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Kap 1 – Der arme Barfuß Yps (dummer Hans)

Der arme Barfuß Yps (dummer Hans)

DIE MAUER

Deine Mauern sind immerdar vor mir. Jes.49,16

1. Kapitel

Man nennt ihn einfach Yps, weil niemand in der kleinen selbst namenlosen Siedlung seinen Namen weiß. Sogar der alte Rabbi, der aus Gibea dann und wann herüberkommt, der für jede Frage eine Antwort hat, wußte mit dem Jungen nicht viel anzufangen.

Es war eine unwirtliche Zeit (773 v. Chr.), als ein kleiner Barfuß an die Schusterhütte pochen kam. Das sind drei Jahre her. Man hat sich um den Zugelaufenen nicht weiter umgetan, als Rabbi Abelu gelegentlich zu fragen, was mit ihm geschehen solle. Der hatte, vom armverhungerten Blick des Kindes tiefst berührt, den Jungen mit in jenen Raum genommen, der dem Ort als Synagoge dient. Der Raum hat keinen Anspruch auf das stolze Wort; doch was da geredet wird, ist Licht aus Gottes Licht, soweit der Rabbi es besitzt. Mehr ist nicht zu geben, als was ein Herz sein eigen nennt. Doch Menschlichkeit und Güte sind des Rabbi Gaben, die jeder gern in Anspruch nimmt.

Was Abelu mit dem Knirps verhandelt hatte, kam nicht über seinen Mund; er hatte auch kaum mehr erfahren als ein ganz erschrockenes Gesicht, zitternd schwache Hunde und am Hals ein Täfelchen mit einer Schrift. Danach war Abelu verreist. Als er wiederkam, sagte er den Leuten, die das Würmlein aufgelesen hatten, sie sollten es wie ihre Kinder halten; der Junge sei es wert.

Ah, das machte keine Mühe. Alle mußten tüchtig helfen, über ihre Jahre oft hinaus. Das Brot reichte nicht, den Kindern frohe Stunden zu bereiten. Was Abelu sie lehrte, war ein Stück Himmelsgut, meist weniger der Lehre als mehr des guten Mannes wegen, der ihnen so Gelegenheit verschaffte, sich auszuruhen und das von ihm regelmäßig mitgebrachte Obst unbeschwert zu schmausen.

Drei Jahre später ist gar nicht viel aus Yps geworden. Die kargen Brocken reichen nicht, ihn zu kräftigen und daß er wächst. Auch wird er oft gescholten, weil er träumt. Erst neulich wäre beinah eine wertvolle Mutterziege abgestürzt, hätten nicht verwegene Jungen sie gerettet und den Träumer Yps dafür verprügelt. Zu Hause gab es noch mal Schelte und kein Abendbrot.

Yps sitzt allein auf einem Hügel. Er starrt ins Helle. Der noch ungelenke Mund murmelt vor sich hin: „Ach, das Licht ist gut, ich möchte zu ihm beten. Rabbi Abelu lehrt einen Gott, den ich nicht begreifen kann.“ Seine Augen saugen sich fernab an einer hohen Mauer fest. Die Gedanken gehen ohne Worte weiter; sie drücken, weil sie viel zu groß für diesen kleinen Denker sind.

Er besinnt sich plötzlich, daß der Rabbi heute kommt; fast hätte er darauf vergessen. Rasch steht er auf und streicht seine Lumpen glatt. Darum braucht er heute nicht zu hüten, oder Wasser zu schleppen, Körner stampfen und was man sonst auf seine schmalen Schultern häuft. Er eilt hinab, wäscht sich am Bach und läuft zur Synagoge, wo schon ein paar Buben wartend stehen.

Gleich wird er gehänselt: „Yps, trage Mädchenkleider!“ „Wer hat dein Haar verbrannt?“ gellt ein zweiter. „Aschenhaar, Aschenhaar!“ Ein Dritter kichert: „Oh, sein Gesicht sieht aus wie Fladenbrot aus Sauermilch!“ Die Horde bedrängt das arme Kerlchen, das wie wehrlos steht. Aber etwas ist an ihm: sein Blick, der fürchten läßt ohne es zu wissen. Die Augen leuchten sanft, doch mit einer Glut, die Rabbi Abelu schon aufgefallen ist.

Dieser steht am Pfeilerfenster, neben ihm der Älteste vom Ort. „Höre, wie man ihn verhöhnt, den Heimat- und Elternlosen! Die Schuld trifft nicht die Kinder, sondern euch, weil ihr sie fühllos handeln läßt.“ Der Rabbi darf sich diesen Ton erlauben, nicht nur, weil er ein älterer Rabbiner ist, sondern weil er stets das Rechte trifft.

Der Älteste, ein Fünfziger, rüstig trotz seines schweren Körpers, mit Händen, die jeder fürchtet, mit etwas hartem Blick, zieht die Stirne kraus, „Schon recht! Aber sieh das Würmlein an. Was wird aus ihm? Nichts, ein schwacher Kerl!“ „Ist‘s seine Schuld?“ eifert Abelu. „Als er kam, war er dem Hungertode nah. Und wie hat man ihn gefüttert?“ „Halt!“ Der große Mann reckt seine Faust. „Du gehst zu weit; betrachte unsere armen Hütten!“

Abelu mustert den gut genährten Mann. „Jarath, ich rede keinem übel. Soviel hat dein Haus, das Waisenkind zu dir zu nehmen, statt es beim Ärmsten der Gemeinde zu belassen, der selbst am Hungertuche nagt. Ihr sollt zusammenstehn wie eine Sippe, die sich gegenseitig hilft. Wirst du wirklich ärmer, wenn du etwa dem Sandalenschneider Garozam ein Seah (ca. 12 Liter) Körner bringst? oder von dem fetten Lamm, das du bei jedem Neumond schlachtest?“

„Dann würde ich bald selber betteln gehn!“ schimpft Jarath zornig. „Wieso? Vier sind am Ort, denen es nicht eben mangelt; und fünf Familien müßte Hilfe werden. Überlege, was ich dir vorgeschlagen habe: schließt euch Gibea an. Unser Ältester wird dir dein Recht belassen. Ihr gehörtet dann zum Ort; und manche Gunst, die auf die Städte fällt, käme auch auf euch.“

„Dazu der Stadt- und Fleckenzins, und was der Tempel nimmt.“ Jarath räuspert sich.. „Ich weiß Bescheid!“ „Siehst du so kurz? Glaubst du, König Usia strecke nie die Hand nach dem, was ihm vorenthalten wird?! Könige springen über Mauern, über die sonst keiner kommt — außer im Gesetz, das Mose gab.“ Abelu zeigt auf den Platz. „Die Kinder tummeln wild, ich muß beginnen; die meisten lernen ohnehin sehr schwer. Willst du, dann höre einmal zu, und wenn noch, bleibe ich in dieser Nacht bei dir.“

„Das ist mir recht.“ Jarath hat den klugen Priester gern, der mehr ans Volk als an den Tempel denkt. Abelu ist indessen vor die Tür getreten und schlägt an eine Platte, die wohlweislich hoch am Eingang hängt. Yps ist der erste an der Tür, einige balgen weiter, andere kommen im Zottelschritt.

Jarath beugt sich aus dem Sims, seine barsche Stimme grollt: „Wie lange soll man auf euch warten?“ Entgeistert starrt die Herde hoch. Was ist los? Was will Jarath in der Schule? Im Nu sind sie herbei geeilt, treten aber zögernd ein, als sich der Älteste am Tische niederläßt, wo ein paar Rollen aufgeblättert liegen. Man schielt zum Körbchen in der Ecke, dessen Inhalt sonst zuerst verfrachtet wird, ehe man ans‘ Lernen denkt.

Der Lehrer lächelt. „Heute habt ihr zu beweisen, was ihr könnt. Nehmt aber erst die Früchte, sonst denkt ihr nur an diese, statt an König Salomo, dessen Zeit wir letzthin durchgesprochen haben.“ Kaum geredet, wird sich um den Korb gebalgt. Yps steht abseits, er darf nur nehmen was übrig bleibt. Jaraths Bub, ein dreizehnjähriger, der seinem Vater nachgerät, reißt den größten Apfel einem andern aus der Hand. Da steht Jarath neben seinem Sündersohn und klatscht los:

„Barthomas, schämst du dich nicht? Gib den Apfel her! Du hast zu Haus genug; das Obst ist für die armen Kinder!“ In einer Aufwallung gibt er die große Frucht dem kleinen blassen Yps. Der weiß nicht, wie ihm geschieht; mehr fürchtet er die Prügel. „Herr, laß den Apfel deinem Sohn, mich — mich hungert nicht.“

„Kind“, fragt Abelu, „seit wann lügst du denn?“ Die Jungen lassen ihre Früchte wieder in das Körbchen rollen. Yps schlägt die Augen nieder. „Ach so!“ dämmert es bei Jarath. Und er fährt auf: „Untersteht euch, ihn zu schlagen!“ Yps fühlt plötzlich dankbar das, was er verloren hat: Schutz. Er kennt nicht das Wort. Ihm ist nur, als wäre jene ferne Mauer, die er heut‘ gesehen hat und hinter der man sich verbergen könnte, ihm ganz nah gerückt.

Scheu streichelt er die grobe Faust des Ältesten. Der dreht sich hastig um. Haben seine Kinder jemals das gewagt, was das fremde Waislein tut? Um sich zu ermannen, nimmt er resolut den Korb. Yps erhält zwei Äpfel, Barthomas geht leer aus. Niemand wagt zu essen und wie sonst halb zuzuhören. Heute sind sie Aug und Ohr. Nur weiß kaum einer eine volle Antwort außer Yps; der sagt schüchtern seinen Vers. Doch der Druck fällt nach der Schule ab und es wird geschmaust. Yps winkt Barthomas um eine Hecke.

„Nimm“, gibt er zögernd den großen Apfel her. Dabei werden seine Augen naß. Schon greift Barthomas nach dem Tribut. Da sieht er nahe jenen Blick, der so unerklärlich leuchtend ist. Fast zuckt er zurück und dann — er weiß später nicht wie es geschah — umschlingt er Yps und zieht ihn hinter dichtes Laub.

„Ich mag dich gern“, flüstert er. „Nur deine Schwächlichkeit war mir zuwider. Wart‘, ich komme bald zurück.“ Erstaunt sieht Yps dem Knaben nach. Ihm wird ganz wohl; die Mauer — ach, wenn die ihm nahe käme, wie schön . . . In seine Gedanken hinein springt Barthomas mit einem Jubellaut. „Da sieh!“ Er zeigt zwei Fladenbrote vor. „Eins für dich, eins für mich und der kleine Apfel, denn der große gehört dir. Und“, Barthomas überrennt sich fast, „nun sind wir Freunde; du brauchst doch einen Schutz.“

„Schutz? was ist das?“ „Ach“, belehrt der Große ihn, „die Krieger schützen ihr Vaterland; oder wenn ein Junge meine Schwestern hauen will, stelle ich mich vor sie hin, daß er es nicht kann.“ „Schutz muß etwas Schönes sein“, träumt Yps laut. „Oh, wenn ich beschützen könnte und wäre groß und stark.“ Der Schwache weint. Barthomas, aus seiner rauhen Jungenbahn geschleudert, tröstet: „Es muß Schwache geben, was soll sonst ein Starker tun? Doch nun an die Arbeit! Erst helf’ ich dir und du dann mir; und das Schwere tue ich.“ Von nun an hat der arme Junge einen guten Freund.

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