Mose, Hur, Josua und Abaldan lauschen. Die Mohren richten ihre größere Aufmerksamkeit auf den Zelteingang; denn Kahathael wird keine ungerechte Hand mehr heben. Dieser, dem mit einem Male die Revolte nichts mehr gilt, fällt vor Mose nieder. „Laß auf mich die Strafe Gottes kommen, ich habe sie verdient.“ Mose will eben den Gebeugten segnen und ihn Gottes Gnade anbefehlen, da stürzen die Fürsten und die Ältesten herein. Pagiel hat Sanhus in die Bethütte gebracht. Diese und noch mehr des Herrn Heilige Hütte wird auch vom wildgewordenen Pöbel niemals angerührt. Dort is der Knabe sicher, der in schwerem Fieber liegt.
Kaum sind die Obersten eingetreten — während die Mohren, sechs baumlange Hethiter aus Hurs Elitetruppe sowie die jungen Krieger das Zelt umstellen und ihre Waffen drohend blitzen lassen, rast die Rotte nah heran. Moses Anhänger mußten sich, schwer geschlagen, verschanzen; sie können keine tatkräftige Hilfe leisten, wie sie sehnlichst wünschen.
Ehubla dringt zuerst bis zum Eingang vor, neben ihm Riboal und Sakkar. Die drei nehmen es auch mit den Hethitern auf, wenn sie zu wilden Stieren werden. Die Masse drängt siegesheulend nach, manche schon verwundet, blutbespritzte Waffen in den Fäusten, Weiber mit zerfetzten Kleidern, die Blöße kaum bedeckt, unreife Burschen, die sich jeden Übergriff erlauben — kurzum —‚ noch nie hat sich Israel so zügellos gebärdet wie in dieser Meuterei
Am Zelte prallt man mit den tapferen Verteidigern zusammen. Es tritt eine jähe Stille ein, weil die Krieger nicht, wie erwartet, losgezogen haben, sondern sich in Abwehrstellung halten. Dadurch sind sie trotz der mehr als Zweihunderttausend, die sich unübersehbar bis über die fünfte Ringstraße hinaus zusammen ballen, zunächst die Überlegeneren. Doch da schreit Ehubias Weib, ein gieriges, stets boshaftes Maul:
„Mose, Volksverräter, komm heraus, komm nur heraus! Wir wollen sehen, ob dich dein Gott vor uns behütet!‘‘ Das ist Frevel. Viele weichen ganz entsetzt zurück. Sie erwarten, daß vom Himmel Feuer fällt und den Lästermund verbrennt. Allein — nichts geschieht. Und als das Weib seine kurze Handkeule schwingt, ermutigen sie sich wieder und brüllen im Chor: ‚‚Mose, komm heraus! Heraus! Wir sollen sehen, was der Gott Israels mit dir tut!
Hat Er dir nicht zugesagt, in der Moabiter Land zu bleiben? Nun, wir wollen Ihm gern helfen, daß Sein Wille sich erfüllt! Also komm heraus, Mose, komm heraus!“ Das Geschrei wird umso häßlicher, je weniger der Himmel irgendwelches Wunder tut.
Fürsten und Älteste sind gewappnet. Nur Mose nicht. Der alte Nun — vor Trauer zitternd — hält den weißen Richtstab fest. Josua hat das Heilige Buch mit einem breiten Schwert vertauscht. Selbst Eleasar und Ithmar, die Priester, halten es für angebracht, Schilde zu ergreifen. Doch wie zuvor beim Knaben Sanhus, so ist auch jetzt des gewaltigen Gottesknechtes Antlitz wie versteint. Die Augen —? Es sind nicht mehr jene eines Menschen; fremde sind‘s, von einem hohen Stern, dunkelglühend im Feuerbrand der Heiligkeit.
Ehubia dringt wieder vor. Einem jungen Israele, der mitten vor dem Eingang steht, rennt er so schnell den Stoßspieß durch den Leib, daß selbst blitzschnelles Parieren mit Schwert und Schild vergeblich ist. In einer dicken Blutlache liegt der junge Held — tot —! Wild heult die Herde. Die Mohren haben zwar mit einem Tigersprung die Lücke ausgefüllt und Ehubia mit ihren schweren Äxten kampfunfähig gemacht, doch dessen Knechte kämpfen weiter, während die Menge sich wie eine Mauer um das Zelt zusammenballt, den Verteidigern schlechte Aussicht lassend, lebend davonzukommen, wenn nicht …
Von Innen wird das Zelt geöffnet. Heraus tritt entblößten Hauptes Mose. Zu seiner Rechten geht Großfürst Hur, eine kurze Handlanze tragend, zur Linken Josua mit jenem Schwert, das Abram vom König zu Salem einst als Siegespreis bekam und das man teuer hütet. Jeder glaubt an dieses Schwert. Noch trug es keiner. Doch erst in zweiter Linie ist es das Zeichen, daß der Meute Angst einflößt. MOSE ist die Macht, sein Gesicht, aus dem die Augen des ALL-HEILIGEN zornig leuchten. Gebückt folgt Kahathael, nun ein Aussätziger. Hinterdrein gehen alle Oberen. Lähmendes Entsetzen befällt jene, die es sehen. Stumm wollen sie entweichen, aber die Zurückstehenden drängen, wüst johlend, vorwärts. Allein — bald verbreitet sich das Grauen. Wo Mose durch die sich bildende stets breiter werdende Gasse geht, folgt Gottes zorniges Schlagen.
Die falschen Fürsten werden an Händen und Füßen gelähmt, viele Anführer vom Aussatz befallen. Pagiel ließ die Fürsten von einigen Hethitern zur Bethütte tragen. Er selbst nimmt den schwerkranken Sanhus auf seine noch kräftigen Arme und trägt ihn Mose nach. Wo Gottes treuer Knecht verweilt, ist auch Hilfe für das kranke Kind.
Mara, Ehubias Weib, wendet sich zur Flucht vor dem furchtbaren Gericht, das sie, die eigentliche Urheberin der Revolte, aus Haß gegen ihre Schwester heraufbeschwor. Denn nie konnte sie verzeihen, daß lsora durch Kahathael in den Fürstenstand gelangte, während sie, durch die Ehe mit Ehubia, aus gutem Mittelstand zur dienenden Klasse niedersank. Welche Kluft zwischen einer Art Inspektor und dem Fürstenstamm. Sie beeinflußte die Männer, ohne ihren Haßgrund zu verraten. Sie wollte Kahathael stürzen, dem zuerst das eine galt: Endlich aus der Wüste raus! Endlich in das reiche Land!
Mara spürt sogar im Rücken den Gottesblick, der ihr Halt gebietet und sich umzuwenden heißt. Als der Feuerstrahl sie trifft, wird sie blind, stumm und taub. Ehubia liegt im Sterben. Sakkar und Riboal, von einem Asmodi befallen, stürzen sich mit gellendem Gechrei in ein brennendes Zelt. Sie sind nicht zu retten. Ganz Israel wird so still, daß das Lager einer Totenkammer gleicht. Nur in den Kralen brüllen dürstende Tiere.
Keiner kann entfliehen, alle sind gebannt. Die fallen, bleiben liegen; niemand bückt sich helfend nieder. Die Aussätzigen werden weggescheucht. Man drängt sich eng zusammen. Mose geht weiter. Es ist ein harter Weg, einer des urgerechten Zornes! An der dritten Ringstraße bleibt er stehen. Kaum mehr zu zählen sind, die Gottes Finger zeichnete. Die Schlimmsten! Nun kommen all die vielen, die mitgerissen wurden: Unwissende, Unvernünftige. Mose hebt die Hände hoch und kniet nieder. Sein Gefolge tut es ihm nach. Als auch die Meute knien will, gelingt es keinem, sich zu beugen, außer den Getreuen. Neue wilde Angstschreie! O, das ist das härteste Zorneszeichen Gottes! Mose aber betet:
„Herr, Ewig-Heiliger, nun halte Deine Hand zurück! Es sei genug, was Du gefordert hast! Geht Deine Rechnung noch nicht auf um des Frevels willen, den Israel heute wider Dich beging, sieh: Hier bin ich! Laß mich das Fehlende und den Rest der Schuld bezahlen; aber schone dieses Volk um Deiner ewigen Güte willen!“ Bitteres Weinen von Kahathael. O Mose, Gottes großer Knecht, du willst tragen, was mehr als halb Israel zu tragen hätte!? Ach, wie ist dein Wort so wahr geworden — —! Das Weinen des einzelnen schlägt auf die Menge über. Als die in den Zelten Verborgenen statt des wilden Getümmels nun den Jammer hören, kommen sie heraus. Auch die geschlagenen Stämme haben sich gesammelt und stehen beiderseits der Westhauptstraße bis zum Lagerwall.
Im Schatten der Bethütte liegt der tote Krieger, mit einer neuen weißen Blache zugedeckt. Drei Unterführer von den hundertvierzig Zeltkriegern halten Wacht. Die übrigen ordnen sich in Viererreihe und marschieren, die Schwerter in der Faust, die Schilde am linken Arm, in hartem Takt dem Fürstenzuge nach. Vor ihnen geht Pagiel mit seiner Last. Am ersten Ringweg nehmen die dort wartenden Mohren ihm den Knaben ab. Als Mose eingeholt ist, teilen sich die Krieger in zwei Zweierreihen und marschieren am Fürstenzug vorbei, bis ihre Anführer auf Mose stoßen, der eben wieder aufgestanden ist. Die Krieger halten auf Kommando ihre Schilde hoch. Dann gehen sie mit klirrenden Waffen neben dem Fürstenzug einher, der sich zur Heleiligen Hütte des Herrn begibt. Die zwei Mohren bleiben hinter den Ältesten zurück, um Kahathael den Anblick seines Jungen zu ersparen, während Pagiel zu den sieben treuen Fürsten geht.
Auf Moses Antlitz ist der heilige Gewitterblitz vergangen; doch nun ist‘s überschattet von der Trauer, die gleichfalls heilig ist. Männer, Frauen und Kinder folgen bedrückten Herzens nach, und mit sehr großem Abstand auch die Rotte. Am Lagerwall angekommen, erhebt sich bei der Hütte Gottes ein ganz gewaltiges Feuermal. Selbst die Frommen treibt es im Schreck zurück, während die Rotte heulend in ihre Zelte rennt und sich verkriecht. Wie ausgestorben bleibt das Lager bis zum Abend. Ein paar Männer gehen furchtsam zu den Kralen, um das verschmachtete Vieh zu tränken. Als auch die Treuen fliehen wollen, beruhigt Mose sie und betet sein zweites Gebet, der Herr möge seinen Zorn verlöschen lassen. Als er geendet hat, hebt sich die Lohe in den Himmel, und nur ein Flammenfinger bleibt noch auf der weißen Wolke haften.
Am Lagerausgang sammelt sich ein grauer Zug: die Aussätzigen. Sie müssen die Gemeinschaft meiden. In einem Haus am Wall hantiert ein Arzt. Fortgesetzt brennt Wacholder. Dort erhalten sie vier Dinge, die die Armen auch in ihrem toten Leben brauchen. Und das sind der Wasserkrug, die hölzerne Waschschüssel, ein Messer und eine Schlafdecke, aus Kamelhaar gewebt. Diese Anordnung traf Mose schon beim Auszug aus Ägypten. Es darf niemand die Verbannten hetzen, wie es oft geschieht, wenn Mose ferne ist. Er ahndet solche Üheltat. Stets ist es seine erste Sorge, bei jedem Lageraufschlag ihnen einen Ort zu geben. Jetzt liegt nicht weit ab ein breiter, tiefer Graben mit brauchbaren Höhlen. Es mochten einstmals Räuber oder Wüstenscheiche sich die Verstecke zugerichtet haben.
Gleichzeitig war der Graben eine Todesfalle, da er, durch Gestein und Sanddünen geschützt, erst dann eingesehen werden konnte, wenn man unmittelbar vor seine Ränder kam. Stürmende Reiter waren unrettbar verloren. Nun dient er den Verbannten zu einem guten Auenthalt, wie Mose ihn bisher noch nie gefunden hatte.
Der graue Zug geht schleppenden Ganges dem Graben zu. Kahathael ist der Letzte. Als er seine Sachen vom Arzt erhalten hat, wendet er sich nochmals um. Mose kann das arme Antlitz deutlich sehen, die Qual, die Last, die in kurzen Stunden tiefe Runen grub. Er hebt beide Hände hoch, mit ihm Josua, Nun, Eleasar und Ithamar, und der Knecht des Höchsten spricht:
„Seid gesegnet aus Gott, Der alle Schuld vergibt, Der eure Sünde tilgt! Tragt nun ohne Murren euer Los und reinigt eure Seelen, die kränker sind als euer Leib. Wir vergessen euch auch nicht; denn der HERR vergißt uns alle nicht. Er möge über euch Sein Erbarmen breiten und euch in Seinen Frieden hüllen.“ Die Grauen warfen sich nieder in den Sand und stehen erst nach einer Weile lansam wieder auf. Einer nach dem anderen verschwindet in dem Graben.
NEUOFFENBARUNG