Kapitel 14
Ein schöner Abend bricht herein. Die Sonne fängt gerade an, den Hügel zu vergolden, das Tal mit sanftem Schatten zu bedecken. Der Midianiter, teils froh, teils ernst, will in zwei Stunden fort. Krieg ist immer eine üble Sache. Er hat geschworen, des Herrn Gesetze einzuhalten: Du sollst nicht töten; du sollst nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut!
Sie stehen eben vor dem Haus. Da kommen ‚ihre Ritter‘, herrlich anzusehn, den Weg herauf. Debora läuft ihnen wie ein Kind entgegen. Man sieht ihr nach und bemerkt die Ritter. Wer sie schon kennt, eilt nach. Auch Su-el-Kambynos und sein Kämmerer erkennen ihre Lehrer wieder. Die andern sehen hochverwundert die Gestalten an. Wer mögen sie wohl sein — — ?
Bezai bleibt sorgend stehen. Aha, deshalb war zu warten, was der Abend mit sich brächte. Die Ritter sehen jedem Menschen durch und durch. Er will heimlich fort. Da hakt der Seher bei ihm unter. Ein ernstwarmer Blick trifft ihn. Es fällt kein Wort; doch Bezai spürt gut, daß er festgehalten wird. Da strafft er sich. Hat er früher arg gehandelt, ohne sich zu schämen, dann muß er jetzt es auf sich nehmen, wenn er öffentlich gerichtet wird. Gott ist unbestechlich und gerecht.
Indessen sind die Ritter angelangt. Niemand denkt an Krieg, an Abritt oder sonstiges. Der Himmel ist gekommen! Welt, was willst du noch bei uns — ? Charkros treibt die Hausgehilfen an, was er sonst nicht tut. Und es wäre gar nicht nötig; sie rennen selber um die Wette. Im großen Zimmer sitzt man dicht gedrängt beisammen. Die Palme spricht den landesüblichen Friedens- und Willkommengruß und fügt hinzu:
„Meine Lehrer, ihr seht die Herzen vor Gott jubeln, denn Seine Güte sandte euch zu uns. Ich bin gewiß, daß sich Gottes Wort an uns erfüllt. Jener Heilig-Abend, als das Höchste Licht erschien, zeigte mir den langen Weg (5, 31), eingesäumt von Gottes Wächtern, und kam kein Fremdes und kein Arges durch.
Heute ist Sein Wort besiegelt, daß wir glauben und erkennen: Gott ist gut! Er hilft nicht, die Feinde zu vertilgen; Er hilft, weil wir Sein Gebot beachten wollen. Bringt uns bitte Seinen Segen und den Frieden Seiner Gnade.“
„Ein gutes Wort“, lobt Zuriel, „an das die Lehre anzuschließen ist. Zuerst hat Bruder Muriel euch einiges zu sagen.“ In freudiger Erregung wartet man darauf. Daß sich in den Hügelleuten auch noch Wünsche regen, die nicht nach ihrem Sinne zu erfüllen sind, sollen sie bald merken, trotzdem ihr Geist die Seele — soweit möglich — in die Höhe zog.
Muriel lächelt ihre Menschenwünsche weg. „Liebe Freunde“, fängt er an, „ihr seid in Gottes Licht hineingewachsen, weshalb das Licht gekommen ist: Gottes Güte und Sein Wort! Gewiß“, winkt er ein wenig ab, „ist‘s recht zu denken, euer Wachsen in das Licht hinein ließe viel zu wünschen übrig.
Solang ein Kind durch die Materie geht, ihr angehörend, kann es selten seine Seele voll vom Geist durchglühen lassen. Möglich ist es wohl; doch Gott bindet an die Möglichkeit kein Soll. Letzteres hängt den Gesetzen an, wo es nebst der Möglichkeit auch nötig ist. Aber wo solch hoher Seelenstand erfolgt, ist die Tür zur Heimkehr offen, und keine Erdenstunde länger bleibt ein Lichtgeist als ein Mensch auf seiner Welt.
Besser wäre, denkt ihr, wenn solche lange Zeit auf einer Welt verbleiben könnten. Ob nicht schon zuvor ein Lichtkind stufenweise seine Strahlen leuchten lassen kann? Der Anteil der Vollendung, auf das Reich entfallend, wird den Weltenwegen nicht gegeben, weil ein Lichtmaß viel zu schwer und teuer ist (Ps. 36, 8). Keine Welt kann es bezahlen, die Menschen meine ich, ob sie bezahlen könnten, wollen oder nicht.
Hier sei eingefügt, daß sich euer Wunsch, zwar bester Ehrlichkeit entsprossen, nicht erfüllt. Wer unsere und Deboras Ritterschaft bereits erlebte, bat förmlich darum, daß wir in unserer Erscheinung mit zu Felde ziehen möchten. Wenn die Feinde uns erblickten, wäre all ihr Mut dahin, und viel Leid, viel Blutvergießen würde dadurch abgestellt.
Jedes Ungemach der Kriege gleicht das Licht nicht aus. Aber jeder gute Wille wird mit eingeschaltet, wodurch gar manches unberechnet bleibt. Daß im Krieg auch Fromme und Gerechte leiden müssen, ist dem Menschen unverständlich, sofern er nicht den Ausgleich durch die Opferwege kennt, die des Lichtes Kinder auf sich nehmen. Dieser Ausgleich läßt sich nicht in weltlich gutem Leben bringen, es wäre sonst kein Opferweg.
Das Leben der Materie ist kurz; aber vollgerüttelt kann das Maß der Opferliebe sein, die den Weltweg überstrahlt. Doch käme aller Haß der Kämpfenden auf sie als Folge, dann blieben beiderseits nur wenig Leute heil. Würde noch die Ungerechtigkeit hinzugezählt, die im Kriege ihren Höllenwucher treibt, bliebe nie von einem Kriegsvolk etwas übrig, kein Mensch, kein Hab und Gut! Ein Säkulum und mehr könnte in die Weltzeit tropfen, bevor die Wüstenei aufs neue zu besiedeln wäre.
Doch Gottes Wort, den Menschen zugesagt, solang die Welt besteht, solle Seine Gnade nicht versiegen (1. Mo. 8, 22), hat die widerlichen Kriege mit bedacht. Wenn sich allerdings die Bosheit übersteigert und das Maß des Gotteswortes überschritten wird, wenn der Haß die Gnadengrenzen sprengt, dann ist das ‚solange Er die Welt erhält‘ erfüllt. Dann kommt es auf die Menschen an, ob Gottes Langmut eine Elle zuzumessen ist.
Nun gilt der Hinweis zwar nicht eurem Krieg; doch das Gesetz ist einzuhalten: Du sollst nicht töten, nicht begehren deines Nächsten Hab und Gut! Bleibt ihr treu, soweit als möglich, dann seid nicht ihr die Schuldigen. Alle Last fällt auf den Gegner, der nur morden und zerschlagen will.
Ja, Freund Su-el-Kambynos“, sagt Muriel zum Fürsten, „du fragst besorgt, wenn einige der Deinen das Gebot nicht halten, für das du dein Wort gegeben hast, wenn Blutrausch in den Schlachten sie mit Willen töten läßt, ob du es dann vor Gott vertreten muß. Deshalb hast besonders du gewünscht, wir Himmlischen sollten doch das Ganze überwachen.
Die Last sei abgenommen. Jeder Krieg mit seinen Schlechtigkeiten lockert die Verantwortung, die das Gewissen abverlangt, den Menschen gegenüber als ein Mensch zu handeln. Auch diese — soweit irgend möglich — deckt Gottes Langmut zu; vor allem dann, wenn ein Krieger durch des Feindes Bosheit oder Angriff seine ethische Verantwortung verliert. Wird er hart herausgefordert, so kommt die Härte auf den Feind zurück.
Da ihr euren Truppen — ausgegangen von Debora — das Gebot in aller Einzelheit gegeben habt, so bleibt die Schuld am Gegner haften, der diesen Krieg heraufbeschworen hat. Seid guten Muts; ihr habt das Möglichste getan, des Herrn heiliges Gesetz zu halten. Aber wachet trotzdem scharf.
Was unsere Erscheinlichkeit betrifft, da frage ich: Glaubet ihr an Gottes Hilfe, wie Debora betete?“ Alt-Sathiel hebt seine Hände hoch: „Ja, Er hilft, weil wir Sein Gebot beachten; allerdings nicht dann, wenn wir töten wollen. Aber nahe ist Er uns, dessen bin ich ganz gewiß!“ „Knüpfst du an die Gewißheit an, der Höchste möchte dabei sichtbar sein?“
„Sichtbar?“ Salthiel sinniert. „Nein — das heißt, die Zeiten haben sich geändert. Früher ist Gott oft erschienen. Nur“, legt er seiner Sehnsucht Zügel an, „Gott beweist Sich nicht allein in der Erscheinlichkeit. Seine Werke sind die Firma, sind Sein Firmament! Das bekundet Seine Existenz. Er ist allgegenwärtig, zumal wenn wir in Trübsal, Not und Ängsten sind (Ps. 145, 18; Phil. 4, 5) Ich halte es für recht, daß Gott nicht in Sichtbarkeit erscheinen muß, um Seine Hilfe herzuleihen.“
„Du hast das Kommende bedacht“, erwidert Muriel. „War der zumeist unsichtbare Gott euch bisher trotzdem nahe?“ ‚ ruft Barak. „Ich erlebte Ihn auf meinem schweren Gang nach Hazor so, als hätte Er mich leiblich an der Hand geführt. Das Herrlichste des Naheseins ward offenbar, als ich in Seine Schule kam, indem Er mir den Weg zur lieben Palme wies.“
Jizri sagt gerührt: „Dein Zeugnis ist das beste. Ja, neben vielen Wundern war die Führung zu Debora Gottes höchstes Nahesein. Wenn wir es stärker oder schwächer fühlen, so bleibt es doch von alters her: Er war, Er ist, und Er wird ewig sein, sowie denen nahe, die Ihm im Vertrauen angehören.“
„Leider kann ich‘s nicht auf mich beziehen“, sagt Su-el-Kambynos betrübt, „erst seit jener Zeit, da der Höchste mir die gute Palme in mein Zelt gesandt und mich Ihn kennen lehrte; vorher weiß ich nichts davon, ob der Herr mir jemals nahe war. Ach — verlorene Zeit, verlorenes Gut!“
„Meinst du?“ „Wie soll ich‘s anders glauben“, folgt ein Dawider. „Er ist bei keinem, der den Höchsten weder kennt noch etwas von Ihm wissen will.“ „Weltlich, — vom Himmelsstandpunkt sieht es anders aus.“ „Sowieso“, nickt der Fürst sich selbst ein Ja. „Erstens mag die Welt von oben nichtig anzusehen sein; dazu alle Sonnen, Sterne und was weiß ich noch in Gottes heiliger Regie, — IHM entgeht doch nichts; demnach sicher nicht der kleine Mensch, auf welchem Seine väterliche Güte ruht.“
„Und die Erkenntnis, eben ausgebreitet, läßt dir keinen Glauben zu, daß dir Gott schon früher nahe war?“ Der Midianiter stutzt, er hebt ein wenig seine Schultern: „Ich habe nie etwas gespürt, weil ich noch keinen Ein-Gott-Glauben hatte.“ Muriel hält des Fürsten Rede auf: „Vor rund zehn Jahren warst du einmal auf dem Weg von Tor nach Migdol.“
„Du willst sagen“, unterbricht der Fürst erregt, „daß damals — daß es — “ „Lasse mich berichten“, besänftigt ihn der Engel, „dann weißt du rasch, wie nahe dir der Heilige gewesen ist. Vergessen konntest du es nicht. Du warst mit deiner Karawane unterwegs, um in Migdol Waren auszutauschen.
Dir kam, als der Himmel sich mit seinen Sternen schmückte, ein Wanderer entgegen. Euch wunderte es, einen Einzelnen auf dem selten räuberfreien Weg zu sehen. Er sprach: ‚Ziehe nicht nach Migdol, der Herr will dich behüten.‘ ‚Welcher?‘ fragtest du. Dir war bekannt, daß Israel am Horeb lange lagerte und daselbst auf wunderbare Weise das Heilige Gesetz empfing. Eure Art, durch die Götzen an die Welt gebunden, lehnte Mose‘s Glauben ab.
Da zeigte er nach Osten, wo der Horeb lag. Wirklich war er nicht zu sehen, zumal der Küstenpfad meist niedrig ist. Doch auf einmal sahest du und deine Männer jenen Gottesberg. Von ihm herab floß es wie eine Lava, und unterhalb des Berges schlugen sich die Menschen gegenseitig tot.
‚Fata Morgana‘, und nanntest jenen Wandersmann später ein Gespenst (Matt. 14, 26). Dieser sprach: ‚Den Berg siehst du gespiegelt, obwohl die späte Abendzeit dies kaum ergibt. Das Feuer wie ein Blut, das Morden wie ein Krieg ist eine Schau. Kehre um!‘ Er wandte sich dem Horeb zu. Ihr waret so verwirrt, daß ihr — die Angst verbergend — eure Tiere heimwärts lenktet. Drei Tage später kam die Kunde, Migdol sei überfallen worden, alle Häuser eingeäschert und keine Leute lebten mehr. Ägypter bauten es in Kürze wieder auf; und noch heute wird die Stadt bewacht.
Du hast lang gebraucht, um das ‚Nachtgespenst‘ zu bannen, hast dir eingeredet, es sei ein wüster Traum gewesen, der dir allerdings zur Rettung ward. Darum hast du auch Debora gegenüber nichts davon erwähnt. Nun sei gesagt: Der Nachtmahr war ein Engel (Hebr. 13, 2); denn für Jetzt hat dich der Herr bewahrt. — Wie siehst du heute diese Episode an?“
„Wie Schuppen fällt mir‘s von den Augen!“ Fröhlich klatscht der Midianiter in die Hände. „O ich Tor! Ich dachte, daß Gott Sich mir erst offenbaren könne, wenn ich Ihn erkennen lernte.“ „Von deinem Allerweltsgedanken her ist‘s zu verzeihen“, entgegnet Muriel, „bloß taucht da gleich die neue Frage auf, die zur weiteren Erkenntnis führt.
Was ist zuerst: Gottes Offenbarung oder die Erkenntnis? Kann Gott Sich enthüllen oder wird Er es nach Seiner Weisheit tun, wann Er es für recht ersieht?“ Einfach ist die Frage nicht. Überheblichkeit und falsche Demut lassen leicht verirren. Da sagt Arthasus, er holt es tief aus seinem Geist heraus:
„Gott handelt wie Er will! Er fragt uns vorher nicht, ob und zu welcher Zeit Er kommt. Hat sich wer den Weg verdorben, greift Er ohne Frage ein, ob dabei der freie Wille leidet. Das obendrein zum allerbesten Segen des Verirrten. Er wartet auch, wenn Not-Gläubige schreien, denen sonst der Herr weit ferne bleiben soll, wie es sich gar mancher wünscht.
Gewiß darf man in Trübsal rufen; und Gott hört uns an, zu Seiner Zeit, auch wenn Sein Walten unverstanden bleibt. Kein Mensch, nicht einmal ein Engel, käme zur Erkenntnis, wenn nicht zuerst Sich Gott enthüllte. Ob damit immer gleich die Schau verbunden ist, sei dahin gestellt. Der Schöpfer als der ERSTE wird Sich den Geschöpfen stets zuerst enthüllen, sonst könnte keines des von Ihm geheiligten Dual, das Kindervolk, den Vater-Gott erkennen, hören, sehen, noch Sein Tun an sich verstehen.
Doch ist Sein hehres Muß kein Zwang, sonst müßte ja ein Größerer (Hebr. 6, 13) das Muß geschaffen haben. Der Schöpfer stellte es Sich Selbst aus Seinem weisheitsvollen Willen, und das allein zum Heil und Segen Seiner Kinder. Für mich steht Gott, der Schöpfer, über jedem Seiner Werke; und demzufolge kennt Er kein ‚Ich kann — Ich kann nicht‘!
Nun gibt es sinngemäße Unterschiede zwischen kann und kann. Wenn der Hohe handelt, so aus Seinem Allmachts- oder Herrschaftswillen, der alles macht. Er ‚erfindet‘ (Hebr. 9, 12), wie Mose sprach:
‚Gott erlöst durch Seine große Kraft‘ (5. Mo. 9, 26). Er bedenkt im eigenen Rat, was Seine Hände tun (Ap. G. 4, 28). Was bedarf es also mehr, denn das zu wissen: Gott ist in Seinem hohen Himmel und wachet über all Sein Werk!“
Muriel drückt Arthasus die Hand: „Du hast gesprochen; aber der Geist Gottes gab das Wort. Ja, auch uns Engeln, was alle Lichtkindgeister vor Entstehung der Materie waren und wieder sind, sobald sie nach den Opferwegen heimgekehrt sein werden, hat der Herr Sich wunderbar zuerst gezeigt, sonst hätten sie Ihn nie erkennen, niemals an Ihn glauben können. O seht, das Herrlichste vom Herrlichen: Er verbarg Sich nicht, Er schuf die hehre Bindung zwischen SCHÖPFER und Geschöpf, zwischen Kind und VATER, in deren hohen Spannungsbogen auch das Gegenüber ist: PRIESTER und des Kindes Geist; GOTT und des Kindes Seele.
In der Materie ist eine Schau gering, nur weder Gottes noch der Frommen wegen. Die Materiellen ertragen selten solche Schau. Ihr wundert euch, aber seht: Hier sind alle abgestürzten Kinder mit dem Satanas gefangen. Sie können nur durch einen Leibesweg heraus, was für sie die zubereitete Erlösung ist. Die ist allerdings von GOTTES Opfertat besiegelt worden.
Wirkt Er personell, so ist Sein Licht nicht völlig zugedeckt, und die Finsteren erschrecken. Sie spüren ihre Pein, den fürchterlichen Fall. Ab und zu ist‘s gut, daß sie wieder einen Merk bekommen; und das verbindet Gott mit einer Anschauung für die Getreuen, auf dieser oder jener Welt.
Deshalb hatte Mose auf dem Berg, was nicht nur symbolisch Gottes Höhe war und auch in der Hütte, abgeschirmt vom ganzen Volke, Gott gesehen, weil dadurch Luzifer und seine Finsterlinge eine ‚Schau‘ nicht zu ertragen brauchten.
In für euch beispielloser Güte sieht Gott immer auf das arme Kind herab, dem Er seine Wunden heilt (Jer. 30, 17). Ihr erschauert vor der Allgewalt der Gottesliebe, die sich derart offenbart, auch daß ihr soviel Herrlichkeit erkennen dürft. Wohl euch! Ihr seid einer Harfe gleich, auf der des Lichtes Kinder spielen; und der Hohe hört mit Freuden diesen Psalmen zu. —
Etwas noch vom Wunsch, Zuriel und ich möchten sichtbar bei euch bleiben, wenn das Schlachtgetümmel dröhnt. Doch wißt ihr schon, daß eine offenbare Schau nicht unbedingt den Ausschlag gibt. Gottes Nähe, liebe Freunde, und unser unsichtbares Wirken wird euch besser helfen als ihr denkt. Wollt ihr uns sichtbar bei euch haben, so sind auch wir an eine Form gebunden und nur eben dort zu sehen, wo wir uns befinden.
Da dächten Tausende: ‚Wären diese Ritter doch bei mir!‘ Es riefe Hemmungen hervor. Sagt ihr aber: Gottes Engel helfen uns, so glaubt jeder: ‚Sie sind da‘. Das gibt Kraft und fördert das Erinnern, die Gebote einzuhalten, weil man wähnt, wir sähen, was sie tun. — Nicht wahr, viel herrlicher hilft der Herr nach Seiner Weisheit und nach Seinem Rat?“
„O Muriel und Zuriel“, dankt Debora, „ihr habt des Himmels Tore aufgetan. Wir stehn im Lichte der Allmächtigkeit; auch auf Gottes Berg, in Seiner Hütte, wo Mose stand. Für die unerhörte Güte sei dem Vater der Barmherzigkeit der Dank gebracht, und Lob und Preis und Ehre! Unsere Liebe dankt auch euch, hohe Brüder, mit denen wir aus Gott verbunden sind.“
Da — mit einmal werden beide Himmelslehrer förmlich überrannt. Jeder drückt jeden fest ans Herz, und es dauert eine gute Weile, bis der ‚Liebessturm‘, wie Zuriel ihn fröhlich nennt, sich legt. Als endlich alle wieder sitzen, fängt er mit einer neuen Lehre an und sagt:
„Kinder Gottes auf der Erde, Freunde Seines Lichts! Eure Bürde ist nicht leicht, die ihr nun zu tragen habt. Auf Debora liegt der größte Teil. Der Herr hat es gesegnet, daß ihr Männer ehrlich zu ihr steht, weil die Verantwortung auf ihren Schultern lastet. Freundlich sieht der Heilige auf euch hernieder, die ihr einen Ring um sie gebildet habt und symbolisch eure starken Hände unter ihre Achseln schiebt.
Körperlich werden nicht einmal für inkarnierte Himmelskinder die Naturgesetze aufgehoben [VH18]. Der Körper einer Frau ist schwächer als der eines Mannes, was allgemein die substantielle Denkkraft mit betrifft. Nun gibt es noch das essentielle Denken, das dem Geiste eingeordnet — keine Scheidung zwischen Mann und Frau ergibt. Dieses freilich dann, und zwar für beide Teile gleicherweise, sobald man sich dem Geiste unterstellt, was gesegnetes Vertrauen auf den Herrn erweckt.
Hierbei lassen sich auch körperliche Grenzen überschreiten, ohne die Naturgesetze umzustoßen. Vom essentiellen Denken werden Kräfte frei, die den Übermenschen produzieren. Der Weltliche erkennt es schlecht, weshalb er nur zwei Sichten hat: Entweder staunt er einen Übermenschen an, was zur Vergötzung führt, oder er verspottet ihn und sagt ihm böse Kräfte nach.
Einige von euch sehen in Debora einen Übermenschen, allerdings im besten Sinn. Aber Übermensch bedeutet bloß das ‚Stehen über einem grenzgebundenen Sein‘. Der Ausdruck wurde nicht aus echtem Wissen hergeleitet; er entstand aus dem mehr dumpfen Fühlen, daß man selber niedrig, der andere hochentwickelt sei.
Werde nur nicht rot, meine liebe Schwester“, Zuriel stellt sich neben sie und streicht zärtlich über ihre Wange. „Es gilt nicht nur dir; die Freunde sollen unterscheiden lernen. Ja, für später ist‘s gesagt, damit man keine Menschgöttin aus dir macht, wozu leichtlich einige der Stämme neigen.
Also sei hinzugefügt: Du hast des hohen Melchisedek große Kraft erbeten, für alle Treuen und — die anderen, sie mit in diese Kräfte einzuschließen, damit zu deren Lösezeit die letzte Schuld gestrichen werden kann. Aus dem ‚Über dieser Welt‘ hast du dein eigenes Licht und Gottes hohe Priesterkraft herabgebracht, für deine Zeit und für viele zur Befreiung.“ Zuriel wendet sich den Männern wieder zu und spricht weiter:
„Debora kann die Bürde tragen; aber wer ihr hilft, darf an Gottes Walten helfen! Eine Gnade, die im Empyreum wohnt. Sie sei der Welt nicht darzubieten, meinet ihr? Doch, liebe Brüder! Es kommt darauf an, daß man durch den Geist das Himmlische bewirkt. Gott ist Geist (Joh. 4, 24), und im Geiste sieht man Ihn. Auch der Geist des Kindes bleibt stets göttlicher Natur und kehrt zu Gott zurück, von wo er ausgegangen ist (Pred. 12, 7).
Das bedeutet freilich nicht, der Kindgeist würde mit der Rückkehr aufgelöst. Werke werden kommen, in denen unser Leben umgewandelt wird, immer aber zu der lichtgesteigerten Vollendung, die sich nur vom Geiste her gestalten läßt. Dagegen sind die Universumskörper, ebenso zum wesentlichsten Teil die Kreatur und Flora, an bedingte Daseinszeit gebunden. Doch auch deren Grundsubstanzen kamen aus dem Schöpfergeist, der ihren essentiellen Stoff erhält, während aller Weltstoff der Materie umgewandelt wird.
Aus dieser Lehre könnt ihr jenen Kraftstoff schöpfen, der zum lichtgebundenen Ziele führt, außerdem im Weltlichen nun große Hilfe leisten wird. Dabei weise ich auf etwas hin, was gerade ihr, liebe Helfer“, Zuriel meint die Heiden, „selbstverständlich findet, doch nicht minder viele Israelen. Zwar ist‘s nicht schlecht, bloß fern des Lichts gedacht.
Was könnte das denn sein? Weil ich es sage, seid ihr bang, Gott betrübt zu haben. Mitnichten! Guten Willens wollt ihr alle Feinde schonen, wenn es irgend möglich ist. Mancher aber rechnet so: Tue ich den Feinden Gutes, nachher muß mir Gutes widerfahren! O, das wird oder — kann geschehen. Denn ein Widerhall ist stets das Echo eines Rufes.
Aber es kommt darauf an, ob man um des Guten oder eines Lohnes willen handelt. Nur des Echos wegen, verspielt man seinen Lohn. In der Materie bewirken solche Wunschgedanken durch die Stofflichkeit der Seele ein natürliches Bestreben. Der Ehrliche wird sich solcher Wünsche seltener bewußt; dann sind sie kein Vergehen gegen Gottes Geist. Wer hingegen aus den Wünschen sich errechnet, wieviel Gutes er zurückerhalten muß, wird außer seinem Lohnverlust noch Strafe zahlen müssen.
Laßt nicht die Köpfe hängen“, lächelt er. „Solange es ein Mensch nicht weiß und — eingestanden — auch nicht fühlt, hat er darin keine Schuld. Wer es jedoch ahnt, nur aus Trägheit seiner Seele und aus weltlicher Gewinnsucht es nicht eingesteht, dem bleibt die Rechnung nicht erspart (Joh. 9, 41).“
Zuriel wird wieder ernst. „Ein jeder ist, außer in des Schöpfers Element, allen Wesenheiten Gottes herrlich angeglichen; daher kann ein Kind zufolge dieser Angleichung so tun, wie Gott Selbst für uns das beste Beispiel gibt. In der Angleichung, wie es besagt, braucht ein Kindgeschöpf nicht so zu handeln, wie der Herr, was außerdem nicht möglich ist.
Allein, sie verlangt ein möglichst Bestes. Wenn Gott sagte: Ihr müßt das Gleiche tun, wie Ich euch tue, — was würde daraus werden? Kein Lichtkind und nie die Materiellen würden aus den Gaben Gottes Segen schöpfen; denn es steht keines auf des Schöpfers Stufe und wird nie dort stehen können!
Aus dieser gnadenvollen Angleichung, ein Herrlichstes von Gottes Herrlichkeiten, kann man dementsprechend lichthaft handeln, — sogar auf einer Welt. Das setzt voraus, das Gute nur des Guten wegen tun und nicht um einen Preis. Menschlich ist‘s nicht leicht. Freund Dalphon fragt, wie es da wäre, wenn ihm Gedanken kommen, die er gar nicht will. Allgemein gibt es das nicht; denn Gedanken, scheinbar ungewollt und jäh erstehend, sind ein Reflexivum des weltgebundenen Seelenteiles.
Fremdes oder eigenes Erleben bilden jene Meinung, etwas sei von Gott gesandt oder selbst heraufbeschworen worden. Bei der eigenen Erfahrung hängt man gern den Mantel der Beschönigung um; bei den andern sieht man allzuschnell die Schuld, ohne Wissen, ob es eine gab (Joh. 9, 2-3).
Würde man nach Einsicht dem Beschuldigten die böse Denkungsweise eingestehen, so wäre das ein Akt, der allmählich solcherlei Gedanken ausradiert. Man kann zudem — wo anders nicht gegeben — GOTT statt seinen Nächsten um Verzeihung bitten. Wer Ihn nicht dabei als Umweg wählt, der wird rasch erfahren, daß der Herr sein falsches Denken liebevoll bedeckt.
Auf dieser Basis lassen sich Gedanken prüfen und vor allem überwinden. Steigt ein ungewollter auf, so greift ins eigene Leben tief hinein, und es wird klar, von wo er ausgegangen ist. Sehr wichtig ist, Gedanken dieser Art mit ernstem Flehen anzuhalten. Wer dieses tut, dem hilft der Herr!“
Sallumin fragt, ob sie, die Engel, derlei auch bekämpfen müßten. „Nein, mein Freund, Seufze nicht, da hättet ihr es schwer und wir sehr leicht. Wir hatten Kämpfe, und mancher unter euch erlebte sie einst mit. Da ging es um die Treue, GOTT zu halten, oder ohne Ihn zu handeln. Erst mit dem Griff nach einer falschen Freiheit kam aus dem UR-Gut jenes Ungut, welches dann den vollen Fall ergab. Die Getreuen hielten an dem UR-Gut fest, was besagt: Sie ließen sich vom Schöpfer leiten und stellten Seinen hehren Willen über ihren Freiheitsdrang.“
Bichras wendet sich an Zuriel: „Wäre Gottes Lichtreich auf die Welt herabzuholen? Würden alle Menschenkinder friedlich und es gäbe keinen Haß, demnach auch kein Leid, müßte das den Schöpfer nicht erfreuen, könnte unsere Erde auch ein gutes Abbild Seines Reiches sein?“ Wer wünscht das nicht — ? Die Hügelleute ganz gewiß. Zuriel nickt ernst und fragt:
„Wer, lieber Bichras, könnte dieses tun? für das innerliche oder äußerliche Leben?“ „Eigentlich für beides“, erwidert Bichras. „Ah — herunterholen — ich mußte besser fragen, ob es sich heruntertragen läßt. Das könnte aber nur ein Himmlischer; denn das Herunterholen wäre Sache eines Menschen. Und da — verzeih, Debora“, lächelt er ihr zu, „möchte ich fast meinen, daß auch du trotz hoher Art dies nicht vermagst.“
„Nein“, sagt sie freundlich, „nicht wie du es meinst. Frage unsre Lehrer, ob sie es könnten.“ „Ohne Zweifel!“ „Natürlich!“ „Bringt‘s nur schnell herbei!“ schwirrt es durcheinander. Muriel dämpft die Enthusiasten: „Euer Glaube ist zu rühmen, eure Zunge weniger. Ein Himmlischer, sprach Bichras richtig. Und das wäre?“ „Gott!“ ruft Su-el-Kambynos und reibt sich wieder mal die Hände. Den kleinen Stolz, es zuerst gesagt zu haben, übergeht der Ritterliche lieb. ‚Die Israelen ebenfalls, weil ein alter Feind und Heide ihnen Freund und glaubenstreuer Helfer ward.
„Ja, der Heilige! Die Frage: ob Er es erst bringen muß.“ Das besinnen auch Matthanja und Debora. Wie beweist sich denn ein Ja, — man möchte es wohl allzu gerne sagen —‚ wenn man das Taumelwesen aller Weltlinge bedenkt. Und ein Nein — ? Das gibt es nicht. Endlich sagt die Richterin:
„Keine Frage war so schwer wie diese. Wenn man ernst erwägt, daß man beim Sterben alle Dinge dieser Welt zurückzulassen hat, dann brauchte Gott Sein REICH nicht erst herabzubringen, und in gewisser Hinsicht brächte Er es nicht (Joh. 18, 36). Ja, die hohe Wirklichkeit des Reichs erlebt man besser dort, wo der Schöpfer es gegründet hat: außerhalb und vor Erschaffung der Materie! Denn die vergeht;
Das Reich besteht!
Jedes Edelgut, in der Materie investiert, gehört dem Gottesreich auf ewig an. Was bloß zum Heile für die Hingefallenen erstand, hat ausgedient, sobald der Fall bereinigt ist. Also braucht Gott nicht das Reich in dessen Substantialität herabzubringen, weil es seinen festen Ort bereits besitzt.
Anders bei des Reiches Wesensart. Da gibt es nebst dem Ja, das die Menschen selig macht, die Gegenwärtigkeit des Herrn. ER, Träger der UR-Ewigkeit, ist ewig Superiorität! Ob wir sie anerkennen oder aus der Leugnung nicht verspüren, hebt Seine heilige Allgegenwart nicht auf. Sie offenbart sich weniger in Gottes Sichtbarkeit; dafür steht — für die Welt am wichtigsten — die Lehre und die daraus sich folgernde Erlösung auf dem Plan.
Wer Gottes Lehre anerkennt, dem ist Er jederzeit allgegenwärtig, wenngleich nicht stets gespürt. Denn das Spüren fällt dem Menschen schwer, gemeint sind absolut die Gläubigen, weil die Gotteslosen sowieso nicht können; es sei denn, wann des Lichtes Eingriff nötig wird (Ap.G. 9, 3).
Zurückgeschaut, hat sich Gott von alters her grundsätzlich durch die Lehre offenbart, aber auch in Seiner heiligen Gestalt. Wo Sein Wort, Sein Wesen wirkt, ist des Reiches Herrlichkeit, soweit dies aufzunehmen einer Menschheit möglich ist. Der Herr schuf eine feste Leiter, die ein jedes Kind nach seinem Weltenleben wieder aufwärts steigen kann, die Verlorenen ebenso, sobald sie sich zum Schöpfer umgewendet haben.“
„Das war eine Predigt aus dem Reich!“ Zuriel umarmt Debora. „Und zeitlich ist jetzt nichts hinzuzusetzen.“ Nur Fürst Jizri sagt noch innig: „Nächst unserm Hohen Herrn und euch lieben Lehrern bin ich froh, daß wir unsre Palme haben. Was auch hätten wir davon, brächte Gott Sein Reich zur Welt, der Mensch jedoch nach kurzer Zeit von hinnen muß?
Für Gott ist‘s kein Problem, die Materie zu vergeistigen und dem Lichtreich einzugliedern. Ist das richtig, Bruder Zuriel?“ Jizri zögerte ein bißchen bei dem ‚Bruder‘, Des Engels Augenstrahl zeigt an, daß jener damit gleichfalls eine Himmelsleiter schuf, — für sich und für die Heiden.
Zuriel lehrt noch: „Ihr habt von eurer Erde wenig Ahnung. Später wird man über sie viel Wissen sammeln. Ein gut Teil, was die äußere Substanz betrifft, wird richtig sein. Gottes Güte macht daraus den ‚Vorhof‘ zu der höheren Erkenntnis, die aus der Gebundenheit des materiellen Wissens in des Lichtes Weisheit führt. Diese gibt die geistige Erkenntnis, jene Umschulung, mit der erst hinterher die planetare Welt im Ganzen und ihre obzwar bloß kleine Herrlichkeit verstanden werden kann.
Eure Welt speziell ist Trägerin urheiliger Symbole. Das freilich nicht, weil ihre Menschheit vor den andern Universumskindern einen Vorrang hätte, wie noch weit weniger der Planet ihn hat. Nein — das, wie die Menschen später glauben werden, ist eine Überheblichkeit, der Stein, über den die Seele fällt. Solche Steine rollt der Mensch sich selber in den Weg.
Aus Gottes wunderbarem Walten wohnen Seine Kinder überall — im Licht, auf eurer Welt und anderwärts. Und die bösen, einst von Ihm gewichen, hat die Erbarmung nicht verstoßen, nur für ihre Zeit aus Seinem Reich verbannt. Denn Erbarmung ist und bleibt die Brücke, auf der ein jeder wieder heimwärts pilgern kann. Doch ein Weiteres von eurer Welt.
Euere Schriften, von den Alten sorgsam hergestellt, weisen einen Unterschied zwischen Welt und Erde auf. Aber von der herrlich hohen Weisheit, wie Gott den Himmel und die Erde schuf, blieb bloß das Wissen übrig: die Sterne über euch als Himmel, der Planet als euere Erdenwelt.
Wer tiefer denkt, ersieht im ‚Also ward vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer‘ (1. Mo. 2, 1), daß ERDE nie die planetare Welt bedeutet, weil es zu jener Zeit dem Sinne nach noch keine ganzen Völkerscharen (Heere) gab. ‚Ward vollendet‘ gälte gleichfalls nicht dem Fertigwerden des Planeten, weil die Materie kein wirkliches Vollendetsein besitzen wird.
Ja: ‚Merkt auf, ihr Himmel, und du Erde höre an die Rede meines Mundes‘, stammt aus Mose‘s letztem Lied (5. Mo. 32, 1). Merkt auf, ihr Himmlischen, ist gemeint, und mit ‚Erde‘ die Lebendigen. Sollte etwa der Planet (Erde), sollten denn die Sterne (Himmel) hören? Die Kinder dieser Welt merkten auf des Knechtes Stimme nicht; und Israel nahm nur die Worte wahr. Weit weniger ward auf die ‚Stimme Gottes‘ acht gegeben. Darum redet Mose jene Kindgeschöpfe an, die außerhalb der Weltmaterie leben.
Gott spricht Seine Worte nie vergeblich aus! Alle werden Seine Stimme hören, denen sie erklingt. Das läßt zu, daß Mose unter Erde nicht die Welt und ihre materiellen Kinder meint. Doch sie sind mit eingeschlossen, wie die armen Hingestürzten in den Vatermantel der Barmherzigkeit.
Abermals ein Unterschied: Abraham“, wieder geht ein sonderbares Leuchten über Muriels Gesicht, den Menschen unbekannt „fordert die Gerechtigkeit vom Herrn vor dem Untergang von Sodom und Gomorra. ‚ . . . der Du aller Welt Richter bist!‘ (1. Mo. 18, 25), Weshalb sagte Abraham nicht Erde, da Gott Selbst der Welt den Namen gab? Weshalb hier, wo es nur um die Verdorbenen geht: ‚aller Welt Richter‘? Der Untergang der Städte galt weder einer ganzen Welt, erst recht nicht der Materie.
Noch eines: Josua sah nicht nur zwei Städte, er sah den Untergang des völkischen Gefüges, der kurzen Planetarzeit unterstellt. Das Geistige, die Wirklichkeit als ERDE angesagt, ist stets dem Himmel anvermählt. Himmel und Erde, sagt der Herr, wenn es den zeitewigen Bestand betrifft; und da gibt‘s keinen Untergang. — Nun zu Josua‘s Wort (Jos. 23, 13-14):
‚Seht, ich gehe heute dahin wie alle Welt!‘ Vorher die Drohung: ‚Der Herr, euer Gott, wird nicht mehr alle diese Völker vor euch vertreiben.‘ Zum ‚Strich und Netz, zur Geißel und zum Stachel‘ macht Er sie. Ein vierfaches Wehe!. . . bis daß Er euch umbringe hinweg von diesem guten Land!‘
Nicht deutlicher ist der Gegensatz herauszustellen. Völkisch ist der Untergang besiegelt, weil jeder Ruf nach kurzer Zeit mißachtet ward, schon fünfhundert Jahre lang (ab Abraham). Noch dreimal wird der Herr die gleiche Zeit dem Weltvolk schenken; und auch Seine Gnade mißt er vierfach aus! Doch sollte es zu keiner Umkehr kommen, werden diese Worte wahr. Zum Beweis dafür sagte Josua von sich, daß er auch ‚wie alle Welt‘ von hinnen ginge, womit er aber nur das Körperliche meint.
Wer die Gesetze hält, besitzt das gute Land: das Erd-Reich! Dann erlebt ihr schon auf euerer Welt des Reiches Wirklichkeit. Sogar darin zeigt sich das Symbol: Ein gutes Land trägt gute Frucht; die steinigen, hart getretenen, die dornbesäten Äcker zeitigen keine Frucht (Matt. 13, 4-8).
Ein anderes Bild, was unter Erde zu Verstehen ist. Die Struktur der Welten, gleichnishaft die Universumskörper, dienen uns. Das für geschöpfliche Begriffe als ‚ad infinitum‘ ausgedehnte Empyreum prägt seine hehre Wesensart in der Gesamtmaterie zu einem unerhörten Segen aus. Deshalb nicht: Was ihr hier sehet, wäre auch im Reich; es ist umgekehrt der Fall.
Im Schöpfer herrscht das Feuer erstgestaltlich, erstgestaltend als Sein Element. Dem verwandt, nicht erst hervorgegangen, nur als Zweites an das Werk, den Kindern offenbart, wirkt das Wasser als das Priester-Element (Beisp. die Taufe). Materiell verzehren sich die beiden Elemente, wenn sie aufeinanderstoßen; lichthaft aber bringen sie das dritte oder Gottes Element: die Erde, Symbol auch Seiner Sichtbarkeit.
Aber diese Offenbarungsart der Gottheit, wie ferner die daraus entstandene Fraternität zwischen Gott und Kind, war urbestandlich da. Nur materiell zeitigte ein Kampf zwischen Feuer und Wasser das planetarische Gebilde. Aus diesen Elementen schuf Gott aber ebenso die Lichtraumkörper, allerdings pur nach dem Raum-Zeit-Gesetz des Lichts. Vergleichsweise lassen sich die Elemente für das Licht und die Materie wie einheitlich betrachten.
Das vierte Element, Luft oder planetarische Atmosphäre, ist wie die drei ersten urmäßiger Bestand. Zum besseren Verständnis: Die vier Elemente wurden gleichzeitig und gleichmäßig zur Erschaffung aller Werke angewendet. Hingegen wirkte jedes in seiner Oberhoheit suzerän nach seiner Art.
Die Luft, lichthaft ATMA, tritt in der Offenbarung als das Vierte auf, aber stets von Anfang an mit tätig. Gegensätzlich zu den erst genannten Elementen, die in Vermählung eine Form gestalten, umgibt das vierte jede Form, stellt sich ihnen aber auch bereit. Ihr atmet es ja ein, während euch das Feuer und das Wasser dienen, die Erde euer Lebensträger ist.
Im Reiche wohnen wir auf Lichtraumkörpern, dienen auch das Feuer und das Wasser[VH19], umgibt uns stets das hehre ATMA, das allen Werken eine Hülle ist. Nichts ist Gott teurer als das Leben Seiner Kinder; darum hegt Er sie mit diesem Element, dem ATMA ein, behütet und beschützt sie durch die ihm anhaftende Barmherzigkeit. Das ist die Vater-Eigenschaft. —
Jetzt genug! Heute ist der Samen ausgesät, morgen kann er Wurzeln schlagen, späterhin aus eurem Erd-Reich wachsen, euch zur Freude, anderen zur Frucht. — Tummele dich, mein Su-el-Kambynos, deine Leute warten schon auf dich. Du gehst nicht allein, wenn du auch keinen Himmelslehrer bei dir siehst.“
„Heute weiß ich es“, sagt jener tief bewegt, winkt allen zu, küßt den Ärmelsaum der Engel und — geht hinaus. Draußen ist es dunkel, da mögen seine Tränen tropfen. Dalphon und die Midianiter tun es ihrem Fürsten nach. Als sie fortgeritten sind, dankt die Richterin. Ihre Anbetung gilt Gott:
„Herr, unser Herrscher, herrlich ist Dein Name, den man in Deinem Himmel lobt! Aus uns Unmündigen der Welt hast Du Dir Lob und Ehre zubereitet. Deine Kraft wird helfen, die Feinde zu vertreiben. Deine Werke, die wir sehen: Sonne, Mond und Sterne als das Firmament, und die unsichtbaren allzumal, — DU hast sie gemacht und hast uns, Deine Kinder, über sie gesetzt. Sogar den Menschen hast Du die Materie unterstellt. Nimm Dich bitte unser an, für und für. Du tust Tore auf, die wir nicht sehen; öffnest Türen, die uns noch verschlossen sind. Herr, Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen Deines Himmels!“ Matthanja wiederholt singend das letzte Lob; er hat eine schöne Stimme. ( Ps.8 )
Lange ist es still; und Gottes ATMA segnet. Muriel kündet für den zweiten Morgen jemand an. „Freut euch nicht zu früh“, warnt er. Der Gibeer, Jephan, fragt nach dem Namen. „Unbesorgt, euch entsteht kein Fehl.“ Da bekennt Gibbar: „Wir sind von Gottes Güte eingeschlossen wie von einer turmbewehrten Burg (Ps. 18, 3). Nennt der Himmel keinen Namen, so ist eine Frage überflüssig.“
„Ich habe eine Frage“, sagt Sallumin. „Erlaubt“, lächelt Muriel. Jener räuspert sich: „Es ist — Bruder Muriel — ich merkte stets, du bist bewegt, wird der Name ‚Abraham‘ genannt. Ist es unbescheiden, dich zu fragen, ob du unsers Volkes Vater näher kennst?“
Die Engel grüßen mit des Lichtes Segenswort. An der Türe wendet Muriel sich um. Für Augenblicke sieht er ganz verändert aus. Er winkt ihnen zu: „Ich war Abraham.“ Benommen, stumm jubelnd, mit hohem Herzens sehen sich die Hügelleute an. Wortlos suchen sie ihr Lager auf. Gesegnet ist der kurze Schlaf, gesegnet das Erwachen.
NEUOFFENBARUNG