Jakobus: „Du hast recht, Sabine, gerne will ich euch allen dienen, da ich ja Sein Leben vom ersten
Atemzuge kenne und mich ganz selten von Ihm trennte, bis Er von uns allen ging. Viele von euch können sich kein Bild machen von dem Leben, welches ein rechter Jude zu leben verpflichtet ist. Auch dort haben sich die Priester manches erlaubt, was sie als „göttliche Anweisungen“ hinstellen. Ein Vater nahm es besonders streng, und im Elternhaus duldete er keine Vernachlässigung. Durch eigenartige Führungen kam Maria in unser Haus und wurde, da sie gesegneten Leibes war, Josefs Frau im zarten Alter von 15 Jahren. Von diesen Tagen will ich nicht reden, da sie eine Prüfung waren, die von Millionen nur einer besteht. So wurde Jesus geboren. Nichts unterschied sich bei Ihm von den anderen Kindern. Aber schon in jüngsten Kinderjahren sprach Er Offenbarungen, die sich steigerten, bis Er 12 Jahre alt wurde. Die Offenbarungen hörten auf, aber Jesus war ein willensstarker Mensch geworden, der sich niemandem, als nur dem Geist unterordnete, mit dem Er in steter Verbindung war und alle Anweisungen befolgte. Dass dieses manche Harmonie störte und manchen Konflikt mit anderen brachte, könnt ihr glauben. Es war manchmal große Trauer im Hause um Jesus und viel Sorge für Sein Wohlergehen unter uns. Am meisten litt Seine Mutter“. Sabine entgegnete: „Aber das ist ja nicht möglich, Seine Augen verraten die größte Milde!“ Jakobus: „Es war aber doch so, wie ich es erzähle. Ich, als der jüngste von meinen Brüdern, war am engsten mit Ihm verbunden, und doch gab es eine Zeit, wo auch ich Ihn nicht verstand. Für Arme und Leidende war Er die Liebe und Erbarmung selbst, für Harte und Lieblose aber unbeugsam wie härtester Granit“. „Wieso“, fragte Achmet, „dies wäre doch ein Widerspruch in Seiner Erlöserliebe. Den Leidenden ein Helfer und den Hartherzigen ein noch Härterer, wie verhält sich das?“ „Dein Einwurf ist gut, lieber Freund“, antwortete Jakobus, „und doch ist es kein Widerspruch, da Jesus das Heil aller als Ziel in Sich trug. Um es zu erläutern, will ich eine Episode schildern. Josef war ein beliebter ehrlicher Zimmermann. Seine Arbeiten waren gesucht, wir als seine Söhne wurden, wie auch Josef, Zimmerleute, Jesus nicht ausgeschlossen. Wir waren oft wochenlang fort von Nazareth, da uns Arbeiten übertragen wurden, die ein Zimmermann wie Josef mit vielen Hilfskräften ausführen konnte. Wieder einmal waren wir eine Tagesreise entfernt mit dem Bau eines Wohnhauses beschäftigt. Die Arbeit ging gut von statten, Josef war guter Dinge. Zwei Stunden entfernt hatte ein biederer Grieche seine Besitzung. Da dieser mit Josef in inniger Verbindung stand, bat er Josef, einen Tag zu ihm zu kommen mit uns allen, um den Schweinestall zu erneuern, der durch und durch baufällig sei. Josef lehnte entschieden ab, alle Bitten und Versprechungen waren nutzlos, Josef blieb hart. `Willst du, dass unsere jahrzehntelange Freundschaft zu Grunde geht um eines Schweinestalles willen?`, fragte der alte Grieche. Da antwortete Josef: `und wenn ich dich selbst verlieren müsste, ich tue es nicht. Wie soll ich wohl vor meinen Glaubensbrüdern bestehen können?` Da sagte der alte Grieche: `Josef, du warst mir wie ein Rettungsanker in meiner Not. Nun weiß ich mir keinen Rat mehr, denn das letzte Hoffnungsseil hast du zerschnitten`. Da sagte Jesus zu Josef: `Vater Josef, warum willst du einen solchen ehrlichen Freund wie Valerius verlieren um eines Schweinestalles willen?` Da erwiderte Josef mit harten Worten: `Schweige du, Jesus, und versuche nicht, mich umzustimmen, nie und nimmer baue ich einen Schweinestall!` `Dann werde Ich ihm einen bauen, Vater Josef. Die Freundschaft eines alten biederen Mannes ist mehr wert, als die Meinung deiner zweifelhaften Glaubensbrüder!` `Das wirst du sein lassen`, erwiderte heftig Josef, `ich habe nicht Lust, die Folgen deines unüberlegten Entschlusses zu tragen`. `Ich baue den Stall, Vater Josef, und Mein Entschluss ist nicht unüberlegt, sondern der Zug in Mir, unseren alten Freund nicht zu verlieren`. Josef erregte sich, aber Jesus sagte: `Du weißt doch, dass ich stets vor meinen Worten gerade stehe, aber nun möchte Ich den sehen, der Mich hindern will! Komm Valerius, Ich gehe gleich mit dir. Du aber, Josef, sollst keine Stunde arbeiten können, bis Ich zurück bin`. Jesus ging mit Valerius eilend von dannen. Dann aber setzte ein Regen, Sturm und Gewitter ein, dass wir keine Stunde arbeiten konnten. Das Gewitter und der Sturm gingen vorüber, aber der Regen dauerte drei Tage lang. Josef grollte Jesum, wir aber mussten schweigen. Nach drei Tagen, mit Anbruch der Nacht, kommt Jesus wieder und spricht: `Vater Josef, der Freund blieb uns erhalten! Alle seine Wünsche sind erfüllt. Den Lohnausfall für die drei Tage wird Valerius tragen, da er nach Meinem Willen morgen mit dir abrechnen wird. Danke Gott, dass Er dir drei Tage Zeit gab, deine Lieblosigkeit und Härte einzusehen, denn es könnte eine Zeit kommen, wo du es nicht mehr kannst`. Josef aber schwieg, er fastete weiter. Richtig, am anderen Tage kommt Valerius. Da weigert sich Josef, den Lohn für die Arbeit zu nehmen. Da kommt Jesus und spricht: `Josef, warum forderst du Mich heraus? Du weißt doch, dass Ich von dem Gegebenen nicht ein Jota zurücknehme, du müsstest Mich doch kennen!` Da nahm Josef Vernunft an und alles wurde geregelt, wie es Jesus wollte. Die verloren gegangenen Tage aber wurden nicht heraus geholt, denn Jesus war schweigsam geworden. Er mied uns alle! Als wir wieder in Nazareth waren, hielt es Josef für seine Pflicht, sofort den Zehnten von dem Verdienst an die Synagoge abzuliefern, aber diesmal war ihm der Priester zuvor gekommen. In Josef stieg wohl Bitterkeit auf, darum sagte er zu dem Priester: `Bin ich jemals in Rückstand mit dem Tempelanteil geblieben? Eure Art ist beleidigend für mich, da ich stets den Pflichten voll und ganz nachkam. Darum werde ich auch mein Opfer bemessen, wie es Moses vorschreibt`. Der Priester war dieses Mal nicht einverstanden, es war ihm zu wenig. Josef beteuerte es, da drei Tage die Arbeit ruhte, darum der geringe Verdienst. Der Priester wurde wütend. Jesus kommt dazu und spricht: `Vater Josef, seit wann ist es Sitte, dass man deinen Worten nicht glaubt? Mache doch Gebrauch von deinem römischen Bürgerrecht und weise ihn zurück in die Schranken der Anständigkeit oder gib Mir das Recht, für dich zu handeln`. Ganz erbost spricht der Priester: `Mit Dir habe ich nichts zu reden, Du Abtrünniger. Jehova und der Tempel sind Dir Dinge, die Du meidest. Gibt es aber Schweineställe zu bauen, kommt Dir keiner gleich und du, Josef, wirst hart büßen müssen`. Jesus: `Wieso Josef? – Ich baute den Stall ohne Genehmigung des Josef und du willst Josef, den alten ehrlichen und allzu reinen Menschen hart büßen lassen? Nimm dieses Wort zurück, sonst wird dir werden, was du Josef zugedacht hast!` Da ereiferte sich der Priester und sagte: `Josef, du hast die Drohung deines Sohnes gehört. Das Tempelgericht mag entscheiden, was mit dir und dem da geschehen soll`. Da stellte sich Jesus hin vor den Priester und spricht: `Nichts geschieht ohne Meine Zustimmung. Damit dir aber die Lust vergeht, noch länger alte und ehrliche Menschen zu beleidigen und mit kaltem Herzen sie ins Unglück zu stürzen, soll dir die Stimme genommen sein und nur einem Schweinegrunzen Platz machen, bis du bittend und voll Reue den alten Vater um Verzeihung bittest. Denke aber nicht, dass du Mich täuschen kannst. Dein Herz ist voll Gift und Galle gegen Mich und seit Monaten überwachst du Mich. Dieses hat nun ein Ende`. Josef protestierte, aber Jesus sagte: `Kein Wort, Vater Josef, dieser ist an der Grenze des Schlechten angelangt, darum gehe auch Ich bis an die Grenze des Erlaubten`. So war es auch. Der Priester mied die Menschen. Nach Monaten aber bat er händeringend Josef um Verzeihung, die ihm auch gewährt wurde, aber Jesum mied er, so gut er konnte“. Achmet: „Jakobus, deine Vorstellung gefällt mir, ich könnte nicht sagen, dass Jesus über Gebühr hart gewesen sei. Freilich, für einen Juden ein starkes Stück, einen Schweinestall zu bauen. Wie verhielt sich denn Jesus dem Tempel und den Priestern gegenüber?“ Jakobus: „Ach, ihr Freunde, da blieb Jesus ganz auf Seinem Boden. Er suchte ihre Bekanntschaften nicht, und war in keine Synagoge zu bringen. Den Sabbat verlebte Er nach Seiner Art in der Natur und blieb auch an diesen Tagen den Menschen fern, um mit dem ewigen Gottesgeist in Sich ganz in Verbindung zu bleiben, und davon konnte Ihn auch niemand abhalten, wer es auch war. Trotzdem Er keine Schule und keine Synagoge besuchte, war Er allen überlegen. Wie oft kamen Freunde des Josef, alte Weise und biedere Männer, die sich Rat von Jesus holten. Ich denke, dass ihr lieben Freunde und auch du, Sabine, euch nun ein rechtes Bild von Seinem Leben machen könnt. So gut und liebevoll Er alten und gebrechlichen Leuten gegenüber war, so hart war Er auch den Hochmütigen gegenüber. Er ließ aber auch nicht handeln, so Vater oder Mutter oder wir von Ihm etwas abringen wollten, und begründete es: `Ich handle nicht aus Mir, sondern aus dem Geiste in Mir, der Mich erziehen will bis zum wahren Heile`.“ Achmet: „Jakobus, ich bin im Bilde, aber sage mir noch das Ende. Warum ließ Jesus den Thronerben von Edessa sterben, reichte Seine Heilkraft nicht bis dahin? Ich kenne Abgarus und dessen Glauben an den Heiland, kannst und vermagst du mir Antwort zu geben?“ Jakobus: „Ich könnte es, aber der Geist in mir legt mir Schweigen auf. Die Antwort wir Abgarus aus meinem Munde erfahren, begnüge dich mit dieser Antwort“: Achmet: „Es ist mir recht, ich danke dir, nun soll sich mein Herz freuen. Ich werde auch Jesum lieben und verstehen können“:
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31. Eine Episode des Herrn
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