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Pashur kehrt sich um. Der junge Nicodemus als Asket

3.T-Kapitel 14

Pashur kehrt sich um. Der junge Nicodemus als Asket

Tage später. Pashur bleibt für sich allein; Usiel, Malchia und Ginthoi fühlen sich verwaist. Simeon und die Höheren bleiben ihnen gegenüber freundlich, hingegen weicht der Mehrteil aus den unteren Reihen ihnen offensichtlich aus. Immer deutlicher zeigt sich, daß Simeon das Ganze leitet. Offiziell liegt das Regiment in der Hand der Hohenpriester.

Pashur streicht im Frauenteil umher. Er gesteht es sich nicht ein, daß er Hanna zu begegnen wünscht. Sie hatte immer recht, die Frau; und das wollte er nie gelten lassen. ‚Sie müßte merken‘, Sinnt er heimlich, ‚daß ich — ‘Eine Türe knarrt. Hanna, an der Hand die kleine Myriam, kommt heraus. Er tut, als ginge er da eben, schielt und grüßt aber doch hinüber.

„Geh, Myriam, sag‘ Mallane, ich käme später.“ Hanna winkt Pashur zu: „Komm!“ und öffnet ihre Tür. Ehe er die Worte formen kann, die seit Tagen ihm das Herz durchpflügen, drückt sie ihn in ihren Stuhl und nimmt selbst auf einem Hocker Platz.

„Die Sandale drückt dich schwer“, sagt sie ohne Einleitung. „Zur Erkenntnis muß noch das Bekenntnis kommen. Nicht vor mir“, sagt sie, als Pashur seine Schultern hebt. „Immerhin — ein Bekennen vor den Menschen ist das Bekennen vor dem Herrn (Matt. 10, 32). Das fällt vielen Männern schwer. Jene, wenn sie Unrecht haben, fangen an zu schimpfen, weil sie es nicht eingestehen wollen. Mut ist das gerade nicht von einem Mann.

Seit Tagen gehst du unschlüssig umher. Dein junges Flämmchen ist behutsam anzufassen, sonst verlischt es wieder, ehe es erstarkt, um über seinen eigenen Kreis hinauszuleuchten. Warum gehst du nicht zu Simeon, Athaja oder Zacharias?“ Pashur zögert: „Es ist — nun ja, du bist keine Frau wie andere; du bist Prophetin, das sehe ich jetzt ein. Eigentlich —“ Wie schwer, einfach um Verzeihung zu bitten. Stolz kennt keine Brücken!

„Sohn, was tutest du, stündest du jetzt vor dem Herrn?“ Die Frage trifft. Er wird fahl. „Ich weiß es nicht; ich glaube, man wird nie wissen, wie man handeln kann, wenn man vor dem Schöpfer steht.“ „Die Antwort taugt“, sagt die Mütterliche sanft. „Man nimmt sich manches vor; allein, wenn es soweit ist, dann — “Hanna schlägt die Hände leicht zusammen.

„Ich rate dir, geh‘ zu Simeon, er wird dir bestens helfen können. Du stehst am Wendeweg und kannst glauben, daß du gleichfalls einen Engel hast. Man kann allerdings“, sagt Hanna traurig, „statt dessen einen Teufel haben, der das Licht verjagt. Nicht so, weil der Engel schwächer sei. Das liegt lediglich am Menschen, ob er lieber diesem oder jenem folgt.

Auch Häuser, Städte, Länder, ja sogar die ganze Welt haben einen Schutz. Manchmal sind es hohe Engel, die außer ihrer Sphärenarbeit noch ein Nebenamt verrichten. Das trifft auf Simeon zu. Jetzt steht der Tempel und Judäa unter seinen Flügeln. Wie leicht, ihm all das Weltgebundene zu sagen. Wer — außer Gott — versteht das besser als solch hohes Licht, von Gott gesandt, Seinen Willen auszuführen und Seine Hilfe herzubringen? — ?“

„Du meinst wirklich . . .“ Hanna nickt. Da sagt Pashur leise: „Ich danke dir.“ Schon ist er draußen und trifft — Simeon, als sei das abgemacht gewesen. An diesem Abend dankt er Gott, wie wunderbar Er alles führt. O die väterliche Lenkung und das Lebensdasein — — Zwar geht es nicht so fix, die dicken Felle abzustreifen, die Pashurs Seele beinah zum Ersticken brachten. Späterhin bewährt er sich und erhält das Amt des Jojareb.

Nach weiteren zwei Tagen kommt vom Tribunat die Einladung. Die Römer hätten täglich gern mit Simeon geplaudert; aber erst war die Regierung wieder flott zu machen. In der Mittagszeit wird Athaja ein noch junger Priester aus Emmaus gemeldet. Er war dort zur Probe eingesetzt. Wichtiges führt ihn für kurze Zeit nach Jerusalem. Er heißt Nicodemus und ist nur wenig über zwanzig Jahre alt. Für seine Jugend ist er viel zu ernst, und seine ‚Herde‘ hält er allzu straff an der Kandare.

Athaja, Zacharias, Simeon, Nathan, Jissior, Eliphel, Gedalmar, Obadnia, zwei Wärterpriester und seit heute Pashur essen eben. Man macht Nicodemus Platz, er sieht halb verhungert aus. Athaja fragt sofort: „Bekommst du nicht genug?“ „Doch“, nickt Nicodemus. Sein scheuer Blick streift Simeon. „Ist das ein neuer Priester?“ fragt er bescheiden. Athaja bestätigt es. „Sättige dich erst.“ Nicodemus nimmt ein paar Brocken. Seine Augen liegen tief in dunklen Höhlen, die Backenknochen treten hart heraus. Simeon füllt fraglos einen Teller und sagt ernst: „Bei uns wird gegessen, was uns der liebe Herrgott schenkt!“

Nicodemus wehrt fast böse ab: „Priester haben nicht zu schlemmen! Leider wird — “ Er verstummt verlegen. Zacharias klopft ihm auf die Schulter: „Junger Freund, strafbar ist, den Körper, den der Schöpfer schuf, zuschanden machen, auf diese oder jene Art. Obadnia wird dich, untersuchen und sagen, was dir fehlt. Keine Widerrede“, setzt der sonst Gütige streng hinzu. „Du gehörst dem Tempel an, und dieser hat für dich zu sorgen.“

Der Arzt murrt bissig: „Den brauch‘ ich nicht zu untersuchen, dem guckt der Hunger überall heraus!“ „Weshalb hungerst du?“ Simeons Frage klingt wie Neugier. „Einem älteren Priester muß man Antwort geben“, erwidert Nicodemus, mit unverkennbarer Aufsässigkeit. Wäre er bloß nicht gekommen, wenn nach seiner Ansicht es auch dringend nötig war. „Du mußt nicht“, sagt Simeon, „ich dachte, es würde dich erleichtern.“ „Ich hörte, daß man im Tempel praßt und den Römern tiefe Katzenbuckel macht.“

„Und dafür willst du büßen?“ fällt Nathan ein. Athaja rügt: „Wir brauchen keine Priester, die Asketen werden wollen. Es soll jeder sauber leben, soweit guten Willens möglich ist. Wir haben dir, weil fleißig und begabt, die Bewährung zubereitet. Doch dich absichtlich krank und altersschwach zu machen, dafür gibt es kein Gebot. Nenne mir ein einziges, das dein Tun bestätigen kann.“

„Das Gesetz lehrt die Enthaltsamkeit“, sagt Nicodemus schwach. Er hat drei Tage und auf dem ganzen Wege nichts gegessen, um vor den Oberen als ‚echter Priester‘ dazustehen. „Wir reden in zwei Stunden weiter“, hält Obadnia die Prüfung an. „Ißt du jetzt nicht auf, so bist du alles, nur kein Priester, der die Gemeinde leiten kann. Und hier“, er hat immer eine halbe Apotheke mit, „das trinkst du aus, dann kannst du schlafen.“ Er mischt zwei Kräuter in einen Becher leichten Wein.

„Ich trinke keinen Wein“, bockt Nicodemus. Simeon schiebt ihm den Becher zu: „Sogar im Himmel trinkt man Wein; der Himmel hungert nicht! Zwar willst du GOTT die Ehre geben; nur schändest du Sein Werk, den Körper, den ER dir gab. Auch über diesen heischt der Herr die Rechenschaft, wenn durch selbst herbeigeführte Krankheit eine Seele leidet. Du bist jetzt bei Männern, die auch das Irdischste verstehen, allerdings nicht immer billigen. Ja, du wolltest deinen Vorgesetzten imponieren. Nun — deine Klagen, die du vorzubringen hast, werden von uns überprüft.“

„Athaja und Zacharias sind die Hohenpriester“, sucht Nicodemus sich durchzusetzen. „Gibt es nunmehr drei?“ „Nein; Simeon hat vom Himmel aus die Oberleitung in die Hand bekommen“, sagt Athaja leise lachend. Schon das dünkt jenem frevelhaft zu sein, und es zeigen deutlich seine Mienen an, daß mehrere am Tische lachen. Nicodemus ist dabei, schleunigst auszureißen.

Ihn durchschauend, befiehlt Athaja: „Du bleibst! Höchste Zeit, daß du gekommen bist. Du warst zwar ein ernster Jüngling, aber heiteren Gemüts. Jetzt — ein Toter unter Lebenden!“ „Ja“, sagt Simeon, „laßt ihn mit dem Arzt allein, er soll erst in Ruhe essen.“ „Ach, unter Aufsicht?“ grollt Nicodemus. „Jawohl, weil du kindisch bist, und solche brauchen einen Wärter.“

Athaja beratet sich im engsten Kreis. „Ich bin bestürzt! Wie ist er bloß auf solches Hirngespinst gekommen? Selbstredend lehren und erziehen wir die Priesterschüler ziemlich streng; aber nicht einmal in jenen schweren Jahren unter Naxus, wo die Lebensmittel kaum noch zu bezahlen waren, ließen wir die Jugend hungern. Billigt Gott, so Nicodemus dies zu seiner Ehre tut?“

„Wäre das Motiv auch echt“, erwidert Simeon, „was hätte Gott davon, wenn einer sich mit Absicht selbst verhungern läßt? (Geißler im Mittelalter) GOTT ist Leben! Er gab es den aus Sich gestellten Daseinsfunken, womit diese ohnehin die Lebensträger waren und auch Lebensformen wurden. Sie sollten außerhalb der UR-Person und neben dieser leben können.

Nicodemus ist bis auf den Tod erkrankt. Jojareb und Hilkia trieb der Ehrgeiz an, die hohen Stühle einzunehmen; jener ließ sich von der Ehrsucht walzen, ein unbescholtener Mann zu sein. Ja — Ehrsucht, Geiz und Stolz, wachsen meist auf einem Holz! Er trägt jeden Scherf zum Gotteskasten. Die Gemeinde Emmaus ist ausgesaugt. Den Kindern nimmt er oft das Brot, verkauft es und legt die Münzen stolz in seinen toten Kasten, sagend: ‚Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie andere Leute!“ (Luk. 18, 11)

„Entsetzlich!“ Zacharias schüttelt es. „Ich bemühte mich, fromm zu sein; aber ach — wie oft verfehlte ich den Weg und mußte vor dem Herrn bekennen, daß ich mehr Unrechtes als Rechtes tat. Man kann sich doch nicht selber rühmen?“ Simeon nickt: „Du hast recht! Jeder Eigenruhm, den man vor GOTT wie eine Lampe leuchten lassen will, bewirkt genau das Gegenteil.

Nicodemus ist zu jung; er ist über mancherlei gestolpert, zu dem er ‚entsetzlich‘ rief. Als der Älteste von Emmaus sich wehrte, ward er zornig; und wie auf der Ferse umgedreht, ahmte er es den Asketen nach. Da er ja das Gute will, leitete das Licht ihn her. Laßt ihn nicht gleich wieder weg, zumal er körperlich sehr schwach geworden ist. Einer vom Synedrion sollte mit noch einem Helfer eine zeitlang Emmaus verwalten.“

„Du hast das Übel aufgezeigt, es bedarf der Prüfung nicht“, sagt Zacharias. „Von euerer und meiner Warte aus gesehen, nicht aber von der Warte eines Nicodemus. Der versteht es nicht so rasch, daß der Himmel auf der Erde ungehindert wirken kann. Für ihn, noch mehr für Emmaus, ist‘s besser, seiner Sache nachzugehen. Da kann er später euch nicht in die Quere reden.“

„Du gibst stets den besten Rat!“ Ohne jeden Neid gibt es Athaja zu. „Laßt uns eine Stunde ruhen; der Abend beim Quirin wird sicher lang.“ „Ich bin auch schläfrig“, reckt sich Jissior, der die zweite Nacht wache überhatte. „Du darfst bis abends schlafen“, dispensiert Athaja ihn.

Nach zwei Stunden, man sitzt bereits beisammen, bringt der Arzt einen Torkelnden herein. Nicodemus wirkt wie eine Leiche. Obadnia bettet ihn und legt ihm eine Decke über. Widerwillig wird sie weg geworfen. Da wird Obadnia grob: „Ich bin Arzt und du Patient; wenn du muckst, binde ich dich an!“ Das brachte er zum Besten dummer Kranker öfter fertig. Nicodemus trotzt:

„Unglaublich! Kein Wunder, daß . . .“ „Behalte dein Geschwätz“, sagt Simeon hart. „Dein Benehmen ist unglaublich! Ich belehre dich zu deinem Besten. Als du unsern Hof betratest, streiftest du die Schuhe ab. Wohl sprach der Herr zu Mose: ‚Ziehe deine Schuhe aus, denn das Land, darauf du trittst, ist heiliges Land!‘ (2. Mo. 3, 5; Jos. 5, 15) Da du den Tempel aber voller Prasser wähnst, wie hernach ist dir der Boden heilig?“

Nicodemus eifert: „Der Tempel ist des Herrn! Die Templer, die nicht Gottes wahre Priester sind, gehören nicht dazu. GOTT treibt sie hinaus!“ „Dich zu allererst, weil du bis obenhin voll Hochmut steckst! Sage mir, du neunmal Kluger, was unserm Schöpfer heilig ist: die toten Steine, zu irgend einem Haus geformt, — oder all die Herzen, von IHM mit Seinem ATMA angehaucht, die hier und auf der ganzen Erde leben?“

„Außer uns gibt es nur Heiden“, sprüht Nicodemus. Zorn und Fieber glühen in ihm um die Wette. „Ist es priesterlich, mich neunmalklug zu schimpfen?“ „Höre“, verweist Nathan ihn, „darfst du Vorgesetzte rügen?“ Simeon lächelt: „Es gibt Heiden, die Gott näher stehen als die dummen Eiferer. Sich über andere zu erheben, führt nicht erst zu einem Fall, — das ist bereits gestürzt!

Du hast die Schuhe ausgezogen, weil man sehen sollte, wie du fromm des Herrn Gebot erfüllst. War es denn an dich gerichtet? Und als du an der Tafel saßest — unser Mahl war absolut kein Prassen —‚ nahmst du dir nur kleine Brocken, um als ‚Muster‘ zu erscheinen. Du hast damit deine Oberen gekränkt. Gott lobt dich nicht, weil du vier Tage ohne Trank und Speise bist. Tätest du das einer Sünde wegen, die du überwinden willst, so wäre das ein guter Akt. Dabei darf man aber keine weiten Wege machen. Erkenne deine Schuld!

Ach, deine Augen werden groß? Die Gesetze lehren, daß überhebliche Gedanken schon die Sünde sind. Mit der zweiten hast du deine Kraft zerstört. Sagst du noch, GOTT hätte dich zum Priester auserkoren?! Wie kannst du deinen Dienst erfüllen, wenn du elend bist, oder die Gemeinde leiten, wenn dich die Schwachheit auf das Krankenlager wirft? Noch dazu durch eigenes Verschulden!“

„Darum bin ich ja gekommen“, stößt Nicodemus ungehalten aus. „Die Leute gehen krumme Wege, prassen, saufen, und viele Kinder laufen nackt umher.“ „Wieso denn das? Haben sie nichts anzuziehen?“ fragt Zacharias. „Das weiß ich nicht, das geht mich außerdem nichts an.“ „Nein?“ wird Athaja scharf. „Bei uns hast du gelernt, auch nach einer Not zu sehen, zumal viele Leute unverschuldet in das tiefste Elend kamen. Hast du nicht geholfen?“

„Wohl, Hoherpriester.“ Nicodemus Augen flackern. „Ich habe immer gut beraten.“ „Mehr nicht? Hast du den armen Kleinen denn kein Hemd gekauft?“ „Von was?“ fragt Nicodemus störrisch. „Ich habe nur das Kleid auf meinem Leib. Alles andere und was sonst erübrigt werden konnte, kam in unsern Gotteskasten.“ Dabei zieht er einen dicken Beutel unter seinem Umhang vor.

„Das gehört dem Herrn, Dem alle Ehre gilt! Ich hab‘ es treulich aufgespart, um es mit Freuden herzutragen.“ „Du bist verwirrt“, sagt Eliphel. „Wie du es häuftest, ist‘s dem Herrn ein Greuel, des sei nur gewiß! Ich schlage vor . . .“ „Das Synedrion beratet, was mit dem ‚Gemeindegeld‘ geschieht“, fällt Zacharias hastig ein.

Im selben Augenblick meldet Unnias: „Hoherpriester, verzeih, ein Mann wartet draußen, er hätte Wichtiges auszurichten.“ „Ach, immer Unterbrechung!“ Athaja seufzt nicht unberechtigt auf. Es wäre gut gewesen, das Nötigste wegen Nicodemus zu beraten. Aber schon geht Simeon zur Tür. Seinen Blick verstehen alle, außer Nicodemus. „Ich sehe selber einmal nach.“ Erleichtert folgt der Diener. Simeon wird besonders von der Dienerschaft geliebt, und jeder wetteifert, ihm Gefälligkeiten zu erweisen.

„Seit du im Tempel bist“, wagt Unnias zu sagen, „ist es hier fast leicht geworden. Meinen alle.“ „Manche mögen mich auch nicht.“ „Ah pah, die kennen wir! Hm, dir darf ich‘s anvertrauen: Wir Diener und die Hüter mochten jene nicht. Aber einigen hast du die Hörner abgebrochen,“ Unnias kichert vor sich hin. Bei Simeon zeigt sich wieder mal das ‚Andere-Welt-Gesicht‘, das unwillkürlich kommt, so oft das Empyreum siegt.

Am Tore angelangt, holt Simeon den Mann herein. „Ich habe dich erwartet.“ „Du mich?“ Der Mann sieht ärmlich aber sauber aus. „Ist er da?“ Simeon gibt ihm ein Schweigezeichen und führt ihn in einen kleinen Raum. „Warte hier.“ Wie von schwerem Druck befreit, sieht jener Simeon vertraulich an. Als er allein gelassen ist, flüstert er: „Das scheint einer von den Besseren zu sein, er wird uns sicher helfen können.“

Simeon, bei Athaja wieder eingetreten sagt gelassen: „Wir gönnen unserm Kranken Ruhe. Kadmiel und Piltar sollen ihn betreuen. Ich rate dir, Nicodemus: Wenn du nicht willst, daß Gott von dir die Hände nimmt und damit Seinen Segen, dann befolge, was die Älteren befehlen.“ Es klingt ernst und Nicodemus überschauert es. Wortlos läßt er sich zum Lager führen, von Obadnia ihm zugewiesen. Kaum ist er gegangen, fragt Eliphel: „Was ist mit dem Besucher, den Unnias gemeldet hat?“ „Seht und hört!“ Mehr erwidert Simeon nicht. Er ruft den Mann herein.

Als der die Hohenpriester sieht, wird ihm mulmig. Verlegen dreht er fortgesetzt sein Sonnentuch. Gedalmar nimmt‘s ihm ab: „Dreh‘ es nicht kaputt.“ Athaja trifft ahnungslos das Richtige: „Setze dich, du siehst müde aus. Wo kommst du her?“ „Von Emmaus“, stotert jener. Von — — Wer bist du denn?“ „Der Älteste; ich bin doch auch verantwortlich, nicht wahr?“ Seine Augen flehen förmlich, ihm das zu bestätigen.

„Gewiß“, sagt Zacharias. „Wir helfen, so es nötig ist.“ „Nötig ist es sehr! Ich suche unseren Priester Nicodemus. In der letzten Zeit gefiel er mir nicht gut; er sah kränklich aus, und heute war er weg.“ „Hast du keine Ahnung, wo er hingegangen ist?“ „Ahnung? Die hilft mir nicht, ich muß Gewißheit haben.“ Der Mann taut auf, man merkt ihm kluges Überlegen an.

„Geht er öfter fort?“ „Noch nie“, sagt der Emmauser, „deshalb bin ich so besorgt.“ „Habt ihr gesucht?“ „Ja, Hoherpriester; ich setzte alle Männer ein, Ich vermutete — “ Er hält inne. Ist sein Verdacht berechtigt? Simeon bringt Brot und Wein: „Stärke dich und rede frei heraus, was dich bedrückt.“

„Ich kenne unsere Obersten“, langsam ißt der Mann, „dich sah ich noch nie, wenn ich zum Tempel kam. Ah, du kommst mir wie ein guter Priester vor.“ Das ‚guter‘ betont er stark. ‚So‘ denkt jeder, ‚er ist mit Nicodemus überquer.‘ Der Älteste erzählt: „Als neulich das große Fest gewesen ist, ich hörte, es soll ganz wunderbar gewesen sein, trotz der — der Römer, da konnte ich nicht kommen; mein Weib war krank.“

„Geht es ihr wieder besser?“ forscht Obadnia. „Nein; wir haben keinen Arzt, wer soll uns helfen?“ Nathan sagt verärgert: „Das ist notfalls eines Priesters Dienst.“ „Wie heißt du denn?“ „Ich heiße Massus. Ich hatte die Gemeindesachen über, bevor Dumathia, unser Rabbi, starb, und ging alles richtig zu. Er ging mit mir Hand in Hand. Aber Nicodernus —“

„Weiter“, mahnt Athaja. „Wir prüfen diese Angelegenheit.“ Immer leichter wird es Massus; er erzählt, daß Nicodemus ihm die Gemeinde weggenommen habe, angeblich, weil GOTT im Regimente säße, und es müsse alles bloß vom Glauben her geleitet werden. Eine Weile wäre es recht gut gegangen, weil die Gemeinde wohlgeordnet war, soweit die Naxuszeit es möglich machte.

Bald aber ging es schief. Hilfesuchende wies Nicodemus ab, darauf fußend: ‚Die Welt vergeht, Gott besteht!‘ Nur wäre damit keine Not gelindert worden. Die Brotwegnahme bestätigt er. Die Kinder hätten sich gar nicht mehr auf den Weg getraut. Nicodemus sagte: ‚Gott hat viel Hunger; gib mir dein Brot für Ihn.‘ Wer noch zwei Paar Schuhe hatte, ein zweites Kleid, einen Mantel, alles hatte er an Wanderer verkauft. Da Nicodemus mehr als ärmlich lebte, wußte niemand, was er mit dem Gelde tat.

Er, Massus, hatte mit ihm Streit, sogar der ärmsten Frau hatte er das letzte Brot genommen. „Als wir ihn am Morgen suchten“, berichtet er, „da kam mir der Gedanke, er sei hierher, um die Gemeinde anzuklagen. Die meisten haben keinen Groschen mehr, in wenig Tagen bricht der nackte Hunger aus. Nur schnelle Hilfe kann uns retten. Bitte“, fleht er die Templer an, „denkt an unsere Kinder, an die Kranken, an die Frauen und — und auch an uns Männer. Wir stehen vor dem gänzlichen Ruin.“

Erschüttert hört man zu. Wie sehr kann blinder Eifer wüten, wieviel Unheil richtet er oft an. „Dir wird Hilfe!“ Massus küßt den Ärmelsaum des Hohenpriesters. „Warte, wir sind gleich wieder da. Iß das Brot und trinke deinen Becher aus.“ Es wird beschlossen, zu verschweigen, daß sich Nicodemus hier befindet; und diesem, daß aus Emmaus ein Kläger kam.

„Der Junge sah so vielversprechend aus; nichts stand im Wege, ihn in einer gut geleiteten Gemeinde zu erproben.“ Athaja macht sich Vorwürfe, aber Simeon entlastet ihn: „Die Hilfe kommt zur rechten Zeit, für die Gemeinde und — für den verirrten Jungen. Behandelt ihn als Kranken, und ihr sollt sehen, daß und wie sein guter Keim zum Durchbruch kommt.“

„Wer will nach Emmaus?“ fragt Zacharias. Gedalmar, Nathan und Eliphel melden sich. Daß der Abend beim Quirin verlorengeht, wird nicht bedacht. Simeon weiß wieder besten Rat: „Leiht Massus einen Esel, damit er noch vor Nacht nach Hause kommt. Ich gebe ihm meine Tafel; die hat Cyrenius signiert. So bleibt Massus ungeschoren. Ein Bote kann sie mir mal wiederbringen.

Wer von Euch in Frage kommt, der gehe morgen früh. Dann ist auch die Gemeinde vorbereitet und läuft alles seinen guten Gang. Das eingeheimste Geld gebt dem Ort zurück. Wer will, gebe einen Scherf dazu. Außerdem wäre noch ein Ochsenkarren mit dem nötigsten Bedarf an Lebensmitteln und an Sachen mitzusenden. Ich bringe dieses heute Abend vor, wo sich zeigen wird, wie unsere ‚Heiden‘ gottgefällig handeln werden.“

Man wirft das Pur (Los), es fällt auf Eliphel. Simeon gibt noch den Rat, jüngere Priester nie länger als ein halbes Jahr in einer Landgemeinde zu belassen, da könnten sie sich ebenfalls bewähren und stifteten in jugendlicher Überheblichkeit kein Unheil an. Das wird sofort akzeptiert.

Der Emmauser wartete, teils erleichtert, teils bangend. ‚Wenn die sich erst noch lang beraten‘, schoß es ihm durchs Hirn, ‚wohnt die Hilfe hinterm Berg.‘ Um so freudiger schnauft er auf, als er das Wesentlichste hört. Um zu danken, muß er vorher tüchtig schlucken, sonst müßte er wie alte Weiber weinen.

Als er zudem vom Esel und vom Ochsenkarren hört, ist ihm Gottes Himmel offen. Er treibt das Grautier heimwärts hurtig an. Die Sterne sinken, als er Emmaus erreicht. Trotzdem geht er noch von Haus zu Haus, um sein Erlebnis zu verkünden. Ist‘s nicht wie beim Engel in der Höhe — später, bei den Hirten? ‚Hilfe, Friede, Segen wird uns werden!‘

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