3.T-Kapitel 10
Der Geharnischte. Gute und Böse prallen aufeinander. Simeon fängt an, den Tempel auszufegen
Ein königlich Gepanzerter geht umher. In Windeseile weiß der Tempel: Ein hoher Römer inspiziert. Man läuft ihm spähend nach. Aber welche Überraschung! Simeon ist‘s. Sein gütiges Gesicht wirkt jung und seltsam kühn. Die Späher sind Jojareb, Hilkia, Pashur, Usiel und Ginthoi, die die alten Anhängsel nicht zurückgewonnen haben, von denen aber mancher noch ‚auf beide Seiten hinkt‘ (1. Kön. 18, 21), wie zu Ahabs gottesloser Zeit es war.
Die fünf Priester reizen laut: „Wüßte das Cornelius, wäre es mit aller Freundschaft aus!“ Simeon tut, als höre er kein Wort. Bald hängt eine Traube ihm am Fuß. „Jede Woche wird geforscht, damit der Tempel nur zehn Lanzen hat.“ „Rom befürchtet halt, daß unsre Lanzen Junge kriegen. Nun haben sie ein Schwert geworfen.“ Jojareb eilt abseits und kritzelt etwas auf.
Die Zusammenkunft sollte privatim geschehen, aber Simeon führt die Bösen irre. Er begegnet Nathan. Der sieht ihn baß verwundert an. Ein Augenwink, und Nathan geht neben Simeon einher, unbefangen mit ihm plaudernd. Sie gehen in den größeren Beratungsraum, den man allgemein benutzt.
„Ich habe einiges bekannt zu geben“, sagt Simeon. „Bitte unsere Hohenpriester her.“ Wie ein Wiesel ist Hilkia zur Stelle, seinen Hohn nicht zügelnd: „Ah, das Spielchen sollen andere nicht wissen? Gefehlt! In öffentlichen Räumen steht es jedem frei, zuzuhören. Das hast du nicht gedacht, was? Hahaha!“
„Es kann euch in die Ohren klingen; ob lieblich, sagst du mir am Schluß.“ „Dir? Du Tempelschänder, Friedensbrecher! Bringst uns um den Hals, wenn man erfährt, wie du gerüstet bist! Weißt sonst alles ganz genau; nun solltest du nicht wissen, daß Waffenzeug verboten ist?“ „Stimmt! Es fragt sich nur, für wen.“ „Zeig‘ mir mal deinen Waffenschein, du Romspion! Das dürfte niemand wagen, würde Rom ihn nicht besolden. Wie fein: Lehrpriester, Prophet und Waffenknecht in einem; das reimt sich wunderbar zusammen!“
Simeon treibt mit einer Handbewegung Hilkia zurück. Inzwischen ist, wer kann, herbeigeströmt, auch die Freunde. Simeon zeigt auf die Stühle. „Wer zuhören will, der setze sich; wer nicht, bleibt besser draußen.“ Jojareb tritt, den Furchtlosen mimend, auf ihn zu, ihn grob verweisend:
„Dein Befehl gilt nichts! Hier ist kein Spionagehaus, hier ist der Tempel Gottes!“ „Wirklich?“ tönt es hart. „Da wundert‘s mich, daß Gott hier keine Wohnung hat. Für dich ist es ein Spionage- und ein Denunziantenhaus! Übrigens hast auch du nichts zu befehlen. Athaja kann es mir erlauben, öffentlich zu reden.“ Dieser hat die Taktik Simeons gleich erkannt und sagt:
„Die Halle ist für dich zwei Stunden frei.“ „Natürlich“, buckelt Usiel albern, „die Verräter spielen sich ja in die Hand!“ Simeon packt ihn am Gewand: „Nimmst du das zurück?“ klirrt es eisig. „So meinte ich es nicht“, jammert Usiel. Simeon läßt ihn ‚Setze dich, wenn du Lust hast, da zu bleiben!“ Usiel wankt hinaus. Erst viel später drückt er sich verstohlen wieder durch die Tür. Und nun sagt Simeon:
„Ich bin im Auftrag meines Königs hier. Wer ER ist, wird jeder mann erkennen, der glaubt und freundlich handelt. Die meisten wissen nicht, wie möglich ich — als alter Mann gekommen — ein jugendlicher Kämpfer bin. Seht her!“ Er nimmt den herrlichen Helm herunter, und da ist sein silbrig schimmerndes Haar zu sehen.
„Bei uns im Empyrcum“, lehrt er, „ist das weiße Haar nicht wie bei euch ein Zeichen hohen Alters, oder gar von Gram und Leid. Wir haben helles Haar, vom Goldton bis zum Silberweiß, was mit unserer Art zusammenhängt. Bei besonderen Missionen verwandeln wir uns so, wie es den Menschen oder Wesen nützlich ist, zu deren Rettung wir gesendet werden.“
„Rettung?“ wagt Hilkia, der stete Störenfried, seinem Nachbarn zuzuflöten. Zacharias protestiert, und der Fürst verweist: „Hilkia, jedermann, der jetzt unnötig unterbricht, melde ich persönlich dem Quirin!“ Die Unterpriester ducken sich betreten, auch sind sie über diese Störung ungehalten. Wer wagt es aber, Hilkia, dem vierten im Synedrion, zu widersprechen? Das darf bloß einer unbeschadet tun, der im Range höher steht.
Simeon übergeht das Gerede: „Die Rettung bekommt erst manchem schlecht, etwa, wie wenn er am Ertrinken war, dann stellen sich die üblen Folgen ein. Mancher sitzt in diesem Haus, das nur wenigen ein Tempel Gottes ist, in einem lecken Boot, einige sind am Ertrinken, Nun — wer es nicht wissen und durchaus untergehen will, muß bis auf des Meeres Grund versinken. Dieser Grund heißt
Allmächtigkeit und Recht! (S. 26, 6 – 27, 6)
Dort stößt er auf, dort — begegnet er dem HERRN! Da gibt es keine Ausweichstelle! Wer dann nach Gnade und Barmherzigkeit verlangt, muß Gottes Recht und Allmacht anerkennen! Wer eine Wiedergutmachung mit allen Lasten auf sich nimmt, durch Bosheit anderen bereitet, dem wird Gnade wie die ferne Sonne sein. Eine nahe Sonne, einen ‚nahen Gott‘, kann er lange nicht ertragen.
Gottes Umbruchzeit ist nah, in sieben Jahren! Werändert sich bis dahin, um das Vier- bis Siebenfache einer ungerechten Dienstzeit wettzumachen? Der HÖCHSTE schenkt euch nichts!, eben jenen, die so niederträchtig sind! Wer sich aber wendet, auch wenn es nicht gleich glückt, auch wenn der alte Adam noch sein Haupt erhebt, den wird in diesen Jahren Gottes Güte leiten. Und seine Seele wird den Panzer, sein Herz den Helm, sein Geist wird Schwert und Schild erhalten, wie ich dies alles trage.“
Simeon hebt die Waffen hoch. Es funkelt in der Sonne, die gerade durch die Säulen schlüpft. Ein Unterpriester flüstert: „Ob Josua vor Jericho so ausgesehen hat?“ „Dieser Simeon hat recht“, murmelt es zurück. Da ist es beiden, als träfe sie ein Blick, eigentümlich warm. Nur ein Moment — und sie sind auf seiner Seite. Simeon spricht indessen weiter:
„Jeder Umbruchzeit geht ein Strahl (Eigenschaftsträger) voraus. Wer sie selber bringt, ist mächtiger als jener, der vorausgesendet wird. Ich bin der Strahl, dem manche Lichter angeschlossen sind, die mit voraus und mit beim Umbruch wirken dürfen. Diese sind, obwohl sie es als Mensch nicht wissen, zubereitet worden.
Nicht so, wie Jojareb jetzt böse denkt, daß dann die Zubereiteten ohne eigenes Verdienst die Gnade hätten, während jene, die ich auf des Meeres Boden wünschte — der Wunsch ist seine Tat!, — ohne Schuld das Gericht erleiden müßten. Wer kann dafür, der keine Vorbereitung hätte? Jojareb“, mahnt Simeon, „du kennst als Priester Mose und auch die Propheten und was GOTT geboten hat. Das ist ‚dein Lehrgang Gottes‘, den ER dir angedeihen läßt.
Hast du das Wissen in die Weisheit umgewandelt? Hat GOTT dich an den Rand gestellt? Die Zeit ist da, wo das Gelernte in die Praxis umzusetzen ist. Da hapert es bei dir. Oder nein?“ Simeon fordert Jojareb heraus. Der räuspert sich; er spürt, um was es geht. Aber beugen? vor Simeon? Niemals! Deshalb erwidert er kurz angebunden: „Umbruchzeit — ? Mir genügt das Alte.“
„Jawohl, der alte Schlendrian!“ rügt Simeon. „Du und Hilkia, ihr sät Zwietracht aus. Den Stadtmann Ahimoth (S. 85, 7 – 86, 1) habt ihr verraten und andere dazu. Nicht zu euerem Verderben ist‘s gesagt“, er mildert seine strenge Stimme, „es ist GOTTES Ruf: ‚Kehrt um!‘, wenn ihr Barmherzigkeit erlangen wollt.
Ihr hadert, Gott hätte Mose viele Wunder wirken lassen, aber euch an Rom verkauft. Wohl! Juda taumelt hin und her, denkend: Wenn nur ich am Leben bleibe, alles andere ist egal! Das wucherte im Volke nicht, wenn seine Oberen im Glauben blieben und statt leerer Reden Gottes wahres Wort und Lebenshilfe brächten. Glaubt ihr denn, da würde euch der Herr verlassen?
Seht ein Wunder an: Euere Lunge atmet, euer Herz schlägt Tag und Nacht. Das Blut rinnt unaufhörlich durch den Körper, und ihr wisset nicht, daß und warum kein Blutkörperchen im gleichen Verbande mit anderen zweimal denselben Lauf vollführt. Sie wechseln fortgesetzt samt ihrer Spur. Aber ob sie sich auch wandeln, andere Verbände, andere Bahnen bildend, so können sie doch nur in ihren Adern laufen und durch dieselben ihren Leib beleben. Das ist ein heiliges Symbol aus Gottes Herrschaftswillen, die UR-Bedingung, ohne welche sich kein Leben äußern noch erhalten läßt.
Sobald das Blut die gleichen Baukristalle und die gleichen Spuren formt, wie bei der Geburt gewesen, dann ist der ‚Kreislauf einer Inkarnationsepoche‘ abgeschlossen, ob kurz, ob lang, auch unabhängig von der Todesart. Ist das nicht ein größtes Wunder? Wirkt da nicht die Allmacht menschennah — ? Doch der Mensch begreift es nicht; das sind ‚Selbstverständlichkeiten der Natur‘!“
Der Tempelarzt Obadnia hebt die Hand. Simeon winkt ihm zu: „Es ist gut, was du zu sagen hast.“ „Wieso weißt du das?“ fragt Obadnia erstaunt. „Was du sagtest, ist so, so — “ Er stockt. „Ich habe mich um nichts gekümmert, helfe aber, wo ich helfen kann. Geht es aber hier so böse zu, was soll dann aus uns allen werden?“
„Deine Frage trifft den Grund“, erwidert Simeon. „Du hast dein Heilamt gut erlernt, bist stets bereit und suchst die Armen auf, sobald dich einer ruft. Das ist Gott wohlgefällig. Nur eines fehlt dir noch, Obadnia.“ „Was?“ fragt der Arzt beklommen. Was er eben hörte, zeigt ihm an, daß Simeon ein enormes Wissen hat. „Ich bin sofort bereit, um- und auch hinzuzulernen, wenn ich dadurch meine Fähigkeiten steigern kann.“
„Er weiß viel von Gottes Lehre und vom Leben dieser Welt“, lobt Simeon. „Er hat sich nie hervorgetan; er half und ging. Oft wurde er gering geachtet, weil er ‚kein echter Priester‘ wäre. Außer wenigen ist keiner so sehr Priester wie gerade er. Denn wer gern im Stillen hilft, ist ‚Gottes liebe Hand‘!
Was fehlt, Obadnia, ist das: Jede Hilfe muß zwei Seiten haben, wie man auch zwei Hände hat. Ein Priester soll das Leibliche des Armen mit bedenken; ein Arzt heilt besser, wenn er nebst der Krankheit nach den Übeln einer Seele forscht. Herzeleid macht krank. Legt der Arzt des Trostes Balsam auf das wunde Herz, so werden seine Salben leicht die Krankheit heilen. Das sind hohe Wunder Gottes, sobald der Mensch nach ihnen greift.“
„So habe ich das nie bedacht“, gesteht Obadnia ein. „Das sei gemerkt!“ Er geht zu Simeon: „Dir danke ich. Dein ‚Lehrbuch‘ werde ich gehörig lesen, da steht allerlei darin.“ Die Guten freuen sich über diese schöne Episode, während Jojareb verächtlich grinst: „So ein . . .“ Blödsinn, will Hilkia sagen, aber viele ärgerliche Augen schließen ihm den Mund.
„Darf ich noch fragen? Es betrifft den Blutkreislauf, da komme ich nicht mit. Sonderbar mag sein, daß ich mich mit Herz und Lunge sehr befasse, obwohl ich bisher keinen klaren Einblick fand, außer einmal bei einem Sterbenden, dessen Leib durch einen bösen Sturz ganz aufgerissen war.
Trotz Mitgefühl war ich fasziniert, wie die Organe wirkten. Das Blut schoß im Herzrhythmus aus allen Wunden. Mehr stellte ich nicht fest. Nun sagtest du, daß Blutteilchen in Verbänden kreisten, immer andere und auf andern Spuren. Das geht mir ein, auch wenn ich’s nie gesehen habe. Aber nun: Ein Säugling hat viel weniger Blut als ein ausgewachsener Mensch. Wie können da bei dessen Tod sich gleiche Blutkristalle und die gleichen Spuren bilden? Die Adern wachsen mit dem Leib.“
Simeon erklärt: „Es kommt nicht darauf an, wieviel Blutkristalle jemand hat, sondern ob es gleiche Bilder gibt. Als Masse läuft das Blut in kurzen bis zu langgezogenen Spiralen, die sich durch die formveränderlichen Blutkristalle, nicht zuletzt durch des Menschen Lebensweise ändern. Aber wie sein Blut bei der Geburt die Windung zeigt, alsdann auch bei seinem Tod. Das verstehst du nun, nicht wahr?“ Jeder hat mit Interesse zugehört.
„Verstanden — ?“ Nachdenklich fragt der Arzt. „Nicht ganz. Es gibt ja einen Faden zwischen Geburt und Tod. Sterndeuter sagen, daß des Menschen Sterne bei beidem gleiche Konstellation besäßen. Kannst du mir noch mehr erklären?“ bittet er. „Oder gingest du mal mit zu ein paar Kranken, die ich Sonderfälle nenne.“ „Gern, Obadnia; morgen, wenn du willst.“ „Vielen Dank.“
„Unglaublich, was du weißt!“ staunt Athaja. „O, wie danke ich, daß der Heilige dich hergesendet hat.“ „Heb‘ ihn nur in einen falschen Himmel“, fängt Hilkia aufs neue an. „Er ist wie wir ein Mensch; wer kann seine Sünden zählen?“ Der Rechtsanwalt wird zornig: „Du — wie soll man dich bloß nennen?“ „Das beruht auf Gegenseitigkeit“, fährt Hilkia hoch. „Du hast damals meinem Feind geholfen, dafür verdamme ich dich heute noch!“
„Es ist meine Pflicht“, braust Hilkior heftig auf, „Unschuldigen beizustehen, und wären es auch Bettler!“ „Die haben dich wohl reich gemacht?“ höhnt Jojareb. „Macht eure Händel draußen aus!“ Simeons Stimme fährt stahlhart dazwischen. „Ihr gebt keine Ruhe“, droht er den Aufsässigen. „Nur so weiter, und der ‚falsche Himmel‘ fällt über euch herein! Seid ihr Menschen oder Ottern? (Matt. 3, 7)
Um was immer ihr die anderen verdammt, so wird eure Saat nur eure Ernte sein! Solange ihr als Gläubige die Gläubigen verfolgt, bleibt diese Erde eine arme Welt! Ihr verwünschet in die ewige Verdammnis und wisset nicht, was EWIGKEIT bedeutet. Eure niedere Genugtuung schreibt ihr dem Höchsten zu. Ist ER denn wie ihr?! Ihr denkt böse und wollt GOTT auf eure Stufe zerren? Hütet euch!
Gott setzte die Geduld vor der Liebe ein, auf daß diese auch den Widerspenstigen erhalten bliebe. Er hat dem Liebe-Schöpfungstag, an dem ihr leben dürft, jenen der Geduld vorangestellt, damit alle, die etwa böse werden würden, zu erretten seien, vornehmlich durch die Geduld! Oder glaubet ihr“, fast klirren Simeons Worte, „ihr dürft sagen: ‚Gott ist die Liebe, also muß Er uns ertragen!‘? O, wartet nur, Er läßt Sich nicht spotten! (Gal. 6, 7)
Durch GEDULD hat Er den Weg gebahnt, auf dem die Umkehr und nach dieser auch die Heimkehr möglich ist. Den Heimgekehrten begegnet die Barmherzigkeit im Himmel. Sie löscht das Alte aus, reinigt, heilt und hebt die Kinder in den ersten Himmelsstand zurück. Das ist ja auch ein wahres Wunder. Greift danach, und es erfüllt sich einst an euch.“
„Dazu brauchen wir dich nicht“, stößt Ginthoi hervor. Fürst Ahitop preßt durch die Zähne: „Komm heraus! Nun ist‘s genug! Morgen zeige ich dich an!“ „Bleibe ruhig“, hält Simeon ihn auf, „die Widerlichen haben sich schon selbst im Tribunat gemeldet.“ „Wieso? Was?“ ruft man durcheinander. Jojareb, eigentümlich blaß geworden, will mit seinem Anhang gehen. Aber Simeon steht gepanzert an der Tür; er sagt sehr ernst:
„O nein, so billig kommst du nicht davon! Du und Hilkia habt mir vorgeworfen, ich stolzierte auf und ab und bräche euch den Hals. Ah — dein Zettel, der euch die Hälse brechen kann“, er zeigt auf die fünf Meuterer, hat den Quirin erbost. Er wartet nur, was ich dazu zu sagen habe. Ich will euch nicht verderben; ihr aber seid des Hauses Schmutz, den man abseits fegen muß.
Jojareb, und du willst Hoherpriester werden? Wessen? Gottes oder — Satans — !? So, nun geht, wenn ihr wollt“, Simeon gibt die Pforte frei. Im Nu sind die fünf Männer draußen, sogar ohne Rache, dafür um so mehr in Angst. Sie beraten hin und her. Ach, man muß es eben leugnen, daß Jojareb geschrieben hat.
Auch von den Treuen haben manche Angst. Simeon beruhigt sie: „Es geschieht euch nichts. Ich bin in meiner Rüstung heute Abend zum Quirin bestellt; mein Schwert soll die arme Herde hüten.“ Da gibt‘s kein Halten mehr, er wird umringt. „Du bist gut! Du bist wie ein Engel Gottes! Wenn du hilfst, so hat der Herr geholfen!“, und noch vieles mehr.
Die Versammlung wird geschlossen. Chol-Joses bittet noch um eine Aufklärung, wieso Simeon ein Bruder Mose‘s sei (S. 105, 3), und ob er, Chol-Joses, in der Umbruchzeit zu gebrauchen wäre. „Ja“, bestätigt Simeon. „Es kommt dabei weit weniger auf große Hilfeleistung an, als mehr darauf, wie man etwas tut. Wer freudig glaubt, den wird der Glaube dafür zubereiten.
Gibst du deinen Groschen (ca. 70 Pfg.) gern, dann bringt er dem Empfänger und dem Geber Segen; schenkst du widerwillig eine Darike (ca. 23,5 Mark), so ist die Gabe ohne Wert! Der Herr sieht in das Herz, ob der Geist regiert, und ob die Seele dienstbar ist. Wo das geschieht, geht alles unter Gottes Hand.“ „Gib mir meinen Platz“, bittet Chol-Joses bescheiden, „dann kann ich tun, was unserm Herrn gefällt.“
„Dazu sagt ER Amen! Er hat euere Not gesehen. Manche denken, Er hätte sie geschickt. Dunkel ahnend, daß es berechtigt sei, weil der Höchste der gerechte Richter ist, haben manche doch gehadert. Gott sendet selten Ungemach. Das meiste läßt Er zu bei denen, die sich Seiner Liebe widersetzen, die wenig von Ihm wissen wollen. Seinen Namen nennen und dabei Böses tun, ist Sünde wider Seinen Geist und das zweite Sinai-Gebot.
Daß mich Hanna Mose‘s Bruder nennt, blieb unverstanden. Chol-Joses hatte recht: Nach fünfzehnhundert Jahren kann kein Bruder von ihm leben, der eure Ahnen aus Ägypten führte. Einiges habt ihr erkannt, daß die wirkliche Verwandtschaft bloß im Reich des Lichts besteht und sich selten auf der Welt ergibt. Ja, Mose ist die erste Fackel Gottes, ich bin Seine siebente.
Seid darob nicht erschrocken. Wer sich vom Lichtreich inkarnieren will, dessen Lichtsein ist fast gänzlich zugedeckt. Das beläßt er auch, selbst wenn er seinen Strahl erkennen darf, weil es für den Weltweg besser ist. Mose hatte es durch seinen schweren Lebensstand mitunter ganz vergessen. Das ergeht den meisten Lichtern so. Denn schon aus wahrer Demut und aus Dienstbarkeit nehmen sie für sich kein Selbsterinnern auf.
Anders ist‘s bei mir, was ich nach und nach enthülle. Etwas gebe ich euch auf: Nicht unbedingt diesirdisch, und man kann trotzdem inkarnierungsmäßig leben (Hebr. 13, 2). Ihr kennt ja die Geschichte Tobias, den Rafael jahrelang begleitete; und erst am Ende merkte man, daß Rafael ein Engel Gottes war. —
Nun bricht der Abend an. Im Hofe warten Leute, die Rat und Hilfe brauchen. Zwar habt ihr dafür festgesetzte Stunden, doch bei Gott gibt‘s dafür ‚keine feste Zeit‘. Man findet Seine Türe immer offen. So handelt auch! Natürlich ist es gut, die Ordnung einzuhalten, und man sollte sich daran gewöhnen. Aber manchmal haben Not und Elend flinke Füße und warten nicht auf einen andern Tag. So ist es bei den draußen Stehenden.“
„Darf ich es tun?“ fragt Athaja schnell, Simeon wehrt freundlich ab: „Vor dir öffnet sich der arme Mund nicht ganz. Eliphel kann gehen; und wenn er alles weiß, führt er die Armen dir und Zacharias zu.“ „Ob sie mich etwa brauchen?“ forscht der Arzt. „Das auch; wir gehen morgen hin, um mancherlei zu helfen, und dein Pflasterkasten kommt zu seinem Recht.“ Heiteres Lachen.
Man bestaunt und beklopft die Rüstung Simeons. „Wenn die Römer sowas hätten“, sagt ein Priester stolz, als wäre Simeon ein Eigentum des Tempels. „Niemandem gelingt“, erwidert dieser, „meine Rüstung nachzuahmen. Euch erscheinen Panzer, Helm, Schwert und Schild sehr fest; aber alles ist aus feinstem Stoff, den keine Welt besitzt.“
Manches bleibt ja unverstanden; aber ein Gefühl ist da, wie das Gehege, in das man einst bis an die Stiftshütte in der Wüste kommen durfte. Ja — die Besatzungsmacht gleicht einer Wüste allein GOTT ist nun die Hütte, und Simeon hat das Gehege aufgetan.
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