Auch über diese Szene und über die verschieden lautende Überlieferung des Johannes und des Matthäus ist bei Jakob Lorber ein aufklärendes Licht gegeben.
"Siehe", so heißt es, "Magdalena war auch sinnlich bis zur Eifersucht in Mich verliebt und hielt mich förmlich für ihren einzig erwählten Liebhaber. Sie hatte von Mir nur die Meinung, daß Ich ein großer Prophet sei. Meine Göttlichkeit aber war ihr noch fremd. In Anbetracht ihres verliebten Herzens hatte somit durch Mein Leiden und Sterben auch niemand so viel verloren als gerade sie, da sie nicht nur ihren Retter, Herrn und Meister, sondern im Ernste auch ihres Herzens einzigen Geliebten verloren hatte; daher sie auch untröstlich war.
Und sehet, so kam es denn auch, daß sie die erste war, die sich nach Mir erkundigte — im Beisein der übrigen, die ebendasselbe mehr aus andächtiger Trauer als aus solch unversiegbarer Liebe taten.
Als sie Mich, ihren verlorenen Geliebten, nun auf einmal vor sich stehen sah, war ihr Herz aus allen Fesseln gehoben. Sie schrie auf und wollte alsogleich im Ausbruch ihrer leidenschaftlichen Liebe auf Mich stürzen. Nun aber bedenket, wer und was Ich war und bin, so wird euch klar das:
‚Noli me tangere!‘ — Bedenket aber auch der Magdalena überstarke Liebe und euch wird auch verständlich die Umklammerung Meiner Füße.
Dazu denket noch hinzu, daß Mein Liebling Johannes Mir aus der Seele, Matthäus aber ‚aus Meinen Füßen‘ schrieb, so wird euch alles dieses noch klarer werden; und begreiflich auch die nachherige große Buße der Magdalena, da sie erst nach Meiner vollen Auffahrt erfahren durfte, wer eigentlich hinter ihrem vermeinten Geliebten war, worauf sie Mich dann durch ihre große Buße erst so recht im Geiste der Demut und aller Wahrheit hat zu lieben angefangen.
Ich sage euch aber, so Mich jemand nicht lieben wird gleich der Magdalena, der wird Mich nicht finden fürder und ‚auf Meinen Füßen‘ zum Leben eingehen und wird nimmer eine Erlösung finden vom steten Widerspruche seines Weltlebens. Sehet, Mein Reich ist von größter, heiligster Klarheit, und es kann nichts Unreines je hineinkommen. Daher denket nur an den Feigenbaum ohne Frucht und an den Diener zweier Feinde und löset selber den Herzenswiderspruch in euch. Vergesset in der Zukunft nie mehr ob der Welt, wer Ich, euer Gott, euer Vater, euer allzeitiger Ratgeber bin!
Sehet, heute rede Ich, morgen handle Ich und übermorgen möchte Ich kommen! Wer nicht zu Hause sein wird, vor dessen Wohnung werde Ich vorüberziehen. — Amen.
Das sagt Der, der Sich allezeit umklammern lässet Seine Füße! — Amen, Amen, Amen!"
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