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MARTHA UND MARIA

MARTHA UND MARIA

Joh. 11, 1-44

Martha und Maria, als zwei markante Gestalten aus der Bibel allgemein bekannt. Beide sind weit weniger unterschiedlich anzusehen. Man hebt hervor: ‚Maria hat das gute Teil erwählt . . .‘ Es wird nicht geschmälert, wenn man dies anderen Zitaten gegenübersteht. Zu dem Behuf ist beider Schwestern Leben und das Zusammensein mit JESU näher zu beleuchten.

Man vergißt: Warum und bei welcher Gelegenheit hat der Herr zu Martha das berühmte Wort gesprochen? War es überhaupt ein Tadel, wie man es darzustellen sucht? Um dies zu erkennen, darf man die zwei bedeutendsten Ereignisse, die sich um die Schwestern ranken, nicht getrennt betrachten. Hierbei stößt man auf Folgendes:

Lukas 10, 42 geschah viel früher als jenes zwischen Jesu und Martha anläßlich der Auferweckung Lazarus (Joh. K. 11). Martha war also früher sehr beschäftigt, um den Herrn besorgt, daß Ihm das Irdische zugute käme. War das tadelnswert? Nein, das wird nicht gerügt, nur weil Martha ihre Sorge um den Herrn zu stark bedachte. Immerhin — sie war tätig, sie sorgte auch für Seine Jünger, die gar manchmal hungrig in das Haus des Bruders kamen.

Sollte denn die Dienende gescholten werden, Maria aber, die nur untätig Jesu zu Füßen sitzt, erhoben sein? Stützt sich nicht der Glaube auf die Taten, ansonst er wenig nütze sei? Demnach handelt Martha nach des Herrn Gebot. Es muß anderes dahinterstecken, warum Er hier die Fleißige tadelt, die Faule aber lobt.

Man muß das damalige bürgerliche Leben sehen lernen. Lazarus war Besitzer eines großen Hofes, in welchem oft der Herr zu Gaste war. Martha, die ältere, stand dem Ingesinde vor, hatte anzuschaffen, daß jeder seine Arbeit richtig tat. Leicht verständlich, daß sie wenn hohe Gäste kamen — viel zu schaffen hatte. Für die drei Geschwister war JESU unbestritten stets der höchste Gast.

Er hat an diesem Tag viel Wichtiges zu lehren; das Irdische lag Ihm also fern, auch sollten sich die Jünger üben, nicht zuerst den Magen, sondern ihren Geist zu laben. Diese Episode fällt ins erste Lehramtsjahr, wo Anhänger und Jünger das hehre Ziel des Meisters kennen und verstehen lernen sollten. Ebenso die drei Geschwister, die sich dem Herrn verschrieben hatten.

Martha sorgte für die Kost. Sie denkt sicher daran, wie kürzlich Jesu fünftausend Menschen sättigte (Luk. K. 9). Noch ist sie nicht so weit, um zu unterscheiden: Wann darf das Irdische im Vordergrund stehen, wann muß das Geistige den Vorrang haben — ? Der Herr sagt es nicht grollend, nicht zu ihrem Schaden, vor allem nicht, um sie vor der Jüngeren zu erniedrigen: ‚Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe‘ (Luk. 10, 41).

Die zweimalige Namensnennung zeugt von einer Liebe, die — wie später offenbar — ihr tief ins Herz gedrungen ist. Dazu das teure Wort: ‚Eins aber ist not!‘ Laß die Welt dahintersein, komm, und folge MIR nach und — frage nicht. In dieser Hinsicht ‘. . . hat Maria das gute Teil erwählt.

Heute dient sie Mir im Herzen; und heute ist es wichtig, daß der Herzensdienst das Vorfeld hat. Ein nächstes Mal — du weißt‘s noch nicht — kann das äußerliche Dienen wieder wichtig sein. Darum soll das gute Teil von Maria heute nicht genommen werden. Kümmere dich jetzt nicht um deines Bruders Diener, die auch schon auf dem besten Wege sind, Mich zu erkennen.‘

So ausgelegt, bekommt das Wort das wahre Licht. Martha ist zuerst betroffen, obwohl der Herr in Seiner Freundlichkeit die Dienende nicht vor allen andern tadelt. Es gibt genug Gelegenheit, ihr dies allein zu sagen. Denn wie leicht kann eines straucheln, vor anderen getadelt; weit mehr, vor andern laut gelobt. Auch lieben sich die Schwestern; und dann wäre gleich ein trüber Schatten zwischen sie getreten, wenn Lob und Tadel öffentlich geschah. Das Weitere der Episode wird es lehren. — —

Fast sind zwei Jahre drüber hingegangen, und Gottes guter Samen ging bei allen auf. Es war auch höchste Zeit; denn — das Opfer, die Erlösungstat, stand vor dem Herrn. Da geschieht das größte Wunder, unverständlich für die Wissenschaftler, kaum zu verstehen nach dem Glauben. Und — doch geschehen!

Gott mahnt oft, man hasche nur nach ‚Wundern‘ (Joh. 4, 48), und die ‚Lehren‘ gingen nicht ins Herz. Um die Getreuen stark zu machen, daß ‚ER, GOTT, die Gewalt besitzt‘, darum läßt Er Lazarus versterben (Joh. 11, 15). Denn ansonst — ? Ein Römer spricht den Glauben aus: ‚Du kannst meinen Knecht von ferne heilen!‘ Ganz fest ist er von der Göttlichkeit und Wunderkraft des Meisters überzeugt (Matt. 8, 8-13). Ein Heide, ein Offizier der Besatzungsmacht, er glaubt an den armen Nazarener.

Wenig Israelen haben diesen Glauben. Martha tritt hier lobenswert hervor. Ihr Bruder ist gestorben. Mußte Jesu das nicht wissen? Nun ist er tot, schon vier Tage, wo im heißen Lande selbst in kühlen Gräbern eine Leiche schnell verwest. Und da steht das Wort: ‚Jesu aber hatte Martha lieb‘ (11, 5). Kaum nur, weil sie im ‚Eins aber ist not‘ hinter ihrer Schwester stünde. Ganz im Gegenteil, wie zu bekunden ist. —

Im Haus tönt lautes Klagen von den Klageweibern und den Dienern. Wie stets, läuft ein Bote seinem Herrn voraus, um IHN in Bethanien anzukünden. ‚Ach, was nützt es, daß der Meister kommt? Lazarus ist tot, den Er so liebte, vier Tage schon.‘ ‚ja ja, doch Er kann uns trösten; und wir brauchen Seinen Trost.‘

Die Sitte brechend, daß trauernde Frauen nicht das Haus verlassen dürfen, eilt Martha dem Herrn entgegen. Keine Hoffnung wegen eines Wunders, — die Liebe treibt sie fort. Maria aber, die als Vorbild galt, bleibt im Haus und hält am Schmerz sich fest. War sie nun die Mindere, und Martha die Bessere? Auch hier ein ‚nein‘! Martha hatte einst durch Jesu liebevollen Tadel viel gelernt und stand mit ihrer Schwester Hand in Hand im Glaubenslicht.

Marthas Schmerzensruf: ‚Herr, wärest Du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben‘, verdient volle Würdigung. Das kommt fein zur Geltung im Bekenntnis: ‚Aber ich weiß auch noch, daß, was DU bittest von Gott, das wird Dir Gott geben‘ (11, 21-22). Der Glaube an die Erweckung eines verwesten Leichnams ist von niemand zu erwarten, nicht einmal von Jesu Jüngern. Anders Martha.

Wohl entgegnet sie auf Jesu Wort, ihr Bruder würde auferstehen, vom Irdischen ins Geistige, von dieser Welt zurück ins Reich. Das glaubt sie fest, und das beteuert sie. Welch ein Bekenntnis auf die Offenbarung: ‚ICH bin die Auferstehung und das Leben. Wer an MICH glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebet und glaubet an Mich, der wird nimmer sterben. Glaubst du das?‘ (Joh. 11, 24-26).

Diese Frage, an ein im Schmerze schwaches Weib gerichtet, trifft ins Innerste. Lazarus ist tot. Daß er geistig weiterlebt, wissen Jesu Jünger und die Jüngerinnen. Allein, in der Trauer äußerlicher Trennung — — Wer wollte diesen ‚starken Mannesglauben‘ von einem Weib erwarten?

Der Herr erwartet ihn von Martha; denn ‚Er hat sie lieb‘. Auch sie liebt Ihn über alles. Sie eilt ihm entgegen, vom Haus der Trauer weg. Nicht Maria, die Belobte. Martha, die Getadelte, sagt fest: ‚Herr, ja, ich glaube‘ (V. 27)! Noch mehr, es hatten nicht einmal die Jünger so konkret bestätigt:,. . . Daß Du bist Christus, der Sohn Gottes, der in die Welt gekommen ist.‘

Mit dem Bekenntnis ist ein helles Licht in ihr erstanden, was sie selber noch nicht faßt, nicht für Lazarus zu glauben, aber doch bereits in ihrer Seele herrscht. Und sie holt Maria. Sie hat sich öfter umgewandt, ob die Schwester nicht von selber käme. Der Heiland wartet auch auf sie. Martha sagt ihr ja: ‚Der Meister ist da und ruft dich‘ (V. 28).

Nun erst löst Maria sich von ihrer Klage los. Im Angesicht des Meisters stehend fällt das Leid ein wenig ab. Sie spricht wie ihre Schwester: ‚Wärest DU hier gewesen . . .‘ (V. 32). Nachdem beide auf Befragen Jesu Ihm das nahe Grab des Bruders zeigten, ist Maria in das Haus zurückgegangen. Verständlich — und nicht tadelnswert. Das verhandelt ja der Meister nur mit Martha, wie das Evangelium es aufgezeichnet hält.

Einen Einwand wagt sie noch, um sich vor dem öffentlichen Recht zu schützen: Ein Leichengrab darf nicht geöffnet werden. Sie macht den Meister darauf aufmerksam, nicht Seinet-, bloß der Tempelspäher wegen. Der Herr beruhigt sie; und wieder ist‘s kein Tadel, als Er sagt: ‚Habe Ich dir nicht gesagt, so du glauben würdest, du solltest die Herrlichkeit Gottes sehen?‘ (V. 40)

Wirklich gilt der Hinweis Martha erst in zweiter Linie. Auf die Spitzel ist‘s gemünzt, die unentwegt den Herrn belauern. Ohne Geheiß Marthas hätte niemand das Grab angerührt. Diener des Verstorbenen, den Meister bestens kennend, tun trotz Murren vieler Templer, was die Herrin anbefiehlt. Sie achtet nicht der bösen Blicke, nicht des Tuschelns, obwohl ihr nicht entgehen kann, wie etliche schnell von hinnen eilen (V. 46). —

‚Die Ersten werden die Letzten, und die Letzten werden die Ersten sein‘ (Matt. 19, 30) wird meist falsch gedeutet. Hier ist zu beachten: Erst Maria, die unbedingt und tief im Glauben ihrem Herrn zu Füßen saß, Martha aber diente; dann ist‘s Martha, die Gereifte, die den großen Glauben opfert, den bis dahin nicht einmal die zwölf Apostel aufzuweisen hatten.

Entgegen jener Satzung, wegen der Gefahr von Aussatz ganz besonders streng, kein Grab zu öffnen, grenzt es ans Ungeheuerliche, daß es Martha tut. Sie hat in einer Weise sich so glaubensstark erwiesen, daß dies unbedingt hervorzuheben ist.

Deshalb ist Maria nicht zurückgefallen. Begreiflich ist, daß die Jüngere den Trauerschmerz nicht sofort überwinden kann. Auch hat Martha ihr stets gern die Steine aus dem Weg geräumt. Marthas gute Dienstbarkeit und Marias echte Liebe haben ‚Hand in Hand‘ den Herrn geliebt, haben IHM das Haus und ihre Herzen aufgetan.

27. 9. 54,  A.W.

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