Empfangen durch G. Mayerhofer, am 3. November 1870
Du bist doch ordentlich bestürmt mit Aufragen, und Alle wollen durch dich von Mir Erklärungen, Trostworte, Zahlen, und wer weiß was noch erhalten, und Keiner will die Stimme im eigenen Herzen hören, die doch die nämliche ist, die hier schreibt, wie die dort spricht.
Es ist bei euch, wie im menschlichen Leben, was ihr zu Hause habt, esset oder trinket, schmeckt nicht so gut, als was ihr in fremden Häusern und von fremden Leuten empfanget.
So kommt es den Fragestellern allen vor, wenn du in wohlgeordneter Rede oder Schrift ihnen Meinen Willen und Meine Worte kund gibst, so machen sie auf Alle einen weit mächtigeren Eindruck, als wenn sie die nämliche Stimme in ihrem Herzen gehört hätten;
durch dich glauben sie, Mich direkt zu vernehmen. Aber warum denn, Meine lieben Kinder, trauet ihr dieser Stimme so wenig, die doch auch in eurem Herzen sich kund gibt! Sehet, Mein Schreiber kann und Ich will nicht auf jede Kleinigkeit antworten. Ich will nicht, dass ihr euch stets auf die Führung durch Meine Hand verlasset, ihr sollet lernen auf eigenen Füßen stehen; in zweifelhaften Fällen euch selbst behorchen, und wie im Außenleben, so auch im Inneren mit anderen Einfüßen kämpfen lernen, wenn selbe euch andere Dinge ins Ohr flüstern, die nicht von reinster Quelle sind; denn ihr sollet wissen, ihr seid vielen geistigen Einflüssen ausgesetzt, und ihr sollet im Innern einen feineren Geschmack erlangen, um auch dort das Rechte vom Unrechten, das Wahre vom Falschen unterscheiden zu lernen.
Dieses sich – und seine innere Regungen eifrige Beobachten – stärkt die Seele außerordentlich, macht sie selbständig, und gibt ihr die eigene Kraft des Bewusstseins, die nur derjenige ganz kennt, welcher seinen Kampf durchgekämpft und auch genau die einflüsternden Stimmen zu unterscheiden fähig ist.
Darin liegt der Grund, warum ihr stets fraget, und stets Alles von Mir Selbst wissen wollet, weil ihr euch selbst Nichts zutrauet, und sozusagen in eurem eigenen Innern nicht zu Hause seid.
Ich leite wohl alle diese Fragen und Zweifel so, dass sie alle ans Tageslicht kommen müssen. Ich, Vater des Lichts, will, wie Ich es im gestrigen Worte an euch sagte, keinen Schatten in den Wohnungen, die Mich einst beherbergen sollen; und so hast du für deinen Frager und auch für die Übrigen wieder einen neuen Bescheid über Etwas, was sie wohl schon längst fühlten, aber nicht es für so wichtig hielten, als es in der Tat wirklich ist. Sie können von solcher Selbstständigkeit noch keinen Begriff haben, eben weil sie selbe noch nicht erreicht, und eben deswegen sie nicht in ihrer ganzen Macht fühlen konnten. –
Nun, was das betrifft, was dein fragestellender Bruder Mir mit so tiefgefühlten Worten vorträgt, so sage ihm, er braucht Mir diese Dinge nicht so auseinanderzusetzen, Ich weiß recht wohl, ehe er die Feder ansetzt, wo, wie ihr zu sagen pfleget, ihn der Schuh drückt! –
Sein Traumgebilde und seine Taufnamen hat er ganz gut entziffert; was seine beiden Familien betrifft, wo er durch Meine Lenkung den ersten Samen ausstreuen sollte, da gedulde er sich nur.
Der Mensch ist ja ein geistig freies Wesen, und man kann daher nicht erwarten, dass er augenblicklich annimmt, was ein Anderer ihm gibt, es muss erst geistig verdaut werden, ehe es als eigener Lebensstoff ins geistige Blut aufgenommen wird; bis dorthin muss man den geistigen Prozess abwarten, ob er zum Guten oder zum Schlechten sich wendet, oder anders gesagt, ob die Medizin wirkt oder nicht.
Was tut denn der Arzt, wenn er eine Medizin gibt, und was beweist die Wirkung der Medizin selbst? Die Antworten auf diese beiden Fragen mögen deinem Bruder Manches ins Geistige übersetzt klar machen.
Sieh, Mein Kind, wenn Jemand krank ist, so rufen die Nächsten seiner Umgebung einen Arzt zu Hilfe; gut, der Arzt kommt, untersucht, erforscht den Kranken des Übels wegen, welches den leidenden plagt, um selbes vorerst ganz genau kennen zu lernen, und dann die geeigneten Mittel zur Heilung zu ergreifen, oder auch, wenn Symptome zweifelhafter Natur sich zeigen, den Kranken entweder durch Abwarten, oder durch Medizinen (d.h. Arznei oder Heilmittel im Allgemeinen, ev. auch Wickel. D. Hsg.) dahin zu bringen, dass die Krankheit sich klarer ausprägt, und kein Zweifel in der Behandlung herrschen könne.
Nun, wenn du, Mein lieber Sohn, Einem, den du krank glaubst, in die Nähe kommst, was tust denn du etwa? Siehe, du tust das Nämliche, du sondierest, ob er nicht für deine Lehre oder Medizin ein guter Boden sei; wenn du siehst, dass es mit dieser Sache nicht recht vorwärts gehen will, so versuchst du es, in deinem Bruder Zweifel zu erregen, die dann zu näheren Erklärungen führen, und wenn du dann im Reinen bist, wo es deinem Bruder fehlt, so rückst du mit der Medizin heraus, ihm ihre Wirksamkeit anrühmend.
Was geschieht aber bei einem Kranken, wenn er die Medizin einnimmt? Sieh, die Medizin kommt vorerst in den Mund, wird dort mit dem Speichel vermischt, geht durch den Schlund in den Magen und in die Säfte, von wo sie von den leidenden Organen zur Heilung gierigst aufgesogen wird, oder auch in anderen Organen eine große Störung verursacht, durch welche Störung der minder edlen Organe die bessern vielleicht gerettet werden.
Was tust du denn mit Meiner Lehre, oder mit Meinen Worten? du übergibst sie auch dem geistigen Munde deines Bruders, d.h. du übergibst sie durch die Rede dem Ohre, oder durch die Schrift, vermittelst des Auges dem Gehirne, als erstem Organe, wo die geistigen Speisen aufgenommen werden.
Hier, bei diesem Vermischen geht sodann schon ein gewisser Scheidungsprozess vor sich; denn der Verstand nimmt sich das Seine, und das Herz beansprucht ebenfalls das, was dem Verstande nicht möglich, und durchs Gefühl allein zu lösen ist. Sobald dieser Prozess vor sich geht, tritt gewöhnlich wegen der ungewohnten Kost eine Störung, oder ein Streit zwischen dem Angewohnten und dem Neugegebenen ein.
Dieser Kampf muss ausgekänft werden, denn wie die Medizin im Munde oft bitter, herbe und unangenehm den Gaumen berührt, der nur an süße, ihm wohltuende Eindrücke gewöhnt ist, – ebenso ist oft der Verstand mit den ersten ihm dann bitter vorkommenden Medizinen nicht zufrieden, es ekelt ihn an, und er will diese ihm gegebenen geistigen, ungewohnten, nie gehörten Lehren von sich weisen, um bei seinem Angewohnten, Gelernten zu bleiben. –
Also tritt auch hier die Störung ein, das Herz als noch untergeordnet betrachtet, will seine Rechte behaupten, die der Verstand aber nicht zulassen will; der Verstand will da Dinge verdauen, die nicht für ihn sind, und so mit diesem Wollen und Nichtwollen, gewaltsamem Ausscheiden und Behalten entsteht ein Kampf, ein Reinigungsprozess im Innern, wobei nicht immer das Herz den Sieg davon trägt.
Nun, wenn der Arzt die Medizin gegeben, was tut er dann? Sieh, Mein Kind, er wartet die Krisis oder den Entscheidungskampf geduldig ab, das musst auch du; hast du denn nicht selbst allerlei Zweifel und Kämpfe durchgemacht, deren Resultate Ich ebenfalls ruhig abwartete, und nur sobald sich wieder, wie an einer alten Mauer, ein Stück Mörtel oder Gestein abgelöst hatte, Ich diesem alten Gemäuer einen neuen Stoß versetzte, bis es endlich nach und nach kleiner wurde und dir die Aussicht eines großen hellstrahlenden Horizontes voll himmlischen Lichtes zeigte, den diese alte Erziehungs- und Erfahrungsmauer dir zu beschauen bisher verhinderte. –
So mache es auch du, wo Gelegenheit, da gib der Gewohnheits-Mauer einen Stoß, und warte den Effekt dieses Stoßes ab. Ist die Mauer stärker als deine Kräfte, so lasse sie stehen; wenn es Mir daran gelegen ist, so habe Ich schon größere Hebel, um sie umzuwerfen, nur ist der Unterschied wie bei einer natürlichen Mauer, dass das langsame Zerbröckeln weit unschädlicher ist, als das plötzliche Umstürzen.
Sind aber diese deine Schwestern und Brüder so ganz verblüfft, (oder wie wir sagen im Volksdialekt: „vernagelt“. D. Hsg.) dass sie sich nicht zum Guten raten wollen lassen, so gib auch du deine Bekehrungsversuche auf, und zieh‘ dich zurück, wo deine Kampfmittel nicht ausreichen, und begnüge dich mit dem Troste: diese Seele wollte ich retten, ich habe wenigstens meine Schuldigkeit getan! das andere überlasse Mir, Ich kenne wohl noch andere tüchtige (wenn auch herbe) Medizinen, um das Schlechte (und Falsche) aus dem Herzen der Menschen auszumerzen, so dass sie sich endlich an jene werden gewöhnen müssen, nachdem die süßen und sanften nichts nützen!
Amen!
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