3.T-Kapitel 12
Im Tempel geht es zornig zu. Jojarebs Lüge und Reinfall. Wie Cyrenius zwei Schädlinge unschädlich macht.
„Wir haben gestern lang auf dich gewartet.“ Simeon lächelt, wie immer gern: „Forestus hatte mich begleitet, mir konnte also nichts passieren.“ „Ach du!“ sagt Zacharias, „dich beschützt der Herr, und uns durch dich.“ „Wenn du erzählen willst“, bittet Athaja, „lasse ich die Freunde rufen. Auch unsere Städter sind gespannt, wie es ausgegangen ist.“
„Wir reden öffentlich; ich habe etwas auszurichten.“ Athaja läßt zur nächsten Stunde alle herbefehlen. Jeder kommt, keiner will sich was entgehen lassen. Der Raum wird demnach ziemlich voll. Mutter Hanna und zwei ältere Frauen, die die Tempelkinder mit betreuen helfen, sind dabei.
Simeon erzählt vom Abend, ohne des Gespräches tieferen Inhalt preiszugeben. Vom Kampfe fällt kein Wort. Er schildert den Quirin als edlen Römer, und es wäre gut, ihn nicht zu vergrämen. Es könne jeder klagen, wer sich geschädigt fühle. Unberechtigt dürfe keiner kommen, und Denunzianten hasse er. Jojareb wird rot. Er fährt auch sofort hoch:
„Die Denunzianten kennen wir! Umsonst bist du nicht so lange im Tribunat gewesen!“ „Woher weißt du das?“ fragt Ahitop. Chol-Joses spottet: „Sonst schläft er gern; diese Nacht schob er am Haupttor Wache.“ „Das ist nötig“, schreit Hilkia haßerfüllt. „Alles läßt der Hohe durch, sonst hätte dieser“, er meint Simeon, „keinen festen Fuß gefaßt. Jetzt ist er ‚Lieb-Kind‘ bei unsern Feinden. Ich meine nicht die Römer“, verbessert er sich schnell.
Sagt Richter Thola: „Ihr Argen seid die Feinde. In Gottes Tempel geilt ihr wie die Händler auf dem Markt. Mir ging die Achtung für euch längst verloren!“ „Wir verzichten gern darauf“, ruft Usiel ungezogen. „Ob ihr darauf verzichten könnt“, entgegnet Richter Jaor mit gefährlich kalter Stimme, „ist eure Angelegenheit, ob nützlich oder nicht.“ „Wir brauchen keine Amme, die uns lehren müßte!“ tut Hilkia hoheitsvoll.
„Manchem wäre dienlich“, verweist ihn Simeon, „wenn er eine Amme hätte, die GEWISSEN heißt, die mütterlichste aller Ammen! Sie kommt aus Gottes Geist. Diese duldet ihr am wenigsten. Nur um auf den Hohen Stuhl zu kommen, wurdest du, Jojareb, so ungerecht; Hilkia dazu, der an Stelle Zacharias treten soll.“
„Kommt nicht in Frage!“ wird protestiert. „So will es Gott“, sagt Simeon, „aber einige respektieren Seinen Willen nicht. Kann ich dem Schöpfer künden, daß ihr die Gebote achtet, euch liebt, dient, den Oberen den schweren Dienst erleichtert, den Armen helft und vieles mehr? Oder müßte ich von manchen gegenteilig sprechen?“ Die Fragen treffen hart. Doch o weh — jene, die sich von der guten Einsicht losgerissen haben, streuen immer ihre Schlechtigkeiten aus. Jojareb entgegnet bissig:
„Das machen wir mit unserm Schöpfer selber aus!“ „Möglich; ob du bestehst, wenn du hilflos vor dem HERRN erscheinen, vielleicht dann liegen mußt, weil du wie ein Wurm am Stamm des Tempels nagst, wirst du erleben! Kannst du dich allein auf Recht und auf Gerechtigkeit verlassen? Bist du so verbohrt, daß du die Bosheit deines Wesens gar nicht merkst?“
„Was du faselst, das kann einem — “ Jojareb spuckt aus, Hilkior schimpft: „Du Tempelschänder!“ „Nicht nur das“, sagt Obadnia, „ich habe es verboten, daß bei Versammlungen aus Gesundheitsrücksicht niemand auf den Boden spucken darf.“ „Wir sollen keine Schweine essen“, eifert der Stadtrat Josabad sarkastisch, „nun — dafür wird umso mehr gegrunzt.“
Man kann die Argen auch verstehen. Schon lange ringt man gegen Rom; und ob es wirklich besser wird, davon sind wenige überzeugt. Sollte nicht erst recht in ihrem Tempel Frieden walten? Aber es ist wahr: ‚Ein Fuchs im Hühnerstall, ein Tiger unter einer Herde, und gleich gibt‘s wildes Durcheinander.‘
Simeon beruhigt: „Laßt die wilden Stürme toben. Ein Sturm, den eine Felswand bricht, sammelt sich im nächsten Tal und wird ärger als zuvor. Den Abgöttischen sei gesagt: — nein, Hilkia, jetzt rede ich!“, wehrt er diesen ab, „wer gegen Gottes Willen ist, der dient seinen Götzen, die schlimmer als der assyrische Nisroch und der babylonische Nebo sind.
Hinter Nisroch steht wenigstens die hohe Klasse der Assyrer, und hinter Nebo das gesamte Babelvolk, hinter euch nur euer EGO, der gefährlichste aller Götzen! Er ist ärger und unersättlicher als die Schlange (1. Mo, 3, 14), die Gott in hohem Zorn gezeichnet hat. In der Materie deckt Gott wegen deren Bürde in Vaterliebe vieles zu; doch wer sich hier nicht willig wendet, den überkommt im Jenseits Gottes Zorn und Abrechnung.“
Jojareb tut gelassen: „Ich denke, Gott ist gut? Wie mag er also zornig sein, da . . .“ „In dir“, unterbricht ihn Hanna, „wohnt Asmodi, und deine Lampe ist verlöscht.“ Hilkia ruft dazwischen: „Hier haben Weiber nichts zu melden!“ Mit dieser Bosheit sind die letzten Wankelmütigen verscherzt. Jojareb wirft ihm verweisende Blicke zu. Es käme zum Tumult, wenn nicht Simeon festen Willens — für die meisten unbemerkt — wieder alles dirigierte.
„Der Herr ist gütig und gerecht. Oder denkt ihr Bösen, Er wird immer streicheln? Er rechnet gut und böse ab, des seid gewiß!“ „Er wird auch deine Bosheit nicht vergessen“, zischt Jojareb glühenden Gesichts. „Was hast du hier zu suchen?, unser Feind, uns Hebräern wesensfremd? Keiner hat dich hergerufen, keiner kannte dich! Behalte selber deine höhere Moral, uns genügt, was wir auf Erden auszuleben haben. Du kommst mir vor, als hätte Belial (Satan) dich geschickt!“ ‘Raus ist‘s, und nicht zurückzunehmen.
Simeon geht auf Jojareb zu: „Willst du mich verwunden“, klingt es stählern, „dann ist das besser, als wenn du GOTT an einen Galgen hängst. Wisse es, dein Pfeil, auf mich gerichtet, durchstößt erst Gottes Hand, weil sie mich überall bedeckt!“ Jojareb fällt aschgrau zurück. Solch ein Wort — — Wie könnte man ihm widerstehen? Bloß einer, der mit seiner Horde aus dem Abgrund steigt, macht sich von ihm boshaft frei.
Simeon sagt allgemein: „Ich gebe des Quirins Befehl bekannt. Am Mittag besichtigt er den Tempel. Nichts darf verändert werden, alle haben dazusein.“ „Das hat der dem eingetrichtert“, flüstert Usiel Pashur zu. Hanna warnt ohne Härte: „Dumme Kinder werden auch nicht klug, selbst wenn sie sich die Finger oft verbrennen. So geht es euch, ihr armen Seelen.“
Fürst Ahitop, scharfen Ohres, sagt rauh: „Der Quirin wird es euch lehren, ob er einen Trichter braucht. Es gelüstet mich, ihn darum zu fragen.“ Usiel stottert kreidebleich: „Das tust du nicht, Fürst Ahitop!“ „Etwa würde es euch bessern.“ Man geht hastig auseinander; viel muß vorbereitet werden.
Jojareb raunt mit Hilkia: „Meine Muhme ist sehr krank.“ Hilkia grinst. „Quatsch!“ faucht Jojareb. „Wenn ich stürbe, bin ich auch nicht da.“ „Ich habe leider niemand.“ „Alle beide können wir nicht weg. Aber nimm, ein Inder gab mir dieses Kraut. Nur ein wenig, und du bist für Stunden krank.“
Hilkia zögert: „Kann man daran sterben?“ „Keinesfalls; nur große Mengen führen unfehlbar zum Tod.“ Ungern nimmt es Hilkia; doch die Angst vor dem Quirin quält mehr als körperlicher Schmerz. In Eile kleidet Jojareb sich um und schleicht davon.
Als er an das Außentor gelangt, stehen vierzig Legionäre da. ‚O mein Gott‘, denkt er verwirrt, ‚wie komme ich hinaus?‘ Venitrius, der die Schwerbewaffneten befehligt, fragt unbeweglichen Gesichts nach Name, Stand und was er außerhalb des Tempels wolle. Ob er nicht wüßte, daß der Quirin in Kürze in den Tempel käme und dürfe kein Insasse fehlen.
„Nein“, lügt Jojareb, „mir wurde nichts davon bekannt. Meine Muhme ist erkrankt.“ „Wo wohnt sie denn?“ Schon will der Templer weiter lügen: ‚Außerhalb der Stadt‘, Rechtzeitig fällt ihm ein, daß er dann nicht weggelassen würde. Er heuchelt traurigen Gesichts:
„Nicht weit, in einer Stunde wäre ich zurück, nur daß sie nicht verlassen liegt.“ Venitrius denkt nach, was der Jude für sich günstig wähnt. Doch der befiehlt vier Legionären: „Ihr begleitet diesen Mann; in einer Stunde hat er wieder hier zu sein!“
Jojareb verbirgt mit Mühe sein Erschrecken. Was soll er tun? Seine Muhme — er hat wirklich eine — ist gesund. Doch für sie ist er das schwarze Tempelschaf, weil sie mit Hanna eng befreundet ist. Er tut überlegend: „Ach, der Quirin könnte eher kommen; ich besuche meine Muhme hinterher.“ Der Hauptmann grinst: „O nein, der Quirin kommt erstens immer pünktlich, denn bei ihm herrscht nämlich größte Disziplin, zweitens tut mir deine Muhme leid. Also los!“ kommandiert er. Jojareb bleibt nichts anderes übrig, als mitzugehen, wenn er sich nicht selbst verraten will.
Das ‚schwarze Schaf‘ ist rechtzeitig in den Stall getrottet, mit sauerem Gesicht. Die Muhme saß gerade plaudernd vor der Tür. Dümmer ging es nicht. Hätte er das Kraut genommen, statt es Hilkia zu geben. Als er in den Vorhof tritt, kommt jener ihm entgegen, böse auf ihn zielend:
„Dein Kraut hat der Doktor untersucht. Wer mir das Zeug gegeben hätte, fragte er, es wäre äußerst giftig. Ich mußte einen Dicksaft trinken, wonach mir wieder besser wurde. Kaum hatte ich dein Gift genommen, konnte ich fast nichts mehr sehen und mir war zum Sterben übel. Sag‘, Joareb, wolltest du mich um die Ecke bringen?“ Hilkia macht eine drohende Gebärde.
„Wirklich nicht! Eben dachte ich, ob ich‘s nicht selber . . . Denn mit der Muhme . . . Der Augenschleier wäre wieder weggegangen. Lasse uns verstecken.“ Doch da hallen helle Hörner, schon nahe bei dem Tempeltor. Eben tritt die Priesterschaft, geordneten Zuges, in den Hof. Die beiden tun, als hätten sie gewartet und reihen sich wie selbstverständlich ein.
Roms Elite kommt in kaiserlicher Pracht. Der Quirin sieht das herrliche Gebäude an, vom Sonnenglast umflutet. Die Tempelobersten verneigen sich. Für Cyrenius hatte man, falls dieser einmal kommen würde, eine kostbar sinnvolle Gabe vorbereitet. Der Schmuckarbeiter Babbukia hat aus Gold und Elfenbein das Schwert des Patriarchen in Viertelgröße nachgeahmt. Die Arbeit ist ihm wunderbar gelungen. Auf purpurner Decke wird die Arbeit überreicht. Athaja erklärt sie nach dem Gruß.
Durch das gestrige Erlebnis weiß der Römer, daß der Oberste es ehrlich meint. Erfreut dankt er für die ehrenvolle Gabe. Alsbald ist das Eis gebrochen. Bloß Jojareb sieht feindlich drein. Das fällt Cornelius auf, der niemand zweimal anzusehen braucht, um sich ihn zu merken. Nach jener alten Sitte König Melchisedeks (1. Mo. 14, 18) wird erst Brot und Jesreeler Wein geboten, der aus Ahabs Zeit den Ruhm noch nicht verloren hat. Hernach wird den Römern eine reiche Tafel aufgedeckt.
Anschließend ist ein Rundgang vorgesehen. Eine Sorge wird dabei umschifft. Ins Allerheiligste darf nur der Hohepriester treten. Vor kaum hundert Jahren wurde das neu angeordnet, während früher alle Priester es betreten und sogar das Volk bei hohen Festen bis zur Vorhangschwelle kommen konnte.
Simeon gibt Athaja einen Wink: „Lasse sie hinein, sie entheiligen es nicht, denn sie sind — wie ihr — auch Gottes Kinder.“ „Du hast mich längst des Besseren belehrt“, bekennt Athaja offen. „Von mir aus dürfen sie; nur werden wieder welche bellen.“ „Denen wird es bald vergehen, verlasse dich darauf.“
Als sich der schwere Vorhang öffnet, des Heiligtumes Herrlichkeit enthüllend, bleibt Rom staunend stehen. Das sanfte Licht der Sonne und des Opferfeuers gibt dem Raume eine hehre Weihe. Bloß ein paar Schritte tut der Quirin; er stört nicht des Himmels Harmonie, die ihm offenbar entgegenweht. Sogar den Juden kommt ihr Heiligtum auf einmal ‚wirklich heilig‘ vor.
Später sagt Cyrenius tief bewegt: „Ihr habt wahrlich einen GOTT, mächtig, weise, unerhört erhaben! Das fühlte ich, als ich Seine Wohnstatt sah. Gar mancher Templer ist beschämt. Sie haben ihren Dienst getan, manche ordentlich und brav, manche aber ohne höheres Gefühl, nicht so von Gottes Geist durchweht, von dem die Andacht und das Wort des Römers zeugen.
Simeon lenkt insgeheim dem Frauenteile zu. Hanna wird vom Römer ritterlich gegrüßt. Ihre Prophetie bleibt Cyrenius unvergessen, als sie sagt: „Du bist, solang du lebst, des Tempels Schutz. Doch wenn jene, die in wenigen Jahrzehnten herrschen, den höchsten Zeugen (JESU) töten, dann werden deine Nachfolger dieses Haus zerstören, und es wird nimmer aufgebaut!“ Die Weissagung ist ein Fragment. Erst später soll man ihren Sinn erkennen.
„Ich hörte, daß es im Tempel Kinder gibt. Wo sind sie denn?“ Der Quirin wird ungeduldig. Wo ist das Kind, dessen Seele eine Fürstin wäre? Athaja, unwissend, warum Cyrenius es auf die Kinder abgesehen hat, weicht betroffen aus: „Manchmal haben sie so ihren ‚Tag‘, und der hochedle Quirin wird an ihnen keine reine Freude haben.“
Schalkhaft fragt Cyrenius: „Warst du früher immer gut?“ „O, ich war mehr ein loser Strick.“ „Ich auch!“ Solche Episoden säen eine gute Saat. Die Kinder werden vorgeführt. Keins von ihnen hat Simeon zuvor gesehen. Ein zartes Mägdlein schiebt sich vor, mit hellerem Haar, wie hierzulande selten ist, betrachtet ohne Scheu die großen Männer in ihrem Glitzerzeug, doch an Simeon bleibt des Kindes Auge hängen. Er gibt der Kleinen, die Myriam (Maria) heißt, die Hand und sagt vertraulich:
„Komm, ein guter Mann, der Quirin Cyrenius aus Rom, will unsere Tempelkinder sehen. Da es ihm an Zeit gebricht, sollst du für alle Kinder reden. Hast du Angst?“ „Nein“, sagt Myriam und blickt den ehrfurchtgebierenden Römer offen an. Die Frauen mühen sich, ihre aufgeregte Schar zur Ruhe anzuleiten.
Cyrenius hebt das Kind auf seine Knie. So ein Feines! Er nennt es Schmetterling. „Du bist bei Mutter Hanna?“ „Ja, Cyrenius“, nickt Myriam wichtig und schmiegt sich an. Väterlich hält er das Kind umfangen. „Bist du gerne hier?“ „Ja! Mutter Hanna ist so gut, auch wenn wir manchmal böse sind.“ „Du auch?“ lacht Cyrenius belustigt. Unschlüssig sieht das Kind rundum.
„Myriam bereitet keinen Kummer“, erwidert Hanna, „alle sind sie brav. Ab und zu gibt‘s halt mal Kindertränen.“ „Die müssen sein.“ Der Quirin hebt Myriam vom Schoß herab. „Also, liebe Kinder, seid gehorsam, dann freut sich — “ er räuspert sich ein wenig, „ — ja ja, dann freut sich euer Gott.“ Myriam erwidert prompt: „Unser Gott ist auch der Deine; Er hat dich lieb, weil du so freundlich zu uns Kindern bist.“
Der Römer rückt an seinem Helm, der heute nicht genau zu sitzen scheint. Unbemerkt wischt er über sein Gesicht. „Du Himmelskind“, murmelt er. Es stimmt, was Simeon sagte: Des Kindes Innerstes, sein Geist oder seine Seele, sind mit dem Manne, der so wenig von der Welt besitzt, vereint.
Nachdenklich geht er an der Spitze seiner Offiziere in den Raum zurück, wo das Mahl gehalten worden war. Er wird das Mägdlein nicht vergessen. Und wenn er später jene junge Mutter sieht, die mit ihrem Knaben bei ihm Schutz und Zuflucht findet, alsdann wird ihm wieder sein, daß Maria dieser Menschenwelt nicht angehört. ‚Fern von der Erde her‘. Wer flüstert es auf einmal in sein Ohr?
Doch die Zeit geht ihren Gang mit vielem schwerem Werk. Er fragt Athaja, ob er die heiligen Bücher sehen könne, er hätte viel davon gehört und es wäre wohl ein Ehrenamt, sie zu verwahren oder gar zu schreiben. Bereitwillig öffnet man den Bücherraum (Archiv). Alte und neue Rollen liegen auf. Interessiert besichtigt sie Cyrenius. Auch Cornelius studiert voll Eifer. Er findet, wonach sie fahnden, ruft jedoch bewundernd aus:
„Welch schöne Schrift! Die hat kein kaiserlicher Schreiber!“ „Laß sehen“, greift Cyrenius danach. „Fabelhaft! Hoherpriester“, er dreht sich nach Athaja um, „wann ist das geschrieben worden?“ Aufrichtig stolz, daß dem Römer viel gefällt und sie sich wie Gäste geben, sagt er ohne Arg: „Erst vor kurzem; unser Hauptpriester Jojareb besitzt die feine Hand.“
„Welcher ist es? Ich will ihn kennen lernen.“ Jojareb, ständig prüfend, wie er sich verdrücken könne, wird nervös. Doch so oft er sich ans Ende klemmen wollte, kam Forestus, dies und jenes fragend, dabei immer in die Nähe von Cyrenius kommend. Es ist zu merken, daß dahinter eine Absicht steckt. Sein ‚Magendrücken‘ ist die Muhme, was jener Hauptmann sicher dem Quirin gemeldet hat. Da kann er sich ja gratulieren.
Athaja gönnt Jojareb die Ehre und stellt ihn vor. Cyrenius gibt ihm die Hand. Wer den Römer aber kennt, sieht in den Augen eines Adlers Stoß. Jojareb wird es kalt und heiß. „So, du bist der feine Schreiber? Ah, warte, mir ist — “, Cyrenius tut, als überlege er. „Deine Schrift habe ich schon mal gesehen. Ich habe — leider — einen guten Merk“, sagt er sarkastisch. Dabei zieht er aus der Toga ein Täfelchen hervor.
„Sieh, Cornelius, ist das nicht die gleiche Hand?“ Dieser braucht nicht lang zu prüfen, ihr Spiel ist ausgemacht. „Offensichtlich ganz die gleiche. Ich habe auch von ihr ein Pergament. Nur bedenke ich: Meine Eselshaut und deine Tafel, o Quirin, hat ein Denunziant verfaßt; diese Schrift jedoch“, zeigt er auf die Rollen, „stammt von einem hohen Priester. Unmöglich, daß er — Cornelius läßt den Satz absichtlich offen.
Jojareb ist bis in den Hals erbleicht. Angst krampft ihm das Herz zusammen. Halt — sich zusammen reißen! „Ich habe . . .“ „Warte, bis man dich fragt!“ schneidet der Quirin ihm streng die Rede ab. „Ich wette tausend Talente (röm. Münze), daß du der Schreiber bist!“ Er hebt die Tafel hoch. Athaja ist erschrocken. Nun wird sein Lob dem Priester zum Verhängnis werden.
Zum Unglück meldet Venitrius: „Hochehrwürdiger Quirin, dieser Mann“, zeigt er auf Jojareb, „wollte fort, angeblich, um eine kranke Muhme zu besuchen. Doch die Alte war gesund.“ „Melde!“ Das ist ein anderer Ton als jener freundliche beim Rundgang durch den Tempel. Venitrius rapportiert.
„Warum hast du dem Befehl getrotzt?“ Zusammengekrümmt steht der Templer da, keines Wortes mächtig. Alle haben Angst, um ihn — um sich selbst. Was wird werden? Da ist einer schuldig und hundert mürsen büßen. Aus Jojareb ist nichts herauszubringen, seine Kehle ist wie zugeschnürt. In solchen Fällen übt Cyrenius Nachsicht, ohne aber eine vorgesehene Bestrafung aufzuheben.
„Dein Stummsein schadet nichts“, sagt er ironisch, „um so schöner kannst du schreiben. Des Friedens wegen, den der Cäsar fordert, und um der Gabe willen, die mir der Tempel bot, auch weil die meisten von euch brave Männer sind, bestrafe ich dich lind. Ich brauche ein paar gute Schreiber.“ Wie von ungefähr sieht er auf Hilkia, der sich so klein als möglich macht. „Jojareb wird ab sofort im Tribunat beschäftigt.
Merke dir: Versuchst du, liederlich zu schreiben, um solcherweise billig wegzukommen, nehme ich dich mit nach Rom!“ Wieder freundlich werdend, fragt Cyrenius: „Ist noch ein guter Schreiber da?“ „Drei“, bekennt Athaja. Er darf und will den Quirin nicht täuschen, möchte aber keinen selber nennen. Darum stellt er Hilkia und zwei Freunde vor, damit die Widerständler ihm nicht sagen können, er hätte seine Feinde ausgeliefert.
Nach vorgelegten Proben fällt die Wahl auf Hilkia. Athaja möchte für die beiden bitten, wagt es aber nicht. Er kann nur über Simeon intervenieren. Zwei Offiziere bleiben Jojareb und Hilkia zur Seite. Bedrück lassen sie den Tempel hinter sich.
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