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Kapitel 10

Kapitel 10

In der gleichen Zeit ist mit Meremoth, dem Jungen, der so anders denken lernte als gar mancher Ältere, etwas geschehen. Als er das Wunder von Bethanien sah, wußte er: der bisherige Weg, zwar gut gemeint für‘s ganze Volk, war falsch, ganz falsch. Er hat sich daher heimlich abgewendet und geht zunächst nach Hause. Sein Vater, Altrat von Jerusalem, hatte sich schon eine gute Weile vom „Amt“, er hat es längst belächelt — zurückgezogen und sein mäßig großes Haus zwischen Jerusalem und Bethlehem gelegen, kaum noch verlassen. Ja, verstohlen war er Ihm gefolgt, der viel von Sich reden machte. An dem Mann aus Nazareth mußte etwas sein. Aber was — —?

Er hatte manches Wort vom Ihm gehört, der Menge zugedacht, auch mitunter einer kleinen Gruppe, hat auch eines und das andere Wunder miterlebt. Bloß das von Bethanien war ihm entgangen. Müde, mit geschwächt vom nahenden Alter, will er in der Stille erst verkraften, was er sah und hörte. Und Gedanken macht er sich um seinen Sohn. Daß der keine krummen Wege geht, ist ihm gewiß und wird dankbar sein, wenn Meremoth sich von der „Königsgruppe“, wie die Zeloten sich inzwischen nennen, löste und eine Gasse geht, die ihm, dem Vater Sereboa, auch schon in das Herz gewachsen ist. Freilich, nur noch nicht ganz fest.

In sein Sinnen hinein erklingt der Kupferklopfer an der großen Eingangstür. Sein Diener läuft eilig vor. Sereboa hat zwei Diener und zwei Mägde; denn seine Frau, die er innig liebte, ist schon heimgegangen, seit mehr als drei Jahren. So wird er jetzt noch gut versorgt. Als der Diener Meremoth, den Sohn des Hauses sieht, öffnet er sehr weit die Pforte, verbeugt sich freundlich und gibt Meremoth den Willkommensgruß.

„Dein Vater wird sich freuen“, sagt er gleich. „In letzter Zeit, seit zwei Wochen, war er nicht mehr ganz gesund. Nein, nein, keine Sorge“, beruhigt er, als Meremoth zusammenzuckt. „Arg ist‘s nicht. Er ging nur eine zeitlang ins Gebiet, ich weiß nur nicht wohin. Er hatte nicht davon gesprochen.“ „Führe mich zum Vater“, bittet Meremoth. Das Verhältnis zwischen Herrschaft und der Dienerschaft ist in Sereboa‘s Haus fast freundschaftlich. Die „Herrschaft“ kehrt man nicht zu sehr heraus.

„Vielleicht ist‘s besser, ich melde dich erst an“, meint der Diener. „Hast recht, Choas, man muß aufs Alter Rücksicht nehmen. Auch war ich lange weg. Hat sich Vater sehr gesorgt?“ „Das wohl, doch er ließ es sich nicht merken.“ Choas geht, indessen Meremoth den Mantel bei der Tür an einen Haken hängt, die Sandalen zur Seite stellt, sie sind voller Sand und Schmutz. Es ist auch üblich, an die Sauberkeit im Haus zu denken. Es dauert gar nicht lang, kommt Choas wieder, bringt saubere Schuhe mit und winkt: „Er wartet, der Herr und wartet in dem Raum, wo er sich noch oft beschäftigt (eine Art Arbeitszimmer).

Als Meremoth den Raum betritt, leuchten Sereboa‘s Augen auf. „Mein Sohn!“ ruft er ergriffen. Und Meremoth: „Mein Vater!“ Sie umarmen sich. Eine gute Weile sind sie still. Die Magd hat leise Trank und Speise zugetragen. Nach dem kleinen Mahl fragt Sereboa: „Wo bist du gewesen? Ich habe lang auf dich gewartet; doch nun bist du da und du wirst jetzt bei mir bleiben. Ja?“

„Das will ich auch. Nur in den nächsten Tagen, da hätte ich noch etwas vor. Du ahnst nicht, Vater, was ich in der Zeit erlebte.“ Ja vor allem, was Meremoth vom „Meister“ sah, den er nun auch so nennt, wie er es von Jesu Jüngern hörte — so tief, unsagbar tief sind die Erlebnis-Runen in die junge Seele eingegraben worden.

„So? Und was?“ „Ich lernte Einen kennen, Vater, man weiß nicht, was man wirklich von Ihm halten soll. Aber nie noch lernte ich je einen kennen, der das lehrt, der das vermag, wie dieser Mann aus Nazareth! Er ist nicht alt, höchstens etwas über dreißig Jahre, schätze ich. Dabei ist‘s doch so, wenn man Ihm nahe steht und Sein Antlitz sieht, als wäre Er uralt. Nur nicht so, wie es bei Menschen ist. Unbeschreiblich, eben — Er ist ganz anders als wir es sind, und trotzdem gleich. Ich sah Ihn essen und auch trinken. Bloß oft abends, wenn Seine Männer (Jünger), die bei Ihm sind, die Ruhstatt suchten, dann war Er manchmal einfach weg.“

„Scheint ein sonderbarer Mann zu sein“, erwidert Sereboa ruhig. Er verrät jetzt noch nicht, daß auch er den „Wundertäter“ sah, außerdem auch paarmal reden hörte, Er will erst wissen, wie sein Sohn darüber denkt, ob er mit dem Jungen über alles sprechen kann, was seinen Sinn, sein Herz bewegt und ist selbst noch nicht zur vollen Klarheit durchgedrungen. „Willst du mir berichten, was alles du erleben konntest!“

Meremoth deckt rückhaltslos dem Vater auf, er sei bei den Zeloten längere Zeit gewesen und mit ihnen völlig einig ging. Als er jedoch zum erstenmal dem Herrn begegnet wäre, da hätte sich in ihm irgend etwas völlig umgedreht. Noch ist Meremoth zu jung, um gleich jenen rechten Weg zu finden und ihn bedingungslos zu gehen. Doch sein gutes Herz — wie sollte ER, der alle Menschenkinder kennt, es nicht gesehen haben und geführt, daß Meremoth vom falschen Pfad hat lassen können? Nachträglich ist Sereboa noch bedrückt. Er kennt längst die Ziele der Zeloten und weiß, daß sie in den Abgrund führen — für das ganze Volk.

Welch ein Glück, seufzt Sereboa insgeheim erleichtert auf, weil sein Sohn aus dieser Falle „rausgekommen“ ist. Nicht auszudenken, wo der Junge noch so kindhaft ist und was mit der Rebellengruppe wird. O ja, der Altrat will es anerkennen: der Glaube steht für die Zeloten in der Tat im Vordergrund; allein, dicht daneben — und das ist ja die Gefahr haben sich das Ziel gestellt: frei von Rom! Auch er, Sereboa, würde gern die Fessel von sich schütteln, wenn es jetzt noch eine — Fessel wäre.

Hm, eigenartig geht‘s ihm blitzschnell durchs Gehirn: seit dieser Wundermann am Werke ist, haben wir, Juda, unter dem Regime nicht wirklich leiden müssen. Den Kaiserzins mußte man entrichten, aber dafür hatte man den Schutz vor anderen, die feindlich um ganz Juda hocken. Auch sonst hat die Besatzung manches Gute hergestellt. Und Ordnung gab es außerdem. Hinwiederum — nein, er mag jetzt nicht zergliedern: was ist gut, was ist ein Übel? Für ihn, den ernsten Mann, steht nun im Vordergrund der Sonderbare aus Nazareth.

Als aber Meremoth im Anschluß dessen, was Sohn und Vater gegenseitig zu berichten hatten, von Bethanien erzählt, die Auferweckung eines Toten, des Lazarus — dem Altrat gut bekannt —‚ vier Tage lang in einem Grab, da schüttelt er sein Haupt. „Unmöglich“, sagt er beinah heftig, weil sein Verstand ein „Nein“, sein Herz aber ‚ja“ dazu sagt, sagen möchte, „das gibt es nicht!

Gern geb‘ ich zu, Meremoth, dieser Eigenartige ist bestimmt für mich ein Großer, vielleicht so, wie unser Mose war, oder der Prophet Elia, der auch viel Wunder tat — im Namen unseres Gottes. Nur einen Toten, vier Tage lang im Grab gelegen — nein, das glaub‘ ich nicht, auch wenn ich den, den man „Meister“ nennt, gern anerkenne und Ihn schätzen lernte.“

„Es ist wirklich wahr, lieber Vater. Ich stand ziemlich vorn und habe alles auch gehört, was der Meister mit der Schwester Martha sprach, die es zuerst verneinte, weil sie Angst vor denen hatte, die wieder mal als Spitzel um den Meister lungerten. Die haben dann sogar geschrieen, dies wäre ein Betrug, man hätte Lazarus Trank und Speise in das Grab gegeben, eine Öffnung hergestellt, damit er Luft bekäme, um dann, dann — Oh, welch ein Hohn!

Deutlich habe ich des Todes Spuren in dem Angesicht des Lazarus gesehen, und Tausende mit mir. Noch nie waren so viel Leute um den Meister wie gerade da. Und Römer haben dieses Wunder anerkannt. Du kannst nicht meinen, daß die sich bluffen lassen. Die sind viel zu sehr geschult; die sehen gleich, ob Wahrheit, ob Betrug.

Daß leider unsere Templer, die meisten, gegen Ihn, der so viel Gutes tut, aufbegehren, ist zwar zu verstehen, wenn man, wie mal geschehen, an die Reinigung des Tempels denkt (Matt. 21, 12), und daß Er gesagt haben soll: „Ihr (die Templer) habt aus dem Hause eine Mördergrube gemacht“ (Matt. 21, 13). Auch soll Er da den Tempel Sein Haus genannt haben, obwohl Er selten in Jerusalem gewesen sei, also nicht auch in dem Tempel. So ganz verstehe ich das nicht. Etwa du, lieber Vater?

„Verstehen kann ich‘s schon, Meremoth, wenn auch Sein Wirken wie verdeckt erscheint. Sieh, als der Wundermann im Tempel damals eine Geisel schwang, da tat Er wirklich recht daran. Es ging nämlich zu in dem Heiligtum Gottes, wie auf einem Basar (Markt). Ein Geschrei und Feilschen hin und her, einfach widerlich. Eben damals, möchte ich fast sagen, wurde Er mein Mann! Weil es in unserem Tempel ach wie oft nicht tempelmäßig zugegangen ist, deswegen habe ich mein Amt zurückgegeben, hab‘ gedacht: sollen sie in Zukunft sehen, wie sie weiter kommen. Augen und die Ohren hab‘ ich aber nicht bei all dem Übel zugeschlossen. Das kannst du glauben!“

„Das glaube ich, lieber Vater, du brauchst es nicht erst extra zu bestätigen. Aber nochmal von Bethanien gesagt: es ist wahr, wie ich dir alles ganz genau berichtet habe. Seither habe ich erkannt, daß der Meister viel mehr ist, als was Er zu erkennen gibt, oder was wir kleinen Menschen von Ihm merken könnten. Deshalb habe ich mich von der Gruppe der Zeloten abgewendet. War ja ohnehin nicht immer ganz dabei. Zuerst vielleicht, weil man mich als Jüngsten nicht für voll betrachtet hatte; doch man ließ mich auch mit reden.

Aber dann, dank deiner Lehre und Erziehung, mein lieber Vater, dann wußte ich es nur zu bald: hier ist nichts wirklich Gutes, wenn allerdings der Glaube an Gott Jahve voll hervorgehoben wurde. Streng gläubig sind sie alle, das habe ich gemerkt; aber auch — sie sind doch ohne Nachsicht gegen jede Andersgläubige, alle werden hart verdammt. Wenn aber, kam mir mal in meinen Sinn, Gott die Menschen Sich erschuf, dann müßten sie doch alle vor Ihm etwas gelten. Wer kann denn wohl dafür, wenn er als Grieche, als Römer oder sonst als sogenanntes Heidenkind geboren ward? Das ist doch kein Vergehen, einem unschuldigen Kinde anzulasten.“

„Denkst scharf nach, mein Sohn; es freut mich sehr, daß du selber zur Erkenntnis kamst. Allerdings — bei mir hat‘s lang gewahrt, bis ich so dachte. Doch übereifrig war ich nie. Gehe nicht mehr hin zu den Zeloten; die stehen schon auf einer Liste, wie ich‘s kürzlich hörte, ohne daß man mich gesehen hat.

Ein paar Römer sagten es. Für die gilt freilich nur allein, weil sich die Zeloten rotten. Des Glaubens wegen würde man sie nicht bewachen. Und wenn von denen einer in die Netze fällt, trifft es zumeist auch die Familie. Würdest du gefangen, so käme ich mit an die Reihe, selbst wenn ich nie einmal dabei gewesen bin. Na ja, so ist‘s der Lauf der Welt.“

„Welt? Wiederholt habe ich gehört, wie der Meister von der Welt gesprochen hat, stets in einem negativen Sinn, nur niemals mit Verdammung. Für Ihn ist die Welt, richtiger gesagt, die dem Weltleben huldigen, nicht an jenes Leben denken, von dem ER eine große Offenbarung gab, dem „ewigen Leben“, das Vergängliche jedoch ohne jederlei Bestand. Hat Er nicht recht? Wenn man stirbt, ist ja die Welt versunken, eben alles mit, was das äußerliche Leben einem gab, oder nimmt.“

‚Ja, einmal hörte ich Ihm zu und da sprach Er ebenfalls davon, was mir sehr zu denken gab. Nun sage ich es dir und behalte es zuerst für dich: In dem Mann von Nazareth sehe ich viel mehr, als es Mose und Elia waren, angefangen vom Patriarchen Abraham und allen guten Großen, die unser Volk aus Gottes Gnadenheil bereichert hatten. Oft leider sehr vergeblich, weil die Großen von der Welt ihr Licht nicht anerkennen wollten, wie die meisten Templer jetzt nicht wissen mögen, daß der ‚Mann aus Nazareth‘ der längst verkündete Messias ist. Was aber ist darunter zu verstehen?“

„Der Führer der Zeloten sagte mal“, fällt Meremoth ein, „als er mehr vom Wundertäter hörte, Er könne etwa der Messias sein, wie Er prophetisch vorausgesagt worden wäre und daß alsdann derselbe auch der König unseres Juda würde, der Herr über alle Welt. Schon damals ging es mir durchs Herz:

Zeigt der Meister auf, daß die Welt vergeht mit aller ihrer Lust, also eben doch auch mit der Pracht und Herrlichkeit, die jedermann verliert, wird er bei seinem Tod zu Grab getragen, dann könnte der Messias nie ein König Juda‘s werden, überhaupt kein König von der Welt, ganz gleich auf welchem Thron. Und dachte weiter: Der Himmel wäre wohl Sein Thron oder Stuhl, die Erde, diese Welt, bloß Seiner Füße Schemel (Matt. 5, 34-35).“

„Es sei kein Lob, mein Junge, weil zuviel Lob verderben kann; nun aber muß ich sagen: du bist schon über deine Jahre weit hinaus gereift. Mag es mit gewiß der Einfluß dieses — ja, unseres Meisters sein, den ich einfach als Messias anerkenne, aber auch nicht von der Welt, noch für unser Volk allein. Denn Seine Lehren und zumal die Taten zeigen an: Er ist, Er muß GOTT Selber sein!

Anders sonst läßt sich‘s nicht erklären, was Er vermag. Das kann kein Mensch! Wenn Bethanien —“ Sereboa schweigt. Zu viel geht ihm durchs Herz, durch die Gedanken. Ja, Herzgedanken ist zu sagen, was den aufrechten Mann bewegt.

„Schweig‘ noch über das, Meremoth, was ich mir dachte, über — hm, über unseren Messias. Möge Er Sich Selbst bewahren! Denn die hohen Templer, Kaiphas, Hannas und die Argen geben keine Ruhe. Die wissen nämlich, wer der Meister ist. Im Großen Rat sprach man darüber und da war ich noch zugegen. Zwar wußte man noch nicht genau, wie man den Nazarener einzuschätzen hätte; doch schon Seine ersten Taten, Seine Lehre, als er anfing, durch das Land zu gehen, da fragte man sich gleich im Tempel: Wer ist der Mann — ?

Einer von den Älteren hatte seinerzeit es uns berichtet, der Nazarener wäre arm in Bethlehem geboren worden und es der Quirin gewesen sei, der das Kind, den alten Josef und die Mutter, die Maria unter seinen Schutz genommen hätte. Es gab ein großes Rätselraten, doch rechnete man mit der Gewalt des Großen. Damals, Meremoth, da wurde schon der Plan bedacht: Bringt der Nazarener unserem Tempel Schaden, dann ist Er auszumerzen, ganz gleich, auf welche Weise. Das, befürchte ich, steht nah bevor.“

„Das können sie nicht tun“, eifert Meremoth, „sie schneiden sich doch selber in die Finger.“ „Weiß Gott, wie das ‚Blut des Gerechten‘ über unser Volk verströmen wird (Matt. 26, 24-25 u.a.)!“ „Die Römer werden Ihn beschützen.“ „Des Tempels Drahtzieher sitzen aber schon in Rom. Die Besten können abberufen werden. Pilatus —? Er soll ja kein Feind des Nazareners sein, aber auch kein Freund. Er fürchtet diesmal sehr das Passahfest.“

„Vater, wir holen Ihn in unser Haus. Es gab viel widerliche Stimmen, und das Volk ist zu leicht aufgehetzt, zum Bösen eher als zum Guten. Römer würden uns nicht nahetreten, weil die selber . . .“ „. . . um Ihn fürchten? Das sicher nicht, sie stehen ja in ihrer Macht. Aber was ein Kaiphas zuwege bringt, das möchte ich zuvor nicht wissen! Er sagte mal, gleich nach der Geiselszene, es wäre gut, Ihn abzuschaffen, besser, es stürbe einer, als das ganze Volk, wobei Kaiphas nicht ans Volk gedacht, bloß an ‚seinen‘ Tempel. Ein Gotteshaus, nein, das ist der Tempel längst nicht mehr. Und dann — ?“

„Das Volk hängt nicht am Kaiphas, das hab‘ ich oft gehört, weil er zu sehr den Großen sehen läßt. Er gab noch keinem Armen je die Hand, und Arme gibt es mehr als Reiche unterm Volk. Da der Meister Selbst Sich ärmlich gibt, nie ein Prunkkleid trägt, wie manche unserer Hohen tun, steht Er dem größten Teil der Menge nah.“

„Das wohl, Meremoth; doch wie rasch ist eine Menge wankelmütig, heute hoch und morgen tief. Wenn Kaiphas sein Wort von damals wiederholt und es in die Menge streut (Joh. 11, 50), dann ist‘s möglich, daß auch ein Pilatus Ihm nicht helfen kann.“

„Du siehst zu schwarz, Vater! Bedenke, was der Meister alles tut und das drei Jahre lang. Keinem war es bisher möglich, Ihn an seinem heilsgewohnten Tun zu hindern. Er ist mehr als bloß die ‚Stimme‘, wie man den Täufer nannte.“ „Eben! Und was geschah mit diesem? Die Römer kümmerten sich gar nicht um den ‚Rufer in der Wüste‘.“

„Damals war ich noch ein Kind. Die Zeloten sprachen ab und zu von ihm, er sei ein echter Eiferer gewesen.“ „Das war er auch, im guten Sinn. Der damalige Prokurator hätte ihn erretten können; aber nein, man überließ ihn dem widersinnigen Herodes. Seinerzeit hatte mich das sehr gewurmt. Nun — warten wir es ab, mein Sohn. Das aber wollen wir von jetzt an tun“, Sereboa flüstert es, er leiht keinem Ohr sein Wort, „wir wollen an Ihn glauben als an den Erlöser unserer Seelen. Das, meine ich, ist überhaupt Sein heilighehres Ziel.

Ich habe Ihn nicht oft gehört; aber was — da hat ein Wort genügt, um mich völlig umzustülpen. Habe stets auf das Gesetz geachtet, von Gott unserem Mose überkommen. Daraus — denken wir mit Ernst darüber nach — ist eine Spreu geworden in den Lehren unsrer Templer. Deshalb mit habe ich mich bald vom Amt zurückgezogen. Um Nichtigkeiten wird gefeilscht und Gottes gutes Wort vom Heiligen Gesetz verdreht. Aber ER — ach Meremoth, wir gehen einer schweren Zeit entgegen.“

„Sind die Zeiten schwer, oder das Getriebe, das des Menschen Tun ergibt?“ fragt der junge Meremoth. Sereboa horcht erschüttert auf. Das hat sein Junge so erkannt, wie er, der Ältere, noch nie darüber dachte. Man sagt einfach ‚Zeit‘ und schob alles Unheil damit einem Ungewissen zu, notfalls einem Asmodi (Teufel), nur nicht denen, die die Last, die Bürde bringen: der Mensch. Und selber? Hat er immer so gehandelt, daß er vor Gott bestehen kann?, wie einem Menschen möglich ist, ein Gutes aufzubringen?

Nein, vor GOTT wohl nicht, wenn er auch in seinem Amt den Armen gegenüber rechtlich handelte. Dem Nazarener möchte er jetzt nicht ins Auge sehen. „Du hast wahr gesprochen, Sohn“, Sereboa drückt den Jungen an die Brust. „Da schau, auch wir Alten können von der Jugend lernen. Ist fast ein Rätsel, was du mir aufgegeben hast; doch es ist zu lösen. Wie oberflächlich spricht man von der Zeit! Von woher aber soviel Not und Elend kommen, darüber wird das Köpfchen nicht zerbrochen. Hab‘ Dank, lieber Junge.“

„Vater, du muß mir doch nicht danken! Für was? Es kam mir gerade in den Sinn, weil der Meister einmal sprach: »Es kommt die Nacht, da niemand wirken kann« (Joh. 9, 4). Ich meine, daß Er mit der Nacht die Nächte unserer Welt nicht meinte. Es war eine lange Lehre und alles hab‘ ich nicht behalten, aber das: ER ist das Licht, nicht zuletzt für die Kinder dieser Welt, womit Er die Glaubenslosen, die Argen und die sich hochmütig geben, meinte. Jedenfalls habe ich es also aufgefaßt.“

„Das mag stimmen, Meremoth, um so mehr bedenken wir: Er ist kein Mensch wie wir, Er ist —“ Sereboa spürt es innerlich ‚ist Gott —‘ Nur wagt er das nicht auszusprechen: „ — ist uns vom Licht gegeben worden oder . . .“ „Er nannte Sich doch Selbst das Licht, wie ich vorhin Seine Worte wiedergab. Also ist Er nicht gesandt, im Sinne jenes Wortes, sondern SELBST gekommen, für uns Menschen aber wie ein Sendling, auf daß wir nicht vor Ihm vergehen.“

„Das nehme ich mir sehr zu Herzen, wir halten beide daran fest. Was willst du weitertun?“ „Ich ginge Ihm gern nach. Hörte ja, Er wäre auf dem Weg zum Passahfest, also käme Er hierher nach Jerusalem.“

„Gut, sagen wir, wenn möglich, in unserm kleinen zweiten Haus in der Stadt. Ich selber höre mich einmal im Hohen Rate um. Mir kann man meinem Eintritt nicht verwehren, wenn ich auch öffentlich mein Amt zurückgegeben habe. Sogar ein Kaiphas muß noch mit mir rechnen.“ Das Letzterer jetzt alle guten Männer ausgeschaltet hat, kann Sereboa noch nicht wissen.

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