er mit einem langen Zweig bestimmte Zeichen, die man in der Wüste immer angewendet hat. Erleichtert klettert man nach oben und fällt förmlich vor dem Fürsten hin.

„Das war die Rettung in der höchsten Not“, ruft der Rottenmann. Er berichtet, daß sie ein Vorstoß wären, um zu erkunden, ob Saul in dieser Richtung reguläre Kräfte stehen hätte. David wolle endlich nach dem Norden dringen, sein dauerndes Verstecken in der Wüste Zin zerre sehr an seiner Ehre.

„Kommt!“ Der Fürst klettert in die Schlucht zurück. ‚Jetzt ist‘s wie oft erwiesen“, freut sich der Rottenmann, „nicht nur des Herrn Lehre bringt uns Samuel, er weiß auch für die Welt zu helfen. Ich möchte friedlich leben, Weib und Kinder haben und — na ja, wäre es nicht höchste Zeit, daß Israel die rechte Gasse geht, statt Bruder gegen Bruder kämpfen? Andere Feinde gibt‘s genug.“

„Wohl einem jeden, der so denkt“, lobt Samuel. „Schlagt euch zum Jordan durch, dort seid ihr ungefährdeter und sagt David, er möge ein paar Wochen warten, seine Sache würde sich bald wenden. Wer später will, der lege dieses Handwerk nieder und sehe zu, daß er zum Frieden kommt. Ach ja“, auch Samuel muß seufzen, „die letzte Menschheit hat mit ihrem ersten Brudermord (Abel) den Gottespfad verlassen und werden Kriege sein, so lang die Welt besteht — leider. So bleibt nicht aus, daß es Krieger geben wird.

Wehe aber jenen Letzten, die die Menschen dazu zwingen, Waffen in die Hand zu nehmen, zu Tod und höllischem Verderben! Dann“, Samuels Antlitz leuchtet wie von fernem Schein umhüllt, „wird ein letztes ‚Mene tekel‘ sich auf alle Welt ergießen, nicht von GOTT geschickt! Nein, die weltlich Großen schaffen es und ungezählte Kleine tappen hinterdrein. Wenn da die unverstandene Barmherzigkeit des Höchsten plötzlich machtvoll ‚Halt‘ gebietet, so mag wohl der Menschenrest noch zur Besinnung kommen. Wenn —

Samuel sieht, wie die Materie ins Nichts versinkt, und wie bloß Gottes Helligkeit äonfach widerstrahlt und es nichts mehr gibt als FRIEDE, SELIGKEIT, des Schöpfers Herrlichkeit. Das ist jetzt zu verdecken, auch würden es die Menschen seiner Zeit nicht fassen. Aber Gottes guter Seher hat das Bild von seiner Himmelsheimat her gesehen, und er weiß: über allem Leid, in der Materie wütend, sind gute Vaterhände ausgestreckt. Er wird das Bild mit in die Heimat nehmen, wird mit anderen einst tragen helfen, bis der Schlußakt der Erlösung sich erfüllt.

Versunken sitzen alle da und ist keiner, der es nicht merkt, daß Samuel eine Last zu tragen hat, die nicht er bewirkt. Sein Gesicht verändert sich, wird wieder ‚menschlich‘, denken seine Freunde. Man atmet auf. Rashi bringt ihm einen Trunk, Khemal hängt ihm einen Mantel um, und jeder sucht, dem Prophet zu dienen. Ebenfalls ein Gottesdienst. Das Bild hat sich verzogen, Samuel sieht in die Runde und wie immer spricht er freundlich, lebensnah:

„Es war eine schwere Schau in eine ferne Zeit, und es hat mit uns jetzt nichts zu tun, Ich danke euch für euere Liebe, die gesegnet ist. Nun“, sagt er zum Rottenmann, „geht von hier fort; denn die euch überfallen haben, holen schon Verstärkung her. Morgen in der Frühe sind sie da. Wir machen uns auch auf den Weg. Der Herr, der gute Vater, sei mit euch allen.“ Sie knien nieder, die kleine rauhe Schar, dabei merken sie noch einmal mehr, wie unsinnig alle Fehde ist, wie man anders leben sollte. Von denen ist in Zukunft keiner, der beim Waffendienst verbleibt. — —

Man hat noch einen halben Tagesritt bis Rama. Fast hastig strebt der Seher vorwärts, er, der allezeit die Ruhe selber war, der aus dem Geist allein sich treiben ließ. Manchmal überschatten sich die Augen; dann wieder liegt ein wundersames Glänzen in dem Blick, der auf seinen Freunden ruht. Er hat auch nicht mehr viel gesprochen und die anderen machten es ihm nach, weil sie den Abschied spüren, ohne ihn zu wissen. Samuel spürt und weiß.

Sie halten Mittagsrast in einem sogenannten Tageshaus, geführt von einem Ehepaar, das, absolut nicht reich, immer Wanderer zum Essen eingeladen hat. Zum Übernachten gibt es keinen Raum. Dieses Haus ist allgemein bekannt und sonderbar mag sein: bisher haben weder Saul noch Feinde diesen Leuten Schaden zugefügt. Soll es denn den Segen haben? Könnte hier der HERR das Zeichen setzen: wer anderen freundlich hilft, dem wird geholfen?!

Ganz gewiß. Bloß nicht gedacht, daß Gott, in Seiner Güte, keinen anderen bedenkt, niemandem sonst hilft. Nicht erst als Heiland wird Er lehren, was bei Ihm ewig gilt:

‚Liebet euere Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen.‘  (Matt.5,44)

‚Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben?‘ (Matt.5,46)

Ewig war, ist und bleibt das SEINE Lehre! Ist sie das, wie könnte Er, der das Leben schuf, denn die Gebote geben, Selber aber anders handeln? Ist ER nicht der Höchste der Gerechtigkeit?! Das bleibt bestehen, wenn darüber hinaus während eines Lebensweges wohl ein guter Mensch den Trost erhält, ein unguter in seine eigene Grube fällt. Es ist jede Sünde abzugelten; ein und jedes gute Wort, jede fromme Tat erhält den Lohn, früher oder später, wie es dem Herrn zum Segen Seiner Kinder wohlgefällt.

Heute so wie damals denken manche, die Guten kommen in das Reich des Lichts — und rechnen sich dazu, armen Irrgegangenen gelten Tod und Hölle. Wie der Ewige regiert, ach, welcher Mensch erkennt denn das? Wer Seine Lehre aufzunehmen weiß und danach tut, wie es jene Leute tun, zu denen Samuel den müden Esel lenkt, weiß sich allezeit in Gottes gnadenvoller Hand.

„Samuel!“ Die Hausfrau stand am kleinen Tor. Als sie den Prophet gewahrt, den Fürsten und die anderen, die sie alle kennt, läuft sie flink herzu. „Kehrst du bei uns ein?“ Schon hilft sie Samuel vom Sattel. „Welch ein Willkommen in einem Wort! Dank, liebe Rebonara. Was macht dein Mann Sallu?“ „Ihm geht‘s gut, mir auch, er ist mit den Ziegen auf der Weide, kommt aber bald zurück. Da“, sie schattet ihre Augen. Über einer niederen Bodenwelle kommt ein Mann mit langen Schritten, von springenden Ziegen lustig eingerahmt.

„Sallu hat es eilig“, lacht der Fürst. Man führt die Esel an die Tränke. Die hat Sallu hergestellt. Hinterm Haus fließt ein Bach, und an diesem kann man sich erfrischen. Aus einem etwas hohen Rohr aus Holz, für die Menschen so gemacht, fließt das Wasser in die untere Tränke für die Tiere.

Der Hausherr winkt von weitem, als er Samuel erkennt. Dieser war bei seinen Wanderungen oft hier eingekehrt, und die Freude war und ist stets groß gewesen. Gleichfalls heute. Oh, menschlich ist der Seher alt geworden, denkt Sallu recht beklommen, als er ihn freundschaftlich umarmt, während Rebonara hastig werkelt, um ein gutes Mahl zu richten.

Als man gegessen hat, ruht man sich im Rebengarten aus.- Daselbst sind sie ungestört, denn das Häuschen liegt am Rande eines Weilers, und eine ziemlich hohe Heckenmauer schließt den Garten ein. Sallu bringt einen leichten selbst gekelterten Wein, dazu Ziegenmilch, kann also jeder trinken was er mag. Eine hohe breitästige Platane bietet besten Schatten.

„Es ist meine letzte Einkehr auf dem weiten Weg, den wir hinter uns gelassen haben“, fängt Samuel an. Die ‚letzte Einkehr‘ auf der Welt, außer Rama, wo die Heimkehrstraße winkt. Das sagt er nicht. „Der Herr hat uns viel Gutes zugedacht, und das andere — nun, man muß es gern ertragen lernen für die Armseligen der Seele, die sich ihren Pfad verdorben haben. Gerade diese muß man im Gebet ertragen, mit hintragen zum Vater der Barmherzigkeit, dem EINEN.

Bleibt in Ihm getröstet und gewiß: Sein einmaliger Trost und was Er aus dem Reichtum Seiner Willensherrlichkeit für alle Kinder immer einmal schöpft, ist das Siegel Seines hohen Namens! Er gibt allen stets einmal, weil Er der EINE ist! Das schließt nicht aus, daß Er für uns den Segen Seiner Gnade wiederholt, dazu die Lehre, Sein Gesetz von Sinai, weil wir Menschen gar zu leicht vergessen, was der heilige aus Ewigkeiten her in unsere Lebensherzen eingegossen hat.

Das müßte uns bedrücken und tut es auch, wenn wir die Erkenntnis walten lassen, wie gering wir sind, ohne Ihn; mit Ihm aber reich, trotz Unzulänglichkeit, die die Materie mit sich bringt. Die soll uns nicht erdrücken, doch erkennen lehren, wie so wichtig ist, uns jederzeit an Ihn zu wenden, Ihn als guten Vater anzuflehn:  —  ‚Herr, hilf, laß uns nicht verderben!‘

Nicht zuletzt in dieser Zeit, wo kein Friede walten mag, hilft bloß flehn und bitten, das Geistige ins Vorfeld rücken und alles Weltliche, was zwar das Leben abverlangt, in einen Hintergrund zu stellen. Wir brauchen nicht zu darben, um Geistiges zu erzwingen; denn der Geist, von GOTT gegeben, ist unabhängig von dem Leben auf der Welt. Rufen wir den Herrn in unseren eigenen Seelennöten wie auch für die armen Leute und die abgeirrten Seelen an, so tritt der Geist ins hohe Recht um unsertwillen. Ansonst steht er allezeit im hehren Recht der Gottesherrlichkeit.

Abseits im Gebirge fand ich einen Mann, der sich von der Welt zurückgezogen hatte. Gut und schön! Er wollte damit viel erreichen, leide bloß für sich, die Seele unterdrückend, um geistig rein zu werden. Damit erhoffte er sich eine offene Himmelstür. Trotz der erstrebten Geistigkeit hatte er mich nicht erkannt, wußte nichts von dem, was der Ewige mir in Auftrag gab, und so sprach er nicht mit mir. Wir wollen seinen Weg betrachten.

Schon daß er alles für sich selber tat, ohne jegliches Bedenken für die andern, zeigt uns an, wie ungut er den Lebensweg gestaltet hatte. Wer für sich selber plant, geistig oder irdisch, verliert des Lichtes Gaben, die ihm aus Gnaden mitgegeben worden sind. Denn es ist kein Lichtkind und kein Abgestürztes, dem nicht vom Herrn der Liebe Gaben überkommt, die ihm den Weg erleichtern sollen. Eben weil er für sich selbst sich abgesondert hatte, darum hat er damit auch die Gaben Gottes ‚abgesondert‘!

Sein zweiter Fehler: er hungert viele Tage, nimmt keinen Trunk, obwohl er sich absichtlich an den Felsbach setzt. ‚Überwinden‘ gilt ihm als Parole. Auch ganz gut und schön, wenn er ein Werk damit vollbringen könnte, zum Nutzen seiner Nächsten, zur hehren Freude Seines Schöpfers. Und wie sieht es aus?

Als ich gerade kam, wankte er zum Bach, um den Eingeweidebrand zu löschen. Er war dem Tode nah. Was hatte das für einen Zweck? Ihr erkennt es selbst. Weder ihm noch anderen nützt das üble Tun. Im Gegenteil! Würde sich ein Mensch in seine Einsamkeit verirren und brauchte seine Hilfe, wie kann er helfen, wenn er einer starken Stütze selbst bedarf? Er könnte nicht einmal dem Abgeirrten zeigen, auf welchem Wege er sich retten kann. Soll nun das zur Ehre Gottes sein?, zum Heil des Menschen? O, mit nichten!

Uns zu überwinden ist ein hehres Gott-Gebot. Doch in was und wie? Ganz besonders ist‘s die Zunge, die wir zähmen sollen. Rasch werden andere verleumdet, wird einem Böses nachgesagt, und trifft wie oft nicht zu. Da steht jenes heilige Gebot vor uns:

‚Du sollst kein falsches Zeugnis reden wider deinen Nächsten!‘ (2.Mo.20,16)

Dann gibt es manche, die ihr Hab und Gut bei Nacht besehen, um ja nichts davon abzugeben, womit einem Dürftigen zu helfen wäre. Auch hier ist an das Gott-Gebot zu denken:

‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; denn Ich bin der Herr!‘ (3.Mo. 19,18)

Ich brauche euch nicht alles aufzuzählen, ihr kennt ja die Gebote und haltet sie, wie leider wenige im Volk es tun. Ach“, wiederum ist‘s ein Gesicht, „wie einst Kriege alle Völker überbrausen, so wird viel Arg die Menschheit überkommen — aus eigenem Verschulden, eines wie das andere! Die sich gläubig wähnen, nennen es die Strafe Gottes, die gläubig sind, werden bitter flehn und weinen, werden beten jenes ewig gültige Gebet: ‚Herr’ hilf!‘

Die Menschheit aber im gesamten denkt am wenigsten daran, wer das grausige Geschehen bringt. Man wäscht sich selber vor sich selber rein. Und bleibt vor Gott behaftet doch mit aller Schuld!“ Samuel streicht über Stirn und Augen, als wolle er die Bilder scheuchen, um seine Freunde nicht zu sehr zu ängstigen. Ja, ein feines Lächeln stiehlt sich um den Mund, als er bedächtig weiterspricht:

„Genug von dem, was in der Zukunft liegt. Ihr Getreuen werdet in der eigenen Lebenszeit noch manches auszustehen haben. Mit Bildern will der Herr euch nicht belasten, nur sollt ihr es erkennen, daß in jeder Zeit der Mensch gar leicht der Unhold ist, der das Elend auf die Erde wirft. Denkt an König Saul, den sich Israel erzwang, wie wenig er von Gottes heilsgewohntem Willen weiß. Vom Danach-tun noch ganz zu schweigen.

Und David? Noch bewahrt er sich des Geistes hohes Gut, noch will er Israel zu Gott erheben und nimmt sich vor, Besseres zu tun als Saul getan. Hernach, wenn er den Thron besteigt — ? Der Weltglanz und die armen Mächte seines Regiments, einzig auf die Menschheit ausgerichtet — rasch verderben sie den Thronenden. Saget nicht: da könnte ja ein König nichts dafür, wenn Macht und Glanz die eigentlichen Lebensfeinde sind. Das sind sie gewiß, meine Lieben! Kommt‘s nicht aber darauf an, ob sich ein Oberster von Macht und Pracht verleiten läßt oder ob er dessen im Gedanken bleibt: auch ich bin bloß ein Mensch wie alle anderen?

Nimmt er dazu sein Regiment aus Gottes Gnadenhand, sieht er auf zu Dem, der ewig bestens zu regieren weiß, nimmt er sich der Armsten an, läßt vor dem Thron auch den Niedrigsten erscheinen, dann — ja dann würde solch ein Regiment ein wenn auch kleiner Abglanz von der heiligen Regierung Gottes sein! Mag wohl hie und da dem einen und dem anderen gelingen, mit bestem Willen sein Amt auszuführen, und bleibt ein solcher Oberster im Glauben an den Herrn, so wird sein kurzes Weltregime gesegnet sein. —

Nun ist es spät geworden, und diesmal frage ich, ob wir nachts im Ort verbleiben wollen. Aber wo? Sallu hat ein liebes Haus, aber es ist klein, um uns alle aufzunehmen. Doch höret her: es ist groß genug, um immer GOTT, den Heiligen, in seinen Mauern aufzunehmen! Und wo ER ist, da wollen wir verbleiben. Es muß nicht unbedingt das Häuschen Sallu‘s sein.“

Rebonara sagt zum Seher: „Du bleibst bei uns, auch Fürst Chaha. Nicht hervorgezogen, weil er der Fürst von Juda ist. Ansonst gibt es gute Nachbarn, die nehmen euch gern auf. So bleibt ihr allesamt im Weiler und seid wohlversorgt.“ „Gut beraten“, lobt Ochnya. Noch ein kleines Abendmahl vereint die Freunde, dann sinkt wieder eine gnadenvolle Nacht auf alle müden Schläfer nieder. Sallu streut den Eseln noch ein Futter vor. —

Es ist sehr früh am Morgen, als Samuel allein ins Freie geht. Aus der Nacht ziehn Nebel durch das Tal; doch die Sonne, die im roten Wolkensaum ihr Kommen kündet, wischt wie mit einem Federstrich die Nebel aus. Welch ein feines Bild, dem Samuel das Geistige entnimmt. „Wir umnebeln uns oft selbst, o Du Vater aller Güte“, spricht er leise vor sich hin und hebt die Augen auf, dorthin, wo die Sonne ihren Aufgang hat.

„Was begehrt der Mensch für sich und ist‘s wohl gut, wer um des Lebens willen an das Seine denkt. Nicht umsonst gehn wir den Weg durch die Materie. Aber ach, wieviel geht bei Wort und Tat daneben, würdest Du, o Herr, im ewigen Regiment nicht alles lenken! All die schweren Bilder, die ich bisher sah, sie wären eine schwache Welle gegenüber einem Sturm, der die Meere türmt, der das Land verwüstet. Und doch — doch ist Deine Sonne da, Dein Licht, Dein Segen, Deine große herzliche Barmherzigkeit.“

Dem ersten Morgenstrahl entgegen hebt der Seher sein Gesicht und seine Hände. Es ist wie ein Bad, das ihn reinigt, ihn von der Erde hebt, hinweg ins volle Licht. So fühlt er es, während eine Hand ihn führt, etwa aus dem Ort hinaus. Unter einem Baum ist ein erhöhter Rasenplatz; dort findet er sich wieder. „War es Deine Hand, guter Vater-Gott, die mich hierher lenkte?“ Samuel sieht sich um. Noch gewahrt er nichts als einen Schein, der helleuchtend in der Pracht der jungen Sonne steht.

‚Ja, Mein Sohn, Ich bin es gewesen und sollst nicht fragen, was du weißt, was zeit deines Lebens dir geworden ist: Meine Führung und Mein Segen! Du wehrst ab, es wäre viel zu viel der Güte, wärest auch ein Mensch wie alle andern. Als Mensch gewiß, Samuel. Ich sehe alle Menschen einheitlich mit Meinen Augen der Erbarmung an, die allerdings Verschiedenes bewirkt. Ich prägte Mir Mein Kindervolk aus einer Form, weil Ich der EINE bin, wie du oft von Mir gepredigt hast. Ich frage:

Kannst du die Gedanken zählen, die aus Meinen Ewigkeiten, die für MICH bloß eine ist, gegangen sind?, geschöpft vom Quell der hehren Mitternacht? Fügst du aus Meinem Wort-UR-Jahr die Worte aneinander, daß du auch deren Zahl erkennst? Von Meinen ewigkeitsgeschwängerten Taten ebenfalls zu fragen, die dem gedeckten UR-Born Meines ICH entsteigen. Nun seufze nicht, sei nicht betrübt, du wüßtest gar zu wenig von dem Wesen Meiner Herrlichkeit.

Samuel, vom Ganzen weiß kein Kind etwas, nicht die Großen, nicht die Kleinen, weil sie als ein Teilchen auch nur Teile aufzunehmen wissen. Das aber — wenn du es vermessen willst — hat kein Maß für keines Meiner Kinder! Siehe her, Ich gebe dir jetzt Meinen kleinen Finger von der linken Hand“, plötzlich sieht Samuel den Herrn mit auf der Grasbank sitzen und ist so selig überwältigt, daß er Gottes dargereichten Finger übersieht, „und sobald du ihn ergreifst, als dann frag‘ Ich wieder: hast du da nicht dennoch Meine ganze Hand? Möchtest du nicht Meinen Finger nehmen“, lächelt Gott, „oder wäre er zu wenig?

„Herr!“ Im Nu kniet Samuel vor der heiligen Gestalt, in Tränen aufgelöst birgt er sein Haupt in Gottes Schoß, greift flehend nach dem Finger: „Vater, Du weißt alle Dinge, nichts ist Dir verborgen oder fern, also weißt Du auch, daß Dein ganzes Nahesein mich überwältigt hat. Jetzt jedoch“, er sieht empor, und läßt sein Augenwasser rinnen, „nun darf ich Deinen kleinen Finger halten und mir ist, als hätte ich das Universum in der Hand.

Einmal habe ich‘s in einem Bild gesehen, die Unermeßlichkeiten Deiner Werke, soweit ich es als Kind erkennen konnte und war mir so wie jetzt: voll Ehrfurcht schau‘ ich zu Dir auf, Dem diese Werke, die eben nicht zu zählen sind, vielleicht — vielleicht auch nur aus einem Deiner kleinen Finger kamen. Denn Deine Hände sind unendlich groß. Oder ist es anders, heiliglieber Vater?“

„Es ist so und anders! Um ein kleines, für dich gesagt, oder auch ein großes Werk aus dem Gedankenreichtum Meines Wesens durch das Wort zu formen, senke Ich als Schöpfer Meine Hände in den Quell der Mitternacht. Was er ist, was er bedeutet, ist den Kindern zwar mit Worten zu erklären, ist ihnen auch einmal in hoher Mitternacht, die zwei Schöpfungstage aneinanderfügt, von fern zu zeigen; doch was die Quelle ist, ist Mein Geheimnis und wird es ewig bleiben, wie ewig Ich der Schöpfer bin!

Wäre‘ es nicht so, wie könnte Ich denn gleich den Werken auch die Seligkeiten für die Kinder aneinanderreihen? Müßtet ihr nicht bei der vollen Sichtbarkeit den letzten Grund erkennen? Wäre dann das ‚ewige hinauf zu Mir‘ noch gegenständig? Du verneinst es selbst und war es stets dein bester Wille, nicht nach dem zu greifen, was zum Heile Meines Himmelsvolkes gut verborgen bleibt.

Soweit Ich dir die Augen öffnete, daß du erkennen konntest, was Ich dich lehrte, soweit bloß strecktest du die Arme aus nach dem, was dir Meine Gnade gab. Immer wenig Menschen werden sein, die aus echter Demut auf dem Stand verharren, ohne stehn zu bleiben, die so wie du sich voll genügen lassen an der Gnade Meiner Liebe! Denn was Ich tue, auch im Lassen, das geschieht für euch, für die großen und die kleinen, die fernen und die nahen Kinder.

Diesen Erdenmorgen, deine letzte große Vorschau für den Morgen in der Ewigkeit, hast du in diesem Sinn erkannt, als Meine Lehre, dem Vorgeschmack des Segens, den die Vaterheimat schenken wird. Du hast‘s stets gemerkt und treu bewahrt, was ein Materieweg bedeutet und wohl für die meisten Menschen unerkannt oder doch bloß vage, welche Güte darauf ruht. Da gibt es keinen Unterschied für keines Meiner Kinder, wenngleich sich ob des eigenen Verhaltens Gnade, Segen und die Führung unterschiedlich zeigen. Immer wußtest du, an wen du dich zu wenden hattest, wer zu bitten, wem zu danken sei. Das war Ich, der EINE!“

„Vater“, Samuel schmiegt sich wie ein Kindlein an die Brust des Gütigen, „wenn ich, im vorhinein beseligt, daß ich es gar nicht fassen kann, den Morgen in der Ewigkeit erleben darf, und ich bin gleich bei Dir, werde Dich noch anders sehen dürfen als mit den Augen dieser Welt, oh, wie wird mir dann zumute sein? (Ps.126,1). Mir ist schon jetzt, als müßte ich vergehn. Dann bei Dir, sofort zu Hause, fern von allem, was die Seele an das Finstere bindet.“

„Wünschest du“, ertönt es ernst, „in den obersten Gefilden, vor Meinem Thron zu stehn, sobald du diese Welt verlassen hast? “ Samuel horcht lang in sich hinein. Der ernste Frageton hat ihn verwirrt. Oft hatte er sich ausgemalt, wie es wäre: Augen schließen, und bei dem Vater sein, in Seinem Glanz, in Seiner Herrlichkeit. Immer war dabei ein wie heiliges Gefühl. Und nun —

„Wünschen möchte ich es schon, die Sehnsucht müßte mich im Flug nach oben tragen. Aber deine Frage! Mir kommt es vor, als wäre sie ein Balken, querüber auf dem Weg zurück ins Licht. Doch Du, ewige Barmherzigkeit, richtest keine Trennungsbalken auf, wenn sich ein Kind in jene Heimat sehnt, die Du als das ‚Vaterhaus‘ bezeichnest, von dem wir ausgegangen sind, zu dem wir kommen dürfen, neigt sich unser kleiner Erdenweg dem Ende zu. Bitte, deute mir, was Du mit der Frage sagen wolltest.“

„Ein Samuel kann es selber spüren, was ihm als letzte Weltenprobe gilt. Nun, nicht erst jetzt hast du gelernt, daß ein Heimweg seine Stufen hat. Denk‘ nur an die Himmelsleiter, die Jakob sah, auf der die Engel ab- und aufwärtsstiegen. Eine hehre Schau! Um des Opfers willen steigt ein jedes Lichtkind gern herab, um den kleinen oder großen Beihilfsweg zu wandeln. Ist der vollendet, dann geht‘s die Sprossen eine um die andere hinauf.

Wenn ob eines ganz besonders guten Weges bloß bei manchen Stufen das Betreten nötig ist, oder auch ein kürzeres Verweilen, dient das immer insgesamt noch weiterhin der Hilfe, die Ich mit Meinen treuen Kindern allem Abfall angedeihen lasse. Wer sich wünscht, was ein Gläubiger vermag, alsbald bei Mir zu sein, der verliert noch einen Teil des Wandersegens und muß zurück auf jenen Leiterteil, auf dem das Ausgelassene nachzuholen ist, mit zum eigenen Heil.

Sieh, auf jedem Absatz, nenne ihn ‚Station‘, gibt es für den Tag der Liebe, die jetzt im Universum herrscht, noch mancherlei zu tun, um das ‚heilige Gloria in Jubilate‘ einzuholen. Sag‘ mir nicht, das wäre einzig Meine Sache, Ich allein könnte alle Dinge in das Ende der Erlösung, der Befreiung tragen. Stimmt, Mein Sohn! ICH kann es tun! Und was tun Meine Kinder, denen Ich von Meinem Geist und dem Vermögen gab, dienend mitzuhelfen?

Ja, nun seufzt du wieder, hättest falsch gedacht und wäre das ja eine Sünde. Samuel, wollte Ich bei jedem solch ein Denken sündig münzen, wer könnte unbeschadet denn ins Vaterhaus gelangen? Dahin sehnst du dich zurück. Wenn auf Mein alleiniges Tun ein Hinweis folgt, und ist‘s dabei kein leeres Denken: GOTT sitzt im Regiment, Er tut alle Seine Dinge ganz allein, dann steigt es aus der echten Demut auf; ansonst ist‘s das Ausweichen vor der eigenen Arbeit und der geistigen Verantwortung.

Wer Letzteres nicht umgeht, wer bis zum Ende Meines Liebe-Tages dienen will, der nach Beendigung des Erdenweges nicht die Hände faltet und wünscht müßig: gleich hinauf zur obersten Region, wird gerne eine um die andere Sprosse Meiner Himmelsleiter, die Ich den Kindern schuf, ersteigen, auf jeder einen Dienst verrichten für arme Seelen, die noch in ihren Banden schmachten oder solche, die sich verirrten und im Jenseits starke Hilfe brauchen, um vom argen ich befreit zu werden: durch MEINEN Segen, Meine Kraft, Meine Hilfe und die Gnade, auch mit über die getreuen Helfer!

Du hast den Wunsch für dich gestrichen, in einem Zug das Weltsein abzustreifen. Wir werden sehen“, ein heiliggutes Lächeln gleitet über das Gesicht des Herrn, so daß Samuel wie oft erstaunt, und so nahe bei Ihm sitzen darf, „wie du allmählich aufwärts klimmst, wann du Mir im Reich begegnest. Ich tröste dich im vorhinein, wie Ich dich allezeit getröstet habe; und wie Ich deine Hände halte“, Gott umschließt dieselben, „genau so führe Ich dich heim, sobald der Lebensengel an dein Lager tritt.

Sei sonderlich gesegnet für den Rest des Weltenlebens. Gib denen, die um dich trauern werden, auch im vorhinein das Wort, wie von Mir die ‚Trauer einer Liebe‘ angesehen wird, daß jedoch ein Trauerspiel aus nur menschlichen Gefühlen wenig gilt.“ Erstmals, daß der Heilige mit Seinen Lippen Samuels Stirn berührt. Es ist kaum wie ein Hauch zu spüren und doch unendlich mehr, als was ein Mensch, was sogar ein Höherer im Reich ermessen kann.

Samuel stürzt nieder, ohne sich von Gott zu lösen. Seine Augen weinen nicht, es weint sein Herz der ungeheuren Gnade wegen, die ihm zuteil geworden ist. Stumme Worte! Ein höchster Dank, den ein Kind dem Vater zollt. Samuel wird emporgezogen. Was ihn seligst überbraust, könnte hier zur letzten Erdenstunde führen. Aber noch ist etliches zu tun. Freundlich spricht der Herr:

„Sohn, nun hast du das erhalten, was du für deine kurze Strecke brauchst. Geh nun hin und hole deine Brüder. Vergiß Reborana nicht, sie ist Mir eine liebe Tochter. Sie sind erwacht und suchen dich; obzwar wissend, daß dir nichts geschehen kann, sind sie doch voll Sorge. Ich will hier warten und sie segnen, denn sie sind Kinder, die Mir zur Freude treulich ihren Weg gegangen sind. Sie werden gleichfalls eine gute Heimkehr haben.“

„Dank, o Vater, großer Dank aus der Fülle meines Herzens, so gut ich Dir zu danken weiß, ganz besonders meiner Freunde wegen, weil sie Dich jetzt auch erleben können. Ich werde sie gleich holen.“ Trotz seines Alters und der müden Beine läuft Samuel dahin, und wie mit einer kleinen Heiterkeit sieht der Herr ihm nach. —

Man hatte erst im Haus gesucht, dann bei den Nachbarn, die die Gäste bestens aufgenommen hatten. Nirgends findet man den Seher. „Wo könnte er denn sein?“ verwundert sich Fürst Chaha. „Nie, daß er von uns ging, ohne anzusagen, wohin. Außer — “ Er schlägt sich an die Stirn.

„Er geht oft ins Freie, im Zwiegespräch mit Gott. Sicher ist er heute schon hinausgewandert und kommt bald zurück. Wir brauchen nicht besorgt zu sein.“ O ja, daß ihm Böses widerfährt, das glaubt keiner. Wie sie sich beraten, wo sie ihm begegnen könnten, sieht Reborana, am Fensterbogen stehend, ihn kommen, so hurtig, daß sie ganz verwundert ruft:

„Er kommt, er läuft wie ein Füllen!“ Man drängt hinaus, und da ist Samuel schon mitten unter ihnen, zwar ein wenig atemlos, doch die Augen, das Gesicht, so froh, so hell, wie in den letzten Jahren seltener geschah. „Wo warst du denn?“ fragt Patael, „wir machten uns um dich viel Sorge.“

„Kommt, kommt alle!“ Samuel faßt Reborana an. „Der HERR ist da, der HERR wartet!“ „Er — ? Wo? Was ist geschehen? schwirren Fragen durcheinander. Samuel wiederholt es hastig: „Kommt, der Herr ist da, der Herr wartet!“ Er dreht sich um, zieht Reborana mit sich fort, ganz eilig, daß die noch junge Frau rasch gehen muß, um mit dem Seher Schritt zu halten.

Und da sitzt der Herr, als wäre hier Sein Thron, als würde Er von hier aus Seine Werke lenken. O, tut Er das denn nicht? Ist Er an einen Ort gebunden, von welchem Er Sein Empyreum samt dem Infinitum ewiglich erhält? Ist Er nicht der Überall? Nun nahe bei dem Platz, verlangsamt sich der Schritt der Freunde; auch Samuel hält etwas an, um nicht ganz ohne Atem anzukommen.

Als die Leute aus dem Weiler, die Samuel mit suchen halfen, von ferne stehen, sagt der Herr zu Chaha: „Hole sie herbei!“ Auch der Fürst, nicht mehr der Jüngste, rennt förmlich hin, winkend und laut rufend: „Kommt, der Herr ist da, der Herr wartet!“ Wohl bestürzt folgt man Chaha nach, der sich sofort wieder umgewendet hat, als er merkt, daß die Leute zögernd kommen.

„Der Herr? Sollte es der König sein, dann hätten wir nichts Gutes zu erwarten.“ „Chaha sah recht fröhlich aus oder — hm — eigentlich auch ernst; er hätte niemanden geholt, würde Saul es sein, denn …“

„Vielleicht ist‘s David? Der soll der nächste König werden und ein besseres Regime erstellen, als es seit Jahren unter Saul gewesen ist.“ An den Herrn, Der auf sie wartet, denkt keiner. Sie haben nie den ‚nahen Gott‘ erlebt. Für sie, zwar eine kleine Glaubensinsel, war der ‚Gott ihrer Väter‘ stets ein ferner Gott. Verstummend gehen sie dahin, allmählich etwas schneller.

Als man einen wunderlichen Hohen auf der Grasbank sitzen sieht, als wäre sie em Thron, daneben Samuel, dicht angeschmiegt, Fürst Chaha und die anderen Manner kniend um die Gruppe, da stockt der Fuß, sieht man sich erschrocken an, wagt noch keiner den Gedanken auszudenken: Unser Gott! Nie war Er jemals sichtbar, außer, nun ja, bei den alten Großen ihres Volkes, wie bei Abraham, Mose, Josua und bei anderen Erwählten. Nun jedoch —

„Samuel“, hören sie, „hole diese Kinder her, sie gehören mit zum Bund, sie bewahrten ihren Glauben treu. Ob da eine und die andere Ansicht bei den Menschen hängt! — was frage ICH danach? Aber danach frage ich: Ist man bereit, Mich wahr zu lieben? Dient man seinen Nächsten? Scheut Lügen und so manches böse Tun, in das der Mensch sich gern verstricken läßt, keineswegs oder seltener durch fremden Einfluß und Gehabe. Nein! Selber geht man nur zu gern dem eigenen Triebe nach. Und stößt man dann an eine scharfe Kante, nämlich ans Gesetz, ist es ‚der andere gewesen, der mich verführte‘. So sieht es weitgehend in der Welt des Diesseits aus.

Hier jedoch“, wieder zeigt Gott auf die Gruppe, bei der bereits der Seher steht, zwei kleine Weiblein eingehakt, „habe Ich als Vater Meine Freude. Ein Großer dieser Welt würde sie verachten, sie sind ja ‚nichts, sind arm, dumm und bescheiden‘. Bei MIR gilt allerdings genau das Letztere als eine von den schönsten Perlen, die man als einen Seelenschmuck zu tragen weiß, meist ohne eigenes Wissen. Eben das ist der Garant der Echtheit an der Perle; und da gibt‘s bei Mir kein anderes Maß als dieses eine!

Gewiß gibt‘s auch noch Gold, himmlisch-königlichen Schmuck, den Meine Kinder tragen können, sind sie unter Meiner Willensführung ihren Weg gegangen. Schmuck bleibt aber Schmuck und frage Ich nicht sehr danach, ob einer etwas mehr, der andere etwas weniger erreichen konnte. Zuletzt, was ihr alle nicht so recht versteht, noch eben nicht ganz klar zu wissen braucht, gibt es in Meinem Empyreum stets den einen Schmuck, an dem alle ihre höchste Freude haben. Und das, ihr Lieben, ist euer Vater, bei dem eure ewigliche Wohnung ist.

Nun bring‘ sie Mir, Mein Samuel, sie zittern viel zu sehr, sie sind zu bang und können es nicht fassen, ‚sie wären solcher Gnade gar nicht würdig, Mich wie in „alter Zeit“ zu sehen‘. Diese schöne alte Zeit gäbe es nicht mehr? Es wird sich zeigen, was eine alte oder neue Zeit bedeutet.“

Es kostet eine kleine Mühe, bis der Seher alle Leute in Bewegung bringt, sie freundlich mahnend, stets daran zu denken, daß auch er, Samuel, immer von dem ‚guten Gott‘ gesprochen hat. Er führt die Weiblein vor, sieben Männer im Gefolge, dazu sechs Frauen, die ihre Kinder an den Händen halten. Aber da —

Kaum nahe, reißt sich ein kleines Mädel los, rennt vor und legt die Hände in den Schoß des Herrn. Welch ein Strahl aus sanftdunklen Feueraugen belohnt die Gruppe; denn die Kinder waren allesamt im Glauben gut erzogen worden. Natürlich weiß das Mägdlein nicht und hat es nicht verstehen können, wer der MANN ist, der jetzt allein unter all den knieenden und stehenden Erwachsenen sitzt. Doch das freundliche Gesicht ist es gewesen, das dem Kind das Vertrauen gab: ‚Er ist ein guter Mann!‘

Die Mutter ist entsetzt, greift vor und will es in die letzte Reihe schieben, wo die Kinder hingehören — denkt sie. Sie ist mit die erste, die es merkt, WER sich offenbart. Große Ehrfurcht und die Angst, ihr Kind hätte Gott beleidigt, ringt mit dem Glauben: ‚Gott ist gut, Er tut den Kleinen nichts, wenn die kindlich töricht handeln.‘ Sie trifft ein sonderbarer Blick, und die herrlich tiefe warme Stimme tönt an aller Ohr:

„Lasset eure Kinder zu Mir kommen (Matt.19,14), nicht selten sind sie Wegbereiter für ein altes starres Herz. Ihr seid bang und wißt es nicht, wie ihr handeln sollt? Euer Liebestrieb zu Mir ist gut, eure Ehrfurcht, kommend aus der Furcht, gleichfalls gut; eure Ängste legt zur Seite! Nehmet euch ein Beispiel an dem Töchterlein“, Gott hat es schon auf Seinen Schoß gehoben und der dunkle Wuschelkopf liegt genau an Seinem Herzen. „Ich segne euch und ihr sollt Meinen Frieden haben.“

Endlich ist der Bann gebrochen, zumal Samuel mit leisen Worten mahnt: „Der HERR ist unter uns, Er ist unser Vater!“ Die Freunde, die ihren ‚Segen schon geerntet haben‘, wie sie geistig fröhlich denken, bilden um die Dörfler einen Ring. „Recht so, Meine Söhne! Wer schon bei Mir war, auch wenn er zeit seines Lebens immer so verharren möchte, soll gern zur Seite treten, um den andern Raum zu schaffen, die der Gnade ebenso bedürfen. Und dann — Nun, Mein Samuel, da wäre etwas an Erkenntnis beizufügen.“ Wie wunderbar, auf diese Weise wird den noch Bangenden der Rest genommen, der sie nicht ganz dicht zum hohen Vater treten ließ.

„Ewigguter Vater, unser Ein und Alles, der EINE ‚ so nannte ich Dich, als Du mich als Knabe riefst. Samuel wendet sich den Leuten zu. „Es ist zwar für uns beseligst, bei unserm Vater sein zu dürfen, als wäre er der beste Freund. Man ist aber auch bei Ihm, wenn man voll Andacht zu Ihm betet, Ihm vertraut. Ist Er etwa bloß der nahe oder ferne Gott (Jer.23,23)? Er weilt bei uns, ob wir Ihn sehen oder nicht.

Wir Alten brauchen körperlich nicht wie das Kind in Seinem Schoß zu sitzen; unser Platz ist in dem Schoß der väterlichen Liebe. Dort ruhen wir an Seinem Herzen wie das Mägdelein.“ Der Seher deutet auf das Kind. „Kommt, schart euch um den Herrn, Er ist mit Seinem Segen unter uns!“ Er geht zur Seite, um den andern Raum zu geben. Sallu ist der erste, bei ihm Reborana, die sich an Gottes linker Seite niederfallen läßt, bittend ihre Hände hebt, im stummen von Gott geheiligtem Gebet.

Linke Seite? denkt Samuel. Ist es nicht … Ein Blick genügt, und Gottes Auge sagt es ihm, ob das nicht auch Seine ‚rechte‘ Seite wäre (Matt.25,33-41; Luk.23,43). Indessen haben alle anderen die Scheu verwunden, drängen sich herzu und ist keiner, der nicht in Andacht niederkniet, die Häupter erst geneigt und dann hebend, als würden gute Hände sie nach oben richten. Aug‘ in Auge mit dem Herrn. Schon hört man Seine Stimme:

„Kinder, eine heiliggute Gnadenstunde könnt ihr jetzt erleben. Meine Gnade ist jedoch unendlich, wie ewiglich Mein Schöpferwille wirkt! Niemand, der jemals einen Anfang sah (Hiob 38,12); niemals wird ein Kind ein Ende sehen, weder das von einem Schöpfungsteil, noch von sich selbst. Aus heilsgehütetem Schlummer weckte Ich die Kinder auf, eines wie das andere, in beseligt hohem Schlafe wiegt sie Meine Liebe ein!

Samuel hat bedacht, Sallu und Reborana knieten an der falschen Seite, weil Ich einmal zu ihm sagte, die Schafe stünden stets zu Meiner Rechten, sonach zu Meinem und zu ihrem Recht, die Böcke Mir zur Linken, weil sie in ihre selbstgeschaffene Finsternis entweichen müßten. Sicher wird sich dieses Wort erfüllen; denn Ich gebe keine Offenbarung, die verändert werden mußl Allein das Ewige in allen Meinen Worten hat in Mir den ewigfesten Grund! Da gibt es vieles zu bedenken, für euch, ob ihr noch auf einer Erde wandelt oder schon im Reich des Lichtes wohnt.

Gilt das Höchste in dem EWIG Mir oder auch den Kindern in der Formung Meines hehren Herrschaftswillens? Ihr erschauert, und sogar Mein Seher denkt beklommen: hier komme ich nicht mit, das ist zu heilig für ein Kindgeschöpf. Ganz recht, und da sei vermerkt: Die rechte und die linke Seite Meiner Wesenheit sind völlig gleich, wie bei geradgewachsenen Menschen beide Seiten gleich in Art und Formen sind. Demnach bleiben Meine Seiten lichtgemäß in vollster Harmonie, ob jemand vor Mir rechts, links oder wie die liebe kleine Frau inmitten kniet.“ Es ist eines von den Weiblein, die Samuel geführt, das direkt vor Gottes Füßen liegt.

„Dennoch ist da etwas zu bedenken, und das einzig von den Kindern aus, je nachdem wie eines denkt, redet, handelt, ob sie sich zu Mir erheben lassen oder sich vor Meinem Angesicht verbergen wollen. So sind die treuen Kinder, die sich Mühe geben, die Mich lieben und von Mir sich leiten lassen, an der rechten Seite, oder wie Ich es betonte: zu Meinem und zu ihrem Recht.

Die zur Linken, die Ich ‚Böcke‘ nannte, weil sie sich wie solche störrisch zeigen, wild gebärden, gegen jede Führung rebellieren, haben sich nicht selbst dahin gestellt. Das tat ICH! Und warum? Ob wohl einer außer Samuel die Antwort weiß? Es muß nicht das Tiefste an Erkenntnis sein, was für alle erst im Reiche möglich ist, soweit gegeben auch die Tiefe, Höhe und die Weite auszuloten. Aber soviel ist vom Glauben anzufordern, ob Ich über eine Antwort Freude haben kann. Nun Reborana“, fordert Gott sie freundlich auf, daß kein Mann sich schämt, weil von ihnen keiner aufgefordeft war. Zudem wissen es die Dörfler, wie Reborana gut zu helfen weiß, glaubensmäßig und auch praktisch für die Welt.

Sie drückt sich dicht an Gottes Knie, kurz den Blick gesenkt und dann ihre schönen Augen aufgehoben, in denen Dank, Liebe, Ehrfurcht und noch vieles mehr sich spiegeln, Dinge, die der Herr am besten sieht. Sie nimmt ihres Mannes Hände in die ihren, als Symbol: wir beide sagen das, was wir erkennen dürfen. Ist abermals ein feines Zeichen echter Zugehörigkeit.

„Ewigguter Vater nannte Dich, o Herr, Dein Samuel. Lasse es mich gleichfalls sagen. Du bist zu uns gekommen, zu einer kleinen Herde und ich bin überzeugt: da gibt es keine Seelenböcke, sondern liebe Schäflein, die sich vom treuen Hirten lenken lassen, dorthin, wo Dein Himmelreich uns, ewig gute Nahrung gibt.

Du fragst, warum DU die armen Böcke an die linke Seite stellst, bis — bis sie doch einmal zur Einsicht und zur Umkehr kommen. Hier sehe ich ein Bild: Links, wie in unsrer Brust, liegt das Herz. Oft haben wir von Samuel die Lehre von Deiner Herrlichkeit gehört, daß das Herz der Wohnsitz Deines Geistes, Deiner Worte sei, auch der Sitz des eigenen kleinen Kindesgeistes.

Ist‘s an dem, so hat es eine heilige Bedeutung, hoher Vater-Gott. Dort wohnen bei Dir Güte, Nachsicht, Langmut und Geduld. Wer denn mehr als arme Abgeirrte brauchen Deine Huld und Gnade?’ Langmut und Barmherzigkeit? Also nicht von ungefähr, wer Dir zur Linken stehen muß. Für uns jedoch, so darf ich es erkennen, gilt weder nur das eine oder bloß das andere; für uns gilt einzig DU, Herr, in Deiner heiligen Allgegenwart!

Wir bedürfen gleichfalls der Barmherzigkeit; denn solang wir auf der Erde weilen, so lang sind wir der Sünde ausgesetzt, weil die Materie der Boden für die Lebenswege ist. Und auch das ist gut. Ich sehe“, Reborana ergreift den Kleidsaum Gottes, „ein langes Kleid. Das Gewand der Langmut hast Du angetan (OJ.1,13); so nehme ich mit Bitten für uns Deine Huld und Gnade an. Lasse uns zu allen Zeiten unter Deiner Obhut sein.“

Horch, was für eine Wahrheit wurde offenbar! Samuel ist so voll Freude, daß er die ‚liebe Frau‘ (s.a.2.Joh.2,1) umarmt und Gott innigst dankt. Da überstrahlt ein extra helles Leuchten Gottes heiliges Gesicht. Nimmt es nicht die letzte gute Scheu der Menschen weg? Hebt es nicht die Herzen hoch, so daß jedem ist, als ruhe er jetzt wie das Mägdlein in des Vaters Schoß? Da bricht der Bann, da scharen sich die Leute eng um Gottes Thron, den Er auf Erden Sich erkor, der — lichtbesehen — sich als jenen Stuhl erweist (Jes.6,1), wie er im Sankt Sanktuarium steht. Gott spricht:

„Meine Kinder, weltlich seid ihr arm, allein herzensmaßig reich, soweit die Lichterkenntnis euch erleuchtet hat. Jetzt seid ihr himmelsreif geworden, erstlich davon, weil ihr Mir auf diese Sonderart begegnet seid, aber auch vom Glauben her, der trotz Wirrnis eures weltgebundenen Daseins vor Mir gut gewesen ist. Was dabei fehlte, habt ihr heute aufgeholt; was noch nachzuholen ist, werdet ihr teils schon auf Erden, zum Hauptteil im Licht erlangen. Dort erreicht ihr ohnehin den sogenannten ‚letzten Seelenschliff’, damit verbunden die gesegnete sich steigernde Seligkeit.

Nun zieht getrost in eure kleinen Hütten, und seid bedacht: ICH bin ewig euere Hütte, die Hut, die Obhut, in welcher immerdar das rechte Wohnen möglich ist. Seid in Meinem Segen vor den Übeln auf der Welt bewahrt!“ Der Herr wendet sich an Samuel: „Du Mein Seher gehe heim; die engsten Freunde sollen dich begleiten.

Wer fernerhin Mich auf der Erde nicht mehr sieht, so wie nun in der zum Heil euch angesetzten Gnadenzeit (Samuel ausgeschlossen), denke jedermann daran: ‚Ich bin immer da, wie bei Meinen Werken, also ganz gewiß am sichersten bei allen Meinen Kindern!‘ Geht hin in Frieden euren Pfad!“

Der Kreis um Gott löst sich sehr langsam auf. Immer wieder nach dem ‚Ort der Herrlichkeit‘ sich wendend, gehn die Dörfler zögernd heim, geführt von Sallu und von Reborana, das Kind in ihrer Mitte, das für allesamt im Schoß des Vaters“ lag. Schon nahe der Behausung dreht man sich nochmals um. Jeder blickt zurück, mit Dankbarkeit und sehnsuchtsvoll, im Herzen flehend: ‚Herr, erhalte uns die Worte Deiner Liebe, bewahre uns Dein Licht in Ewigkeit!‘

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