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Vorstrahl über Jesus. Joseph. Glaube, Hingabe, Dienstbarkeit, Kraft, Vollkomm…

4.T-Kapitel 6

Vorstrahl über Jesus. Joseph. Glaube, Hingabe, Dienstbarkeit, Kraft, Vollkommenheit der Schöpfung und der Menschen. Die vier Grundvermögensteile. Athajas Rede über die Zehn Gebote. Gott wenigstens aufnehmen oder empfangen? ‚Wo deine Füße gehen, wachsen herrlich neue Werke.‘

Der Tribun wird in der Frühe ins Gebiet gerufen. Er bittet die Hebräer, die Zusammenkunft auf den nächsten Abend zu verlegen. Man ist‘s zufrieden, es gibt ohnehin im Tempel viel zu tun. An diesem Tage wacht Susanna auf. Sie braucht lang, um sich zu besinnen. Ein paar Tage später — vorweggenommen — hat Simeon im Beisein von Obadnia und beiden Hohenpriestern ein vertrauliches Gespräch mit ihr, das Susanna in ein neues Lebensdasein führt. Hieraus ergibt sich später ihre Nachfolge des Herrn (Luk. 8, 3)

Anderntags wird die Rückkehr des Cornelius gemeldet und er freue sich auf heute Abend. Simeon ist abwesend. Der Mittag naht, als plötzlich Joseph von Nazareth erscheint (s. Geburt S. 32, 1). Trotz schlichter Stellung ist er ein Ehrenbürger Judas. Es war nicht von ungefähr, daß er die Königstochter Myriam im Los erhielt. Eilig läßt der Hohepriester seine Freunde rufen und sendet Unnias, Joseph am Innentore zu empfangen.

Bei der Begrüßung hat Athaja ein eigenartiges Gefühl. Man kennt Joseph gut, sein Gesicht, von Lebensrunen tief gefurcht, mitunter ängstlich, aber einer, der die Satzung hält. Jetzt jedoch — ? Er steht aufrecht da. Etwas strahlt aus ihm, das jeder spürt und keiner kennt. Nach dem Willkommtrunk fragt Athaja nach dem Grunde seines Kommens und — nach Maria. Ein unmerkliches Zögern — dann die leise, feste Antwort:

„Maria ruht in Gottes Schoß.“ Das ist nicht übertrieben, Simeon und Hanna zeugten ja von ihrer Auserwählung. Doch blieb der Hinweis ein Fragment. Joseph redet weiter, hastiger, als in der nazaräisch breiten Art: „Ich will Maria zu mir nehmen; ich muß es tun, sie braucht meinen Schutz, als ein vor dem Himmel und vor dem Tempel rechtsverbindlicher Ehemann.“

Die Priester sind erregt, außer Zacharias, der den Zusammenhang von Elisabeths und Marias Schwangerschaft erkennt. Athaja fragt entsetzt: „Du mußt, Joseph? Du willst nicht nur? Abgesehen von der Unglaublichkeit mache ich es geltend, daß du das Mädchen nicht als Weib bekommst! Wie stellst du dir das vor? Was ist passiert?“ Auf seinen Wangen kommt und geht die Farbe. In wachsender Besorgnis ringt er seine Hände: „Nun ist Simeon wieder mal nicht da, wo man ihn so nötig braucht!“

Da erwidert Eliphel: „Brauchen würden wir ihn schon; allein — wir wollen tun, was er uns lehrt: Wahrheit, Ruhe, Gerechtigkeit und sich entscheiden nach dem Willen GOTTES!“ „Allerdings“, gibt Athaja zu, ohne daß die Sorge gänzlich weichen will. Er forscht Joseph aus und dieser sagt:

„Maria wurde gut von mir betreut. Ich gab sie wegen Bauarbeiten erst zu Elisabeth, vor ein paar Wochen zu dem Obersten Thrymatua und seinem einwandfreien Weib. Vor Tagen wollte ich Maria bei der Rückkehr wieder mit mir nehmen.

Inzwischen — o höret her, ihr Priester, du Erde und der ganze Himmel“, Joseph spricht in heiliger Verzückung, „lag sie, von der Welt entrückt, in Gottes Schoß und empfing des Geistes Lohe, die LIEBE als Messias, der unser aller HEILAND werden wird. Leider hat Thrymatua das nicht erkannt und brachte sie, ohne mir Bescheid zu geben, zu Elisabeth. Er nahm an, Maria hätte sich vergangen. Welch törichter Gedanke!

Der Engel Gottes kam zu mir; er gab Anweisung, wie ich zu handeln hätte. Davon streiche ich kein Tüpfelchen! Ich reiste ihnen nach und fand Maria wunderbar behütet bei Elisabeth, die ein gleiches himmlisches Erlebnis hatte wie Maria. Thrymatua war auf dem Weg zu euch. Im Gebirge holte ich ihn ein, wo der Engel uns erschien, der mich zu Elisabeth geleitet hatte. Thrymatua kehrte um. Über euch war er nicht genau im Bilde. Er wähnte, Jojareb und Hilkia mit am Ruder, für die er nicht viel übrig hat.

Der Engel hieß mich zu euch eilen.“ Josephs Worte klingen wie prophetisch, was ein längeres Bedenken dieser Sache nicht am Platz erscheinen läßt. „Nun darf ich jene weiße Rose Jerichos, die feine Lilie vom Tale Gilgath, unser reines Himmelskind behüten. Freilich nur in ihrem Erdenleben. Aber welche Gnade! Dem Höchsten Herrn zum Dienst, dem Himmelskind zur Opferung.“

„Ein Opfer wird es sein!“ So lange darauf vorbereitet, und nun so ungewiß, weltlich ratlos, beinah ängstlich. Was werden ihre Feinde im Synedrion sagen? Wurde Myriam so schlecht erzogen, das sie — kaum vom Tempel fort — ein Kind gebären soll? Welches — ? Ach, wer fragt danach! Was werden Judas Älteste bedenken? Wird es nicht heißen, Athajas Freunde, die verhaßten Römer, hätten schlimmen Einfluß auf das Kind gehabt? Ihnen sagt man eben nach, was als Dreck am eigenen Stecken klebt.

Athaja geht hastig auf und ab. Hm — manch alter Mann nimmt sich ein junges Weib, zumal in zweiter Ehe, was auf Joseph trifft. Aber halt! er hat eine handvoll Söhne, davon drei, die etwa — — ? Athaja fragt den Nazarener aus. Dieser schüttelt seinen grauen Kopf, daß dergleichen nicht in Frage käme.

Indessen schreibt Zacharias auf, was er zu sagen hätte. Athaja überfliegt die Tafel. Dabei strömt das Licht wie neues Blut durch seine Seele. Sich setzend liest er das Geschriebene vor, unbedingt dem Höchsten zu vertrauen. Oft habe Simeon darauf hingewiesen, daß aus Mariens Schoß GOTT SICH SELBST als LIEBESOHN gebären ließe, um die Materie zu befreien, die Abgeirrten zu erlösen. Und der Engel wäre dagewesen. So sollte man des Himmels Anweisung befolgen, wie Joseph sie empfangen hätte.

Zacharias Meinung gibt den Ausschlag. Auch ohne das Synedrion ist eine Eherolle zu erteilen, wenn sie von den Hohenpriestern und den Tempelrichtern unterzeichnet wird. Man zieht Hasabra, Josabad und den Anwalt Hilkior zur Unterschrift hinzu, sieben Namen. Joseph will zwei Turteltauben und zwei junge Tauben opfern. Nach der gültigen Entscheidung sagt Athaja:

„Die Gegner werden uns ein Nachspiel liefern und Joseph und Maria vor das Hoheratsgericht zitieren. Ihr wisset, was das zu bedeuten hat.“ Joseph erwidert: „Ich bin ruhig, auch wenn man uns ein Gift zu trinken gibt. GOTT leitete Israel vom Nilland aus; ER brachte es durchs Rote Meer; ER führte es vierzig Jahre durch die Wüste. So wird ER auch die Unschuld Myriams beweisen, wie die meinige und die meiner Söhne. Ich vertraue auf den Herrn!“

„Das ist Glaube, wie er im Himmel herrscht!“ Ach, die gute Stimme vom Eingang her. Im Nu wird Simeon umringt. Joseph, der ihn noch nicht kennt, starrt ihn eine Weile an, beugt dann beide Knie vor ihm und sagt: „Nimm meinen Dank aus tiefer Demut an, trage ihn zu meinem und zu deinem Herrn hinauf.“ Der Himmlische hebt den alten Joseph auf, ihm sagend:

„Halte dich an das, was der Höchste mit dir tut. Jetzt ruhe dich erst aus.“ „Nein“, lehnt Joseph dankend ab, „morgen reise ich nach Nazareth. Auch weiß ich nicht, wann für uns die mühevolle Zählung kommt, vor der mir bangt.“ „Unbesorgt“, sagt Josabad. „Benjamin und Juda hat ein guter Römer übernommen; er stationiert in Bethlehem, wohin du mit deinem Haus gehörst.“

Joseph will zu Hanna gehen, Marias Grüße auszurichten. „Du wirst von uns betreut“, sagt Eliphel. Daß Joseph aber schon nach einer Stunde einen ‚Schutzbrief‘ des Tribuns in Händen hält, zählt er zu den Wundern, die ihn segnend überfallen haben. Es wird noch eifrig diskutiert. Jedem ist‘s ein Wunder, wie alles, seit Simeon zu uns gekommen ist“, bekräftigt Nathan.

„Nicht nur das“, ordnet jener die Gedanken. „Sonne oder Mensch, Zeder oder eines kleinsten Vogels kleines Ei sind Offenbarungen des Schöpfers, die Er in Seine Zeiten legt. Das steht so viel höher als menschliches Bedenken, wie der Himmel überm Meer. Doch aus unbedingtem Glauben, Hingabe an des Höchsten Willen, Dienstbarkeit, wie das Universum seinem Schöpfer dient, schöpft man jene Kraft, die aus Seinem Geiste kommt. Heute wurde sie euch inne, wenn euch auch erst Josephs Sache ungut dünkte. Denn Gottes Same setzt bei Jedem Blüten, Blätter und die Früchte an.“

Athaja zeigt auf Zacharias: „Er hat das Licht erkannt.“ Simeon nickt: „Für diese Welt! Im Licht gilt euer aller guter Wille, weil ihr euch vom Schöpfer formen laßt. Bei manchen war die Seelenform erst zu zerschlagen (Jes. 64, 7; Jer. 18, 4), doch dem Hohen geht kein Bröselchen verloren. Und wer willig ist, erhält bei seiner Umformung noch manche Lichtsubstanz hinzu.“

„War das ‚Menschgefäß‘ denn nicht vollkommen?“ fällt Chol-Joses ein. „Es heißt: ‚Gott schuf den Menschen SICH zum Bilde!‘ Gott ist vollkommen; also muß das Bild, obzwar in Kleinstformat, vollkommen sein. Kommt jedoch bei einer Umformung, die oft geschieht, noch eine Lichtsubstanz hinzu, so war der Mensch kein volles Maß oder — nun ja“, der Schulobere bemängelt selbst sein Gleichnis, „ — alle Werke Gottes sind vollkommen.“

„Wir heben uns die Frage auf den Abend auf“, erwidert Simeon, was alle freut. Athaja möchte Joseph auch mit laden, aber Simeon wehrt ab: „Er ist von Gottes Auftrag restlos ausgefüllt; und obwohl er aus dem Frommsein der Erwählte wurde, würde unser Frommer dies noch nicht begreifen, daß ihr und Römer, eure ‚heidnische Besatzung‘, Freunde seid.

Bei ihm muß erst der ‚Stern von Bethlehem‘ erscheinen, in mancher Hinsicht auch bei euch. Außerdem ist er von vieler Arbeit müde, von der Sorge, die ihn schwerer als ein Dachfirst drückte.“ — Man ruht sich vor dem Abenddienst ein wenig aus. Jissior vertritt Athaja, der sein Haus bestellen will.

Der Abend eint die Freunde an dem Tisch des Hohenpriesters. Wie üblich, werden eine Reihe Fragen aufgestellt. Die erste gilt zum andernmal dem Sinai-Gesetz, ob die von Gott gegebenen Gebote auch im Lichtreich gültig wären, ob nur zum Schutz der Frommen und zum Einhalt aller Bösen auf der Welt.

Weiter: Simeon hätte anbefohlen, das Volk dahin zu bringen, Gott aufzunehmen (S. 300, 7), und ob ER davon abhängig sei. Er käme ganz bestimmt auch ohne Willigkeit der Menschen, da die Himmelszeugung vor sich ging, was Cornelius zur Zwischenfrage über die besagte Zeugung drängt. Chol-Joses bringt noch die zurückgestellte Frage vor (S. 322, 3) und Samnus eine fünfte, ob man alle vorgeschriebenen Gebete täglich respektive öfter beten und dabei stets die gleichen Worte sprechen müsse.

„Eine handvoll Fragen“, lacht Galal, „schön und interessant.“ Sagt Hanna: „Das Schöne gilt; das Interessante können wir uns schenken. Danach greift die Welt zum Zeitvertreib.“ Forestus, der sich neben Hanna nie den Platz entgehen läßt, fragt: „Ist es das Wort oder nur der Sinn, dem du widersprichst?“ Er zeigt auf sie und Simeon: „Was ihr offenbart, interessiert mich immer sehr. Ich bin begierig, viel zu hören und zu lernen.“

„Galal hat es ebenso gemeint“, lächelt Hanna. „Allein — man nimmt zu leicht ein Weltwort für die Hohe Gottessache an, was den wahren Kern verdeckt, wobei der Lichttrieb, nennen wir ihn den Erkenntnistrieb, durch den Ausdruck Interesse angekränkelt wird. Böse oder unbedachte Worte können bitter schwer verwunden, bis ein Herz davon nicht heilen mag.

Du, lieber Galal, hast nicht falsch gesprochen. Dein Gedanke und die Worte waren recht. Es sollte nur zur guten Lehre dienen, weil nicht zuletzt bei manchen unscheinbaren Dingen sich das wahre Große offenbart, wie unzählbare Gräser eine Wiesenau ergeben, ungezählte Blätter einen schönen Baum, wie die zahllos hellen Sterne Gottes Firmament! Das Kleine offenbart sich durch das Große, und das Große reflektiert bis in das Kleinste.“

„Echt Prophetin“, ehrt Pashur sie. „Ja, man redet viel und tappt dabei so oft daneben. O welche Gnadenzeit, daß wir vom Himmel eine Lehrerin und einen Lehrer haben und . . . “ Hilkior ergänzt: „ . . . die uns unterweisen, soweit es für uns dienlich ist.“ Da sagt Simeon mit feinem Augenblitz:

„Gut, Hanna eröffnet unsern Reigen mit Chol-Joses Frage. Über die Gebote kann Athaja, unser Gastwirt, beste Auskunft geben. Für GOTT auf Erden aufzunehmen wird Malluchs ‚stilles Wasser‘ fließen. Des Cornelius Frage übernimmt Freund Hilkior, und jene über das Gebet von Freund Samnus hürden wir Cornelius auf.“

„Mir — ?“ ruft der Tribun entsetzt. „O Simeon, was weiß denn ich schon vom Gebet? Überdies“, sucht er sich herauszuwinden, „hast du dich gedrückt, was einem, fern von der Erde her, ungut zu Gesichte steht. — Lehre mich erst einmal richtig beten.“ Innig nachgesetzt. Simeon erwidert:

„Bin ich von fernher gekommen, muß ich wissen, wie der Herr euch schulen will.“ „Ich beuge mich vor Seinem hehren Willen“, bekennt Cornelius. „Bloß das Beten — ich kann‘s noch nicht.“ „Das wird sich weisen.“ Ein liebes Lächeln. „Ich helfe dir, wenn du — etwa stecken bleibst.“ „Und die Blamage?“ wagt jener noch den Einwand. „Wessen Zunge stecken bleibt, des Herz kann dennoch weiterwandern; aber wer in seinem Herzen stockt, dessen Mund mag überfließen, — er erreicht den Himmel nicht!“

Jissior begeistert sich: „Du bist Gottes bestes Sprachrohr, ohne dich würde unser Abend voller Lücken sein.“ „Und wenn ich nicht mehr bei euch bin?“ fragt Simeon. „Der ‚Außendienst‘ hört einmal auf.“ „Ja, Simeon, das äußerliche“, sagt Thola ernst. „Solang wir leben, werden wir das nie vergessen, was wir durch dich aus Gottes Güte und Barmherzigkeit geworden sind. Es bleibt haften, was du uns vom Lichte brachtest.“

Da strahlt es aus dem Himmlischen hervor: „Seid getrost! Gottes Güte währet ewig (Ps. 106, 1), auch jeder Strahl, den Er einem Kinde offenbart. Um euch zu beruhigen, bleibt mir übrig, was Mutter Hanna über Wort und Ausdruck sprach. Was heut‘ nicht fertig wird, heben wir für morgen auf. Denn für Samnus ist es eine große Freude, wenn auch bei ihm das Empyreum wirkt.“ Der Handelsmann wird überrot; vor Verlegenheit verbeugt er sich bis fast zum Boden. Die Prophetin fängt als Erste an:

„Um festzustellen, ob ein Mensch vollkommen ist, muß man etwas vom Vollkommenen wissen. Gottes Gaben, Wege und Gesetze sind vollkommen (Ps. 18, 31; 19, 8; Jak. 1, 17). Der Herr als Träger der Vollkommenheit ist sie auch Selbst! Demnach müssen es auch Seine Werke sein; denn ‚Sonnen werfen keine Schatten‘!

Weil der Mensch von Jugend auf nach Bösem trachtet, daß es Gott gereute, sie gemacht zu haben (1. Mo. 6, 5 – 6; 8, 21; Jes. 42, 20), wäre ja erwiesen, daß sie nicht geraten waren (Jer. 18, 4). Am Anfang hieß es aber: ‚Und siehe da, es — das Werk — war sehr gut.‘ Demnach mußte auch der Mensch, sofern er aus dem Himmel kam, in sich vollkommen sein; vollkommen freilich nach der Art, in der der Herr aus Seinem Eigen-Geiste ihm den Funken gab.

Nach diesem Funken als dem ‚Anbild Gottes‘ wird die innere und äußere Form geprägt. Dagegen die Entwicklung — wir sprechen von den Menschen — ‚ die der Schöpfer ihnen überläßt, ist an das Werdende gebunden. Werden und Entwicklung würden nutzlos sein, wären sie vom Geiste her bereits vollkommen, Es ist aber so:

Beides ist die Straße zur Vollendung. Das Vollkommenste ist in der Materie nur im Kleinstmaß zu erringen. An sich ist das Geschaffene vollkommen, was sich zuerst im Äußeren entpuppt. Denn im UR-Prinzip braucht die Gottheit weder die primäre, am wenigsten die sekundäre Darstellung; auch kann kein Geschöpf die primäre Gottheit sehen, die nur in eigener UR-Wesenheit schaffend existiert.

Die Geschöpfe sollen über die Vollendungsmöglichkeit zur eigenen Vollkommenheit gelangen, Gott erkennen, was möglich ist, wenn ihr Geistanteil die UR-Gottheit in irgendeiner Form erblickt! Was lag näher, ihnen dieses zu erleichtern, indem Gott Sich die sekundäre Ansicht gab, die zugleich die Reflexion der Kindgeschöpfe war: das Bild, nach welchem sie geschaffen wurden.

Das betrifft den ersten Teil geschöpflicher Vollkommenheit; denn die sekundäre Darstellung ist der Reflex urprimärer Wesenheit. Im zweiten Teil kann man Gott erkennen, lieben und Ihm dienen. Jedes Kind kann das erwerben. Auch den Gefallenen wurde es nicht weggenommen. Ein Vollkommenheitsanteil ist kein eigener Besitz, sondern eine Investition, die der Herr aus Seiner Macht zum Kraftkapital für das Geschöpf gestaltete. Das und die Möglichkeit, es anzuwenden, führt zum dritten Erbanteil der Kinder.

Ich wiederhole: Der erste Teil als Eigentum des Schöpfers ist für die Gechöpfe sekundär, weil sie nicht primären Ursprungs sind. Über dieses Lichtvermögen verfügen alle Kinder unbewußt, was so zum Ausdruck kommt, daß keiner sich vernichten kann. Der Schöpfer kann sie ändern; allein — ihre Ursubstanzen bleiben das, was sie vor der Investierung waren.

Den zweiten Anteil kann das Kind verwenden. Guten Sinnes, lassen sich der dritte und der vierte Anteil steigern. Wer sie verschleudert, dem nimmt Gott sie weg, bis er durch die Armut zur Erkenntnis kommt, was durch Sehnsucht nach dem Einst (Luk. 15, 16-18) ermöglicht wird. Solchen Abgewichenen bleibt ernstlich nur im dritten Teil ein ‚Rückkauf‘ übrig.

In diesem Teil liegt auch die urgemäße Gabe, der ‚Anspann‘, der zum Ansporn dient. Da hat die Gottheit herrlichst vorgesorgt und als Spiegelung des Eigen-Bildes in und an dem Kind ihm diesen Teil als sogenannte ‚Wucherkraft‘ (Luk. 19, 15-23) vermacht, mit der es tätig werden kann. Aus diesem dritten, dem primären Anteil, hat der Höchste auch den Weg für Sich zur Sühne angetreten, als SOHN, der die TAT vollbringt!

Darum kommt der Menschensohn wie in eigener Person. Er wird vom ‚Vater‘ sprechen, Dessen Liebeteil ER SELBER ist (Joh. 14, 7-9)! Ein Gleichnis: man kann aus diesem dritten Anteil selber handeln. Da beginnt der eigentliche Weg zur geschöpflichen Vollendung, der alle Kinder, alle Werke unterworfen sind.

Die drei ersten Teile sind investiert, gleichgültig, ob und wie man sie verwendet. Das vierte Grundvermögen ist jedoch nur aus der Inanspruchnahme der drei ersten zu erlangen, wobei das ‚wie man es tut‘ der Pendel ist, der die Maße der Vollendung zeigt, die dann die Ursubstanzen der Vollkommenheit in stabiler Lebensherrlichkeit enthüllen. Denn das Vollendetsein des Kindes an allen Abenden der Schöpfungstage ist die Investierung eines neuen Grundvermögens für den nächsten Schöpfungstag.

Auch enthält der vierte Teil das ‚Rückbringgut‘. Ja noch mehr! Da erlangt das Kind den Spannungsbogen, mit dem es aus Geschöpf, Geist und Seele des Vaters ‚Herzkind‘ wird. Was als Lichtzubuße bei der Umformung erscheint, liegt in allen Reichsanteilen fest verwahrt. Für den Materieweg gibt es obendrein noch einen Zusatz, weil die Finsternis viel Licht verschlingt. Sie lebt davon, obwohl sie es nicht weiß noch wissen will. Hier gilt das Wort: ‚Alle Dinge müssen Gott zum besten dienen!‘

Nun wisset ihr, daß vom Schöpfer aus die Menschen auch vollkommen sind, aber jedes Kind zu seiner Seligkeit und ewigen Lebendigkeit die Straße der Vollendung wandern muß, um in eigener Vollendung die ‚Vollkommenheit der Schöpferwerke‘ zu erblicken.

Der erwähnte Spannungsbogen zeigt die Art der Investierung aller Gottheitskräfte an. Der Aufbau ist des Schöpfers Tat, durch welche das Geschöpf sein Leben hat. Die Richtung, im priesterlichen Geist verzeichnet, ist im Sekundären ausgeprägt, bei welchem das Geschöpf schon selbst mit handeln kann, während ihm der Lauf dann überlassen bleibt. Das Ziel liegt grundsätzlich wiederum bei Gott, allerdings nun so, daß das sich vollendende Kind Mit-Träger dessen ist, was der Schöpfer in die Werke investiert.

Die Schöpferwerke sind vollkommen“, schließt Hanna ihre Rede, „ob auch ein Kindgeschöpf es nicht erkennt, zumal auf dieser Welt. Im Rahmen jedes Schöpfungstages liegt für den, der eben zur Vollendung strebt, das Tageskleid (OJ. 7, 13) bereit, in welchem er sich auch vollkommen sehen kann.“

Nach langer Stille hört man Galal seufzen: „Wenn man das behalten könnte!“ Hanna tröstet: „Ihr freuet euch, und die Freude ist die Kapitalsanlage, die keinem je verloren geht. Euer Geist, der sie behält, nähret davon eure Seele; und das Herz ist dieses Schatzes Schrein. Es ist ohne Wichtigkeit, wenn das menschliche Bewußtsein einiges verliert.“

„Das macht mich froh“, sagt Athaja. „Möge Gott in Freundlichkeit bedenken, wenn meine Rede unzulänglich wird.“ „Fange nur erst an“, ermuntert Simeon, „dann zeigt es sich, wie hoch du schon geklettert bist.“ „Weißt du, Simeon“, sagt Eliphel, „nebst dem Himmlischen an dir, was uns manchesmal bedrückt, ist das Schönste, daß du mit uns Menschen menschlich bist — wie eben jetzt.“

„O, auch der ‚inkarnierte Gott‘ wird menschlich wirken, und Sein Licht (Joh. 1, 1-5) wird vielseits nicht begriffen werden. Man wird in der Zukunft Gottes Rock und Mantel teilen (Joh. 19, 23-24), als ein Glaubenssatz an mehrere Personen. O — nie wurde ein ‚Wir sind‘ gesagt! — Nun aber hurtig weiter; denn die Zeit und ihre Augenblicke sind ein Grundvermögen, mit dem man sparsam umzugehen hat.“ Und es beginnt der Hohepriester:

„Werter Simeon, du hast den großen Punkten nach das Gesamtgesetz erklärt (S. 297, 4-300, 7). Schon die Gegenüberstellung eines Segens und der Strafe zeigt das Heil von Sinai, wie Gott dem Wandervolke half, oft unverdient, sogar ausgeschlagen. Doch haftet den Geboten erst der Segen an, an den der Herr Sich Selber angebunden hat, durch die Erhaltung Seiner Werke. Ist das so richtig?“ fragt Athaja. Nach Bestätigung spricht er weiter:

„Ist das Grundprinzip ein Segen, der vom urprimären Licht der Gottheit stammt, so müssen die Gebote in essentieller Art im Lichte Gültigkeit besitzen, wie irdisch auf der armen, kleinen Welt. Ich beziehe mich auf Simeons Vergleich (S. 300, 2). Was ist wichtiger einzuhalten: den Feiertag zu heiligen oder nicht zu töten. Diese zwei Gebote haben eine konsequente Scheidung; denn unmöglich kann das fünfte auf das Licht entfallen, und das dritte braucht es nicht; denn im Empyreum hält man alles heilig. Man wird da auch nicht ehebrechen, stehlen, falsches Zeugnis reden oder gar des andern Eigentum begehren.

Dennoch muß an den für unsre Welt gegebenen Geboten irgend etwas himmlisch sein, weil sie samt und sonders das Gesetz des Höchsten sind. Simeon hat uns oft die UR-Gottheit erklärt, ihr Herz- Symbol als Schöpfer-, Priester-, Gott- und Vaterteil, was entsprechend den vier ersten Grundgeboten gleicht, dadurch erhärtet, weil diese auf der ersten Gottestafel standen.

‚Ich bin der HERR, es gibt keinen andern außer MIR; und du, Mein Kind, sollst keinem andern dienen neben MIR!‘ Zweifelsohne gilt das auch dem Empyreum, unabhängig davon, daß dessen Volk die Gottgebote hält. Daß dies nötig war, beweist das erste Kind, welches sich zu einem Gott erheben wollte.

Dergestalt wurde es zu einem Götzen, der nicht angebetet werden darf (OJ. 14, 9 pp). Ein Drittel (OJ. 8, 7-12; 9, 15; 16, 19), jene, die Sadhana sozusagen ‚außen auf der Schale‘ machte (s. Urwerk), dienten ihr, dem gewordenen Luzifer. Dadurch ist auch für das Licht des Gebotes Gültigkeit bewiesen.

‚Du sollst Gottes Namen nicht mißbrauchen!‘ Das hat Sadhana bei ihrem Fall getan; sie hatte jede Mahnung außer acht gelassen. Der Priestersegen ging ihr so verloren, wodurch ihr Geistesanteil verborgen ward. Die Mißachtung des ersten Grundgebotes rief die geschöpfliche Veränderung hervor: Sadhana-Luzifer! Ihr Anhang fiel mit in die zweite Übertretungssünde.

‚Du sollst den Feiertag das Feierliche — respektieren!‘ Zu Zeiten und an Orten, wo niemand wirken sollte, schuf Sadhana aus der ihr übergebenen Kraft, was und wie sie wollte. Im Sankt Sanktuarium, dem feierlichen Hausgehege, wollte sie nicht bleiben, nichts von Gottes Güte wissen. Wie das ‚Wild im Freien‘ schuf sie ganz nach ihrem Sinn. Also übertrat sie auch das dritte Grundgebot.

Ihr zwar noch gehaltenes doch bereits des Lichts entblößtes Wesen verstieß gegen jene dritte Heiligkeit, die Simeon als ‚GOTT‘, uns ein mehr verständlicher Begriff, erläuterte, und in deren Spiegelung jedes Kindes Seele steht. Hierin entfernte Sadhana sich innerlich von Gott. Der Segen aus dem vierten Grundgebot hielt sie noch fest; aber ach — was machte sie daraus — — ?

‚Du sollst Vater und Mutter ehren!‘ Vom Vater kehrte sie sich ab und verachtete die Mutter: die hohe Heimat, die der Schöpfer Seinen Lichtgeborenen herrlichst zubereitet hatte. Was sind die Mutterarme einer Frau, was ihr warmes Herz im Gegensatz zur Mutter Heimat, im Licht die Hütte als die treue Hut des Vaters, wohin ein jeder gehen kann?! Was wäre diesseits unser Leben, wenn wir nicht wüßten, daß im Jenseits eine Heimat (Joh. 14, 2), ein Vater auf uns wartet?“ Alles hängt am Mund des Redners, fasziniert, der kaum selber weiß, was ihm über seine Lippen kommt. Er spürt auch nicht die Tränen, die in seinen Augen glänzen.

„Sadhana, nun die Lo-Ruhama, verlor das Elternhaus; man trieb sie fort. Sie hatte im Prinzip der Vierwesenheit die vier Grundgebote übertreten. Mit ihrer Austreibung verschwand die Möglichkeit, die Gebote weiterhin im Lichte zu verletzen. Vom Reich zwei Drittel, die Gott-Getreuen, hatten sich bewährt und richteten die Tafel wieder auf, dahingehend, daß sie für die Abgestürzten die Gebote doppelt hielten: lichtmäßig und durch einen Inkarnierungsweg (Sinnbild für die Mose‘s Tafeln).

Die sechs anderen Gebote bieten den Gefallenen und Menschen jene Möglichkeit, den Segen der vier ersten nachträglich oder wieder zu erwerben. Selbst wer die ersten hält, wird ihres Segens nicht teilhaftig, sobald er ein Gebot der zweiten Tafel übertritt. Ja — zwei Tafeln: für das Licht, für die Materie; und für unsere Erde zweimal hergestellt! — Laßt uns für die Armen bitten, daß sie die vorbesagten Eltern wiederfinden können; denn wie schwer, wenn jemand ‚draußen‘ (Kol. 4, 5; OJ. 22, 15), in der Nacht, verirrt und elend ist.“

Ein stiller Segen füllt den Raum. Athaja ist voll Freude. Ach, er dachte früher streng politisch, und jetzt — jetzt kann er geistig reden. Jaor sagt verhalten: „Der ‚siebenfache Geist des Herrn, der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Stärke, Erkenntnis und der Furcht des Herrn‘ (Jes. 11, 2; Sach. 4, 2) bezieht sich auf den Heiland und Erlöser, auf den KOMMENDEN.

Simeon hatte es beim schönen Gastmahl des Quirins uns offenbart (S. 173, 3-6). Heute haben wir aus Gottes Grundvermögen einen Rückstrahl dieses siebenfachen Geistes wundersam erlebt, bei der Prophetin und beim Hohenpriester. IHM, Der alle Gaben gibt, sei dafür ewiglich gedankt.“

Athaja fühlt sich unvermögend, weil er . . . Simeon unterbindet den Gedanken: „Was habe ich gesagt? Unser Freund ist die Himmelsleiter hurtig hochgestiegen.“ „O Simeon, ein ‚Anderer‘ sprach aus mir; nur meine Zunge habe ich bewegt.“ „Höre“, mischt sich Hanna ein, „es ist zwar gut, Gott allein die Ehre zu erweisen; doch deine Worte kamen aus der Tiefe deines Herzens.“

Hilkior und Malluch denken in der Freude nicht daran, ob auch sie den siebenfachen Geist empfangen werden. Nur Cornelius wischt sich heimlich seine Stirne ab. Simeon lächelt. Der Tribun spürt gleich warum und sagt: „Dir entgeht doch wirklich nichts!“ „Nein, mein Bruder; um so weniger, da heute ganz besonders Gottes Gnadenstrahl erschienen ist. Und von jetzt an wird er bei euch bleiben bis zur Offenbarung in der Menschgeburt.“

„Wer wird sie erleben?“ „Alle Alten die Geburt und Darstellung“, verheißt das Licht. Der Duumvir, der in Kürze gehen muß, murmelt vor sich hin: „Ich hätte Ihn so gern gesehen. Wie muß einem sein, wenn man vor seinem Schöpfer steht?“ „Den Guten gut, den Bösen böse. Du erlebst noch manches Licht.“ „Ich danke sehr.“ Der Römer findet keine andern Worte für den verheißungsvollen Weg.

„Jetzt spricht Malluch“, sagt Jissior, dem kein Gedanke kam, daß ihm ein Hauspriester zweiten Ranges vorgezogen worden war. O auch das ist eine Lehre aus dem siebenfachen Geist. Ihm fällt ein, daß sie sieben Stufen haben: Hohepriester, Synedrionsräte, Richter-, Lehrer-, Haus-, Vorraum- und Unter(Wärter)priester. Und jede Gruppe kennt zwei Ränge. Wie wunderbar.

Indessen ist Malluch aufgestanden. Fühlt er sich dadurch erhoben? An den Freundschaftsabenden blieb jeder Redner sitzen. Bloß Simeon stand manchmal auf. In Malluch wurde ein Gedanke angezündet. Er sagt: „Wirket unterm Volk, damit es darauf vorbereitet wird, den Höchsten aufzunehmen. O, soll das Volk nur vorbereitet werden? Wir waren bei der Anmahnung bedrückt, trotzdem des Himmels Engel uns entlastete, als ob die Vorbereitung in uns abgeschlossen wäre. Wie sieht es wirklich aus?

Wir gehören mit zu Israel, das nur darum Volk bedeutet, weil GOTT Sich dieses Land und diese Zeit ersah, wo Er als Mensch erscheinen will. Warum der Herr das tut, wird lange ein Geheimnis bleiben bis auf die Erkenntnis, daß Gottes Volk das Lichtvolk ist. In diesem Sinne — aus der primären Grundrichtung — sind unsere lieben Römer ebenfalls dem Volke Gottes zugehörig.

Wir hörten öfter, und der Hohepriester hat es wunderbar an den Gesetzestafeln demonstriert, daß es bloß zwei Universumsteile gibt: Empyreum und Materie! Sehen wir uns aber erst als Teil des Volkes an, dem das Wort gegolten hat, hören wir zuerst auf Gottes Ruf, so können wir am besten unterm Volke wirken, weniger mit Worten, die wahrscheinlich nicht viel nützen, als mehr durch unsern Glauben und durch unsere Lebensart.

Fest steht, daß wir dank der großen Hilfe so gut als möglich an uns wirken konnten. Der Fortschritt sei des Höchsten Lob und keine Eigenschmeichelei. Davon hat uns Simeon geheilt! Die Arznei war manchmal bitter und die Salbe scharf, doch das Linnen lind, mit dem er unsere Unzulänglichkeit verband. Wohl nur hieraus wurde unsere Bedrückung fortgefegt. Dennoch sollen wir im Volke bleiben; denn von außen gibt es wenigen Kontakt.

Wie waren unsre Herzen früher ach so leer, wenn wir eine Predigt hielten. Die meisten Leute hörten mit dem halben Ohre zu, weil die innere Verbindung fehlte. Mich hat das ‚wenigstens‘ bedrückt! Das ist zwischen Gott und uns ein Abgrund, den das Weltliche und unsers Glaubens Lauheit gruben. Kann denn der Herr nicht mehr als nur ein ‚wenigstens‘ verlangen — ?

Bereiten wir uns vor, den Höchsten aufzunehmen. ER kommt! Wer kann IHN daran hindern — — ? Nimmt man einen Bettler auf, dann freilich nur vorübergehend; man ‚empfängt‘ ihn nicht. Bei lieben Gästen ist es anders. Da bereitet man sich vor; und wenn sie sich zu Hause fühlen, ist es einem angenehm.

Ist Gott ein Gast — ? ist Er ein Bettler — ? Oder kommt Er in Sein Eigentum, aber ‚Ihn empfangen‘, davon keine Spur (Joh. 1, 11)? Braucht man Ihn bloß aufzunehmen, was ich mit Anerkenntnis übersetze, weil Er in keine Fremde kommt? Auch die Erde ist Sein Werk, zweckgebunden aus dem Fall. Wir Menschen sind Sein Eigentum, ER hat uns gemacht. Geist, Herz, Seele und Gemüt — können wir sie selbst in unseren Körper senken? — ? Nein!

Wir sind Fremdlinge und Gäste (1. Chron. 29, 11-15), vorübergehend in den Stand gesetzt, den Erlöser zu empfangen. Nicht allein ein Wenigstens! Wenn ich aus der Reihe brach und mich erhob, so war das ein Symbol. Ich wollte im Verein mit euch den HERRN empfangen, den einzigen, Schöpfer, Priester, Gott und Vater, wie Simeon Ihn herrlichst nahebrachte, daß wir Ihn erkennen konnten, ganz anders, als es bisher möglich war.

Ich glaube fest, daß dergestalt Gott immer bei uns ist; denn das weltkörperliche Kommen ist das Dach, das Er auf die ‚hehre Hütte der Erlösung‘ setzt! Daß wir als Hausverwalter öffnen, Ihn in Seinem Eigentum empfangen können, das sei IHM zu Lob und Dank bekannt. ER gab uns die Fähigkeit und Seine Lehrer, uns zur rechten Zeit noch umzuwenden.

Aber ach — die Masse wird bloß dann Bereitschaft zeigen, wenn sie von Seinem Kommen materiellen Nutzen sieht (Joh. 6, 30. 42). Sie wird den Heiland von sich weisen, wenn Er nur den Himmel bringt. Dann gibt es nicht einmal ein ‚wenigstens‘! Allein — etwas ist von uns zu tun.

Laßt uns Ihm entgegen gehen und Ihm sagen: ‚Herr, komm, und bleibe hier (Luk. 24, 29), die Welt steht nahe vor der Nacht. Für alle, die Dich nicht erkennen, bitten wir: Laß ihre Seelen um uns sein, damit auch sie den Segen Deiner Einkehr haben! Nimm fürlieb mit dem, was wir Dir zubereiten konnten; sieh es an, als hätten auch die Armen ihre Scherflein hergebracht.‘

Bliebe aber auch das ‚wenigstens‘ noch unerfüllt, was dann? Hängt das Kommen davon ab, wenn die Vorbereitung voller Mängel ist? Viele denken nur an ihre Stater, von der Lauheit ganz zu schweigen. ER kommt! Doch zu uns, wenn die meisten des Messias nur in altbekannter Weise warten, Er würde Davids Thron besteigen — ? Er kann nach Rom, Chaldäa oder Persien gehen, — an uns vorbei, wenn wir und das Volk die Herzenstür nicht öffnen. Ja — Er kann — —

Trotzdem kehrt er bei uns ein, sogar dann, wenn bloß zwei oder drei versammelt sind. Und — “ Rührung übermannt den Redner, „unsere kleine Myriam darf des Heilands Mutter werden — für die Welt! Wer hätte das gedacht! Also hat der Herr den Tempel, der so lange durch Geschlechter böser Könige und falscher Priester wüst und öde war, Sich ausersehen, sicher weniger unsertwegen, als mehr im heiligen Symbol vom Empyreum her.

Hohe Freude! Wir haben einen Anteil an der ‚Heiligen Geburt‘. Da trifft‘s zu: Wenigstens für diese Zeit, in der es“, Malluch deutet auf die Oberen, „noch feste Stützen gibt, und gute Freunde“, zeigt er auf die Römer, „die man fälschlich als die Feinde haßt. Gemeinsam können wir dem Herrn den Tempel zubereiten samt den Herzen, die Er Sich als Wohnstatt ausersehen mag.

O väterlicher Gott“, betet Malluch, „Du machst uns reich! Von nichts und niemand hängt es ab, wie und daß Du kommst. DU kehrst ein, wo man die Türe öffnet; DU führst, wer sich an Deinen Mantel hängt; DU segnest, wenn man niederkniet; DU bleibst bei denen, die Dich bitten! DU willst nur eines von uns haben, ungeteilt und gern gebracht: unser Herz. Doch Du brauchst uns nicht.

Denn wo Deine Füße gehen, wachsen herrlich neue Werke !

Aber Du gebrauchst uns; Du gibst uns Anteil an den Werken, die Du zur Freude Deiner Kinder machst. So gebrauche uns auch jetzt, Dich zu empfangen, Dir alles hinzugeben, was ja stets Dein ewigwahres Eigentum gewesen ist!“

Auch Malluch steht auf hoher Sprosse, denkt Athaja und geht auf jenen zu. Seine Hände nehmend, sagt er tief berührt: „O Malluch, wer hätte das dir zugetraut? Fleißig warst du immer, gut und treu. Du hast dich nicht gestellt, um höher zu erscheinen, auch nicht für uns zu irgend einem Ruhm; du gehörtest jetzt du denen, die ‚stehen vor dem Stuhl des Herrn‘ (OJ. 7, 15). Du warst zuständig, uns dieses anzuzeigen. Von nun an wird es besser sein, wenn jeder steht, der im Namen Gottes spricht.

Man wähnte, daß Gott auf das Äußere nicht sieht. Wer ohne Lauheit sitzen bleibt, wer den Sinn nicht kennt, zumal wenn er im Herzen steht, da sieht der Herr das Äußere nicht an. Wer sich jedoch aus Phlegma oder jenem Wahn, einfach zu erscheinen, nicht erhebt, den wird der Höchste einmal fragen, ob er keine Ehrfurcht kennt. Ah — Fremden ist nicht immer Reverenz zu bieten, und vor einem Bettler zieht man nicht den Hut. Aber vor dem Schöpfer einer Allheit, die wir ewig nie begreifen werden — — ?“

Athaja sieht die Templer lächelnd an: „Nun ist‘s erkannt und wir wollen danach tun. Wir legen morgen fest, Malluch soll der nächste werden, der zum Hohen Rat gehört. Rezin will sich sowieso zur Ruhe setzen; an seine Statt soll Malluch treten. Seid ihr derselben Ansicht?“ Sagt gleich zuerst Cornelius:

„Er hat die Wahl verdient. Ich gratuliere.“ Dabei drückt er fest des Priesters Hand. Malluch ist ganz überrascht. Er hat nie damit gerechnet, aufzusteigen und war mit seinem Teil zufrieden. Verwirrt dankt er dem Hohenpriester. Danach sagt Simeon:

„Mit dem Gebet, das jedem aus dem Herzen kam, schließen wir den Abend, richtiger die halbe Nacht. Morgen setzen wir die Hohe Schule fort. Lehrer sind Hilkior, Cornelius und ich. Natürlich braucht ihr anderen nicht zu schweigen. Etwa hat auch Samnus uns ein Wort zu sagen.“ Der Handeismann winkt hastig ab: „Ich hore lieber zu, da habe ich den besseren Profit.“ „Echt Kaufmann“, neckt Hanna. „Aber solche Händler hat Gott lieb.“

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