← Zurück zu „Das ewige Licht“

Das Ewige Licht – Kapitel 13

Kapitel 13

Beim Abschied hat Roberto, der sich tapfer geben wollte, wie die Mutter und die Schwester Tränen rollen lassen. Einmal wischt der Vater auch verstohlen. Mescarus Umzug wurde von ihm bestens unterstützt, dafür atmet Mestosani auf, daß er den komischen Wundermann und die Mescarus nicht mehr sehen muß.

Der Tag bei seinen Eltern, der Abschied und daß er sie so lang nicht sehen soll, hat Vilpart angenagt. Hinzu kommt, daß Marita ihm, so oft es der Präfekt erlaubt, kleine Liebesgaben bringt. Das hat die Eltern sehr erleichtert. So hat sich vielerlei geglättet, Gottes Licht, gute Taten und der Glaube wurden wachgerufen. Dankbar schließt der Priester auf dem Rückflug manchmal seine Augen und versenkt sich ins Gebet.

Dann sieht Roberto, der neben ihm im Flugzeug sitzt, als ob sich das Gesicht des Mannes wandelt. Scheu durchglutet seine Seele und er denkt, so könnte es wohl sein, wenn man GOTT begegnen darf. Am Endziel angelangt, warten drei Geländewagen. Der Minister und der Fabrikant hatten rechtzeitig viele Dinge abgeschickt und so werden alle Wagen vollgeladen.

Roberto wird von den Negern so begrüßt, als wäre er schon längst bekannt. Was mit ‚ihrem Doktor kommt, wird fraglos angenommen. Er selbst wird beinah umgerannt. Jeder will zuerst die Hand erhaschen, es geht stürmisch zu. Trotz Müdigkeit muß Wanger stundenlang die Stürme über sich ergehen lassen. Jeder will erzählen, was inzwischen hier geschah, viele Babys werden vorgezeigt und längst verheilte Wunden müssen angesehen werden. Es dauert Tage, bevor der Arzt zur allgemeinen Arbeitsordnung kommt.

Im Hospital braucht er wenig abzuändern, die Assistenten haben sich bewährt. Wanger kargt nicht mit dem Lob, weder bei den weißen, erst recht nicht bei den schwarzen Helfern. Eine alte Negerin ist inzwischen heimgegangen. Man besucht ihr Grab; denn auch für einen schönen Friedhof hat der Missionar gesorgt. Roberto kommt aus dem Staunen nicht heraus. Aber schnell hat er gelernt, sich nützlich zu erweisen. Anfänglich mußte er sich etwas überwinden, schwarze Hände anzugreifen, den Überschwang der Neger zu ertragen. Fleißig lernt er ihre Sprache und er ist stets hilfsbereit.

Für immer bleibt der Eindruck in ihm haften, als er am vierten Tag den Medizinmann sieht. Er hatte ihn sich anders vorgestellt, so wie man sie in Illustrierten sieht: bemalt, mit Amuletten überhängt und — Daß Wanger rasch den ganzen ‚Zauber‘ unterband, kann Roberto ja nicht wissen.

Der Häuptling war im Nachbarstamm, und nun freut er sich, daß er ‚seinen‘ Doktor wiederhat. Im Gegensatz zum ganzen Dorf, wie Roberto diese Siedlung nennt, tritt der Neger würdevoll ins Zimmer. Die Begrüßung fällt sehr herzlich aus; zweifellos ist seine Freude die echteste. Der Arzt stellt seinen Schützling vor. Er kennt den Neger sehr genau, ist jedoch gespannt, wie er, dessen Weitblick ihn schon oft frappierte, reagieren wird. Plötzlich sagt derselbe, indem er sich an Wanger wendet:

„Wir glaubten an die Kraft, weil die Natur uns zeigte, daß sie unsichtbar am Werke ist und sich viel ergibt, was wir weder fördern noch weniger hemmen können. Wir gaben uns den Kräften hin, ohne Wissen, was jeden Tag daraus geschehen würde. O ja, wir ließen uns von ihnen treiben.

Erst du, Doktor, hast erklärt, daß eine Kraft nicht selbständig denken oder handeln kann, sondern daß der Schöpfer mit den Kräften tätig ist. Sie sind Sein Eigentum. Du hast mich auch belehrt, wofür ich dir sehr dankbar bin, daß Gott uns Teile von der Kraft, die in Seinem Wesen wohnt, verleiht. Doch nun kommt es darauf an, ob und wie man solches Ausleihgut verwendet.

Ich war paar Tage bei dem Nachbarstamm, zwei Tagemärsche von hier weg. Dort hatte auch ein Missionar gewirkt, verließ aber bald den Stamm und seine Arbeit ging verloren. Ich schlichtete einen Streit, der viel Ärger nach sich zog. Dabei sah ich bös und gut; und sehe ich unsere Häuschen an, die du bauen halfst, dann ist es mir, als lebten wir in Gottes Land, während, dort — nun ja, du erklärtest uns die Finsternis, die manche Menschen ‚Hölle‘ nennen. Ebenso sieht es bei unsern Nachbarn aus.

Bei ihm sehe ich“, der Neger ergreift Robertos Hände, „das gute Licht, doch steht ein Schatten neben ihm. Der hat eine menschliche Gestalt, die sich vor kurzem förmlich an ihn krallte. Es war deine Hand, Doktor“, er nickt, denn Wanger will ihn korrigieren, „Gottes Hand über dich, weil du Ihm wahrhaft dienst, die den Schatten weggerissen hat, ohne ihn zu töten.

Er hat sich schon ein wenig umgewendet. Dein Schützling schlingt ein goldenes Band um seinen Schattenmann. Vielleicht kommt dieser einmal her. Dann käme eine Blume mit; sie riecht wunderbar, hat eine weiße Farbe und hält den Schatten fest, damit er nicht noch ganz verderben kann.

Du, Roberto, wirst vom Doktor und wenn du willst, von mir, viel lernen, was dir später nützlich ist. Manches ist bloß ein Geschenk; doch bei Gaben, die man sich erhöhen kann, muß — wie sagt man da, Doktor?“ „. . . ein Grundvermögen muß vorhanden sein.“ „Richtig, das Grundvermögen für die Gabe (Begabung). Macht man sie nicht reif, so geht das Grundvermögen, die Veranlagung verloren.

Ich sehe an dir auch das Grundvermögen einer Gabe. Darf ich dir ein wenig dabei helfen?“ Roberto nickt verwirrt. Daß der Schatten Vilpart, die weiße Blume seine Schwester ist, hat er selbst erkannt. Nur daß der Medizinmann alles so präzise zu schildern weiß, versetzt ihn in Erstaunen.

„Gut, eine Stunde vor dem Sonnenaufgang kommst du in mein Haus; da üben wir.“ „Wie erfahre ich, wann hier die Stunde ist?“ Roberto sieht den Doktor zaghaft an. Der lächelt: „Keine Sorge, lieber Junge, du wirst geweckt. Anfangs strengt es dich sehr an, darum brauchst du danach eine kleine Pflege; sonst kannst du helfen, wie und wo du willst.“ „Onkel Willmut, weißt du, ich könnte etwas tun: die Piste fertig bauen. Ich bin im Bauhandwerk bewandert und könnte diese Arbeit leiten.“

„Du machst mir eine große Freude! Ab morgen bist du jetzt mein Baudirektor!“ Von dem, was der Medizinmann sprach, hat Roberto aus den Gesten mehr verstanden als aus den ihm unbekannten Worten. Der alte Neger sagt, als der Plan erörtert wird, daß Roberto den Bau überwachen soll: „Ich sage meinen Brüdern, daß sie dir gehorchen sollen und ich selber will da auch von dir ein bißchen lernen. Darf ich das?“ Roberto wird vor Freude fast verlegen und sieht ab wartend auf Wanger.

„Unser großer Häuptling weiß wie ich, daß man nicht ewig auf der Erde lebt. Was er also lernen kann, tut er nur für seinen Stamm. Er lehrt die Besten weiter und dauert es dann gar nicht lang, kann von ihnen einer und der andere nach Europa oder sonstwohin, und braucht sich keiner zu verstecken; sie leisten gute Arbeit, wie es unsere weißen Leute können.“

Am Abend wird Roberto überrascht, als er in der Bibel liest. Der Arzt hatte ihm am Tag der Ankunft eine in die Hand gedrückt, ohne dem: ‚Die mußt du lesen!‘ Nein, ein ‚du mußt‘ fordert leicht den Widerspruch heraus. Wortloses Geben regt am besten an, mindestens bei vielen Menschen.

Hastig steht Roberto auf. Der Missionar tut so, als wäre es ganz selbstverständlich, den jungen Mann beim Bibellesen anzutreffen. „Die Piste wird sehr gut“, lobt Wanger und setzt sich an den Tisch. „Nimm wieder Platz“, sagt er. „Du bist sehr geschickt und deine Neger loben dich. Wie lange wird es dauern, bis sie fertig ist? Ich soll es Pedro schreiben.“

„Es gibt Schwierigkeiten, Onkel Willmut. Ein Teil der Unterlagen ist an einer Stelle eingebrochen; ich befürchte, daß darunter Moorland liegt. Gibt es einen Steinbruch hier?“ „Das weiß ich nicht; Bertram, wie ich unseren Häuptling nenne, wird es wissen. Wir wollen zu ihm gehen.“

Man unterbreitet ihm die Sache. Bertram zieht die Stirn in Falten. „Steine? Die gibt‘s hier nicht. Aber etwas anderes ist herzuholen: ein besonderes Schlinggewächs, zäh und unverwüstlich. In der Nässe wird es sogar härter. Wir fahren morgen hin, Roberto, ich und ein paar Männer und prüfen es. Das Sumpfloch scheint nicht allzugroß zu sein, wir haben bisher nichts davon bemerkt. Eignen sich die Sträucher, so sind sie weitaus besser als die Steine, weil sie die Feuchtigkeit verschlingen.“

„Soweit gut; saugt die Pflanze aber alle Nässe auf, so kann der Boden sich aufs neue senken. Die Piste bricht dann wieder ein.“ Der Neger widerspricht: „Das Gestrüpp wird durch die Nässe größer und knochenhart, hat es diese völlig aufgesaugt. Ich hab‘ es einmal ausprobiert, weil ich wissen wollte, ob und zu was man es verwenden könnte.“

„Prüfen wir“, sagt Roberto, „ob sich die Sache lohnt. Sonst müßte man die Strecke, wo der Moorbruch liegt, mit Stämmen untermauern, was vielleicht auch haltbar ist.“ Man verabredet die Fahrt. Später fragt Roberto, wieso der Neger Bertram hieße. Willmut klärt ihn auf. „Es war am Anfang meiner Tätigkeit, da bat er mich, ihm einen christlichen Namen zu verleihen, einen deutschen wollte er. Da sich schon alle von mir taufen ließen, verlangte jeder gleichfalls einen ‚christlich-deutschen‘ Namen.“

„Das ist lieb, und die dunkle Farbe stört mich überhaupt nicht mehr.“ „Recht so! Schau“, sie sind indessen wieder bei Roberto angelangt und Wanger legt die Bibel mitten auf den Tisch, „hierin lernen wir die Liebe Gottes kennen, die allen Menschen gilt. ER hat uns allesamt erschaffen; wieso sollte Er demnach die einen lieber haben als die andern?“

„Aber wenn sie böse sind?“ Der Arzt sieht den Jungen forschend an. „Vilpart war einmal dein Freund, er hat dir übel mitgespielt und verständlich, wenn du ihn nun hassen würdest.“ „Ach nein“, unterbricht Roberto, „schon seiner Eltern wegen will ich ihn nicht hassen. Bloß ist‘s da in mir wie — hm — beinah so wie tot, wenn ich an ihn denken muß.“

„Du denkst an ihn?“ „Ja, doch ein quälendes Gefühl bedrückt mich dann.“ Roberto sieht am Missionar vorbei. Unwillkürlich legt er seine Rechte auf das Buch, eine unbewußte Geste, die aus der Tiefe seines Geistes kommt. Wangers Augen leuchten, wie jedesmal, wenn das Licht die Überhand gewinnt.

„Dein Gefühl besagt, daß du deinen Freund noch liebst, nur weißt du es jetzt nicht, weil das Geschehnis zwischen euch besteht. Das schadet nichts, es ist ein seelisch naturgebundener Verlauf. Der Kontakt ist stark lädiert, ja, er war es schon, als ich euch auf eurem Hügel kennen lernte.“

„Stimmt, Onkel Willmut; damals schickte ich ihn fort, ich mochte ihn nicht sehen. Hinterher tat es mir leid, als er so allein zur Stadt hinunterging.“ „Das war so geführt, weil ich mit dir sprechen und dir helfen mußte. Sagen wir — dein Führerengel leitete ihn weg. Du denkst noch an das Bild, wie Vilpart, zwar vertrotzt, den Berg verließ. Das ist das Gefühl der Liebe, eben jetzt stark zugedeckt; doch es lebt im unbewußten Sehnen, er möchte einmal gut und dir zum echten Freunde werden.

Das sind in uns die Keimlinge der Liebe, bei GOTT allerdings Sein Lebensbaum, an dem gute und auch faule Früchte hängen. Der Baum nährt beide, was bedeutet: Gott liebt auch die bösen Kinder, weil diese Seine Liebe nötig brauchen. Sie sind die Gottes-Losen, die sich stets selbst von Gott Gelösten, in ihrer eigenen Seelenwüste hausend. Wer sich in der Wüstenei verirrt, oder wie Freund Pedro hier im Busch und kommt jemand, der ihm helfen kann, sollte dieser es nicht tun?“

Gott geht in Seiner grenzenlosen Liebe jedem einzelnen Verirrten nach, auch wenn sie sich noch weigern, sich nicht retten lassen wollen. Erst recht bleibt Gottes Gnade dann bei ihnen stehen. Die sieht man nicht, merkt nicht ihr Wesen. Der Vergleich: die Sonne hinter dicken Wolken sieht und fühlt man nicht, doch ihr Licht und ihre Wärme sind vorhanden. Ebenso wirkt die Erbarmung Gottes an all denen, die zumeist die Hilfe brauchen.

Auch wir brauchen sie in unserm Leben. Kein Kindgeschöpf, ob als Mensch auf dieser Welt, ob anderwärts, ein hoher Geist, der längst sein Tages-Soll vollbrachte — alle brauchen Gottes Liebe, Führung, Gnade und die Güte. Nur gibt Er Seine Gaben ganz verschieden her: offen und geheim, viel und erst mal wenig, im Reich des Lichtes wie auf unsern Wanderwegen.

So braucht Vilpart deine Liebe, dein Verzeihen. Das muß nicht so geschehen, daß er es verspürt. Er würde dein Entgegenkommen ohnehin nicht wollen, weniger aus Trotz, sondern aus der Scham, die er dir nicht eingestehen mag — noch nicht, Roberto! Lasse deine Liebe wie die Sonne hinter Wolken leuchten, in dir, und sei gewiß: Gott wird sie herrlich offenbaren!

Du hast selbst zum Bibelbuch gegriffen und das freute mich. Du wirst noch nicht begreifen, daß in der Heiligen Schrift, im ersten Bibelteil, viel Leid, Krieg, Not und Mord geschahen. Du wirst wie viele fragen: ‚Und das soll Gottes Bibel sein? War Er denn früher nicht ein Gott der Menschen? Waren diese Leute damals geist- und seelenarm? So sieht es aus, wenn man zwei Dinge in der Bibel nicht zu unterscheiden weiß.

Das eine ist die pure Lehre Gottes, Selbst und durch Propheten offenbart, das andere ist Weltgeschichte, die mit verzeichnet ist. Warum wurde diese mit dem reinen Gotteswort verquickt? Wer war so wenig klug und hat die Gegensätze, die sich nicht vereinen lassen, dem Buch der Bücher einverleibt?

Die Frage ist berechtigt, wenn man das gute Gotteswort von allem Materiellen scheiden will. Allein — es ist ein Lichtgeheimnis, das Kirchenfürsten kaum erkennen, doch hat mancher Kirchenführer ernst darüber nachgedacht. Man muß freilich etwas von den Himmelsdingen wissen. Ich hatte sie bei euch zu Hause schon gestreift: den Sturz des ersten Schöpferkindes.

Gott jagte es, das sich trotz bester Gaben, ihm zuteil geworden, widerlich erhoben hatte, fort. Ah‚ fortjagen wäre kein Begriff der Liebe? Du bist im Ablauf göttlicher Geschichte unbewandert und so braucht‘s dich nicht zu wurmen, wenn ich sage: kurz gedacht! Für das Kind mußte es das ‚Fortjagen‘ geben, sollte es auf dieser Basis später zur Erkenntnis seines Renegatentums gelangen. Doch von GOTT aus, lieber Junge, und von Seiner hehren Schöpfersicht, war es ein ‚Fortgeführt-werden‘!

Also stand es — eben im Begriff als Fortgejagtes außerhalb des Reichszentrums, als von GOTT Fortgeführtes blieb es innerhalb der Tagesgrenze, im Ablauf der bestehenden Liebe-Schöpfung. Es gibt ja keinen anderen Raum als jenen, den die Gottheit für ihr Kindervolk geschaffen hatte; außerhalb desselben, wenn man es so nennen will, gibt es Nichts im Nichts.

Aber ob das ‚Nichts-im-Nichts‘ das Unbegrenzte, das für Geschöpfe niemals faßbare Raumgebiet der Gottheit ist, für uns zugeschlossen, weil wir bloß im Grenzraum einer Schöpfung leben können? Gott hat jedoch für Sich die Endlosigkeiten Seiner Macht, respektive — Er ist sie selbst! O ja, im Übergrenzraum Seiner Schöpfermacht ist Er für Sich zu Hause!!

Das unzugängliche Licht, wie die Bibel sagt, ist Gottes heilige Reservatio mentalis, ist jenes Unschaubare, aus dem ER als VATER sichtbar zu den Kindern kam und kommt. Weil das erste Kind trotz Abfall — der indessen längst behoben ist, ich erkläre dir das später — innerhalb der Schöpfungsgrenze blieb, nur sein ihm überlassenes ein Drittel Licht verdunkelt hatte, darum setzte Gott im Infinitum, dem den Kindern zugewiesenen Raum, das Zeichen bis in unsere Welt herab: zwei Drittel Tag, ein Drittel Nacht, zwei Drittel bewußtes Leben, eines für den Schlaf.“

Wanger hebt die Bibel hoch. „So ist Gottes Schrift, wie wir diese nennen wollen, symbolisch ebenso in drei Teile aufgeteilt, und nicht, wie die zuerst entstandene Kirche sie — ungut getan — in ein altes und ein neues Testament zerteilte. Abgesehen davon, daß der ewig Herrliche, Seiende, der Allwissende, nie ein Testament geschrieben haben kann, das Er später annullierte, weil in eben Seiner ersten UR-Schrift sich ein Fehler eingeschlichen hätte oder wegen einem Kindesfall dann nicht mehr gültig war. Sowas können Menschen tun, nicht aber GOTT!

Die Dreiteilung der Bibel ist so anzusehen: Im ersten sogenannten alten Testament finden wir von Gott sowie durch die Propheten so viel Herrliches, das das nebenherlaufende Dunkel völlig überstrahlt. Letzteres ist die Geschichte jener Völker, ihrer Oberhäupter, die argen Kriege, Grausamkeiten, Morde und noch vieles mehr. Es halten sich — wer es erkennen will — im alten Testament das Licht, Gottes Wort, und die Finsternis die Waage.

Würde das so bleiben, stünde nichts entgegen, so würde allerdings der Fall, dem ein Drittel der Geschöpfe anheim fiel, niemals gereinigt werden. Der Abgrund zwischen Licht und Dunkel würde ewig bleiben. Allein, das steht am Rande denen gegenüber, die den Ablauf jener Licht-Realität, vom Schöpfer für Sein Volk geschaffen, nicht verstehen und dann Fragen stellen, die ihnen gar nichts helfen, von einer Antwort gänzlich abzusehen.

Diese Licht-Realität spiegelt sich im zweiten Bibelteil, wo außer wenigem, das wir Geschichte nennen, nur Gottes Lehrwort dominiert, weshalb manche Christen bloß das neue Testament akzeptieren und das alte meistens ganz verwerfen. Sie bedenken nicht, daß — solange die Materie besteht — das menschliche Geschlecht in Blut und Tränen watet selbst hervorgerufen!

Jetzt sieht‘s freilich aus, als ob mindestens zwei Drittel Dunkel herrschen. Für diese unsere Welt stimmt das sogar. Allein — es ist zu überlegen, ob bloß diese Erde eine Weltstation der Menschen ist oder ob es andere Gestirne gibt, eine große Menge, die gleichfalls ‚Lebensträger‘ sind.

Vielleicht — man braucht‘s nicht ganz genau zu wissen, glaubhaft ist es aber, daß auf anderen Stationen die dort Lebenden den größten Wegteil der Materie vollendet haben, dort mindestens zwei Drittel Licht die Herrschaft hat, vom ‚Reich‘, dem Empyreum, außerdem zu schweigen. In diesem wohnen alle Heimgekehrten; und niemand ist ein solcher, der seine Seelenfinsternis sich nicht erhellen ließ, sich nicht vom eigenen Hinfall löste:

durch Gottes heilige Erlöser-Tat auf Golgatha!!

Bis zum Opfer-Abschluß, den GOTT als Mensch erbrachte, gab es stets zwei Drittel Licht und ein Drittel Dunkel im Tages-Grenzraum, und ab Golgatha hat das Licht in seiner ewigen Gewalt die Materieweiten immer mehr erfüllt, auch wenn es auf der Erde bis zum heutigen Tag so gut wie nicht zu merken ist.

Verstehe es: Jede Sache braucht ein Oben und ein Unten, ein Innen und ein Außen. Beides hat Gott ewig gut gemacht und — bleibt alles gut, weil Seine Hände niemals anderes erschaffen als das Gute aus der GÜTE, dem ‚Wertzeichen‘ Seiner Taten! Durch den Fall bedingt — aber nur für dessen Teil — ward das Unten und das Außen sozusagen von der Güte abgetrennt, beziehungsweise: es galt in der entstandenen Materie als nicht sehr gut.

Gott gab in sie den ‚Nadir‘, das Unterste vom Untersten. Der ist im Letztverlauf des Rückführwerkes, für uns vor undenkbarer Zeit begonnen (UR-Opfer) und mit Golgatha als letztwilliges Ziel vollendet, die Erde, auf der wir leben. Weil der ‚ewige Erlöser‘ auch das Tiefste aus der Tiefe heben wollte, deshalb kam Er Selbst als ‚Sühnesohn‘ herab. Nicht, weil die Welt vor anderen Planeten auserkoren wäre, wie wenig Israel das oder eben das alleinig auserwählte Volk vor allen andern Völkern ist.

Auserwählt ist nichts in der Materie, nur gewählt, um durch einen Menschen Gottes Segensgaben auszustreuen: die Erlösung! Doch kein Mensch ist ein Erlöser, er kann bloß von der Erlösung zeugen, was zum Beispiel die Propheten taten, die mit Gott verbunden waren oder sind, soweit es in der letzten Zeit noch welche gibt. Die Erde ist nicht auserwählt vor allen anderen Stationen, auf denen ebenso das Opfer Gottes gilt, wie eben Israel auf keinen Fall das auserwählte Volk gewesen ist. Es sollte nur ein Vorbild sein. Aber hat es das erreicht? — ?

Gott ist ein Gott der Ewigkeiten und kein Krämer, der sich mit einem kleinen Stand befaßt. Setzten wir bei Ihm ein ‚Muß‘ voraus, dann müßte Er entweder allesamt erlösen und einschließen in die Güte, oder niemand. Ausnahmen gibt es bei Ihm nicht! Daß Er in wunderbarster Weisheit, deren Innerstes uns ewig unverständlich bleibt — und das ist, für uns gut — ‚ verschieden in der Offenbarung wirkt, ist eine Sache ganz für sich!

Man gibt einem kleinen Kinde zur Ernährung nur so viel, als es auch verdauen kann. Ein Erwachsener braucht mehr. So, bloß allein viel heiliger, gibt Gott die Gaben an die Kinder, einem jeden, was es zu verbrauchen weiß. Aber jede Gabe ist im Gehalt vom gleichen Wert! Denn nicht die Menge gibt den Ausschlag, sondern stets die Qualität. Und ich glaube fest, daß der Herr in Seinen Dingen keine Unterschiede macht. Bloß das Viel und Wenig ist im Ablauf eines Kindesweges ausschlaggebend.

Wenn du von einer Quelle viel und ich wenig trinke, oder umgekehrt, so trinken wir das gleiche Wasser, es verändert sich für uns nicht durch die Menge. Aber wie wir es genießen, ist für uns zum Segen oder bloß für unsern Leib. Nehmen wir die Gaben dankbar an, dann vermehrt sich jede durch sich selbst, hier gleichfalls nicht im wenig oder viel, sondern daß wir mehr und mehr zur geistigen Erkenntnis kommen und aus dieser eine innigste Verbindung mit dem Vater-Gott erhalten. —

Heute hast du viel gehört, Roberto. Zuviel, denkst du, wie soll ich das behalten und verwerten? Keine Sorge! ich sah schon auf dem Hügel deine lichtbereite Seele, nur war ihr noch nichts angeboten worden. Aber sieh, gerade dadurch kann das wahre Licht dich leicht erfüllen, wenngleich manches vom Mysterium sich dir erst späterhin enthüllt. In den nächsten Tagen werde ich dich nicht belehren; doch komm‘ zu mir, wenn du eine Sache nicht verstanden hast. Ich sehe ja, wie es um dich steht.

Durch die Gefahr des Lebens ward für dich der Weg des Lichtes aufgetan. Nicht durch mich! Nein, wir sind, wenn wir wollen, nichts anderes als Handlanger unseres Gottes! Der Bauherr ist allein der Höchste! Glauben wir das fest, daß wir auch ein Nichts im Nichte wären, würde Gott uns nicht Sein Güte-Zeichen in die Seele prägen, dann ist das das Herrlichste von unserer Seligkeit. Gott allein ist alles, Gott allein tut alles! Wir, die Kinder, dürfen unter Seinen Händen aber gern das Unsere vollbringen!“

Roberto sitzt versunken da, die Bibel in den Händen. Wanger stört ihn nicht. Die Nacht ist vorgerückt, Gottes hehre Sterne glänzen; ihr Schein, so tröstlich, so gewiß, erleuchtet das Gemach. Da steht er plötzlich auf und ehe sich‘s der Arzt versieht, kniet er vor ihm nieder. Die Lippen zittern, die Finger sind verkrampft in flehender Gebärde: „Heute lasse ich dich nicht, du segnest mich denn!“ Und das junge Haupt sinkt an des Priesters Brust.

Erschüttert ist der weise Mann, ihm stockt fast der Atem. Welch himmlische Gewalt ist hier am Werk! Er hebt den Knienden empor und stark erklingt die Stimme: „Kind unsres Gottes, jetzt hast du dein Pniel erlebt, wie Jakob, als er mit dem ihm ‚unbekannten Mann‘ bis zur Morgenröte kämpfte, der Sünden wegen, das sie ihm vergeben würden, und darum dieser Seelenschrei:

‚DICH lasse ich nicht, DU segnest mich denn!‘

Du hast nicht mich gemeint, obwohl du wünschtest, daß ich dich segnen möchte. Segnen darf kein Mensch, weil jeder sündig ist. Nur wer ohne Sünde ist, kann Segen spenden. Und das ist wiederum allein der Herr!! Aber eines darf man tun: man kann des Vaters Segen für den Flehenden erbitten und darf dann sagen:

‚Der HERR segne dich und behüte dich!‘

Das, mein lieber Junge, tut ER ganz gewiß! — —

Nun geh‘ schlafen; heute wirst du nicht geweckt.“ Der Jüngling hängt sich an des Mannes Hals, schluchzend, und dreht sich wortlos um zu seinem Lager. Still geht der treue Priester in die sternenübersäte Nacht hinaus, die bald dem Morgenrot die Pforte öffnet. Es sind keine Worte, die er dankbar in den Himmel sendet; es ist sein ganzes Herz, das hinauf jubelt in des Lichtes Höhe.

← Zurück zu „Das ewige Licht“