← Zurück zu „Die Unbekannten“

Kap. 13 – Schwere Fragen; Ein Gespräch mit Gott.

Schwere Fragen; Ein Gespräch mit Gott.

Kapitel 13

Doktor Strauber lehnte sich an die rauhe Wand des Raumes, in dem die Not aus allen Ecken grinst. „Was habt ihr denn? “fragt Beate. „Habt ihr Gott verloren?“ — „Beinah ist mir so zumute.“ Die alte und so gute Frau, die mit ihrem Wenigen geholfen hat, lag allein, die Nachbarn kümmerten sich nicht um sie. Der Brand hatte sich in ihrem Leibe eingenistet; sie trug die Schmerzen tapferer als mancher Mann ein kleines Weh. Und es gab keine Mittel (damals).

„Siehst du nicht, was geschehen ist?, was auf uns zuzukommen scheint?“ Jetzt erst sieht das Mädchen auf das bleiche Angesicht der Frau. Dies war gestern noch so schmerzverzerrt, währenddes die Lippen leise beteten. Nun sieht sie friedlich aus, wie es bloß bei guten Heimgegangenen vorzufinden ist.

„O Doktor, das ist die Erlösung, in der letzten Nacht gesehen! Ich soll nicht mehr ‚Engel‘ sagen“, flüstert sie ihm in das Ohr, „aber ‚er‘ war da und sagte, was ich nicht genau verstand: ‚Morgen hilfst du einer reinen Seele in das Himmelreich. Wo immer du die Hände regst, für Kranke und für Sterbende, da erfüllt sich unseres Schöpfer-Vaters heiligguter Wille.

Verharre in der Demut. Nicht du kannst etwas tun; du bist nur das kleine Werkzeug in den großen Händen unseres Vaters, des Heilandes von alters her. Sag‘ dem Doktorfreund, er solle nicht erschrecken. Wo das Vertrauen auf dem festen Grund des Glaubens steht, eben da geschieht stets Gottes Wille.

Mag es manchmal anders anzusehen sein, mögt ihr bangen und euch sorgen, weil die Weltlichen die Lichtgesandten auszurotten suchen. Für alle steht auf GOTTES Grund: bloß zeitlich darf die Finsternis ihr Wesen treiben, als ob sie ganz allein die Mächtige auf dieser Erde sei. O nein, nie besitzt die Finsternis die Macht! Es gibt eine hocherhabene Schöpfermacht im Feuer Seiner Herrlichkeit, und diese läßt es zu, führt es so, daß die Hölle wirkt, um ihre armen Kräfte dadurch, zu verlieren.

Gib deinen Lieben Gottes Wort der Gnade, ich darf dich führen und ist meine Himmelsfreude, weil du mir willig folgst. Du spürst es selber nicht, es ist dir wie ein Drang, das zu tun, zu reden, als käme es aus dir. Dennoch weißt du es: des lieben Vaters Gnade ist es allezeit. Er segnet dich und deine Lieben.‘ “

Jäh hält Beate inne. „Wie kommt es, daß ich wiederholen kann, was ‚er‘ zu mir sprach?“ — „Das weiß ich nicht, außer, wir stehen unter einem Gnadenbogen, wie nie erfunden ward. Oder — ? Freund Sinkmann predigte einmal vom ‚Bogen‘, den der Herr nach jener großen Flut zum Himmel hob (1. Mo. 9, 13). Als Symbol zeigt sich ein Regenbogen. So — vielleicht —“ sinnt Strauber leise weiter, „offenbart sich Gott der Herr, immer dann und wann, dennoch wohl zu jeder Zeit. Er ist allgegenwärtig, wir Menschen merken es nur nicht.“

Da ist es beiden, als flöge durch den kargen Raum ein Licht. Sie stehn am Lager, der große Mann, das Kind, sehen auf die vom Frieden Eingehüllte nieder. „Endlich hat sie ausgelitten; es ist ein Wunder Gottes“, glaubensvoll gesagt. „Nach menschlichem Ermessen hätte sie noch lange leiden müssen. Ich weiß es ja, wie solch ein Wurm“, er meint den Brand, „die Eingeweide frißt (eine Art Krebs), bis das Herz von selber stehen bleibt.

Nun ist sie erlöst und . . .“ — „. . . selig heimgekehrt in ihres Vaters Haus“, ergänzt Beate. „Durch dich, mein Kind! Ich kann es gar nicht fassen; es ist der erste Fall, der mir so begegnet ist. Bei manchen Kranken legtest du die Hand auf eine heiße Stirn, auf schmerzende Gelenke, daß die Leute zu mir sagten: ‚Ihr habt mir geholfen.‘ Sie dachten an die Salbe oder an den Tee und war es für uns beide gut, weil sie an die äußerliche Hilfe glaubten.

Du hast es selbst erfahren, wie abergläubig viele Menschen sind. Leider! Das ist nicht ihre Schuld. Man hat das Volk absichtlich in die Niedrigkeit gedrängt. Wenige konnten sich daraus befreien. Ein solcher ist dein lieber Vater. Nun, er stammte wohl aus einem hohen Haus, worin Einsicht, Glaube, wahre Liebetat regierten. Immerhin — selber hat er sich herausgewunden; denn nach dem Verlust des Vaterhauses war er auch ein Armer unter Armen.

Wir dürfen uns nichts merken lassen, Beate, und von dir kann ich das Wort verlangen: verschweige deine Gabe! Wo nötig, laß mich für dich reden. Ich will meine kleine Helferin doch nicht verlieren!“ An den Moloch dieser Welt, fügt er in Gedanken an. „Doktor“, beinah wie fröhlich leuchten jetzt die hellen Kinderaugen, „ich kann doch gar nichts tun? Segnet uns der Herr, gibt ER uns ein, was zu tun, zu lassen ist, so sind es SEINE Hände, die uns führen, SEINE Worte, die zu uns kommen, die wir weitergeben dürfen. Alles kommt allein aus Seinem Licht.“

O teures Kind! Strauber drückt es fest an seine Brust, schließt dann die müdgebrochenen Augen, deckt über sie ein Tuch. „Ich bringe dich nach Hause, dann hole ich die Totenfrau; es ist besser, wenn die Tote gleich zu Grabe kommt.“ Er verschweigt, daß diese schon verwest. Daraus könnten üble Dünste auf Gesunde kommen.

Auch er, der brave Arzt, hat eine wunderbare Führung, er glaubt es für sich aber nicht. Gemerkt — ja, wähnt sich unwürdig der direkten Gotteshand, hat recht lang gebraucht, bis er wirklich gläubig ward, wie der Pfarrer, Meurer und das Kind! Solch Gedanken gehen in ihm um, als er, nachdem Beate wohlbehalten heimgekommen ist, die Totenfrau zum Hüttenlager bringt.

Unwirsch wehrt sie ab, als Strauber ihr ein Tuch über Mund und Nase bindet, ehe sie ans Lager treten. „Das hab ich gern“, faucht sie hinter ihrem festgebundenen Tuch. „Mir sind die Toten Freunde, Doktor, merkt euch das!“ — „Gut gemerkt, Höckerin“, so nannte man die Totenfrau, die an einem Grab sich eine Weile betend niederhockte. Die sprach stets für sich: ‚Nun hab‘ ich dir, liebe Seele, auf der Welt dein letztes Bett gemacht, dich zu Grab geleitet; ich wünsch‘ dir eine frohe Hinnefahrt (Himmelfahrt).‘

„Hör zu“, spricht Strauber, „das Weiblein hatte einen bösen Brand und ist gut: das Herz versagte. Der Körper ist schon am Verwesen. Atmest du da etwas ein, kann die Krankheit dich befallen. Ich rate dir: tue stets ein Tüchlein um, unsere lieben Toten legen dir es freundlich aus.“ — „Denkt ihr?“ Sie sieht den Doktor zweifelnd an, danach die zugedeckte Leiche.

„Laß den Kasten (Sarg) bringen, legt sie zugedeckt hinein. Weil die Arme niemand nahestehen hat, ist es besser, man trägt sie fort. Gehab‘ dich wohl, Höckerin.“ Er steckt ihr eine Münze zu, das sogenannte Leichengeld, das ansonst Anverwandte geben. „Ihr seid immer freundlich“, dankt die Frau, „obendrein die Münze.“ Sie läßt sie in die Tasche ihres dunklen Rockes fallen.

Strauber sucht zuerst den Pfarrer auf. Ihm berichtet er, was sich zugetragen hat. Tief berührt aber nicht erstaunt, hört dieser zu. Ein feines Lächeln huscht ihm über das Gesicht. „Unsere Beate, unser Kind“, sagt er. „Ja, sie ist wahrlich ‚unser Kind‘ geworden. Habt gut geholfen! Das darf niemand wissen außer den Vertrauten, welche Gabe uns geworden ist. Ziehst die Augenbrauen hoch, lieber Pillenmann, von wegen ‚uns‘?

Wir haben durch Beate das Segensheil empfangen. Hat der Herrgott nicht uns allesamt den Weg gewiesen und uns die neue Heimat finden lassen?“ — „Habt recht, seid auch Pfarrer! Doch extra ist auch euch zu danken. Denke ich ans Moor zurück, und wie ihr Nacht für Nacht den weiten Weg bewältigt habt — oh! Ein hochgeachteter Mann, ein Kind, beide brachten uns die Hilfe.

Wäre es allein das Mädel, wer von uns hätte acht darauf gehabt? Du liebe Zeit: kindliches Geträume! So hätte man es abgetan. Denke aber jetzt ans Heilandsbild: Er rief die Kindlein zu Sich hin. Nun ist über euch der Beweis gekommen, was für uns große Leute heilsam war. Oder nicht?“ — „Das mag gelten. In unserer ach so schweren Zeit muß man auf alles doppelt achten, was verbreitet wird: Wahrheit und — viel Lüge, viel Betrug.“

Beide Männer seufzen. „Wollen Schöber unterrichten, damit nicht was Falsches ausgetragen wird. Ihr seid beim kranken Weib gewesen; nun sie plötzlich starb, dazu im Beisein von Beate — erst kürzlich hörte ich mal um die Ecke — wollte in die Hegegasse, drei Weiber und zwei Männer tuscheln: ‚Manches geht hier nicht mit rechten Dingen zu. Der Doktor hilft zwar wie und wo er kann, aber weshalb nimmt er oft das Mädel mit? Das sieht gar so —‘ Weiteres konnte ich nicht hören, die Tratschen gingen fort. Auf dem Fuße folgen konnte ich ja nicht; hätte es zu gern getan.“ Grimmig sieht der sonst gute Pfarrer drein. Strauber ballt die Fäuste.

„Wißt ihr, wer die waren?“ — „Höchstens jene mit der grellen Stimme; höre sie im Kirchenstuhl, wenn sie betet. Brüstet sich als fromme Frau.“ — ‚ ‚Hach, das sind gewiß die Frömmsten, an denen unser Herrgott zweifelhafte Freude haben mag!“ — „Die hab‘ ich auch!“ Sinkmann setzt sich nieder, schenkt in zwei Becher einen Wein, der hierzulande besser ist als im verlorenen Zuhause. „Trinkt, Doktor, manchmal muß man sich den Ärger ‘runterspülen.“

„Ärgern sich auch fromme Pfarrer?“ Beide Männer spülen sich den Ärger in die Kehle. „Doktor, ich denke oft: Herr, wie mußt Du Dich wohl über Deine Menschen ärgern. Gibst ihnen so viel unentwegten Segen. Jedes Jahr Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und hat jede Zeit ihr Privileg. Die bunte Flur erfreut das Auge, Ernten bringen Nahrung und Genuß. Trotz Mißstand geht die Menschheit vorwärts; neben Gutem, was erfunden wird, leider leider viel mehr Arges. Wie das einmal enden wird — — ?

„Darauf findet keiner eine Antwort, weil ‚man‘ gar nicht an das Ende denkt. Der einzelne nicht an seinen Tod, hab‘ es freilich aus dem Glauben, durch euch, Pfarrer, und durch unser Kind gelernt. Hm, sage auch gern ‚unser Kind‘, daß ich mich befrage: wie wird deine Heimfahrt sein?! Doch das ganze Menschenvolk? Freund Sinkmann, man ahnt es: das fährt insgesamt in seine Hölle, in die selbstgebaute! Nennt man chaotischen Untergang.“

Lange schweigt der Pfarrer. Wie ist sein Gemüt beschwert; er hat manches Bild gesehen, im Traum, in Wirklichkeit, und hatte an den Patmos-Seher denken müssen. Erst kürzlich hat er eine kleine Teilschrift zugeschickt bekommen, die hat sicher Luther übersetzt. Was darin steht — o Gott, erbarm Dich Deiner Menschenkinder, wenn einst Deine Schwerter-Engel niederfahren!

„Wie ist‘s, ob wir beide, Meurer und Schöber uns zusammensetzen? Der Stadtmann wird schon seine Leutchen kennen und die Kreischende zu fassen wissen. Noch sind wir hier wie abgeschirmt; doch habe ich ein komisches Gefühl, etwa so: Die Herde ist auf einer Weide, heutzutage muß man sie hier freundlich nennen im Gegensatz zu anderen Gebieten. Na, zitiere wieder einmal eure Predigt: das Paradies, herrlich, außen schleicht die Schlange hin und her, wie sie sich Eingang schaffen könne.

Wenn nur die dunklen Kuttenmänner uns nicht überfallen, ist meine große Sorge.“ — „Meine auch, Doktor! Mir ward heimlich zugetragen: das ganze Dorf, aus dem Meurer und die anderen entkommen sind, ist längst verweht. Die Leute hat man alle umgebracht und waren ohne Schuld. Niemand hatte unsere Flucht erfahren. Sogar der Huber samt Familie wurde nicht verschont. Es wird bereits gesagt, die Hohen von dem Kuttenorden hätten angeschafft, zum Norden aufzubrechen, um das — wörtlich — verdammte Lutherland mit Pech und Schwefel auszurotten, schon wegen Worms.“

Da sitzen sie, die treuen Männer, Angst im Herzen; nicht zuerst für sich, obwohl sie auch betroffen sind. Ach, für allesamt, für die Freunde, die lieben Glaubensleute, für das ganze liebe Land. Es hat schöne Dörfer, traute Städte, treue Menschen, die echt an Gottes Vaterliebe glauben. Ja, da mag man denken, daß schon bald ein Engel des Gerichts herniederfährt. Wen wird er treffen? Bloß die Argen? Eine Frage an das Schicksal; denn sie an GOTT zu stellen — frevelhaft, denkt der Pfarrer.

„Heute abend, bei Schöber.“ Mehr sagt Strauber nicht, gibt dem Pfarrherrn eine Hand, zwingt in seine Augen einen glaubensvollen Schein, der nicht in seinem Herzen wohnt. Genauso kommt der Blick zurück. „Ich suche Meurer auf. Wir Männer treffen uns; mag unsere Frauen nicht beschweren, noch nicht.“ — „Ganz meine Meinung“, sagt der Arzt und geht bekümmert fort.

Er erzählt am Abend, sachlich, eindrucksvoll. Außer Sinkmann, der die Sache kennt, halten sich der Bauer und der Stadtmann erst zurück. Man muß das erst verdauen; hier zumal der Vater, der sein Kind gefährdet sieht. Es kommt schon nicht mehr darauf an, ob noch keine ‚Kutten‘ hier zu sehen sind; jetzt weltliche Gerichte sind dabei, inquisitorisch vorzugehen. Dann ist Beate eine ‚Hexe‘; wer mit ihr verbunden ist, fällt samt und sonders in den Teufelskreis, wie man dies nennt.

Schöber beruhigt den Bedrückten. „Sei nicht zu bang; kenne ja die Tratsche. Die soll mich kennenlernen! Die ‚saß‘ schon mal paar Tage; nur mit Verwarnung. Ich werde . . .“ — „Bitte“, fällt der Pfarrer ein, „keine körperliche Strafe! Wir wollen uns nicht auf den Stand der Finsterlinge stellen. Es würde zu viel böses Blut erweckt, und wir Protestanten müßten drunter leiden, nicht zuletzt die Frauen und die Kinder.“

„Was erregt ihr euch? Oh, das hätte ich niemals getan! Bin sogar dagegen, irgend jemand anzuprangern. Diesmal möchte ich es tun, nur nicht ohne Schutz von ein paar Knechten. Man soll das Weib bloß aus der Ferne sehen, man darf sie nicht berühren noch bewerfen, wie es leider üblich ist. Würde sie bloß eingesperrt, das hülfe bei der nichts! Wird sie einmal öffentlich ‚gestellt‘, da mag es sein, daß sie in Zukunft ihre Zunge hält.“

Meurer und der Arzt geben schweren Herzens nach, es könnte wirklich helfen. Sinkmann sieht beklommen drein. Freilich, ein Exempel könnte mal nicht schaden. Wird aber hinter Tür und Riegel nicht geschwatzt? Man zähmt eher einen Löwen als solche Zunge. Das sagt er auch, und man gibt ihm recht.

„Bleibt der Sache fern“, mahnt Schöber. „Ich bringe es im Rathaus vor, wenn der Bauherr, überdies“, fügt er ein, „ist er mit Berthold sehr zufrieden. Er wundert sich, wie du als Bauer so schnell in die Arbeit kamst, also: wenn der Bauherr, der Gemeindeschreiber und der geistliche Gerichtsherr mit am Tische sitzen.

Letzterer ist ein patenter Mann. Ihr kennt ihn ja. Ihm gilt sein Titel, den man ihm verliehen hat, so gut wie nichts. Zu euch gesagt: er ist ein ‚Lutherer‘, wie er sich selber nennt. Bloß öffentlich darf es keiner wissen, weil er sonst nicht helfen kann, wie er immer gerne möchte“.

„Wann soll das sein?“ — „Schon morgen; je eher ausgekocht, um so besser ist das Resultat. Alsdann können so die Schwätzer nicht mehr lange wühlen. Ich gebe euch Bescheid; wenn öffentlich, laßt keine Frau, kein Kind zum Markt.“ — „Dafür sorge ich“, verspricht Meurer. „Möge die Aktion im Guten enden“. — „Hoff‘ ich stark. Jetzt noch ein kleiner Trunk, dann geht nach Hause. Es ist nicht spät, kann daher niemand spionieren.“

„Verzeih, Freund, laßt mich bitte gehen.“ Sinkmann steht auf. „Es ist nicht gegen euch gemünzt, nicht gegen das, was ihr zu tun gedenkt. Mich treibt es heim. Beate spürt genau, wenn was Ungutes in Erscheinung tritt; sie soll nicht ängstlich werden. Berthold, bleib du da, kommst später nach.“

Zwar wird der Pfarrherr nicht gern fortgelassen; allein wie oft hat man erkannt, wie gut sein Handeln war, beim Gehen oder Bleiben. Er darf offen predigen. Die Freunde wundern sich, wie geschickt er beide Lehren bestens zu vertreten weiß: die katholische so wie die evangelische. Das kommt daher, weil es für ihn nur eine Lehre gibt, eine Wahrheit: das WORT GOTTES!

Ist es Gottes Sache, weil die Kirche, die ihm zugewiesen worden war, keine freien Plätze hat, oft viele Leute in den Gängen stehen müssen und keiner fragt: wer ist mein Nächster, Freund oder Feind, katholisch oder evangelisch? Herz, jauchze und danke deinem Herrn; denn Er ist freundlich, und seine Güte währet ewig! Das steht in Seinem Plan, was hier geschieht. Er segnet alle Kinder. Er fragt nicht nach äußerlicher Norm. Ja, Er fragt:

„Bist du willig, liebes Kind? Liebst du Mich, Meine Lehre, Mein Gebot? Und hilfst du jederzeit dem Nächsten, so gut du es vermagst? Sprichst du gegen niemand irgendwelche argen Worte? Willst du Mir alles sagen, deine Sünden oder was dein Herz beschwert? Öffnest du Mir deine Türe, daß Ich Wohnung nehmen kann, ohne Mich zu wenden, wenn du Mir nicht wohlgefällst? Kannst du dich hingegen beugen, bis du nichts mehr bist als ein winzig kleiner Funke Meines Lichtes, Meines Geistes hoher Herrschaftslohe?!

Sieh, Mein Kind, ICH frage dich und du sollst schweigen. Oh, der Mensch stellt an Mich tausend Fragen und noch mehr. Er wartet gar nicht ab, ob Ich eine Antwort gebe. Seine Fragen sind oft Klagen, Anklagen wider Meine Gnadenhand, die jedes Kind zu führen weiß, und zwar so, wie es zum Heil der Seele ist!“

„Herr, o Gott, wo kommt die Stimme her?“ Sinkmann sitzt allein in seinem Stübchen. Berthold Meurer ging zu seinen Freunden, um ihnen einen Wink zu geben. Helene und die Kinder lesen hinterm Haus das Fallobst auf. „Vater, lieber Vater, hast Du mich gemeint? Gelten Deine Fragen mir? Muß ich mich noch vielmals wenden, ehe ich einmal Dein hehres Antlitz sehen darf? Wann — ich weiß es nicht und hiernach will ich gar nicht fragen.

O sieh, vergib, nun hab‘ ich Fragen vorgebracht und hast es mich so deutlich wissen lassen: nicht wir sollen fragen; demütig ist zu warten, bis Du Dich in Deinen Herrlichkeiten offenbarst. Getreuer Gott, Heiland der Verlorenen, Vater Deiner Kinder! Hilf mir bitte, bis ich werde, bis ich Dir wohlgefällig bin. Nichts anderes will ich erbitten als die Gnade, um im Dienst zu Dir zu helfen, auch so gut, als mir es immer möglich ist.

Das Menschliche, o Heiliger, es hinkt meist hinterdrein. Ja, der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach (Matt. 26, 41). Doch DU gabst jedem Kinde einen Funken aus dem Geist der Gnade; so hast Du uns an Dich gebunden: wir sind Dein!“ Und wieder hört er neben sich das wunderbare Säuseln, eine Stimme, die die Welt nicht kennt, noch hat; und ist wie Windesbrausen, das finstere Gewitterwolken von dem Himmel treibt.

„Halte Meine Fragen fest und predige davon. Das Gemüt muß wachgerüttelt werden, das Herz erstarken; denn wenn die schwarzen Stürme kommen — ja, bringe Mir jetzt keine Sachen vor, ihr hättet schon viel Sturm erlebt —‚ dann schweiget mit dem Munde, laßt die Hände dienen, und die Liebe soll Regentin sein!

Weise immer auf Mein Heilandsleben hin, und was Ich zuvor getan als allmachtsvoller Schöpfer-Gott, was Ich noch tue, wenn die große Hilfe nötig ist. Meine Hilfe ist zwar immer groß, dessen sei gewiß, Mein Sohn. Aber wie sie angesehen wird, darauf kommt es an. Groß und viel sind Meine Werke, ohne Anfang, ohne Ende, wie ewig Meine Güte ist (Ps. 104, 24)! In diese habe Ich Mein Kindervolk beschlossen, eines wie das andere!

Manche stellten sich zwar selber aus der Gnadengrenze, allein: Keine Ferne ist so fern, als daß sie nicht in Meiner Nähe wäre! Noch geht dir manches durch den Sinn. Keine Sorge: suchende Gedanken können Fragen sein, berechtigt vorgebracht, und sei gewiß, Mein Sohn: die erfreuen Mich, weil sie gern auf Antwort horchen, und ob Mein Geist der Antwortgeber sei. Das stimmt!

Weil Ich erst die Fragen als nicht gut bezeichnet habe, jetzt Mir wohlgefällig sind, da überlege dir, ob es keine Unterschiede gibt. Kannst du Mir eine Antwort geben, so wird sich‘s zeigen, wie weit du auf der Himmelsleiter hochgestiegen bist. Du meinst, du stündest auf den untersten der Sprossen und wäre vielleicht gut für dich. In Hinsicht echter Kindesdemut, die nicht unterwürfig ist, gilt dein Gedanke und ist von Mir gesegnet.

Gut ist, sich auf dem unteren Teil der Lichtleiter zu befinden, so auch etwa erst am Anfang eines Weges, der zum hochgesetzten Ziele führt. Das seh‘ Ich wohlgefällig an und hebe jedem solchen Kinde seinen Anteil auf, der — mit Meinen Vateraugen angesehen — mehr ergibt, als was ein Sohn, eine Tochter von sich denkt. Nun zeige, ob sich mit suchenden Gedanken gleichfalls die Verbindung zwischen Mir und dir ergibt.“

Wieder ist‘s die heiligernste Stille, voller Himmelsfreude, als würde er, der arme Pfarrer, nicht mehr auf der Erde sein. Hm, soll er reden, soll er bloß denken? Hört er aber ach die gute Stimme, könnte er da nicht auch sprechen, als ob er seinem Schöpfer-Vater gegenübersteht? Er weiß nur nicht: sind es laute Worte, kommt es leise von den Lippen und kann doch mächtig sein, als ob es von der tiefen Welt zur höchsten Höhe Gottes dringt — ?

„O hochgeliebter Vater der Barmherzigkeit, wenn ich bedenke, wie Du uns, mich, aus größter Not errettet hast und nun väterlich zu mir gekommen bist, zu mir Sünder, der ich vieles gutzumachen habe, schier möchte mir mein Herz zerbrechen, daß ich stille steh‘ vor Deiner Heiligkeit! Du hast ewig recht, wenn Du die Fragen Deiner abgeirrten Kinder unzuträglich nennst. Aber könnte man nicht Fragen stellen, um Deine Lehre zu erhalten? Es gibt für uns Menschen viele dunkle Rätsel, die nicht zu lösen sind, außer, DU gibst darauf die Antwort und vielleicht insoweit etwa nur, als wir Menschen das verstehen lernen: zu schauen, zu erkennen, soweit es uns auf unserem Wanderwege dienlich ist.“

„Gut bedacht! Traurig, dürften Meine Kinder Mich nichts fragen, weil Ich der Allmächtige, der Schöpfer aller Werke bin! Wer nichts erfragt, der lernt auch nichts. In Meiner Ewigkeit, verbunden mit der Kinder Wanderwege, gibt es viel zu lernen, damit jedes selig und beglückt im Empyreum leben kann. Ist der Weg durch die Materie versunken, gibt es noch viel aufzunehmen. Denke drüber nach, ob die höchste Freude nicht gerade darin liegt, von den Herrlichkeiten Meines Wortes, von all dem zu erfahren, was Ich für Meine Kinder vorbereitet habe und — aufbewahrt zu jener Zeit, wann dies gegeben werden soll. Also frage, und Ich gebe Dir die Antwort.“

„Das ist zuviel der Gnade! Ich sehe mich nur als ein Würmlein an, zu Deinen Füßen liegend und . . .“ — „Halte ein, sonst bist du in der Tat ein Wurm. Doch auch diese habe Ich zum Dienst erschaffen, wie es dir noch nicht erkenntlich ist. Das überlasse aber nun jetzt Mir und sei ein Sohn, was Mir ewig lieber ist. Oder nicht?“

„O Vater, die Worte fehlen mir, um Dir zu danken, daß es Dir zum Wohlgefallen sei. Nun darf ich fragen, mein Herz ist weit, aufzunehmen, was Du mich lehren wirst. Zuerst: was bedeutet ‚Empyreum‘? Habe dieses Wort noch nie gehört, möchte aber meinen, daß in ihm viel Herrliches enthalten ist. Und eine schwere Frage: kaum getraue ich sie Dir zu stellen. Sie hat mich oft bedrückt, weil mir keine Klarheit werden wollte.“

„Weil du aus dir selber finden wolltest! Ist zwar nicht falsch, duck‘ dich nicht, es war keine Rüge. Selber suchen und somit finden kann ebenso durch Meine Lehre gehen, wie wenn man Mich befragt und ICH gebe ihm die Antwort. Wer im Aufblick zu Mir sucht, der tut gut und er wird finden. Das Lichtwort ‚Empyreum‘ brauchst du dir nicht unbedingt zu merken. Bist du einmal heimgekehrt, wirst du bestens wissen, was damit verbunden ist, nämlich: Meines Lichtes Gnadenplatz für alle Kinder, ausnahmslos, wenn einst das Letzte seinen Heimweg gehen konnte. Nenne es noch Lichtgefilde und weißt du dann, was es für Bewandtnis mit dem Namen hat.“

„Das ist wunderbar, bin schon voraus getröstet, wenn meine andere Frage eine von den unangebrachten ist. Ach guter Vater, wir dürfen ja mit allem zu Dir kommen; was uns frommt, das gibst Du uns. Wozu uns noch die Reife fehlt, breitest Du das ‚Tuch der Zukunft‘ aus, und dann fließt hervor, wann und was Du für gut ersiehst, stets zum Segen und zum Heil. Nun das Bittere:

Du hast Deine Werke wunderherrlich hergestellt, nichts ist daran mangelhaft. Herr, Du machst keine Fehler! Als Heiland hast Du es gesagt: wir, auf dem Erdenweg begriffen, sollen ‚werden‘, in jener Angleichung, wie ‚vollkommen der Vater ist‘! Ist er, also Du, vollkommen, warum sind die Menschen böse, ohne Glauben, martern Mensch und Tier? Und die Großen, Reichen, frönen ihren Leidenschaften? Du hattest jedem Kinde, also auch den Menschen, aus Deinem Geiste einen Anteil hergeschenkt, und Dein Geist ist ewig gut!

Ob nun bloß ein Fünkchen — es ist Geist und — gut, weil in Deinem Gnadengeiste alles gut, vollkommen ist. Und nun — nun dieses Böse sondergleichen ‚im Namen Gottes‘ angesagt. Dein Hoheitszeichen der Erlöserliebe heben sie empor und sehen zu, wie arme Leute fürchterlich zugrunde gehn! O Herr, vergib, da komme ich nicht mit!“ Ein Schluchzen schüttelt Sinkmann, kaum hörbar, weil der ganze Dialog in lichtgeheimnisvoller Weise vor sich geht. Aber welche Seligkeit bereits auf Erden: Gottes väterliche Hand liegt auf dem gebeugten Haupt und ist Seine Kraft, die den Menschen in die Höhe richtet. Dazu das Wort:

„Sohn, glaube an das ewige Vollkommene Deines Vaters und Seiner Werke, wobei an erster Stelle Seine Kindgeschöpfe stehn. Du hast das verwechselt: ward ein Kind aus der Vollkommenheit des Schöpfers ausgeboren und es wäre nicht mehr wandlungsfähig, brauchte nicht zu sein, oder gehen mit der rein geschöpflichen Vollendung andere Dinge mit einher?

Zuerst gab Ich die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten bei, ohne welche höchste Seligkeit nie zu erlangen ist, weil der Begriff des Seligkeits-Empfindens den Kindgeschöpfen innewohnt. Die ‚gebende Seligkeit‘ geht vom Schöpfer-Vater aus. Das zweite Beigegebene ist die Freiheit. Die habe Ich aus Meinem Herrschaftswillen, Letzterer die ewiglich alleinige Schöpfer-Freiheit, auch im Anteil Meinen Kindern einverleibt. Denn sieh:

Geschöpfe schaffen, die weder vor- noch rückwärts gehen können, also rein schöpferisch Gebundene wären, sag‘ Mir an: welche Freude hätte ICH an solchem Werk?! Ich brauchte Mich hier Selber vor Mir anzusehen und Ich hätte, was in Meiner Macht verankert ruht! Sollte Ich Mir keine Freude schaffen, selbst wenn dabei ein Abweg bei den Freigeborenen möglich ward? Ja, Mir die Freude, euch die Seligkeit, Ausgleich Meiner Macht, Kraft, Gewalt und Stärke!

Der Mensch wird es nie voll begreifen, wie nebst geschöpflicher Vollendung das pur Eigene der Kinder so tief zu Falle kam. Jedoch weißt du schon: es hängt mit dem erstgeborenen Kind zusammen, mit dessen Fall, dem das Eigene viel höher stand als ein ‚Weg mit Mir‘! Ein Gang für sich, trotzdem unter Meiner Gnadenhand!

Halte auseinander: das Geschöpfliche, besser zu verstehen als das ‚Äußere‘ der Kinder, der Menschen, ist und bleibt gut, unabhängig davon, wenn jemand sich durch wüstes Leben selber viel von Meinem ihm verliehenen Edelgut zerstört. Das ‚Innere‘, das Leben als den erhaltenen Geist mitsamt der Seele, ist an die Wandlungsfähigkeit geheftet, weil auf solche Weise jedes Kind zur Seligkeit gelangt und Ich, Sohn, zu Meiner Schöpfer-Vater-Freude!“

Sinkmann ist benommen und hat doch ein überirdisch herrlichstes Gefühl, das rieselnd über seinen Körper rinnt, trotz der fragenden Gedanken und er darf sie äußern. „Dank Dir, Himmelsvater, weil ich ein Letztes Dir noch sagen darf. Ist das Äußere des Lebens gut und richtig, weil Du Deine Dinge gut und richtig machst, warum ist denn das Innere, Geist, Seele oder auch Empfinden, nicht vollendet? Von heiliger Vollkommenheit, Dir allein zu eigen, will und darf ich da nicht sprechen.

Sind Geist und Seele, also das ‚geistige Lebensherz‘ aus Dir uns überkommen, dann müßten diese doch weit höher stehen als das Äußere, Vergängliche des Körpers, den Du das ‚Geschöpfliche‘ nennst. In Hinsicht jenes ersten Kindes, über das Du mich belehrtest, müßte doch das Innere ganz im Vorrang gut vollendet sein, und das Äußere der Entwicklung unterworfen. Ist das erste so tief abgestürzt, unverständlich, weil du ihm zuerst aus Deiner heiligen Vollkommenheit das Leben gabst, frage ich nochmals zurück: Ewiger, Dir unterkommt in keinem Werk ein Fehler, weder einst noch später, weder bei dem ersten noch beim letzten Kind!“

„Dein Gedankengang ist gut, wenn er auch nicht jenen Hochstand hat, der im Reiche gilt und bei einer Heimkehr wieder zu erlangen ist. Immerhin — wie bei jedem Anteil aller Gaben ist hier Erkenntnis einzuheimsen; und dieser, Sohn, stehst du schon sehr nahe. Merke wieder auf, halte Dinge auseinander, zwar auf einem Boden stehend, die ICH für jedes Kind einheitlich geschaffen habe, die aber zur Benutzung freigegeben worden sind, auch da in einer Wiederholung: Mir zur Freude, euch zur Seligkeit!

Geschöpfliches Vollendet betrifft das ganze Kind: Geist, Seele, Lebensherz, Gemüt, und das Äußere, was die Gestalt betrifft, ob im Lichte lebend, vor und nach einem Beihilfsweg durch die Materie, ob als Mensch auf dieser Welt und anderen Stationen, zur Grunderlösung hergestellt. Von Mir! Dabei frage Ich einmal zurück und wirst du Mir wohl eine rechte Anwort geben?“

„Herr, das bringe ich nie fertig! Du, o wenn DU fragst, betrifft es Deine Tiefe, und wie sollte ich die denn ergründen können? Und gilt es, Deine Höhe zu erklimmen — wird kein Kind hinaufgelangen. Daher bliebe eine Antwort immer mangelhaft. Nun, vielleicht dient Dir in Deiner unfaßbaren Güte auch ein Mangelwort zur Freude, wenn es aus des Herzens Demut kommt.“

„Der Sohn klettert während einer Erdenstunde gut hinauf, Mir zur Freude; es reicht dein ‚Mangelwort‘ zur Tiefe und zur Höhe, gut im Kindesmaß. Wähnst du, Ich erwarte, daß du bis ins Letzte dringen kannst? Ist gar nicht angebracht. Wie Mein urgeheimes Licht, genau so bleibt das Erste und das Letzte einer jeden Schöpfung, jedweden Schaffenstages Mir allein zu eigen und genügt dies sogar für des Lichtes Große, wenn sie deren Ränder noch ein wenig aus der Ferne schauen und erkennen. Nun also:

Zweimal sagtest du, Ich würde niemals einen Fehler machen, weder bei der Erstgeburt der Kinder, noch bei irgendwelchem Werk. Tiefst in nerlich bist du davon überzeugt. In Hinsicht der Materie, sagen wir: der abgesunkenen Menschheit, bist du nicht ganz schlüssig; ob irgendwie und wo — Du hebst die Hand, abwehrend, niemals würdest du das denken oder glauben wollen; bloß das Ungewisse ist‘s, was dir zu schaffen macht. Sehen wir uns Meine Lehre näher an.

Alles ist vollendet in sich selbst, dennoch wandlungsfähig, sonst blieben Kindlein so, wie sie aus der Mutter Schoß geboren werden. Und so richtig gäbe es auch keine großen Mütter, weil die auch einmal geboren worden sind. Ein Vollendetsein jedweder Schaffung bezieht sich stets auf das von MIR Gegebene. Das Vollendet fließt aus Mir, aus Meiner UR-Vollkommenheit.

Die Wandlungsfähigkeit des Innenlebens ist der Gipfel der Vollendung, des Kindes Lebensziel für sich gemeint. Ziele zu erreichen sind Inbegriff der Seligkeit, wozu das aus Mir gegebene Vollendet für Geist, Seele, Lebensherz und Gemüt dem Kind den größten Dienst erweist, auch auf dem Fortgang jeder Lebensäußerung.

Ferner, um dir die Antwort leicht zu machen, ist eine Wandlung keine noch so kleinste von Mir vorgesehene Bedingung, kein starres ‚Muß-Gesetz‘. Auf dem Boden festgefügter Freiheit äußert sich das Leben, somit die demselben zugeteilte Änderung des Vorwärts. Ein Rückwärts kommt bloß vom Geschöpf, nie von Meinen Gaben!

Eines sei dir noch gesagt, wenn du es in menschlicher Erkenntnis auch nicht voll begreifst; doch geistig wirst du spüren, was Mein Wort bedeutet — für das ganze Schöpfungs-Tage-Werk. Sieh‘, in Meiner UR Vollkommenheit gibt es weder ein Hinauf, noch ein Hinab, nichts in eine Ferne gehend, weil Tiefe, Höhe, Weite ursächliche Begriffe Meiner für die Kinder heilsgewohnten NÄHE sind. Nun aufgemerkt und nicht falsch ausgelegt:

Auch die Vollkommenheit muß ein Vorwärts haben, sonst stünde sie ja in sich selber still. Stillstand ist Rückgang!! Daß es diesen bei MIR ewiglich nicht gibt, brauche Ich dich nicht zu lehren! Mein Vorwärts ist nie zu erkennen, an Mir zu spüren. Es ist ewig nicht für Mich primär, an erster Stelle stehend; es ist ein Segensstrom für Meine Kinder, dessen Unermeßlichkeiten für sie unermeßlich sind. Ihr Vor- und Aufwärts liegt im Strom hineingebettet, mit ihm verbunden für die Werke, die Ich nicht Meinetwegen schuf, für Mich nicht zu schaffen brauchte, weil jeder Grundgedanke, jederlei von Macht- und Kraftessenz ICH SELBER bin!

Hierin liegt die Wurzel, wie Ich alle Dinge aus dem Innenkern des urmachtmäßigen Lichtes hatte hergestellt und werden ließ. Und wenn Ich sage: ganz bestimmt zuerst zu Meinem Schöpferjubel, Mich an dem Geschaffenen erfreuend, im Glanz von Jahrmillionen Werken, so ging doch der zweite Grundzug, dem ersten angepaßt, für das Kindervolk einher. Für dieses hatte Ich das Schönste, Beste Meiner Heiligkeit entnommen; und wollte Ich Mich an dem Kinderwerk erfreuen, so sollte für es aus Meiner eigenen Vollkommenheit die Vollendungsmöglichkeit gegeben sein, und zwar auf der Entwicklungsbahn kindgeschöpflicher Freiheitskraft.

Der Fortgang für die Kinder liegt urmäßig in dem Vorwärts Meiner Werke! Wie Ich zu ihrem Heil und Segen vorwärtsplane, schaffe, so im Abglanz ist‘s den Kindern möglich, ihr eigenes Voran zu haben. Weltlich, lieber Sohn, bist du nur der arme kleine Pfarrer, wie du dich zu meist benennst, ganz zu Recht; geistig bist du etwas anderes und genügt, wenn du das bei deiner Heimkehr wissen wirst.

Immerhin, die große Lehre, dir zuteil geworden, kann dein Geist verkraften, im Umriß bestens merken, und das ist genug, um deinen Freunden einen guten Anteil davon herzuschenken; denn sie sind Mir lieb und wert, sie haben sich Mir voll ergeben. — Nun rede, es wird deine Antwort keine ‚Mangelware‘ sein, wie du nebenher noch immer denkst, aus Sorge, Mir könnte sie nicht wohlgefällig sein. Viele Worte sind bei vielen Menschen weniger das ‚gute Viel‘, für dich entlastend im voraus gesagt.“

Ein befreiter Seufzer quillt aus des Mannes Brust; er hatte es bedacht, ob er auf die große Rede Gottes vieles sagen müßte; und das ‚was‘ war ihm noch schleierhaft. Ihm kommt vor, obwohl er gar nichts sah, außer — ach ja, es war im Zimmer wie ein Schein, trotzdem es Abend wurde. Er muß sich sehr zusammennehmen, der Mensch Sinkmann, damit wenigstens die Stimme sicher wird. Denn zuerst — ein Stottern bringt er fertig, weiter nichts, in welchem freilich all sein tiefster Dank, seine Anbetung, seine Liebe schwingen. Aus dem Gelernten sagt er nun, nachdem er sich gefestigt hat:

„Heilig-wunderbarer Gott und Vater, diese Gnadenstunde, die gar nicht auf die Welt gehört, die man allein im Himmel haben könnte, werde ich niemals vergessen. Ja, der ‚Segensstrom‘, in den Du alle einge chlossen hast, mich auch, wird mir helfen, mein Lebensherz Dir ganz zu übergeben.“ — „Wenn Ich es nicht längstens hätte“, wird Sinkmann freundlich unterbrochen. „Ja, o ja, Du hast es allezeit bewahrt, guter Vater-Gott; allezeit war es Deine Gnadenführung, daß ich‘s Dir bewahren konnte.

Ich brauche keine lange Rede; denn das herrliche ‚Lang‘ gebührt Dir ewiglich allein (O.Joh. 1, 13: langes Gewand). In unmeßbarer Ewigkeit, für die Kinder, bedarfst Du für Dich Selbst kein Aufwärts, kein Voraus noch Steigerung. Was in dieser Hinsicht auf Dich trifft, das ist gleichfalls bloß getan für Deine Kinder!

Niemals ist bei Deinem wunderhehren Schaffen irgendwas gewesen, was Du hättest wiederholen oder besser machen müssen! Nie kam mir in den Sinn, obgleich der Buchstabe der gegebenen Schrift (Bibel) es deuten will, Du hättest auch zwei Testamente hergestellt, weil es einmal heißt: ‚. . . ist Mein Blut des neuen Testamentes‘ (Matth. 26, 28; Gal. 4, 24), so würde denn Dein erstes Testament, das von Sinai, nicht mehr gelten. Ob das richtig ist? O Herr, deute es mir bitte aus. Ich denke freilich so:

Was Du einmal tust, wie es heißt: ‚. . . einmal eingegangen in das Heilige‘ (Hebr. 9, 12), ist vollkommen aus Dir Selbst getan, bedarf keiner Neuerung oder Änderung, weil ein Erstes nicht gut geworden wäre. Das schöpfte ich aus jenem Wort: ‚Und siehe da, es war sehr gut‘ (1. Mo. 1, 31). War es sehr gut, so brauchte nichts nochmal getan zu werden, es sei denn — und das, Vater, hast DU mir eingegeben: Du sagst es Deiner Kinder wegen noch einmal, weil sie es auf ihrem Weg vergessen, nicht mehr achten, verunglimpfen, mit kargen Worten anders ausgedeutet haben, als es ewig aus DIR kam!

Noch die zwei Gebote Deiner Liebe: Als Heiland hast Du sie der Menschen wegen so gesagt: ‚Ein neu Gebot gebe Ich euch‘ (Joh. 13, 34) und steht doch schon bei Mose, beide Teile (3.18; 6, 5). Wenn das, dann hattest Du es ja den Jüngern, dem Volk und jedem, der das herrliche ‚Zwei-Gebot‘ verloren, mißachtet hat, abermals enthüllt. Es sollte nicht vergessen sein.

Laß mich nunmehr schweigen, hochgeliebter Vater-Gott, damit ich dessen inne werde, was DU gepredigt hast, so viel, es reicht mir bis zu meiner letzten Ewigkeit, wenn es eine solche gibt. Allein danken, danken, davon mag mein Herz zu allen Zeiten überfließen, hin zu Dir, in Deine Hände, Herr, mein Gott, Amen.“

Friedvoller Schlaf fällt auf den Gesegneten. Im Traum hört er noch ein Liebewort des Herrn: „Du bist ein guter Helfer und wirst es bleiben bis zum letzten deiner Erdentage. Mögen noch viel trübe Wellen dich umspülen — über allen Wellen der Materie liegt Mein Licht, Meine Gnade und Mein Segen.“ Dieses Wort wird am anderen Morgen Sinkmann nicht bewußt, ist aber eine Sonderkraft, die ihn trägt und im Kommenden erhält.

← Zurück zu „Die Unbekannten“