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Kapitel 9

Kapitel 9

Acht Tage später. Obwohl der Mond im Aufgang stand, trifft man doch zusammen. Günstig für die Verschwörer, so denken sie, ist, daß der sehr spät abendliche Himmel mit Wolken sich verhüllt, so daß des Nachtgestirnes Licht nur wenig sichtbar ist. Alle sind versammelt, auch Feodar und Judas. Letzterer kann nicht lange bleiben, er will beim Meister sein, wenn — —

Meremoth ist nicht gekommen. Unruhe breitet sich bei allen Männern aus. Was ist mit ihm geschehen? Man hat zwar seine Stimme weniger geachtet; er war ja jung und unerfahren. Immerhin, er war ein treues Glied. „Hoffentlich ist er nicht den Römern in die Hand gefallen.“ „Einmal hab‘ ich ihn gesehen“, berichtet Feodar. „Er hatte sich sehr weit nach vorn gedrängt, dahin, wo der große Wundertäter stand, wo allerdings auch hohe Römer waren. Ich wollt‘ ihn zu mir holen, doch ich kam nicht durch. Die Menge war zu groß und das Gewoge, hin und her — einfach unerträglich.

Sicher, zugegeben, es war nicht zu fassen, was ER tat, der Große Meister, wie Ihn seine Jünger nennen. Ihn was? Ob Er Sich diesen Titel Selber gab (Matt. 23, 8-10)? Möglich darf wohl bei ihm alles sein.“ Noch ist Feodar nicht aufgeschlossen, uneingestanden, auch wenn es in ihm wühlt und gärt. Anders jetzt Jedatja. Das Wunder von Bethanien hat ihn ziemlich umgestülpt.

„Ich bin noch nicht sein Mann“, spricht er bedächtig. „Aber sollte Er doch unser König werden, dann will ich zu Ihm stehen. Bethanien läßt sich niemals ausradieren! Ein paar Templer nannten es Betrug. Doch die irren sich. Wenn die Römer — und Dummköpfe sind die nicht — das Wunder anerkannten, bei dem Nazarener blieben, zusammen mit Ihm in das Haus des auferstandenen Lazarus gegangen sind, dann kann man unmöglich Lug und Trug zu diesem Wunder sagen.“

„Wenn es sich so verhält und ich glaube euren Worten“, Maradju meint seine Leute, „dann ist der Wundertäter unser Mann! Haben wir Ihn erst zu unserm König ausgerufen, dann verwette ich meine Seele — Er nimmt die Ehre an!“ Judas zuckt zusammen. Wieder ist ein Wort ihm zugeflossen, wie eine letzte Mahnung:

‚Du weißt, der Meister hat nie eine Ehre angenommen, also liegt‘s bei dir, diese Männer und dein Volk zu retten! Jeder Aufruhr ist des Volkes Untergang.‘ Nein, nein, er hat sich‘s eingebildet, weil er beim Herrn so lange war und Ihn kennt. Es gibt nur eine Rettung: Er muß unser König werden! — Wieder streicht sich Judas über seine heiße Stirn und ist‘s wie eine Flucht, als er sagt:

„Liebe Brüder, entlaßt mich jetzt, will sehen, wohin Er geht. Wenn möglich, kümmere ich mich um Meremoth, wo der geblieben ist. Einige von euch müßten zu mir eine Kette bilden, um euch wissen zu lassen, ob, wie, wann wir Ihn erheben. Wenn nur Kaiphas uns keine Stricke dreht, der hat seine Nase überall. Kürzlich hörte ich, er hätte auch in Rom schon einen festen Mann. Wie der dorthin gekommen ist — da mag er seinen Beutel weit geöffnet haben.“

„In der Tat?“ fragt Maradju und deckt die Bestürzung zu, die ihn befallen hat. Viel mehr müssen sie sich schützen, denn klug ist der hohe Templer, um nicht zu ahnen, was sie, die Zeloten, doppelt planen: ein eigenes Königreich, einen strengen Glauben — keine Hohen von dem Tempel. „Es ist wahr“, beteuert Judas noch einmal, „Römer, die dem Meister öfters folgen, sprachen über diesen Fall, und nicht mal leise. Sie sagten noch: ‚Dieser Jude richtet nichts beim Cäsar aus!‘ Immerhin — weiß man, was sich da entwickeln wird?“

„Eben!“ Maradju befiehlt plötzlich: „Wir kommen in der nächsten Zeit nicht hier zusammen; aber jeder von uns soll versuchen, viel her umzuhorchen, besonders dem kommenden König nah zu bleiben, so weit es möglich ist. Auch müssen wir uns gegenseitig unterrichten, um gegebenenfalls einheitlich bei ‚unserem König‘ aufzutreten und —“ frohlockend klingt es schon, das ‚unser König!‘ und ist eine unreife Frucht, die niemals eßbar werden wird. Daran denken die Zeloten nicht. Judas deckt sein insgeheimes Bangen zu. Er rankt sich an den Plan: frei von Rom, ihr Meister herrschend über alle Welt. — Nun geht er rasch von dannen.

„Ob man ihm trauen kann?“ Churus sieht Judas sinnend nach, als dieser ihren Ort verläßt. „Er hat zwei Gesichter; es wäre wirklich unser aller Tod, würde er . . .“ „. . . uns verraten?“ fragt Feodar. „Das glaub‘ ich nicht“, meint Jedatja, „habe ja gesehen, wie glühend er den Wundermann verehrt. Möglich schon, weil er sich gern bezahlen läßt, daß er auch anders denkt als nur an Jubelklang und Hosianna. Doch verraten — ? Nein, das tut er nicht.“

„Wir bleiben auf der Hut, gegen alle und auch gegen —“ Maradju schweigt. Ihm war eben so, als hielten ein Paar Hände ihm seine Lippen zu. Er streicht drüberhin, etwas wegzuwischen, was —? „Laßt uns gehen, es ist spät geworden. Geht diesmal weiter auseinander, man weiß nie, was die Besatzung unternommen hat, des Passahfestes wegen, das seine Schatten weit verbreitet hat, im voraus. Schon im letzten Jahr hatten wir zu leiden, weil vielerlei Beschränkungen verhängt worden waren; und das hatten wir —“

Wieder wird die Rede abgeschnitten von einer Hand, die Maradju nicht kennt. Bloß in Gedanken geht es weiter: „ — hatten wir dem Wundermann zu danken.“ Jedatja spürt förmlich, was ihr Erster sagen wollte. „Stimmt nicht, dem Wundermann im Vorjahr die Beschränkungen anzulasten. So viel ich weiß, war Er nur ganz kurz dabei. Die meisten Leute hatten Ihn nicht mal gesehen. Und ob überhaupt — ? Es wurde bloß verlautbart, Er wäre in Jerusalem gewesen. Jedenfalls war nicht ER der Urheber der Bedrückung. Dieses Jahr, hat Pilatus zugesagt, biete er uns größere Freiheit für das Fest. Wird also dieser Meister auch zugegen sein.“

„Das käme uns zustatten“, meint Churus, „alsdann könnten wir Ihn überwachen, Ihm nahe sein, um auch Judas auf den Fuß zu schauen.“ ‚ja ja, so wollen wir es tun. Nun aber fort, es ist allerhöchste Zeit.“ Maradju ist der erste, der seinen Platz verläßt; im Abstand folgen alle anderen nach.

Judas war eilig fortgestrebt. Ihm ist sonderbar zumute. O ja, er liebt den Herrn, auf seine Weise, er verehrt Ihn auch, obgleich Er ihm oft unverständlich ist. Er hat doch diese ungeheure Kraft und braucht oft nicht mal Seine Hände auszustrecken, und es geschieht, wie Er sagt, vielleicht sogar des öfteren, was er bloß denkt. Ob Er Sich zu einem König machen läßt — ? Was wäre dann zu tun, um Ihn dazu zu bringen, den Weltthron anzunehmen?

Judas, weißt du noch immer nicht, wer ICH bin? Hast du noch nie bemerkt, daß für Mich die Welt nicht gilt, außer im Bestreben, arme Menschen, ihre Seelen zu erretten? Nahm Ich jemals eine Ehre an? Und wurde Mir wie oft geboten! Nicht nur all die Armen, die Kranken hängen Mir am Rock. Viele Hohe, zumal die von dir gehaßten Römer oder andere Fremde, die, die nur selten bei Mir sind, haben Mich erkannt. Du bist seit drei Jahren im Gefolge, bist mein Jünger und willst nicht wissen, daß dein Bestreben nutzlos ist?!

Habe Ich nicht oft gesagt, die Welt vergeht?, jene armen Weltlichen, die sich ans Vergängliche klammern? Die gehen allesamt dahin und bleibt keiner auf der Welt zurück! Und wie oft sprach Ich vom ‚Reich der Ewigkeit‘, dessen Meister, dessen Schöpfer, dessen Herr ICH bin! Siehst du denn nicht endlich ein, daß Ich niemals eben die Vergänglichkeit erstrebe? Ist nicht ein armer Weltthron ebenso ins Nichts getaucht — ?

Willst du das Volk verraten oder — Mich? Kehre um, Judas, du hast noch Zeit. Denn bietest du der Schlange nicht die Hand, dann kann diese (Luzifer gemeint) sich vorher wenden, bevor Mein Schwerstes (Golgatha) aufzubringen ist! Du liebst Mich zwar, ist dein Sinnen; aber ist es eine Liebe, Mir dargebracht, was Mir ferner steht als die arme Welt dem Licht der Ewigkeit?! Jetzt rufe Ich dich noch, Judas; denn Ich liebe dich! Kehre um, wie Ich vom verlorenen Sohn das Gleichnis gab (Luk. K. 15). Sieh, jede Seele, die sich abgewendet hat, so oder anders, ist dem verlorenen Sohne gleich. Soll Ich dich verlieren — ? Willst du MICH verlassen — ?

O bedenke eines: MIR gehst du nicht verloren, selbst wenn du selber dich verlierst! Wenn nicht anders — im Schwersten werde Ich dich noch erretten! Wie von Furien gejagt, läuft Judas durch die letzten Schleier dieser für ihn schicksalhaften Nacht. Nein, nein, das war gar keine Stimme, das hat er allein sich eingebildet, weil sein Herz so bang, so hastig schlägt, wie noch nie in seinem Leben. Das kommt vom schnellen Lauf. Ja, eine Rotte Legionäre war ihm auf den Fersen; doch durch eine Mauer, die zerborsten war, hatte er sie abgeschüttelt. Das eben hatte ihn erregt und ihm war es nur, als hätte er ein Wort des Herrn gehört.

„Ich muß mir überlegen, wie ich den Meister dazu bringe, mit den neuen Freunden eins zu werden.“ Judas meint die Zeloten. „Die wollen doch das Gute, das Heil unseres Volkes, und das, das will ich auch. Es soll unser Israel, von Abraham gegründet, endlich werden, was ihm zuzustehen hat: die Weltherrschaft, die Krone aller Kronen.“ Weiter gehen die Gedanken: ‚ja ja, wir hatten gute, wir hatten arge Könige, und die Leute waren auch nicht immer brav. Ist in jedem Volke so. Zugegeben — die Römer haben gleichfalls Gute, zumal jene, die unserem Meister folgen und Ihn anerkennen; Hm, wären alle so, dann — sie sind die Fremden, Heiden, die Ihren Götzen dienen, uns bedrücken, sie sind —

Weiter kommt Judas mit den quirligen Gedanken nicht. Er war in seiner Angst so weit gegangen und schon nahe bei Jerusalem, als er plötzlich auf den Jünger Thomas stößt. Der scheint verwirrt und in Angst zu sein. „Was ist denn mit dir los?“ fragt Judas. „Wo ist der Herr? Wo die anderen?“ Wie ein Erwachen ist‘s, das über das Gesicht des Thomas geht.

„Wo bist du gewesen, Judas? Wir haben dich gesucht. Der Meister ist noch nah bei Gibea. Alle anderen sind bei Ihm. Ich bin jetzt nur voraus geeilt. Er will unbedingt nach Jerusalem. Das ist nicht gut für Ihn. Seit Bethanien wird Er von den Tempelspitzeln sehr bewacht, so will‘s mir scheinen. Was Er auch noch Gutes wirkt, was Er spricht — stets drehen sie es um und hetzen unterm Volk.

Er, der die Güte selber ist, war ja immer ernst gestimmt; doch Seine Freundlichkeit hat stets den Ernst gemindert. Jetzt — jetzt sieht es beinah aus, als ob alles Liebe, Seine Güte wie verschwunden sind. Dabei fühle ich mich noch viel enger zu Ihm hingezogen; und den andern geht es ebenso. Die sagten zwar, zumal Petrus, Er solle jetzt Jerusalem vermeiden, zumal des Passahfestes wegen. Da kam es über mich. Ich forderte meine Brüder auf: ‚Laßt uns mit Ihm ziehen und mit Ihm sterben‘ (Joh. 11, 16).“

„Du spinnst!“ lacht Judas ungewiß. „Wie kann ER denn sterben, Er, der so oft vom ‚ewigen Leben‘ sprach? Und alle Seine Wunder? Nein, Thomas! Ich habe nicht vergessen: mich hast du nie so recht gemocht, hast mich oft gescholten, nahm das aber nicht so krumm. Unser Meister — ? ah!, der wird was ganz anderes erhalten, gerade jetzt zum Passahfest, als zu sterben. Er war unter uns zwar immer wie ein Mensch; aber war Er einer?

„Darin gebe ich dir recht, Judas; Er, o ER stand immer über uns, über allen Menschen! Wie oft verneigten sich vor Ihm die stolzen Römer, was mich stets verwundert hat. Selbst den hohen Kaiphas hat keiner je zuerst gegrüßt. Doch von unserm Meister ließen sie sich unterweisen, nahmen Seine hohen Lehren an und haben Ihm wie oft gehuldigt.“ „Eben“, fällt Judas hastig ein. „Glaub‘ mir, Thomas, die Fäden sind schon längst gesponnen; und wenn nicht anders, dann gerade mit den hohen Römern IHN emporzuheben und sie zu verjagen.“ Judas Augen glitzern förmlich, so erregt ist er und überzeugt: Er wird unser König! Thomas lächelt wie im Schmerz:

„Emporheben? Wo denn hin, Judas? Oh, steht unser Herr und Meister denn nicht über allen Dingen?, über dieser ganzen Welt, von der wir erst durch Ihn erfahren haben, wie und was sie wirklich ist? Und dann — haben wir nicht längst erkannt: Er ist bloß unsertwegen wie ein Mensch gekommen, Er hat nur unsertwegen so gelebt; aber daß ER ewiglich GOTT selber ist (Kol. 2, 9), das, meine ich, haben wir doch längst erkannt. Du etwa nicht?“

„Hm, es mag so stimmen, wie du sagst, Thomas. Allein, ich meine: ist Er als GOTT gekommen und dennoch wie ein Mensch, sehr richtig unsertwegen, darum wird Er fernerhin auch menschlich bleiben, uns helfen, frei zu werden, frei von —“ Besorgt schaut sich Judas um. Er hat zu laut gesprochen und dort um die Ecke kommt schon wieder eine Rotte. „Laß uns langsam weitergehen, als ob wir eben uns begegnet wären“, sagt er verstohlen, „den Legionären möchte ich nicht in die Fesseln fallen.“ Ja, sein Haß würde ihn verraten. Das merkt Thomas auch und geht schweigend weiter. Judas folgt im kleinen Abstand nach, als ginge ihn der andere nichts an — der Ronde wegen. Erst im Gewirr von ein paar Außengassen spricht er Thomas an:

„Höre, lieber Bruder, und achte mal auf mich: kannst du ein Geheimnis streng für dich behalten, bis — es sich offen zeigt?“ „Ein Geheimnis? Damit sollten wir die größte Vorsicht walten lassen, sofern es etwas Weltliches betrifft und uns zuwider ist. Vor dem vielgeliebten Meister gibt es kein Geheimnis; das weißt du wohl. ER sieht uns bis ins tiefste Herz hinein, auch allen Menschen, ganz gleich, wer und was sie sind.

„So habe ich das nicht gemeint“, erwidert Judas, auch in Angst. Gern möchte er sich einem seiner Brüder anvertrauen; zumal gerade Thomas, mit dem er oft gestritten hat, möchte er es sagen. „Es ist so, lieber Bruder Thomas: Schau, während jetzt des nahen Passahfestes scheint sich vielerlei zu überstürzen. Daß unser edles Juda von der Besatzung frei und ledig werden möchte, brauche ich dir nicht zu sagen.“ „Freilich, nur bin ich nicht darauf versessen, seit ich weiß, was uns unser Meister brachte: das ewige Sein und jenes Leben, die Güte Gottes, die Rettung unsrer Seelen! Das, so bin ich überzeugt, ist wichtiger als alle äußere Befreiung, die meist über kurz oder lang doch wieder in die Brüche geht.

Wir sind vom Fortgang unseres Volkes unterrichtet, soweit es möglich ist und wissen auch, daß wir — ach wie oft — die Fremdherrschaft ertragen mußten. Wenn ich es ganz recht bedenke, hat Rom uns doch zuletzt auch manches Gute angedeihen lassen, und manche Hilfe. Daß viele ihrer Hohen, zumal die Führenden, unseren Herrn und Meister anerkennen, Ihn förmlich lieben — denke bloß an den Cornelius, da bin ich eben doch der Ansicht, sollten wir uns nicht von unübersichtlichen, von unguten Wünschen überrollen lassen. Sowas führt zu nichts, Judas. Denke ferner an das Wort des Herrn:

„Liebet eure Feinde; und segnet, die euch fluchen;

tut wohl denen, die euch hassen.

Bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen,

auf daß ihr Kinder seid eueres Vaters im Himmel!“ (Matt. 5, 44-45)

Denke an die wunderbare Predigt auf dem Berg und daß Er auch noch davon sprach:

„Trachtet am ersten nach dem Reichen Gottes,

nach seiner Gerechtigkeit,

so wird euch solches alles zufallen!“ (Matt. K. 5 u. 6)

Und was? Hat ER je von dieser Welt gesprochen, daß diese uns das füllen kann?, und geben, was ER an Herrlichkeiten uns bereitet hat?“

„Weiß ich alles, lieber Thomas, habe nichts von Seinem Wort und Werk vergessen. Ganz gewiß soll das stets im Vordergrunde bleiben. Bringt‘s uns aber weiter? Soll denn unser arm gemachtes Juda, die lieben Leute weiterhin das Joch ertragen? Schön und gut; einige der mir“, Verhaßten, wäre Judas beinah seinem Mund entschlüpft, „. . . es sind manche Römer annehmbar; und den Cornelius — na ja, wäre er kein Römer, würde ich ihn sogar lieben. Aber so? Ach nein, das Volk muß endlich werden, was durch Abraham uns überkommen war: Israel über allen Völkern! Dazu brauchen wir auch einen König, dessen Herrschaft ohne Ende ist!“

„Seit wann, frage ich, träumst du denn, Judas? Das sind wirklich Hirngespinste! Denke an die Zeit der Könige, an Salomo. Was ist von ihnen allen noch vorhanden? Nichts! Alle sind dahingegangen; alles Äußerliche, was geblieben ist, der Tempel — sage selbst, was der uns heut‘ noch gibt!“ „Der muß eben auch mit fallen, wie die Herrschaft Rom‘s. Das Haus —? O ja, die Fremden sehen es sich an, die Pracht; aber was erst einem Tempel das Gefüge gibt, seine Priester, dabei brauchen wir uns gar nicht umzudrehen, um längst zu wissen, was in denen steckt. Die sind auch des Meisters größte Feinde!“

„Nicht alle, Judas. Nikodemus hat uns manchen Dienst erwiesen, seit er den guten Meister kennen und Ihn lieben lernte. Auch andere sind treue Diener Gottes. Allerdings, ein Hannas, ein Kaiphas und deren Hörige sind alles andere als wahre Priester. Denen geht es auch allein um Macht und Geld. Die möchten Rom verjagen, um dann selbst zur höchsten Herrschaft zu gelangen. Kaiphas würde niemals einem König dienstbar sein.“

„Einem allgemeinen nicht. Wäre aber einer, wie unser Meister ist, mit unerhörter Kraft beseelt, mit Wundertun und all dem Herrlichen, was Er zu sagen weiß, da dächte ich: ER müßte unser König sein!“ Langsam läßt Judas sozusagen seine Katze aus dem Sack. Thomas war ja oft sein Querulant, doch allgemein sehr aufgeschlossen; mit ihm wollte er, Judas, seinen ersten Vorstoß wagen. Hätte er die Jünger insgesamt an seine Karre spannen können — ein Hauch, und der Meister wäre gleich des Volkes König, einer, das denkt Judas sich, den es noch niemals gab und nie wieder geben wird.

Wie recht hat er mit dem Gedanken; bloß sein Kardinalsfehler: daß er mit eben dem Gedanken weltlich denkt, weil er das Hohe, Heilige des Herrn jetzt mehr und mehr zur Seite schiebt. Als er merkt, daß Thomas nicht für „seinen“ König zu gewinnen ist, gibt er ihm die Hand, beiläufig sagend: „Ich muß noch etwas richten, dann folge ich dir zu unserem Herrn. Wir treffen Ihn wohl in den nächsten Tagen bei Jerusalem. Kein Wunder: wo sich viele Leute sammeln, da ist Er bestimmt." Thomas gibt ihm darin recht.

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