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Das Ewige Licht – Kapitel 14

Kapitel 14

Die Piste ist vollendet. Die Großen und die Kleinen tummeln sich auf ihr, bis die Anrollbahn gesichert wird. Roberto wird von vielen Händen fast erdrückt und auch der Arzt kommt nicht zu kurz. „Wenn unser Flugzeug kommt — wenn wir mit ihm fahren werden — wenn — — “ Und des Jubels ist kein Ende.

Eine Schar junger Mädchen, wunderschön bekränzt mit der Vielzahl bunter Blumen, bilden einen Kreis. Die Zuschauer setzen sich rundum. „Was bedeutet das?“ Roberto fragt es leise, weil es still geworden ist. „Der Göttertanz“, wird er belehrt. „Wieso? Ich denke, alle sind getauft?“ „Warte ab!“

Die Mädchen sammeln sich und neigen sich erst andachtsvoll; und dann beginnen sie, — ein Hin und Her, ein Wiegen, Wenden, Drehen. Nicht wie einst geschah, wild und hemmungslos. O nein! Die Gesten sind so wundervoll, wahr denkt Roberto, es sieht aus, als ob sie immer beten. Der Tanz dauert eine Stunde. Niemand spricht, nur Bertram sagt verhalten: „Nun ist es geweiht und nichts Böses kann das Werk zerstören.“

Längst ist der Doktor überzeugt, daß das nicht mit Aberglauben noch mit heidnischem Getue zu verwechseln ist. Auch Roberto weiß es schon, er erlernte ja vom Bertram jenen Teil der Mystik, der einen Himmelsboden hat. Nichts Abstraktes, Überschwengliches, Ungesundes, was die Mystik mit sich bringen kann, wird sie falsch verstanden und falsch angewendet.

Roberto folgt den Tänzerinnen nach. Auf einem freien Platz hat man vorgesorgt, eine Freudenmahlzeit einzunehmen. Hier dürfen sich die Mädchen in die Mitte setzen. Roberto umarmt ein jedes, wortlos und mit hellem Leuchten in den Augen. Wie fühlen sie sich da geehrt. Der ganze Stamm freut sich darüber.

„Gut gemacht“, lobt der Arzt. „Wenn noch nicht geschehen wäre, so hättest du jetzt allesamt gewonnen.“ „Ich mußte das so tun, mir ist so feierlich Zumute, wie — in einer Kirche.“ „Hast recht! Es gibt ‚Himmelstänze‘, die mit menschlichem Gedrehe nichts verbindet. Das ist soweit auseinander wie der Morgen von dem Abend, wie der Himmel von der Welt: und ein Abbild ist der Göttertanz.

Früher brachten sie den Tanz als Opfer ihren Göttern dar. Seitdem sie aber eine christliche Gemeinde sind, hat sich dieser Reigentanz verfeinert. Ich war zutiefst erstaunt, mit welcher Innigkeit die Mädchen an die Änderung desselben gingen. Alles Wirbelnde und Wilde wurde abgelegt.“

Etwas hemmt das schöne Freudenfest. Ein kleiner Junge hat sich weggeschlichen und ist zur Piste, sich durch dichtes Strauchwerk schlängelnd. Es war geboten worden, daß niemand mehr die Abrollbahn betreten sollte. Der Bube hat ein Otternnest gestreift und schon ist es geschehen. Ein Schrei! Wanger ist zuerst am Platz und Roberto neben ihm. Bertram hat in Eile eine Fackel angezündet, mit der er gleich das Otternrudel scheucht.

Ein Kobrabiß, stellt Wanger fest. Ihm läuft der Schweiß herab. In Windeseile sammelt sich sein Team. Des Bübchens Vater möchte es erst strafen, weniger der Unart wegen, als mehr deshalb, weil der ‚Doktor‘ das Gebot erlassen hatte. Oh, was er anbefiehlt, ist für alle stets das Beste.

Roberto fällt dem Neger in den Arm. „Vater Carol, sei froh, wenn dein Sohn gerettet wird und danke Gott dafür!“ Beschämt schleicht der Neger fort. Nun wartet er, bangend, und seine Frau dazu. Es dauert lang, bis die Gefahr behoben ist; aber — Gott sein Dank! — das Unglück ging vorbei und so war das Freudenfest ein Weilchen zwar gedämpft, nicht aber ganz getrübt.

„So ist es hier bei uns“, der Arzt trocknet seine Hände ab, „man muß mit den Gefahren rechnen, mehr jedoch mit Gottes Hilfe, der man stets vertrauen kann.“ „Und wenn nicht“, meint Roberto, „dann kommt sie nicht?“ „Doch, nur zeigt sie sich verschieden. Sieh, du wußtest ja noch nichts von Gott, und es kam dennoch Seine Hilfe offenbar zu dir.“ „Durch dich, lieber Onkel Willmut! Jetzt habe ich versagt; ich mußte wissen, daß . . .“

„Gräm‘ dich nicht, lieber Junge, weil du nicht an dein Erlebnis dachtest. Man soll den eigenen Lebensweg betrachten und durch die Erkenntnis, die man daraus zieht, den Nächsten dienen. Du bist gut vorangekommen und wirst zu Hause eine starke Stütze sein. Nicht nur materiell. Du und Marita werdet aus des Vaters Werk ein sogenanntes ‚Lichtwerk‘ gründen. Selbstredend bleibt die Industrie bestehen; aber wie ihr für die Menschen sorgt, die bei euch in Arbeit sind, das gibt dann den Ausschlag.

Davon jetzt nichts mehr. Es gibt bald eine große Freude. Unser ‚Herr Minister“, der Arzt macht eine lustige Verbeugung, „spornt schon seinen Pegasus und — wie Bertram mir verriet — kämen noch zwei liebe Damen mit. Er hätte es geträumt, sagt er. Also müssen wir uns sputen, um zum Empfang bereit zu sein.“

„Onkel Willmut, ich will am Eingang unserer Rollbahn eine kleine Halle bauen, als Entree gedacht, und am Ende einen Hangar. Mit dem Richard — er ist überdies sehr stolz auf seinen Namen — sprach ich schon darüber.“ „Recht gut; doch wir müssen auch das Gästehäuschen fertig machen, und das erfordert seine Zeit. Richard könnte dieses überwachen und du die Hallen.“

„Gewiß: zwei bis drei Wochen würden wir schon brauchen.“ „Sieh zu, Roberto, daß das Ganze klappt.“ Zur rechten Zeit wird alles fertig. Hier sei gleich vorausgesagt: Roberto lernt auf diese Weise bestens, später mit den eigenen Leuten umzugehen. Die Kunde kommt, Cruzziano sei im Hafen eingetroffen und „. . . dann kommen wir“, heißt es am Schluß der Botschaft.

Wie fleißige Emsen rennt man hin und her, schmückt das Gästehaus, so wird der kleine Bungalow genannt, säubert Wege und die eigenen Hütten, nicht zuletzt die Kinder. Das Bübchen ist inzwischen auch gesund geworden. Weinend hatte es die Händchen hochgehoben. „Onkel Doktor, ich tue es nicht wieder!“ Mit Mühe konnte man den kleinen Kerl beruhigen. — —

Der große Tag ist da. Man hört von weitem das Motorgebrumm, läßt alles stehn und liegen und eilt zum Pistenrand. „Unser Flugzeug kommt!“ Und — o Wunder — es sind zwei. Sicher landen sie und rollen langsam aus. Roberto hat eine lange, breite Anrollbahn gebaut. Wanger hatte erst gemeint, sie brauche nicht so groß zu sein; doch Roberto lachte nur: „Größer ist besser als kleiner!“ Und der alte Neger hatte auch gelacht.

„Ich bin gespannt“, sagt Wanger, „Pedro wollte doch auf unserer Mary wieder rückwärts reiten, scheinbar zieht er doch ein Flugzeug vor.“ Die silbernen Vögel stehen still, die Aussteigluken öffnen sich. Wanger, Roberto, Bertram und Richard sind hinausgeeilt, die Gäste zu empfangen. Ein ohrenbetäubender Jubel brandet auf. Die ganze Siedlung brüllt, schreit, stampft, klatscht in die Hände, ah — „. . . ein Empfang ist das“, lacht der Minister und fällt Wanger um den Hals, „herrlicher als bei Kaisers!“

„Freund Pedro, Juliane und mein Maiglöckchen . . .“ Wanger übermannt die Freude. Marita küßt ihn einfach ab, nachdem sich die Geschwister auf das herzlichste begrüßten. Die Flieger werden sehr bestaunt und auch gleich bestürmt, ‚ob man einmal diese großen Vögel streicheln dürfe‘. „Natürlich“, lacht der eine, „aber nur mit mir!“ Er hebt warnend einen Finger. „Ja“, kräht das Bübchen, „man darf es nicht alleine tun, sonst kommt die böse Schlange und beißt.“ Dabei zeigt er wichtig seine Narbe vor.

„Kleiner Schelm“, sagt Wanger. „Wer weiß, wie das einst gewesen ist?“ Ein zwölfjähriges Mädchen hebt die Hand. „Da waren mal ein Mann und eine Frau, der liebe Gott hatte ihnen einen schönen Garten übergeben, wo sie wohnen konnten. Doch sie taten nicht, was der liebe Gott befohlen hatte. Da kam die Schlange, vertrieb die Leute und sie kamen niemals wieder in den Garten. Jetzt findet man ihn nur, wenn man in den Himmel kommt.“

„Brav gelernt, Chatarina“, lobt der Missionar. Juliane küßt das Kind. Wie glänzen da die Augen, und Pedro meint. „Das war eine extra liebe Begrüßungsansprache, wir werden uns vor bösen Schlangen hüten. Gibt es hierorts überhaupt noch welche?“ fragt er den Arzt. Er sorgt sich um die Frauen.

„Ab und zu zeigt sich mal eine, wir haben sie bekämpft, zur Zeit sind wir aber otternfrei.“ „Dann ist‘s gut“, meint ein Pilot, „wir wollen doch nicht gleich ins Lazarett.“ Sehr erfreut sind die Gäste über ihren Bungalow und der Chefpilot rühmt die Piste außerordentlich. „Ich hab‘ direkt gestaunt.“

Das Dorf kommt spät zur Ruhe. Juliane und Marita werden angetastet und bestaunt und wie der Minister mit Gaben überhäuft. Wertlose Dinge, im Sinn der Liebe aber kostbar anzusehen. Freundlich dankend wird der Plunder angenommen. Endlich sitzt man sich im Haus des Arztes gegenüber. Grüße von zu Hause werden ausgerichtet und auch kostbare Geschenke ausgeteilt.

„Morgen laden wir das andere aus: Medizinen und Geräte, die du gut gebrauchen kannst“, wendet Pedro sich an Willmut. „Marita, halte ihn mal fest, damit er nicht vom Stuhle fällt.“ Er lacht verschmitzt. „Du bist jetzt bei uns ein Ehrenbürger und darfst dich oben drein Professor nennen. Aber denke nicht, das hätte ich verbrochen! Nein, ein paar Arbeiten von dir, die in die Ärztezeitung kamen, brachten dir den Titel ein. Ein Selbstverdient!

Zweite Freude: die Vögel sind dein Eigentum. Herr Fallango, der Chefpilot, bleibt hier und will einige unterrichten, daß sie notfalls als Piloten dienen können. Und . . .“ „Onkel Pedro, darf ich mit lernen?“ fragt Roberto. „Es war mein Wunsch, die Eltern wollten nicht.“ „Von mir aus gern“, nickt Cruzziano. Indessen saß der Arzt versunken da. Nie wollte er ‚was sein‘. Wie dankbar war er gegen Gott, daß er wirken konnte. Der Titel gilt ihm nichts, er wird sich seiner kaum bedienen. Daß seine Arbeit, seine Forschung, Widerhall gefunden hat, ist seine schönste Freude. Mit festem Händedruck dankt er dem Minister.

Es ist spät geworden. Still ist es rundum, freundlich blinkt das Sternenheer herab. Marita flüstert: „Es ist wie ein Paradies, hier kann eine kranke Seele heilen.“ Roberto küßt die Schwester. „Das hast du lieb gesagt, Kleine, und es ist wahr.“ Daß im nahen Busch ein Neger wacht, ahnt nicht einmal der Arzt.

Der Jubel ebbt des Alltags wegen ab, doch ein häufiges ‚in die Wege laufen‘, um den ‚weißen Freunden‘ zuzulachen, bleibt bestehen. Am zweiten Abend nach der Ankunft wird viel erzählt. Von Mescarus ist ein Brief gekommen, die haben sich in der Missionsstation gut eingelebt. Sogar ein Schreiben über Vilpart liegt mit bei, er führe sich jetzt ordentlich.

Das Magazin des Arztes ist gefüllt, er dankt Cruzziano ganz besonders, auch dem Fabrikanten; denn viel ist geopfert worden. „Du hast sehr viel getan, Freund Pedro und du siehst ja meine Freude, dich, die liebe Juliane und Marita hier zu haben. Hoffentlich könnt ihr eine Weile bleiben.“

„Wir eine Woche, habe einen Teil der Ferien dafür verwendet, also bin ich frei in meiner Zeit, mein Herr Professor!“ „Den Professor schenk‘ ich dir“, winkt Wanger lustig ab, „hier bin ich Arzt und Missionar und weiter nichts!“ „Hin“, Marita macht einen tadellosen Knicks, „wir wissen, Onkel Willmut, wer und was du bist — auch für uns.“ Plötzlich ist ihre Heiterkeit vergangen; sehr ernsthaft sieht sie Wanger an. Er lächelt:

„Alle sind von euch begeistert; zehnmal fragt man täglich, wie lang ihr bleibt.“ „Ich vier Wochen“, sagt das Mädel, „und da möchte ich im Hospital unter deiner Aufsicht tätig sein. Ich habe in der Zwischenzeit einen Kursus absolviert, damit ich nicht als dummes Gänschen meinem Herrn Professor Kummer mache.“

„Du wirst in euerm Werk gerade diese Arbeit gut verwerten können. Du und Roberto sollt daselbst ein Segen werden!“ Mit diesen Worten tritt, wie oft, die schöne Stille ein, die so friedvoll wirkt, die die Menschen selig macht. Daneben gleich die Welt. Bertram kommt herein. Man sieht ihm seine Sorge an.

Der Arzt verspürt sie auch. Oh, eine Insula des Friedens muß gar oft mit Kämpfen rechnen. „Die Nachbarn haben Schleicher hergeschickt“, berichtet Bertram, „schon gestern Nacht. Ich sah voraus und wachte bei den lieben weißen Freunden. Nun wissen sie, daß die Silbervögel Reichtum brachten und der verlockt zum Überfall. Ich habe Wachen ausgestellt. Haben sie sich Hilfe zugelegt, dann — — Er wischt sich über seine Stirn.

„Wir stehen unter Gottes Schutz!“ Wanger hatte sich erhoben, und nun steht er da wie ein Prophet, ernst und gewaltig. Bertram faltet seine Hände und sagt: „Nehmt euere Feuerwaffen, aber schießt mir keinen tot, es käme sonst viel Elend über uns.“ Seine Seheraugen flammen in tiefdunklem Glanz.

Die Flugzeugführer waren mit hereingekommen. Sie sind zwar nicht vom Licht erfaßt, haben ‚in den Tag hinein gelebt‘, — nun berührt sie etwas und sie sehen sich verstohlen an. Jeder trägt zwei Waffen und der Minister holt sich sein Gewehr. Wanger nimmt das seine, das zum Schutze gegen Raubzeug stets geladen ist.

„Sie werden kommen“, sagt Bertram, „aber spät, wenn die Sterne an zu sinken fangen. Allgemein schläft da der Mensch am tiefsten und da wollen sie uns überraschen.“ „Wir hätten ein paar Stunden Zeit. Freund Bertram, könnt ihr wachen ohne einzuschlafen?“ Beinah entrüstet sich der alte Mann.

„Wo denkst du hin, Herr Minister! Da schläft keiner! Alles was du brachtest, ist Eigentum des Doktors; das wissen wir. Und doch denkt von uns jeder: ‚Es ist unser Eigentum, weil uns der Doktor damit dient.‘ So verteidigen wir das Unsere mit. Außerdem überwache ich die Wachen. Ihr Weißen, die ihr noch keine starken Seelenkräfte habt, könnt ein wenig ruhen.“

„Das dachte ich.“ Cruzziano gibt Bertram beide Hände. „Dir werde ich noch danken.“ „Du hast es schon getan; denn du, der hohe Herr, bist so freundlich zu uns Negern und alle ehren dich, deine liebe Frau und das liebe Mädchen, überhaupt euch alle“, zeigt er rundum und tippt dabei auch die Piloten an.

„Schlaft in einem Raum, dann brauche ich nicht kreuz und quer zu hetzen.“ Bertram huscht hinaus. Obwohl alle Neger sich verstreuen, hört man nicht das leiseste Geräusch. Wanger kann nicht schlafen, auch ist seine Seele stark und er weiß: ‚Über unsern kleinen Händen sind des Schöpfers Hände ausgebreitet!‘ Diese Zuversicht war allzeit ‚seines Lebens fester Grund‘.

Roberto setzt sich neben ihn und flüstert: „Onkel Willmut, es läßt mir keine Ruhe, ich will bei den Hangars wachen. Ich hab‘ aus meiner Knabenzeit noch eine Feuerwerkpistole. Komisch, daß ich da Spielzeug mit hierher genommen habe. Es mag uns gute Dienste tun.“ Wanger lacht verhalten vor sich hin.

„Großer Bub! Hm — mit kleinen Dingen läßt sich Großes wirken, mit kleinen Gaben Leid und Elend lindern.“ Kaum vor der Tür, faßt eine Hand nach ihm. Es ist Carol, der beinah schimpft: „Pistenbauer, die Gefahr ist groß und du hast meinen Jungen mit gerettet. Du darfst nicht . . .“ „Pst“, macht Roberto, „komm‘ nur mit; außerdem hat es unser Arzt erlaubt.“

„Erlaubt? Dann — ‘ Roberto nimmt das Spielzeug mit, allerdings auch eine richtige Pistole. „Komm, Carol, wir gehen zu den Hangars und du bleibst bei mir, ich brauche dich.“ Der Neger nickt; man sieht es nicht, aber keiner wäre schneller als gerade er. Roberto streicht einmal lächelnd über seine Kinderwaffe, dann verschluckt die Dunkelheit sie beide.

Die Posten sind sehr gut getarnt. Bewegungslos hocken sie zwei Stunden, während es Roberto Mühe kostet, in halb knieender Stellung auszuharren. „Jetzt kommen sie!“ „Lauf!, wecke meine Freunde!“ Wie ein Blitz ist Carol fort. Man richtet sich behutsam hinter Strauch und Baum im Schatten der zwei Hangars auf, schon Pfeil und Bogen angespannt. Roberto hat sich an die Finsternis gewöhnt; auch besitzt er scharfe Augen.

„Nicht schießen!“ befiehlt er, „und ihr sollt nicht erschrecken. Ich habe nämlich eine Zauberwaffe“, er wählt mit Absicht diesen Ausdruck. „Paßt nur auf, die Feinde werden gleich verschwinden.“ Inzwischen sieht man deutlich, wie eine etwas langgezogene Kette, mit alten Waffen ausgerüstet, vorsichtig her zur Piste robbt; bloß zwei Angreifer tragen richtige Gewehre. „Alle niederlegen!“ Jetzt gibt Roberto den Befehl sehr laut; die Feinde sollen merken, daß man sie erwartet hat. Eben diese Maßnahme hemmt zunächst den Überfall.

Einer richtet auf Roberto sein Gewehr, doch sofort schießt er seine Spielpistole ab. Eine zischende Rakete wirbelt hoch. „Ah“, schnalzt Richard, „Zauberwaffe!“ Die Feinde haben sich im ersten Schreck zurückgezogen; aber sie beraten nur. Die ‚schönen Dinge‘ reizen all zu sehr.

Als sie wieder näherkommen, läßt Roberto weitere Raketen los und richtet den Revolver auf den einen, der mit dem Gewehr im Anschlag liegt. Roberto trifft als guter Schütze das Gewehr. Der Feind brüllt auf. Richard und ein anderer springen vor und zerren den Verletzten auf die Piste. Rund ums Dorf zeigen sich viele Feinde. Nun krachen überall die Schüsse — in die Luft. Das genügt. Die Angreifer weichen einer nach dem anderen zurück und bald hört man nichts mehr von dem nächtlichen Gefecht.

Man tut wichtig, man hat ‚einen großen Feind‘ bezwungen. Roberto verschenkt die Feuerwerkpistole und zeigt Richard, wie sie geht. „Bin ich einmal nicht mehr hier und ihr werdet überfallen, so nimm das kleine Ding zur Hand. Wunden werden wieder heil, aber Tote stehn nicht wieder auf.“

Der verletzte Neger wird im Lazarett betreut. Welche Angst hatte er gehabt, nach dem Stammgesetz zu sterben. Er hat einen kleinen Finger eingebüßt, eine Injektion nimmt ihm den Schmerz. „Der weiße Doktor ist ein großer Zauberer“, erzählt er später seinen Leuten, die — wie nur vereinzelt noch — im kulturellen Rückstand sind.

Cruzziano ließ ihm übersetzen: „Häuptling, sei froh, mit Mühe“, sie war absolut nicht groß, „hat unser Doktor dich gesund gemacht. In zwei Tagen kannst du heim. Aber hüte dich, nochmals unsern Doktor anzugreifen! Denn alles, was zu seinem Stamm gehört, das ist sein Eigentum. Ich bin ein mächtiger Mann“, Bertram, der die Rede übersetzt, flechtet ohne Auftrag mit viel Gesten ein, ‚ . . . ein sehr großer Herrscher über viele Reiche‘. „Ich habe viel Soldaten, die kommen dann und holen euch hier weg.“

Die Drohung ist nicht ernst gemeint. Immerhin — der Neger kriecht in sich zusammen und fleht Bertram an: „Bruder, sag‘ dem großen weißen Mann, daß wir euch nie wieder überfallen werden. Aber wenn — wenn der weiße Doktor“, er macht ein wehleidiges Gesicht, „ja, ob er unsere Kranken auch mit heilen möchte? Nicht alle, aber meine Frau, die ist sehr krank.“ Das stimmt natürlich nicht und Bertram sagt: „Ich rede dann mit ihm.“

Bei der Nachmittagsvisite bleibt Wanger eine Weile an des Negers Lager stehen. „Na, mein Freund, wie geht es dir?“ „Gut, ich bringe meine Kranken alle her, o — nicht alle, aber meine Frau und . . .“

„Erst zehn, denn wir haben nicht so viele Betten; sind sie gesund geworden, dann dürfen andere kommen.“ Dankbar nickt der Häuptling und hält späterhin sein Wort.

An diesem Tage gibt es viel zu tun, doch am Abend ist die Ruhe wieder eingekehrt und „. . . nun werden wir das Beste hören, nach dem ich richtiges Verlangen habe“, läßt der Minister sich vernehmen. Juliane und Marita bestätigen das und die Piloten fragen, ob sie auch mit hören dürfen.

Wanger nickt. „Es wird Ihnen allerdings ein Neuland sein und nicht alles werden Sie verstehen.“ „Ging mir ebenso“, fällt Cruzziano ein, „mir fehlt noch viel von echt geistiger Erkenntnis.“ „Freund, solange wir auf Erden leben, müssen wir die Wege der Erkenntnis wandern, wollen wir das hohe Ziel erreichen: Gottes Licht und Seine Anschauung.“ Ein Seufzer: ‚Wann wäre ich soweit?‘

„Liebe Freunde“, beginnt Wanger, „ihr könnt unterbrechen, könnt Fragen stellen; denn im Austausch kommt man besser vorwärts. Ich greife etwas weit zurück, damit ihr meine Ausführung versteht.“ Er meint zumal die Flugzeugführer, die geistig sozusagen unbeschrieben sind. Gerade das ist gut, da braucht man nicht erst manche Irrung zu beseitigen.

„Sich führen lassen, ist ganz gut. Doch das Übel überwiegt dabei das Gute. Mit nur Geschenktem ist nicht viel anzufangen. Selbsterworbenes ist der Schrittmacher für die Seele! Robertos Vater fragte, ob ich bloß zu guten Leuten ginge. Diese Frage löst ein wichtiges Bedenken aus. Leider hat das Kirchentum jenen Fehler aufgebracht und bis heute nicht beseitigt: das Dogma der Verdammung und die Annahme nur der sogenannten Guten, obwohl der Heiland fragte: ‚Was nennst du Mich gut?!‘

Ob Gott wirklich diesen nur begegnet, offenbart die Bibel, in der wir Seine väterliche Weisung finden. Ein rechter Vater liebt auch jene Kinder, die nicht ganz gut geraten sind. Eine solche Liebe äußert sich — bei höherer Erkenntnis — nicht im Streicheln, sondern viel mehr in der ‚segensreichen Zucht‘. Und wer — frage ich ist ein besserer Vater als unser aller Gott, der All-Ewige, der uns allesamt erschaffen hat?!

Der Schöpfer hatte Sich ein Volk erschaffen, Seine Kinder, reich an ihrer Vielzahl, reich an hohen Gaben, die Er ihnen als ein Edelgut vermachte, wahrlich ein ‚Voraus-Erbe‘, wie es heiliger und wahrer nicht gegeben werden kann, nicht genau zu offenbaren ist. Ich will hierbei nicht das Einzelne belichten, es führte jetzt zu weit, doch die Grundlinie ist anzudeuten.

Ein Großteil dieser Kinderschar bewahrte sich das Edelgut; doch ein Kind vergriff sich sozusagen an der ‚ewigen Lade Gottes‘, um zu stehlen, was dem Schöpfer ganz allein gehörte. Er, weil Er dieses Kind genauso liebte wie die anderen, verbannte es, damit es in der Ferne einst zur Einsicht käme. Wir merken: keineswegs nur also zu den Guten kommt der Herr, etwa wie im Licht; in der Materie, hervorgehoben, kommt Er auch zu jenen, die wir ungut nennen wollen, um sie durch Strafe zu erziehen.

Ein bestes Beispiel bietet Gott als Heiland auf der Welt. Er ging zu Hohen und zu Niedrigen, zu Heiden und zu Juden, Er sprach zu jedermann bei Tag und Nacht und lehrte in der Bergpredigt:

‚Wer nur zu seinesgleichen freundlich ist, tut nichts Sonderliches.‘  (Matt. 5, 47)

Beocanas sagten ‚Zufall‘, weil ich Roberto retten konnte.. Per Zufall läßt sich keine Weltgeschichte lenken! Gewiß gibt‘s Nebensächliches, das man als ‚Zufälligkeit‘ bezeichnen darf. Aber unser Lebensweg beschränkt sich nicht aufs Äußere. Das geht nebenher; das GEISTIGE ist der Grundkomplex, auf dem unser Dasein sich erhebt. Ob wir es erkennen oder leugnen — nichts ist wichtiger als das Leben aus dem Geist, dem unsere Seele angegliedert ist.

Auf diesem Sektor gibt es keinen Zufall, bloß die Führung, und diese liegt allein in GOTTES Hand. Man kann auch manches Schicksal nennen; denn mitunter ‚schickt‘ der Herr den Menschen etwas zu, um sie dadurch anzurühren, falls sie von der Führung gar nichts wissen wollen. Manches Schicksal ist auch mit für andere zu tragen. Hier flechte ich das eine ein:

Ich nahm an, als Missionar dem Herrn zu dienen. Da ‚schickte‘ Er mich zu den Kranken und wo Elend hauste und ich erkannte, daß nicht allein die Lehre, ist sie noch so gut und wahr, unsern Lebensweg erfüllt, sondern daß die Dienstbarkeit das ERSTE ist, das uns von unserer eigenen Welt befreit. Hätte ich zu meinen Negern bloß gesprochen, was hätte ich damit erreicht?“

„Nichts!“ ruft Bertram, der mit in der Runde sitzt. „Vor unserm Doktor waren andere da, die nur viel geredet haben. Du hast gleich die Hand geregt und mit wenigen Worten darauf hingewiesen, weshalb du zu uns kamst. Aus Erfahrung wollten wir von dir nichts wissen, aber freundlich gingst du drüberhin und hast zuerst an uns gedacht. Da fanden wir zu dir Vertrauen.“

„O Bertram“, lacht Marita, „ihr seid nicht schlau gewesen! Als ich ihn sah, da hatte ich sofort zu ihm Vertrauen.“ „Schon recht, Maiglöckchen, ich selbst sah seine gute Seele; aber leite du mal einen Stamm, der durch allerlei Erlebnis gegen weiße Männer scheu geworden ist.“ Hilfesuchend sieht er Wanger an. „Hast recht; und ein gesundes Mißtrauen ist berechtigt, zumal dann, wenn es niemand Schaden tut.“

Fallango meldet sich: „Meine Frage paßt zwar nicht hierher, und was ich eben hörte, war mir unbekannt. Natürlich wußte ich, es gäbe einen Gott; allein — Er war mir kein Begriff, weil es hieß: Die Natur vermehrt sich durch sich selbst und der Mensch stammt von den Tieren ab. Unser Körperbau samt allen inneren Organen ist dem der Tiere gleich. Glaubwürdig kann das sein; aber wenn andern, dann entfällt ein Glaube an den Schöpfer, der uns erschaffen hätte. Die Tiere freilich auch. Wie ist das zu verstehen?“

„Bei Wissenschaftlern, die sich auf naturgebundenes Denken eben so versteifen, wie starre Kirchenlehrer auf die Dogmen, ist‘s nicht leicht, ihre Blindenbinde wegzunehmen. Es ist ungefähr so, wie beim Schicksal oder Führung. Die Erkenntnis über Gottesdinge setzt das ‚Glaubenstum‘ voraus. Nicht jedoch den blinden Glauben, denn dieser führt zu nichts. Wenn ich an Gottes Führung glaube, dann bin ich auch im Schicksal ein Geführter.

Weiß ich, daß der Schöpfer aus der Fülle Seiner Macht die Menschen samt der Kreatur erschuf, dann öffnet sich des Lichtes Auge, wie ich es bezeichnen will, um nach und nach zur Klarheit zu gelangen. Gern bediene ich mich eines Gegenargumentes, das scheinbar jeden Glauben demoliert. Ein Wissenschaftler, der bloß die ‚Entwicklung‘ gelten und die Menschen aus dem Tier erstehen ließ, hielt mir die Bibel vor, in der — er betonte freilich, daß sie von Menschen stamme — auch zuerst die Tier- und Pflanzenwelt erstanden wäre und hernach der ‚Homo sapiens‘. Das nannte er das Zeichen, daß die Tier-Menschenwissenschaft die echte sei.

Eine ruhige Debatte durchzuführen, war nicht möglich. Er ironisierte, Gott — wenn es einen gäbe — wäre nicht zu sehen, also ohne Existenz. Ich fragte, ob er die Luft sehen und mit Händen greifen könne. Er tat es ab: Luft wäre ein Bestandteil der Natur. Darauf ich: ‚Der wichtigste, denn ohne Luft können Sie nicht leben! Sie können viele Tage ohne Nahrung sein, aber keine fünf Minuten ohne Luft.‘ Er meinte, das sein Kindereigeschwätz. — Solchen Leuten etwas beizubringen, ist schier unmöglich.

Nun — betrachten wir den Körperbau, so merken wir trotz mancher Gleichheit oder Ähnlichkeit beider Arten wesentliche Unterschiede. Der größte besteht im Denkvermögen, dem ja der Tätigkeitsimpuls entspringt. Auch die Tiere haben eine Seele, nur ist diese anders konstruiert. Das Tier kann denken, liegt aber im Instinkt begründet, den der Schöpfer Seiner Tierwelt gab.

Das menschliche Gefühl, das Abwägen einer Handlung mit ‚höherem Instinkt‘ bezeichnet, können sich bloß jene leisten, die die wahre Ethik nicht besitzen, auch wenn sie deren Wortsinn kennen. Damit kommen wir aufs Wesentlichste, was die Menschheit von der Fauna trennt: das geistig-seelische Prinzip!

Das ist das bewußte Denken, den Geschöpfen vorbehalten. Zu trennen sind Geschöpf und Kreatur. Letztere bezieht sich ausschließlich auf die Tiere, während das Geschöpf dem Menschen gilt, vorangestellt des Lichtes Kinder, sowie auch jene, die als Wesen zu bezeichnen sind. Über diese Arten, wenn gewünscht, sprechen wir ein andermal. Es betrifft die Geister, Menschen, Seelen, Wesen.

Das göttliche Prinzip in uns ist ein Geistanteil, den die Gottheit aus der Hoheit ihrer Kräfte den Geschöpfen gab; das Seelische ist der zweite Anteil, er vermittelt das ‚bewußte Leben‘, immer auf der Basis eigener Erkenntnis und der Fähigkeiten, die wir mindern und auch steigern können durch den Einsatz der verliehenen Kräfte. Alles das besitzt kein Tier und es ist hergeholt zu sagen, daß die Natur dies nach und nach entwickelt hätte.

Es gibt Tiere mit höherem Intellekt; doch auch hierbei bleibt das Denk- und Ausdrucksvermögen in gewissen Grenzen, die ein Tier nicht überschreiten kann. Der Mensch kann jedoch durch Arbeit und Bemühen jeden Intellekt zur Intelligenz umgestalten. Daraus darf ersichtlich sein, daß die geschöpflichen Lebewesen über jeder Kreatur und dem nur naturgebundenen Leben stehn.“

„So habe ich das nie betrachtet“, bekennt der Chefpilot. „Beinah schämt man sich, daß . . . “ „Gar nicht nötig“, fällt der Minister ein. „Wer von der Wahrheit nichts erfahren hat, der kann sie auch nicht wissen. Ich hab‘ früher nie darüber nachgedacht, obgleich ich diesem Unsinn widersprach. Das war mir eben zu absurd. Wir können unserm Weisheitslehrer heute bestens danken.“

„Stopp!“ ruft Wanger. „Ich will kein Lehrer sein. Wenn ich etwas aus dem Geiste bringen darf, so ist‘s die Güte Gottes, die uns das beschert! Nun“, er flechtet eine Pause ein, „wollen wir erst einen Imbiß nehmen, dann schneiden wir ein weiteres Kapitel an.“ Das ist allen recht, und die Unterbrechung dient dazu, das Gehörte erst mal aufzunehmen.

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