Kapitel 15
Es ist am übernächsten Morgen. Bezai macht sich an die Richterin heran. „Weißt du“, sagt er traurig, „als die Ritter kamen, wollte ich das Weite suchen. Ein Glück, Matthanja hielt mich fest. Nur — du sagtest, ich solle wegen eines Amtes auf den Abend warten. Mir ist nun so, ich wäre nicht für wert befunden worden, an dem ‚Krieg des Lichtes‘, wie ich das Treffen nenne, teilzunehmen. Allerdings, betrachte ich mein früheres . . .“
„Versunken!“ winkt sie ab. „Merktest du es nicht, welches Amt in Frage käme?“ „Das von Arthasus?“ „Ihr seid beide Priester; nahe liegt, daß ihr zusammenwirkt,“ „O, Richterin von Israel!“ Gleich greifen beide Männer neue Pläne auf. Debora lächelt leise vor sich hin. ‚Gottes Finger lösen, was verknöchert ist; sie binden, wo der Faden reißen will.‘
Der milde Morgen lockt hinaus. Am Hangrand ist ein großes Stück zur Rast planiert. Da beschattet Barak seine Falkenaugen. „Muriels Mann“, deutet er ins Tal. Manche sehen ihn noch nicht. Barak äugt gespannt. „Ein Wanderer“, berichtet er, „ärmlich angezogen, und er wankt ein wenig.“ „Er wird müde sein.“ Debora weist gleich an, den Kommenden zu laben.
Barak murmelt: „Der sieht mir sehr verdächtig aus. Es wird doch nicht . . .“ „ . . . Delajah sein?“ Auch Jizri kann gut sehen. „Gang und Gestalt, — unzweifelhaft, er ist‘s!“ Der Debora am feindlichsten Gesinnte kommt so bald, nachdem sie ihm den Weg zum Hügel bot — ? „Freut euch nicht zu früh“, wiederholt sie Muriels Warnung. „Kommt ins Haus; es ist besser, Charkros meldet ihn, als daß er plötzlich vor uns steht.“
Ungehindert tritt Delajah ein. Irgendwoher hört er lautes Sprechen. Ah, keiner ahnt, wer kommt. Der kleinliche Triumph geht in seines Herzens Wirrnis unter. Er spürt‘s wie einen Schlag, daß von der Bastion die Strahlen durch die Lande laufen, viele Fäden hierher finden und wie — —
Ein Midianiter scheint des Hauses ‚Geist‘ zu sein oder — Ha, der Spion wird nicht erkannt! Midian, der Grenzfeind Israels, seitdem man Kanaan erobert hat. Wäre er bloß nicht hierher gekommen. O, am besten ist — — Schon wieder umgewendet, berührt ihn eine leichte Hand Die Richterin.
Sie stehen Aug‘ in Auge: Debora sanfte Helferin, Delajah kalter Fordernder. Sie gibt Brot und Wein und schüttelt dabei seine Kälte ab, nicht aber er die sanfte Freundlichkeit der Frau. Um so härter panzert er sein Herz, um so weicher macht sie ihr Gemüt. Licht und Finsternis prallen aufeinander. Allein das weiche Wasser nagt den harten Felsen durch.
„Tritt ein, Hoherpriester“, redet sie ihn höflich an. „Heute sind nur Israelen da.“ „Nur — ?“ dehnt er böse. „Und sonst?“ Sie übergeht die Frage. Er schnauft: „Die Fremden dürfen wissen, was des Volkes Obersten verborgen wird?“ „Nein“, bewahrt sie Ruhe, „du weißt, wer zur Zeit des Volkes Erster ist.“ „Niemals erkenne ich dich an; ich komme wegen Israel.“ Es sollen Schläge sein, doch Delajah trifft daneben — trifft sich selbst.
„Die Ritter kündigten dich an.“ Er wird erdfahl. „Die — ?“ „Dein Sinn schlägt nicht mehr aus. Des Volkes Wahl war GOTTES Wahl! Du dienst Gott nicht; kann dich wundern, wenn Er Seine Rechte von dir zog? Und wie leicht wäre dir zu helfen.“ „Durch dich nie!“ erbost er sich. „Dann mußt du deine arme Gasse gehen, und eine arme Grube ist dein Ziel!
Meine Hilfe wäre — Gottes Hilfe“, zwei leise Worte. „Ich bin nicht vermessen noch allein erwählt. Dir ging solches durch den Sinn, mir nicht durchs Herz. Mir wäre lieb, ich könnte dich als Hohenpriester wieder wählen lassen, und . . .“ „Niemals!“ preßt er das Wort durch seine Zähne. „Ich habe andere Wege, um zum Ziel zu kommen, — ohne dich — das merke dir!“
In feierlicher Strenge erwidert sie: „Dein Ziel ist dir gesetzt! Und wenn du an die arme Grube kommst, dann liegen vor mir dreißig Arbeitsjahre, und sind dann schon zehn gute Jahre hingegangen, im Frieden, Jude, in Ruhe für das ganze Land! (5, 31). Du aber wirst neun Jahre unstet sein, ein letztes wird dir eine karge Hütte lassen. Zehn Gebote hast du übertreten; die Barmherzigkeit wird dir den Zehnten schenken! —
Nun komme mit“, mahnt sie wieder freundlich und öffnet ihm die Tür, während sich Delajah sammeln muß. Sagte sie in Silo nicht, sie sei der dritte Ritter? Ihre Worte klangen ähnlich wie des einen, der den Flamberg trug. Haha, Hexerei! Man will ihn, einen Meister aus dem Stamme Juda, bluffen. Brüsk zieht er seinen Arm zurück, und die ‚gelegten Falten’ des Gesichtes sollen zeigen, daß er als des Volkes Erster kommt.
Im Innern wie bedroht, muß er konstatieren, daß ‚man‘ ihn nicht so, wie er hoffte, froh begrüßt. Er ist eben da. Das nimmt den Wind vom Segel weg. Zu geschult — er ließ sich nur zu gerne Meister nennen — (Matt. 23, 10), übergeht er ihren lauen Gruß, setzt sich auf den ihm angebotenen Stuhl und sagt:
„Ich komme, euch zu warnen. Gestern kam die Kunde, Sisera hätte neunmalhundert Wagen, ohne seine Reiter und die Lanzenknechte. Dazu Jabins auserlesene Schar. Ich bin bereit, dem König einen Frieden anzubieten, ehe es zu einem Kriege kommt. Man hatte mir die Hälfte Streitmacht angesagt. Gegen diese traute ich mir wohl den Krieg zu führen, der Freiheit, Wohlstand, Frieden brächte, auf lange Sicht hinaus. Aber so — ? Nein, zwecklos, einem solchen Gegner Widerpart zu setzen.“
Delajah wischt sich seine Stirn. Das Arme-Leute-Kleid beengt ihn sehr. ‚Dein Gewissen ist‘s‘, haucht es ihm zu. Aber heute wäre es verfehlt, würde der Prophet den Hauch erklären (Matth. 13, 13), fragt jedoch, warum er so verkleidet kam. „Zu eurem Schutz“, redet sich Delajah aus. „Man wäre mir in hellen Haufen nachgeeilt, wäre ich in meinem Prunkgewand gekommen.“
„Das konntest du zu Hause lassen“, höhnt Bichras trocken. „Der Bettler sieht so aus, als wolle er . . . “ „ . . . um Gnade betteln?“ tobt Delajah. Jizri warnt: „Auf diesem Hügel hast du nichts zu melden! Dein Kommen ist Betrug, wenn auch die Zahl der Feinde stimmt. Denkst du, wir würden voller Angst dir samt und sonders alles wieder in die Hände legen? Wir kennen längst des Feindes Stärke; aber wir — erschrecke nun — haben halbmal mehr als Jabin hat.“ „Lügen!“ Delajah brennt schier durch. „Unsere Männer sind nicht kriegsgeübt, und altbewährte sind nicht gar zu viele da. Die Wagen sind veraltet, die Schwerter schon seit zwanzig Jahren eingerostet. Und da willst du sagen, ihr hättet um die Hälfte mehr?“ Gellendes Gelächter hallt an des Saales Wänden wider.
Schnellen Schrittes steht Debora neben ihm. Und wieder ist‘s ein Ritterwort: „Eine Lüge hörte ich — — von dir! Gott braucht keine Feuersäule und wir keine Wolke, um zu wissen, daß der Hohe Herr uns führt! Du bist ganz Gotteslos, Oberster der Priester! Deine Lehren waren Lüge, deine Predigt war Betrug; deine Lippen sprachen, doch dein Herz war leergefegt!
Hier hätte ich geschwiegen, du solltest deinen Groll nicht über meine Schwelle tragen. Hast du anderes zu sagen, dann sprich dich aus; andernfalls gebe ich dir gern Bewachung mit. Allein zu gehen ist zu ungewiß. Die Verkleidung steht dir schlecht; man sieht von weitem, wer du bist.“
Delajah brüllt: „Ich brauche eure Hilfe nicht! Unterwegs fängt man mich ab; soll ja nicht verraten, was bei euch im Gange ist!“ „Verrannt“, sagt Salthiel. „Wir kämpfen; und die Jesreeler Ebene ist jedermann bekannt. Zudem wäre es sogar sehr gut, würden Jabin und Sisera unsere Zahlen kennen. Das bräche ihre Siegesbrunst entzwei, nicht wahr? Von mir aus kannst du uns verraten, nur greife dabei nicht ins Wespennest.“
Viel gehört dazu, die Pille zu verschlucken. Delajah tut‘s mit grober Kraft. „Ich verrate niemand, das wisset ihr; mir geht es nur um unser Israel. Jetzt ziehe ich die Hand zurück, seht zu, wohin die Karre rollt! Eine Prophetie, mir dunkel vorgesetzt“, ein böses Auge grollt zur Richterin hinüber, „erschreckt mich nicht.“ Er wirft knapp den Kopf zurück. „Deshalb gehe ich nicht unter; auch braucht es da für keinen Strick noch irgendwelche Grube, um mein Leben zu beenden.“
„Nein!“ sagt Debora. „Den Körper brauchst du nicht zu töten, der ist verweslich und kommt sowieso nicht wieder (1. Kor, 15, 42; 44; 50). Aber deine Seele hast du hingemordet, weil du GOTT in dir gemordet hast! Deine Seele wird aus ihres Körpers Hülle schlüpfen und kann nie in sie zurück.
Der tote Körper macht die Seele frei, aber — nicht gesund! Lange wirst du brauchen, bis du alle Übel abgegolten hast, auf der Welt getan. Dann, Judäer, stehst du vor dem Herrn. Und wie Adam geht es dir. Der bedeckte und verbarg sich hinter einem Baum. Gott aber rief — einmal — ! und Adam mußte kommen. Genauso du, wenn Gottes Langmut für dich abgelaufen ist.“
„Ich denke“, Delajah krampft die Hände in das Armenkleid, „mir bliebe ein Dezennium? Du widersprichst dir ja!“ „So? Dir sind zwei Wege frei. Den ich in der Halle zeigte, ging nach rechts, den Berg hinan; der zweite, jetzt enthüllt, kann dir deinen Zehnt der Gnade nehmen. Dann mußt du alle Schuld samt Zins und Zinseszins bezahlen! Die Grundschuld ist die Sache Gottes, die Zinsen das, was du andern Menschen Böses tust.“
Delajah ringt mit sich. Seine blanke Angst, die Prophetie könne jede Stütze nehmen, läßt ihn fragen: „Du wünschst es mir?“ „Gottes Zorn gibt dir die Antwort“, sagt sie schwer betont. Keine Drohung oder Pein verbindet sie mit diesem Wort. Mühsam rafft Delajah sich zusammen. „Gott kennt keinen Zorn; was Er tut, tut Er aus Seinem Willen.“
„Das sagst du?“ fragt Matthanja. „Du glaubst weder an den Zorn noch an den Willen, weil du Gott verloren hast! Überdies kann auch ein Asmodi die Wahrheit reden, zwar ungewollt und nicht des Guten wegen. Ja — GOTT kennt keinen solchen Zorn, wie du ihn allzu häufig hast. Dein Zorn zerstört; der Zorn Gottes heilt. Er rechnet ab, was freilich meistens wehe tut.
Prüfe nun, was Gott dir heute wies; nur prüfe nicht zu lang, weil sonst . . .“ Mit fahriger Bewegung unterbricht Delajah des Propheten Satz. Unheimlich ist er ihm. Doch sich beugen — ? Er hat sich immer festgehämmert, wohl mit im Sturm der Zeit, nicht bloß aus eitler Großmannssucht. Daß ihm eine Umkehr möglich wäre, eben jetzt, unter treuen Menschen, die gern ihm helfen und bis übers Grab hinaus auch schweigen würden, — — nein, geknechtet käme er sich vor, zertreten wie ein Wurm.
Er gibt sich einen schlimmen Ruck. Wieviel Kraft dabei der Leib verliert, die Seele opfern muß, — er wird es merken auf dem weiten Weg, mit dem er alle Brücken hinter sich zerbricht. Aufrecht geht er auf die Pforte zu, grußlos aus dem Haus. Nicht einen Blick wirft er zurück, — zu nichts — —
Würde man nicht wissen, daß das Schicksal sprach, man könnte es Entsetzen nennen, das die Freunde überfällt. Doch es ist Trauer um den armen Bruder. „Was wird aus ihm?“ fragt Kis-Abda. „Man kann ihn nicht so gehen lassen. Mir wollte er ans Leben, was ich schwer verwinden konnte. Heute ist es ausgewischt. Sag‘, Debora, soll ich ihm nach?“
Sie steht am Freiblick, der den Abstieg überschauen läßt. Schon ist Delajah auf dem Pfad enteilt. „Es hilft ihm nichts“, sagt sie bekümmert, „er treibt jetzt wie ein Ast dem Toten Meere zu. Vom Jordanwasser nimmt er nichts mehr wahr. Gott setzte ihm die letzte Frist, aber — “, die Augen leuchten, „nicht die letzte Gnade. Die karge Fremde wird ihm eine Rettung sein. Bis zur Grenze muß ich ihn beschützen lassen.“
„Bis zur Grenze?“ Nekkoda ist hell verwundert. „Er gibt sein Amt nicht ab“, meint Elam, „wir tun gut, das Heutige zu begraben.“ „Sein Weg führt fremd“, widerspricht Debora. „Wie?“ forscht Sallumin. Sie sagt nach kurzem Zögern: „Elams Rat ist zu befolgen. Vermauern wir die Lippen, die darüber reden wollen. Die Lehre aber, die auch uns geworden ist, wollen wir zeitlebens nicht vergessen. Wartet einen Augenblick“.
Sie befiehlt zwei Dienern, Delajah bis nach Gilgal zu bewachen, dort ein paar Männer anzuwerben, die ihm bis nach Rabbath Ammon Sicherheit und Hilfe leisten sollen. Diese sollen dann zur Truppe kommen. Jetzt erst fühlt sie sich erleichtert; sie hat dem Vater einen Sohn bewahrt.
Den Freunden offenbart sie ihre Schau: „In Rabbath Ammon gerät Delajah in Gefangenschaft.“ „O weh“, ruft Sathur aus, „da wird er sterben!“ „Keineswegs; er kommt zu Leuten, die weder Krieg noch Spionage führen. Es ist ein Suchtrupp ihres Landes, der die Welt erforschen sollte. Doch sie kehren wieder um. Gut hellsehend, haben sie die Dunkelheit erkannt, die über Kanaan und rundum lagert. In Delajah sehen sie das Dunkle, aber auch die Seelenwüste. Deshalb nehmen sie ihn mit.
Ihr Land liegt weit entfernt [VH20] und wird von hellen Kräften abgeschirmt. Da lernt er Arbeit und Gehorsam. Sie sind ein feiner Menschenschlag. Der Priester-Älteste oder Obere gilt als Vater, eine Priesterin als Mutter, die Bürger als die Kinder, wie es einst bei Abraham und Sara war.
Neun Jahre braucht er zur Verwindung und möchte dann noch lange leben. Nur ein knappes Jahr wird ihm geschenkt. Er muß beweisen, ob er sich GOTT oder nur dem Schicksal beugt. Wir aber, Freunde“, sie zeigt rundum, „wollen — an ihn denkend — ihm im Bittdienst eine gute Jenseitsgasse bauen.“
Jizri fragt: „Was tuen wir, wenn man sein Verschwinden merkt? Es wird heißen, daß man . . .“ Matthanja beruhigt ihn: „Es gibt immer Schwätzer; allein der Hohe Rat posaunt, daß er rasch gestorben sei, und wollen ihm ein Grabmal setzen. Des Volkes und des Krieges wegen wäre dieser Lüge nicht zu steuern, auch würde niemand glauben, daß er außer Landes ging, bitterarm, wie auf der Flucht. Warten wir es ab. Aber sicher wäre gut, Debora, Silo aufzusuchen, um das Ärgste zu verhüten.“
„Es wird sich geben“, sagt sie überlegend. — „Die Sanduhr rinnt. Bichras, du brichst morgen auf. Charkros geht bis Ophra mit. Dort warten treue Jebusiter. Sie sind dein Schutzgeleit und unterstehen dir. In Kedes richtest du die Nordblockade auf, etwa tausend Männer sind dazu bereit.
Ungut ist, wenn man wie wilde Tiere schleicht. Hier kommt‘s uns zustatten. Auch sind die Jebusiter noch vom Patriarchen her, den sie sehr verehren, gläubig. Bleibe stets ihr Herr, aber höre sie auch an. Als Riegel sind sie bestens zu gebrauchen.“ Bichras dankt von Herzen und fügt bei:
„Mir fehlt das Wort zum Ruhm, der dir gebührt.“ „Ja“, Elam hält Deboras Abwehr an, „deine edle Überlegenheit schlug Delajah aus dem Feld. Er nahm an, ihm ginge seine Männerwürde ab, zolle er die Achtung einer Frau. Meine Würde ist durch dich gestiegen, vor vielen aus dem Volk und vor mir selbst. Das macht eben, weil du regieren kannst, ohne zu befehlen. Vielleicht rinnen hunderte von Jahren durch das All, bevor wieder eine Frau vom Himmel kommt, so wie du begnadet — wie du auserwählt.“
Debora glättet ihre Stirn. „Auf dieser Welt steht eine Frau sehr lang zurück[VH21]. Man legt das geistige Warum, wenn schon erkannt, falsch aus. Gott will nicht, die Frauen minderwertig anzusehen. Da hätte Er kein Weib erschaffen und obendrein dem Adam als Gehilfin beigesellen dürfen (1. Mo. 2, 20).
Die Engel lehrten uns, daß die Dinge der Materie nur ein kleiner Spiegel dessen sind, was im Reich gebildet ward. Vom Anfang der Geschöpfe an gab es zwei Gestalten: Cherubim und Seraphim. In der Sprache unsrer Welt: Mann und Frau. Es beweist die Gleichheit als Geschöpfe. Stellte sie der Schöpfer unterschiedlich her, so sicher nicht, um einen Teil hervorzuheben, den anderen zurückzusetzen. Es wird noch kund, warum die Frau auf dieser Welt für eine Zeit (Z. 17) dem Manne nachgegliedert ist. Warum konnte ich die Himmelsgabe auf die Erde bringen?
Gebar ein Mann oder eine Frau den Mose? Sie gab von ihrem Geist und Blut dem Knaben mit. Was der Mann dazu gegeben hat, das wird vom Mutterschoß hervorgebracht. Viele, nicht allein in Israel, sind die starken Wurzeln, ohne die kein Stamm besteht. In der Mutter wächst nicht nur des Kindes Form, allgemein geglaubt. O nein! Eine gute Mutter gibt dem zarten Geist, der kleinen Seele ihre Lehre mit, wenn das Kindlein in ihr wächst.
Es ist irrig, ein Mann sei einem Weibe völlig überlegen. Wohl — unterdrückt er seine Frau; und kommt sie nie zu ihrem Lebensrecht, dann verfällt die Denkkraft und das Können. Ihre Stumpfheit prägt sich in den Kindern aus. Anzunehmen, die Frauen hätten keinen Geist, ist eine Ausgeburt der Hölle, die des Menschen Geist beseitigen will. GOTT hat aber Mann und Weib gemacht, Sein Geist ist die Lichtkraft beider Arten.“
„Das ist mir neu“, gesteht Jephan ein. „Ich habe zwar mein Weib geachtet; aber sonst — na ja — sie gehörte halt zum Haus. Das soll jetzt anders werden. Ich merkte, daß du nicht als Frau gesprochen hast, nicht des Geschlechtes wegen, — o nein, tiefe Wahrheit ist uns kundgetan.“
Man spricht sich aus. Natürlich gibt‘s ein Hin und Her; die alte Ansicht ist sehr eingewurzelt. Doch das behält den Sieg: Der Eine Gott schuf aus Seinem Einen Geist ein Kindervolk! Kis-Abda sagt zuletzt: „Das Alte war mir stets zuwider, Frau und Töchter standen mir — vom Schöpfer anvertraut — stets nahe. Ich besprach das meiste mit der Frau, und meine Töchter lehrte ich in vielem selbst, um sie lebensklug zu machen.“
„Was dir auch gelungen ist“, lacht Sallumin, der die Häuslichkeit Kis-Abdas kennt. „Bis auf meine wilde Hummel“, lacht Letzterer mit. „Aber merken kann sie gut.“ Die Freunde haben sich schon umgestellt und mit dem ‚Zopf‘ — soweit im Volksempfinden möglich — aufgeräumt. Debora kommt auf das Naheliegende zurück. Arthasus und Bezai gibt sie einen Wink:
„Ihr wollt schon jetzt die Armen, Witwen und die Waisen sammeln und betreuen, wollt sie registrieren, um zu wissen, wo sie sind, was sie bedürfen, damit keins von ihnen Not zu leiden braucht. Ganz gut bedacht, wenn auch die Praxis manche Änderung verlangt. Und da ist etwas anzumerken.
Ihr bedachtet nur die Unseren. Nun überlegt, wie dem zu steuern sei: Auf des Feindes Seite werden Witwen weinen, Waisen schutzlos sein, Arm und Alt verhungern. Würde Jabin siegen, — viele Tausende kämen um. Hier wie dort! Ist ein kanaanäisch Weib verantwortlich zu machen? Warum nimmt man ihr den Mann, den Sohn, und sie bleibt auf einer Gasse liegen?! Helfen wir nur uns, dann helfen wir nicht viel. Gott bewertet es als selbstverständlich, aber nicht als wahre Nächstentat (Matth. 5, 44-47).
Die Unseren könnte Arthasus, die Feindlichen Bezai betreuen, und jeder Arme wüßte, wo er hinzugehen hätte. Denke nicht, Bezai, dein Teil sei minder. Leider wird es lange währen, bis Israel den Willen der Versöhnung anerkennt. Man wird heimlich Männer, Frauen, Kinder niederschlagen und berauben wollen. Du mußt mit deinem Helferstab in alle Winkel kriechen und das Gebot in jedem Haus erlassen: Kein Feind darf beraubt, getötet werden. Gefangene Krieger sind Baraks Lager zuzuweisen.
Man wird dich schmähen, du würdest für das nächste Mal die Feinde stärken, und die alte Spindel schnurrt: Gott will, daß wir die Heiden töten! Meuterer wirf ins Gefängnis oder weise sie an mich. Da wird mancher lieber eine Woche büßen gehen als eine einzige Stunde her zu mir. Des sei gewiß.“
„Wie du das nur aus den Ärmeln schüttelst!“ sagt Bezai naiv. Das Gelächter tut nicht weh. Debora aber sagt ernst-freundlich: „Aus den Ärmeln kommt es nicht; es kommt aus Gottes Hand. ER regiert!
Wohin ER uns sendet, dahin gehen wir;
wohin ER uns stellt, dort bleiben wir;
Sein WILLE sei der unsere;
und in Seine BAHN münde unser Pfad.
So getan, wird alles gut getan!“
O — gute Kräfte sind im Volk, die die Materie nur überwucherte. Schuld hat hinterher der Nachbar oder — Gott (1. Mo. 3, 12). Schwermut drückt Deboras Herz. Sie brauchten immer eine feste Führung, einen Mose, Josua oder andere von deren Art. ‚Da könnten sie sich nicht entscheiden‘, sagt Gott geheim. ‚Sie blieben zwar gehorsam, blieben aber blind.
Was Josua gesehen, setzt du Mir dawider? Und es wäre besser, blind gut als sehend böse sein? Du wähnst darin die echte Hilfe, liebe Tochter. Das wäre sie doch im Höchstfall für die Welt, obendrein für wenige, für eine kurze Zeit. Überlege, wieviel Mühe Mose mit dem Volke hatte, Blind in Einsicht, im Bedenken, blieben Glaube und Gehorsam aus. Darum tu‘ dein Werk, wie es dir aufgetragen ist; das Meine überlasse Mir.‘
‚Mein guter Vater‘, gibt ihr Geist die Antwort, ‚gar nichts kann ich, wenn DU nicht hilfst; nichts habe ich, wenn DU mir keine Gabe gibst. Laß mich und meine Arbeit unter Deinem Willen sein.‘ ‚Fein gedankt, Mein Kind. Lehre Liebe und Gehorsam durch die Einsicht und den guten Willen.‘
Daß Debora ‚sinnt‘, so nennen es die Freunde, wenn Gott heimlich mit ihr redet, merkte man. Nie fragte einer, was sie hörte oder sah. Wenn nötig, sagt sie es. Heute gibt sie das Gespräch des Herzens preis. Dafür liebt man ihres Wesens Einfachheit, ihre Güte, Treue und die Freundlichkeit. „Man kann die Welt durchforschen, aber eine zweite Palme gibt es nicht!“ Natürlich, Barak sagt‘s, der Junge, der Enthusiast.
Die durch viele Arbeit blassen Wangen röten sich. „Gerade lebt ein Ebenbild. Die Oberpriesterin des fremden Landes, wohin Delajah ungewollt zu gehen hat, ist meine Schwester, — vom Lichte her, nicht von der Welt“, erklärt sie eine Frage. „Sie und der Priester-Älteste sind des Volkes Richterpaar. Allein — dort ist‘s ganz anders als bei uns, menschlich leichter, weil alle treu und gläubig sind. Ihr Werk geht über unsre Welt. Täglich opfern sie die Kräfte, um das Licht den Menschen zu erhalten. —
Nun bricht der liebe Abend an. Wer von euch will, kann sein Haus bestellen. Am vierten Tage nach dem Sabbat müssen wir bei Jedothun in Sichern sein, möglichst früh. Es gibt keinen Aufenthalt und geht weiter bis Beth Sean, wo südöstlich unser erstes Lager ist. Reiten wir von Sichern ab, dann wird die Kriegsdrommete klingen. Matthanjas Rat war gut; einige und ich reiten morgen früh nach Silo. Wer will mich begleiten?“
„Sicher alle gern“, meint Jizri heiter. „Ich bestimmt; auf dem Rückweg kann ich auch nach meinem Haushalt sehen.“ „Drei oder vier genügen“, entgegnet sie, „als Zeugen.“ „Wenn‘s dich nicht zu sehr bekümmert, Debora, bleibe ich gern hier. Auch möchte ich am liebsten schon am Sabbat reisen, euer schneller Ritt fällt mir zu schwer. Ja ja, der graue Bart!“ Alt-Salthiel hebt seinen Kinnschmuck lächelnd hoch.
„Für dich ist ein Geleit mit Wagen vorgesehen. Zum Sabbat habe ich ihn herbestellt.“ „An was du alles denkst“, ruft der Alte froh. „Wann denkst du mal an dich?“ Sie lacht silberhell: „Das besorgt ja ihr, obendrein zu viel.“
„Zu wenig“, eifert Gibbar. „Ich bedachte oft, wie könnte man dir eine Freude machen; aber Gaben nimmst du nicht.“ „Nein“, wehrt sie ab. „Schau, mehr als auf einen Mann achtet man auf mich, wie ich mich verhalte. Was zehn Männern durch die Finger fiele, das bliebe mir in meinen Händen hängen. Das darum, weil es eine Richterin im Volke noch nicht gab.
Nähme ich Geschenke an, da würde man gleich zischeln: Ah, so geht das hinaus! Aber eine Gabe macht mir niemand dunkel, meine lieben Freunde“, tiefernst ist ihr Gesicht, „euere Treue! Der Himmel kann nichts Heiligeres schenken, als die Treue guter Freunde auf der Welt. Und die habe ich!“
Jedem gibt sie ihre Hand, lange wird sie festgehalten. Es ist wie ein Abschied vor dem Krieg, Nekkoda von Thirza ist der Letzte. Ein paar Tränen dunkeln ihm die Augen ein, und Deboras Hand legt sich auf seine Stirn.
Man geht nach dem Abendessen bald zur Ruhe, denn die nächste Zeit erfordert alle Kraft.
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