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Der Vorhang zerreißt — die Gräber öffnen sich

Ein weiteres Geschehen wurde durch das Zerreißen des Vorhangs im Tempel und durch die Öffnung der Gräber und das Hervorgehen der Toten angedeutet.

Der Vorhang im Tempel trennte das Tempelinnerste, den allerheiligsten Raum mit der Bundeslade, von dem größeren Tempelraum, in welchem das betende Volk sich zu versammeln pflegte. Hinter den Vorhang, in das Allerheiligste, durften nach den strengen Tempelsatzungen nur die Priester treten. Und sie wußten wohl, warum sie diese Vorsicht übten; denn die alte Bundeslade war leer und keine Feuersäule stand mehr über ihr und zeigte die Gegenwart Gottes im Allerheiligsten an.

Jetzt — in der Stunde des Hinscheidens Jesu — riß der Vorhang von oben bis unten mitten entzwei. Mit der Vollendung des großen Liebesopfers auf Golgatha fiel vor dein wahren Heiligtum die Schranke, die bis dahin das gefallene, sündige Geschöpf von seinem heiligen Schöpfer, Gott und Vater getrennt hatte. Fortan konnte und kann jede Seele frei ins Vaterhaus heimkehren; der Vater in Jesus hatte am Kreuz dem verlorenen Sohn die Arme weit aufgetan. Es liegt an uns, daß wir uns aufmachen und auf dem bereiteten Weg der Demut und Liebe an das Herz des Vaters, das wahre Allerheiligste der ganzen Unendlichkeit, eilen.

Viele Seelen, die "in den Gräbern" waren, erkannten dies alsbald durch den Wink und Ruf ihres göttlichen Geistes. Im Grabe der Materie sind wir ja alle, solange uns der Geist der Eigenliebe beherrscht — ob wir nun noch auf dieser Erde im Leibe wandeln, oder ob unser Leib in die Erde gelegt ist und unsere Seele sich in der Geisterwelt befindet. Ein geistiges Grab ist überall da, wo man nicht Gott, den himmlischen Vater in Jesu über alles liebt und aus solcher Liebe auch seinen nächsten Mitbruder wie sich selbst.

O Haupt voll Blut und Wunden,

voll Schmerz und voller Hohn;

o Haupt, zum Spott gebunden

mit einer Dornenkron;

o Haupt, sonst schön geschmücket

mit höchster Ehr und Zier,

doch nun von Schmach gedrücket:

gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte,

davor das Reich der Welt

erschrickt und wird zunichte,

wie bist du so entstellt!

Wie bist du so erbleichet!

Wer hat dem Augenlicht,

dem sonst kein Licht mehr gleichet,

solch Dunkel zugericht’t?

Mein Heil, was du erduldet,

ist alles meine Last;

ich, ich hab es selbst verschuldet,

was du getragen hast.

Schau her, hie steh ich Armer,

der Zorn verdienet hat;

gib mir, o mein Erbarmer,

den Anblick deiner Gnad!

Erkenne mich, mein Hüter;

mein Hirte, nimm mich an!

Von dir, Quell aller Güter,

ist mir viel Guts getan:

Dein Mund hat mich gelabet

mit wunderbarem Trost,

dein Geist hat mich begabet

mit reicher Himmeskost.

Paul Gerhardt (1607—1676).

Nach einem lateinischen Lied des Arnulf von Loewen (um 1200—1250)

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