3.T-Kapitel 13
Ein neuer Angstmann kommt. Schaf oder Gerte? Sünde und Schuld. Das unscheinbare Blatt als Spiegel des Universums. Statt Freiheit väterliche Führung.
Im Tempel zerrt man hin und her. Jawohl, unbestritten, Cyrenius ist ein feiner Mann, auch Cornelius muß man ‚menschlich‘ nennen im Gegensatz zu Naxus, der einfach unerträglich war. Immerhin — Rom saugt Juda aus, bis zuletzt ein leeres Leder übrig bleibt. Usiel und Jissior platzen aufeinander.
„Ich sage dir“, zetert Usiel, „Athaja hat den beiden diese Suppe eingebrockt. Konnte es nicht Nathan treffen?“ „Nein“, wehrt Jissior ihn ruhig ab. „Athaja kannte den Quirin noch nicht und . . .“ „Beim Tribun ist er gewesen!“ „Ich war dabei; damals wurde nichts davon geredet.“ „Dann hat es Simeon getan, der euer Narrhans ist. Hach, ich weiß Bescheid!“
„Gut, ich werde Simeon ersuchen, den Tribun zu fragen, damit der Schimpf bereinigt wird, den du auf die Hohenpriester häufst. Jojareb hat zweimal denunziert. Seine Flucht, die dumme Lüge konnten uns gefährlich werden. Dazu standen Hilkia und Jojareb stets tuschelnd beieinander. Ich gab Hilkia einen Wink, daß der Quirin sie fortgesetzt im Auge hätte; aber sie beachteten die Warnung nicht und hakten despektierlich unter.“
„Es war Absicht, daß Athajas ernste Gegner ausgerechnet zu dem ‚kaiserlichen Ehrendienst‘ beauftragt wurden“, sagt Usiel verbohrt, „dadurch hat Athaja viel verloren.“ Jissior wird langsam warm: „Um euren Mäulern, eurer Hetze einen festen Riegel vorzuschieben, bringe ich die Sache morgen im Synedrion zur Sprache.“ Das lasse lieber bleiben“, droht Usiel.
Jissior lacht verächtlich: „Drohe meinetwegen; gestern Abend kam die Kaiserliche Schrift, der Tempel stünde unter der persönlichen Befugnis des Quirins, amtsmäßig des Tribuns. Ich kann jederzeit die Störenfriede melden.“ „Dann bist du auch ein Denunziant!“ „Zwischen Meldung und Verräterei ist ein himmelweiter Unterschied. Aber einem Usiel geht das nicht ein.“
Der Rechtsanwalt läßt Usiel stehen. ‚Bosheit stirbt nicht aus‘, denkt er bekümmert. Athajas Feinde finden keinen großen Anhang. Es war zu sehen, daß Cyrenius aus sich gehandelt hatte. Möglich, daß Simeon dahintersteckt und — „Ah“, meint einer trocken, „es ist ein guter Dienst, wenn endlich mal der Tempel frei von gotteswidrigem Gestreite wird.“
Simeon geht anderntags ins Tribunat und erzählt den Römern, daß man die ‚Affäre ihm und Athaja in die Schuhe schöbe. Der Quirin ist darüber mehr belustigt als verärgert. Auch in Rom, im engsten Kreise des Augustus, wetzen manche Zungen ihre Schneiden scharf. Daß die Obersten von Juda jetzt so ehrlich sind, macht ihn bloß noch freundlicher. Er meint jedoch, es gäbe Mittel, um ‚Ottern‘ notfalls zahm zu machen.
Das Synedrion nebst allen Tempelpriestern tagt. Fürst Ahitop, der Rechtsanwalt und die Stadtoberen sind geladen. Stadtmann Josabad berichtet: „Eben kam ein Römer mit einem Manipel (200 Mann) an. Große Aufmachung. Er gefällt mir nicht; er sah geradeaus, dankte keinem Grüßenden, wie der Quirin getan und — “ Ein banger Seufzer: „Hoffentlich wird der nicht an Cornelius Statt uns in das Nest gesetzt. Er erinnert stark an Naxus.“
Betretenes Schweigen. Obwohl noch heiß umstritten, sieht jeder Simeon an, ob er helfen könne, dieses Übel abzuwehren. Er winkt beruhigend: „Wir werden sehen, was das zu bedeuten hat.“ Für manche ist ein bißchen Angst die beste Medizin.
„Cyrenius will vor seinem Abritt noch ein Gastmahl geben. Mehrere von euch und die Oberen der Stadt werden eingeladen. Der Römer, der angekommen ist, heißt Askanius. Er ist ein Duumvir und der ständige Begleiter des Quirins.“ „Sahest du ihn schon?“ fragt Zacharias. „Nein; offiziell ist nicht bekannt, wer bleiben wird.“ „Kannst du uns . . .“ „ . . . nicht helfen?“ vollendet Simeon. „Es wird kaum nötig sein, Athaja. Vertrauet auf den HERRN!
Freilich, wenn noch welche um sich schlagen, wenn man die Bruder haßt, verrät, und das hier im Tempel Gottes, so bleibt dem Herrn trotz aller Langmut ja nichts anderes übrig, als eben so zu tun, wie ungezogene Kinder tun.“ Sagt Malchia verbissen: „Da wäre Gott sehr ungerecht, wenn Er viele Gute wegen weniger Bösen straft.“ „Du bist dumm, Malchia!“ Chol-Joses verkneift sich‘s nicht, Simeons Worten zuzustimmen.
Dieser setzt hinzu: „Ihr, Pashur, Usiel und Malchia, seht euch als Gerechte, die anderen als Schlechte an. Da es demnach nur drei Gute gäbe, alle andern böse wären, so hätte Gott ja recht, wenn Er den ganzen Tempel straft. Die Guten dürften eben dann die Last der Bösen tragen helfen. Das ist auch ein Gottesdienst, eine Hilfe für die Allgemeinheit.
Daß Verdorbene die größte Hilfe brauchen, ist gewiß. Da viele überhaupt nicht wollen, schleppen Gottes gute Kinder deren Bürde mit. Nun sieht die Rechnung aber anders aus: Drei Ungute sind im Raum, einige vom Otterngift gestochen, die mehreren haben sich zur rechten Zeit GOTT unterstellt. Darum steht nach Gottes Willen nun der Tempel unter des Cyrenius Schutz.
Was das bedeutet, werdet ihr bald merken. Denkt an Herodes! Er war des Naxus erster Teufel. Jetzt versteckt er sich und sondiert, was der Besatzungswechsel mit sich bringt. Ruhe gibt er nicht, dazu haßt er euch zu sehr. Ihr widersteht ihm nicht, wenn ihn nicht höhere Hände fesseln.“
Für und Wider wird erwogen. Endlich sagt Zacharias: „In höchster Not hat Gott uns wunderbar geholfen, Er wird auch das Füchslein zähmen. Der Tribun zieht keineswegs mit ihm am gleichen Strang. Und dann?“ Ein Blick auf Simeon: „Mit ihm hat uns der Allmächtige die große Hilfe zugesandt!“ Offene Zustimmung und beifälliges Gemurmel setzen ein.
Nur Pashur widerspricht: „Simeon mag meinetwegen ein Besonderer sein, — ob aber uns zum Besten? Rom zeigt nur die gute Seite, weil ein Aufstand seine Macht im Morgenland zerbricht. Hat Palästina sich beruhigt, drehen sie die Spieße wieder um. Mehrere Legionen stationieren nördlich ihrer Alpen, und der Osten ist entblößt. Wir lassen uns von feinen Worten weiter an die Sklavenkette schmieden. Nun — meinetwegen!
Über deine Rechnung“, verhöhnt er Simeon, „mag jeder denken wie er will. Ist jemand schlecht, wenn er nicht zu allem ja und amen sagt? Daß die Guten für die Bösen schleppen müßten, wäre eine große Ungerechtigkeit! Schuldete Eliphel dem Nathan hundert Groschen und bezahlte nicht, wie käme ich dazu, das für Eliphel zu tun? Hab‘ ich meine Groschen auf dem Weg gefunden?“
„Du nicht“, erwidert Simeon streng, „du hast nur geerbt, was dein Vater sich im Schweiß erwarb. Dir war die Arbeit fremd; und deine ‚Tempelei‘ ist nicht sonderlich zu rühmen. Übrigens tätest du ein gutes Werk, würdest du aus deinem Überfluß für jemand zahlen, der ohne Schuld in Not gerät und müßte für die Seinen borgen, um sie vor dem Hungertode zu bewahren. Dadurch hättest du ihm seine Bürde abgenommen. Ob du freilich jemals solches fertig bringst, sieht mir äußerst fraglich aus.“
„Täte ich auch nicht!“ brummt jener. „Du schlemmst, Pashur, sogar den Deinen gönnst du kaum so viel als nötig ist. Du dienst deinem Götzen Ego. Darf ein Armer, der mühsam schafft, nicht nach Fleisch verlangen?, nach Brot, Butter, Frucht und Honig, wie du in Mengen täglich ißt?“ Trotz der Abrechnung gibt es viel Gelächter. Pashur grollt „Willst du schon was sagen, so bringe Himmlisches!“ „Kann geschehen! Was bist du: „Schaf oder Gerte?“ „Dumme Frage; keins von beiden.“ „Schade; auf diese Weise stehst du außerhalb von Gottes Reich. Aber etwas mußt du sein.“
„Wenn nur du was bist ruft Malchia, Pashur unterstützend. „Du siehst einem Schafe gleich!“ „Gut getroffen! Zwar keinem, dem man seine Wolle schert, vergleichsweise aber einem auf der Weide. Wenn es den Hirten sieht, springt es hinzu; und wenn es müde ist, nimmt es der Hirte auf den Arm — — und trägt es heim.“ Joh. Kap. 10) Das Letztere sagt Simeon innig.
„Wohl äußerst nützlich, steht die Flora tiefer als die Fauna. Von höherer Warte zwar noch anders angesehen, gleicht die Pflanze, ihrem Boden starr verwurzelt, der Materie. Sie muß warten, bis sie der Himmel oder Menschen hegen. Hingegen kann das Tier, sofern nicht angekettet, durch die Lebenskraft, die der Schöpfer den Geschöpfen gibt, sich selbst erhalten, Futter und die Tränke suchen und den Schlupf zu Schlaf und Schutz.
Damit will ich sagen: Wer — meinem Beispiel nach — noch einer Gerte gleicht, die des starken Pfahls bedarf, um nicht von kleinen Winden weggefegt zu werden, der steht symbolisch seinem Gott noch fern und wurzelt nicht in Seinem Wort.
Gott als Gärtner hat viel Mühe, sie zu pflegen, zu beschneiden, gute Erde hinzutragen, bis die Gerte einmal Seine Mühe lohnt. Ein Tier, zumal das Lamm, weiß genau, wo es Schutz und Hilfe findet. Es läßt sich leiten, läßt sich auf die Weide führen, wo es zur Freude seines Hirten wächst.
Nun ist auch die Gerte gut, wenn sie nach jeder Schwankung, von Wind und Sturm getrieben, sich ins gute Land, das der Schöpfergärtner um die kleine Pflanze häufte, fest vergräbt. Dann wird sie eine Blume, ein Halm, Rebstock oder auch ein Baum, je nach ihrer Art. Das bedeutet: Auch ein der Welt Verhafteter kann dem Reiche angehören, wenn er sich hineinverpflanzen läßt und seine Seele nach des Lichtes Strahlen streckt.
Gott ist betrübt, weil du nicht einmal die Gerte bist. Im Reiche gibt es — natürlich geistig — Tiere und auch Pflanzen. Beide hob der Schöpfer aus der guten Macht, um Seine Kinder zu erfreuen, zugleich als Lehrbeispiel, daß sie, sich entwickelnd, auf ihrem Pfade zur Vollendung ihres Daseins vorwärts wandeln sollen.
Du armer Mann bist zwar verkrampft in deinem Boden; doch Steine sind‘s, auf denen deine Seele steht. Dich dünkt‘s das Bessere zu sein, als Gottes feines, lockeres Land. Aber warte ab. Rascher als der Mensch dies wähnt, kann er an das Ende seines Wissens, seines Wollens, auch — ans Ende seines Erdenlebens kommen.“
„Dann ist ohnehin vorbei“, höhnt Pashur. „Solang wir leben, kann sich jeder seine Felle richten wie er will. Der Dumme nimmt sich dünne, der Kluge dicke Felle. Kommt der Tod, sind beide ledig ihres Lebens. Steht obendrein geschrieben, daß man der Sünde unterwor fen ist (Ps. 38, 5; 51, 5; 90,8), wer weicht denn dann der Sünde aus? Die Menschen sind — gewollt und ungewollt — ihr unterworfen, was der Kampf des Lebens mit sich bringt.
Hat der Schöpfer das gewollt, muß Er letztlich allesamt bestrafen oder alle von der Welt befreien. Ausnahmen gibt es dabei nicht, weil nicht der Mensch das Leben, sondern ‚es‘ den Menschen normt. Es ist mancher nur durch Elend und Versuchung tief gefallen, bis ihm kein Ausweg übrig blieb. Ja, so wurde er der Sünde unterstellt, — ein schöpferisches Muß! Nicht wahr?
Gibt es einen guten Gott, warum herrscht hier neben Seiner Güte allzu viel Versuchung vor? Wo kommt dies her? Kann ich dafür, wenn ich etwas bin, was ich selber weder weiß noch will?“ Manches vom Gesagten ist trotz Unklarheit nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen. Es erschließt ein sachliches Gespräch. Man wartet aber, was am Ende Simeon erklären wird, der absichtlich schweigt. Erst auf Bitten hin erwidert er:
„Meine Antwort gilt nicht dir allein, Pashur; doch du stelltest Fragen, vom nackten Leben her berechtigt, aus eines Priesters Dasein aber faule Feigen. Wäre es vorbei, sobald der Tod die Erdenpforte schließt, so brauchte keiner sich bemühen, gut zu sein. Du wünschst, es käme keine Abrechnung, kein Jenseits, du brauchtest nicht für deine Schulden einzustehen. Sehr bequem! Mich wundert wirklich, daß du dir erlaubst, ein Priesterkleid zu tragen. Vor GOTT bist du kein Priester, vor GOTT bist du kein echter Mensch!
Du und deinesgleichen, früher, jetzt und später, machen aus den Gotteshäusern Schlangennester; und es wird bei Schlangen leben, wer der Brut entstiegen ist! Das Leben hört nicht auf. Denn in anderen Regionen, unter anderen Bedingungen geht es weiter, je nachdem, ob sich der Mensch zum Herrn gewendet hat oder in die Finsternis, weil er Lo-Ruhama, der Materie, diente. Keinem bleibt geschenkt, diese Wahl dann auszuleben.
Du drückst dem Schöpfer deine Sünden in die Hand. Doch es gibt ein heilig-schweres MUSS, weil das erste Kind die Freiheit höher hob als Gottes Willen. Es, der Urheber dieses Muß, war nicht allein. Viele stürzten ab. Diese und die Himmelskinder, die ihr Schöpfungssoll in der Materie erfüllen, sind der Sünde unterstellt, weil auf diese Art die Erstlingssünde abzutragen ist.
Höre: Es ist unterschiedlich, ob Sünde durch die freien Opferwege aufgenommen wird oder sich vom Falle her zur Schuld entwickelt hat. Sünde kann mit rechter Reue abgegolten werden; Gottes Güte löscht das Muß! Wer die Sünde liebt, wird schuldig für sich selbst und muß alles abbezahlen. Wer zum Schaden anderer der Sünde dient, hat deren Schulden gleichfalls zu entrichten, wenn sie durch ein ausgelöstes Unglück sich ergaben.
Daß Sünde keine Schuld ergibt, ist eigene Angelegenheit. Sünde ist die Folge jenes Kindesfalles, weshalb GOTT seit dem Beginn des Falles die Versöhnung schuf (Jes. 43, 25; Hebr. 9, 12). Darum ladet Er als HEILAND alle Sünden auf Sein Kreuz, wie manche von euch noch erleben werden. Schulden aber nimmt Er nicht auf Sich, weil Er auch als Mensch ohne Schuld und Sünde ist! (Joh. 18, 38)
Deine Triebe, Pashur, haben dich zu Hochmut und zu Geiz verführt. Statt auszumerzen, hast du großgezüchtet. Du kannst keinem deine Schuld in die Sandalen schieben; selbst gewollt, ist sie der Frevel deiner Seele! Oder hat dich GOTT zum Fresser auserkoren, weil du meinst, die Triebe wären in dich eingepflanzt? — ?
Der Quirin ist edelster Geburt, dennoch ohne Stolz. Die Legionäre gelten ihm soviel wie Offiziere. Du siehst bei Gottesdiensten niemand an. Ich lobe euere Hohenpriester, auch jene, die hernach zur Menge gehen und — allerdings nicht immer helfen könnend — manchen Rat erteilen. Eben das ist Gottes hohe Freude, wenn auch mancherlei daneben geht, — aus Sünde, Pashur, nicht aus Schuld. Drehe nicht gleich wieder einen Strick!
Es wähnt mancher, groß zu sein, ohne zu bedenken, daß oft ein Kleines größer als er selber ist. Ihm imponiert nur das, was er sich zum Eigennutzen herrlich malt. Aber, in der Schöpfung sind das Makro und das Mikro aufeinander angewiesen; sie dienen sich, wie ja der Mensch zum Dienen auf die Welt gekommen ist und nicht zum Prassen oder nur zum Herrschen.“
Usiel knurrt: „Predige das deinen Römern!“ „Halt‘ den Mund“, ruft Thola, „dein elendes Geschwätz hat man nachgerade satt!“ „So geh‘, wenn es dir nicht paßt!“ „Ich kann die Römer holen“, hält Simeon die Widersetzlichen in Schach. „Sie würden gerne lauschen und die ‚Predigt‘ anerkennen.
Sie dankten, als ich ihnen Gottes Welt erklärte und dadurch auch der Himmel ihnen nahe kam. Sie hegten vor den hehren Dingen eine Ehrfurcht, und über alles Kleine staunten sie. Mancher hohe Römer achtet jeden kleinsten Mann, Weib, Kind, Arme oder Krüppel; aber Usiel wie Pashur schielen nur nach oben und haben keinen Blick für unten frei.
Seht einmal her! Hier habe ich ein Blättchen, zu dem sich keiner bücken würde, wächst aber an der Tempelmauer und gehört demnach eigentlich zu euch.“ Alle, sogar die engsten Freunde, machen große Augen. Du liebe Zeit, wenn man solch ein winziges Gewächs beachten wollte, wo käme man da hin? Es wuchert an der Mauer und sonstwo in der weiten Welt.
Den Gedanken holt Simeon hervor. „Es wuchert, vergleichbar jener Masse sonstwo in der weiten Welt. Dort steht dieselbe wirklich an der Macht, obwohl sie unter den Regenten leben muß. Ich habe einen Stein, der das Blättchen hundertfach vergrößert, so daß ihr dessen Feinheit sehen könnt.“ Er bringt einen Stein hervor, ähnlich einem Diamanten. Jeder greift zuerst nach diesem, und das Blatt bleibt unbeachtet liegen. Auf Befragen, wo er ihn gefunden hätte, erwidert Simeon:
„Den hab‘ ich vom Myrääon mitgebracht. Eine Abart gibt es auch bei euch, die besonders hoch bewertet wird. Das habt ihr unbewußt bestätigt; denn der Stein ist euch bei weitem interessanter als das scheinbare Blatt. Echt materiell! Aber schau, Athaja“, fordert Simeon denselben auf, „hier siehst du ein Wunder Gottes!“ Athaja bückt sich tief, schiebt den Glasstein hin und her und ruft hernach bewundernd aus:
„Herrlich! Wie das nächtliche Gezelt! Die vielen Punkte auf dem Blättchen sehen dem gestirnten Himmel gleich. Wie ist das möglich?“ „Lasse erst die andern prüfen.“ Pashur schleicht bedrückt zu seinem Stuhl. Schuld und Sünde — so einfach ist das nicht. Und das Blatt? Wer mochte denken, daß in dieser Winzigkeit ungezähte Winzigkeiten stecken? Ein Leuchten huscht über Simeons Gesicht. Wenn das Eis zum Schmelzen käme — ‚O gnadenreicher Herr, leihe mir aus Deiner Sonne einen Strahl!‘ Ihm wird wonnig warm, wie einem Menschen, der sich über etwas herzlich freut.
Er bespricht die ‚Wunder Gottes‘, den Bau der Zellen, auch die trotz Vergrößerung nie ganz schaubaren Teilchen, die Mikroben, und sagt dazu: „Das materielle Universum ist raum— und zeitgemäß ein kleines Stückchen eines Sphärenteiles der UR-Ewigkeit. Ist dieselbe euch auch nicht ganz darzustellen, so will ich trotzdem jetzt ein Beispiel geben.
Gott gebot, jedes siebente Jahr die ‚Freizeit‘, die Versöhnung einzuführen. Nach neunundvierzig Jahren sollte dann ein Halljahr folgen, sollte aus Versöhnung eine Voll-Vergebung sein. Im Vergleich können alle sieben Jahre auch die Sünden, im Halljahr — aber dies nur himmelsmäßig — die Schulden abgegolten werden.
Nun weiter: Wie beim Raum, so sind das Makro und das Mikro einer Zeit nie gänzlich festzustellen. Rechnet aus den fünfzig Jahren alle Tage aus, von denen dann die Stunden, die Minuten, die Sekunden und wisset, daß die Sekunde für die Ewigkeit dem Blättchen eurer Erde gegenüber gleicht.
Der Mensch verfällt dem Großen, aus dem er die Allmächtigkeit erkennen will, die er überaus erhaben wähnt. Das trifft natürlich zu. Aber seht das Blättchen an, und ihr habt das feinste Abbild der Unendlichkeit. Kommt man an das Kleinste, dann öffnet sich uns die Allmächtigkeit, die aus eben einem kleinsten Pünktchen eine ganze abgefallene Schöpfung überrollt, dadurch zur Besinnung zwingend, um sie in der Freiheit zu erlösen.
Darum achtet das Geringe, es sei ein Gras, ein Würmlein und erst recht ein armer Mensch! Tut ihr das, so lebt in euch, die ihr nur ein Mikro seid, des Schöpfers unfaßliches Makro. Dennoch gibt Er euch die Hand, Sein Wort, Sein Leben, Seine Liebe! Ihr könnt kein Schöpfer sein, jedoch schöpferisch begabt, wer sich bemüht, Gottes gutes Kind zu werden.“
Pashur fragt: „Ich denke, Gott zwingt niemand? Du sagtest, die Freiheit, die Erlösung käme durch den Zwang.“ Nicht was er sagt, so dachten viele, nein, wie er spricht, klingt zum verwundern. Nicht mehr aggressiv, eher so, als wäre er ein Schüler Simeons. Also kann auch dessen Wort ganz anders in ihn fließen, und erstmals staunt er über dessen liebe Art.
„Was verstehst du unter Zwang und Freiheit?“ „Wer kann das genau erklären? Ich nicht. Natürlich bleibt mir frei, irgend welches Kleid zu tragen, diesen oder jenen Weg zu gehen, jetzt abgesehen von der Begrenzung durch die Diktatur. Da haben wir es schon: Ich bin ein freier Mann, darf mich aber außerhalb des Tempels nur bewegen, wie mir Rom erlaubt. Das ist Zwang!
Mir steht frei, zu schlafen oder nicht. Tue ich es nicht, soweit wie nötig ist, so verfalle ich in meiner Kraft. Es ist eines durch das andere bedingt. Ich glaube, Zwang und Freiheit überschneiden sich. Wer weiß Besseres zu sagen?“ Zacharias raunt Athaja zu: „Der kehrt um.“ Froh bewegte Zustimmung. Man diskutiert darüber. Wie immer, hat Simeon das letzte Wort.
„Liebe Freunde, Pashur hat soweit ganz recht. Zwang und Freiheit lassen sich schwer trennen. Allgemein ist es nicht ganz verständlich, aber später klärt sich alles leichter auf, wenn das Geistige im Vorfeld steht. Nun erkennt: Ein Zwang ist grundsätzlich eine hoch- heilige UR-Bedingung, durch die das Leben aus dem ATMA insgesamt erhalten wird.
Nicht die Freiheit erhält das Leben; eher führt sie einem Abgrund zu, sei es im Seelischen aus Tun und Lassen, sei es im Körperlichen durch falsche Lebensart. Läßt man sich durch gute Überlegung zwingen, so wird der Zwang zur freigewollten Führung. Hier herrscht der Wille, der eigentliche Freiheitsträger vor! Denn die Tat als solche unterliegt bereits dem Zwang, der Folge, gleichgültig, in welcher Hinsicht eine Tat geschieht.
Gott schuf aus Seinem Willen, vom Zyklus, dessen Raum und Zeit nur zum Teil erkennbar sind, bis zu diesem kleinen Blatt.“ Simeon hebt es achtsam hoch.
„Das war die Freiheit Seines Handelns !
Doch ehe aus dem Willen Fertigkeiten wurden, stellte Er das Werden auf das Ordnungsfundament, auf einen Zwang! Aus der Ordnung kam das eigentliche Wesen und die Wege, die die Willens-Grundgedanken einzuschlagen hatten.
Wer über die Gebirge oder durch die Wüste wandert, muß sich an die Wege halten, sonst verirrt er sich. Bei der Einhaltung der Wege spürt man keinen Zwang. Genauso entwickelt und vollendet sich die Schöpfung. Gott schuf die Himmelsheere aus dem Herrschaftswillen; doch im ‚herrlichen Zusammenspiel der sieben Eigenschaften‘ setzte Er die Bahnen durch die Ordnung fest.
Da im Gleichrang alle Eigenschaften Raum und Zeit durchpulsen, sowie deren Hülle sind, ruhen alle Werke, im höchsten Vorzug Gottes Kinder, in der Innerheit und leben darin ihre eigentliche Freiheit aus. Wer den Lebenszwang, die ‚gnadenvolle Führung‘ anerkennt, der weiß, was wahre Freiheit ist. Sie bedeutet niemals tun und lassen können, wie man will. Wer sie mißbraucht, wird des Mißbrauchs üble Folgen tragen müssen!
Wenn ihr den Zwang ‚die väterliche Führung‘, die Freiheit ‚euer Lebensdasein‘ nennt, woraus jedem die Entwicklung überkommt, dann werdet ihr die HOHE WALTUNG merken. In dieser liegt die Führung der Geschöpfe, ist ihr Leben in die Schöpfungstage eingebettet, deren zeitbedingter Raumablauf freilich nicht zu übersehen ist. Doch das hindert die Entwicklung der Geschöpfe nicht.
Viele Menschen sind meist blind; und diese muß man führen. Wer würde einen Blinden, der ahnungslos am Abgrund steht, nicht helfen, ihn notfalls zwangsweise auf die Straße bringen oder gleich nach Hause? Er muß sich leiten lassen, wenn er nicht verderben will. Um wieviel heiliger und erhabener führt der Vater der Barmherzigkeit alle Seine Kinder, die noch blind, also unwissend sind, die durch ihr armes Seelendasein irren.
Er muß sie zwingen; nur legt Er diesem Lebenszwange einen Mantel um, damit sie — zumeist durch üble Folgen — sehend werden. Natürlich tut Er es mitunter wundermäßig, wo es möglich oder nötig ist. Das Bessere ist, zumal in der Materie, wenn jemand sich wie aus sich selbst von seinem falschen Wege wendet.
Ein Beispiel sei vermerkt: Sieht jemand die Verfehlung ein, dann steht er an dem Scheideweg und muß die andere Gasse pilgern, wenn er sein Unrecht wieder gutzumachen und die daraus bedingten Folgen abzuwenden wünscht. Oder er behält den alten Trott, wo sich zur alten Schuld viel neue häufen wird. Die Freiheit, in der alten Spur zu bleiben, ist wahrhaftig jene Kette, die seine Seele an das Dasein der Materie gefesselt hat.
So ist‘s um Israel bestellt. Ihr seid am Kreuzweg angelangt. Ein paar Jahrzehnte spielen keine wesentliche Rolle. Wer sich von der Barmherzigkeit zur Umkehr, Reue und zum Bessermachen zwingen läßt, kann jetzt schon in des Lichtes Freiheit kommen, in welcher es nur ‚Führung‘ gibt. Leiten Engel einen Menschen, so führt hinwiederum doch GOTT die Engel, und über sie die Menschen samt den armen Wesen und die ganze Kreatur.
Für heute ist genug“, schließt Simeon, „das war keine leichte Kost. Nathan und Gedalmar schrieben fleißig mit; was fehlt, kann ich ergänzen.“ „Das wäre schön!“ Simeons Lächeln ist der Gruß des fernen Sternes, dessen Strahl die Erde segensvoll berührt. Man steht noch lang in kleinen Gruppen beieinander, auch die Widersetzlichen in ihrem Winkel. Doch auf Pashur warten sie umsonst.
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