4.T-Kapitel 7
Angst soll Glauben nicht zerstören. Ein reicher Protz. Todesurteil, von Simeon erklärt. Samnus hat Haus und Herz bereitet. Gibt es Himmelszeugungen? Ein Amen. Cornelius träumte vom Gebet. Müßte Gottes Kommen nicht nur Licht und Freude bringen? Ein beachtenswertes Wort des Samnus
Joseph begleiten viele gute Wünsche. Wenn man ahnte, daß neben Gottes Herrlichkeit die Natter zwischen Lämmern liegt, man würde nicht nur hoffnungsfroh der nahen Zukunft harren [VH33]. Gottes Güte deckt das Schwere zu. Wenn es kommt, muß es ertragen werden, und da soll die Kraft nicht vorher brüchig sein. Simeon deutete auf manches hin; aber Glaube — „Unheil brauchte nicht zu sein“, sagt Eliphel, „doch um so mehr haben wir des Himmels Heil und Licht bei uns.“ Damit hat er recht, worauf Simeon erwidert:
„Pflegt ihr diesen Glauben, so kann euch nichts mehr überrennen. Ihr habt erlebt, wie schwer es — trotz Erkenntnis — fest zu bleiben gilt, wenn der Tücke Wogen branden.“ „Ja“, bestätigt Jissior, „aber Gott hat uns durch dich gefestigt; von uns Freunden möchte keiner wieder wankend werden. Ansonst hätten wir nicht viel von deinem Licht gelernt.“
„Allzuschwer war‘s nicht gemeint. Manchmal kann auch jähe Angst den Gläubigen befallen, ohne daß sein Glaube zu erschüttern ist. Die Materie gebar die Angst! Sie ist das erste, was bei der Geburt den Menschen überfällt. Ist es sozusagen ‚gut gegangen‘, dann erst wird die Angst von Freude abgelöst, eben wie der Mutterschmerz vom Mutterglück (Joh. 16, 21).
Nun — im Vorhof tut sich etwas, bei dem großen Gotteskasten. Ich gehe hin; einige könnten mich begleiten.“ Der Hohepriester steht rasch auf: „Es ist nicht viel zu tun, wir kommen alle mit.“ „Kann ich mir denken. Diesmal ist es besser, wenn sich nicht des Tempels ‚ganzer Taubenschwarm‘ versammelt.“ „Taubenschwarm? Wie meinst du das?“ Simeon lacht:
„Gestern liefen Cornelius und mir drei Männer vor den Füßen her, tuschelnd, der Tempel hätte einen Taubenschwarm. Sobald eine Taube flöge, flögen alle andern mit. Unsere Namen fielen. Als der Römer rufen wollte, sahen sie sich witternd um, und uns gewahrend, rannten sie geduckt davon.“ „Weißt du, wer sie sind?“
„Na höre, Pashur, muß Simeon nach Namen fragen?“ Thola klopft ihm auf die Schulter. „Ich meinte“, stottert der verlegen . . . „Nicht falsch gefragt“, nimmt Simeon ihm das Stottern ab. „Einer von den dreien, der reiche Kaufherr Auter, euch recht gut bekannt, hat sich aufgemacht, um uns zu besuchen.“
„Ah“, unterbricht Gedalmar, „erlaube, daß ich zugegen bin.“ „Dem Geizhals schadet‘s nichts, wenn er durch dich an Früheres erinnert wird. Jeder geht für sich, Thola und Pedatja folgen nach.“ Athaja schmunzelt: „Demnach nicht der ganze Taubenschwarm! Sie haben uns recht gut betitelt. Die Taube symbolisiert die Reinheit und den unsichtbaren Gottesgeist.“ Er geht in seinen Arbeitsraum, um die Sache abzuwarten.
Auter schaut, auf- und abstolzierend, den Tempel an, als ob er ihn zum ersten Male sähe. Ein paar Leute stehn beim kleinen Kasten, wo die Armen ihre Scherfe opfern. Bei Auter steht kein Priester, nicht einmal sein Freund Jojareb. Er übersieht in seinem Ärger, daß Gedal mar sich wie unabsichtlich nähert. Jedem andern, nur dem gerade mag er nicht begegnen.
Der Priester redet ihn schon an: „Sei gegrüßt, Auter. Kommst du mit einem Wunsch? Du hast Gottes Haus wie eine Ware angesehen, die man auf dem Markte kaufen will.“ Gleich sprüht es Gift: „Ich könnte euren ganzen Tempel kaufen! Nur die Leute, die dazu gehören, kaufte ich nicht mit.“
„Was für Leute?“ fragt hinter ihm Simeon, der unbemerkt gekommen war. Aus zwei Hallen treten Thola und Pedatja heraus. ‚Hoffentlich kommen die nicht auch noch her‘, denkt Auter ärgerlich. Durch seine laute Stimme sind sie — er merkt es selber — angelockt. Zu Simeon sagt er ausweichend:
„Du gehörst nicht zu den Leuten, die ich meine, also geht es dich nichts an.“ „Dafür den Richter, bei dem dir leichter wird, dich zu verstellen.“ „Was gibt‘s?“ forscht Thola. Gedalmar sagt: „Auter will den ganzen Tempel kaufen, außer dessen Leuten.“ „Wen?“ fragt Thola erstaunt. „Seit wann kaufst du Sklaven?“ Der Richter fixiert den Kaufherrn scharf. Es ist ein offenes Geheimnis, daß Auter viel Verbotenes tut. Ob seiner Schlauheit war ihm bisher niemals etwas nachzuweisen. Er faucht daher grob:
„Ich meine keine Sklaven, sondern Priester, die dem Herrn die Tage stehlen.“ Thola schüttelt ihn: „Bist du ganz vom guten Geist verlassen, so etwas nur auszusprechen?“ Auter reißt sich drohend los:
„Rühre mich nicht an; es gibt ein Rom!“ Dabei wagt er Simeon nicht anzusehen. „Zudem gibt es keine Geister, die man laut Satzung nicht beschwören darf; und“, grinst er frech, „außerdem bin ich im Vorhof und nicht im Tempelhaus.“
„Geist und Vorhof sind dir auszutreiben“, sagt Simeon, „und wegen Rom können wir gemeinsam ROM befragen, ja?“ Man weiß, Simeon hat geheime Kräfte, die man teils Gottes-, teils Satanskräfte nennt, und daß er mit den Römern einig geht — zum Nutzen Israels, bekennen auch die Feindlichen. Außer Zins und mancherlei Beschränkungen war die letzte Zeit erträglicher. Auter kann kaum seine Angst verbergen. Er windet sich heraus.
„Ich erfülle meine Kaiserpflicht korrekt, habe demnach nichts im Tribunat zu suchen. Was greift ihr mich denn an? Ich will eine große Gabe in den Gotteskasten legen“, er entnimmt einem reich verzierten Beutel zwei Goldtalente, „und ihr Templer sucht absichtlich einen Streit mit mir?“
„Wer fing an?“ setzt Gedalmar hart dazwischen. „Fragte ich nicht bloß nach deinem Wunsch? Du aber redest von uns als von ‚Leuten‘, die du nicht mit kaufen würdest. Es ist dir wohl bewußt, daß wir dich verklagen können.“ „Auf deine Klage warte ich“, protzt Auter, „ich fordere das Volksgericht heraus.“ Er würde das nicht sagen, wüßte er, wer Simeon wirklich ist. Dessen Hand liegt plötzlich hart auf seiner Schulter:
„Auter, es gibt Zeugen, obwohl du die zwei schwersten, die dir bei den dunklen Dingen halfen, selbst gemordet hast!“ Der Kaufherr übte stets, sich zu beherrschen. Instinkthaft spürte er, wenn jemand fragend tastete. In Simeons Worten schwingt die nackte Überführung. Also ist‘s kein Wunder, wenn die einstudierte Pose in die Brüche geht, mindestens für Augenblicke. Noch reißt er sich zusammen, tut er so, als ob . . . Die Augenbrauen hart zusammenziehend, sagt er wie bei einem Handel:
„Das Volksgericht entscheidet!“ Er wendet sich dem Tore zu, über seine Schulter rufend: „Hier habe ich nichts mehr verloren; ich kann Gott auch draußen dienen, unter Armen; und“, alles auf eine Karte setzend, „da ich stets des Kaisers Freund gewesen bin, wende ich mich an Augustus; habe ja in Rom ein Unternehmen.“ Simeon hält ihn einfach fest:
„Jawohl, in Rom bist du der Biedermann, dort angesehen; doch in Thessalonich, in Korinth und in weiteren elf Handelshäusern, die du unterhältst, tust du das Gegenteil von dem, was Augustus will. Vom Willen Gottes ganz zu schweigen!“ Simeon weiß, wer auf dem Weg zum Tempel ist, sagt aber weiter:
„Komm, beim Tribun kannst du deine Klage niederlegen. Achte auf mein Wort: niederlegen! Du verstehst mich doch?“ Auter ballt die Fäuste. ‚Ich muß rasch handeln‘, denkt er bang. „Ob ich meine Klage niederlegen muß, wird sich erweisen. Ich sende zum Tribun, melde mich für morgen an, denn — “ er lacht hämisch, „ — du hast ja nicht nötig. Ich weiß jedoch von Rom, daß man den Römern ohne Anmeldung nicht kommen darf.“
„Reiche Leute dürfen bei dir ohne Anmeldung hinein. Kommen aber Kleine, dann rührt‘s dich nicht, wenn sie tagelang vor deiner Türe hocken, viel Zeit und ihren mageren Gewinn verlieren. Und“, eine eingeschobene Pause wirkt alarmierend, „du dachtest: ‚Morgen bin ich über alle Berge. Kein Handelshaus ist zu konfiszieren bis auf das hiesige. Alle andern tragen Auslandsnamen. In Babel hört die Macht der Römer auf.“
„Deine Fantasie läuft schneller als das schnellste Pferd“, lacht Auter trocken. Daß dabei der Schweiß in dicken Tropfen seine Stirn bedeckt, kann er nicht verhindern. Da kommen der Tribun und seine Offiziere an. Auter sucht schleunigst zu entrinnen, doch das Tor klappt vor ihm zu.
Auf sein Ersuchen, ihn hinauszulassen, sagt der Torsoldat: „Wenn Besatzungsoberste ein Haus betreten, darf keiner weder ‘raus noch ‘rein. Wende dich an den Tribun.“ Dieser braucht kaum einen Wink von Simeon und fragt: „Ihr hattet einen Streit?“ „Nein“, lügt Auter, um Cornelius zu täuschen. „Wenigstens nichts von Belang.“ Der Römer faßt ihn am Habit:
„Versuchst du, Krummes belanglos hinzustellen, sobald wir Lunte riechen? Ich kläre diese Sache auf. Ihr“, deutet er absichtlich als Befehlsgewohnter auf die Freunde, „habt nachmittags zu zeugen. Wer etwas weiß, hat zu der Verhandlung zu erscheinen! Bis dahin“, sagt er zu Auter, „mußt du in Gewahrsam bleiben. Hauptmann Rochus gibt deinem Haus Bescheid.“
„Hoher Römer“, schiebt der Israele wie beim Schach die Königin ins Feld, „bedenke, wie ich bei dem hocherhabenen Kaiser angeschrieben bin. Ich erwarte heute mehrere Berichte von den Handeshäusern; was mir entgeht, müßte ich beim Cäsar klagen. Du weißt, wie wichtig es für die Besatzung ist, daß die Karawanen wandern und die Schiffe immer rudern. Jede Fehldisposition für Roms Legionen können einen Sieg von eurer Liste streichen.
Zwischen Hesbon und Mar-Saba lagern mehrere Kohorten. Eben heute muß ich für sie disponieren. Willst du das verhindern, nur weil du denkst, die Templer hätten recht? Und das wegen einer Bagatelle?“ Würde der Tribun im Blick des Simeon nicht die Wahrheit lesen, er ließe Auter laufen. Geht es aber um das Recht, kennt ein guter Römer keinen Spaß. Daher unterbricht er Auter:
„Dein Argument trifft zu. Allein, in jedem deiner Häuser sitzen beste Rechner, die — wo nötig — selber handeln können. Auch hier am Platz, wenn du auf einer Reise bist. Du kannst bei mir die Rolle schreiben, die deinen hiesigen Verwalter unterrichtet. Er darf auch zu dir kommen, um sich deine Anweisung zu holen, zumal für unsere Truppe bei Mar-Saba.
Wage nicht, die Lieferung zu stoppen! Geringste Fehler kosten dich den Kopf! Ab!“ Noch ist Auter kein Gefangener; als jedoch am Nachmittag außer seinem Handelsleiter, der für ihn spricht — rund zwanzig Kläger kommen, die schon aus Angst die Wahrheit sagen, da entrollt sich dem Tribun ein grauenvolles Bild. Daraufhin haben er und seine Offiziere den Richterspruch gefällt: Auter kommt sofort nach Rom.
Als die Freunde noch versammelt sind, sagt Cornelius: „Eines hat mich wieder mal gewundert. Erstens: weshalb durfte diese Bestie so lange reißen? Zweitens: warum hat Simeon das Todesurteil anerkannt? Er hat sogar den argen Hilkia vom Tod errettet.“ Simeon erwidert heiligernst:
„Manche sind am Ende ihrer langen Liste nur durch eine Todesstrafe zu erretten. Sie sollte selten sein. Dem Verbrecher saß schon oft die Angst im Nacken, wo er die Möglichkeit besaß, sich umzuwenden. Du wirst sagen: ‚Gott wußte, daß er dies nicht tat, und somit war die lange Liste ohne jeden Nutzen.‘ So sieht es aus — bei euch. Bei dem HERRN sieht‘s anders aus.
Steht jemand vor dem hohen Richter, muß er dann bekennen, daß die Angst der ‚große Mahner‘ war. Jede Schuld ist bis zum letzten Heller zu bezahlen an alle, an denen man gesündigt hat; an solche einmal, die selber mit im Fangnetz saßen, wie etwa jene zwei, die Auter mordete; viermal aber an die andern, die ohne Schuld von ihm geschädigt wurden. Dabei wird sogar der irdische Verlust in einen geistigen umgewandelt.“
Sagt Askanius: „Soweit ich die Gotteslehre jetzt verstehe, ist‘s mir unfaßbar, daß es bei Gott um Münzen geht.“ „Freund, höre einmal zu. Jemand brachte einen um die ganze Habe. Der Bestohlene — zwar auch kein weißes Lamm — kommt mit dem Dieb für einige Zeit in eine Stufe, wo Letzterer dem Ersteren zu dienen hat.
Ein Besitzender — im geistigen Sinne — erlebt die Sphären lieblicher als Dienende. Bleibt nun der einstens reiche Räuber ärgerlich, weil er jene, die vor seiner Türe wartend saßen, oder dem Beraubten, dienen muß, dann wird der Zustand um so länger währen, weil er keine Reue zeigt. Allein, bloß eine rechte Buße ist die Wiedergutmachung. So ungefähr sieht‘s aus.
Bei Auter ist‘s das hohe Urteil; seine größte Schuld steht wider Gott! Nimmt Er ihm das körperliche Leben, so seid gewiß, daß Gottes Güte hierbei wirkt wie bei der Sündflut, die den Menschen nur das lasterhafte Leben nahm, zugleich die Erde durch das Wasser wieder reich und fruchtbar werden ließ.“
„Mir fällt ein Stein vom Herzen!“ sagt Cornelius. „Weißt du, was soll ich denn vom Beten sprechen, wenn ich vorher solch ein Urteil fällte?“ „Du nicht“, wird er entlastet, „GOTT durch dich!“ „Mir wäre lieber, Gott wählte einen anderen, in Zukunft meine ich, weil ich selbst noch sündig bin.“
„Himmelsbruder, kleiner, lieber! Nun ruht euch alle aus, es war ein schwerer Fall.“ Cornelius erzählt, daß Samnus jemand sandte, ob und wann er ihn begleiten lassen dürfe. Simeon erwidert: „Er hat sein Haus bereitet, noch mehr sein Herz; das ist das Schönste, was er heute Gott zu bieten weiß.“
Samnus spannte ein paar Freunde ein; er hat zu wenig Personal. Für die Frauen lieh er Sänften aus. Er selber steht nervös im Vorbau seines Hauses, der einer hübschen Halle gleicht. Frontal zu einem Gärtchen hin, von hoher Mauer eingefriedet, liegt der Speiseraum. Hier kann keiner lauschen. „Wirklich angenehm“, und noch mehr Lob darf der Hausherr ernten.
Während der Tafel fragt Cornelius: „Sag‘ mal, Samnus, kennst du Auter? Hast du mit ihm geschäftliche Verbindung?“ „Wenig“, weicht der Befragte aus. Er weiß nicht, was am Nachmittag geschah. Durch geschickte Fragen bringt der Tribun heraus, daß Auter skrupellos Samnus unterdrückte. „Könntest du ein großes Unternehmen leiten, wie es Auter kann?“
„Geschäftlich schon“, erwidert jener ohne Arg. „Dann klappt die Sache“, tut Cornelius wie nebenbei. „Was?“ Hellhörig gefragt. Der Römer berichtet Auter‘s Untergang und ihm läge viel daran, wenn das Haupthaus von Jerusalem und jene von Caesarea, Tyrus, Damaskus, Issus und Antiochien in Phrygien in rechte Hände kämen. „Auter — ? Hat er denn . . .“ „Du bist selbst ein Beispiel, was er alles hat — getan hat, meine ich.
Ich sende meine Pläne dem Quirin. Auter dachte nämlich, daß außer dem Jerusalemer Haus die andern nicht zu konfiszieren seien. Darin hat er sich getäuscht. Jene in Italia, Griechenland, eines am Nil fallen sowieso dem Cäsar zu. Die genannten sechs ließen sich dir überschreiben.“ Der Biedere ist perplex. „Ich kann Auter‘s Eigentum nicht ohne Zahlung übernehmen; außer ich wäre auch ein Krösus, wie er einer war.“
„Hab‘ ich mir gedacht!“ Cornelius leert seinen Becher. „Ich ließ dich — verzeihe mir — überwachen, und ich kann mir keinen besseren wünschen, als gerade dich. Zur Versorgung unserer Truppen braucht Rom völlig Ehrliche.“ Samnus wagt dawider, warum man keinen Römer wähle. Der Tribun verschweigt, daß sich diese nicht besonders dazu eignen. Nur das führt er ins Feld:
„Simeon, der uns zusammenführte, gibt mir Gewähr, daß ich mich in dir nie täuschen werde. Ich habe aber vorher nicht mit ihm davon gesprochen.“ „Es ehrt dich um so mehr“, fällt Jaor ein. Cornelius führt weiter aus:
„Die Häuser, die Augustus nimmt, sollen dich mit einem Zehnt des Wertes zinslos für ein Dezennium unterstützen. Bei den Häusern, die du erhalten würdest, schlage ich dem Kaiser vor, dir ein Halb zu überschreiben, den Rest in zwanzig Jahren abzuzahlen. Dann wärest du ganz frei. Die Firma — bekommst das schriftlich — wird dir vom Cäsar rückverkauft, zu deinem Schutz. Ich will niemand kopfscheu machen; ihr versteht das sicher alle, ja?“
„Das ist bis zum Letzten gut durchdacht“, sagt Josabad. Cornelius sieht Simeon fragend an. Der streicht dem Römer über seine rechte Hand: „Du weißt, mein Freund, ich kam vom Empyreum, für das ich einzustehen habe. Aber ER, der HERR des Empyreum, sorgt nebst dem Geistigen auch für das Irdische, wenn man IHM allein die Führung überläßt. Du hast recht getan; Samnus ist des Vorzugs geistig und auch irdisch wert.“
Kein einziger Gedanke schleicht sich bei Sanus ein, wie reich er werden könnte. Sein Dank ist ein stummer Händedruck, der Cornelius mehr als Worte sagt. Dann sitzen sie beisammen, als hätte keine arge Welt sie angerührt. Versunken sind des Tages nötige und widerliche Dinge, die so leicht den Menschen von der Lichtbahn drängen. Nach Malluchs Weise steht auch Hilkior auf. Er formuliert des Römers Frage (S. 306, 7) wie folgt:
„Gibt es eine Himmelszeugung? Wenn ja — wie vollzieht sie sich? Kann solche auf der Erde möglich sein?“ „Du hast das so geprägt“, enthält Cornelius sich nicht, „wie ich es fühlen, nur nicht sagen konnte.“ Athaja gibt ein feines Wort dazu: „Gottes Bogen, unter dem wir stehen, offenbart, was wir nicht wissen, aber — brauchen.“ Der Rechtsanwalt spricht weiter:
„Mir war es nicht geheuer, als Simeon mir das Thema übertrug, weil es um Höchstes geht, was bloß hohe inkarnierte Geister auf der Welt begreifen werden, während ich zuwenig davon weiß.“ ‚Mir geht es ebenso‘, denkt der Tribun. „Doch nun stelle ich mich unter Gottes Segensbogen, um das zu empfangen, was ich geben soll. Zuletzt wird Simeon das Fehlende ergänzen.—
Gibt es eine Himmelszeugung? Nach den segensvollen Lehren fällt uns ein ‚Ja‘ nicht schwer, wenn wir diese Ja-Erkenntnis auch nicht voll begreifen. Viele Dinge sehen, hören und erleben wir, die wir nicht verstehen; vieles bringen wir in keine Norm, was sich aber absolut nicht leugnen läßt. Genau so, meine ich, betrifft es unsern ersten Frageteil.
Wir wissen, was mit dem KÖNIG, DER DA KOMMT, zusammenhängt; wir hörten auch, daß es im Empyreum Lichtgeburten gibt. Von denen kommen viele auf die Welt als Männer und als Frauen. GOTT hat sie Sich gebildet, wo und wie Er sie aus Seinem Ursprung hob: lichtmännlich und lichtweiblich! Ob völlig zu erkennen, ob zweifelnd abgelehnt, ändert nichts an Gottes Ordnungsbahn, die Mose in der ersten Schau beschreibt:
‚Gott schuf einen Mann und ein Weib (1. Mo. 1, 27), was sich nicht auf unsere Welt bezog (1. Mo. 2, 7 u. 18), zweitens keine Einzahl war. Das besagt, daß der Herr von Anfang an zwei Arten schuf und sie — als Einzahl dargestellt — vereinigte. Daß im Lichte solche Einung auf ganz anderen Gesetzen steht als das, was wir ‚Ehe‘ nennen, bedarf wohl keiner Aufklärung.
Aber noch etwas ist zu ersehen: Sobald sich dann ein positives und ein negatives Licht zusammenfügen, entsteht ein Strahl, der zum eigenkörperlichen Lichtgebilde wird. Das ist das Kind! Mir ist, als könnte ich es sehen, wie es vor sich geht.“ Ein wenig hebt Hilkior die Augen höher auf.
„Ein feiner Mann, ein zartes Weib. Jeder legt die Hände auf des andern Stirn und Brust. Es bilden sich zwei nebelhafte Strahlen, von den Lichtgestalten selber kaum bemerkt. Die Strahlen nehmen eine Form wie Neugeborene an. Aber sie sind rascher und bald lieblich ausgebildet, etwa wie bei uns die Siebenjährigen. Die Lichtgestalten halten sie in ihren Armen, knieend bringen sie die ‚Lebensfrucht dem SCHÖPFER-VATER dar‘.“
Ungewollt hält Hilkior inne; doch dem Inspirator hingegeben, geht es weiter: „Das Bild zeigt eine Licht-Zeugung, die die Licht-Geburt bewirkt, in einem Akt, was symbolisiert: Aus jedem Urgrundstrahl hat der Schöpfer je ein Lichtpaar werden lassen, aus denen stets ein Kinderpaar ersteht. Welch hoher Schöpferzweck sich uns enthüllt, o Freunde, wir sehen, hören und — wir glauben es! Begreifen werden wir es erst in Gottes Reich.
Damit ist der zweite Frageteil erklärt, wie eine Himmelszeugung sich vollzieht. Schwieriger ist der dritte Teil, ob solche Zeugung irdisch möglich ist, Nein!“ Einige sind erstaunt. Soll nicht der KÖNIG, DER DA KOMMT, nur lichtgemäß geboren werden? ganz außerhalb weltehelicher Norm? Dann müßte aber doch . . . Hilkiors Worte fließen in die fragenden Gedanken:
„Außer bei dem Großen König mögen auch noch andere Lichtgeburten möglich sein. Doch nur da, wo die Eltern paradieshaft züchtig sind, was die Voraussetzung ergibt, daß sich ein Lichtgeist inkarnieren läßt. Auch — sogar erst recht — sind in solchem Falle Zeugung und Geburt ein ‚Akt vom Himmel her‘.
Aber ER, der Schöpfer und Erhalter der Unendlichkeit, braucht für SICH SELBER keinen ‚Akt‘. Nur für Maria, rein gezeugt und also rein geboren, bedurfte es der Einzeugung von essentieller Kraft, die die pur körperliche Form ergibt. Das sah unsre Welt noch nicht! Die vom Licht, wir erleben es an Simeon, fahren ‚wie der Blitz am Firmament dahin‘. Sie sind hier und im Augenblick entrückt, ob innerlich oder auch dem Körper nach, hat keinen Einfuß auf die Dinge, die dabei geschehen sollen.
Maria ward entrückt; ihr Geist samt Empyreumsseele. Gott brauchte ihren Körper nicht, ihm das Samenkorn für jenen Leib zu geben, in den hinein ER SELBST SICH stellen wird. So ‚empfing Maria aus dem Geist im Licht‘ und nicht auf dieser Welt. Aber sie, der Seraph der Barmherzigkeit, durfte das Empfangene herübertragen.“ Wieder muß sich Hilkior besinnen, wo er eben weilt.
Das wirkende Wort spricht weiter: „Nebst der Geistgeburt gibt es aber noch die Bild- und Wortempfängnis, je nachdem der Mensch dazu erkoren ist. Wir erleben es in dieser Gnadenstunde, daß uns das Samenkorn der WAHRHEIT und ERKENNTNIS überkam. Ebenfalls die ‚Zweigeburt‘! Die ist zu pflegen, um aus dem Inneren die Arbeit zu erfüllen. GOTT möge uns zu Zeugen Seiner Wahrheit machen, daß wir in Erkenntnis Seiner Dinge deren Schlüsselträger sind. Dir, Herr der Güte und Barmherzigkeit“, betet Hilkior, „sei Dank, Lob, Preis und Ehre dargebracht.“ „Amen!“
Sprach es Simeon — ? Hanna — ? Nein! Beide drehen sich nach jener unbekannten Stimme um, hin zur Türe, von woher das ‚Amen‘ kam. Ein wundersames Wehen ist zu spüren. Der HERR war da! — ist da! denkt man. Athaja umarmt Hilkior, mit nassen Augen, während Samnus eigenhändig seinen besten Wein spendiert, den er für die ‚himmlischen Gespräche‘ aufgehoben hat. Man trinkt die Becher langsam leer. Hernach sagt Hanna:
„Nun freue ich mich auf Cornelius“. Der winkt trübe ab. Was soll er sagen, das nur annähernd würdig wäre, dem Gehörten nachzusetzen? Der graue Alltag greift nach ihm: das Todesurteil! Ach, hätte er es nicht gefällt! Simeon hat es zwar bestätigt, hat ihn bis ins letzte Lot (hebr. = ca. 2,5 g) entlastet. Doch vom Beten weiß er nichts als einen Traum.
Simeon sieht drein, so — O Königsbote, du hast recht. Was kümmert mich, was ich zu reden habe? Ich bin nicht dazu da, um — — Cornelius fängt damit an, was er aus dem Blick zu lesen glaubte. Er trägt heute eine hellblaue Tunika, darüber eine reich gefaltete Toga aus zartgelbem, bestem Byssus.
„Wer sich rühmt, ist wenig wert; wer seine Arbeit selber lobt, hat sie meistens schlecht getan. Ich weiß, nicht ich kann euch, sondern Simeon muß mich in Gottes Höhe reißen. Wahrheit und Erkenntnis als ein Lichtpaar hat mir gut gefallen, auch von Athaja, daß wir unter Gottes Segensbogen stünden.
Ich öffne jetzt mein Herz und trinke, was das Licht mir spenden will. Ich, von frühester Jugend an in strengem Dienst, oft bis zur Erschöpfung, bin kein Träumer; weder in der Illusion, noch weniger im Schlaf. Ich glaube, wohl noch nie geträumt zu haben. Doch in der vergangenen Nacht kam über mich ein sonderbarer Traum. Höret bitte zu:
Ich überdachte das Gebet, was zu sagen sei und“, leicht verlegen, „schrieb mir etwas auf, kam aber nichts dabei heraus.“ Athaja denkt lächelnd an die einstige Herzparole. „Es ist ganz gut“, sagt der Römer, „Gedanken aufzuschreiben; aber heute gilt nicht unser Wissen und Verstand, es gilt Gottes Wort und Weisheit, die Er uns in Güte schenkt.“ Allerlei von einem Heiden, stellen die Hebräer fest. Nun folgt der Traum.
„Ich stand an einer weiten Halde. Vom Standort aus nach rechts gesehen bildete sich eine große, weiße Wolke, die mir irgendwie als gut erschien. Links überschattete den Haldenrand ein graues, wogendes Gebilde. Das entpuppte sich als Götter aller Art. Ich sah sie deutlich, und war keiner bis auf Pan, der Gott der Hirten und des Waldes, der gut anzusehen war. Grimmig, groß, auf schwarzen, roten und gescheckten Rossen, tückisch, schleichend, Schreck verbreitend, so kamen sie daher. Ich erkannte nun, daß sie auf die lichte Wolke zugetrieben wurden.
Mir standen danach viele Menschen gegenüber. Teils gleichgültig, teils angsterfüllt, beteten sie die Götter an. Diese waren noch mit Netz und Schlinge ausgestattet. Die helle Wolke tat sich auf, und es kam ein Lamm heraus, mit einem menschlichen Gesicht (OJ. 4, 7). Auf dem Rücken hatte es zwei weiße Flügel. Das Lamm verwandelte sich immer mehr in eine Menschgestalt, ohne daß ich‘s richtig sah. Es war eher ein Gefühl.
Bei diesem Offenbarungsbild zerfloß die Götterschar wie Nebel vor dem Sonnenlicht, bis auf Pan, der bei mir stand. Die Leute krallten sich an diese Schemen fest, wobei die meisten ihre Hände bloß wie betend hoben, in Wirklichkeit an ihren Abgott EGO dachten. Und die es taten, versanken mit und in dem Götterdunst. Unter dicken Wolken rasten sie dann ziel- und planlos hin und her. Sie bauten auf, und — sie zerstörten. Nur Pan war da. Ich dachte: Komisch, warum gerade dieser kleine Kauz? Alle Großen und Gewaltigen waren aufgelöst, als ob sie nie gewesen wären.
Inzwischen war das Lamm ein Mensch mit erdfern glänzendem Gesicht geworden. Er kam zu uns und fragte: ‚Könnt ihr beten?‘ Ich erschrak und wühlte im Gedächtnis wie in einem Topf, um ein Gebet herauszufischen. O, dachte ich, nun ist es aus! Du kannst nicht beten, also kannst du nicht darüber sprechen. Meine Augen saugten sich am Hohen Frager fest wie der Ertrinkende an einer Planke, die ihm eine gute Welle zugetrieben hat.
Da fiel mein Blick auf Pan. Der hatte sich geduckt und wies auf jene, die unter ihrem Dunstgebilde rastlos wühlten, aber nichts — ich sah es ganz genau — gewannen; denn ihre Hände waren leer wie mein Gedächtnistopf. Da merkte ich des Pans Gebet: den Armen müsse Hilfe werden, ganz egal, durch wen und wie. Selber fühlte er sich viel zu schwach, vertraute daher jenem Lichtgewaltigen, den wir allgemach erkannten ohne recht zu wissen, wer ER war.
Der Erhabene, zu Dem wir unsre Augen hoch erheben mußten, um Ihn anzusehen, fragte wieder: ‚Könnt ihr beten?‘ Ich sprach: ‚Herr, ich kann es nicht; doch mit Deiner Hilfe will ich‘s lernen.‘ Da traf mich mitten in mein Herz ein Strahl, und mir war, als sei ich neu geboren worden. Pan hob sich ein wenig hoch, mit einer Hand ergriff er scheu den Saum des Kleides, das dem Erhabenen bis auf die Füße fiel. Er sagte zitternd:
‚Herr, ich arme Seele weiß, was Glaubenslosigkeit bedeutet. Mein Gebet war nichts als Sehnsucht, die mich vorwärts trieb: erst aus dem heraus, was bleiern an den Füßen hing: Gewinnsucht, Lasterleben. Ich floh in die Natur, um diese anzubeten. Da glaubte ich, würde meine Sehnsucht Ruhe finden. In der Stille weiter Wälder, in den Hainen bei den Herden, wähnte ich den Gott in mir zu finden. Man kam zu mir, man hieß mich weise und erhaben, und mein Stolz war wie ein hoher Berg. Alle Fragen löste ich; mein Mund quoll über, wenn ich lange Reden hielt.
Aber bald zerbarst mein Stolz, mein Wissen floh wie Dunst. Ein Hirte brachte mir ein Lamm. ‚Du bist berühmt‘, sprach er, ‚heile mir mein Lamm.‘ Aber ach, es starb in meiner Hand. Da sagte er: ‚Das Leben läuft den großen Weg; wir ahnen nicht — woher; wir wissen nicht — wohin. Das nur ist gewiß: Aus dem Lebensbronn des Schöpfers geht ein jedes Leben aus; zu IHM geht es zurück; bei IHM ist alle Weisheit, ohne Anfang, ohne Ende! Nun sei IHM das kleine Lämmlein wieder dargebracht.‘ Und er ging fort.
Ich kroch ihm nach, beschämt. Wo war mein Wissen? Ich versteckte mich, nahe bei dem Hirten. Die mich einst gepriesen hatten, suchten mich umsonst in meinem Haus am Wald. Von da an war ich ‚Pan‘; denn niemand sah mich mehr. Doch ich wußte es erst dann, als ich für die Welt gestorben war.
Die Reue kam zu spät. Die vielen Gaben hatte ich mißbraucht, und ‚gutmachen‘ stand über meinem Wege, lange Zeit. Auf Erden fand ich stolze Worte, im Jenseits blieben sie mir fern, Jetzt habe ich die Sprache wieder, jetzt weiß ich es: Sehnsucht nach dem Licht, nach Gottes Liebe und Barmherzigkeit für alle, die sie brauchen, ist das Gebet, das ohne Worte in die Höhe steigt. Mein Sehnen ist erfüllt. O Herr, wenn Du mich segnen willst, so segne daraus allesamt, die ich im Erdenleben in die Irre führte, die der Irrung nachgegangen sind.‘
Ich war erschüttert. In mir sprang etwas auf, wie das Ei, aus dem das Küchlein kommt: meine Sehnsucht. Ich beugte mich wie Pan. ‚Auch ich, Herr, habe viele Fehler. Durch Deinen Engel riefst Du mich; ich wendete mich ab vom Lug der Bilder, die wir Menschen lieben, denen wir mit Inbrunst dienen, weil — weil wir selbst uns gern in ihnen sehen. Vergib und hilf, ich möchte Dir gern dienen.‘ Es waren arme Worte und ich schämte mich. Der Hocherhabene sah freundlich auf uns nieder. Zu mir sagte Er:
‚Du sollst ein Segen sein!‘ und zu Pan: ‚Gehe hin in Frieden!‘ Da fielen wir uns um den Hals, Pan und ich, und beteten IHN an. Wir hielten dabei unsere Herzen in den Händen und übergaben sie dem Mächtigen statt welcher Worte. Da ging Er lächelnd fort. Doch ein Strahl von Ihm band uns an Seine Gnade fest. — Ich wachte auf. Mein Herz schlug schnell. Im Erwachen, noch halb ab von dieser Welt, kam mir der Gedanke: Er hat mir doch mein Herz belassen, obwohl Er es mit fortgenommen hat. —
Hellwach dachte ich an unsere Götterfeste. Wie öde kamen sie mir vor. Auch gab es kein Gebet; es gab Forderungen: Du oder jener Gott mußt helfen, ich opfere dafür! Die meisten Menschen, früher, jetzt und später stellen statt Gebete Forderungen, ein zugedecktes ‚Herr, Du mußt‘! Im Ruf ‚Herr, hilf‘ liegt keine feste Hingebung an Gottes Willen, der den Menschen unerforschlich bleibt, deshalb eben, weil ihre Bitten, ihr Gebet, genau so in Erfüllung gehen sollen, wie sie sich es sehnlichst wünschen.
Cyrenius hatte sich erbeten, lang in Palästina sein zu dürfen, um Gottes Lehre aufzunehmen. Das Gegenteil geschah. Nun ahne ich, daß der Schöpfer damit einen Plan verbunden hat. Welchen — ? Was habe ich danach zu fragen, wenn es Sein weiser Wille ist? Nie soll eine Bitte fordernd werden, weder offen noch geheim. Mein Gebet soll werden: HERR, lasse DEINEN WILLEN walten, dann kann ich ja durch DEINE GNADE auch ein Segen sein!“
Wiederum ein ‚AMEN‘, von keinem Menschenmund geformt. Cornelius zerdrückt heimlich eine Träne. Er wird umringt; von den Hebräern freudig, von den Römern stolz. Er fragt wie ein Kind: „Simeon, war es recht?“ „Gottes Amen hat es dir bestätigt, kleiner Bruder.“ Da wird der Römer rot vor Freude.
Simeon schlägt vor: „Wir besprechen uns; meine Rede heben wir für morgen auf, wo wir unseres Römerfreundes Gäste sind, vorläufig das letztemal.“ Er macht keine Herzen schwer, daß die nächsten Monde still vergehen und erst Gottes Menschgeburt sie nochmals eint, ehe mehrere die ‚große Straße‘ wandern werden.
Josabad sagt: „Jeder liebe Römer wird uns fehlen; doch wir halten sie im Herzen fest.“ Hanna nickt: „Das äußere Band hilft gut; doch das innere ist transzendent. Für uns gibt‘s keinen Abgrund zwischen unsrer lauten Welt und Gottes stillen Sternen. Der Steg von hier nach dort, von fern und nah, ist die LIEBE GOTTES, über die ein jeder wandeln kann.“
„Das ist ein wahres Wort“, sagt Askanius. „Vergeßt mich nicht, wenn ich allein in meinem Winkel stehe. Holt mein Herz zu euch, so oft ihr euch versammeln könnt.“ Obadnia erwidert: „Hier gibt ein feines Wort dem anderen die Hand! Unbesorgt, es behält dich jeder lieb.“ Während Samnus alle Becher füllt und kleine Kuchen reichen läßt, bringt Nathan etwas vor:
„Ich weiß, das Unerforschliche des Schöpfers ist nicht zu erkennen. Übersehe ich nun unsre Schule, die wir seit fast sieben Jahren haben durften, so komme ich zum Resultat, daß sie wie Wogen eines Meeres Auf und Ab, Gut und Böse zeigen. Soweit richtig. Allein — nun der KÖNIG kommt und die großen Lichter Seines Himmels IHM den Weg bereiten“, er zeigt dabei auf Simeon und Hanna, „müßten dann nicht eigentlich nur Licht und Freude zu uns auf die arme Erde fallen als ein wundersamer ‚Vorgeschmack‘ von dem, was der Herr der Herrlichkeiten bringen wird — — ?
Wir haben das im reichen Maß erhalten. Mich überschauert‘s: Der Schöpfer kommt! ER, Dem Sonnen wie die Lämmer folgen, Dem die Sterne Seine Bahn umsäumen, Dem die Welt am kleinen Finger hängt! Nicht einmal der ganze Tempel ist erwacht; bloß wir wenige von mehr als hundert Priestern, nachdem der Höchste uns gerufen hat wie einst den Knaben Samuel (1. Sam, K. 3). In unserer Vorbereitungszeit müßte es mehr Licht als Schatten geben, müßten allesamt erwachen, um den KÖNIG, DER DA KOMMT, in Liebe aufzunehmen! Das ist‘s, was mich bedrückt.“
Nathan ist keineswegs der einzige, der dem Gedanken nachgegangen ist. Da läßt Samnus sich vernehmen: „Ich dachte gleichfalls über diese Zeit der Vorbereitung nach, glaube aber, daß sich das Dunkel nicht erlösen läßt, würde es vom Licht zurückgedrängt. Gerade wenn der Herr erscheint! Wer kann das Dunkel besser auf sich nehmen als der Schöpfer der Unendlichkeit — ? Er kommt doch nicht des Lichtes wegen, das ER SELBER ist!
Sicher kommt Er zu den Guten, sie zu segnen, sie noch mehr zu festigen. Doch sie haben ja Sein Licht erkannt, wenn manche auch bescheiden. Jene ungezählten abgeirrten Seelen, die errettet werden sollen, könnten die Erlösung nie erfahren, triebe sie des Schöpfers Licht in ihre kahle Schlucht zurück.
Und wir selber? Soll man bloß ans Gnadenvolle denken, das sich leichter tragen läßt als eine Bürde, die den Rücken krümmt? Tritt die Finsternis an uns heran, so doch deshalb, daß wir uns bewähren lernen, zudem, um mittels der Bewährung eine Seele, einen Menschen umzustimmen, wodurch wir deren Bürde tragen helfen könnten. Weiter denke ich noch so:
Güte, Gnade, Liebe und Erbarmung haben doppeltes Gewicht, das den Himmel und die Erde segnet. Die Materie hat nur ein Gewicht: die Last! Sie wird jedoch vom Segen, der dem ganzen Universum gilt, so eingehüllt, wie ein Kranker zwischen Decken; nicht nur drunter oder obenauf. Der Wechsel ist Licht-Dunkel-Licht!, weil der Segen auch Geschwisterstrahlen hat: Kraft und Löse; Ruf und Gnade; Auffindung und Heimführung.
Darum soll man täglich zweimal danken, am Morgen für den Tag und was an ihm der Herr zu schenken weiß; denn auch Lasten sind Sein Gnadensegen; und abends, wenn wir bekennen müssen, wie der Herr so freundlich mit uns war.“
„O“, ruft Galal, „den Wechsel zwischen Licht und Schatten hast du fein herausgeschält!“ „Ich wollte nur „Sei unbesorgt“, Jissior greift nach des Mannes Hand, „viel gab uns dein kurzes Wort. Gewiß ist‘s uns nicht fremd; aber ‚Licht-Dunkel-Licht‘ ist mir ganz neu gewesen. Darum sei dem Himmelsvater Dank, auch doppelt, weil Er es uns offenbarte und — durch dich.“ Dem stimmt man gerne bei. Da ist Samnus froh, daß er als der Gastherr ‚nicht gar zu arm im reichen Kranze saß‘, wie er vorher heimlich dachte. — — Schon ziehen wieder alle Morgensterne auf.
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