Ein Jüngling lehrt das Alter; eine reich gesegnete Nacht
8. Kapitel
Die letzte Nacht bricht an; morgen früh heißt es Abschied nehmen. Man ging bald zur Ruhe. Nur Kostian ist noch allein in seinem Garten. Auf einer Bank sieht er ein helles Licht. Näherkommend entdeckt er den Jüngling. „Du?“ fragt er verhalten und leise Freude füllt sein Herz. „Willst du nicht auch ruhen?“
„Wirst‘s nicht gleich verstehen; ich brauche keinen Schlaf, wie die Menschen haben müssen. Zieh‘ nicht die Brauen hoch, meinend, gerade Jugend müsse sich im Schlafe frische Kräfte holen, indes das Alter es nicht mehr so nötig hat. Weltlich ja, Kostian; geistig sieht es anders aus. Das, wenn du willst, möchte ich dich lehren.“ Gut gemeint, bloß fehlen Kostian noch die ‚oberen Gedanken‘, als er wie ein Ratgeber erwidert:
„Nicht die Jugend lehrt das Alter, umgekehrt ist es der Fall!“ „Von deinem Standpunkt aus gesehen ja; nur gibt‘s andere Dinge, weit über diese Welt hinaus, wie du den Himmel siehst, nie aber ihn erfassen kannst!“ „Hm“, brummt Kostian, „ist was dran. Jetzt möcht‘ ich wissen, wer und was du bist.“ „Kannst du haben“, lächelt lieb der Jüngling, „doch ginge das nicht ohne Lehre ab.“
„Fange an“, Kostian überwindet sich. Das ‚Gefühl‘, als er den ersten Blick mit jenem kreuzte, hat überhand genommen. Er sieht in ihm nicht mehr den Jungen‘. Etwas Mächtiges steht vor ihm, so will es ihn bedünken, „Willst du erst glauben, bevor du Fragen stellst? Hebe sie dir auf; zuletzt wirst du erkennen, daß sie überflüssig sind, wenn — wenn du glauben kannst.“ „Und was?“
Da greift der Jüngling nach der Rechten Kostians. Wie ein warmer, wundersamer Strom geht es diesem durch den ganzen Leib, unbekannt, noch nie gehabt und möchte immer in dem Strome leben. „Sieh“, fängt das Licht behutsam an, „du bist ein Meder, ein Heide, wie ihr euch, seit ihr Israelen kennt, absichtlich so bezeichnet. Alle machen keinen Unterschied; auch ein Tobias kennt nur Menschen, die er einfach ‚Kinder Gottes‘ nennt. Der Unterschied:
Wer Gutes zu tun weiß und tut es nicht, ist ein Heide, einer, ohne GOTT und mag er Ihn von früh bis abends loben. Wer aber aus reinem Herzen Gutes tut, ist mit GOTT verbunden, selbst wenn er Ihn nicht kennt. Das ist bei dir der Fall, Kostian! Gut, da du bloß im Stillen fragst, welchen Gott ich meine. Ihr und viele Völker haben sich die Götzen selbst geschaffen. Du hast nie so recht an sie geglaubt, das ist der größte Unterschied:
Du hast recht gedacht: Menschen schufen sich die Götzen. Wie hernach stehn sie über uns? Erkenne: Gott, der Allmächtige, ist aus SICH SELBST ein GOTT! Niemand gab Ihm einen Span, ein Körnchen Sand, noch Stein, um Sein Anbild herzustellen. Er ist, was Er ist! Diesen Gott will ich dich lehren. Hast zwar durch Israelen schon von Ihm gehört, wolltest nur nicht an Ihn glauben, weil Gefangene, von euch Unterdrückte, Ihn als ‚einzigen Gott‘ bezeichnet haben. Dabei hast du in Gedanken dich wie oft mit Ihm befaßt, bist bloß zu keinem Resultat gelangt. Aber schau — heute schlägt für dich die Stunde, wo dein ‚anderer Gang‘ beginnt, wie ich dir es sagte.
Es sei kein Lob, wie die Menschen selbst sich loben oder loben lassen; was jedoch Wahrheit ist, ist zu bekunden. Du hast so gut als möglich treu gehandelt, oft geholfen, auch denen, die ihr Feinde nennt, ich erwähne Tobias — Gabael nahm ihn des Vorteils wegen auf, womit der Gastgeber-Segen für ihn verloren ging. Du hast heimlich nachgeholfen, wo immer es dir möglich war. Vor allem lag die Jugend dir am Herzen. Ich brauche jetzt nicht alles aufzuzählen, auch taugt‘s nicht viel, sieht der Mensch zu oft in seinen ‚guten Spiegel‘.
Das braucht dir nicht erklärt zu werden, du bist lichtverbundener als du selber weißt. Und auch das ist gut. Was dir fehlt, ist jene Überwindung: Sieh dich weniger als ein Mitglied deines Volkes an. Wende dich ans ‚obere Volk‘, zu dem dein ‚anderer Gang‘ dich führt. Noch weißt du nicht den Unterschied herauszuschälen, doch ich helfe dir, im Auftrag meines — deines Gottes, den ‚Schirmherr‘ Seines oberen Volkes, das man ‚Lichtvolk‘ nennt.
Ja ja, mein Kostian“, ein leises Lachen, „unbekannte Dinge, ahnst noch nicht, was damit anzufangen sei. Du hast jedoch den Einstieg deines neuen Weges hinter dich gebracht, hast dich schon selbst gelöst vom Althergebrachten, bist bloß unsicher, wie du weitergehen sollst. Dazu möchte ich dir raten:
Bleibe weltlich, was du bist. Als Altrat deiner Stadt kannst du viel Gutes wirken, kannst helfen, wo immer Hilfe nötig ist. Innerlich aber, Kostian, so deinem Herzen, deinem ganzen Hause nach, da drehe dich um deine eigene Achse. Laß hinter dich versinken, was dich glaubensmäßig an die Götzen bindet, wobei ich gern bekunde: dieser Strick ist bei dir schon sehr stark durchgefeilt; nur noch ein kleiner Ruck, und er ist zerrissen, kannst dich nicht mehr fesseln, an die Dinge, die deiner Seele Schaden tun.
Jetzt kannst du Fragen stellen, wir wollen uns ergänzen, weil auf solche Weise die Ziele leichter zu erreichen sind. Es geht dir viel durch deinen Kopf, im Herzen regt sich‘s auch. Ich sehe es.“ „Ah, da wäre gleich die erste Frage: Wieso siehst du in mein Herz, das vom Fleisch umgeben ist? Das versteh‘ ich nicht und . . .“ „. . . werde es auch nie verstehen? Doch, mein Freund, du wirst!
Das Herz des Leibes ist hier nicht gemeint. Überlege dir: Wieso kommt es denn, daß dein Herz freudig, bang, schnell oder langsam klopft, wenn äußerlicher Einfluß es erzeugt? Hat jemand Angst, fühlt er sich bedroht, dann geht der Blutstrom hastig durch den Körper, was bei Freude freilich auch geschieht. Genau so umgekehrt: langsam, fast bis zum Stillstand, kann das Herz des Leibes klopfen, je nachdem, was dem Menschen widerfährt.
Daß eigentlich das Blutherz dieses nicht zuwege bringt, sagst du dir ja selbst; also muß es noch was ‚anderes‘ geben, was nach deinem Denken mit dem Takt des Blutes irgendwie zusammenhängt. Ganz recht hast du! Nimm erst auf, was ich dazu noch zu sagen habe, und prüfe selbst; du bist nämlich nicht nur weltlich klug, auch geistig, dir noch etwas unbekannt. Du hast ‚obere Gedanken‘.
Gott, der Allmächtige, Dem du dich gern verschreiben möchtest, schuf sich ein großes Kindervolk. Frag‘ nicht, wo das auf der Erde existiert. Bevor die Materie, die Welt erstand, gab es pures Licht im Licht. Das bedeutet: es war von Ihm, dem Heiligen, Sein Werk in höchster Herrlichkeit erschaffen worden, somit auch das Kindervolk, genauso fern der Materie lebend, wie — schon gesagt — der Himmel über dir zu sehen, doch nicht anzufassen ist.
Aus Seinem ureigenen Herzen, und das war nie so körperlich, was der Mensch zu seinem Leben braucht, ließ Er den ‚Strom Seines Geistes‘ in die Kinder fließen, und sie trugen auch ein ‚Lebensherz‘, das reingeistige in sich. Denkst schon: warum hat der Mensch nicht solch ein Herz? Wäre gut und schön! Schau an, kommst von selbst der Wahrheit näher.
Ein pur körperliches Herz würde niemals die Lebendigkeit ergeben, die — zumal — dem Geiste untersteht. Beispiel willst du haben? Sehr leicht, Kostian! Ihr glaubt an das Weiterleben nach dem Körpertod. Ihr tut recht daran. Bleibt aber nicht bei diesem Tod der Blutstrom stehen?, hört nicht das Herz zu schlagen auf?, fällt die Lunge nicht zusammen und gibt es keinen Atem mehr?
Wenn jedoch dann jenes, was man ‚Leben‘ nennt, nach dem körperlichen Ende weitergeht, was, Kostian, geht weiter? Ohne Herz, damit ohne Atem gibt‘s kein Leben, ganz gleich, wie du es benennst, wohin du es auch stellen magst. Nun merke auf: Dir ist jene Altgeschichte unbekannt, die der große Ordnungsträger Mose einst gesehen und geschrieben hat:
GOTT blies dem Menschen Seinen Odem ein,
da ward der Mensch eine lebendige Seele!
Wurde hier bereits der Mensch genannt, so mußte er ja existieren, ob zunächst schon mit oder ohne Odem Gottes. Das ist zwar ein Rätsel, dennoch leichtlich zu ergründen. Gab es Menschen, so mußten sie auch lebensfähig sein, was ernstlich ohne Odem Gottes gar nicht möglich war. Das geht dir ein. Nun, der Lebensvorgang war und ist Folgender:
Nebst dem Licht und dessen Volk gab es auch die Finsternis, in der, wie ihr glaubt, Dämonen hausen. Das sind die Widersetzlichen, die Argen, was du auch an bösen Menschen merkst. Aber beide, die Lichter und die Finsteren, müssen zum Zwecke eines ewigen Lebens — nein, Kostian, nicht auf dieser Welt! durch die Materie wandeln, wobei nicht nur die Erdwelt gilt. Das erfährst du später noch. Das ewige Leben geht aus Gott, dem aus Sich Selber EWIGEN hervor! Und hängt das damit von einem Lebensherz zusammen.
Noch geht dir nicht ein und du bist nicht der Erste, wirst nicht der Letzte sein, dem Lichtgeheimnisse, die ‚harten Nüsse‘ sind, die erst gut schmecken, wenn man das harte Äußere zerbricht. Da schau: so sieht‘s auch mit dem Glauben, mit der Lichtverbindung aus. Erst wenn jemand alles harte Äußere der Materie überwindet, tritt er in des Lichtes Helligkeit, in Gottes Gnade ein. Das ist der gute, der einzig-wahre Lebenskern!
Du meinst, wenn es Menschen gab, wie hernach wurden sie erst mit dem ‚Odem Gottes‘ lebend? Mensch an sich bedeutet doch schon Leben im Gegensatz zum Tod, wo der Mensch zur Leiche wird, dann weder Odem hat noch braucht. Von der Allerweltswarte aus betrachtet wäre das ganz recht, Freund Kostian, erinnere dich aber wieder an jenen Glauben: nach dem Leibestode geht das Leben weiter! Was aber dann das Leben ist, wie es sich gestaltet, wie es denken, fühlen, wirken kann, das ist noch ein Buch für dich mit sieben Siegeln. Für die andern auch, mein Freund.
Da wird viel gerätselt und Gedanken hergestellt, und mögen manche nahe an die Wahrheit kommen; allein — das Lichtleben, das der Mensch nicht kennt, ein Materieller auch nicht kennen will, was an sich nichts schadet, weil das Heilige des Lichts im Licht verbleibt, das eben ist der ‚Himmelssegen Gottes‘, den Er Seinen Kindern aufbewahrt! Merke jetzt noch auf:
Sobald ein Lichtkind sich in die Materie eingebären läßt, wie arme Finsterlinge eingeboren werden, achte auf den Unterschied!, sind es Menschen, wie du einer bist. Nur das: Obwohl jedes Eingeborene, vom Licht mit Gottes Geist versehen, die Finsteren mit Gnade überhaucht, jedes also mit dem ‚Lebenstrieb aus Gott‘ einen Weg beginnt, bliebe übrig, daß zusätzlich ein Band geschmiedet werden mußte, um kein Kind, es sei vom Lichte oder von der armen Tiefe, ohne jene Kraft verblieb, die den Rückweg doppelt sichert. Doppelt, fragst du? O ja, von Gott, dem Schöpfer aus, war schon die Kraft, die Sicherung hergestellt, bevor Er Sich Sein Kindervolk erschuf.
Doch von Ihm aus und über ihn sollte auch das Kind den — nennen wir ihn ‚zweiten Kraftanteil‘ selbst durch einen Gang den Rückweg finden und das Ziel erreichen. Dazu gab der Höchste noch den Odem her! Als zweiten Kraftanteil! Darum das leicht mißzuverstehende Wort: Da ward der Mensch eine lebendige Seele!‘
Mit diesem Odem zusätzlich hergeschenkt aus dem UR-Kraftquell der Gottheit, war es jedem Menschen möglich, den gegenüberstehenden Kraftanteil der Materie zu überwinden. Du seufzt: wenn schon, dann müßte diese Welt ein Garten sein. Tobias hat dir davon gesprochen —einen ‚Garten Gottes‘ hätte es gegeben; doch die Menschen, die trotz Odem aus dem Gnadenborn dem heiligen Gebot nicht folgten, wurden deshalb ausgetrieben.
Denkst an manchen, der dir zur Last geworden ist, oft sogar solche, die lebensmäßig gut sein könnten, wie — willst Gabael nicht belasten, wie dieser hätte Gutes wirken können und war geizig bis zur Unterschlagung. Wäre beinahe ihm bei Tobias gelungen.
Das Beispiel ist nicht schön, leider wahr. Mit solchen Leuten hast du allerlei erlebt, dich gefragt: warum sind sie denn so arg? Sieh, Kostian, es gibt keinen Menschen und wäre er ein Hauptverbrecher, der nicht mindestens einmal den ‚Odem Gottes in sich spürt, für sie das Gewissen! Das regt sich, ob einer will oder nicht. Zudecken kann er es, aber — ausmerzen, das kann keiner!
Nun gibt es neben jenen, die ‚Gut-sein-wollenden, die breite Mittelsorte, die nicht böse sind, von sich auch glauben, gut zu sein und doch kein Verständnis für die Hingefallenen, die Abgeirrten, die Verbrecher haben. Mancher der Gesellen wäre anzusprechen, sein Gewissen wach zu rütteln, wenn nicht der Hochmut dieser ‚Mittelsorte‘ mehr verdirbt, als gut zu machen möglich ist.
Einen Finger warnend heben: werde gut, du böser Mensch — und was dergleichen mehr geredet wird, das hilft nicht nur nichts, das macht die Sache ärger, als sie manchmal ist. Beispiel willst du haben? Ich kann dir dienen! Ehe wir nach Ekbatana kamen, wollten Räuber uns überfallen. Die zwei Ärgsten nur angetippt und sie blieben uns im ‚Lichtnetz‘ hängen. Die übrigen, denen weltlich nicht zu helfen war, sind auf anderen Wegen zu erretten, was bei denen eine lange Zeit in Anspruch nimmt.
Die zwei folgten uns erst heimlich nach, um die Scharte auszuwetzen, weil sie uns nicht übermochten. Mit guten Worten waren sie dann anzusprechen, und inzwischen sind sie gute Helfer. Sie blieben gern bei uns, wenn auch noch manches abgeschliffen werden muß.“ Lächelnd sagt der Jüngling: „Kostian, hast schon manchen auf den guten Weg gebracht. Denk‘ mal an den armen Krüppel, der ob seines Leidens böse war, der viel Unkraut säte, unwahre Nachreden streute und noch mehr dergleichen tat.“
„Woher weißt du das? Du warst bestimmt um diese Zeit nicht hier und . . .“ „Halt, lieber Freund! ‚Mein Alter kennst du nicht! Äußerliches gibt nicht stets die Präge, das solltest du längst wissen. Nun“, beruhigt er Kostian, dem das ein bißchen in die Nase stieg, „in das höhere Geistige bist du erst hineinzuführen, bist aber schon ein gutes Stück an der dir noch unbekannten Himmelsleiter hochgestiegen. Damit du nicht zu sehr ins falsche Grübeln kommst, sei dir gesagt, was die andern späterhin erfahren.
Weshalb du zuerst? Ganz einfach: du bleibst in Rages wohnen und sollst hier ein ‚Lichtfleck‘ werden. Lichtflecke sind Menschen, die Gutes tun, auch da, wo ehrlicher Zorn berechtigt ist. GOTT zürnt auch; bloß ist sein Zorn ein Gnadenmittel, eine Salbe, die Seelenwunden heilt, während menschlich falscher Zorn ein Übel ist, nicht zuletzt gegen sich selbst. Zornige Menschen verlieren eine klare Übersicht und schafft mancher sich dann Feinde, die vorher Freunde waren. Nun, das weißt du selbst am besten, hast es oft genug bei anderen erlebt. Doch zu mir:
Stelle alle Fragen, die in dir gleich hochsteigen werden, erst zurück, es kommt das Geistige stets zur gerechten Zeit. Sieh, ich bin kein Mensch wie du und alle, habe aber auch schon auf der Welt als Mensch gelebt (Henoch), und ist mein Alter geistig anzusehen. Daß es einen Schöpfer gibt, der seit unendlich langen Ewigkeiten Werk und Werk geschaffen hat, weißt du noch von Tobias her. Er hat dich wahrhaft gut belehrt.
An einem solchen ewigkeitsgeprägten Anfang, weltlich niemals auszurechnen, schuf Gott, der Höchste, Sich ein Kindervolk, nach und nach, damit die Werdenden auch ‚werden‘ konnten, nämlich in der gesegneten Gemeinsamkeit. Die ersten nun, von denen jenes eine fiel, wie schon angedeutet, blieben bei der Gottheit stehen, treu und gut. Es waren sieben. Der Schöpfer nannte sie Seine Fürsten und Träger Seiner Eigenschaften, je ein Cherubim und ein Seraphim, die eine Einheit bildeten, wie so — wenn zwar nur sehr vage angelehnt — etwa eine Ehe auf der Welt. Zu diesen Sieben durfte ich mit zählen als Cherub und als Träger Seiner Gottesliebe.
Kostian, falle doch nicht um!“ Der Jüngling beugt sich zu ihm nieder, überwältigt war der Rageser Stadtrat hingestürzt. Es war wie ein Blitz in ihn gedrungen; denn schon oft, nicht immer zugegeben, seit Tobias ihm viel erklärte, hat er sich mit jenem Wissen abgegeben, manchmal so, als könne er es eben wissen, dann wieder, als wäre alles nur ein Nebel. Jetzt jedoch, wo der Jüngling sich ihm offenbart, da ist er völlig überwältigt. Jener hebt ihn hoch und setzt ihn wieder auf die Bank.
„Freund, wir knien ganz allein vor Gott, der Heilige allein ist
>würdig zu nehmen Kraft und Reichtum, Weisheit und Stärke,
Ehre und Preis und Lob!< OJ. 5, 12
Das ist jene siebenfache Preisanbetung, die aus der Fülle Seiner Eigenschaften kommt! Du aber bete Gott in deinem Herzen an und dich erfüllt das Heil des Herrn! Es wird über deinem ganzen Hause sein.“
Kostian birgt sein Gesicht in des Jünglings Hände. „Hilf mir, daß ich beten lerne! Mir ist, als wäre etwas ganz Gewaltiges bei mir, und bin unwürdig, wie jeder Mensch es ist. Ach ja“, seufzt Kostian, „anbeten — hier in Medien gibt es keinen Ort, der rein und würdig wäre, GOTT anzubeten. Du hast gesagt, ich solle es im Herzen tun, also still für mich. Wie aber kann ich dann ein Zeuge sein? Tue ich es hier in einem Tempel, da würde ich nicht lange leben.“
„Weltlich, lieber Kostian; geistig sieht es anders aus. Höre zu: Im Herzen beten heißt in Wahrheit Treue üben, helfen, trösten, auch gerade da, wo scheinbar kein Erfolg zu sehen ist. Ist nicht mit Wort und Tat zu helfen, bei Störrigen, dann geh‘ in deines Hauses kleine Kammer; dort bete Gott mit Freuden an. Vergiß auch nicht zu danken, besonders da, wo dir nichts beschieden war. Merke auf:
GOTT, der Heilig-Ewige, schoßt alle Seelen in Sein eigenes Ewig ein! Kein Same wird vergebens ausgestreut. Oh, mancher Same braucht sehr lang, bis er seine ersten Triebe treibt. Bei manchen Samen geht es schnell. So unterschiedlich können Seelen sein. Der ewige Landmann weiß zur rechten Zeit einen harten Boden anzustechen, um den Samen dann herauszurufen. Das bedeutet:
Kommt dir jemand unter, der hört und dann sich wendet und es keinen Widerhall ergibt, ist ein Täuscher. Den lasse laufen. Aber nie wird deine Mühe ohne Segen sein! Zeiten mißt der Mensch sich weltlich aus; bei Gott ist jede Zeit der Welt ein Hauch, der vergeht, ehe du ihn wahrgenommen hast. Überlasse es dem Herrn, was aus solcher Seele wird. Wo du aber fühlst, es würde gern geglaubt, was du zu lehren weißt, bloß ist noch die Erkenntnis schwach, dann halte aus. Gib zum Samen auch ein Wasser: deine Liebe und Geduld.
Wirst selber manchmal schwach und ein wenig straucheln, Kostian; doch sei nicht bang. Sieh, wo es nicht am guten Willen fehlt, da wird ein Wanderkind schon aufgehoben, bevor es hingefallen ist. Das bedeutet: Wer nicht verzagt, wer Fehlschläge als zur eigenen Prüfung nötig anerkennt, dem wird gegeben, ehe er es sich versieht. Gut ist dabei, wenn man sich selbst betrachtet, kritisch, nicht bei andern, sondern bei sich selbst die Fehler sucht. Den Ausgleich überlasse allezeit dem höchsten Herrn, unserem Schöpfergott und Vater! Schuf Er ein herrliches Empyreum, ein weitgedehntes Infinitum, wie hernach sollte Er nicht Seine Kinder führen?!
Was du jetzt in dieser Nacht nun alles hörtest, das behalte erst für dich, eine kleine Zeit. Du wirst spüren und erkennen, wie, wann und wo du nach und nach als Lehrer wirken kannst. Nein“, winkt der Jüngling ab, als Kostian meint, in Medien hätten sie schon Lehrer für gewisse Kinder oder auch die Priester für die Leute, er könne nie ein solcher Lehrer sein, „nein, Freund, ein solcher sollst du gar nicht werden.“
Lichtlehrer, die berufen sind, wie nun du durch mich im Auftrag unseres Gottes, brauchen keinen Tempel, keine Synagoge wie in Israel, oder sonstwo bei den Völkern dieser Welt. Sie brauchen nur ein Herz voll Liebe, ein offenes Gemüt, Barmherzigkeit und Treue. Wenn du an einem Wege einen liegen siehst und hilfst ihm wortlos — auf, dann hast du mehr gepredigt als eines Priesters lange Litanei in Anspruch nimmt. Du zweifelst da ein wenig? Schadet nichts.
Hättest du den Liegenden, den, Armen, Schwachen, bloß gefragt, warum er liegt und ‚ob‘ ihm zu helfen sei, würde dieser stumm verdrossen denken: wenn der noch lange fragt, bin ich indes gestorben. Hilfst du ihm jedoch auf und versorgst ihn, wie nötig dir erscheint, dann wird dieser Mensch immer an dich denken und ein ihm zuvor noch unbekanntes Flämmchen steigt von allein in seiner Seele auf. Das ‚allein aus ihm‘, Kostian, ist dein Anzündspan, zu dem der HERR Sein FEUER gab! —
Nun genug! Hast viel gehört und du denkst: viel zu viel, wie ist‘s zu behalten und verwerten? Unbesorgt, du hast einen Führergeist, einen Engel Gottes, der hilft die Lasten tragen und — glaub‘ dies fest — verliert kein Gera (kleinstes Gewicht) von Gottes Segensfülle, die dich überkam. Nach und nach gibt er dir alles wieder ein, so daß du meinst, wie leider viele Menschen denken, es wäre aus dir selber aufgestiegen, die Gedanken kämen von allein. Man sagt dazu: das ist mir eben wieder eingefallen.
Handelt es sich um die Dinge dieser Welt und allem äußerlichen Kram, dann mag das gelten; geht es aber um des Lichtes Eigentum und Wunderherrlichkeit, die ein Weltling ohne Hilfskraft nie im Ganzen festzuhalten weiß, dann sei in Zukunft des gewiß: dein Führergeist gab es dir wieder ein. Oh, das trifft mit zu: auch der Mensch muß und soll sich Gottes Licht bewahren, ansonst kann ein Führer aus dem Licht nur wenig helfen, weil der Mensch sich selber die Barriere baut. Wo jedoch, wie schon gesagt, der gute Wille dominiert, wo das Herz den Weg zur Gottheit sucht, da ist es leicht, daß ein Licht den Kindern aus dem Licht auf ihren Wegen hilft.“ — Lange bleibt Kostian tief versunken sitzen. Der Jüngling stört ihn nicht, hat er ja selber ‚seinem hochgeliebten Vater UR‘ zu danken um des Gnadenweges, den er noch als Engel unerkannt — gehen darf, für die Menschen, denen eine Extrahilfe nötig ward. Und diese gibt der Höchste, der Vater der Barmherzigkeit, zu allen Zeiten her.
Endlich steht Kostian auf. Schon zeigt der Horizont den ersten fahlen Morgenschein, indes am Himmelszelt die letzten Sterne sinken. Kostians Freunde würden nie verstehen, weil in seinen Augen helle Tränen schimmern. Sie würden ihn verachten. Allein, der Jüngling sammelt insgeheim die Tränen: Perlen bringt er heim und wird sie auf den Heiligen Herd als Opfer niederlegen.
„Bitte“, klingt es leise, „sieh mir nach, wenn mir jetzt die Worte fehlen, dir, zumal dem mir nah gewordenen Gott, zu danken, für all das Höchste, völlig Unverdiente, was mir in dieser Nacht zuteil geworden ist. O Engel Gottes, wie ich dich erkennen durfte, kehrst du zurück in Gottes hohe hehre Helligkeit, nimm meine arme Seele mit und — und meinen stummen Dank, Vielleicht ist er —“ „— Gott angenehm?, willst du fragen. Frage nicht, Kostian, halte dich zu jeder Zeit an Gottes Gnadenhänden fest. Er wird immer deinen Weg geleiten und dich segnen.“
Still, auf leisen Engelsfüßen, geht der Jüngling fort. Kostian sieht ihm nach und wendet sich dann seinem Hause zu, um den lieben Gästen vor der Abfahrt noch ein Frühmahl herzurichten.
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