Kapitel 14
Zehn Tage lang hat Daniel dreimal um ein Gebot gerungen, auf dem Söller oder an den offenen Fensterbögen. Mitunter meinte er, es höbe sich ein Kopf über einen Sims. Doch abgewandt von allem, eng mit seinem Gott verbunden, hatte er die Späher nicht bemerkt, die ihn täglich überwachen.
Man unterrichtet Darius. Dreißig Zeugen treten auf. „Hat man mit Absicht das Gebot dazu die Unterschrift verlangt? Rede“, befiehlt der König jenem Fürsten, der ‚im Auftrag vieler‘ sprach, wie er sich reinzuwaschen sucht. „Mein König, da ist ein Advokat“, würgt er hervor, „der — zwar zum persischen Gebiet gehörend — große Stücke auf dich hält.
Borojka heißt der Mann. Er hörte es, wie Daniel dein Regiment und dich verflucht, weil du sein Volk nicht ziehen läßt, während König Kores es gestattet hätte. Dazu melden wir, daß er dein Gebot mißachtet — jeden Tag dreimal.“
Lügner! Darius hat den Jordanseher hart geprüft und kein Unrecht an ihm wahrgenommen. Doch die Schlange bohrt: ‚Sollte er — gegen mich — — Ich bot ihm selber an, Statthalter in der Gesamtprovinz zu sein. Er schlug es aus, gewiß; aber — —‘
„Ohne ein Gericht fälle ich kein Urteil!“ Die Männer fluchen. Einer wagt: „König Darius, mißachtest du dein eigenes Gebot? Als du und Kores Babylon besetztet, habt ihr zu den Erlassen eure königlichen Namen hergegeben, daß alles, was ihr anbefehlt, ohne jede Schonung durchzuführen sei. Willst du etwa dieses Juden wegen dich vom Recht entfernen?“ Das geht nicht. Man verhandelt stundenlang, und Darius hat gegen alle Kläger was parat, um Daniel zu retten. Schon sinkt die Sonne, als er endlich sagt: „Morgen um die neunte Stunde soll der Prophet vor mir erscheinen!“ — —
Nordwärts wird ein Pferd gehetzt. „Dieser Lump, der Schuft, wenn ich den in meine Fäuste kriege, dem soll der Atem aus dem Halse pfeifen, so wahr ich . . .“ ‚So wahr der Allmächtige lebt, Asnorba, so wahr hat Daniel dich gelehrt, daß die Feindesliebe jene große ist, die Gott hoch bewertet.‘ Der Schmied will auf die Eingebung nicht hören, nicht jetzt. Er und auch das arme Tier kommen völlig ausgepumpt am Schloß der Durahöhe an.
„Wo ist der Fürst?“ Ein Wächter flüstert: „Auf dem Söller, wo er nicht hingehört. Kann er es nicht unterlassen, stets zu beten, so sollte er es in der Kammer tun und nicht, wo jeder Lümmel lauschen kann — trotz starker Wache.“
„Du weißt Bescheid?“ fragt Asnorba. Der Posten tippt sich an die Stirn: „Wir sind nicht von gestern. Aber ehe sie ihn holen, da soll jeder Schurke unsere Waffen spüren!“ Daniel hört seinen liebsten Babylonierfreund im Hofe reden. Er kommt herab.
„Asnorba! Hoch willkommen! Du bist abgehetzt? Was ist geschehen?“ „Dieser Kerl, der Bor . . .“ „So so! Nimm zuerst ein Mahl und einen Wein; dann erzähle.“ „Dazu gibt es keine Zeit! Etwas essen möchte ich, Durst hab‘ ich auch.“
„Nur der Reihe nach“, ratet Daniel. Asnorba redet sich den Groll vom Herzen. „Einer von den Juden — ich find‘ ihn noch, verlaß dich drauf — und Borojka haben alles angezettelt, daß sie jenes alberne Gesetz dem König aus den Zähnen zogen. Mich wundert bloß, daß ein Darius drauf ‘reingefallen ist.
Weißt du, was die gefordert haben? Wer den Erlaß mißachtet, soll den Löwen vorgeworfen werden. Daniel, fliehe nach Ahmetha, da bist du in Sicherheit.“ „Meine Sicherheit ist GOTT! Er tut kein zweites Feuerwunder; Er kann Gewaltigeres tun!“
Ein heiseres Lachen, „So? Gott kann auch die Bestien zähmen? Die handeln nach Instinkt und nach ihrem Hunger. Würde Gott die Löwen zähmen, dann frage ich: warum zähmt Er nicht die bösen Leute? Wäre das nicht segensreicher?“ „Darüber reden wir, wenn . . . du nach dem ‚Löwenwunder‘ noch am Leben bist.“
„Und wenn nicht, Asnorba?“ „. . . ist mir dein Gott nichts wert!“ „Das hat Er dir verziehen — deiner Freundesliebe wegen. Würde ich zerrissen werden, oh! — aus meinem Blute kämen Rächer über Land und Leute, durch die Gott das gleiche täte, wie wenn Er mich errettete, wären auch die Wege ganz verschieden.
Gottes heilsgewohnter Wille wird sich stets erfüllen!
„Hm.“ Es dringt in des Schmiedes Seele tief hinein. „Hast sicher recht, bist ja auch der Jordanseher. Aber einer soll dran glauben:
Borojka!“ „Ich verstehe deinen Grimm, er hat viele Jahre dir und deinem Haus geschadet, auch andern Leuten weh getan. Überlasse es dem Herrn, was Er mit dem Armen tut.“
„Borojka?“ Asnorba zieht die Brauen hoch. „Du kennst ihn nicht! Man nennt ihn einen Krösus.“ „Als Seele liegt er nackt vor seinem Schöpfer. Seinen Schatz verliert er, wenn er stirbt; seine Armut aber nicht. Lange währt es, ehe er im Jenseits nur den Lendenschurz verdient.“ „Es bleibt ein Mord, selbst wenn . . .“ „. . . es Löwenzähne tun?“ „Sprich‘s nicht aus, ich kann‘s nicht hören!“ Asnorba stürzt den Wein hinab.
„Fliehen willst du also nicht? Denk‘ an Harphya! Wie die Dinge liegen, kann ich sie nicht schützen; sie wäre nirgends unsicherer als bei mir.“ „Ich habe vorgesorgt. Ein Trupp Handwerker und ein Fürst durften gestern heim; ihnen gab ich meine Schwester mit.“ „O wie gut!“ Asnorba atmet auf.
„Reite heim, und du erlebst, wie herrlich unser beider Gott zu helfen weiß.“ „Ich will‘s glauben.“ Dennoch ist Asnorba nicht ganz frei von Angst. Daniel beruhigt ihn. „Ein treuer Mann soll dich geleiten; man hat gewiß erspäht, daß du zu mir gekommen bist.“ „Das versteh‘ ich wieder nicht“, sagt der Schmied, „oder — nun ja — du brauchst bloß Gottes Hilfe, ich hingegen —“
„Du ebenso! Doch die Argen sollen merken, daß wir ihre Bosheit kennen.“ Asnorba scheidet stumm. Unterwegs sagt der Meder: „Dura ist bewacht; Darius wird sich hüten, Soldaten einzusetzen; und die paar Lumpen — ? Pah! Sollen sie nur kommen!“ „Wer weiß. Etwas wird geschehen; und weder Darius noch ihr Treuen werdet Gottes große Hände binden können.“ —
Eine Hundertschaft bringt den Befehl, Daniel solle unverzüglich kommen. Seine Leute greifen zu den Waffen. Da ruft der Jordanseher: „Hier gibt‘s kein Blutvergießen! Bewacht das Schloß; es wird niemand wagen, unberechtigt einzudringen. Zwei meiner Hauptleute begleiten mich.“ Die Königsboten fragt er hart:
„Hat Darius befohlen, rechtlos einzudringen?“ Sie ziehn die Köpfe ein. Der Befehl lautete, Daniel mit allen Ehren herzubringen. Man reitet eilig durch die stille Nacht, die Hauptleute mit verbissenen Gesichtern. Sie lassen Daniel nicht aus den Augen. So traben sie am Morgen in der Hauptstadt ein.
Da wimmelt es von Gelben, Braunen und Beamten. Es gibt offen zwei Parteien: Hämische und Traurige. Der Hämischen sind mehr. Darius erwartet Daniel im Königssaal, ihm zur Rechten stehn die Kläger. Der linke Platz ist frei.
Daniel grüßt den König offenen Auges. „O Prophet, man hat dich angeklagt. Ich ahnte nicht, daß bei dem Erlaß dein Gott mit einbegriffen wäre.“ Geschrieben aber ist geschrieben. Darius kann das eigene Gesetz jetzt nicht zerreißen. „Verteidige dich, dann will ich prüfen, wo das Recht zu Hause ist.“
Der zweite Fürst bringt seine Klagen vor. Daniel schweigt. „Hast du nichts zu sagen?“ Aufrecht steht der Angeklagte da. Dessen tägliches Gebet zu Gott — ? Ist das eine Schuld? „Der Fürst hat mich verklagt“, sagt Daniel, „aber nichts bewiesen. Wo sind die zwei, die ihn verführten?“ „Wer?“ fragt Darius begierig. Ah, hier ist eine Lücke bei den Klägern.
„Borojka und der Jude Machado, den ich wegen Ungehorsam strafen mußte. Er erdachte den Erlaß, dir zum großen Schaden. Lasse sie nur holen; du findest sie im Hause des Spions, beim äußeren Tor.“ Ein Befehl. Meder flitzen fort. Es währt nicht lang, als die beiden in den Saal gestoßen werden.
Daniel treibt sie mit Fragen in die Enge, widerlegt Punkt für Punkt. Allein — wenn alles aufzuheben ist, so nicht, daß er täglich Gott um Hilfe bat, ganz öffentlich. Man hörte seine Stimme oft im Hof. „Also ist erwiesen, daß er das Gesetz mißachtet hat“, schnaubt der zweite Fürst, der nach der Statthalterstelle giert, „er gehört den Löwen vorgeworfen.“
Da brüllt Darius zornig: „Die Halunken sollen diese zweifelhafte Ehre auch mit haben!“ Die winseln: „Sei uns gnädig, wir haben . . .“ „Fort!, auch das ist ein Gebot!“ Darius bedeckt sein Haupt. Es soll keiner seine Träne sehen, die ihm aus dem Auge rinnt. Er hat Daniel so lieb gewonnen, und — nicht mal als König kann er helfen. Eine Schmach ist das!
Man geht hin zur Löwengrube. Deren Mauern sind zum Teil in Felsen eingehauen, viele Meter hoch. Vom Mittelraum, einer Art Arena, sind mehrere Gelasse zu betreten. Eine feste Türe ist vorhanden, durch die man die Gefangenen stößt. Die Fütterung erfolgt vom obersten Gesims. Angekommen, wendet Daniel sich Darius zu:
„Gewährst du mir die letzte Bitte?“ „Jede, Daniel, bloß . . .“ „Um meine Freiheit hätte ich dich nicht gebeten. Laß den Juden gehen, er hat sieben Kinder.“ „Um den bittest du?! Daniel, Daniel, wolle Gott dir helfen! Ich habe dir Erfüllung zugesagt; so soll er außer Landes gehen. Er soll sich nicht mehr vor mir blicken lassen!“
Machado wirft sich Daniel zu Füßen: „Hätte ich gewußt, wie edel du . . .“ „Schweig! Ich habe deiner Kinder wegen öfter über deine Ungehörigkeit hinweggesehen; aber daß du eigene arme Volksgenossen arg bedrängtest, habe ich bestraft. Möge Gott dich leiten und dein starres Herz zu Sich bekehren. Nun geh!“ Der Jude schleicht davon, weinend, voller Scham und Reue.
Borojka nährt die Hoffnung, Daniel möge ihn befreien. „Du kommst mit“, gebietet dieser. „Du hast so viele Menschen ausgesaugt und manchen Babylonier zu Tod gebracht, hast den Witwen und den Waisen ihre Habe weggenommen. Dein Haß ist deine Hölle!“ Die Pforte wird geöffnet. Diese führt in eine Höhlenkammer, die mit dem ganzen Bau verbunden ist. Sie liegt etwas höher; ein leicht abfallender Steig führt zur Arena.
Darius schließt schweren Herzens zu und drückt seinen Siegelring in Wachs, damit niemand öffnen kann. Borojka hängt sich jammernd ans Gewand des Fürsten; doch er befolgt ein Gott-Gebot: Die Seele dieses Teufels ist allein durch Angst zu retten. „Rühre mich nicht an!“ Stundenlang geschieht gar nichts. Darius geht tief bekümmert fort. Wachen bleiben auf dem Wall des Zwingers stehen.
Die Nacht bricht an. Der König wälzt sich hin und her. „War das Gesetz denn nicht zu widerrufen? Das wäre Kores nicht passiert! Nun ist‘s zu spät. Morgen werde ich sie alle richten.“ Morgen — — Weiß Darius, was ‚Gottes Morgen‘ mit sich bringt? Schweißnaß erhebt er sich. Die Sonne brennt schon auf den Euphratstrom herab, als er zur Löwengrube geht.
Was war dort geschehen? Borojka sprang laut fluchend Daniel an die Kehle. Ein Hieb, und er landete im Mittelraum. Zwei Löwen lagen dort. Brüllend stürzten sie sich auf die Beute. Mit Geschrei lief er zu Daniel zurück. Schon mehrmals waren Löwen aufgetaucht, jedoch leise schnaubend wieder fortgetrabt. Ist das ein Wunder — ? Hach! Borojka höhnt: „Die haben nach dir keinen Hunger, die nehmen sich bloß gute Menschen.“
„Dich?“ fragt Daniel. „Dann bist du ihr Futter, und ich gehe frei hinaus.“ Borojka flucht, bis Daniel es verbietet. „Wenn du nicht gleich ruhig bist, schaffe ich dich zu der Löwin, die zwei Junge hat; bei ihr verlernst du dein Gefluche.“ Das hat geholfen. Danach betete Daniel bis zum Morgengrauen für alle armen Seelen. Das Ende des Gebetes lautet:
„Dir, Herr, Vater aller Menschen und der Himmelskinder, sei Lob, Ehre, Preis und Dank gesagt. Dein Ratschluß offenbart die Wunder Deiner Herrlichkeit! Du kannst die Menschen strafen, die sich nicht zur wahren Liebe leiten lassen, Dich nicht anerkennen, auch wenn sie von Dir hören und Deine Gnade selbst erleben. Deine Strafe ist die gute Zucht, die verborgen anzurühren weiß. Ob wir diese gleich bemerken, danach fragst Du nicht zuerst. Richten wir uns aber an Dir auf, an Deiner heilsgewohnten Liebe, o, dann führst Du uns, und ewig sind wir bei Dir wohlgeborgen. So berge uns auch nun in Deine heilige Barmherzigkeit, in Deinen Herrschaftswillen; mit ihm wird uns zu jeder Zeit geholfen sein.“
Daniel hat kaum geendet, da beugen sich von oben Darius und Zeichen viele Leute nieder. „Du Knecht des lebendigen Gottes“, ruft er, „hat Er dich, Dem du immer dientest, können von den Löwen erlösen?“ Daniel steht inmitten, hebt sein Gesicht und sagt: „König Darius, Gott wolle dir das ewige Leben geben. Du sollst erfahren, wer mein Herr ist, und dann beuge deine Knie vor Ihm, dem Allmächtigen! Schau herab mit all den Deinen und bezeuge es dein Leben lang, was Gott in Seinen Wundern tut.“
Mehrere Löwen kommen auf ihn zu. Borojka will sich bergen, doch Daniel sagt: „Wie wenig du um deiner Bosheit willen dich vor GOTT verbergen kannst, so wenig vor den Tieren!“ Da — ein Sprung — oben auf dem Wall vielstimmiger Schrei — die Mutterlöwin hat den Bösen zwischen ihren Pranken. Daniel legt ihr eine Hand aufs Haupt und streichelt ihre Jungen. Da läßt sie, furchtbar fauchend, von dem Menschenbündel ab.
Er streichelt alle Tiere und sie schleichen fort; dafür erscheint ein Licht. Daniel spricht: „Sieh, Darius, mein Gott sandte Seinen Engel, der den Löwen ihre Rachen zugehalten hat. Ich stand fest in meines Gottes Hand, und nichts von dieser Welt und ihrem Tand wird mich daraus vertreiben! Ich habe also nichts getan, was wider dich geschehen wäre. Unschuldig vor dir, so hat der Herr gezeigt, daß ich ein treuer Fürst gewesen bin.“
„Nicht bloß gewesen bist, mein guter Fürst, du sollst es fürder bleiben!“ Das Siegel an der Türe wird zerbrochen. Daniel schreitet frei heraus, während man Borojka schleppen muß. Er ist verletzt, gelähmt. Außerhalb der Grube umarmt Darius den Seher, tränenden Auges, doch mit fröhlichem Gesicht.
„Was tue ich mit denen, die dich so verlästert haben?“ Sein Groll bricht nochmals durch. „Sie sollten allesamt mit Weib und Kindern in die Grube kommen, da . . .“ „Was, o Darius, kann eine Frau dafür?, was vor allem ihre Kinder? Willst du GOTT jetzt dienen, so diene Ihm mit echter Nächstenliebe.“
Ein Richter — es ist kein Arioch — wirft heimlich zwei der ärgsten Vögte in die Grube. Zu spät wird es Darius gemeldet. Er setzt ihn sofort ab. Dann verkündet er, mit seinem Siegel beigedrückt, daß in seinen Landen „Der Gott des Sehers Daniel“ erkannt und angebetet werden soll. Er schreibt mit eigener Hand:
„Er ist der lebendige Gott, der ewig bleibt; denn Sein Königreich ist unvergänglich, und Seine Herrschaft hat kein Ende. Er ist der Erlöser und Nothelfer, und Er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. Er hat auch Daniel von den Löwen erlöst!“ (Dan. 6, 27-28)
Man ehrt den Seher sehr, sogar Kores schickt Geschenke. Er nimmt alles an — für viele Arme seines Volkes und der Fremden, bleibt aber nach wie vor der ‚schlichte Knecht seines Hohen Herrn’.
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