MARIA-MAGDALENA
Joh. 8, 7
Als sie IHN sieht, stockt ihr das Herz. Sie weiß nicht, wer ER ist; doch Seines Wesens Bann kommt über sie. Viele Männer gehen bei ihr ein und aus. Sie verachtet alle. Je mehr man sie umschwärmt, desto widerlicher sind sie ihr. Als sie das Leben noch nicht kannte, jedes Wort für bare Münze nahm, arglos wie ein Kind, vertrauend wie ein Tier, da hatte sie noch Freude an den Gaben, die die meisten Männer brachten. Aber ach — bald war der Traum vorbei, als sie klüger wurde und die ‚Gesellschaft‘ kennen lernte.
Kürzlich hatte man bei ihr von einem Mann gesprochen, der Wunder wirken sollte. Man hatte laut gelacht und den ‚Mann aus Nazareth‘ verhöhnt. Sie lachte nicht, obwohl sie Wundertun verneint. Sie hat noch nichts gesehen. Mit Energie, was niemand weiß, hat sie sich ein Lebensbild gestaltet, dessen Grundzug ‚Klugheit‘ heißt.
Köstlich gekleidet steht sie am Weg und sieht dem Manne nach. Er trägt schlichte Zimmermannstracht. Ihm folgen Männer, gleichfalls ärmlich angezogen, wie man in der Provinz zu gehen pflegt. Ärgerlich zieht sie die Stirne kraus: ‚Was habe ich mit IHM zu schaffen? Oder — sollte das der Wundertäter sein?‘ Ihr Blick fällt auf ein Weib, am Gassenrande knieend, dessen Augen wie von Himmelsglanz erfüllt IHM nachstarren, dem Mann, der fürbaß geht.
„Ich bin gesund“, murmelt die Frau, doch laut genug, daß es nahe Stehende vernehmen. Einige tippen sich an ihre Stirn, andere lachen, zwei fragen die Alte aus. Sie hört mit zu und lächelt. „Frau“, sagt sie zur Armen, „deine Krankheit waren Not und Hunger; da bedarf es keiner Wunder, um gesund zu werden. Du bildest dir das ein“.
„Einbilden? Zwölf lange Jahre voller Schmerzen?“ „Trotzdem ist es Einbildung. Da, hier . . .“ Sie ist freigebig, doch tut sie es ohne innere Regung, nur aus einem Triebe, dem sie folgt. Sie gibt sich niemals Rechenschaft, warum sie keinen Armen sehen kann, ohne eine Gabe herzuschenken.
Sie nimmt ihr kostbares Tuch. „Verkaufe es“, drückt sie es der Armen in die Hand. „Laß dir aber nicht zu wenig geben, es ist echtes Seidentuch aus Reicharabien. Davon kannst du lange leben.“ Keinen Dank abwartend, geht sie hastig heim. Immer grübelnd: Wer war — wer ist der Mann — — ?
Ihre Stirne in die Hand gestützt, sitzt sie auf dem Söller. Die Gedanken überbrausen sie; alles zieht an ihr vorbei. Mit einmal ist es ihr, als sähen jenes Mannes tiefe Augen sie aus weiter Ferne an. Unwillkürlich deckt sie ihr Gesicht mit beiden Händen zu, als müsse sie sich vor der Klarheit schämen, die sie umstrahlt, die sie nicht sieht, nur spürt. Sie nimmt ihr einen um den andern Schleier weg, bis sie wie nackt in diesem Lichte steht. Nackt und bloß. Und eine Krankheit trägt ihr Körper, die von ihrer Seele kommt.
Da rinnen ihr in Scham, in Schmerz die Augen, und — nein, es ist keine Wut, daß sie so kläglich vor Ihm steht. Sie beginnt ihr Leben aufzublättern, als spräche sie zu jenem Mann, Dessen tiefe Augen sie berührten. Je mehr sie alles sagt und sich nicht schont, um so mehr ist‘s ihr, als würde eines um das andere Gewand ihr wieder umgetan, zart und sacht. Keine ihrer Mägde hat solch sanfte Hand wie jene, die bloß im Innern wahrzunehmen sind.
Wie lange sie versunken saß, weiß sie nicht. Ihre Lieblingsdienerin ruft sie leise an: „Herrin, die Gäste warten.“ Gäste? Hat sie welche eingeladen? Ach, die kommen, auch wenn sie niemand will. Und sich verleugnen, wie hohe Frauen tun, gelingt ihr nicht. Sie wußte nie, warum. Wenn ein Günstling sie umschmeichelte, war da je ihr Herz dabei? Nein, nie! Plötzlich spürt sie es: Innerlich war sie leer, wie ausgebrannt; leiblich konnte sie nur mühsam widerstehen. Nun weiß sie es: sie hat sich stets geekelt. Vorzuwerfen hat sie sich allen Ernstes nichts; sie ist ja frei.
Frei? Oh! Wieder schämt sie sich. Wie Schuppen fällt es ihr vom inneren Blick: ‚Frei; so haben sie, die Männer, mich betrachtet; und den meisten geht es nur um meinen reichen Tisch, um meine Schönheit und daß ich Zärtlichkeiten dulde. Sie taten eben mit mir, was sie wollten. Ein Spielzeug war ich ihnen, ein schöner Zeitvertreib und weiter nichts.‘
Hat das alles jener Mann jetzt ausgelöst, der sie nicht einmal beachtete, obwohl sie ihre besten Kleider trug?, — Dessen Blicke, ernst und streng, geradeaus gerichtet waren? Dennoch sieht sie Seine Augen, die sie nicht gesehen hat. Langsam dämmt sie die Erregung nieder und betritt den Saal, wo die Gäste, lauter Männer, lärmend sitzen. Gleich wird sie umringt. Einer fragt: „Wo hast du denn mein Schultertuch, das ich dir gestern schenkte?“ Sie gibt keine Antwort und läßt die Tafel richten.
Man spricht wieder von dem Wundermann aus Galiläa. Jener, der ihr das teure Tuch gegeben hatte, beleidigt ihn. Da sagt sie schneidend: „Ich wünsche, daß an meiner Tafel keiner angegriffen wird, wenn man ihn nicht kennt!“ Johlend fallen sie ihr in die Rede und einer um den Hals. „Aber Liebling . . .“ Sie schiebt ihn widerwillig weg. „Nun wißt ihr meine Meinung und als Gäste habt ihr euch danach zu richten.“ „Willst du uns sauer machen? Wir haben dich für jede kleinste Freundlichkeit bezahlt. Vergiß das nicht!“ droht einer.
Sie geht auf ihn zu. Eiskalt sind Blick und Stimme: „Du? Solltest du nicht wissen, daß mein Reichtum meines Vaters Erbteil ist? Ich bat keinen um die Gaben! Was ihr brachtet — bitte, das meiste liegt in meinen Kästen; ihr könnt es wiederhaben, wenn ihr wollt. Und dann . . . steht meine Türe offen, — hinaus, nicht herein!“
Sie erschrickt über sich selbst. Was sagt sie da? Wollte sie denn das? Es war doch bisher schön und voller Abwechslung gewesen. Nein, nein, weint ihre Seele, nichts will ich mit diesen mehr zu schaffen haben! Jäh läuft sie aus dem Saal. Einige Männer lachen lustig und greifen weiter nach dem schweren Wein. „Sie kriegt Launen“, sagt einer, „die muß man brechen. Wo sollten wir sonst . . .“
„Das war keine Laune“, murrt jener, den sie von sich schob. „Sie hat einen neuen, mit dem sie sich aufs Lager legt, wie mit keinem unter uns. Oder“, grinst er böse, „wie wäre es, wenn einige von uns behaupten würden, daß sie — Ich tue es!“ Und er eilt fort. — Ein paar Tage später sitzt sie wieder auf dem Söller. Immer gehen ihr die tiefen Augen nach; sie kommt nicht mehr los. „Wenn ich bei IHM wäre, würde ich so rein, wie ich einstens war, ehe mich die Welt vergiftete.“ Da stürzt schreckensbleich ihre Dienerin zu ihr: „Herrin, es sind — vom Tempel — “ „Was soll das Gestammel? Was ist los?“ „Ich kann‘s nicht sagen“, wimmert ihre Magd.
Aufrecht, doch mit sonderbarem Klopfen ihres Herzens, geht sie hinab. Vier Templer erwarten sie. Sofort weiß sie, was geschah. „Komme mit“, sagt einer barsch, „Du bist angezeigt; bist ja dem Synedrion schon längst ein Dorn im Auge; du Hurenweib!“ „Ich? eine Hure?“ Vor Verwunderung vergißt sie alles um sich her, auch die Augen, die trotz Tiefe immer tröstend wirkten. „Ich? eine Hure?“ wiederholt sie ohne Sinn. Wie kann man sie als das bezeichnen, nur weil Männer sie besuchen, meistens viele auf einmal?, von denen sie mit allem Ernst noch keinen an sich ließ?
Der Scherge treibt. Plötzlich ist sie ruhig. Sie kann alle Männer nennen, und Tempelhohe sind dabei. Ihrer Dienerin gebietet sie, was wird. Der Oheim hat sie gern; er wird sie schützen, sie und ihr Hab und Gut. Gefaßt folgt sie den Würgern.
Im Tempel kommt sie nicht zu Wort. Nichts kann sie sagen, was sie auf dem Wege sich erdachte, eine Wahrheit, die man gar nicht hören will. Sie wird angeklagt, sie wird verklagt und — — sie wird verurteilt, ehe sie es sich versieht. Der Schrecken liegt in ihrem irren Blick. Noch wird sie nur gefesselt, noch trägt sie ihren schlichten Überwurf, den sie rasch genommen hatte. Aber — man zerrt sie schon hinaus, durch eine Hintergasse und — Ganz entsetzt, voll Jammers, merkt sie nun, wohin es geht: zur Steinigung!
Unterwegs wird der arme Zug aufgehalten. Zornig geht ein Templer vor. „Immer ist das Volk im Wege, wenn man es nicht braucht!“ ‚Sie‘ hat durch gute Taten viele Freunde unterm Volk. Selber kennt sie niemand, der ihr helfen würde. Der Oheim, ja, der hätte Mittel, sie dem Hohen Rate unbescholten abzunehmen; denn er ist ein Freund von hohen Römern. Die Männer aber — —
Grausam deutlich wird es ihr bewußt, daß nur jener Lump sie beim Synedrion verklagte, dem sie die Türe wies, schon früher, als seine plumpe Zärtlichkeit sie rasend machte. Und er gehört dem Tempel an. Doch keiner hatte mit gerichtet. Jahrelang waren sie in ihrem Hause ein- und ausgegangen; nun ist keiner da, sie zu beschützen. O diese Männer, diese — Man stößt sie vorwärts und sie fällt, schon nahe an der Steinigungsgrube.
Das Volk merkt von dem armen Zug noch nichts. Ihr umflortes Auge nimmt fast nichts mehr war. Auf einmal hört sie eine Stimme, ach, und was für eine! So streng, so ernst, so tief; sie wagt nicht aufzusehen. Rundum wird es still, als wären alle Gassen leer. Da sieht sie IHN, vor Tränen ungenau, doch erkennt sie Ihn an Seiner Tracht, an Seinem Wesen, das wieder einen Strahl entsendet, der sie entkleidet und mit sanfter, linder Hand umhüllt.
Was nimmt ER ihr denn weg? Das Irdische? Die Welt? Und was gibt ER ihr? Sie wird nicht gewahr, daß Er mit den Schergen spricht, mit dem Templer, der zornig seine Fäuste ballt. Ach — wie schämt sie sich vor IHM! Muß Er nicht denken, daß sie eine Hure sei? Man hätte sie sonst nicht hierher geschleppt.
Vielleicht ist sie es in Seinen Augen. Wie vieles möchte sie nun ungeschehen machen. Ob ER sie auch verdammt? Er spricht streng und ernst, so — Den Ton der Liebe hört sie nicht, der wie eine sanfte Glocke Seinem Mund entströmt. Ach, ER hat ja recht und nochmals recht: sie hat alles falsch gemacht.
Sie liegt am Rand der Grube, eine arme Kreatur, im Staub, den hunderte von Füßen aufgewirbelt haben. Da lockert sich der Strick, den ihre feinen Hände tragen. Nebelhaft merkt sie, daß die Fesseln fallen und daß jemand sie auf ihre Füße stellt. Es ist ein junger Mann mit liebem, freundlichem Gesicht. „Keine Angst“, flüstert er ihr zu, der MEISTER rettet dich!“
Der Meister? Ist das jener mit dem tiefen Blick? Wie aus weiter Ferne sieht sie zu, daß Er mit Seinem rechten Zeigefinger Figuren schreibt, in den Sand, die dann Sein rechter Fuß verwischt, als wäre damit die Verklagung und das böse Urteil ausgelöscht. Jemand trocknet ihr die Tränen und das Blut, das von ihren Handgelenken tropft. Sie hört die wundersame Stimme, an sich gerichtet:
„Ist niemand da, der dich verklagt und das Urteil vollstreckt?“ Verwundert schaut sie sich um. Sie spürt es nicht, daß jener junge Mann sie kräftig stützt. Wo ist der harte Templer, der ihr Vergehen vorgeworfen hat, die sie nie beging? Konnte ihr zwar leichtsinniges doch keineswegs böses Leben eine Steinigung rechtfertigen? Wo sind die Schergen, die ihren freien Nacken küßten, und sie konnte, durfte sich nicht wehren — ?
Leer ist es an der Grube; nur ER steht da! mitten auf der Gasse, ein paar Männer um Ihn her und dahinter Hunderte, die lautlos harren. Da sagt sie ganz verwirrt: „Niemand ist da. Aber Du . . . Man nennt Dich Meister, und ich glaube, daß Du einer bist, der allen Menschen hilft; auch mir! Nein, es ist niemand da.“ Sie weiß nicht recht, was sie redet; ihr Herz aber zieht sich wonnesam zusammen. Immer wieder sieht sie in die tiefen Augen, als könne sie sich niemals von dem Blick der Gnade lösen.
Einer murrt: „Der Hohe Rat hätte nicht verdammt, wenn . . .“ „Schweige still!“ wird er verwiesen. „Der Meister wäre nie hierher gegangen, hätte Er des Tempels Unrecht nicht erkannt. Hast du gemerkt, wie Er auf einmal schleunigst vorwärts ging? Wir kamen kaum noch nach. Auch von Seinen Jüngern hielten welche keinen Schritt mit Ihm. Erst hier holten wir Ihn wieder ein.“
Da hören sie den Meister sprechen: „Kann dich das Synedrion nicht verdammen, so tue Ich es gleichfalls nicht. Gehe hin, sei fromm und gut, und meide diese Welt. Dann nimmt dich GOTT in Gnaden an.“
„Oh!“ Sie schluchzt laut. Ein Wunder! Sie hat es an sich selbst erlebt. Wer kommt sonst aus des Tempels Rachen, der hineingefallen ist? Sie wirft sich nieder, umklammert Seine. Füße, und ihr ist‘s egal, ob sie vom Wege staubig sind. Ihr Gesicht drückt sie darauf, mit ihren Haaren säubert sie die Füße und küßt sie, die so rasch gegangen waren, um sie zu erretten.
„Meister, was DU gebietest, will ich tun. DIR kann ich mein Haus nicht öffnen; denn es ist unrein wie mein Herz. Aber Arme sollen darin ihre gute Stätte haben. Nur eines, o Meister: schicke mich nicht fort! Laß mich DIR folgen, so oft Du willst, so oft ich darf. DICH muß ich wiedersehen, Deine Augen, Dein Gesicht, Deine Stimme hören, die mir die Lumpen meines Lebens nahmen und mich mit einem Kleide deckten, von dem ich keine Ahnung habe.“ Da sagt ER laut:
„Wie Du Meine Füße mit dem Schmucke deines Hauptes reinigtest, so habe ICH dein Herz gereinigt — und auch dein Haus. Gehe hin und warte, bis Ich zu dir komme, um ein Mahl bei dir zu halten.“
Verwirrt, selig beglückt, sie weiß nicht, wie ihr zu Mute ist, so sieht sie zu IHM auf, und der junge Mann hebt sie hoch. Sie streckt zaghaft ihre Hände aus, Seines Kleides Saum anzurühren. Ihr Mund bleibt stumm, doch die Sprache ihres Herzens sprengt ihr fast die Brust entzwei. Still wendet sie sich um.
Zwei Frauen führen sie nach Hause. In der einen erkennt sie jene wieder, der sie das Tuch gegeben hatte. Auch die Frauen schweigen tief erschüttert. Wortlos dankt sie ihnen, geht in ihr Gemach und zieht ein schlichtes, weißes Gewand an.
Und dann — —
wartet sie auf IHN, auf ihren Meister, Der sie rettete.
—
Meiner allerbesten Freundin zum 78. Geburtstag gewidmet.
1959, A.W.
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