In Ekbatana; Leid wird beseitigt; ein hartes Herz; wo Gott einkehrt, herrscht wahre Liebe
6. Kapitel
Heftiges Weinen schüttelt Sara‘s Körper, Tochter des Raguel und Hanna aus Ekbatana. Ein reiches Haus und wohnt viel Kummer drin. „Oh, ihr habt mir die Männer ausgesucht, habe es gespürt, daß sie ungut sind. Ich hätte nie bei ihnen Frieden oder Freud‘ gehabt.“ „Höre auf mit deiner Heulerei“, zankt Raguel, das bloß, weil er schuldig ist — abgestritten. Er hatte nur ans Geld gedacht, ohne Frage: Was sind sie wert?, ordentlich und ehrbar? Kann ich ihnen meine Tochter anvertrauen?
„Ich kann mich nirgends sehen lassen. Man nennt mich eine Hexe, hätte sieben Männer hingemordet und hab‘ sie nicht berührt!“ „Nicht berührt?“ fragt die Mutter. „Du warst mit ihnen in der Ehekammer, also —“ „Nein, bei GOTT nicht! Ich war völlig angezogen, während jedesmal —‚ ich kann die Schande nicht berichten. Vor den Lagern fielen stets die Männer um, bevor ich —“ Wieder ein heißes Schluchzen eines armen, leidgequälten Herzens.
„Man muß ihr glauben“, seufzt die Mutter. Raguel brummt. „Du hast gewußt“, klagt Sara ihren Vater an, „hast erst das Geld gezählt, ob es auch genügend wäre, hast mich, dein Kind, siebenmal verkauft!“ „Sag‘ das nicht noch mal, oder —“ „Du hörst auf“, zankt die Frau. „So ist‘s gewesen! Mir war ja recht, würde Sara durch die Männer reich, weil —“ „Ich? Niemals! Der Vater hat das Geld behalten und will von Gott, dem Höchsten, nichts mehr wissen!“
Woher Sara mutig wird, sie weiß es nicht. Zu viel Qual hatte sie ertragen müssen, „Ist ja gut“, beruhigt sie die Mutter, wenn auch schwer. „Sie mußten sterben und du bist rein geblieben . . .“ „. . . und bekomme niemals einen Mann, der gut und rechtschaffen wäre, mich liebt auch ohne Geld“, unterbricht Sara,
„Ha“, trumpft Raguel auf, „wird bald ein armer Schlucker kommen um sich ins warme Nest zu setzen.“ „Ich sage niemals wieder ja; und zwingst du mich, so —“ Der Disput wird unterbrochen. Fast ist‘s Nacht geworden, als der Klopfer an der Tür ertönt. Raguel horcht. Noch will er spotten, um seine Reue totzudrücken, wie er mit seinem Kind verfahren hat: „Es kommt schon einer, der dich haben will.“ Noch mehr schluchzend birgt Sara ihr Gesicht ins Schultertuch. Ja, nicht mal bei der Mutter sucht sie Trost und Hilfe. Sie eilt in ihre Kammer, sie sucht Trost allein bei Gott.
Raguel steht innen an der Pforte. Die hat einen Schlitz, wo man sehen oder sprechen kann. Ohne weiteres öffnet er die Türe nicht. Der Knecht ist nicht im Haus. Allein —? Er sieht vier Männer auf den Stufen stehn. Bin gespannt, was die wollen! Zwei sehen nicht wie ‚Überfaller‘ aus. Das merkt er gleich. Die dahinterstehenden sind nicht deutlich auszumachen.
„Raguel, wir kommen im Namen des Herrn, den du vergessen hast, und du ein Meder wurdest.“ Aschfahl wird Raguels Gesicht, Schweiß rinnt ihm aus und er ist froh, daß es niemand sieht. „Nenne deinen Namen, dann öffne ich.“ „Du öffnest, ob du willst oder nicht!“ erklingt es streng. Raguel merkt nicht, wie noch Güte durch die Stimme schwingt. „Ich bin, deinetwegen so gesagt, Asarja, des großen Ananja Sohn.“ „Ein Israele? Und der andere?“ „Ist der Sohn des dir gut bekannten Tobias. Der war schon hier in Ekbatana. Hatte er dir nicht einmal geholfen?“ Zugeben mag es Raguel jetzt nicht, doch öffnet er die Tür und läßt die Männer ein.
„Wer sind die anderen? Sehen nicht besonders aus.“ „Lasse deine Fragerei, es kommt alles an die Reihe“, sagt der Jüngling. „Nimmst du uns gastlich auf, so wird noch deinem Haus geholfen.“ „Pah, wer soll das glauben? Ich nicht! Am liebsten würde ich . . .“ „. . . euch wieder vor die Türe setzen, wie du mit armen Leuten tust.“
Raguel reißt die Türe auf. „Hinaus! Das hab‘ ich gern, Gastfreundschaft erheischen und dann —“ Zornrot färbt sich sein Gesicht. „Hätten wir uns nicht bekehrt“, raunt Mortutus, „den würde ich . . .“ „Warte, was unser Helfer tut.“ Der geht hinaus, Tobi und die anderen hintendrein. Man hört den schweren Riegel, der vorgeschoben wird, dahinter häßliches Gelächter. Und dann —?
Der Jüngling klopft leise an. Wie von Geisterhand öffnet sich das Tor. Nicht mehr rot — nein, leichenblaß starrt Raguel die Männer an, die seelenruhig eingetreten sind. „Nun“, wird gefragt und der Jüngling tippt den Hausherrn an, dem es vom Kopf bis zu den Füßen fährt, wie ein Blitz. „Wie — wie kommt denn das? Der Riegel läßt sich nur von innen öffnen, von außen nie, geschweige denn . . .“
„Das, Raguel, erfährst du noch. Zuletzt kannst du dich wundern, wenn du willst. Hast keine Ahnung, wer mich sandte, absolut nicht deinetwegen; denn du bist ein harter Brocken. Doch in deinem Haus ist eine gute Seele, die zu erretten ich ausgezogen bin, höre: im Auftrag Gottes! Daß du es nur weißt!“
Hanna, von Raguel weggescheucht, kommt näher, den Jüngling zu betrachten, ohne zu wissen, wie er einzuschätzen wäre. Sie glaubt an Zauberei, wenngleich sie den ‚Gott Israels‘ kennenlernte, Seine Worte, die Offenbarung durch noch tiefgläubige Israelen, die wie oft in Medien gefangen waren. Nun der Name Tobias fällt, denkt sie daran, wie dieser fromme Mann stets hilfsbereit und gütig war, der tatsächlich Raguel geholfen hatte. Aufzudecken wäre das nicht nötig, aber weil ihr Mann noch immer störrig ist, mit zugedeckter Angst, deshalb sagt der Jüngling ernst:
„Raguel, da du nicht erkennen willst, muß ich dich — auch im Auftrag des von dir geleugneten Gottes daran erinnern, was vor ein paar Jahren hier geschah. Wollen wir uns setzen, damit du nicht fällst.“ Hier grinsen die zwei Räuber. Rankenos denkt: wäre für den gut, wie — hm — wie es bei uns gewesen ist. Die Abrechnung geht indessen aber weiter:
„Du bist ein gebürtiger Israelit, hattest dich hier eingebürgert und das kam heraus. Man führte dich schon fort zum Strang. Dich zu retten, war nicht möglich. Damals trat Tobias für dich ein, der dank vieler Hilfe bei den Medern bestens angeschrieben war und sprach für dich.
Frei bist du gekommen, weil du nach Aufforderung ein Meder wurdest und deinem Glauben abschwören mußtest. Tobias war‘s gar nicht recht. Doch wie es damals war, raunte er dir zu: ‚Gehe darauf ein; bist du gesetzlich eingebürgert, kannst du nach einer Zeit dir wieder einen Hausaltar errichten. Ich, also Tobias, bin gewiß, daß der Herr den Umweg dir verzeiht.‘
Du hast so gehandelt, doch den Hausaltar vergessen, dafür eines reichen Meders Tochter dir genommen. Honja hieß sie. Sie nahm statt deiner den guten Glauben an und nannte sich Hanna, wie in Israel geläufig ist. Geld und Gut der Frau hast du genommen und viel damit geschachert. Hast du jemals noch an deinen Gott gedacht?
Schüttle nicht den Kopf, du hättest . . . Raguel, wenn schon, dann hast du deine Schuld Ihm aufgebürdet, so: du hättest zwar nicht anders handeln können; Er hätte dich und dein Volk verlassen, oft in Gefangenschaft geführt. So reden Menschen, wie Adam sprach: ‚Du Herr, hast mir das Weib gegeben!‘, und dazu gesetzt: ‚Hättest Du es nicht getan, wäre ich noch ohne Sünde und im Paradies verblieben.‘
Ja noch mehr: Gehadert hast du wider den Allmächtigen, Er würde niemals helfen, der Mensch müßte selber sehen, wie er Gut und Leben sich bewahren könne, wobei das vergängliche Gut dir hauptsächlich war. Daß auch das äußerliche Leben rasch verwehen kann, hast du von dir weggeschoben. Schlimmer als ein armer Heide, der vom Schöpfer niemals etwas hörte und daher manchmal in die Lebensirre geht. Keineswegs alle, Raguel!, denn ihrer viele sind gute Menschen; und das allein zählt vor dem Herrn!
Deinetwegen noch lange nicht sind wir gekommen, um dein Haus vor einem Übel zu bewahren, das schon vor deinem Tore hockt. Darum auch das Zeichen, wie es geöffnet ward, trotz deines Riegels. Man hat erwogen, weil in deinem Hause sieben Morde vorgekommen sind, dich, dein Weib und die Tochter mit dem Tode zu bestrafen. Denk‘ nicht erst falsch, du hättest damit nichts zu tun, das käme einzig auf dein Kind!
Du Heuchler! Was soll man mit dir tun? Sieh“, der Jüngling zeigt auf die früheren Räuber: „Mortutus und Rankenos waren Räuber, aber nicht späterhin geworden, sondern von Kindheit an in einer Bande aufgewachsen. Nie haben sie was anderes gehört, gesehen, als was Räuber tun. In dieser Hinsicht sind sie frei von einer Schuld. Das andere geht dich nichts an. Aber das:
Kindern haben sie nie Leids getan, sie vor voller Heimatlosigkeit bewahrt! Du aber, Raguel — ah, du fängst an zu zittern? Nun gut, will ich darüber schweigen, damit du auch zu einer Umkehr kommst — wenn du willst. Vielleicht machst du das nächste Mal an armen Kindern wieder gut, die zaghaft bei dir klopfen für ein Stücklein Brot. Bleibst du aber hart, so wird dir Frau und Kind genommen, um sie vor dem Übel zu bewahren, das deinem Hause droht.
Doch würdest du dich darum wenden, um Gefahren aus dem Weg zu gehen, dann — wird der Herr Sich völlig von dir wenden. Er tat es bis her nicht, der unschuldigen Seelen wegen, Frau und Kind, und ich wäre ohne Gott nicht hier! Was du ferner tust, ist deine Sache ganz allein. Davon hängt ab, wie sich weiterhin dein Weg gestalten wird. Fraglich noch, ob du toten Tand in eine Abfallgrube wirfst, ob du dich davon befreien kannst, um voll und ganz dem Herrn dich zuzuwenden. Wenn ja, so wirst du frei von aller deiner Last, selber aufgebürdet! Merk‘ dir das und schiebe niemals anderen oder GOTT die Lasten in den Schuh!“
Der Jüngling wendet sich an Hanna, die tief bewegt alles angenommen hat. Oft hat sie Armen etwas nachgetragen, die bei Raguel vergeblich baten. Nie konnte sie mit ihm darüber sprechen. Er wütete tagelang mit ihr. „Komme mit“, sagt er zu ihr und faßt, freundlichen Gesichts, nach ihrer Hand. Er braucht nicht zu fragen, wo Sara‘s Kammer wäre, geht zur Stiege und öffnet oben eine Tür.
Hanna bleibt erschrocken stehn. Sara liegt auf ihrem Lager, todbleich. „O heiliger Gott, was ist mit meinem Kind?“ „Das frage Raguel! Auch wenn nicht er das Gift gegeben hat, das Sara nahm, ist er Urheber dieser Sache. Selten konntest du ihm widersprechen. Er hat gewußt, was die Männer brachten. Das Katzengold hat ihn bestochen. So bleibt die Sünde an ihm haften, nicht an den Männern, noch am Gold, am wenigsten an deinem Kind.“
Er tritt an das Lager, streicht über Saras Stirn und Hände, klopft ihr mehrmals auf das Herz. „Sie ist noch nicht ganz tot“, sagt der Jüngling, „doch in einer Stunde wäre es zu spät gewesen, sie zum Leben zu erwecken, es sei denn: GOTT hätte es getan!“ Fassungslos sieht Hanna drein, murmelnd: „ich kenne die Symptome von dem Gift, das wir für wilde Hunde brauchen, die nachts bis in unsere Gärten dringen und das Federvieh sich holen. Sara ist tot, das — das —“
„Warte ab, liebe Hanna. Hast zwar nach deinem Wissen recht; denn das Gift wirkt ungeheuer schnell. Aber sieh: könnte ich wohl nicht im Auftrag meines — deines — Gottes helfen?“ „Wenn du das kannst, bist du nie ein Mensch gewesen, sondern . . .“ „Doch, ich war schon mal ein Mensch (Henoch). Jetzt bin ich etwas anderes. Wirst es noch erfahren, später, und nicht hier in Ekbatana.“
„Ich glaub‘ dir wirklich gern, du Unbekannter; nur daß ich unsere Stadt verlasse — nein, das trifft nicht zu.“ „Auch hier sage ich: warte ab.“ Dabei streicht der Jüngling nochmal über Saras Stirne. Alsbald öffnen sich die Augen, weltenfremd ist der Blick, suchend, bis sie am Gesicht des Jünglings haften bleiben.
„Was ist mit mir?“ Sie weiß nicht, was sie aus Verzweiflung tat. Gottes hohe Liebe nimmt ihr den Gedanken weg. Ganz ausweglos war ihre Lage — weltlich angesehen. „Du bist plötzlich krank geworden“, sagt der Jüngling, „war nicht schlimm“, lächelt er sie an, „und nun stehe auf, Gottes Segen wartet für dich vor der Tür.“ Wer, was ist der Segen? Nun, bei Raguel war indessen was geschehen.
Tobi hatte sich neben Raguel gesetzt, der, vor sich hinstarrend, nicht recht wußte, wie alles zugegangen ist. „Sag‘ mal, Raguel“, fragt Tobi, „deine Tochter, die vorhin . . .“ „Nicht weiter“, schreit jener, „sie ist der Unstern meines Hauses!“ „Wie kommt denn das? Mir war, sie sei lieb und innig; ich habe gleich für sie empfunden, daß ich, ohne erst mit ihr zu sprechen, sie zu meinem Weibe nehmen würde — wenn sie will. Würdest du mir deine Tochter geben?“
„Du? Dann wärst du der achte Mann, der vor ihrem Ehelager stirbt! Mit sieben Männern ist es so geschehen und du wärest . . .“ „glaub‘ ich nicht, Raguel. Wochenlang bin ich mit dem Jüngling unterwegs, der mit deinem Weib zur Tochter ging. Weshalb, wird sich erweisen; aber daß ich Sara liebe und nicht sterben werde, dessen bin ich ganz gewiß. Lasse es mal auf die Probe kommen.“
„Von mir aus“, lacht Raguel, dem es viel mulmiger zumute ist, als er vor sich selber eingestehen will. „Geh‘ die Stiege hoch, rechts die zweite Tür, das ist Saras Kammer.“ Während Tobi sich erhebt, flüstert Mortutus dem Freunde zu: „Da tut sich was ganz Großes; bin gespannt, wie das verläuft. Aber jetzt — jetzt glaube ich, daß Tobi nichts passiert. Wo dieser sonderbare Junge ist, der uns geholfen hat, uns aus unserem Verderben rettete, der sorgt dafür, daß hier auch noch alles richtig wird.“
„Dem Raguel — na ja, will‘s ihm nicht vergönnen, weil wir selbst erst . . .“ „.. . ungut waren“, brummelt Mortutus. „Zum Gutsein wird‘s bei uns noch lange dauern. Wenn man auf einem Wege ist und nicht stehen bleibt, kommt man doch einmal ans Ziel. Wie sich das für uns ergibt . . .“ „. . . überlassen wir dem Jüngling oder — Gott!“ Noch wird der Gottesname zaghaft ausgesprochen, nicht aus falscher Scham. Unwürdig fühlt sich Rankenos, jetzt schon ‚Gott‘ zu sagen.
Auch bei Raguel hat sich was geändert in großer Angst, Ungewißheit und dem Wunsch: ‚Hätte ich den Tobi nicht hinaufgeschickt, er wird sterben und dann — dann wäre er und sein ganzes Haus dem Verderben preisgegeben. Das weiß er längst. Am liebsten würde er sein Haus lassen, heimlich, ohne Weib und Kind, ohne Frage, was aus ihnen würde. Nein, das darf ich nicht‘, denkt er hastig, das wäre — ‚Würde Gott dir nie verzeihen‘, klingt es mahnend an sein Ohr. Was war denn das? Deutlich hat er es gehört, doch gemerkt, daß nicht die zwei Männer, denen er nicht über eine Gasse traut, etwas sagten, ganz abgesehen davon, es wäre ihnen auch nicht zuzutrauen.
„Wer seid ihr eigentlich?“ Es klingt nicht gerade mutig. Raguel ist auf dem Sprung, sich zu retten, falls — Rankenos nickt Mortutus zu: „Sag‘ du es ihm.“ Dieser kommt der Bitte nach und berichtet es dem Hausherrn, was sie waren, wie sie mit dem Jüngling und Tobi zusammentrafen und was dabei mit ihnen, der Räuberkumpanei, geschah. „Ihr seid wirklich umgefallen?, bloß, weil er“, Raguel meint den Jüngling, „euch angetippt, angehaucht hatte? Glaub‘ ich nicht. Ihr seid starke Kerle, der Junge ist . . .“ „. . . schwächlich?“ Rankenos lacht. „Hast schon vergessen, was mit deiner Tür geschah, die der Junge‘ ohne Anstrengung von außen öffnete!“
„In meinen Kopf geht‘s nicht hinein“, räuspert Raguel sich heftig. „Ich meine, hab‘ die Pforte nicht ganz fest geschlossen; ein Riegel kann sich schieben lassen, wenn man an der Türe rüttelt.“ ‚Jetzt langt es uns!“ droht mit Absicht Mortutus. „Ich lasse auf unsern Jüngling, der uns wunderbar geholfen hat, nichts mehr kommen; auch haben wir gehört, wie du von innen deinen Eisenriegel vorgeschoben hast. Zudem hat der Jüngling ebenso die Türe angefaßt wie mich, mit einem leichten Fingertipp!
Wenn wir, mein Kamerad und ich, auch wissen, wie unweit wir noch sind, solche Hilfe zu bekommen, so bist du ein ärgerer Gesell, als wir es jemals waren! Ich getraue mich sogar zu sagen: Ich könnte Gott verstehen, wendete Er Sich von dir ab, was ich deinem Weib und deiner Tochter nicht vergönne. Ah ja, der Jüngling hat sich eingeschaltet und steht den beiden bei — ohne dich! Denn sonst — warum hat er dich nicht mitgenommen?“
Noch muckt Raguel einmal auf; dabei zittern nicht nur seine Hände, sondern auch das Herz: „Ich wäre gar nicht mitgegangen! Zuzusehen, wie auch der achte Mann in Saras Kammer stirbt — nein, nein, bei —“ Und kommt nicht über seinen Mund zu sagen ‚bei Gott nicht‘! Ohne Wollen sogar gut getan, weil er jahrelang von Gott nichts wissen wollte, hat sein Gewissen immer totgedrückt, dafür dem Mammon sich verschrieben. Heute — ?
Es ist ein winzig kleines Flämmchen, schier unschaubar, das in seiner Seele flackert. Wer behütet es? Wer haucht es an, damit es noch zur guten Kerze wird? Trotz schmilzt langsam hin, die Gedanken sind nicht festzuhalten, obzwar eine Scham den Umkehrweg ergibt — weiß Raguel es nicht, aber GOTT! Und der Jüngling sieht es auch, in Saras Kammer. Daselbst geschieht nun Folgendes:
Tobi ist auf inneres Geheiß eingetreten. Für ihn ist‘s nicht die Liebe, die bloß Mann und Frau betrifft; da herrscht etwas vor, was wohl nur im Lichtreich möglich ist, die reine Liebe, die aber auch der Mensch besitzen und ausleben kann. Er bleibt auch an der Türe stehn, was sein Helfer wirken wird. Zuerst nichts, himmlisch wartet dieser. Anders aber Sara.
Von ihrem Selbstmord weiß sie nichts, aber daß bei ihr die Männer umgekommen sind, fällt ihr jählings ein. „O bitte nicht“, weint sie auf, als ihr Blick auf Tobi fällt. „Bitte gehe, ehe dich das Übel überfällt!“ Sie zittert wie im starken Frost. Beruhigend legt der Jüngling wieder seine Hände auf. „Sei ohne Angst, liebe Sara, dich trifft nichts Böses mehr, denn der HERR ist bei dir eingekehrt! Du brauchst Ihn nicht zu sehen, doch Seinen Segen wirst du spüren. Er führt dich fort aus diesem Haus und Friede wird dich überkommen bis ans Ende deiner Tage auf der Welt!“
Sara kann‘s nicht sofort glauben, zu viel hat sie bedrückt. „Du mußt wissen“, fleht sie, „mein Vater war ein Israele, hat sich aber ganz von seinem Volk, von seinem Gott gewendet. Meine Mutter ist Mederin, und gerade sie hat den hohen Gott erkannt und Ihm gedient. Auch mich hat sie zu Ihm geführt — im Glauben. Wir, die Heiden, sind GOTT gehörig. Ich darf um des Glaubens willen diesen edlen Israele“, sie meint Tobi, „nicht in meiner Kammer dulden; ihm darf nichts geschehen. Bitte, führe ihn hinaus!“
„Liebst du ihn?“ fragt der Jüngling unversehens. Eine feine Röte steigt in Sara‘s Wangen. O ja, sie hatte es sogleich gefühlt, als Tobi mit dem Jüngling bei seinem Vater eingetreten war. Doch sie darf an sowas nicht mehr denken. Siebenmal! O Gott, das kann man nicht vergessen, nicht zur Seite schieben! Gerade, den man liebt, soll nicht in dieses Unheil fallen.
„Ich helfe dir. Glaubst du an Gottes Wundermacht, dann glaube nun mehr ohne Zweifel; Er hat dein Leid angesehen! Stehe auf, gehe hin zu Tobi, gib ihm deine Hand und du wirst sehen, was geschieht.“ Wie unter einem Zwang, vom Lichte kommend, tut Sara, was ihr anbefohlen wurde. Noch haften ihr die Ängste an und wer mag das nicht verstehen? Dennoch steigt in ihr der Glaube auf, schon voll guter Zuversicht, viel besser, als bei ihrem Vater erst der arme kleine Funke flammt. Auch Hanna spürt noch ihre Angst; sie drückt halb die Augen zu, um nicht zu sehen, wenn Tobi sterbend fällt.
Nichts passiert. Tobi steht aufrecht da, als er Saras Hand ergreift, sie umarmt, fragend: „Willst du mir zu meinen Eltern folgen? Darf ich hoffen, du wirst mein Weib?“ „Du bleibst lebend — du wirst nicht ‘—“ „Nein, ich sterbe nicht bei dir! Sieh: GOTT hat mich hierher gelenkt, durch den Jüngling. Er ist ein Bote Gottes. Menschen können solch ein Bote sein, denn Gott bedient sich Seiner Kinder, um Kindern Seine Hilfe herzuschenken!“
Sara bricht nieder, Hanna auch. Ein großes Wunder ist geschehen. Die Männer heben die beiden Frauen auf. „So“, meint der Jüngling, „wir gehen nun zu Raguel, mal sehen, ob er voll zur Einsicht kommt.“ „Das wäre gut“, lispelt Hanna, die nicht recht daran glauben kann. Und das ist kein Wunder. Sie hat auch zu viel erlebt. Wenn doch — wenn Sara — wenn Tobi — Plötzlich hält sie sich am Jüngling fest: „Wo du bist, da ist Gott! Er wird Raguel zu wenden wissen.“ Dieser nickt und sie steigen in das Erdgeschoß hinab.
Noch hat sich weniges geändert, bloß Mortutus und Rankenos sind voll guter Zuversicht. Bald sinkt es für sie völlig ab, was und wer sie einmal waren, bevor das Licht sie aus der Faust der Finsternis herausgehoben hat. Etwas schreibt das Licht besonders ihnen gut: sie wünschen, Raguel möge sich besinnen, sich auf die Hilfe stützen, die ganz gewiß der Jüngling auszuteilen weiß.
Wohl ist das gute Denken noch nicht voll gewachsen, es braucht eine Zeit, bis alles Wucherkraut herausgerissen ist, während es bei Raguel nicht zu wachsen brauchte. Er war im Glauben aufgewachsen und erst als Mann hat er sich bewußt von Gott gewendet, um dafür Verderbliches einzutauschen. Immerhin — es flammt ein wenig. Weiß der Jüngling es zu schüren? Ja, nicht mit sanften Worten, die eben wenig nützten; gesegnete Härte ist anzuwenden, wie ein schwerer Pflug ein hartes Erdreich aufzuwerfen hat.
„Du lebst?“ ächzt Raguel, als er Tobi vor sich sieht, freudigen Gesichts, ebenso sein Weib, die Tochter und den Jüngling. Die Augen reißt‘s ihm hoch, fast treten sie aus ihren Höhlen. „Du wunderst dich?“ fragt der Jüngling scharf. „Hättest etwa gern gesehen, daß dein Kind vor Leid zusammenbricht?, was schon geschehen ist!“ Er zeigt ein paar graue Körner her, die Raguel am besten kennt. „Ja sieh, wirst schon wissen, was geschah und daß — niemals deinetwegen — GOTT geholfen hat, ein armes Herz zu retten, geistig und auch leiblich. Doppelt wärest du ein Mörder!
Wärest froh gewesen, wenn dein Kind dem Henkertod verfiel, so . . .“ „Nein!“ Wild schreit es Raguel; seine Sünden drücken ihn bis auf den Boden. Kraftlos fällt er in sich zusammen. Die andern wundern sich, weil der Jüngling, der liebreich half, wie völlig hart und unbarmherzig sprach. Allein, schon öffnet sich bei ihm des Himmels Liebe. Er hebt Raguel auf und sagt, freilich ernst:
„Wenn du willst, bist auch du zu retten. Ich meine deine Seele; denn das Leibliche der Welt — nun, es kommt darauf an, ob du fertig bringst, dich von eben deiner Welt zu lösen. Bist noch weit von Gott entfernt, nur nicht so weit, als daß nicht ER dich sieht! Soll Er näher kommen?, willst du Ihm entgegen gehn? Wenn ja, dann tue ich dir Seinen Willen kund.“
„Was soll ich tun?“ Da ist der reich geschmückte Raum, angefüllt mit Kostbarkeiten. „Es wäre viel, was ich lassen müßte und . . .“ „. . . nicht nur viel, armer Mann, nein, alles mußt du lassen, sonst neigt Gott sich nicht herab zu dir!“ In Raguel entbrennt ein Kampf, so bitter. Oh, wer sich lange Jahre selbst verhärtet hat, Truhen und die Keller füllte, Hab und Gut vermehrte, kaum noch auszurechnen — wie kann solche Seele ihrem eigenen Schlund entsteigen? Ein leises Lallen: „Was soll ich tun?“ Zweimal gefragt.
„Du kannst ja bleiben, Raguel, kannst deine toten Schätze hüten, doch Weib und Tochter führe ich hinweg. Rüste einen großen Wagen, hast im Stall genügend starke Rösser. Gib Befehl, alles aufzuladen, was Weib und Kind gehört. Das andere überlasse unserem Gott. Er hat den Wunderweg gewiesen, sie bleiben ohne Leid.“ „Ich soll allein . . .“ „Das liegt bei dir. Noch hat der Himmel keinen offenbaren Weg für dich. Auch bist du menschlich klug genug, um selber zu entscheiden, was für dich das Beste ist.“
Wieviel Geduld enthüllt der Himmel, wieviel Barmherzigkeit fällt auf die Welt herab! Wie lang sitzt Raguel auf seinem Stuhl, will und verwirft? Endlich taut von ihm das letzte Seeleneis, aber manches möchte er —. Der Jüngling lächelt vor sich hin. Tobi will dem Manne helfen, er ist Saras Vater. Und Hanna? Sie stößt ihn an, bittend: „Komme mit, es geht nicht anders, willst du nicht den Bütteln in die Hände fallen. Doch nicht deshalb bitte ich: du sollst Gott wieder lieben lernen und Ihm dienen, dann entbehrst du leicht den Tand der Welt. Auch ich will keine Habe mit mir nehmen, nur Sara soll nicht arm in eine Fremde ziehn.“
„Hanna, dein Gut kommt mit! Es ist das Erbe deiner Tochter“, bestimmt der Jüngling. „Solang der Mensch auf Erden lebt, darf er für das Äußerliche Sorge tragen — im gerechten Maß.“ Raguel gibt sich einen Ruck, mag sicher Gottes Hilfe dabei sein. Er ruft Knechte und befiehlt:
„Rüstet zwei große Wagen für mein Weib und für mein Kind. Sie ziehen fort.“ Das Gesinde ist verwundert. Einer flüstert: „Für die Frau und Sara ist es gut, wenn sie verschwinden.“ Ja, die Frauen hatten das Gesinde gut gehalten, nie zuviel verlangt und Lob erteilt, weil sie oft für Hanna sich um eine Arbeit rissen.
„Wir können helfen“, meint Mortutus, „braucht bloß zu zeigen, was aufgeladen werden soll.“ Der Beistand wird gern angenommen. Nicht lange dauert es, sind die Wagen fahrbereit, dazu Platz für Hanna und für Sara. „Und wir?“ fragt eine Magd. „Bei dem Herrn allein“, will keines bleiben. „Es steht euch frei, mit mir zu kommen“, läßt Hanna offen, „doch darf mein Mann nicht ohne Pflege sein.“ Ein junger Knecht, der noch nicht alles weiß, was im Hause vorgekommen ist, will bleiben. Raguel schüttelt seinen Kopf.
„Keiner bleibt von euch zurück; wer mitziehen will, folge meinem Weib und“, o Mensch, schwer, nicht wahr, wenn man bekennen soll — „und dem Jüngling, dem Tobi, meinem Eidam, die die Schmach meines Hauses weggenommen haben. Wer hier verbleiben will — ihr seid alle Meder“, sagt Raguel zum Gesinde, das sich im Hof inzwischen voll versammelt hat. Es erweist sich eine gute Treue, alle wollen mit bis auf jene Magd (S. 31), die gegen Sara häßlich war und es jetzt nicht wagt, bei ihr zu bleiben.
Sara winkt ihr ab, ohne Groll im Herzen, freundlich redend: „Dir wird‘s in der Fremde nicht gefallen!“ Sogar der Jüngling fordert diese Magd nicht auf, mitzukommen, währenddessen er allen anderen verheißt, sie würden Gutes finden, im ‚Land des Königs‘. Er meint keinen anderen, als Gott, den Heiligen, weil allgemein doch Israel an Ihn glaubt. Der Hauptknecht wendet sich an Raguel, fragend:
„Du hast nur zwei Wagen anbefohlen, drei stehn noch leer. Sollen wir sie nicht beladen?“ „Nein“, wehrt der Hausherr ab, ein wenig wehmütig, „alles mag versinken, mögen sich die Büttel holen,“ „Und die Rösser?“ Hm, hm, die Tiere brauchen ja die Pflege. Er hat nicht gesehen, als der Jüngling hinter seinem Rücken angeordnet hatte, die Tiere aus dem Stall zu holen.
„Wir brauchen sie, Raguel. Oft sind die Wege schlecht, so daß wir Vorspann brauchen. Hier könnten sie in böse Hände fallen.“ Zu dem, weil Raguel für sich nichts nimmt, nicht einmal ein Säckel Geld, außer dem, was Hanna‘s Eigen ist, spricht der Jüngling nichts, gibt keinen Rat, kein Widerwort. Ungewissen Denkens geht Raguel zu Fuß hinter den zwei Wagen her. Erst viel später, als sie die Grenze Israels erreicht und überschritten haben, warten an einem vorbestimmten Platz, den der Jüngling mit Mortutus besprach, drei Wagen.
Es war am zweiten Abend auf der Fahrt nach Rages, zu Gabael, welcher Weg erst einzuhalten war, um dann Tobis Heimat zu erreichen, hat der Jüngling, ohne Wissen aller anderen, den Hauptknecht, Mortutus und Rankenos zurückgeschickt. Sie hatten Pferde aufgetrieben und viel aus Raguels Haus geholt, bevor es ruchbar wurde, daß dieser mit dem geringsten Teil der Habe weggezogen sei. Man wußte nicht, wohin. Erst hernach wurde dann das Haus und was noch vorhanden war, dem sogenannten ‚Staatsschatz‘ einverleibt.
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