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Das Weltbild und die Völker. Nemesis der Welt. Wo Gott wirklich wohnt.

3.T-Kapitel 8

Das Weltbild und die Völker. Nemesis der Welt. Wo Gott wirklich wohnt. Cornelius und Cyrenius

„Ist die Welt ohne Schiffe, Wagen oder Lastentiere zu erforschen? Von eurem Wissen aus gesehen hat ein jeder recht“, Simeon zeigt in die Runde, „wenn er es verneint. Doch wie lange ist es her, daß Italier vor dem Nordgebirge ihres Landes standen und der Meinung waren: ‚Hier hört die Erde auf!‘, wie Cornelius mit seinen Schiffen außerhalb des Säulentores.

Trotzdem fanden Männer über jene hohen Alpen einen Weg, durch Eis, Schnee und Sturm. Dahinter lagen Länder, tiefe, unerforschte Wälder und hoch im Norden wieder Wasser (Nordsee), dem ein neues Land entstieg, das Britannien heißt.

Demzufolge ist‘s ja möglich, daß sich noch weiter Land und Wasser wechseln. Wo hörte dann die Erde auf? Ich sage euch: nirgends und überall! Die Welt ist für euch groß; im Kosmos unter allen Sternen winzig klein. Es stehen einst Geschlechter auf, die was ihr jetzt noch nicht begreift — die Erde einen Spielball nennen werden. Sie bekommen recht, bloß ganz anders, als sie selber meinen. Nun das sei der Zukunft überlassen.

Ihr denkt: Im Osten steigt die Sonne hoch, irgendwo. Das Meer im Westen, das Rom erforschen wollte, ist nicht das einzige. Ostseits eines Kontinents gibt es weitere riesige Gewässer. Die Welt ist von einem tiefen Meer bedeckt; in ihm schwimmen, fest verankert mit dem Meeresboden, große Kontinente. Es gibt deren fünf, symbolisch den fünf Fingern einer Hand entsprechend.

Das gesamte Weltenmeer hat sieben Teile wie der Mensch die sieben Sinne: zwei himmlische und fünf natürliche. Jedes kosmische Gebilde ist in Schlüsselzahlen aufgegliedert, vom Schöpfer zu höchst weisem Zwecke herrlich hergerichtet. Die noch unbekannten Länder sind von Menschen, euch ganz gleich, bewohnt.“

„Ganz gleich sind sie nicht“, fällt Cornelius ein. „Die Gallier sind faul, die Germanen wild, und die Britannier weit zurück, was Heim, Herd und Wissen anbelangt.“ „Soweit recht. Nur bedenke, daß ein jedes Volk aus seiner eigenen Wurzel wächst. Es dauert eine Weile, bis aus Sämlingen Bäume werden. Manche kommen und verdorren schnell; andere sind erst in hunderten von Jahren völlig ausgewachsen. Dann aber trotzen sie den stärksten Stürmen. So auch die verschiedenen Nationen.

Mit der Gleichheit war zunächst das Natürliche gemeint. Es gibt Völker, die fast wie Tiere leben. Sie stehen auf der erdgebundenen Entwicklungsstufe. Es gab und gibt aber Menschen west- und ostseits mit höherer Kultur als die Alt-Ägypter oder ihr und die gebildeten Griechen haben. Teils ging die Kultur verloren; allein, sie lebt im Land und wird wieder auferstehen wie ein Samenkorn, das zu seiner Zeit die Triebe treibt.

Das dauert manches Säkulum. Nord- und ostwärts strecken sich die Forschungsfühler rascher aus. In einem Land (Tibet), hoch oben im Gebirge, dessen höchste Spitzen zweimal so hoch sind wie die Alpen zwischen Italia und Germanien, herrscht als kostbarstes Gut, was der Mensch erwerben kann, noch die reine Urreligion, wie sie derzeit nicht einmal Judäa kennt.

Jene Leute glauben an den einen Gott als den ewig unwandelbar Allmächtigen. Dort gibt es keine prächtigen Gebäude wie in Rom und anderwärts, weil sie alles Irdische nur der Lebenszwecke wegen tun und kein Begehren nach Vergänglichkeiten kennen. Sie bauen ihre Häuser schlicht, dem Lande angepaßt; ihre Lebensart ist einfach und gesund.

Sie brauchen keinen Arzt, wie ihr sie haben müßt. Doch sie können leichter helfen als alle eure Ärzte. Dort — ihr habt davon noch nie gehört — sammeln sich die Segensstrahlen aus dem Empyreum und gehen größtenteils durch die mehr geist- als natürlich lebenden Menschen auf die ganze Erde über.

Sie ‚denken‘ bis nach Rom und viel weiter, wenn es nötig ist; sie setzen sich bei Krieg und Katastrophen ein. Noch haben sie ein sehr starkes Lichtgewicht; doch können Zeiten kommen, wo die dunkle Flut der Menschen alles überbraust, Wild wie das Meer, niederwalzend wie ein Sturm! Dann haben jene Hohen allgemein ihr Mitträger Soll erfüllt; und die Weltmenschheit — insgesamt — geht ihren letzten Gang, den GOTTES Nemesis bestimmt!

Doch dieser Gang, nur von wenigen begriffen, führt zur endgültigen Befreiung aus den Fesseln der Materie. Davon frei — und alle, vorher an die Welt gebunden so oder so, erkennen, was Freiheit heißt. Rom beherrscht zur Zeit die halbe euch bekannte Welt, aber nicht für immer, nicht einmal für lange Zeit. Es ist als Ein- und Ausfalltor gesetzt, durch das der Ein-Gott-Glaube gehen soll. Dann werden alle Göttermythen ausgerottet werden.

Ihr Römer haltet nicht für möglich, daß alle euere Tempel bersten sollen. Es kann sogar Jerusalem sein Heiligtum verlieren! Man wird später neue Tempel und Altäre bauen — für den einen Gott, Ihn aber auch zersplittern und Glaubenssätze prägen. Doch so wenig irgend ein Apoll in seinem Götzentempel wohnt, so wenig wird sich je der HERR ein Haus erküren, wo man Seine UR-Einheit nicht anerkennt; wo statt Seines Geistes tote Wörter walten; wo man den Schöpfer normen will, statt gern und frei der ‚Ton in Seiner Hand‘ zu sein! (Jes. 45, 9; 64, 7; Jer. 18, 6)

Damit sei — besonders dir, Freund Cornelius — gesagt: Wohl ist es gut, zu forschen und Gebiete zu entdecken, allein — es kommt darauf an, ob man im Austausch volkgebundener Freundschaft etwas bringen oder selber lernen will, oder ob man Länder nimmt und die eigene Lebensart aufzuzwingen sucht. Nebenher geht es um Gut und Blut. Meinst du, daß dies richtig sei?

Du bist so aufgewachsen, und da ist es schwer, über den eigenen Schatten wegzuspringen. Auch fragt es sich, ob derselbe eine eigene Substanz der Seele oder bloß durch Eingeburt und durch Erziehung angenommen ist. Angenommenes läßt sich leichter als Persönliches überwinden.

Heute höre zu: Du, der Quirin und mancher Hohe eures Volkes sind vorausgegangen, um GOTT zu dienen. In einer Hinsicht werdet ihr am besten helfen können. Dadurch geschieht, was Gott Sich ausersehen hat. Wohl, ER kann‘s auch anders machen; denn Er kommt ja nicht für Sich! Für die Abgeirrten, Unwissenden, auch — für die Bösen machte Er Sich auf und bedient Sich Seiner Treuen, damit die Menschen es in ihrem engen Sinn begreifen können.

Pur gotthaft Seine Bahn zu wandeln, würde keine freiheitliche Umkehr bieten. Des All-Erbarmers hohe Bahn kommt aus Seinen sieben Lebensstrahlen; auf ihr wird die Liebe dem ersten und dem letzten Kind begegnen, womit allesamt die Barmherzigkeit erfahren, die der Ewig-Heilige schon längst entfaltet hat.

Ihr werdet von der Welt gelöst, vom materiellen Ich erlöst. Und herrschen Herz, Geist und Himmelsseele vor, dann werdet ihr, was Athaja und Cornelius ohne Kenntnis prägten, ‚Fern von der Erde her‘ begreifen, jenes, vom Lichte her gesehen. Am wenigsten bewältigt materielle Kraft die Materie. Die Essenz durchackert die Substanz und macht sich selbe untertan.“

Sagt Forestus: „Simeon, du kennst das Wesen der Substanz und bist — vielleicht — Essenz. Wenn du unsere Flotte führen würdest, wäre Neptun samt den Untergöttern schnell bezwungen. Wie stünde es mit solcher Fahrt?“ Mütterlich lacht Hanna: „Junge, wie denkst du dir denn das?“ „Ah freilich“, stottert er, „Simeon wird nicht mögen, er ist doch selber so ein — nun ja — ein halber Gott. Man kann ihn etwa bitten, nicht aber zwingen.“

„Allerdings! Doch du denkst, so könne der Tribun vor euerm Cäsär prangen. Dir liegt nichts anderes am Herzen, als Cornelius bis in den Tod zu dienen. Jede Treue wird belohnt; auch materiell ist sie ein königliches Gut, das man einem anderen bewahren kann. Deshalb wirst auch du zum Licht gelangen und an der Seite des Tribuns noch Herrliches erleben.“ Da fühlt Forestus, der alte Bär, sich Hanna gegenüber wie ein Kind.

Cornelius kommt ihm zu Hilfe: „Simeon, du meinst es ebenso. Aus deinen Worten merkte ich, daß ein Erforschen anderer Länder jenen Haken hat, daran sich niemals die Eroberung und Herrschaft hängen lassen. Mir ist das meiste fremd, was du berichtet hast, dennoch etwa so, als hätte ich das mal geträumt. Nun wird es im Bewußtsein wieder wach.“

„Stimmt“, bestätigt Simeon. „Du hast es aber nicht geträumt. Du wußtest es vor deiner Eingeburt.“ „Wie oft kommt man auf die Erde? Nach dieser Ansicht würde ich‘s verstehen, wenn mein sogenannter Traum früher ein Erlebnis war. Nur gibt die rückwärtige Geschichte keinen Anhaltspunkt, ob sich die alten Völker gegenseitig kannten und zueinander Wege hatten. Und da — so sieht es aus — hört mein Wissen wieder auf.“

Chol-Joses nickt: „An wieviel Wissensecken bin ich angerannt! Nur die reine Weisheit half mir weiter, Schritt für Schritt. Heute sind Probleme aufgetaucht, deren Klärung mir höchst wichtig wäre, ‚Jetzt ist‘s zu spät, hoffe aber, von Simeon noch viel zu hören. Tribun, wir waren deine Gäste; sei bitte auch der meinige, sobald du Zeit gewinnen kannst. Ich lade alle ein“, zeigt er rundum, „wenn ihr zu mir kommen wollt.“

Cornelius sagt dankend zu. „Nun noch jene Sache“, fordert er die Stadtamtmänner auf, „daß sie dem Quirin mit vorzulegen ist.“ Die Augen Josabads und Hasabras suchen sich. Ein heißes Eisen; doch sie sprechen mit dem Römer frank und frei.

„Wir haben Dokumente“, sagt Josabad, „zwar nicht lückenlos, aber der Zusammenhang ist wahrzunehmen. Pompejus ahnte, daß die Sache festgehalten worden war und suchte oft nach Niederschriften. Er fand sie nicht. Ich fasse mich jetzt kurz und gebe dir das Dokument zur Hand, bitte aber, es gelegentlich zurückzureichen.“ Cornelius stimmt zu und Josabad spricht weiter:

„Als Pompejus unsere Stadt besetzte, gab es einen Priester namens Sakkai. Er war sehr gelehrt, zeichnete viele Himmelsbilder, die jedoch verloren gingen. Man fahndete danach. Bloß eine Tafel haben wir, auf der Sakkai den Stern des KOMMENDEN, der unserm Glauben nach ‚der Messias‘ heißt, erkannte und ungefähr auf unsere Zeit vorausgedeutet hat. Er schrieb ‚sechsundeinehalbe Zeit‘, nach übrigen Berechnungen rund sechseinhalb Jahrzehnt.

Der damalige Hohepriester Jozidak, ein nüchterner Mann, der die Sterndeuterei bezweifelte, mußte haften für alles, was Pompejus in die Quere kam. Ein paar Feinde Jozidaks verbargen Tempelschätze. Beamte Roms, die als biedere Händler unser Land durchzogen, hatten spionierend unsere Schätze aufnotiert.

Was vorhanden war, stimmte mit den Listen des Eroberers nicht mehr überein. Die Beamten kannten aber Jozidaks wie auch Sakkais gerade Charaktere, wenn sie auch keine Freunde Roms, der Besatzung, werden konnten. Kurzgefaßt: Pompejus forderte die Priester vor. An den hämischen Gesichtern waren jene ohne Mühe zu erkennen, die ‚zwei Fliegen mit einem Schlage‘ fangen wollten: Rom die Tempelschätze zu entziehen und Jozidak zu stürzen.

Sakkai, der Besten einer, beschuldigte sich selbst, um Jozidak zu retten. Ein Römer stieß ihn mit der Lanze nieder, ohne daß Pompejus dies verhinderte, obwohl er — selber zugegeben — beide schuldlos fand. Sakkai soll an dem selben Abend außerhalb der Stadt gestorben sein. Jozidak kannte seine Feinde; aber nur sein Blick, auf sie gerichtet, mußte sie entlarven.

Doch Pompejus ließ den Hohenpriester fesseln, als er seine Hände hob, ohne ausdrücklichen Befehl, daß erst Gericht gehalten würde. Später meldete man ihm, Jozidak sei hingerichtet worden. Da dies öffentlich geschah, hörte man Pompejus sagen: ‚Einer weniger, das schadet nichts!‘ Er ließ viele achtbare und reiche Männer grundlos foltern und erhängen, um als Gewaltherr die Befehlsmacht leichter kundzutun.

Die Nachkommen beider Priester rottete Pompejus aus, um ein übles Rechtsgeschwür zu heilen. Damit wurde nichts geheilt, rief viel mehr schlimmen Haß hervor, den jeder folgende Pontius nicht auszumerzen wußte. Kannst du verstehen, o Tribun, wie es im Volke gurt? Glaube mir, wie die Länder heute handeln, wären wir nur froh, unter euerm Schutz zu leben, zumal Babylon und Persien unsre Feinde sind. Aber so — ? Auf die Dauer läßt sich eine Fessel nicht ertragen, und ein allzu straff gespanntes Seil zerreißt.

Wir haben jetzt erkannt“, schließt Josabad seinen gut gehaltenen Bericht, „daß du, Tribun Cornelius, anders denkst als die vorherigen Regenten. Du hast ja die Befehle des Cäsaren auszuführen; allein es kommt schon darauf an, wie man sie erfüllt. Wir hoffen, du wirst uns nicht zu hart regieren.

Gibst du uns gerechte Freiheit, so sei gewiß: Juda wäre gern ein Protektorat, ungern eine römische Provinz. Das erträgt der freie Israele nicht, wie wenig jeder freie Römer, von anders gearteten Nationen regiert zu werden. Bitte“, er hält Cornelius seine Rechte hin, „schlage ein, du hast an uns getreue Männer, wenn du wie ein echter Mensch zu unserm Volke bist!“

Wie auf Kommando drängen alle näher, sogar Mutter Hanna steht mit im Männerkreis. Blitzartig zuckt es dem Tribun durchs Hirn: ‚Wollen die mich überwalzen?‘ Vom Standpunkt der Erziehung und dem bisher Erlebten in den besetzten Ländern wäre der Gedanke wohlerwogen. Ein Blick in aller Augen, vor allem in jene des Simeon, und er erfährt zum ersten Mal, daß nichts gewollt, nichts gelernt, sondern eine spontane Handlung ist. Er gibt jedem die Hand und sagt, heimlich fast beschämt:

„Ich will es gern mit euch versuchen. Solches habe ich noch nie erlebt und ist‘s nicht leicht, es auf den ersten Hieb als ‚echt‘ zu werten. Auch umgekehrt. Die Vorgänger handelten nicht klug; viele von euch sehen nun in jedem Römer einen Räuber. Unser gegenseitiges Vertrauen muß erst wachsen, wie Chol-Joses es von Wissen, Weisheit und Erkenntnis sprach.

Gebt mir sieben Jahre Zeit. Ich kann meine Römer nicht auf einmal umerziehen; mag also manches ungerecht erscheinen und auch sein. Später, wenn meine Arbeit besser läuft, sollt ihr melden, was euch nicht gefällt. Freilich — euere Leute werden auch nicht lauter — wie sagt ihr — ? — Engel sein.

Werde ich nicht abberufen, so suche ich mir meine Leute aus. Wählt ihr gleichfalls gute Oberste in Stadt und Land, so wird wohl jedem Teile das Erträgliche beschieden sein. Was meint ihr dazu?“ „Für den Tempel angenommen!“ ruft Athaja rasch. Seine ‚Herzparole‘ ist gestorben. Fürst Ahitop verspricht es für das Land, die Stadtoberen für die Städte.

Cornelius schellt nach vesuvischem Wein. „Ein Nachttrunk“, lacht er heiter. Auch Hanna muß mit nippen. „Du wirst getragen“, drückt er behutsam ihre feine Hand. „Rochus, die Athiopier, und die Sklaven für die Sänfte; du geleitest meine Gäste heim.“ Jeder dankt frohen Herzens. Der Tribun sagt noch zu Simeon: „Schade, dem Quirin bleibt keine Zeit, dich zu begrüßen.“ „Wer weiß“, leuchten ferne Augen hell zurück.

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