Kapitel 11
Es sind nur noch ein paar Tage bis zum bekannten „Abendmahl des Herrn“ (Luk. K. 22; Joh. K. 13 u.a.), als Judas wiederum zwei Zeloten trifft und zwar Maradju und Churus. Es ist nicht weit ab von Jerusalem, ein Winkel, von Spähern nicht gleich einzusehen, auch fühlen sie sich sicher. Durch das nahe Passahfest sind römische Ronden in der Hauptsache in der Stadt auf ihrem Weg, um große Ansammlungen zu vertreiben, ohne diesesmal das ‚hohe Fest der Juden‘ irgendwie zu stören. Pilatus, weitsichtig genug und von Spitzeln unterrichtet, weiß was auf dem Spiele steht, noch aber nicht, wie der Tempelrat ihn selber in die Zange nehmen wird.
„Was hat du erreicht?“ fragt Maradju. Man sieht ihm seinen Ärger an, weil er selbst noch nicht mit ihrem ‚König‘ irgendwo zusammen traf, um Ihn zu fragen, ob Er wirklich einverstanden sei, Ihn zu erwählen, die Königswürde anzunehmen und die Römer, alle Heiden endlich zu vertreiben. Wohl, er hat Ihn ab und zu gesehen, doch viel Volks war stets um Ihn. Nie kam Maradju so näher, wie er wünschte. Diesen Ärger läd er jetzt auf Judas ab.
„Bin sehr gespannt, ob du dein Versprechen hältst oder halten kannst. Wird höchste Zeit, nunmehr klar zu kommen.“ Churus stimmt ins gleiche Horn und er fängt an, Judas zu verhöhnen. Der wehrt ab und sagt: „Ihr habt keine Ahnung, wie schwer es manchmal für uns Jünger ist, mit Ihm ein weltliches Gespräch zu führen. Dann fängt Er stets vom ‚Geist‘, von der Abkehr dieser Welt an zu reden und — geht oft eigentümlich weiter, daß uns nichts anderes übrig bleibt, als Ihm still zu folgen.
Aber etwas habe ich erreicht und ihr werdet staunen, bis an eures Lebens Ende werdet ihr mir dankbar sein. Mit einem ganz besonderen Mittelsmann, einem Templer, habe ich ein Wort gesprochen und der will es unserm Hohenpriester weitergeben. Wenn nicht anders, treibe ich den Meister mit Gewalt zu Seinem Thron und wenn — wenn es durch Verrat geschieht, geschehen muß. Aber nur zum Schein. Niemals soll Er den verhaßten Römern oder sonstwem in die Fänge fallen!“ Judas Augen glühen triumphierend, so überzeugt ist er von seinem Plan —. und weiß es nicht, was er wirklich tut. Jetzt noch nicht.
Nur dieser Mittelsmann, ein engster, der zu Kaiphas gehört, denkt gar nicht dran, auf Judas Hinweis einzugehen. Aber ihn benutzen, ja das ist möglich. Soll er seinen Herrn verraten, zum Segen für das Volk und gegen Rom; aber sie, die Templer, werden dann ein Schauspiel geben, wie die Welt es niemals sah, nie wieder sehen wird! — Ihr armen Menschen, Seelen ohne Licht, ohne Ehre, ohne Liebe, was soll aus euch werden, wenn ihr DEN zum Kreuze bringt, der euer Schöpfer ist?, der euch erlösen will — ?!
Judas, wäre er nicht allzusehr der Welt verhaftet, die er sich gebildet hat, er müßte es jetzt spüren, auf welchem schwanken Boot er steht, dem Untergange nahe — und klammert sich an ‚seinen Mast‘, den Gedanken von sich schiebend: Wird es mir gelingen? Ja, es muß! So wie er, wie viele unterm Volk es wollen, Niedrige und Hohe, wenn von denen auch kaum einer daran denkt, ein König müsse sein und sie befreien. Für Judas, für die Zeloten und Gefolge, gilt eben nur der Wahn: Der Wundermann muß auf den Thron — um jeden Preis!
Eben diesen Preis will Judas sich erraffen, bloß weiß er es noch nicht, was dieses ‚Unbedingt‘ ihm kosten wird. Abfall, Tod und eine Reue, die schwer zu tragen ist. Das bedenkt er nicht und könnte es doch tun. Drei Jahre lang ist er mit dem Meister durch das Land gegangen, hat das Wundertun gesehen, daran er sich am meisten hängt. Die Lehre, die das eigentliche ‚Wunder‘ ist, von Gott-Jesu dargebracht — ach ja, die hat er auch gern mitgenommen. Nur schob er diese an die zweite Stelle. Das war sein größter Fehler.
Ihm zur Entlastung: Die meisten Menschen klammern sich an das, was ihre Augen sehen, was ihnen Nutzen bringt, für das äußerliche Leben. Des Lichtes Lehre, Gottes Gnadenwort — der Himmel zählt die Menschen leicht, die eben dieses WORT über alles Äußere und allen Schein erheben. Judas darf nicht damit rechnen, daß ihm dieses nachgesehen wird, umsoweniger, weil er mit dem Meister so lang leben durfte, so viel von all der Herrlichkeit erfahren konnte.
„Ich weiß schon, was ich tue“, sagt er jetzt, als die zwei Zeloten leise sich besprechen, etwas abseits stehend. „So?“ fragt Maradju. „Kannst du durch den Templer ‚euern Mann‘ vor die Entscheidung etwa stellen: König oder sterben?!“ „Was?“ entsetzt sich Judas. Ans Sterben seines Herrn hat er nicht gedacht. Und spürte doch, immer wieder hastig zugedeckt, daß der ‚Königsplan‘ ganz anderes mit sich bringen kann und — wird, als vorgesehen ist.
„Sterben? Wer soll sterben? Unser hoher Meister? Der Einmalige? Das gibt es nicht! Er hatte doch den Jüngling zu Nain, des Jairus Töchterlein vom Tod erweckt, hat jetzt erst Lazarus von Bethanien, nach vier Tagen Tod, vom Grab erlöst. Da ist doch bloß zu sagen: ER ist der Herr des Lebens und des Todes! Nein, nein,“ wehrt er laut die nagenden Gedanken ab. „Er kann ja gar nicht sterben, es bringt niemand Ihn zum Tod!“
„Warten wir es ab“, spricht Churus aufsässig, fast voll Wut. „Denn das sag‘ ich dir, Judas: läßt Er sich nicht beim Passahfest zu unserm König wählen, zur einzigen Errettung, dann — soll Er sterben! Dann sind all Seine Lehren, Seine Taten null und nichtig, sind ein Nebelwerk! Wir haben unser Unterwasser unterm Volk; bricht es auf, dann gibt es für Ihn keine Rettung! Merke dir noch das: ein Kaiphas wird nie, niemals den Nazarener anerkennen, weder so noch anders, vor allem nie als — als —“ Churus ist‘s, als würde ihm das Wort vom Mund genommen, das Wort GOTT!
O ja, seit er Ihn einmal hörte, einmal sah, wenn auch mehr aus der Entfernung — es war ihm sehr ins Herz gestoßen, er hatte oft darüber nachgedacht: wer ist eigentlich der Mann? Und hatte so wie Judas die Gewissensfrage von sich fortgescheucht. Jetzt auch, indem sie ihn aufs neue überfallen.
„Kaiphas, das wissen wir“, entgegnet Judas beinah lachend, „ist ein Eiferer ohne richtigen Verstand; ich meine, er denkt nicht drüber nach, was unser Meister für uns ist und werden kann, werden soll. Er wird sich wundern, wenn es anders kommt wie er es will.“ Darin hatte Judas recht, nur weiß er selber nicht, wie wahr genau er eben sprach. Er sieht es auch ganz anders an. „Ich wette dreißig Silberlinge“, prahlt er, die Kaiphas bezahlt, in der Hoffnung, den Meister zu verderben.
Wir machen Ihn zum König — vorher schon! Hauptsache ist, ihr seid sofort auf dem Plan. Denn wie ich hörte, kommt der Herr nun nach Jerusalem, sehr bald, schon in den nächsten Tagen. Da müssen wir Ihn überkommen, Ihn ausrufen als Juda‘s König, als des David‘s Sohn. Das ist Er auch; denn in Bethlehem geboren, dazu seine Mutter nachweisbar aus dem Königsstamme David — was brauchen wir denn mehr, um Ihm zuzujubeln, Ihn auszurufen, die Leute zur Ekstase treiben? Ha, dann haben wir gewonnen, aber nicht der Tempel!“
„Das käme hin, das könnte uns gelingen. Hast recht, Judas, Ihn nicht erst fragen, die Entscheidung IHM nicht überlassen, sondern einfach Ihn erheben, ohne Zeit zu lassen, dagegen sich zu stellen, was — na ja — bei Ihm etwa möglich wäre. Wie ich schon oftmals von so vielen Zeugen hörte, liebt Er nicht die Welt — das Weltliche. Er warnt immer vor der Welt, vor Lust, Prunk und falscher Ehre. Also wird Er einfach überrumpelt und geehrt, vor dem ganzen Volk erhoben. Da brauche ich wie du, Judas, gar nicht mehr um Silberlinge, um anderes zu wetten: ER nimmt die Ehre an! Hat Er Blut aus Davids Blut, wird das Völkische in Ihm erwachen, was Er bisher bloß der Lehre wegen unterbunden hat. Er hilft Seinem Volk zur Freiheit und zur Macht vor aller Welt!“
„Ich eile und will sehen, welchen Weg Er geht. Haltet euch bereit und bildet die geheime Kette, damit ihr sofort nahe seid, so viel als möglich. Ihr wißt: ein paar Schreier überrollen auch ein ganzes Volk. Das Passahfest kommt uns gerade recht.“ Judas läuft davon, während Maradju und Churus sich mit anderen Zeloten treffen. Ihre Höhe meiden sie; einmal ist der Weg zu weit, und jetzt, unter dem Gewühl des Festes sind sie auch viel sicherer. Unmöglich kann der Prokurator alles kontrollieren, noch überwachen.
Viel ist nicht zu erreichen, sie wissen nicht, ob und wie dieser Wundertäter reagieren wird. Erzwingen? Irgendwie, unterschwellig, so spürt es Maradju, der Klügste ihrer Gruppe, daß einer, der Tote auferweckt, Lahme, Blinde, Aussätzige heilt, nie sich zu etwas zwingen läßt. Doch er klammert sich an ihren schönen Traum, will es nicht glauben: Träume sind meistens Schäume. So auch Judas.
Er hat den Herrn erreicht, der mit den andern Jüngern und wie zu meist mit allerlei Gefolge auf dem Weg zum Feste ist, das nun alle Leute ‚in den Himmel hebt‘. Sonderbar: Wie sieht der Meister aus? Der Blick, den Er auf Judas wirft? Ist es eine Frage, eine Mahnung: »Wo gehst du hin? Hast du noch Teil an Mir?« Oder — Nein, gütig sieht der Herr mich an, will Judas sich an diese Hoffnung klammern.
O ja, es ist eine Güte aus des Himmels Heiligtum, wovon Judas sogar nichts ahnt, nichts mehr wissen noch erkennen kann. Die erste Zeit — ja, da hing er an dem Meister, wenngleich bei ihm die Welt nie völlig ausgeschaltet war, bei manchem anderen Jünger auch. Da stand die Familie im Vordergrund oder sonst etwas; bloß hatten sich die anderen im Lauf der Zeit vom Weltlichen gelöst. Judas konnte es noch nicht, er liebte Geld und Ruhm.
Im Gefolge ist auch Meremoth vorhanden. Er sieht herzflehend drein: Herr, hilf und — laß DIR helfen! Deine Feinde sind unsre Hohen. Ich mag nicht fragen, wie viele sich gleich von Dir wenden werden, wenn — Oh, dieses ‚Wenn‘, es steht über Dir der ganzen Menschheit wegen. Du tust es als der zugedeckte Gott. Wie wird sich alles geben! Davon geht auch ein Empfinden über Jesu Jünger, über die Getreuen, über Meremoth und einige, die wahr und fest zum Heiland stehen. Wie es kommt, könnte Meremoth hernach nicht sagen: er steht vor dem Herrn, nein, er kniet nieder, greift nach des Kleides Saum. Stumm schaut er empor, in sanftdunkle Augen, in welchen eine ganze Schöpfung liegt und noch viel mehr. Unbeschreiblich!
„Herr“, entringt es sich der jungen Brust, „Herr, segne mich und hilf, daß . . .“ Wer nicht verderben soll? Der Herr?, Meremoth?, oder Juda? Wortlos legt der Meister Seine Hände auf das Haupt. Zutiefst erschauernd bückt sich Meremoth noch mehr. Es bedarf gar keiner Worte, er hat sie innerlich gehört: »Sei gesegnet, behalte dir den Glauben, auch wenn die ganze Welt Mein Wort verliert — für diese Zeit, in der mehr geschieht, as sogar Mein Himmel jetzt erfassen kann! «
Meremoth steht taumelnd auf, läßt den Kleidsaum langsam fallen, äußerlich. Er ist seelisch aufgewühlt, so stark, sein Mund bleibt stumm, sein Herz aber betet an. Nie in seinem ganzen Leben wird er je vergessen, welch ein Heil ihm überkommen ist. Weil auch andere sich näher drängen, geht er zurück. Es ist wie ein Schrei, ein unerhört innerlicher, der durch die Menge geht, als ob alle auch das Wort empfangen hätten oder doch gefühlt: Es geschieht ganz Großes, etwas Fürchterliches, was niemals je ein Mensch in dieser göttlichen Gewalt erfassen wird. Nie!
Der Hohe wandelt weiter und keiner sieht, mit welch ewiger Liebe Er die Menge segnet. Schon jetzt im Kelchgebet, schon wie mit dem Wort: »Es ist vollbracht!« oder nun: »ICH werde es vollbringen für alle — für das verlorene Kind, auch für dich, mein Judas!«
Der bleibt hinter Ihm zurück, ihm ist, als könne er des Meisters Augen nicht ertragen. Soll ich die Zeloten fallen lassen? Nein, das wäre ein Verrat, denkt Judas und spürt es untergründig: wen verrate ich? Wieder wie so oft in letzter Zeit schiebt er das Gefühl zur Seite, deckt es zu mit schönen Worten, die nichts anderes sind als Staub, vom Wind verweht, als Schnee, den die Sonne leckt. Und bleibt nichts zurück als einmal bittervolles Weinen.
Die letzten Tage bis zum hehren Golgatha, noch oft verkannt, noch oft nicht wissend, was mit Gottes Kreuz-Not-Opfer Heiliges, tiefst Verborgenes geschah, gehn rasch dahin. Der Herr gibt Seinen treuen Jüngern, elf sind es noch ohne Judas, die letzten Lehren — menschlich zu bezeichnen. Bei Ihm gibt es ja kein Letztes, Er gibt allewege — von Ewigkeit zu Ewigkeit.
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