Lexikonübersicht · Quellen und Abkürzungen
“Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit deine Tage verlängert werden, und es dir wohl gehe auf Erden”. Unter deinen Vater und deine Mutter ehren wird im natürlichen Sinne, welcher der Buchstabensinn ist, verstanden die Eltern ehren, ihnen gehorchen, sich zu ihnen halten und ihnen dankbar sein für die Wohltaten, daß sie die Kinder ernähren und kleiden, sie in die Welt einführen, damit sie in derselben bürgerliche und sittliche Personen darstellen, sowie auch in den Himmel mittelst der Vorschriften der Religion, und so für ihr zeitliches Wohl und auch für ihr ewiges Glück sorgen, und dies alles aus der Liebe heraus tun, in der sie vom Herrn her sind, Dessen Stelle sie vertreten. Im beziehungsweisen Sinne wird unter diesem Gebot verstanden den König und die Obrigkeiten ehren, weil diese für die Bedürfnisse aller im allgemeinen sorgen, wie die Eltern im besonderen. Im weitesten Sinne wird unter diesem Gebot verstanden das Vaterland lieben, weil dieses sie nährt und sie beschützt, und daher das Vaterland heißt vom Vater her; diesem und jenen soll aber Ehre erwiesen werden von den Eltern, und von diesen den Kindern eingeflößt werden. Im geistigen Sinn wird unter: den Vater und die Mutter ehren, verstanden Gott und die Kirche verehren und lieben; in diesem Sinne wir unter dem Vater verstanden Gott, welcher der Vater aller ist, und unter der Mutter die Kirche.
Die Kinder und die Engel in den Himmeln wissen von keinem anderen Vater und von keiner anderen Mutter, weil sie von dem Herrn durch die Kirche von Neuem geboren wurden; weshalb der Herr sagt: “Nennet niemand euren Vater auf Erden, denn Einer ist euer Vater, der in den Himmeln ist,” (Matth.23/9) dies ist für die Kinder und die Engel im Himmel gesagt worden, nicht aber für die Kinder und Menschen auf Erden. Gleiches lehrt der Herr in dem allgemeinen Gebet der christlichen Kirchen: “Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name!”. Daß unter der Mutter im geistigen Sinn die Kirche verstanden wird, hat seinen Grund darin, daß wie die Mutter auf Erden ihre Kinder mit natürlicher Speise, so die Kirche sie mit geistiger Nahrung nährt. Im himmlischen Sinn wird unter dem Vater verstanden unser Herr Jesus Christus, und unter der Mutter die Gemeinschaft der Heiligen, unter welcher Seine durch den ganzen Erdkreis zerstreute Kirche verstanden wird. <LL,S.189>
“Ehre deinen Vater und deine Mutter” bedeutet die Liebe zum Guten und Wahren; im höchsten Sinn die Liebe zum Herrn und zu Seinem Reich. Dies erhellt aus der Bedeutung von ehren, insofern es soviel ist, als lieben, denn die Ehre ist im geistigen Sinn Liebe; und zwar deshalb, weil im Himmel einer den anderen liebt, und wenn er ihn liebt, ihn auch ehrt, denn in der Ehre liegt auch die Liebe. Eine Ehre ohne Liebe wird dort verweigert, ja verworfen, weil sie ohne Leben aus dem Guten ist. Ferner aus der Bedeutung des Vaters, insofern er das Gute bezeichnet; und im höchsten Sinn den Herrn in Ansehung des göttlich Guten. Der Herr wird im höchsten Sinn durch Vater bezeichnet, weil Er selbst den Menschen ein neues Leben gibt, und durch dieses bewirkt, daß der Mensch Sohn und Erbe Seines Reiches ist. Und aus der Bedeutung der Mutter, insofern sie das Wahre bezeichnet; und im höchsten Sinn den Herrn in Ansehung des göttlich Wahren, somit Sein Reich; denn das göttlich Wahre, das vom Herrn ausgeht, macht den Himmel. Das göttlich Wahre des Herrn macht aber den Himmel, weil der Herr in Ansehung des göttlich Guten im anderen Leben die Sonne ist, und in Ansehung des göttlich Wahren das Licht. Dieses göttliche Licht aus dem Herrn als Sonne ist es, das die Engelsgemüter erleuchtet, sie mit Einsicht und Weisheit erfüllt, und macht, daß sie Engel des Lichtes sind. Das göttlich Gute ist im göttlich Wahren wie die Wärme aus der Sonne in dem Licht zur Zeit der Frühlings und des Sommers in der Welt. <HG 8897>
“Damit deine Tage sich verlängern im Lande” bedeutet den daraus hervorgehenden Zustand des Lebens im Himmel. Dies erhellt aus der Bedeutung von sich verlängern, insofern es vom Guten und dessen Vermehrung gesagt wird; aus der Bedeutung von “deine Tage”, insofern sie Lebenszustände bezeichnen; und aus der Bedeutung des Landes, hier des Landes Kanaan, weil es zu den Söhnen Israels gesagt wird, das Jehovah, dein
Gott, dir geben wird, insofern es das Reich des Herrn bezeichnet. Daß sich verlängern vom Guten und dessen Vermehrung gesagt wird, kommt daher, weil die Verlängerung der Tage die Dauer der Lebenszeit bedeutet, und es im Himmel weder Zeit noch Raum gibt, sondern statt dessen Zustände. Weil nun “sich verlängern” von dem Zustand in Ansehung des Guten gesagt wird, deshalb bedeutet es die Vermehrung desselben. <HG 8898>
“Das Jehovah, dein Gott, dir geben wird” bedeutet, wo das Göttliche ist, und ein Einfluß desselben. Dies geht daraus hervor, weil es vom Himmel gesagt wird, der hier durch das Land bezeichnet wird; deshalb bedeutet “Jehovah Gott” das Göttliche in demselben, und “geben” den Einfluß; denn der Himmel ist im allgemeinen bei allen, und im besonderen bei einem jeden die Aufnahme des Einflusses vom Göttlichen. Daß solches durch das Gebot über die Verehrung der Eltern bezeichnet wird, kann befremdend erscheinen, weil es vom Buchstabensinn abweicht, allein man muß wissen, daß die Gebote des Dekaloges zur Richtschnur dienen, sowohl für diejenigen, die in der Welt sind, als für die, die im Himmel sind. Der Buchstabenoder äußere Sinn für diejenigen, die in der Welt sind, und der geistige oder innere Sinn für diejenigen die im Himmel sind, und daher beiderlei Sinn, sowohl der äußere als der innere, für diejenigen, die, während sie in der Welt sind, auch im Himmel sind, d.h. für diejenigen, die im Guten des Lebens stehen gemäß den Wahrheiten der Glaubenslehre. Daß die Gebote des Dekaloges auch für diejenigen sind, die sich im Himmel befinden, geht deutlich hervor aus dem inneren Sinn alles dessen, was im Worte ist, und ganz offenbar aus dem Umstand, daß, was Jehovah Gott, d.h. der Herr, selbst redet, nicht nur für die Menschen oder für die Welt ist, sondern auch für die Engel, ja für den ganzen Himmel, denn das göttlich Wahre, das vom Herrn ausgeht, durchfließt den Himmel und dringt bis zum Menschen hindurch. So auch die Zehn Gebote, die der Herr selbst vom Berge Sinai herab gesprochen hat. Weil sie nicht nur für diejenigen, die in der Welt sind, sondern auch für diejenigen, die im Himmel sind, verkündigt wurden, deshalb konnten sie nicht von beiden Seiten auf gleiche Weise vernommen werden, z.B. das Gebot, daß sie Vater und Mutter ehren sollten, damit ihre Tage verlängert würden in dem Lande, das Jehovah Gott ihnen geben würde, denn im Himmel kommen nicht Eltern und Kinder zusammen wie auf Erden, weil dort der Herr die Stelle des Vaters und Sein Reich die Stelle der Mutter vertritt, auch kann von denen, die im Himmel sind, nicht gesagt werden, daß ihre Tage sich verlängern, weil sie dort in Ewigkeit leben; und kann da nicht ein Land verstanden werden, wie in diesem Gebote das Land Kanaan, sondern statt dessen das himmlische Kanaan oder der Himmel. Weil unter Vater und Mutter der Herr und Sein Reich verstanden wird, darum ist dieses Gebot das vierte in der Ordnung und übertrifft die nachfolgenden an Heiligkeit. Das Gebot von der Verehrung Jehovahs, d.h. des Herrn, ist das erste und zweite, weil das allerheiligste, darauf folgt das Gebot vom Sabbath, weil durch dasselbe im höchsten Sinn die Vereinigung des Göttlichen Selbst mit dem
Göttlich-Menschlichen im Herrn bezeichnet wird. Nach diesem kommt das Gebot von dem Ehren der Eltern, weil durch dasselbe die Liebe zum Herrn und daher auch die Liebe zum Guten und Wahren, das vom Herrn stammt, bezeichnet wird. <HG 8899>
Dieses Gebot wurde auch deshalb gegeben, weil die Ehre, die man den Eltern erzeigt, die Liebe gegen den Herrn und gegen die Kirche vorbildete und daher auch bezeichnete. Denn der Vater im himmlischen Sinn, oder der himmlische Vater ist der Herr, und die Mutter im himmlischen Sinn, oder die himmlische Mutter ist die Kirche. Die Ehre bedeutet das Gute der Liebe und die Verlängerung der Tage, die denen verheißen ist (die Vater und Mutter ehren), bedeutet die Glückseligkeit des ewigen Lebens. In solcher Weise wird dieses Gebot im Himmel verstanden, wo man keinen anderen Vater kennt als den Herrn, und keine andere Mutter als das Reich des Herrn, das auch die Kirche ist; denn der Herr gibt aus Sich das Leben und durch die Kirche die (geistige) Nahrung. Hieraus geht deutlich hervor, daß das dritte und vierte Gebot Geheimnisse in Beziehung auf den Herrn enthalten, nämlich die Anerkennung und das Bekenntnis Seiner Gottheit und die Verehrung gegen Ihn aus dem Guten der Liebe. <EKO 966>
Der Herr: Moses sagte: “Ehre Vater und Mutter, so wirst du lange leben, und es wird dir wohlergehen auf Erden!” Damit bezeichnete Moses nicht nur den Zeugevater und die Zeugemutter, sondern ebensogut auch die Erde und ihre stets neues Leben gebärende Kraft. Dieser soll der Mensch auch nicht den Rücken zukehren, sondern sie tatsächlich in hohen Ehren halten, und er wird jenen Segen dafür erhalten, den Moses verheißen hat leiblich. Die In-Ehrenhaltung des leiblichen Vaters und der Leibesmutter ist gut und nötig, wo die Verhältnisse danach sind und es tunlich ist; aber wenn das, was Moses verhieß, ein Gotteswort ist, so muß es auch gleich dem Sonnenlichte eine allgemeinste und durch nichts unberechenbare Wirkung haben! Ist aber die Verheißung Mosis nur eine bloß darauf beschränkte, daß nur jene ein langes Leben und Wohlergehen auf Erden zu gewärtigen haben, die ihre Leibeseltern ehren, dann sieht es mit jenen offenbar schlimm aus, die nicht selten dieselben schon in der Wiege verloren haben und dann von ganz fremden Menschen auferzogen worden sind! Wie sollen diese ihre wahren Eltern ehren, die sie nie gekannt haben?! Viele Kinder werden oft gefunden auf Wegen und Straßen; Rabenmütter haben sie in ihrer Geilheit empfangen und bald nach der Geburt irgendwo ausgesetzt. Solche Findlinge werden von irgendeinem gefühlswarmen und barmherzigen Menschen aufgeklaubt und versorgt; diesen Wohltätern sind sie dann auch alle Liebe und Ehre schuldig. Moses spricht nichts von solchen Aftereltern, sondern nur von wirklich wahren Eltern!
Nun aber kann der wohlerzogene Findling seine wahren Eltern doch unmöglich ehren, weil er sie fürs erste gar nicht kennt, und kannte er sie auch, so hatte er fürs zweite doch wohl vor Gott und allen Menschen wahrlich keine ehrsame Verpflichtung gegen sie, die ihn in der sündigen Geilheit erzeugt und, als er geboren ward, sogleich dem Tode ausgesetzt haben. Weil aber ein solcher Mensch dann nach Moses seine wirklichen Eltern unmöglich lieben und ehren kann, so hätte er dann keinen Anspruch auf die Verheißung Mosis? Oh, diese Sache wäre dann ja ganz hübsch und nähme sich als weisestes Gotteswort gar entsetzlich gut aus! Weiter gibt es aber auch Eltern, die ihre Kinder zu allem, was nur schlecht genannt werden kann, erziehen. Sie pflanzen ihnen schon in der Wiege einen echt satanischen Hochmut ein und lehren sie gegen jedermann hart und gefühllos zu sein. Solche Tigereltern lehren ihre Kinder schon frühzeitig, keck, lügenhaft und betrügerisch zu sein! Soll Moses wohl auch für solche Kinder, die ihre argen Eltern mit aller Schlechtigkeit und Bosheit ehren, weil solches die Eltern von ihren Kindern wollen, seine gute Verheißung bestimmt haben? Was sind denn Kinder von Dieben, Räubern und Mördern ihren wirklichen Eltern schuldig? Sie können ihre Eltern nur ganz natürlich dadurch ehren, wenn sie im sehr ausgezeichneten Grade das sind und tun, was ihre Eltern auch sind und allzeit tun, also sieh: durch Diebstahl, Raub und Mord an den fremden Reisenden!- Kann sich die Verheißung Mosis wohl auch auf solche Kinder als wirksam erstrecken? Der nur einigermaßen klare Weltverstand muß dir da sagen, daß eine so zu verstehende Verheißung samt dem Gebote Mosis eine Schmach ersten Ranges für alle göttliche Weisheit wäre! Wie kann Gott, der höchst Weise, ein Gebot geben, demzufolge auch ein ins Fleisch eingezeugter Engelsgeist dem Elternpaare, das aus der untersten Hölle ins Fleisch trat, Liebe und alle Ehre schuldig wäre?! Du siehst, daß das Gebot Mosis, von diesem wahren Gesichtspunkte betrachtet, der größte und tollste Unsinn wäre! Es ist einerseits klar und nun mehr als erwiesen, daß alles, was Moses geredet und bestimmt hat, reines Gotteswort ist und daher ewig keinen Unsinn in sich bergen kann; andererseits aber, wenn man nach der dummen Art das Gesetz Mosis also auslegt und beachtet, wie es bisher ausgelegt und beachtet wurde, dasselbe vor dem Richterstuhle aller besseren menschlichen Vernunft ein offenbarster Unsinn sein muß! Woran liegt es dann, daß das Gesetz Mosis, wie es bisher beachtet ward, ein Unsinn trotz des rein göttlichen Ursprunges sein muß? Es liegt solches in dem gewaltigsten Mißverstande dessen, was Moses mit diesem Gebote hauptsächlich angezeigt hatte, das allgemeine Elternpaar der großen Natur Gottes, nämlich die Erde, als der für die Menschengeschlechter geschaffene Weltkörper als Vater, und ihr Schoß, aus dem zahllose Kinder aller Art und Gattung in einem fort ausgeboren werden, als die rechte Mutter! Dieses uralte Elternpaar soll also der Leibesmensch stets ehren und achten und ihm nie zu verweichlicht den Rücken zeigen, so wird er gesunden Leibes ein langes Leben überkommen und auch ein rechtes Wohlergehen.
Von diesem alten Elternpaare kann ein emsiger Mensch auch am meisten alles Gute, Große und Wahre erlernen und sich daraus zuerst jene große Stufenleiter erbauen, auf der der Erzvater Jakob die Engel der Himmel auf- und niederklettern sah. Wer da fleißig und mit großem Ernste in der Natur forscht, der wird vielen Segen für sich und für seine Brüder zum Wohlergehen ans Tageslicht fördern. <JE III,211/9-19>
Der Herr: Sieh, im vierten Gebote ist den Kindern die Liebe gegen ihre Eltern geboten! Die Eltern sind auf der Erde wohl die ersten Nächsten ihrer Kinder und lieben sie überaus. Sie sind ihre Ernährer, Beschützer und Erzieher und verdienen darum auch sicher alle Liebe und Ehre von den Kindern. Wenn denn ein gut erzogenes Kind seine Eltern liebt und ehrt, so wird es auch bemüht sein, alles das zu tun, was den Eltern eine rechte Freude macht. Und so ein Kind wird sich darum auch ein langes und gesundes Leben und ein bestes Wohlergehen auf Erden bereiten; ein Kind, das seine Eltern liebt und ehrt, das wird auch seine Geschwister lieben und ehren und stets bereit sein, ihnen alles Gute zu tun. Ein Kind oder ein Mensch aber, der seine Eltern und seine Geschwister wahrhaft liebt und ehrt, der wird auch die anderen Menschen darum lieben, weil er weiß und erkennt, daß sie alle Kinder ein und desselben Vaters im Himmel sind. Aus der ursprünglich wahren Liebe zu den Eltern wird der Mensch zur Erkenntnis Gottes, seiner selbst und auch zur rechten Erkenntnis seiner Nebenmenschen geleitet und sieht dann bald und leicht ein, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und was sie alle werden sollen. Dadurch gelangt er dann stets mehr und mehr zur Liebe zu Gott und durch diese zur Vollendung seines inneren, wahren, geistigen Lebens. Wer aber also seine Eltern, Geschwister und auch die anderen Nebenmenschen liebt und ehrt und darum auch Gott über alles liebt und ehrt, - wird der wohl je gegen jemanden eine Sünde begehen können? Ich sage es dir: Nein; denn er wird niemand beneiden, niemand hassen und fluchen, niemand töten, weder leiblich, noch durch ein Ärgernis seelisch. Er wird sich keusch und wohlgesittet gegen jedermann benehmen, wird jedem gerne das Seinige lassen, wird niemand belügen und betrügen, und ist er auf dem ordentlichen Wege der Mann eines Weibes geworden, oder die züchtige Jungfrau das Weib eines Mannes, so wird er kein Verlangen tragen nach dem Weibe seines Nächsten und sein Weib nicht nach dem Manne ihrer Nachbarin. <JE VII,29/1-4>
Das vierte Gebot, wie ihr es auf der Erde habt, lautet: “Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohlgehe auf Erden”. Dieses Gebot ist so gut göttlichen Ursprunges wie die ersten drei. Was gebietet es aber und was verheißt es? Nichts anderes als den Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern und für diesen Gehorsam eine zeitliche Vergünstigung. Kann da nicht jedermann fragen und sagen: Wie, ein göttliches Gebot sanktioniert sich bloß durch zeitliche Verheißungen und hat nichts Ersichtliches im Hinter-
grunde, darin ewige geistige Vorteile geboten würden? Was liegt wohl an solch einer zeitlichen Vergünstigung? Was liegt am Wohlleben, was am langen Leben, wenn nach demselben nichts Höheres folgt? Es ist wahr: gut und lange leben ist besser als kurz und schlecht. Wenn aber am Ende des Lebensabschnitts der unwirtliche Tod erscheint, welchen Vorzug hat das gute und lange Leben vor dem schlechten und kurzen? Ich meine, dazu braucht man eben kein Fundamental-Mathematiker zu sein, um sagen zu können: der Unterschied läuft überall in eine reine Null aus; denn der erste überkommt so gut wie der zweite ein barstes Nichts, und es fragt sich dann wenig, wie der Weg zu diesem Empfange beschaffen war, ob gut oder schlecht. Also wäre denn, nach diesem Maßstabe betrachtet, das vierte Gebot auf einem sehr schlüpfrigen Grunde basiert, und die Eltern wären fürwahr übel daran, so ihre Kinder mit solcher Philosophie schon auf die Welt geboren würden, und die Kinder selbst würden bei solcher Betrachtung wenig Grund finden, ihren Eltern zu gehorchen. - Ferner läßt sich über dieses Gebot noch folgende kritische Betrachtung anstellen. Wie das Gebot klingt, so hat es nur eine zeitliche Basis, also bloß die Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern darstellend. Es fragt sich demnach: Was soll es denn mit diesem Gebote hier im Geisterreiche, wo die Kinder ihren Eltern auf ewig enthoben sind? Sind sie aber ihrer Eltern enthoben, da werden sie doch sicher auch der irdischen Pflicht gegen sie enthoben sein. Dennoch bemerken wir hier in diesem vierten Saale dieses Gebot auf der Tafel gezeichnet. Soll es etwa für diese Kinder auf den Herrn bezogen werden? Das ließe sich allerdings hören, wenn darunter nur nicht der Verheißungssatz stände: “Auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden”. - Stünde da: “Auf daß du ewig lebest und es dir wohl gehe im Himmel”, da wäre eine solche Transversion des Gesetzes gar leicht zu verstehen; aber eine zeitliche Verheißung im ewigen Reiche der Geister klingt denn doch etwas sonderbar. Was meinet ihr wohl, was sich hier wird tun lassen, um diesem Gesetze ein vollgegründetes göttliches Ansehen zu verschaffen? Ihr zucket da freilich mit den Achseln und saget ganz leise in euch: Lieber Freund und Bruder! Wenn es hier auf unsere Erörterung ankommt, da wird es mit der reingeistig-göttlichen Sphäre dieses Gesetzes einen bedeutenden Haken haben; denn nach obiger Betrachtung läßt sich da mit leichter Mühe so, wie man glaubt, eben nicht gar zu viel Geistiges herausfinden. Ich sage euch aber, daß eben dieses Gebot, wie beinahe kein anderes, rein geistig ist. Ihr machet nun zwar große Augen; aber darum ist die Sache doch nicht anders. Damit ihr aber solches auf einen Hieb erschauet, so will ich nichts anderes tun, als dieses Gesetz mit etwas umgeänderten Worten sagen, wie es auch hier in diesem Lehrsaale vorgetragen wird, und ihr werdet die Fülle der Wahrheit sogleich erschauen. Wie aber lautet es hier? - Höret! Kinder! Gehorchet der Ordnung Gottes, welche ausgeht aus Seiner Liebe und Weisheit (d.i. Vater und Mutter), auf daß ihr lange lebet auf Erden unter Wohlergehen. Was ist langes Leben, und was ist dagegen ewiges Leben? Das “lange Leben” bezeichnet das Leben in der Weisheit; und es wird “lang” nicht
als Dauer, sondern als Ausbreitung und stets größere Mächtigwerdung des Lebens verstanden; denn das Wort oder der Begriff “Leben” schließt ja schon für sich die ewige Dauer ein. Aber das Wort “lang” bedeutet durchaus keine Dauer, sondern nur eine Ausbreitung der Lebenskraft, mit welcher das lebende Wesen stets mehr in die Tiefen des göttlichen Lebens gelanget, und eben dadurch sein eigenes Leben stets vollkommener, fester und wirksamer macht. Dieses hätten wir; aber das “Wohlergehen auf Erden” - was besagt denn das? Nichts anderes als das Sich-zu-eigen-machen des göttlichen Lebens, denn unter der “Erde” wird hier das Eigenwesen verstanden, und das Wohlergehen in diesem Wesen ist nichts anderes als das freie Sein in sich selbst nach der völlig sich zu eigen gemachten göttlichen Ordnung. <GS II,77/1-9>
Textgrundlage: die bereitgestellte Lexikonausgabe von Franz Kreuzwegerer. Originalquelle als PDF · Seite 270 →
NEUOFFENBARUNG