← Zurück zu „Das ewige Licht“

Das Ewige Licht – Kapitel 15

Kapitel 15

Die Piloten fühlen sich zwar angesprochen, allein — es ist eben Neuland. Man sieht sich darauf um und weiß nicht, was man mit ihm machen soll. Wie wird aus einer Brache gutes Feld? Der Arzt sieht den Gedankenwirrwarr, der in den jungen Köpfen spukt. Ein stilles Lächeln, ein inneres Gebet: ‚Herr, erwecke sie, damit sie eine gute Gasse finden!‘ —

Roberto meldet sich: „Onkel Willmut, darf ich etwas fragen? Ich möchte aber nicht die Lehre unterbrechen, die du vorgesehen hast.“ „Bring‘s nur vor“, meint Juliane, „unser Lehrer flechtet es in seine Predigt ein.“ „Das hast du lieb gesagt!“ Ihr Mann faßt nach ihren Händen, Wanger nickt dazu und Roberto sagt:

„Ich las in der Bibel, als sich der Herr ermüdet auf den Brunnen setzt. Du hast gelehrt: Der Heiland war Gott Selbst. War Er es, wie konnte Er denn müde sein?“ „Eine gute Frage! Wir wollen nicht sehr streng bei einem Thema bleiben, sondern fahren einmal kreuz und quer mit unserm Seelenschiff. So lernen wir das ‚Meer der Gottheit kennen, soweit es für uns zu erfassen ist.

Man muß sich in die Zeit zurückversetzen, weil sich die nicht aus dem Blickpunkt unsrer Gegenwart verstehen läßt. Durch die Rückschau ist auch das Geheimste, Unverstandene zu enthüllen und ins Gegenwärtige zu übertragen. Wir gehen daher einmal in Gedanken mit dem Herrn und Seinen Jüngern über Land. Der Weg ist weit, Er will nach Sichem und Er weiß ja, was daselbst geschehen wird. Seine Wege sind nicht ‚ungefähr‘; nein — jeder Schritt ist aus der Fülle Seiner Herrlichkeiten vorgesehen.

Nicht selten jammerte die Jüngerschar, wenn der Weg beschwerlich wurde. Oh, der Herr kennt nur zu gut das ‚menschliche Geschlecht‘. Stets belehrte er die Jünger, wie sie sich verhalten sollten. Auf dem Weg nach Sichem zankten sie, blieben hinterm Herrn zurück, Er sollte sie nicht hören. Dabei wußten sie genau, daß Er sie nicht erst zu hören brauchte, um zu wissen, was bei ihnen vor sich ging. Und — Er lächelte vor Sich hin. Trotz Schimpferei stapften sie Ihm nach über Stein und Sand. Sie hingen ja an Ihm. Darum übersah Er um des Weges Mühsal ihr Gezanke, nicht aber so, ohne Lehrbeispiel daran zu knüpfen.

Er ist zuerst am Ort und setzt sich auf den Brunnenrand. Oh, als Mensch konnte auch der Heiland einmal müde werden; bloß war Seine Müdigkeit nicht menschlich gleichzusetzen. Und jetzt wartet Er auf Seine Jünger. Beschämt stehen sie um Ihn herum.

‚Müde könnt ihr werden‘, sagt Er mahnend, ‚lässig aber nie! Euch war der Weg zuviel. Wer Mein Jünger ist, der soll das kleine Ungemach nicht scheuen. Seht, für Euch habe Ich das Müdesein auf Mich genommen. Überdies und Seine Augen leuchten dunkelsanft, ‚bin Ich Selbst der Brunnen. Meine Worte sind das Wasser, das Ich jederzeit zu geben weiß.

Seid ihr verhungert?, seid ihr verdurstet? Nein! Also könnt ihr Mir auch folgen, wo immer Ich euch Meine Wege wissen lasse! Dem Menschen ist‘s nicht leicht, des Geistes Gasse zu beschreiten; diese Mühsal meidet er. Aber weltlich ist ihm keine Last zu schwer, wenn er für des Leibes Dasein einen Vorteil, eine Lust gewinnt.

Das zeige Ich euch mit dem langen Weg. Wer für seine Seele eines Weges Last und Mühe auf sich nimmt, kommt immer an dem Brunnen, der ICH ewig bin!‘ Soweit ein Teil der Lehre Christi an die Jünger.“ „Warum steht das nicht so in der Bibel?“ fragt Marita, „Man würde alles gleich verstehen und brauchte nicht erst lang zu raten, warum das so geschah, wie aufgeschrieben steht.“

„Ein Gleichnis: Der Lehrer gibt im Umriß an, was aufzunehmen ist. Würde er den Kindern es genau erklären, dann würden sie sich nichts erringen; es ‚rauschte‘ sozusagen nur vorbei. Verstanden?“ Marita und Roberto bejahen es. „Gehen wir dabei ein Schrittlein weiter, um die Bibel zu verstehen.

Johannes, der am tiefsten in des Heilands Lehre eingedrungen war, schrieb am Ende der Epistel, daß ‚Jesus noch viel getan und gelehrt hätte und die Welt die Bücher nicht fassen könne, die zu schreiben wären‘. Wie recht hat er gehabt! Darum hat er dann auf Patmos auch das Schlüsselbuch geschrieben, das heute noch die meisten Theologen nicht verstehen oder nur zum Teil.

Es war unmöglich, alles zu notieren, was der Herr getan, ob und wie Er Seine Wesenheit enthüllte. War Gott der ‚Gang der Menschheit‘ unbekannt? Ihr verneint und so ist ersichtlich, daß das meiste aus der Heilandszeit für später zu bewahren war. Heutzutage ist schon vieles offenbart, und manch lichtgesegneter Mensch durfte aus der Gottes-Bahn das Wahrheitslicht verkünden.

Würden wir nicht suchen, um zu finden, dürften wir nicht prüfen, um Gottes Wahrheit aufzublättern — die Bibel würde uns sehr wenig nützen. Wer an den Buchstaben klebt, wird schwerlich aus dem ‚Buch der Bücher‘ einen Nutzen haben. Hat man das sogenannte rote Fädlein aufgespürt, dann ist es leicht, in den Gegebenheiten das Warum des Wortes und der Taten Tiefe zu erkennen.“

„Wer kann das ohne Einführung?“ fragt der Minister. „Ich weiß, Willmut, du willst nicht hervorgehoben sein. Frag‘ uns bitte, ob wir in der Lage wären, ohne deine Auslegung des Geistes Tiefe zu ergründen. Erst durch dich fanden wir den wahren Weg! Ich habe in der letzten Zeit die Bibel öfter aufgeschlagen und — na ja, hie und da hab‘ ich was verstanden. Allein, so wie du es zu erklären weißt, davon hatte ich noch keinen Dunst.“

„Das schadet nichts. Wer aber sucht, der findet; wer an die Türe klopft, dem wird sie aufgetan; wer außerdem um Gottes Segen bittet, dem wird er stets zuteil. Ein Gotteswort!, was sich obendrein auf unser Weltliches beziehen läßt. Wohl ist Letzteres ein Spiegel, eigentlich bloß eine Spiegelscherbe; immerhin — auch in dieser läßt sich Gottes Wort und Wahrheit sehen.“

Wanger schenkt die Gläser voll. In den Wein hat er vorher ein paar Tropfen eingemengt; die Freunde sollen durch das Tropenklima nicht erkranken. Für heute ist‘s genug. Man sucht gern die Ruhe auf. Heimlich wachen immer ein paar Neger und Wanger freut es, daß sie es von selber tun. Er hatte es gemerkt, als ein paar Schatten um die Häuschen schlichen.—

Anderntags überprüfen die Piloten die Maschinen. Der Kopilot sagt zu Fallango: „Es war ja gestern Abend interessant und ein bißchen hab‘ ich‘s auch verstanden. Immerhin — wer befaßt sich heute denn mit Gott? Das tun bloß alte Leute oder solche, die sich aus einem Drang daran begeistern. Ich“, und er lacht verlegen, „halte es dem Zeitlauf nicht mehr angepaßt.“

„Genauso hab‘ ich auch gedacht“, erwidert jener. „Seit gestern denke ich, daß die Gottheit existiert und nicht abzuleugnen ist. Im Grunde tut man das doch nur, um nicht ausgelacht zu werden. Mir wäre das jetzt ganz egal. Mögen sie doch lachen! Und dann nur‘ alte Leute? Herr von Wanger ist nicht alt, der Minister ganz gewiß ein Mann, der weiß, was vorn und hinten ist; auch sind er und seine Gattin in den besten Jahren.

Bei den jungen Beocanas zeigte mir ihr Mitgehen bei den schweren Themen an, daß die Lehre aufzunehmen ist. Man kann nur gewinnen.“ „Würdest du, was du eben äußertest, im Kreis der andern Kameraden alles wiederholen?“ „Warum nicht? Mir ziehn manchmal zwischen Welt und Himmel die Gedanken durch den Kopf: wir steigen auf, werden wir auch landen? Ich bin gewiß, daß das viele von uns denken, auch wenn sie nichts davon verlauten lassen.

Ich hab‘ mich oft ertappt, fand ich meine Hände wie gefaltet, wie es fromme Beter tun, bevor ich startete. Ich habe mich belacht, das kannst du glauben; und doch — wie oft kam mir die Geste, ohne daß ich’s wollte. Es muß doch eine Führung sein, wie Herr von Wanger sprach, daß gerade wir hierher gekommen sind.“

Der Kopilot möchte grinsen und — kann es nicht. Ihm war auch oft sonderbar zumute, wenn er aufzusteigen hatte. Recht hat Fallango, man stieg auf und wußte nie, ob man ungefährdet landen würde. Hatte er nicht einmal eine Bruchlandung gehabt, die glimpflich abgelaufen war? Damals hatte er geflucht, daß ihm das passierte; es galt als schwarzer Strich, selbst wenn die Schuld ein plötzlicher Defekt oder unvorhergesehene Orkane waren. Nun — es ist nichts ‚vorbeigegangen‘, was er vom Arzt erfahren hat. Rückblickend ist es ihm, als müsse er sein Fluchen streichen, als ob er jetzt zu danken hätte, als ob — daß damals — —

Fallango unterbricht das Sinnen. „Kamerad, laß uns nicht von dieser Stätte gehen ohne uns zu beugen, vor — GOTT! Ich kam die ganze Nacht zu keinem Schlaf, so hielt mich das Gehörte fest. Natürlich müßte man, wie Herr von Wanger sagte, eine zeitlang in die Schule gehn, um alles zu verkraften. Der Grundbegriff blieb aber in mir haften: es gibt wirklich einen Gott! Ich habe es erkannt, daß Er mich — uns — hierher führte. Auf heute Abend freu‘ ich mich direkt und hoffe, mehr zu lernen.

Das mit dem Brunnen, auf dem Jesus saß, da schauerte es in mir und ich dachte, daß Wanger für uns auch ein Brunnen sei, aus dem wir trinken dürften. Na, das hört sich komisch von mir an?“ „Ach, so komisch ist es nicht“, fällt der andere ein. „Ich bin nicht wie du bereit gewesen, das Gesagte aufzunehmen. Aber heute Abend — “ Da kommt Bertram mit zwei Männern an und auch Roberto eilt herzu. Der Unterricht beginnt. Die Piloten staunen, wie die Neger rasch begreifen, was als erstes aufzunehmen ist.

Pedro, Juliane und Marita gehn mit Carol zu den Elefanten. „Das ist Pluto“, zeigt Pedro auf den einen, „der mich liebevoll begrüßen wollte.“ „Ich dachte niedertrampeln“, entgegnet Juliane. Sie hat vor dem riesigen Koloß ein wenig Angst, indes Marita unbekümmert Plutos Rüssel sich um ihre Schultern schlingen läßt.

„Und hier ist Mary“, geht Pedro auf die Elefantendame zu. Als ob sie ihn noch kennt, so schwenkt sie ihren Rüssel hin und her. „Auf dem Rückritt nehmen wir auch Pluto.“ Aber Carol sagt: „Nein, in der Freiheit ist er schwer zu lenken. Es ist so — er hat draußen Angst und wird leicht wild. Wir nehmen unsern Marschall, ein jüngerer Herr, Marys Kind, da kann nichts passieren.“

„Eure Elefanten haben aber noble Namen“, lacht Marita und streckt nach Marschall ihre Hände aus. Plump spielend kommt er näher, während Mary mit den Ohren wedelt. Sie ist besorgt, daß ihrem Sohne nichts geschieht. Carol hält den Marschall fest. „Unsre Tiere sind zahm, wir haben auch zwei Löwen. Unser Doktor fand sie klein und krank, da war die Mutter weggeschossen worden.“

„Den, wenn ich hätte!“ Marita schüttelt beide Fäuste, „dem würde ich was geigen! So ein Lump!“ Der Arzt, hinzugekommen, lacht herzlich auf: „Maiglöckchen sollten immer lieblich läuten, Recht hast du aber, Kleine! Man sagt einfach ‚böse Tiere‘; es müßte richtig heißen:

‚dumme Menschen‘!, weil sie sich keine Mühe geben, den Charakter eines Tieres zu erforschen. Jetzt kommt, wir gehen mal zu Mars und Venus.“

„Sind das die Löwen“, fragt Marita. „Darf man sie mal streicheln?“ „Nur in Carols oder meinem Beisein.“ Juliane klammert sich an ihres Mannes Ärmel an. „Gehst du mit?“ „Gewiß“, beruhigt er. „Mit unserm Willmut kann man in die Hölle gehen — wenn es eine gibt; und da passiert uns nichts!“ „Ah ja, unser Doktor“, ruft Carol laut, „hat den bösen Häuptling auch gezähmt!“ Die Gäste prusten los, Wanger lächelt. Er kann seinen Negern solche Reden nicht verbieten, auch bleiben sie auf diese Weise treu und brav.

Die Löwen wittern erst. Wanger setzt sich ruhig auf die Erde und schon kommen sie und legen sich zu seinen Seiten nieder. Den Gästen bummert es ganz schön, sie bleiben weit zurück. „Komme einmal her, Marita“, winkt Wanger. „Du darfst deine Angst nicht merken lassen, das spürt jedes Tier; bloß wissen sie es nicht und legen es als Angriff aus.“

Plötzlich hebt die Venus ihre Pranken, sperrt den Rachen auf und stellt sich hoch. „Ruhig stehen bleiben“, kommandiert Wanger leise. Gravitätisch schreitet Venus auf Marita zu. Carol hat schon einen Bogen eingeschlagen und steht an ihrer Seite. Mars gähnt und legt seinen Kopf auf Wangers Schoß. Venus setzt sich wie ein wohldressierter Hund vor Marita hin und hebt eine Tatze.

„Nimm sie“, sagt Carol, „sie will dich grüßen.“ „Ach“, seufzt das Mädchen, „ist das ein Erlebnis!“ Sie setzt sich so wie Wanger hin und schon legt sich Venus artig nieder. Da findet Juliane auch den Mut und streichelt beide Tiere. Als man wieder geht, sehn die Löwen ihnen nach.

„Das wird mir niemand glauben“, sagt Marita. Roberto kommt hinter einem Baum hervor. „Ich hab‘ geknipst“, lacht er. „Fein“, Marita fällt dem Bruder um den Hals. „Wenn du so mutig bist, wie ich es war . . .“ „Nana“, meint Cruzziano lachend, „dein Mut lag au erst in den Schuhen!“ „Deiner ebenso zuerst“, neckt Marita den Minister. „Wenn du also mutig ist“, wendet sie sich an Roberto, „und zu den Löwen gehst, dann knipse ich.“

„Heute nicht mehr“, entscheidet Wanger. „Wir gehen morgen wieder her und es wird ein Gruppenbild von euch gemacht. Die Piloten auch. Carol und der Futtermann bewachen euch, da geht nichts schief.“ Als die Piloten davon hören, sind sie hell begeistert. Fallango neigt sich vor Marita: „Hochachtung; ich glaube nicht, daß ich als erster dieses Kunststück wagte. Ja ja, brave Männer gehen gern den Spuren ihrer Damen nach.“

Er hat sie lieb gewonnen, aber — — Er ist bloß ein Pilot, sie die Tochter eines reichen Fabrikanten. Da sagt Bertram, der Wanger etwas meldete: „Warte ab, unser Doktor hat gelehrt, daß das Weltliche beachtet werden soll, allein immer nur an zweiter Stelle. Unsere weißen Freunde sind nicht stolz. Pflücke erst die Blume, wenn du weißt, daß sie dir entgegenblüht.“

Verdutzt sieht Fallango drein. Woher in aller Welt weiß der Neger, was in seinem Herzen vor sich geht? Bertram lernte Wangers stilles Lächeln, und mit diesem geht er fort. Ein Glück — niemand hatte es gehört. Fallango hätte sich geschämt. Oh, auch er hatte erst die Neger etwas von der Seite angesehen; nun kommt er zur Erkenntnis, daß man sie wie weiße Leute einzuschätzen hat, wenngleich nach der Mentalität der verschiedenen Rassen.

Der Tag verläuft mit vieler Arbeit. Wanger sputet sich, um abends frei zu sein. Die Sonne sinkt, die Tagesglut ebbt ab und es greifen kühle Schatten aus dem Wald ins Dorf. Die Fenster sind geöffnet, die Moskitonetze vorgespannt, der Ventilator summt und erfrischende Getränke stehn bereit.

Eine Weile ist es in der Runde still, erwartungsvoll sieht man sich gegenseitig an. Wangers Hände ruhen ineinander. Und dann hebt er seinen Blick; es ist zu spüren, wie er Gottes Segen aufzunehmen weiß. Roberto, der die Bibel nun schon besser kennt, sieht ihn den Propheten gleich, die einst von Gottes Wahrheit zeugten. Und schon fängt Wanger an zu reden:

„Liebe Freunde, es kommt euch eigenartig vor, daß ich hier, ein Arzt, mich Gottes Wort und Wahrheit ebenso ergeben habe, wie dem Beruf, den ich durch Seine Führung auszuüben habe.“ Ein stilles Lächeln, wie so oft, gleitet über sein Gesicht, als er beide Hände hebt und weiterspricht:

„Der Mensch hat zwei Hände, er kann mit diesen also auch zwei Dinge tun, nicht stets zu gleicher Zeit, nein; aber von den beiden braucht nichts Minderes zu sein. Nun auch der Schöpfer hat zwei Hände. Ob Er Seiner Schöpfermacht gemäß so viele Hände hat, wie die Vielzahl Seiner Werke sind, ist uns unbekannt. Glaubwürdig kann es aber sein. Doch in Seinem offenbaren Wirken, soweit wir als Geschöpfe dies erfassen, sind es stets zwei Hände, die Seine Werke insonderheit uns Kindgeschöpfe — erhalten und zur vorgesehenen von Ihm gesegneten Vollendung führen.

Wir legen, wenn wir an Gott glauben, unser Tun und Lassen gern in Seine Hände; und manchmal möchte man wohl wissen, was ER damit tut, wie Er unser Auf und Ab besieht, ob Er manches wieder fallen läßt, was sich nicht mit Seiner Heiligkeit verträgt. Läßt Er etwas fallen, Frage: wo wird das hingeraten? Denn behält Gott unser Tun und Lassen nicht, so müßte es — ganz streng genommen — ins Vergehen sinken. Und was würde dann hernach — ?

So ginge von der eigenen Persönlichkeit ein Teil verloren. Denn Gedanken, Worte, Werke, die dem ICH entspringen, sind und bleiben Teile von uns selbst.“ Pedro meint, wenn Gott einiges verwirft, da hätte man es auch nicht mehr. Wenn aber das, so müßte man in seiner inneren Persönlichkeit gespalten sein. „Ob das möglich ist?“ fügt er diese Frage an.

„Das Problem ist nicht ganz leicht“, erklärt der Arzt. „Natürlich bleiben die von Gott geschaffenen Werke immer das, wie Er ein jedes schuf, im vorhinein von Ihm mit beigeschlossen die Entwicklung, die Sein Kindervolk betrifft, und zwar uns zur Freude, zum Segen und zum Vorwärtskommen. Davon ist nichts abzuschneiden!

Was zu verlieren wäre, ist ein Gedankegut und wiegt schwerer, als jeder andere Verlust. Aus den GEDANKEN holt der Heilige die Werke Seiner WORTE und der TATEN. Im kleinsten Abbild geschieht das auch bei uns. Geht vom Gedankegut ein Teil verloren, so bleiben Wort und Werk auch minderwertig. Das eben wäre es, was wir ohne Gott nie rückerwerben könnten. Welch ein Verlust!

Ich hob beide Hände, um das Gleichnis anzuschließen: UR-Gottes Hände! Wir legen in sie — von uns sehr oft ungewollt und unbewußt — das Leben, unser ganzes Sein mit aller Irrung, mit dem Soll und Haben! Von dem, was guten Willens ist, ist zu glauben, daß Seine Güte es behält und eine weitere Segensstraße daraus baut. Aber alles andere, was Seiner Heiligkeit zuwidersteht — — ?

O, Gott ist gut! Er wird aus Seinem Grundvermögen alles Armselige unseres Lebens halten — in zweifacher Hinsicht: die erste ist die Güte, die zweite das Ganze Seiner Schaffung! Die Schöpfung ist Sein Eigentum und gibt es nichts, was nicht vor Seinen Augen wäre, weil aus IHM geworden! Also braucht man kaum zu fragen, wohin das Böse fällt, — nämlich auch nur in Sein Werk hinein!

Allerdings: mit allem, was Ihm widerstrebt und hält es doch in Seinen Werken fest, muß irgendwas geschehen. Er hat zwei gleiche Hände und nicht wie bei uns Menschen, daß allgemein die rechte Hand die Tat-Hand ist, die linke nur die Beihilfs-Hand. Das trifft bei Gott nicht zu! Bloß für uns Kindgeschöpfe zeigt Er Seine Hände unterschiedlich her, jenachdem, wer sein eigenes Unterschiedliches Ihm anvertraut oder — eben doch verweigern will.

Ersten Falles bleibt sich‘s gleich, welche Hand der Herr benutzt, um unser Auf und Ab zu lenken; im zweiten Fall ist Seine rechte Hand zu jeder Zeit das RECHT, das unabänderliche, dem sich niemand widersetzen kann, mit und ohne Willen! Die linke Hand zeigt sich bei Ihm dann als die ‚Beihilfs-Hand‘. Sie händigt eine Hilfe aus, sie steht dem armen Sünder bei. Und das ist, genauso wie Sein Recht, ganz unverrückbar Seine GNADE!

Es läßt sich nicht ergründen, was Er aus Seinem Recht in Seine Gnade, von dieser in die Rechtshand tropfen läßt. Tropfen!, merkt‘s euch gut! So unendlich ist das Wirken Seiner Gnade, in der sich die Erbarmung zeigt, daß Er alles Ungut tropfenweise fließen läßt. So erhält Er dem Erbärmlichsten die Möglichkeit, einmal Seine Wahrheit zu erkennen samt dem eigenen Leben, wie fern vom Höchsten es gewesen ist. Und das erkannt, alsdann wird der Rest des bösen Lebens in die Hand der Gnade fließen, rascher, aus Erbarmung, damit die Seele zu erretten ist.

Aus unserm armen Lebens-Soll macht ER für uns ein Haben in der Ewigkeit, daß man das ewige Licht erkennt: die Wahrheit und die Güte Gottes! Es würde unseren Weg erleichtern, sowohl diesirdisch wie im jenseitigen Bereich, wenn wir selbst aus unserm Soll ein Haben machten, kleine Teile; denn das GANZE tut pur ER! Aber schon ein Kleines könnte uns die Seligkeiten mit bereiten, die der Vater für uns vorgesehen hat.

Dies braucht Gott nicht erst herzustellen; denn ehe je ein Kind zum Leben kam, hat Er vorausgeschaffen, was Er aus Seinem Heilsgut Seinen Kindern schenken wollte. Er schuf erst die Wohnung und hob dann die Kinder aus der Tiefe Seiner Herrlichkeit heraus. Wir haben einen wunderbaren Gott! Das ewige Licht Seines Gottes-Daseins ist ja unser Halt, ist unsre Richtung, Weg und Ziel, ist und kann alles sein, dessen wir bedürfen.“

Wanger schaltet eine Pause ein. Zu viel auf einmal lehren, ist nicht gut, denn die Hörer stehn am Anfang des Erkenntnisweges. Nur der Neger Bertram, die ‚weite Schau‘ besitzend, kann dem Gesagten völlig folgen. Doch wie jeder sich bemüht, die Lehre aufzunehmen, so gut als möglich zu verstehen, davon zeugt jetzt Juliane, des Ministers Frau. Sie fragt:

„Du sprachst vom Soll und Haben, was ich gut verstand, weil ich fröhlich dachte: Oh, der liebe Gott macht aus meinem armen Soll in Seiner Freundlichkeit ein Haben. Doch nun kommt das Gegenüber. Hat Gott Sein Ich in uns verkörpert, ich meine in der Spiegelung, nicht Er Selbst, wie du von Seinen und von unsern Händen sprachst, dann müßte notgedrungen unser Soll ein Haben Gottes sein und unser Haben dann Sein Soll. Ich kann mir nur nicht denken, daß Gott soll, daß Er — nun ja — dadurch ein Manko hätte. Lege es doch bitte aus, damit ich es erfassen kann.“

„Gut gemerkt“, lobt Wanger. „Gott freut sich über dich. Wir betrachten die Gebote, aus denen sich ein Soll und Haben bilden läßt. Es genügt, ein Gebot hervorzuheben: ‚Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst . . .‘ Bleiben wir erst dabei stehn. Einwandfrei gilt uns das Soll, ganz gleich, wer und was wir sind.

‚Du sollst‘ muß richtig heißen: ‚Du solltest, es wäre gut, wenn du das Gesetz befolgen würdest, wie ICH, der HERR, dein GOTT, es hergegeben habe.‘ In nichts findet sich ein Gegenüber, wie weltlich es besteht: eine Seite Soll, die andere Haben. Bei dem wunderbaren Gott der Güte und Barmherzigkeit heißt Sein Soll ‚Ich tue!‘ Alles geht aus Seiner TAT hervor, das mit weitgeprägtem Soll und Haben nicht verwechselt werden darf.

Im Feingefühl, das der Menschheit allgemein verloren ging, läßt sich Gottes Tun als ‚Soll‘ bezeichnen, es stünde sonst für uns kein Haben da. Doch in Seinem machtgewollten Soll liegt das — einzig nur für IHN gesagt —    ‚Ich werde, Ich will es tun!‘

‚Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein‘, könnte jedem Menschen gelten, würde er sich Gottes Führung anvertrauen, wenn er wahrhaft gläubig wäre.

Wer jedoch erfüllt das treue Soll? Wo nicht, geht das Haben auch verloren. Aber Gottes hehres Soll und Haben bleibt bestehen, und wenn keiner daran dächte: du sollst, du solltest, es wäre für dich gut, wenn du es tust! — Hier flechte ich das Lichtgeheimnis ein, das erst Wenigen auf dieser Welt bekannt geworden ist: die zwei hehren Schöpfungsfundamente, den beiden Schöpferhänden gleich.

Die UR-Bedingung, der Er das Leben für das Kindgeschöpf entnahm, als Gesetz gegeben, dem jedes Leben untersteht, — ob freiwillig oder nicht, spielt keine Rolle. Alles untersteht der UR-Bedingung, es ließe sich sonst nichts Lebendiges erhalten; und wir Menschen kämen nie zum ersten Lebensodem, das uns das eigene Bewußtsein nach und nach verleiht. Zweitens:

Das Gesetz des freien Willens ist der UR-Bedingung nachgeordnet, im Symbol den Händen angepaßt: die rechte Tat-Hand gleicht der UR-Bedingung, die linke als die Beihilfs-Hand dem freien Willen. Der uns erst gegebene freie Wille, über den man nicht bedingungslos verfügen kann, ist die ‚Bei-Hilfe‘, die uns — auch von uns aus — mit dem Vater-Gott verbindet.

Man könnte sagen: die UR-Bedingung wäre UR-Gottes heilig hehres Soll! Das setzt jedoch kein Muß voraus. Denn alles, was wir sehen oder nicht, kommt von Ihm, der aus eigener Machtvollkommenheit die Werke werden ließ, von jenen Sonnen angefangen, deren Größe, deren Herrlichkeit wir nicht erfassen, bis zum kleinsten Grashalm, bis zur kleinsten Mücke dieser Welt.

Und weil ER das so werden ließ, läßt es sich als ‚Gottes Soll’ bezeichnen. Besser ist‘s für unsre lichtgewollte Wandlung, das Wort nicht anzuwenden. Aber das ist daraus zu erkennen: Er hat Sein Tun für uns zu einem wundersamen Haben hergeschenkt, gesetzt in beiden Fundamenten, die eher waren, als ein Kind zum Leben kam. Gerade das ergibt ja unser Soll. Wer die Gebote frei erfüllt, der lebt dann schon bei Ihm, dem Vater-Gott, auch wer noch auf der Erde wandelt, belastet mit dem Weltlichen, was wir allein in uns zu suchen und zu überwinden haben.

Sind wir fähig, wenigstens mit gutem Willen unser Soll und Gottes Haben auszugleichen, dann gilt es wie ein eigenes Vermögen, obwohl aus Gottes Reichtum kommend. Hierin wurzelt unsere Seligkeit, die wir nicht erst drüben zu erwarten haben, wie die meisten Christen wähnen. O, hier schon können wir sie haben; denn mit Gott verbunden sein, — sagt mir, was es Herrlicheres geben könnte als das Eins-Sein mit dem Geber aller guten Gaben!?

Sicher werden wir die eigentliche Seligkeit oder die vollendete Empfindung, das hohe Haben, erst im Jenseits finden, weil sich das Höchste und das Beste nicht in die Materie verpflanzen läßt. Doch der Widerschein vom Himmelsgut ist auch auf Erden wahrzunehmen, zu besitzen. Und glaubt es ja, liebe Freunde: schon der Widerschein beleuchtet unsern Weg, daß wir zur Gottes-Bahn gelangen können. Und mehr bedarf es auf der Erde nicht!

Ob wir es ganz erreichen, sei dahingestellt. Aber auch ein Teilchen sieht Gott, der Vater, immer freundlich an. Wir denken an das Wort des Mose: ‚Wie hat ER — Gott — die Leute so lieb!‘ Hat Er sie, wie sollte Er uns mit derselben Liebe nicht beglücken? Also können wir gewißlich sein: Gott ist in Seinem Himmel, Er kann schaffen, was Er will! Er kann uns lieben, wie Er will! Sein Wille ist der beste! Welch ein Trost, daß man das wissen darf, daß wir eingebettet sind in Seine Herrlichkeit, selbst wenn wir als noch-Menschen weniger davon spüren.

Unser Geist, von Gott als Edelgut verliehen, ist der eigentliche Lebensträger. Läßt man ihn zur Herrschaft kommen, so wird dann auch die Seele, für die Materie das Bewußtseinsleben, nach und nach die Seligkeit empfinden und sich zu eigen machen. Gern gleicht Gott, der gerechte Richter, unser Soll und Haben aus, alsdann finden wir den freien Weg hinauf, in das ewige Licht!“ — —

Nicht allein die Nacht leiht eine hehre Stille her, es ist, als ob jeder in dem kleinen Kreis die Stille schenkt, aus Gottes hohem ATMA auf sie niederfallend. Wohl — es war eine lange Lehre und für alle gar nicht einfach, diesen Tiefen nachzukommen, diese Wahrheit sofort zu verstehen.

Wird an diesem Abend das verlangt? O, Gott sieht die Herzen an, wie sie ihren Seelenboden lockerten, wie tief der Same in sie fiel, wie sie den Himmelstau getrunken, das ‚Himmels-Man-hu‘ aufgenommen haben. Das — darf berichtet werden — die paar Menschen haben ihre Herzen aufgeschlossen, ihre Türen weit gemacht, und der Segen flutet in sie wie ein Strom. Der Strom des Lebens, aus URs Tiefe, Höhe, Weite und aus Seiner Nähe kommend, aus IHM Selbst!

← Zurück zu „Das ewige Licht“