Es geht um zehn Pfund Silber; im Haus des Kostian
7. Kapitel
„Tobias? Aus Thisbe? Mir unbekannt. Was willst du denn von mir?“ Gabael, ein Meder, wendet sich von Tobi ab. Sie waren gut in Rages angekommen, der Jüngling, Tobi, Sara, Hanna und das Gesinde. Tobi hat den Schuldschein vorgezeigt und hat genau berichtet, wie der Vater es ihm aufgetragen hat. Und nun — sieht es aus, als wäre dieser Gang vergeblich samt den Monaten. Oh, nicht vergeblich, er hat ein gutes Weib gefunden, gläubig, reinen Herzens, wie er so manchmal hoffte. Er sieht den Jüngling an, der helfen könnte. Dabei geht es Tobi nicht ums Geld, sondern um des Vaters Ehre.
Das Licht scheint eben nicht zu leuchten. Der Jüngling steht mit Sara vor dem breiten Tor, an dessen Seite ein wunderbarer Strauch mit unzählig roten Blüten steht. Langsam steigt ein Zorn in Tobi auf. „Mein Vater lügt nicht, Gabael, und deine Schrift müßtest du doch kennen. Oder nicht?“ Störrisch schüttelt dieser seinen Kopf. Ah, zehn Pfund Silber? Er hat dessen zwar genug, ist jedoch viel geiziger als Raguel es war. Soll der ‚Fremde‘ erst beweisen, daß die Schrift in Ordnung geht.
„Du kannst es nicht leugnen, Gabael“, erhitzt sich Tobi sehr, und wollte gute Ruhe fest bewahren. „Ich war damals noch ein Kind, weiß jedoch, daß mein Vater und viele Israelen hier gefangen waren; doch durften wir auch Handel treiben, und rechtlich hat mein Vater sich das Geld erworben.“ „Mag alles sein, bloß mich geht das nichts an. Ich kenne keinen Tobias und hab‘ nie“, welch krasse Lüge, „ein Geld geborgt, sowieso von Fremden nicht.“
Der Streit geht hin und her. Gabael will den Schein entwenden; er hätte ihn vernichtet und dann — Jetzt erst greift der Jüngling ein. Wie er das Schriftstück an sich brachte — wer hat‘s gesehen? Wütend zetert Gabael: „Wer bist du denn? Hast dich nicht in unsere Sache einzumengen!“ „O doch“, erklingt es freundlich, mit einem Unterton, der Gabael innerlich erzittern läßt.
„Ich bin damals hier gewesen und weiß, daß Tobias aus Thisbe dir das Geld geliehen hat“ „Du? Mache dich nicht lächerlich! Bist kaum sechzehn Jahre alt und willst es wissen, was ich mit Tobias — —.“ Wutverzerrt hält Gabael inne. Selber hat er sich verraten, hat nicht gemerkt, wie der Junge‘ ihn in eine Falle lockte.
„Ach“, hakt dieser ein, „du kennst auf einmal jenen Tobias? Mein Alter kennst du nicht, du Lügenschopf!, denn Äußeres prägt nur die Welt! Willst du ehrlich sein, soll dir nichts Übles widerfahren. Wenn nicht nun, ich habe Mittel, um deine Zunge und deinen Säckel rasch zu lösen.“ Hier mischt sich Raguel ein, der bisher immer sich am Ende hielt, innerlich noch sehr zerknirscht. Den weiten Weg hat er zu Fuß bewältigt, hat nicht gemerkt, als sein Hauptknecht und die Männer, denen er zuerst nicht traute, abgekommen sind.
„Gabael“, spricht er bedächtig, „ich war so eingestellt wie du: Was mein ist, geht den anderen nichts an; was dem anderen gehört, kann ich mir erraffen. Doch dieser“, zeigt er ehrfürchtig auf den Jüngling, „hat mich geheilt von meinem Geiz, von allem Übel, das ich besaß und was meinem ganzen Haus zur Schädigung geworden wäre. Ich bin überzeugt, Tobi spricht die Wahrheit, mit Recht das Geld zurückzufordern, welches dir sein Vater einmal lieh.“
„Jetzt kenne ich mich aus“, lacht Gabael widerlich, wobei die Angst auf seinem Nacken hockt. „Hast selbst zwei große Wagen voller Hab und Gut bei dir und willst über grüne Jungen“, er zeigt auf Tobi und den Jüngling, „mich um zehn Pfund Silber ärmer machen. Verschwindet, oder . . .“ Ist es wie bestellt, daß vom Ort der Älteste erscheint, mit dem Gabael sich einmal zankte — wegen einem Grund? Er tritt näher, als er merkt, es wird hier gestritten. Freilich, die ‚zwei Jungen‘ beachtet er noch nicht, nur Gabael steht ihm im ‚Sinn‘, hat noch nicht vergessen, wie ungut er gehandelt hat. „Was gibt‘s?“ fragt er. Gleich zankt Gabael:
„Denk dir an, Freund Kostian“, von Freundschaft keine Spur und der Städter lächelt auch, „kommt hier ein junges Kraut und will zehn Pfund Silber von mir haben, was ich angeblich von seinem Vater, einem Israelen, einst geliehen hätte. Alles faule Feigen!“ Kostian kennt seinen Mann und meint, zunächst ganz ruhig:
„Das muß bewiesen werden; niemand gibt eine solche Summe her, zudem reines Silber, wenn er sich das nicht bestätigen läßt,“ Tobi tritt mutig vor, und der Jüngling mit dem Schein: „Gabael hat damals meinem Vater ihn geschrieben. Selber hätte er den Borg geholt, er ist aber blind geworden und so hat er mich, seinen Sohn, gesandt, weil er das Geld benötigt. Als Blinder kann er sich nicht mehr ernähren. Meine Mutter und auch ich sind zwar in Lohn und Brot, doch der Vater braucht das Geld! Ich verdiene noch nicht viel.“
„Zeig her den Schein“, wobei Kostian sich zum Jüngling dreht, den er ganz erstaunt betrachtet. Wer mag das sein? Er sieht jugendlich und vornehm aus, ansonst jedoch — „Du sollst ihn prüfen“, sagt der Jüngling mit einer Stimme, die Kostian verwundern macht. Solchen Jungen hat er noch niemals gesehen. Als Altrat will er sich‘s nicht merken lassen, wie sehr er beeindruckt ist. Er prüft den Schein und zieht zum großen Ärger und noch größerer Angst des Gabael aus seinem Wams eine Schrift hervor.
„Hm“, sagt er mit Absicht langsam, Gabael im Blick behaltend, „die Schrift ist überein. Mein Schein — na, Gabael, weißt es doch, um was du kämpfen wolltest, ein Stück Land, das dir nicht gehörte. Mußtest mir es schriftlich geben, deine gierige Hand nicht damals auszustrecken. Oder hast du es vergessen? Schadet nicht“, höhnt er nun offen. „Ein Gedächtnis kann ja was verlieren, wenn — man es verlieren will, nicht wahr? Aber Schrift bleibt Schrift! Sage mir“, spricht er den Jüngling an, meinend noch, daß dem die Schuld gehört, „wie das damals zugegangen ist.“
„Stoß dich nicht daran, weil ich dir zu jugendlich erscheine. Ich bekunde: es hat alles seine Richtigkeit. Gabael hatte damals, als Israelen hier gefangen waren, einen Mann namens Tobias im Hause aufgenommen, weil dieser manche gute Arbeit leisten konnte. Aber nicht von Gabael hat er ein Geld bekommen. Andere ehrliche Meder haben dessen Arbeit gut bezahlt.
Seinerzeit hat Gabael einen Weinberg kaufen wollen. Allein, ihm fehlte noch ein Rest des Geldes. Und das hat Tobias ihm geliehen, zehn Pfund Silber, soviel Tobias sich erworben hatte. Dafür mußte Gabael den Schuldschein schreiben. Der ist echt!“
„Genau“, bekundet Kostian, „es ist die gleiche Schrift, wie ich sie auch von Gabael besitze. Also“, stößt er diesen an, „willst du bekennen oder leugnen? Letzteren Falles schneidest du dich sehr in deinen Finger!“ Eine offene, harte Drohung. Noch fragt erst Kostian den Raguel, ob die ‚zwei Jungen‘ ihm gehörten. Tief erleichtert ob der Gnadenführung, zwar sehr spät erkannt und angenommen, erwidert Raguel: „Tobi wird mein Eidam, der Mann meiner Tochter. Ich, sollst es wissen, bin gebürtiger Israele. Mit einem großen Schatz (Geld) habe ich die Bürgerschaft in Medien erworben, will nun aber in das ‚Land meiner Väter‘ ziehen. Im Alter ist es gut, wenn man weiß, wohin man sich einst betten läßt.
„Der Jüngling?“ Leichtes Zögern. Woher sollte Raguel es wissen, wer derselbe ist? „Er kam mit Tobi, den ich da erst kennenlernte und weiß nicht, welchem Volk er angehört.“ Uneingestanden — Kostian hat vor dem Jüngling ein ‚Gefühl‘, nicht zu nennen. „Er sieht trotz Jugend ehrlich aus“, weicht der Stadtmann aus, „kam er mit dem Sohn des Tobias, an den ich mich sogar erinnere, dessen Forderung an Gabael zu Recht besteht, bedarf‘s der Frage nicht. Wenn schon, meine ich, wird er es uns selber sagen.“
Lichthaftes Lächeln, so lieb, daß es allen freudig in die Herzen fährt, bei Gabael jedoch nicht. Zehn Pfund Silber! „Wenn du willst“, klingt‘s wie nebenher, „wirst du noch erfahren, wer ich bin.“ „Hm, möchte schon“, gibt der Altrat zu. „Sind schon viele Leute bei mir ein- und aus gegangen, aus der Nähe, aus der Ferne, gebe aber zu, daß ich deinesgleichen niemals sah. Bist kein Israele, weder Meder, Perser, Grieche oder sonst wer noch. Mag wohl Völker geben, die wir nicht kennen; doch dann wäre deine Reise weit gewesen, nicht bloß allein vom Jordan her.“
„Damit hast du völlig recht, Kostian; aber wart‘ ein Weilchen, du bist es wert, deine Augen aufzutun.“ „Ich allein? Weshalb die andern nicht?“ ‚Jedermann zu seiner Zeit, mein Freund.“ „Weißt“, ein wenig ungewiß erwidert, „solch junge Leute, wie du es bist, hab‘ ich nie als ‚Freund‘ betrachtet, bloß . . .“ „als solche, denen du zu helfen hättest, nach deiner menschlich guten Weise. Aber ich . . .“ „. . . ja ja, laß mich ergänzen: du bist so ganz anders, man spürt es förmlich, daß du ob der Jugend keine Hilfe brauchst, sondern wie ich merken konnte, Hilfe auszuteilen weißt. Wie das kommt, sind mir sieben ungelöste Siegel.“
„Gut erkannt, darf dich loben. Das kommt nicht von mir, es kommt von meinem König.“ „König? Wo ist er denn? Ist er nicht bei dir, wie magst du wissen, was er will?“ „Geheimnis, Kostian, wenigstens noch jetzt für dich. Bald wirst du ganz wissend sein. Richte erst das Recht gerade, damit Tobias zu seiner Habe kommt und dadurch“, ein für Gabael nicht leichter Blick zu ihm, „der Schuldner auch zu jener Einsicht kommt: Eine Schuld ist zu begleichen. Sogar von jenen, die den Schöpfergott nicht kennen. Darum geht es nämlich nicht zuerst, sondern um ein gutes Wesen, ehrliche Gewissenhaftigkeit, und das jemand keinen anderen bestiehlt. Schulden, nicht bezahlt, nicht wollend, ist gestohlen!“
„Genau so denke ich“, erklärt Kostian. „Also Gabael, willst du freiwillig, oder müßte ich dich vor den Stadtrat bringen? Es wäre nicht besonders gut für dich! An sich bist du angesehen; es wußte niemand, wie du handelst, außer ich damals mit dem Grund. Ansonst —“ Kostian schiebt eine Pause ein und es redet niemand. Der Jüngling bleibt neben Kostian stehen, sieht Gabael eindringlich an, fast wie bittend — zu dessen Seelenheil.
Noch will der tun, als ob er jemand zehn Pfund Silber schenken möchte, wird aber sofort korrigiert: „Es ist keine Schenkung“, zu Gabaels Verwunderung deckt der Jüngling den Gedanken auf. „Selbst wenn durch Blindheit Tobias arm geworden ist, ließe er sich Derartiges niemals schenken! Und dann? Wer verschenkt schon eine solche Summe, von der er ohnehin sich schweren Herzens löst?“
Kostian lacht schallend. „Das trifft ins Schwarze! Nur“, er wird sehr ernst, unheimlich kommt‘s ihm vor, wie der junge‘ in ein Unbekanntes sieht. Er hat stets gemeint, daß eines Menschen Herz und seine Sinne nicht zu sehen sind. Wer sein Inneres verbergen will, der hüllt‘s in finstere Nebel ein. Ja, bloß wie es kommt, daß du Gabaels Gedanken siehst. Ich habe sie zwar nicht gesehen; doch da ich ihn von mancher Seite her schon kenne, war mir es nicht allzu schwer, ihn zu durchschauen. Du, Jüngling, bist mit deiner Gruppe sicherlich noch niemals hier gewesen.“
„Wenn — du es auf die anderen beziehst und nicht auf mich.“ „So“, beschwichtigt sich der Städter selbst, „angenommen, du bist hier am Ort gewesen, warst etwa ein Kind, zu jung, um Menschen zu durchschauen.“ „Hab‘ Geduld, Freund Kostian, es schlägt die Stunde, und dein Lebensweg wird einen ‚anderen Gang‘ erhalten.“
„Da wäre ich gespannt! Allein — jetzt richten wir erst Gabael gerade. Hole deinen Säckel, lasse uns zur Waage gehen (diese waren damals zwei Schalen, an einem Haken aufgehängt) damit das Gewicht sich ordentlich erweist.“ Gabael bleibt nichts anderes übrig, als in die verschlossene Truhe tief hineinzugreifen und jeweils zehn kleine Säckchen, mit einem Pfund Silber angefüllt, zu holen und sie auszuhändigen. Man geht zum Marktplatz, wo die öffentliche Waage hängt. Zu Gunsten Gabaels, es ist gerade unerträglich heiß, ist der Marktplatz frei von Leuten, sieht also niemand aus der Stadt, was vor sich geht. Kostian wird auch niemals darüber sprechen. Erst viel später weiß Gabael ihm das zu danken.
Die Gewichte stimmen ganz genau. Altrat Kostian händigt Tobi die zehn Säckchen aus, läßt sich für Gabael den Schuldschein geben und kritzelt auf ein Täfelchen aus Wachs, daß ‚Tobias aus Thisbe von Gabael aus Rages‘ das geborgte Geld zurückerhielt, zehn Pfund Silber. Darunter schreibt er seinen Namen und läßt Tobi für seinen Vater unterzeichnen. Tobi übergibt Sara diesen Schatz und heißt sie, sich auf den Wagen zu setzen. Dort ist sie in besserem Schutz. Allein, kein Knecht würde wagen, eine Hand nach diesem Reichtum auszustrecken. Denn —
Jeder fürchtet sich vor des Jünglings Kraft und Überschau. Auf diesen zeigend, flüstert einer aus Raguels Leuten dem Altrat zu: „Denk! hin, er hat tatsächlich ein schweres Tor von außen, innen war‘s verriegelt, nur angetippt und es ging von selber auf. Er muß ein Magier sein, oder —“ „Magier? Glaub‘ ich nicht! Die lassen sich durchschauen, hält man die Augen offen. Der Sonderbare ist nicht zu durchblicken, da kann man sehen, wie man will. Na, vielleicht erlebe ich noch was und weiß dann Bescheid.“
Kostian wendet sich an Tobi und Raguel: „Ihr wollt sicher bald zurück in euer Jordanland; doch rate ich, es nicht gleich zu tun. Kommt, seid erst mal meine Gäste, ruht euch ein wenig aus und ein Schreiben geb‘ ich euch, damit ihr in Medien unbehelligt bleibt. Ihr werdet es ja wissen: noch immer sind vom Jordan etliche Gefangene bei uns. Weitere werden aufgegriffen, um sie in Arbeit einzuspannen. Dabei ginge euch sehr viel verloren.“
„Dank, Kostian“, erwidert Raguel, und er atmet auf. Nicht bloß, weil er müde ist. Die kurzen Rasten auf dem weiten Weg — was halfen sie denn schon? Doch auch deshalb mit, er möchte nicht bei Gabael im Hause sein und — denkt in besserer Erkenntnis an sich selbst. Er erntet einen lieben Blick vom Jüngling, der dafür Kostian dankt. „Hast deine Türe bestens aufgetan, zunächst hier mit Worten; aber auch als Gastgeber wirst du walten, wie man es nicht allzuoft bei Menschen findet. Allgemein gesagt.“
„Ich setze mir auch keine Krone auf“, bescheidet Kostian sich. Das ist ganz ehrlich ausgesprochen. Allein, mit sich unzufrieden, dreht Gabael sich seinem Hause zu. Jetzt, zu spät, kommt ihm vor, als hätte er für sich ein Bestes aufgegeben, die Gäste nicht auch einzuladen, und der ‚junge Sonderbare‘ —? Er ahnt ja nicht, welchen Segen er verloren hat.
An sowas denkt ein Kostian nicht. Er ist ehrlich, trotz Amt bescheiden, zwischen Mensch und Mensch mach er keinen Unterschied. Arme, Bedrückte, die Ausgestoßenen, sind ihm nicht weniger wert als Angesehene und Reiche. Er sieht nach dem Charakter, nach dem Wesen eines Menschen. Eben das — er weiß es bloß noch nicht — hat ihn dem Lichte wert gemacht. Raguel, seine Leute samt Tobi werden gut betreut, drei Tage lang, in denen sie sich gut erholen. Nicht weniger werden die Gespanne mit betreut.
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