3.T-Kapitel 9
Simeon beim Quirin. Verschiedene Fragen der Tempel und der Stadtfreunde
Vorläufer melden den Quirin. Cornelius befiehlt die Hohenpriester und die Tempelrichter in das Tribunat. Er weist an: Niemand solle auf den Gassen lungern, doch die Stadt auch nicht wie ausgestorben wirken. Athaja schlägt ihm vor, ihre Tempelwache zur Patrouille einzusetzen. Man kenne seine Leute besser und wüßte, wer lieber heimzuschicken sei. Cornelius stimmt zu. Ihm liegt viel daran, alles ‚friedensmäßig‘ zum Empfang zu rüsten.
Trommeln und Fanfaren lassen die Luft erzittern. Ein prächtiger Zug von Offizieren und Soldaten reitet hinter dem Quirin einher. An den Wegen stehen Wachen. Nichts geschieht. Die wenigen Menschen, die sich zeigen, drücken sich in Mauernischen. Verstohlene Blicke in des Römers kühnes, jedoch wohlwollendes Gesicht, — und er hat bereits beim Einzug eine ‚Schlacht‘ gewonnen.
Wohl ist‘s dem freigegebenen Passahfeste zuzuschreiben; doch die meisten Juden gehen freudig heim, um den Wartenden das Schauspiel zu erzählen. Kein Wunder also, daß, solang Cyrenius in der Stadt gastiert, das Volk sich freut, zumal es keine Ausgehbeschränkung gibt. Nur vom Sonnenuntergang bis zur hellen Morgenröte darf ohne Schein sich niemand zeigen.
Nach dem Einzug läuft‘s von Haus zu Haus: Wo kommen die Soldaten unter? Bürger bieten ihre Räume an. Cyrenius, der seinen kleinen Bruder, wie er Cornelius nennt, umarmt, fragt verwundert: „Ja höre mal, es hieß, ich komme in ein Wespennest, wo man am Tage hundertmal gestochen wird! Nun geben diese Leute ihre Hauser her? Bist du ein Hexenmeister? Oder sind das Fallen!“
„Weder noch“, lacht Cornelius froh gelaunt. „Ich habe aber einen Hexenmeister, der allen Ernstes als ein Untergott bezeichnet werden muß. Der hat einfach alles umgestülpt. Er redet und — seine Sache klappt. Er hat im Tribunat geholfen und so ist, mein Cyrenius, das meiste zur Besprechung vorbereitet. Mich wunderte es auch, wie in so kurzer Zeit aus abgrundtiefem, durchaus berechtigtem Haß mir Ruhe und Bereitschaft zugetragen wurde.“
Cyrenius staunt, daß die bedrohteste Gemarkung, wo kaum ein Funke nötig war und nicht nur Judäa wäre explodiert, so ruhig ist, gerade jetzt, wo Augustus die Legionen stark verringerte und mehr als ihrer acht sich in Germanien und sonstwo tummeln.
In wenigen Tagen ist das Wichtigste erledigt. Weiterhin herrscht Ruhe unterm Volk. Cornelius erzählt, wie aufrichtig jene Männer seien, von denen eine Revolution befürchtet worden war. „Man muß sie anders nehmen als die wilden Stämme. Gerechtigkeit, und man kann sie um den Finger wickeln. Mein Zauberer hat mir berichtet, daß Naxus und Konsorten ertrunken sind.“
Cyrenius dreht sich ruckartig um. „Unmöglich! Ich steuerte Melite an, die Gefangenen sollten hier gerichtet werden. Wir ankerten, als einer der Begleitruderer (kleines schnelles Schiff) ein gekentertes Boot und drei Ertrunkene brachte. Einer davon war Naxus. Es war nicht herauszubringen, wer zur Flucht verholfen hatte. Sofort fuhr die Flotte aus und in Sturmeseile her zu dir. Kein anderes Schiff, das schneller segelt! Und auf dem Landweg kann am wenigsten jemand eher dagewesen sein.
Pegasus brauchst du mir nicht aufzutischen!“ Cyrenius stürmt auf und ab. Wieviel Ärger und Verdruß ist täglich zu verdauen. Er muß schlichten, strafen, helfen und noch vieles mehr. Wenn die Vorschau stimmte, wie müßte er sich da verhalten? Götter — ? Er glaubt an Kräfte, und — nun ja, schon möglich, daß sie auch Gestalt besitzen und sich zeigen können.
Darauf kommt es aber gar nicht an. Ihm — Cyrenius — war die beste Kraft stets seine eigene, und die gedankliche stellt er über jede physische. „Wissen muß ich das“, sagt er heftig. Sie stehen auf dem hohen Söllerdach des Tribunats, von wo aus man ein Stück der langen Gasse übersehen kann, die teils zum Tempel, teils zu den Frauentürmen führt.
Cornelius sieht hinab. Plötzlich winkt er Cyrenius zu: „Dort geht er! Ha, Lupus in fabula!“ (Wenn man den Wolf nennt!) Cyrenius wirft einen Blick hinab. Er klatscht laut. Sein Schwertträger (Adjutant), unterhalb des Söllers wachend, stürzt herbei. Cyrenius zerrt ihn förmlich an die Brüstung:
„Den“, zeigt er hinunter, „der in die nächste Gasse biegt, sofort herbefehlen!“ Ehe eine Streife einzusetzen ist, sieht er, daß Simeon — es ist kein anderer — sich wendet und näher kommt. Bald stößt er mit zwei Hauptleuten zusammen. Einer ist Rochus, der gleich ahnte, daß es sich um Simeon handelt, der nicht ‚grob angefahren‘ werden darf. Daher ging er selber mit. Cornelius sagt nichts, schmunzelt bloß in sich hinein.
Der zweite Hauptmann ist Venitrius, der ‚Menschenfresser‘; darum hat Cornelius ihn im Haus behalten. Rochus hat die Stadtkontrolle über. Seitdem gibt es auf den Gassen keine nennenswerten Zwischen fälle. Venitrius faucht Simeon an: „Heda, los, ins Tribunat!“ „Da habe ich‘s nicht weit“, erwidert Simeon gelassen und tut so, als wäre er mit Rochus nicht bekannt. —
Cyrenius fixiert Simeon äußerst streng; aber keinerlei Bewegung spiegelt sich im edlen Antlitz wider. Des Lichtes Augen sehen jenen ernst und offen an. „Wer bist du?“ beginnt der Römer das Verhör. „Ich bin Simeon, aus dem Haus Selumiels, Fürst des Stammes Simeon von Israel. Ich bin Lehrpriester und Prophet, siebzig Jahre alt und kam vom Empyreum aus dem Ort Myrääon her.“
Cyrenius ergeht es wie Cornelius, er tippt sich an die Stirn. Das soll ein Untergott, ein Zauberer sein? Freilich, der helle, klare Blick, — und die Gestalt — — Wie? Siebzig Jahre? Ha, trotz seiner weißen Haare höchstens vierzig! Entweder lügt der Mann oder er ist irre. Da sagt Simeon ruhig:
„Quirin, nichts von dem, was du dir denkst. Wenigen kann man mit der vollen Wahrheit kommen; meistens muß man Milchbrei geben. Vom Himmel ausersehen, kannst du schweren Wein vertragen. Ich ging den Weg entlang, weil ich dich mit dem Tribun hier oben wußte. Woher — ? Von unten sieht man‘s nicht; und gegenüber auf den Dächern wachen Legionäre. Es sollte sein, daß du mich siehst, weil ich dir einiges zu sagen habe.“
„Halt! Mich überfährst du nicht! Die zehn Stämme Israels wurden vom Assyrer Sargon vor rund siebenhundert Jahren unterworfen; also ist ersichtlich, daß du wer weiß was bist. Von einem Lande Empyreurn, von einer Stadt Myrääon, hörte ich noch nie. Das sind bloß Fabelnamen. Du stammst aus einem uns noch unbekannten Land, mir kam deine Wesensart noch nirgends vor. Deshalb nehme ich dich in die Zange — — später — Freundchen!“ Cornelius erschrickt bei dieser am Quirin kaum erlebten Strenge, nur weniger des Simeon wegen. Er hat in ein paar Wochen manches ‚Wunder‘ eingesteckt.
Simeons Gesicht verändert sich, so daß Cyrenius nicht weiß, soll er sich wundern oder ärgern. „Sei ohne Sorge, mein Cornelius“, hört er den Fremden freundlich sprechen. „Der edle Quirin ist auch mit ausersehen, das Herrlichste, was eine Welt erleben kann, zu sehen und — dabei zu dienen.“
„Ich diene nicht, ich herrsche!“ fährt Cyrenius dazwischen. „Du herrschst“, erwidert Simeon ruhig, „und bist der erste Diener des Augustus, dessen Befehle du nicht selten formulierst. Du guter Ratgeber des Cäsaren!“ Cyrenius ist perplex. Niemand wußte es, wie oft er des Augustus Willen in brauchbarere Bahnen lenken konnte; so treu war er. Nun blättert dieser Fremde das Geheimnis auf, als sei es allerorts bekannt.
Er legt seinen schweren Helm achtlos auf der Brüstung ab. Simeon greift danach. „Hier fällt er ‘runter; und träfe er ein Kind, kann es argen Schaden leiden.“ Er legt den Helm auf einen Hocker. Diese Tat zerstört den Wunsch, den Alten unnachsichtlich zu verhören. Wer so bedachtsam handelt, ist ein guter Mensch. Der schräge Sims war kein Platz für seinen Helm.
„Du siehst nicht aus“, sagt er zwiespältigen Gefühls, „als wenn du waffenkundig wärest, weißt jedoch, was sich gehört.“ „Ich trage Waffen; ich bin ein Fürst und meine sechs Brüder ebenso. Nur wenden wir die Waffen anders an, als ihr es tut. Einmal gab es einen großen Krieg. Die Heere, die sich gegenüber standen, waren kaum zu zählen.“ Mehr als zwanzig Legionen?“ Rom besaß soviel; Augustus aber hatte sie, trotz Warnung, reduziert.
„Quirin, du sprichst die Zahl nicht aus; denn es standen sich die Schöpfungsheere gegenüber. Und wenn wir ausgesendet werden, um zu helfen — es kann auch unsichtbar geschehen‚ dann tragen wir die Waffen unseres Ernpyreum-Reiches, um den Freunden Mut zu machen und die Feinde zu vertreiben.“
„Beim Mars! Das ist eines Römers Sprache und du sagst, du wärest Simneonit?“ Viel wirbelt in Cyrenius durcheinander. Existieren eure Heere noch?“ „Unseres ist gewachsen, wodurch das geschlagene Heer verringert wurde. Wir töten nicht; wir holen alle Feinde nach und nach zu uns herüber. Der Kampf hört auch nicht eher auf, als bis der letzte Feind gewonnen ist, — als Freund! Wer sich bewährt, gehört dann ohne Unterschied zu uns.“
„Fabeln!“ Cyrenius Hand schneidet heftig durch die Luft. Auch Cornelius horcht verwundert zu. Seine Erlebnisse mit Simeon weisen ihn zum Glauben hin. „War es eine Fabel“, fragt jener ruhig, „daß ich wußte, wie du zu Augustus stehst?, des Naxus Untergang verkündete, als du gerade von Melite abgefahren warst? Um diese Zeit wußte es noch nicht einmal Augustus.“
„Hm, jetzt hab‘ ich keine Zeit; aber heute Abend führst du euere Kriegstaktik mir vor! Nämlich so — Na ja, mir ist es lieber, wenn weniger Blut vergossen wird.“ Das wichtige Vorgesehene besteht bloß darin, mit Cornelius ein ernstes Wort zu reden. Der sitzt im Sumpf und ahnt es nicht. Ihm kam sowieso der ‚Friede von Judäa‘ sauer vor. Simeon lächelt fein.
„Erlaubst du, Quirin, daß ich meine Waffen trage?“ Cornelius fährt auf: „Außer eurer Tempelwache darf niemand Waffen tragen! Du hast nie gesagt, daß du welche hast.“ „Unbesorgt, mein Freund; ich führe damit meines Königs Willen aus. Auch im vorigen Jahre trug ich mein Gehänge, und kein Römer tastete mich an. Dabei verhütete ich ein Blutvergießen, wie euch schändlich vorgekommen wäre. Unvermeidliche Opfer wurden in ihr Vaterland gebracht.“ Wieder ist Simeons Stimme streng und doch so mild; kein Mensch kann derart reden, konstatiert Cyrenius bei sich selbst.
„Komme wie du willst! Cornelius, gib ihm einen Waffenschein.“ „Nicht nötig, mich verhaftet niemand.“ „Da würden sie ja gegen den Befehl verstoßen. Ich will die Legionäre sehen, die dich ohne Schein passieren lassen.“ „Es komme darauf an, daß du erkennst, wer mit dir spricht!“
Beide Römer mühen sich, Simeons Überlegenheit zu verdauen. Doch er gibt mit einer ‚Friedensmiene‘ seine Hand zum Gruß. Cyrenius gesteht es später ein, daß beim Händedruck ein starker Strom ihm durch den ganzen Körper rann. Als Cornelius hernach berichtet, was alles vorgefallen ist, versinkt Cyrenius in Grübelei. Was ist hier Tag und was ist Nacht— —
„Ich werde länger bleiben. Etwa muß ein Teil des Stabes eher nach Damaskus, wo ich für den Oheim aus der zweiten Linie die Verwaltung festige. Dessen Neffe Pilatus besucht die Pontiusschule; er scheint begabt zu sein. Lege mir die Akte über Naxus vor. Cäsar war empört, dabei . . .“ „ . . . ist nicht die Hälfte bis nach Rom gedrungen“, fällt Cornelius hastig ein.
„Hättest du nicht blitzschnell zugegriffen, so schwämme jetzt das Land in Blut, vielleicht — auch Italia! Simeon, den keiner wirklich kennt, kam an, als ich nach drei Wochen weder vor- noch rüchwärts wußte.“ Sie beraten sich geheim. Forestus wird hinzugezogen, damit er besser wachen kann. —
Indessen geht Simeon dem Tempel zu. Wer sieht das Leuchten seiner Augen? Wer hat Anteil an der Freude seines Herzens? Sein sphärenhaft geprägtes Ich jubiliert: ‚Den Guten dienen, den Bösen helfen!‘ Für Letztere nicht leicht, aber heilsam bis in Ewigkeit. Mit einem Auge das Himmlische, mit dem anderen das Irdische betrachtend, geht er durch das Tempeltor.
Kaum angelangt, kommt Athaja auf ihn zu. Der Hohe hat sich sehr gewandelt. Das früher Düstere seines Wesens, unterstrichen von den dunklen Augen und dem schwarzen Haar, ist von ihm abgefallen. Er sagt erregt: „Wo warst du denn solang? Ich habe dich mit Sorgen suchen lassen. Zwar, seit der halbe Freund Rochus Straßenhauptmalm ist, leben wir wie anno dazumal.“ Simeon lächelt: „Er ist unser ganzer Freund. Forestus muß bei Cyrenius bleiben. — Ich habe euch jetzt Wichtiges zu sagen.“
Athaja wirft die Last von seiner Seele ab. „Fürst Ahitop kam vor einer Stunde vom Gebiet zurück. Überall sei es ruhig, die meisten Römer freundlich, sogar hilfsbereit. Bei Beth-El war ein Mann vom Dach gestürzt und hatte sich ein Bein gebrochen. Soldaten eilten hin und trugen ihn zu ihrem Arzt. Noch vor Wochen hätte sich kein Römer danach umgesehen. Seit der Quirin im Lande sei, stünde es bedeutend besser. Bereits auf seinem Herweg habe er sich allerorts erkundigt. Hilkior und die Stadtoberen sind auch zugegen. Ich lasse sie zusammenrufen.“
Simeon berichtet, was im Tribunat geschah. Als er von den Waffen spricht, macht man sorgenvolle Mienen. „Das geht ungut aus“, warnt Ahitop. „Ich traue dir ja vieles zu, Freund Simeon; und daß du mehr als Manna essen kannst, haben wir gemerkt. Ich behielt mir nichts zurück, als ich aufgefordert wurde, auch nicht meiner Ahnen schönes Schwert. Mir wurde allerdings fest zugesagt, es würde aufgehoben werden und vielleicht bekäme ich es auch zurück. Deshalb blieb ich unbehelligt.“
„Mich wundert was ganz anderes“, bekennt Athaja offen. „Als du kamst, Simeon, trugst du nur das Wanderergewand. Ich fragte Unnias aus, der dich empfangen und angemeldet hatte. Hast du deine Waffen außerhalb des Tempels, so ist‘s mir ehrlich recht.“ „Ich habe sie bei mir, Freund Athaja. Ich lege sie dann an und wir kommen noch einmal zusammen, ehe ich am Abend dem Quirin meine ‚Fechtkunst‘ zeigen werde.“
Zacharias hebt bedauernd eine Hand: „Schade, daß wir deinen Sieg nicht miterleben können.“ „Besser nicht“, ertönt es ernst, „Welcher Römer verwindet seine Niederlage? Bloß unter Aufsicht des Quirins ist eine Unbill zu vermeiden,“ „Wirst du uns berichten?“ Eine Bitte Eliphels. „Ja; doch wohl dem, der schweigen kann.“ Schweigen haben die judäer längst gelernt.
Jissior beginnt mit anderem: „Bei Cornelius waren Punkte aufge taucht, die des Lichtes noch bedürfen, Auch Athaja kam nicht ganz zurecht.“ Die zwei Hohen wollen ohne Amtsbezeichnung angespro chen werden, wenn man intern versammelt ist. Das baut der allge meinen Treue einen guten Grund.
„Einen Augenblick“, erwidert Simeon. „Mutter Hanna ist zu uns auf dem Weg.“ „Sie kommt stets zur rechten Zeit“, sagt Chol-Joses gut gelaunt. „Sie kommt auch anderwärts zur rechten Zeit“, erklingt es von der Türe her. Hanna tritt herein, „Wenn wir dich nicht hätten, Tempelmutter!“ scherzt der Fürst. „Dann wäret ihr wie Küken ohne Henne“, gibt sie schlagfertig zurück. Mit herzfrohem Lachen setzt man sich um den Beratungstisch.
„Fangt an“, fordert Simeon auf. „Später läßt sich manches mehr erklären, wir haben ein paar Jahre Zeit.“ „Und dann — ?“ fragt der Richter Jaor. „Kommt unser HERR!“ „Als Heiland, als ‚Ich bin der Herr, dein Gott“, fügt Hanna heilig-ernst hinzu. Es ist seltsam still. Kein Phantasma: Wie ein Odem geht es durch den Raum. Oder war es Gott — ?
Simeon leitet in das Irdische zurück: „Die schwerste Frage, von allen Seiten angegangen, ohne auf den Kern zu stoßen, betrifft den Hinweis Hannas, daß Abrahams Volk aus der Elite damaliger Stämme hergekommen sei (S. 84, 2). Ihr glaubt, nur aus Jakobs Söhnen.“ „Ja, das ist der Knoten, der nicht zu lösen war“, sagt Nathan. Simeon erklärt es ihnen:
„Aus nur Söhnen kommen keine Kinder! Die Chaldäerin Bilha und die Moabitin Silpa gebaren vier (1. Mo. 35). Jakobs Söhne mußten aus den Stämmen, Abraham untertan, sich Mädchen wählen. Im Aufbau Israels sind außerdem die Jebusiter, Edomiter, Hethiter, Amoriter, Heviter, Horiter, Amalekiter, Syrer, Kanaaniter, Ägypter mit beteiligt. Die Moabitin Ruth gebar dem Israelen Boas den Sohn Obed; dieser zeugte Isai, und dieser König David (Ruth 4, 21-22). Die euch ja bekannte Geschlechterfolge widerstrebte euch. Allein:
Kein Planetenvolk ist völkisch rein, unabhängig davon, daß sie insgesamt aus einer Wurzel kommen. Dem seelischen Gefüge nach gibt es zwei Wurzeln, hinlänglich bekannt: Licht und Finsternis. Eben darauf kommt es an. Beides wohnt in jedem Menschen. Völker bringen äußerliche Trennungen, zwar zu manchem Guten, doch sollten sie nur allgemeine Geltung haben.“
„Das leuchtet ein“, sagt Hilkior, „und mir außerdem aus dem Gemüt gesprochen. Damit wäre eine Weltvereinigung herbeizuführen, wie sie vor der Sintflut war.“ Sagt Simeon: „Ein Säkulum für jeden Finger und deine Hände zweimal gezählt, dann hängt die Weltvereinigung am dünnsten Faden! Aber überlassen wir das jener Zeit; wir haben damit nichts zu tun — jetzt noch nicht.“
Zacharias fragt: „Als Simeon sagte, er wäre schon in Rom gewesen und die Römer lachten über ihn, sah ich plötzlich zwischen ihm und Hanna eine Ähnlichkeit, wie bei Geschwistern (S. 86, 6) vorzukommen pflegt. Heute sieht man wieder nichts. Wie kommt das bloß?2 „Das ist nur geistig zu erklären“, sagt die Tempelmutter.
„Im Empyreum gibt es sieben Hauptwurzeln. Deren Stammeltern, die Fürsten, Cherubim und Seraphim, sind himmlische Geschwister. Jedes Fürstenpaar bekam eine Wurzel. Unabhängig vom Fürstenhaus und der Nachkommenstufe wird jede Lichtvolkschaft die Gleichheit haben, die sich überall enthüllt, sobald der Dienst und die Erkenntnis sie auf einer Ebene begegnen läßt. Das kann allerorts geschehen, auch im Weltenraum, sogar unter fremden Menschen (Ap.G. 10, 34-35). Allerdings kommt es da selten vor. Simeon und ich standen in der Schwingung unseres Geistes auf der gleichen Ebene; außerdem bin ich von früher her ihm nah verwandt.“
Jaor sagt erstaunt: „Mutter Hanna, ich kannte deine Eltern. Du hattest einen Bruder, der jung verstorben ist. Deine Sippe war nicht groß. Auch die Verwandten deines Mannes sind mit den deinen nicht versippt gewesen. Soweit bekannt, gibt es in eueren Familien keinen Simeon. Wie erklärst du das Verhältnis?“
Ungekränkt nimmt man zur Kenntnis: „Auch unsre Ältesten brauchen noch die Lehre. Sippschaften der Materie sind vorübergehende des Blutes und selten schon vom Jenseits her gebahnt. Wahre Sippschaft geht von außerhalb unserer Materie aus. Diese Bindung ist die ewig gültige, solange die Geschöpfe GOTTES Kinder bleiben. Dieserart bin ich mit Simeon eng verwandt.“
„Ach so!“ Jaor entschuldigt sich. „Jetzt ist‘s mir klar. Damit verbunden wäre eine Frage, die mir nahe liegt: Unser Weiterleben (S. 88, 4). Den Leibes- und den Herztod, wie Simeon sie offenbarte, verstehe ich. Das Weiterleben ist uns allgemein bekannt, wenn es auch nur vages Wissen ist.“
„Das ist gut“, sagt Simeon, „sonst würden manche sich zu sehr ans Jenseits klammern, andere aus Angst verneinen. Und ungedeckt, müßte sich der eigene Jenseitspfad enthüllen. Das brächte keinen Segen, sogar denen nicht, die ein gutes Jenseits ihres Wandels wegen zu erwarten hätten. Der Mensch unterliegt den Mächten seiner Welt, wo an erster Stelle Überheblichkeit und Hochmut wuchern; denn erst an dritter Stelle steht die Angst.
Es verwirrte nur, würde sich der Vorhang völlig öffnen. Absolutes Wissen eines Weiterlebens und daß Gut und Böse abgegolten werden, genügt für eine Welt.“ „Ich atme auf“, bekennt Athaja. „Dachte öfter nach, wie ich drüben weiterkrauchen würde — und hatte Angst.“ „Ein bißchen Angst schadet keinem“, sagt Hanna lächelnd. Man gibt ihr durchaus recht.
„Meine Frage ist gleich mitgeklärt“, sagt Ahitop. „Vorleben und traumhaftes Wiederwissen einer Sache, die man als Mensch noch nie bewußt erlebte (S. 94, 3). Gibt es ein Weiterleben, so anderwärts auch Vorexistenzen, wohl am wenigsten auf einer gleichen Welt. Habe ich da recht, lieber Simeon?“
„Ganz und gar! Das Leben geht vom Jenseits aus, vom Lichte oder auch vom Schattenteil; je nachdem. Eine fortgesetzte Wiederkehr auf gleichen Welten würde automatisch die Erinnerungen steigern, aber kaum zum wahren Heil. Da zumal verleitete die Überheblichkeit den Menschen, sich nur beste Bilder auszudenken. Sogar ungeklärtes Denken wäre diesenfalles Sünde: Was bin ich gewesen? — Der Mensch greift gern nach einer Krone, die nicht zu seinem Haupt gehört. Daraus, samt den Folgen, ist ersichtlich, daß Vorexistenzen sich grundsätzlich auf das ganze All erstrecken.“
„Ich atme nochmals auf“, läßt sich Athaja wieder hören. „Mir war bei dem Gedanken, ich — — Ach, mir wäre lieber, ich käme nur aus Gottes Schoß.“ „Amen!“ sagen Simeon und Hanna feierlich. Die Athaja Zunächstsitzenden geben ihm gerührt die Hand. Jeder denkt: ‚Bin ich aus Gottes Schoß gekommen, so wird mir Gnade widerfahren, wie, wann und wo ich leben darf.‘
„Noch diese Sache“, sagt Chol-Joses. „Nicht ganz unverstanden, fehlt mir aber doch ein Wissensglied. Dann ist die Armenstunde zu versehen. Aber später?“ Chol-Joses sieht Simeon bittend an. „Kommt am Nachmittag zusammen“, fordert Simeon die Runde auf. „Da ist etwas zu erleben.“ Man stimmt gern zu.
Fürst Ahitop schlägt die dritte Stunde vor. Jedem ist es recht. Chol-Joses stellt noch seine Frage. „Nach dem Passahfest enthüllte Mutter Hanna, Simeon sei ein Bruder Mose‘s (S. 78, 6). Vom Lichte aus gesehen wäre es verständlich; aber irdisch — ? Fünfzehnhundert Jahre sind seit Mose‘s Tod vergangen.“ „Das heben wir uns auf als Medizin für Ungetreue“, schlägt Simeon vor. „Zwar eine bittere, doch sie hilft.“ Erwartungsvoll geht man auseinander.
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