← Zurück zu „Kreuz und Krone“

„Rühre Mich nicht an!“

Was war indessen in Maria, der liebenden Magd, vorgegangen? Sie "stand draußen am Grabe und weinte". Ihre noch stark irdische Liebe ahnte noch nichts von diesem großen himmlischen Geheimnis. Ihr Denken geht noch auf das Irdisch-Stoffliche, die äußere Erscheinlichkeit hin. Mit Tränen in den Augen "beugt sie sich vor" und "blickt in das Grab". — Und so kommt dieser demütigen Liebe Gott, der Herr und Vater mit Seinem beseligenden Wahrheitslichte stufen- und schrittweise, sowie sie es fassen und tragen kann, in Gnade entgegen. Die geistige Sehe wird ihr aufgetan. Am Kopf- und Fußende der Stelle, wo sie den Leichnam Jesu gesucht, sieht sie, Wächtern gleich, zwei Engel sitzen in weißen Gewändern.

"Weib!" sagen diese zu ihr, "warum weinest du?" — Sie erwidert ihnen: "Weil man mir meinen Herrn hinweggenommen hat und ich nicht weiß wohin."

Da wendet sie sich um, einem geheimen Zuge ihres Herzens folgend, und sie erblickt mit dem Auge des Geistes den Herrn im verklärten Seelenleibe vor sich stehen. Noch aber ist Marias geistige Sehe nicht geschärft genug, um den Herrn, der im "Dunkel der Morgenfrüh" noch in Seiner Auffahrt begriffen ist ("Ich bin noch nicht aufgefahren zu Meinem Vater"), zu erkennen. Und erst als sie mit dem geistigen Gehör Seine Stimme und ihren Namen aus Seinem Munde vernimmt, da erkennt ihn ihr Herz. Und mit dem Schrei: "Meister!", den sie "auf hebräisch", in ihrer Muttersprache, der Sprache ihres Innersten, ausstößt — eilt sie auf ihn zu, um ihn zu umarmen. Aber in ihrer noch zu irdischen Liebe darf sie sich dem reinsten Göttlichen noch nicht nahen. Und so vernimmt sie aus dem Munde des Auferstandenen die Worte: "Rühre Mich nicht an! denn Ich bin noch nicht aufgefahren zu Meinem Vater." Die allerheiligste Brust ist erst später für sie zugänglich, wenn der Herr gänzlich aufgefahren ist und auch sie gereinigt haben wird von allem irdischen Wesen durch den mächtigen Strom des Heiligen Geistes, den Er alsdann aussenden wird. Aber des Herrn Füße umfangen, das darf sie. Und so berichtet Matthäus, daß sie im Gefühl ihrer irdisch-menschlichen Unwürdigkeit auf die Knie stürzte und voll Liebe und Demut des Herrn Füße umklammerte.

← Zurück zu „Kreuz und Krone“