419. – 12. Oktober 1884 „Vergib uns“ – oder die versöhnende Liebe
„Und vergib uns unsere Sünden, denn auch wir vergeben Allen sie uns schuldig sind. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse und von dem Übel.“ (Luk. 11,4.)
Liebe Kinder!
Im zehnten (vorigen) Kapitel (des Lukas) ist die Liebe angezeigt, welche sich im Wohltun und Mitleiden als tätige Liebe gegen den Mit- und Nebenmenschen äußert, und hervorgerufen wird durch (missliche) Verhältnisse und Lagen, die euch überzeugen, dass Hilfe Not tut. Diese Liebe ist schon mehr eine reinere göttliche Liebe, weil dieselbe nicht auf Gegenliebe Anspruch macht, sondern dem Bedürftigen aus Mitleid helfen will; es ist dieselbe also eine Geistesfrucht, die momentan erzeugt wird, oft beim Anblick eines Armen oder sonstigen Elends, oft durch die Beschreibung einer Not, und man findet dieses Mitleid auch oft bei ganz materiellen Menschen, was immer wieder den Beweis liefert, daß der göttliche Funke im Menschen nie ganz ausgetilgt werden kann, sondern oft durch ein unscheinbares Ereignis wieder zur Flamme entzündet wird.
Dies ist das verborgene Walten der Gnade durch göttliche Weisheit, und ihr könnet daraus lernen, daß die Gnade, wenn sie den Menschen angeboten wird, immer zuerst die Liebe für sich zu gewinnen sucht, weil die Liebe die Wurzel zum geistigen Fortschritte bildet. Will nun eine Seele immer mehr sich vergeistigen, so muss auch die Liebe immer mehr wachsen und einen Höhegrad erreichen, welchen Ich euch durch Wort und Tat gelehret habe.
Nach der barmherzigen Liebe kommt die versöhnende Liebe, welche schnurgerade der Ich-Natur entgegen steht; denn die Menschen können Alles eher opfern, als ihre Eigenliebe. Wenn diese angetastet wird, so halten die wenigsten Menschen die Probe in der Liebe aus, wollen lieber ein ganzes Gut verlieren, als die Eigenliebe fahren lassen, und leider ist dies viel mehr bei Solchen der Fall, die es – nach ihrer Meinung von sich selbst – so weit gebracht haben, daß sie ihre Liebe für unfehlbar halten, auch dann, wenn Andere durch sie oft tief betrübt werden, weil sie zu sehr unter dem Eigendünkel und Hochmut leiden müssen, welcher so gerne richtet und verdammt, in der (irrigen) Meinung, dadurch seine Mitmenschen zu bessern.
Wie nötig sind daher die Worte in eurem täglichen Gebete „vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern,“ d. h. Allen, die uns schuldig sind (nämlich Gegen-Liebe.) Das Erkennen der eigenen Schuld ist nötig, um den anderen vergeben zu können. Wer seine eigene Schwachheit fühlt, der wird mit Mitleid seine Nebenmenschen beurteilen; er weiß und fühlt mit, wie groß der Kampf ist, rein zu werden, und bittet darum, sowohl für sich als für Andere, und erreicht also die versöhnende Liebe.
Weil aber solche Seelen ihre Schwachheit bei Kämpfen wohl fühlen, so ist es ihnen bange in eine Versuchung zu kommen welche Feindesliebe nötig macht, und so bitten sie: „führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel“, welches aber eben nur durch die Kraft Gottes geheilt werden kann. So gelten auch diese Gebetsworte Solchen, welchen es ernstlich darum zu tun ist, Mein Ebenbild zu erreichen, welches nur in der Vervollkommnung der reinen Liebe geschehen kann!
Amen! Euer Vater.
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