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4. Kapitel – Was ist Gottes Zorn? Von den zerbrochenen Lebenstafeln

Mose geht auf die Heilige Hütte zu, vor ihm her Fürst Selumiel. Nie geschah, daß — außer einst Aaron und nach diesem Nun, Josua und die zwei Oberpriester — jemals ein Israele ohne Mose das Heiligtum betrat. Doch wenn die Wolke sich zerteilt, ist der Einlaß frei. Und jetzt — —? Wolke und Flamme öffnen sich wie ein Tor, umstrahlt vom Licht, das aus der Hütte dringt. Die Menge hält den Atem an, erkennt Gottes Allmachtssprache, die ihnen heute viel zu sagen hat. Hinter Selumiel schließt das Lichttor seine Flügel.

Als der Fürst bebenden Herzens, dennoch mit der Kraft eines aufrechten Mannes, vor die Bundeslade hingetreten ist, sieht er oberhalb derselben, auf dem Gnadenstuhl, das Licht des Hohen Hauses sitzen. Er könnte nicht gestehen: Ich sah eine Gestalt! Noch weniger: Ich sah niemand! Niederfallend betet er: „Herr, Allmächtiger, Der Du heute trotz Deines Zorngewitters unser armes Volk vor dem Untergang bewahret hast, zu DIR erhebe ich mein Herz für Mose, Deinen treuen Knecht. Lasse ihn nicht alle Bürde schleppen, die er als Dein Gerechter auf sich nimmt.

Du zürnst mit ihm, Du wehrest ihm den Jordanübergang. Und was Du einmal sagst, hältst Du gewiß! So behalte denn auch mich in Moabit zurück, damit ein Teil von aller Last auf meinen Geist entfällt. O Heiliger, segne mich armen Knecht.“ Selumiel sprach laut. Die vom Gotteslicht widerleuchtenden Wände nehmen seine Rede auf und die Bundeslade sammelt sie, daß sie wie ein Opferkelch erscheint. Des Herrn Stimme vom Gnadenstuhl ertönt:

„Sohn Selumiel, dein reiner Sinn hat dich gerecht gemacht. Erhebe dich und setze dich auf Aarons Stuhl.“ Selumiel gehorcht, doch er zittert. Was wird geschehen? Der Herr spricht weiter: „Du treuer Fürst bist zwar der Erste, doch nicht der Einzige, der sich mit Meinem Zorn beladen lassen will. Weißt du, was Mein Zorn bedeutet?“ „Nein, Herr, daß weiß ich nicht. Belehre mich, hältst Du mich für wert, es zu erfahren.“

„Du sollst es wissen! Mein Zorn ist Erbarmung! Ungehorsame strafe Ich, um sie zu heilen. Mein Zorn bringt Rettung!“ „Auch wenn der Mensch durch ihn in eine Grube fährt?“ „Ja! Der Körper stirbt; wird er gestraft, so läutert sich die Seele. Die Welt vergeht; allein Mein Hoher Himmel bleibt!“ „Warum strafst Du Mose, daß er nicht mit über den Jordan kommt? Nie war er ungehorsam gegen Dich.“

„Selumiel, du hast deine Frage schlecht bedacht. Könnte es für Meinen ersten Himmelsfürsten nicht der größere Segen sein, behalte ICH ihn MIR zurück?“ „Herr, Dein Wort wiegt schwer! Doch was wird aus Israel?“ „Es hat sich seinen Weg gewählt! Hätte Mose nicht von Ägypten an des Volkes Last getragen — samt und sonders wäre es beim Tanz ums Goldene Kalb gestorben! Seitdem wurden es der Lasten mehr.

Nun willst auch du die Bürde tragen. Und ich sage dir: Du sollst es tun! Mir ist aber nicht gedient, wenn alle Starken nun bei Mose bleiben wollen. Ich bin der EINE und außer Mir kein anderer! So genügt ein Opferträger bis zum Tod! (Joh. 11, 50.) Aber eure Treue segne Ich. — Nun geh‘ hinaus; noch bist du Mensch und kannst nicht länger Meine Heiligkeit ertragen. Segne deine Brüder durch Mein Wort.“

Wie ein Schlafwandler geht Selumiel hinaus. Er merkt es nicht, daß ein Engel ihm die Segenslast des Lichtes tragen hilft. Aber draußen sieht man des Fürsten Antlitz wundersam erstrahlen. Mose beugt sich vor dem Licht. Hernach schreitet er, der Knecht, hinein zu seinem Herrn. Unter dem Vorhang stehen Nun, Josua, Eleasar und Ithamar, die Ältesten rechts und links vor der Hütte, die Fürsten vor dem Eingang. Die Krieger bilden zwei schräg laufende Linien, in deren Innenraum sich die Menge sammelt. Selumiel gibt den Segen jenen bekannt, die mit ihm die Hände zum Gelöbnis hoben.

Die Mohren, die mit dem kranken Sanhus durch des Volkes Hin- und Hergewoge abgedrängt worden waren, kommen näher und legen ihn in Pagiels Arm. Selumiel deckt seine Hand auf des Knaben Stirn und jeder bittet für das Kind. Und siehe, es schlägt die Augen auf, das Fieber weicht, der Geist wird wieder klar und die Krankheit geht zurück. Obwohl Mose in der Hütte ist, läuft gedämpftes Freudenrufen durch die Reihen hin. Ein Hethiter hebt Sanhus hoch, damit ihn alle sehen können. Großfürst Hur sagt lächelnd:

„Mein Junge, steige wieder ‘runter von deinem hohen Roß; denn der HERR spricht mit Mose!“ Alsbald tritt größte Rune ein. „Du bleibst vorläufig bei mir, Sanhus, ich will dir ein Vater sein.“ „Ich — ich darf bei dir bleiben, Füst Hur?“ Welch ein Augenstrahl! „Darf ich erst zu Mutter gehen? Ich glaube, sie weiß noch gar nicht …“ „Wir gehen morgen hin. Ich habe ihr schon Botschaft zugesandt. Nun folge meinem Wort.“ „Gern!“ Sanhus küßt Hurs Hand und läßt sich von den Hethitern, mit denen er schnell Freundschaft schließt, willig in das Lager führen. — —

Mose kniet vor dem Gnadenstuhl. „Herr, unser aller Heiland! So nenne ich DICH jetzt; denn Du wollest heilen, was Deine Rechtshand heute auf die irr Gegangenen legen mußte. Nimm mein Gelöbnis an; sieh — in Deiner Hütte bin ich Dein mit allem, was Du mir gegeben hast: Geist, Herz, Seele und Leib! Ewig-Heiliger, laß mich schweigen und künde mir Dein sanftes Säuseln, das mir gebot: ‚Tritt ein in Meine Hütte, und du wirst es dann erfahren.‘ “ — Als Mose aufblickt, sieht er den Herrn (2. Mo. 24, 10; 2. 33, 11; 4. 12, 8 u.a.) auf Seinem Gnadenstuhle sitzen. Doch er verhüllt die Augen nicht, wie manchesmal getan; er kann GOTT schauen und bedarf es keines Engels, der vom Lichte trägt, was zuviel für einen Menschen ist. Und Gott spricht:

„Mein Ordnungsträger, setze dich auf deinen Stuhl, den ICH dir gab, Und höre! Deine Zeit währt noch sieben Tage; am achten sollst du von hinnen fahren. Hernach siehst du alle Gnadenlasten, die du tragen durftest. Aber Ich, Der Ich dir aus Ewigkeit der VATER bin, wie Ich auch an diesem Volke immer väterlich gehandelt habe, obwohl es den HERRN spüren mußte, rechnete nicht billig mit dir ab, sondern sogar teuer, weil du Mir teuer und sehr wertvoll bist.

Zwei Dinge stehen zu Meinem heilighohen Recht, weshalb Ich dich nicht schone und mit dir zornig rede, obgleich dein Herz des Volkes Mängel deckt. Das erste Recht gabst du Mir in die Hand, nämlich: Du entschuldigst Israel auch dort, wo es nichts mehr zu entschuldigen gibt! (2. Mo. 32, 32;) Oder willst du sagen: O Herr, sei gnädig, Israel hat nicht gewußt, was es heute tat?! Es riß die Flamme aus dem Feuer; es hat Mir nämlich nicht verziehen, daß damals alle seine Kostbarkeit, zum Goldenen Kalb gemacht, Meine Hand durch dich zerstörte, bis kein Krümlein übrig blieb! (* 2. Mo. 32, 35;) Meine Hand hieltest du im Lager auf, daß sie nicht über den dritten Ring hinausgreifen konnte, wie Mein gerechter Wille aber wollte! Hast denn du ein Recht gehabt, Meinen Zornarm aufzuhalten?‘‘ Mose fällt wieder auf die Knie:

‚‚Herr, Du rechnest wahrlich teuer ab! Ja, Dir bin ich in den Arm gefallen, was nicht meine Sache war. Dennoch — Du nennst Dich unsern ‚Vater‘! O Vater, ist es ungerecht, wenn einer Deiner Söhne vor Deinen zorngerechten Willen die Heilstiefe Deiner ewigen Erbarmung rückt —? Ich habe mich DIR ausgeliefert; tue mit mir, was und wie Du willst!“

„Mein Erster, groß ist deine Liebe! Vom zweiten Recht will Ich darum nur noch mit dir reden, daß du dich leicht von Mir bedecken läßt. — Siehe, wer gab auf Sinai die Gesetztafeln?“ ‚‚Du, Herr!“ ‚‚Gewiß! Und die steinernen Tafeln, durch Meine guten Gebote zwei Lebensflügeln gleich, oben verbunden durch den Bogen Meines Bundes und der Gnade, wie eine Lunge in der Brust als Symbol der Tafeln zwei Atmungsflügel hat, — wer schuf sie denn?“ „Du, Herr!‘‘

„Gewiß! ICH schuf sie wie ein lebendiges Organ, daß jener nimmer stürbe, der seine Schrift in sich bewahrt und danach tut, wie man ein- und ausatmet, um zu leben. Hattest du ein Recht, Meine Tafeln zu zerbrechen?‘‘ ‚‚Nein Herr, ich hatte keins, wenn auch des Volkes große Abirrung mich zornig machte.“

„Ja, Mose, du warst zornig, weil sich das Volk von Mir und dir gewendet hatte. Wenn nun dein Zorn, du Mensch, sogar Lebenstafeln zerschlug, die nicht dein Werk waren — und Ich hatte deinen Arm nicht aufgehalten —‚ so sage Mir, wer Meinen Zorn entkräften kann, wenn Ich sehen muß, was an diesem Tag geschah?‘‘ Mose seufzt tief auf. Hat er nicht mehr gesündigt als ganz Israel …? Ist der Mensoh nicht tot, wenn ihm die Lunge fehlt — die Lebenstafeln — ?

„O Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Sieh, ich wollte Israels Schuld auf mich nehmen, DIR zur Ehre und zum Wohlgefallen. Auch erbarmte mich die Herde. Und nun —? Ach meine große Sünde, da ich mich am Sinai an Deinem Werk vergriff! Du gebotest mir, neue Tafeln herzustellen, und mit Mühe meißeite ich sie aus schwerem Fels. Sie sahen ähnlich aus, auch die Schrift; allein — nicht Deine Tafeln waren es! Herr, was muß ich tun, daß Du mir vergeben kannst?“

‚‚Du bist ein Großer Meines Himmels‘‘, ertönt es väterlich. „Großes habe Ich von dir gefordert, Großes hast du getan! Nun betrübe dich nicht länger; sieh, das Volk war Meine Tafeln nicht mehr wert. Nur Ich Selber mußte sie zerbrechen; dann war‘s ein gutes Recht, dir zu befehlen, andere zu machen. Aber es ist gut, daß nicht Meine Hand es tat und du dafür den Zorn ertrugst. Darum, Mose, stehst du hoch vor Meinem Angesicht. Ich habe die zerbrochenen Lebenstafeln wieder neu gemacht; du wirst sie finden, wenn du unter Meiner Decke ruhst.

Nun frage ich: Willst du mit den Jordan überschreiten, daß Ich Mein Wort einbehalte? So sprich, und Ich will es tun!‘‘ ‚‚Herr, mein Gott, Dein Wort soll bleiben! Ich will mich nicht zum zweitenmal an Deinem Werk vergreifen; ist ja jedes Deiner hohen Worte eine wahre Lebenstafel! Des Volkes wegen ginge ich wohl gerne mit, daß es den Weg nicht ganz verliert, Allein, Herr: Besser ist, ich bleibe hier zurück und DU gehst mit, damit Du Selber Israel einst heimsuchen kannst. — Mir geschehe immerdar nach Deinem Wort.“

Ein Strahlen hin und her bricht auf, fällt von der hochgewölbten Decke nieder und wird zum neuen Mantel, den der Ewig-Heilige um Seinen Mose webt. „Sage nochmals allem Volk vom ganzen Weg und was es fernerhin zu tun noch schuldig sei. Sind deine Tage um, will Ich Meine Hand über Israel in Güte recken um deiner Liebe willen! Die Treuen segne vor der Hütte, die andern erst am siebten Tag, daß sie ihrer Taten inne werden. Meine Flamme bleibt über Tag jetzt bei der Wolke und diese nachts beim Feuerschein. Und jedes Scheltwort über dich war ein Kleinod, das Meine Hände für dich sammelten. Tue den Mantel nicht von dir in deinen sieben letzten Tagen.“

Tiefgebeugt liegt Mose vor dem Herrn. Eine Hand hebt ihn auf, und er erblickt die Herrlichkeit, (2. Mo. 33, 18.) nach der er einst Verlangen trug und die ihm verweigert ward um der zerbrochenen Tafeln willen. Als er hinaustritt, weichen alle weit zurück, so hell leuchtet Gottes Mantel. Mose geht im schon herrschenden Dunkel vor dem Volke her. Erst am Lagerwall zündet man die Fackeln an und jeder wandert seiner Hütte zu.

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