Drei und eine halbe Woche später. Es ist abgeerntet. Der Thisbiter steht am Palaste zu Samaria, ohne daß es seine Freunde wissen. In der Frühe war Gräßliches passiert. Die Stadt ist in Aufruhr und Sidons Schwerbewaffnete ziehen durch die Gassen. Das Baal-Sebub-Haus war gestern mit ungeheurem Pomp geweiht worden. Israel war herbeigeströmt, weniger interessiert, ob man zu seinem unsichtbaren Gott betete oder zu Baal-Sebub, eine riesige Figur auf scharlachfarbenem Tier, die mit toten Edelsteinaugen auf die Menschenmenge niedersieht, als mehr dafür, weil Isebel ein Volksfest mit großem Freiessen vorgesehen hatte. So etwas durfte man sich nicht entgehen lassen.
Nun waren nachts, als die Wachen trunken schliefen, zwei Priester aus Silo in das Baalhaus eingedrungen. Sie hatten auf dem weißen breiten Marmorsims, auf dem der Götze thronte, eine gut gearbeitete Nachahmung der Bundeslade aufgestellt, wie sie noch aus Moses Zeit sich in Jerusalem befand. Es kostete sie große Mühe, das schwere Stück auf den mehrere Meter hohen Sockel hinaufzuheben.
Sie waren schon zurückgeschlichen und betrachteten befriedigt ihre Tat. Da legten sich schwere Hände auf ihre Schultern. Im Nu waren sie gefesselt und wurden gleich zu Isebel und Ahab abgeführt. Durch dieses Vorkommnis und seine Umstände erwachte die Stadt schnell aus ihrem Rausch. Die meisten Israelen freuten sich des Mutes, weniger des Glaubens, als mehr des lustigen Spektakels wegen. Einheimische und Fremde wälzten sich in Massen zum Baal-Sebub-Haus, in das die zwei Priester inzwischen wieder gestoßen worden waren.
Isebel fragte den ‚Gott ihres Volkes‘, was die ruchlosen Täter verdient hätten. Aus dem Tiermaul kam die Antwort: „Mit Öl begießen und vor mir verbrennen!“ Die Sidonier jauchzten, während Israel, von furchtbarem Schreck gepackt, fliehen wollte. Doch die Menge stand zu Tausenden gedrängt vor dem Portal; es gab kein Entrinnen. Das Urteil, sofort vollstreckt, erweckte um so größeres Grauen, da beide Märtyrer keinen Schmerzenslaut von sich gaben, obwohl ihre Qual entsetzlich war.
Als das Feuer loderte, schrie Isebel hart auf. Ihr Schrei ging im Tumult des Volkes unter. Die Hände brannten ihr viel schlimmer als zur Stunde, da die Kette sie gezeichnet hatte. Sie lief heim; doch keine Salbe linderte den Schmerz. Erst als die armen Opfer ihr Leben ausgehaucht hatten, trat eine kleine Milderung ein.
Nun kommt ihr Elia gerade recht und sie geht zu Ahab, wenn auch mit größter Anstrengung. Und müßte sie nochmals den wahnsinnigen Schmerz ertragen: ihm soll geschehen wie den zwei Schändern ihres Götzen, durch den sie Israel beherrscht. Sie sitzt bereits auf ihrem Thron, als Ahab den Saal betritt. Wenn ihn auch der schreckensvolle Tod der Priester keineswegs berührt, so sagt er doch mit schlecht verhehlter Angst: „Hast du gehört, Isebel? Der Thisbiter steht im Hof „Ja! Diesmal kommt er nicht aus meiner Hand!“
Elia tritt ein, hinter ihm Obadja, — fassungslos. Warum hinderte Gott nicht das scheußliche Verbrechen? Warum kam Elia diesem nicht zuvor? Um ihn sorgt er sich bangen Herzens. Der Prophet wendet sich ihm zu. Seine Ruhe geht auf den Hofmeister über, der nun zur Seite tritt, fest bereit, den teuren Freund aufs Letzte zu verteidigen. Von den Volkssoldaten gehorcht ihm jeder. Da die Burg der Unruhen wegen von sidonischen Kriegern sehr entblößt ist, steht es um einen Eingriff günstig.
„Ahab!“ Die Kraft des Rufes läßt den König zusammen fahren, daß er wieder als armseliges Männlein auf dem Throne hockt. „Weil du solche ruchlose Tat verübt hast, wird nun geschehen, was ich dir verkündet habe! Im Namen meines ewig-heiligen Gottes soll es nicht regnen, bis das Land verbrennt!‘ In unbezähmbarem Spott ruft Isebel: „Das kannst du sagen, da die Regenzeit vorüber ist! Du Erzbetrüger! Du prophezeist, was ohnehin geschieht! Ha — heute kommst du nicht aus meiner Hand, und sollte ich sie selber an dich legen!“
„Tue es!“ Elia tritt vor sie hin. „Ich will mich fangen lassen, aber nur von dir!“ Isebel, zu jeder Hurerei bereit, wähnt, Elia sei aus Angst gekommen, sich mit ihr einzulassen, um so einem gleichen Schicksal zu entgehen. Denn kein Mann wäre er, hätte er nicht ihre Leidenschaft gespürt, die bei seinem Anblick in ihr hochgeschossen war. Sie lacht so teuflisch, daß Elia — angeekelt — sich abwenden muß. Er geht dem Ausgang zu und niemand hält ihn auf. Am Vorhang kehrt er sich nochmals zu Ahab um und sagt:
„Deine Schandtaten bringen dir das Zähneklappen ein! Wenn du dich nicht in dieser Nacht bekehrst, du und das Volk, so trifft der Himmel euch! Morgen um die gleiche Zeit bin ich wieder hier.“ Indem er sich entfernt, sieht er gerade, wie eine Sklavin fortgeschleift wird. Obadja flüstert: „Es ist Maggoths armes Weib.“ Blitzschnell greift Elia ein. Dem Schergen nacheilend, erreicht er ihn noch auf dem Korridor.
„Laß los, Schandbube!“ Der Sidonier grinst. „Das könnte dir so passen! Erst . . . er macht eine unmißverständliche Gebärde, was er mit dem Opfer tut, „. . . und hernach die Hiebe.“ Selbst Elia ist erschrocken. „Herr, wo ist Dein starker Arm?“ „Ich habe Meinen starken Arm in deine Hand gelegt und Mein Zorneswort in deinen Mund!“
Obadja fürchtet für Elia, denn der Lärm hat Isebel herbeigelockt. Kurz entschlossen reißt der Prophet den Sidonier zurück und alsbald sinkt der Scherge wie ein Häuflein Asche nieder. Der Staub bedeckt nur eine Bodenfliese. Entsetzt eilt Ahab in sein Gemach. Isebel steht erstarrt; sie wagt nicht, ihren bösen Willen auszuführen. Die Burginsassen weichen schreckensvoll Elia aus, der die Ohnmächtige ohne Mühe von dannen trägt. Er bringt sie fürsorglich zu Som-Hasads Herberge, gefolgt von Obadja.
Auf dem Wege begegnen sie Sträflingen, darunter Maggoth. Als er sein Weib in treuer Hut gewahrt, der Burg entronnen, dankt er Gott mit Tränen. Kein Wächter wagt ihn zu schlagen. Som-Hasads Frau, eine stille, feine Israelin, nimmt die Kranke in Empfang. Sie wird nachts heimlich über den Jordan und nach Damaskus zu ihren Kindern gebracht, mit einem Begleitschreiben Elias an Benhadad.
Die Männer sitzen stumm beisammen. Das Grauenvolle am Morgen und Elias Kühnheit bedrücken. Wie wird es enden? „Mit der Baaldirne und ihrem Knecht nicht gut“, sagt Elia. „Noch ein paar Jahre und dann . . .“ „Noch Jahre . . .?“ Obadja springt auf. „Ach Elia, du großer Prophet, kannst du die Jahre nicht zu Tagen machen? Wohin führt die Tyrannei? Ich dachte, die Leute kämen zur Besinnung, wenn Angst, Not und Elend sie beschweren. Doch bis jetzt hat der satanische Dämon, dieses . . ., nein, mir fehlt das Wort und es ist egal, wie man sie benennt sie hat den Trumpf noch fest in ihrer Faust.“
„Es war Gottes Auftrag, das Gericht am Schergen auszuüben. Denn, Freunde, also sprach der Herr: ‚Ich habe Meinen starken Arm in deine Hand gelegt und Mein Zorneswort in deinen Mund!‘ Obadja, was hättest du getan, wäre dir der Auftrag zugekommen?“ „Ich —? O Elia, versuche nicht deinen Knecht! Du siehst, wie es in meinem Herzen gärt. Denn täglich geschehen um mich unmenschliche Grausamkeiten. Müßtest du das erleben, — etwa würdest du auch anders handeln. Aber so? Nein, ich kann‘s nicht sagen.“ „Wohl, du Getreuer! Sieh, weil das Erbarmen in dir zehrt, darum bist du ausersehen, Dinge noch zu tun, die nur wenige tun dürfen. Hier aber . . .“ Elia sinnt vor sich hin, um dann — aufrecht stehend — zu ‘ergänzen:
„Hier darf nur geschehen, was GOTT auch ohne mich vollzieht. Er wiegt aber Seinen Willen mit der All-Erbarmung aus! Die Baalischen sind auf Erden nicht zu retten; doch dem Volke gilt die Hilfe, wenn es sich — helfen läßt. Wäre es heute aufgestanden wider Ahab und die Dirne, — wahrlich, denen wäre des Sidoniers Los geworden!“
„Seit Stunden rebelliert das Volk“, mischt sich Som-Hasad ein. „Ist das kein gutes Omen? ein Weg, der wieder lichtwärts führt?“ „Wenn ja, so hätte Gott geholfen! Doch Israel ist allgemein schon soweit ab vom wahren Weg, daß es ihm gleichgültig ist, wer zum Gott erhoben wird. Der Aufruhr spiegelt nur die Angst, weil jedem so geschehen kann. Übrigens hatte Ruben-Heskael die Priester aus Sorge um sie gewarnt und ihr Unternehmen nicht gebilligt.
Aber — offen bekannten sie ihren Herrn. Kurz war der Schmerz des Leibes und ihre Seelen fuhren auf. Dagegen jene“, Elia deutet zornig zum Palast, „müssen die entfachten Leiden vierfach tragen; denn die Strafe ‚Bis ins dritte und ins vierte Glied‘ bestätigt sich an ihnen! Haben sie ihr Wesen wieder zusammengeklaubt, so fällt eine nächste von ihnen verübte Ruchtat vielfach auf ihr Haupt. So laßt sie ihre Jahre treiben, bis das Volk einst reift, zum guten oder bösen Weg, jenachdem welchen es sich wählt.“
Elias harte Stimme unterstreicht die Last. Endlich wagt der Hofmarschall zu fragen, ob die Freunde nicht zu rufen seien, um bereit zu sein, wenn . . . „. . . mir was geschieht?“ Ella legt den Männern seine Hände auf: „Ich will euch stärken kraft Gottes Wortes durch meinen Mund!“ Alsbald spüren sie eine innere Festigkeit, eine Freiheit, die sie zu Elias Füßen nieder fallen läßt. Nicht vor ihm, sondern vor dem HERRN knieen sie, der Sich in Seinem Diener, in einem Mensch gewordenen Engel, herrlich offenbart. In Zukunft bedarf es keiner zweiten Segnung, obgleich noch manche schwache Stunde sie ängstlich macht. Jederzeit stehen sie in Gottes Kraft.
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