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5. Kp Die getreuen Mohren, der Arzt und Gottes Wort an Josua. Gnadenreiche Nacht

Mose geht durch das furchtbare Schweigen des Lagers, begleitet von Josua, den Fürsten Nathanael, Eliab, Abida und Pa giel aus den Stämmen Isaschar, Sebulon, Benjamin und Asser, und von zwei Rotten Wächtern eskortiert. Die Waffen klirren leise. Der Fackelschein beleuchtet ein grauenvolles Durcheinander. Niemand spricht. Mose ist so in sich gekehrt, daß ihn keiner anzureden wagt. Der Tag hat Lasten ausgeworfen, kaum noch zu ertragen. Mit einem Händedruck wünscht ihm jeder wortlos Gute Nacht; nur die Waffenträger rufen es gedämpft. Josua kehrt mit bei Mose ein, dem die Mohren schon das Lager, dazu Speise und den Abendtrunk gerichtet haben.

Er wehrt ab. Wie könnte er nach solchem Tag und nach dem, was der HERR mit ihm geredet hat, an seinen Magen denken? Auch braucht sein alter Körper nur sehr wenig. Jetzt allerdings sinkt er in sich zusammen, fast wie Kahathael unter Gottes Abrechnung. Er muß den Mantel tragen. Ach, der wiegt viel schwerer als alle Mühe, die die letzte Zeit, das Schreckliche von heute mit sich brachte. Und die Schwere — heißt sie nicht ‚Unverdient‘ — —?

„Empfinde Gottes Gnade nicht als Last“, blättert Josua das Innere des Großen auf. „HülIe deine Mühsal in den neuen Mantel; und wenn du schläfst, dann werden Boten aus dem Licht ihn vor des Höchsten Rechtsstuhl auszuschütten wissen! Auch solltest du die Liebe deiner Diener anerkennen, indem du Speise zu dir nimmst. Du hast heute nichts gegessen und keinen Trunk getan. Die nächsten Tage werden von dir fordern, was vierzig Jahre hinter sich gelassen haben. Ferner wollte ich noch etwas mit dir reden, was geschehen kann, wenn du auf deinem Bette liegst.“

O wie gut tut Mose dieses Wort des Freundes, den der Herr an seine Seite gab. Aber hat er nicht um sich noch mehr Getreue? Wie undankbar von ihm, allein die Lasten zu bedenken, wo der Höchste heute Seinen Segen über ihn in Fülle ausgegossen hat. War etwa nicht die Abrechnung ein hoher, wunderbarer Lohn? ‚Ich muß in meinen letzten Lebenstagen noch viel lernen‘, seufzt er leise vor sich hin. Dann greift er nach dem Becher und dem Mahl. Wie Kinder freuen sich die Mohren, als Mose ißt und trinkt, was ihre große Liebe zubereitet hat. Sie wissen mehr als nur die Ahnung, daß ihr Herr nicht lange mehr bei ihnen bleibt. Treue Liebe soll auch Josua erhalten; doch in einer Herzensfalte wird bloß Mose wohnen.

‚‚Mein lieber Sohn, was willst du sagen?‘‘ Josua nimmt eine weiche helle Decke, die er eigenhändig über Mose breitet.“ Liegst du gut?“ „Wie in Abrahams Schoß“, haucht der Müde, dessen oft wiederkehrendes Fieber auszubrechen droht und das er nie beachtet hat zum Gezeter seiner Mohren und zum Grolle seines Arztes, der ihm deswegen vor fünfundzwanzig Jahren einen raschen Tod verkündete. Noch kürzlich klopfte Mose ihm die Schulter: „Ich muß lange warten, bis deine Prophezeiung in Erfüllung geht. Welches Orakel gab sie dir?“ „Du wirst‘s erleben“, hat der Arzt gewarnt, „du bist einmal weg, ohne es zu merken.“ „Sehr leicht möglich; und diesen Hinweis gab dir der Gott Israels ein“, erwiderte er darauf.

Daran denkt er, als seine Pulse hämmern. Einigemale dreht sich ihm das Zelt im Wirbel, daß er den besorgten Blick nicht sieht, der auf ihm ruht. Ein Mohr flitzt wie ein Windhund fort. Der Arzt muß kommen, und läge er im tiefsten Schlaf. Der Gang ist gut; doch die Nebel legen sich und der Körper, durch den rastlosen hohen Geist getrieben, tut wieder seine Pflicht, wenn auch recht schwach. „Ich höre; was wolltest du mir sagen, Josua?“

„Das Reden soll dich nicht belasten, Vater.“ Wenn sie unter sich sind, sagt Josua zu Moses Herzensfreude ‚Vater‘. ‚‚Ich denke an die Fürsten Ahira und Elizur. Ruben und Naphtali waren von der Hetzerei zersetzt. Ihrer viele kämpften mit der Meute. Zwar legten sie die Waffen nieder, als du aus dem Zelte kamst; aber sie und ihre Fürsten blieben hinter dir. Ich sah ihr böses Innere. Sie hätten uns den Rücken aufgespalten, wenn nicht Gottes Zorn und Schläge offenbar geworden wären. Das Gelöbnis sprachen sie ja mit. Danach war mir, als hätten sie sich fast geschämt, die hinterhältigen Wegelagerer zu machen. Gott schonte sie! Warum? Ist‘s nicht schlimmer, Treue zu geloben, und denkt nicht daran, diese einzuhalten? Sind die vier aufrührerischen Fürsten schlechter, weil sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube machten?‘‘

„Du hast recht, mein Sohn, betrachtet man in dieser Lage nur das Außere. Übrigens gestanden sie, als wir bei Kahathael waren, Ithamar ihr Übel, um ihre Herzen wieder zu befreien. Ithamar ist hierin unentbehrlich. Den größeren Geist hat Eleasar; das größere Herz aber Ithamar. Da beide Brüder eines Sinnes sind, so verkörpern sie die Weisheit und die Liebe, die in ihrer Paarung immer segnend wirken. Ithamar hat ihr Gewissen aufgerüttelt und Eleasar die Vernunft. Sie hatten sich gerade umgewendet, bevor Gott schlug.“

„Dann fällt diese Sorge weg. — Was wird morgen werden?“ „Warte, bis die Sonne kommt. Wir müssen früh das Lager inspizieren; es muß voll Grauen sein.“ „Das wohl! Vater Mose, überlasse mir die schwere Arbeit; ich hole mir Verläßliche und treibe sie zu Paaren, wenn sie nicht gehorsam sind! Du mußt ruhen und darfst nicht ins Lager gehn, damit …“ … „meine Prophezeiung sich nicht gleich erfüllt!“

Der Arzt ist eingetreten. Er kam auf seinem schnellen Maulpferd angetrabt, der Schwarze neben ihm, glänzenden Gesichts vor Schweiß und Stolz, „Wer hat befohlen, unsern Wundmann herzuschleppen? Der Tag war für ihn hart genug.“ Der Mohr kraulte sich seine Wolle. „Ganz recht hat er gehandelt“, rettet Josua für ihn die Lage. „Dein Herz stockte, wir hatten Angst um dich.“ Der Arzt hat schon den Puls gefühlt, einen Trank gemischt und gibt nun seine Anordnung.

„Hoffentlich wird sie befolgt“, sagt Mose. ‚‚Wie? Was?‘‘ fragt der Arzt. „Ah so, du gibst die Gesetze, alle andern haben zu gehorchen, ja? Der große Mose braucht es aber nicht!“ Wie das gemeint ist, wird verstanden. „Hm, denkst du? Die Gesetze gibt der HERR, und ich muß sie stets zuerst befolgen. Im übrigen will ich dich nicht kränken und verspreche dir, morgen nicht aufzustehen, wenn„ … wenn was …“ wenn es mir so geht wie vor fünfundzwanzig Jahren. Unwillkürlich lacht der Arzt. „Herr, du bist unverbesserlich!“

„Ich bin kein ‚Herr‘, nur für meine Diener, denen ich das nicht verwehren kann. Für Israel gibt es einen Herrn: den HEILIGEN! Und eines Vaters Kinder sind wir alle: unseres ewigen GOTTES! Trabe zurück und siehe morgen nach dem Graben, daß keins von denen, die heute einen Angehörigen verloren haben, zu nahe geht. Achte auch darauf, daß die Diener den Verbannten reichlich Nahrung bringen; und ihre Bitten sind möglichst zu erfüllen.“

„Wird besorgt. Denke jetzt an dich und ich bedenke deine Armen.“ „Gut, ich danke dir. — Laßt mich allein.“ Hinter dem Vorhang, den die Mohren vorsichtig vor das Lager ziehen, setzen sie sich wachend nieder. — Josua geht in sein Zelt. Noch hat er das schwere Schwert in seiner Hand, den großen Schild. Wie müde sind auf einmal seine Arme, wie müde erst sein Herz. Liebe hat auch für ihn gesorgt, und er wirft sich auf die Felle. Doch ihn flieht der Schlaf. Wie wird es werden, wenn Mose nicht mehr unter ihnen weilt? „Ach Herr, hilf mir, daß ich Dir einen brauchbaren Knecht abgebe. Freilich, Deinen Mose kann ich nicht ersetzen; auch genügt mir, wenn Du mit mir zufrieden bist.“

„Wenn dir das genügt, Josua, wird Meine Fackel dich umglänzen, daß Mauern fallen vom Schalle der Posaunen!“ „Herr!“ Josua fährt hastig hoch . „Bleibe, und höre Meiner Stimme zu. Bald habe Ich sehr viel mit dir zu reden; dann siehst du, was du jetzt noch nicht zu sehen brauchst.“ „Herr, welche Gnade! Hilf unserm Volk, segne Mose!“ „Ich werde immer helfen, solang die arme Tiefe Meine Hilfe braucht!“ Das Licht verlöscht, das am Eingang stand. Darauf schläft Josua ruhig die paar Stunden, die die Nacht noch übrig läßt. — Mose befühlt den neuen Mantel. Richtiger Stoff, denkt er.

Wie hat Gott den so natürlich hergestellt?“ Aber Mose, welch kindliche Frage! ICH bin der Schaffer aller Dinge, auch wenn sie durch der Menschen Hände wandern. Kommt nicht aus Meiner Kraft der Stoff, der geistige wie ebenso der materielle? Kam der Geist aus der Materie, oder umgekehrt? Wenn also, wie mag der Mantel Mir zu schaffen schwerer sein als die Gesetzestafeln, die auch für dich natürliches Gestein gewesen sind?“ „Herr, Herr, fange mir nur nicht mit Deinen Tafeln wieder an; da stehe ich in allzu großer Schuld bei Dir!“

‚‚Meinst du? Wenn dem so wäre, müßte es dich ja erleichtern, Mir deine Schuld zu bringen, weil auf diesem Wege Ich sie auch zu tilgen weiß.“ „O Herr, wieder hast Du recht. DU ganz allein!“ „Das sollte dich genauso wenig wundern wie der Mantel, der dich liebewarm umschließt.“ „Ja, mein Gott: nun wundert mich auch gar nichts mehr, außer — Deine Langmut und unvorstellbar hohe Gnade. Diese wundert mich, zumal jene Teile, die davon auf mich entfallen.“

„Mose, hör‘ Mir zu! Meinen Zornesarm habe Ich Mir von dir hemmen lassen; doch den Arm der gnadenvollen Langmut, der dich decken und heimtragen wird, hältst du nicht auf! Ich will deine letzten Tage lastfrei machen, darum gab Ich dir den Mantel. Da er gleichzeitig Lohn und Gabe ist, so gilt auch jene Last nicht mehr, die Ich mit dir Meiner Lebenstafeln und deines Zornes wegen abgerechnet habe und weil du MIR vorschriebst, Ich solle nicht mehr zornig sein. Und alles, du Mein guter Knecht, kam aus deinem reinen Herzen!

Siehe nun: Keine Schuld besteht vor Mir; denn Ich nahm den alten Mantel weg, das Leben dieser Erde mit allem Auf und Ab, mit deinem großen Können, deiner dankbaren ehrfürchtigen Hingabe an Mich, wie mancher Verirrung, die das Menschtum mit sich bringt. So tue nun in dieser Nacht vor Mir alle deine Sünden ab, weil du längst vor Meinem Antlitz Deiner Treue wegen rein geworden bist. Gib dich auch hierin einzig und allein in Meine Hand!“

„O allheiliger Vater, mein Heiland, mein Erlöser! DU hast mich erlöst! Es ist — verzeih — zuviel der Gnade; doch ich halte nimmer Deine Hände auf, weder so noch so, außer daß ich für das Volk noch bitte, Du mögest die Barmherzigkeit verlängern. Nun fahre ich in Frieden meine Straße hin; mir geschieht nach Deinem Willen.“

‚‚Also sei gesegnet! Und damit du weißt, daß unsere Rechnung gilt, wirst du den alten Mantel, den Josua erhalten sollte, morgen nicht mehr finden. Auf wunderbare Weise wird der neue ihm zuteil. Denn ich bin der Herr!‘‘ Die Lichtgestalt geht aus dem Zelt hinaus, daß sich die Vorhangtür bewegt und die kühle Nachtluft Eingang findet. Diese weckt die Mohren, die sich erschrocken ihre Augen reiben. Wie konnten beide schlafen? Vorsichtig schauen sie zum Lager hin. Doch ‚Gottes guter Knecht‘ schläft sanft, wenn auch die Krankheit nicht behoben ist. Still und fleißig schaffen sie an ihrer Arbeit, damit der Herr sich beim Erwachen freuen soll.

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