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Wieder große Gefahr. ‚Du sollst ein Segen sein.‘ Simeon setzt die Lehre fort

4.T-Kapitel 8

Wieder große Gefahr. ‚Du sollst ein Segen sein.‘ Simeon setzt die Lehre fort. Segensmacht: Bitte, Gebet, Fürbitte und Dank. Gedanke-Stoff, Wort-Kraft, Tat-Empfindung, Folge-unmittelbares Bewußtsein. Gottes Rede über Mark. 12, 30-31. Ein ‚Kaum mögliche’ ist bei Gott immer möglich

Der nächste Tag bringt eine ganz besonders böse Botschaft. Simeon war ins Tribunat gegangen, ohne anzusagen, was geschehen wird. Am späten Vormittag kommt Hasabra atemlos im Tempel an. Er berichtet dem Synedrion von einer größeren Verschwörung, und zwanzig Geiseln wären festgenommen worden. Legionäre hätten in dem Winkel beider Täler Hinnom und Kidron, sowie auch an der Straße von Bethanien, die zum Tor beim Teich Bethesda führt, viel Waffenzeug gefunden, aus Arabien, Babylon und Medien stammend und — was schwerer wiegt, auch römisches Gewaffen.

Man braucht nicht erst zu raten, was da folgen wird. Und auch Cornelius — — Er ist kaiserlicher Offizier. Gestern hat er seinen Glauben wunderbar bewiesen. Aber heute — ? Da werden viele Geiseln fortgeführt; Leid, Tod; Verwüstung sind kaum aufzuhalten. Gerade jetzt — jetzt — wo der KÖNIG kommt — — —

Athaja stützt sein Haupt in beide Hände. Beim jähen Aufschauen sieht er schadenfrohe Mienen. Die Tückischen merken nicht, daß er sie durchschaut. Es kann ja sein, daß sie nur aus Mißgunst hämisch denken, können aber auch — Ach, ob so, ob so, man befindet sich in äußerster Gefahr. Athaja würde gerne bei Cornelius bitten, aber Simeon kann mit Gottes Hilfe alles besser wenden. Da kommt die Ruhe wieder über ihn.

„Hasabra, lasse dir vom Römer ein paar Reisescheine geben, damit ihr auswärts helft, diese Widerständler aufzufinden. Ich hoffe“, sagt er hart betont, „daß der Tempel keinen birgt. Tausend Römern stehen höchstens zehn bewaffnete Hebräer gegenüber. Und die Nachbar-völker helfen nicht. Ein ausgelöschtes Juda wäre ja der Trampelweg, über den hinweg sie Rom den Krieg erklären könnten; allerdings auch bloß den Heckenkrieg. Wir helfen unserm armen Land am meisten, wenn wir die Verräter finden helfen, von denen manche vor dem Urteil zu bewahren wären.“

„Ah“, ruft da einer giftig, „wen Rom in seinen Rachen nimmt, der wird zermalmt! Athaja, du hast dich als Feind entpuppt! Kein Wunder bei der Liebedienerei! Du dienst den Heiden, die uns knechten, aber nicht dem Herrn, der uns befreit!“ Mehrere blasen in das gleiche Horn. Die Gemäßigten verhüten eine böse Reiberei. Schließlich sagt Hasabra ungehalten:

„Ich muß mich täglich um viel mehr bekümmern, als viele von euch ahnen. Die nackte Not, ah — was wißt ihr schon davon?“ Der Ratsherr sieht gewisse Templer an. „Läßt es sich beweisen, daß keiner von euch rebelliert, ihr hättet weniger zu fürchten. Aber unser Volk — ? Der Hohepriester hat ganz recht. Uns ist zu helfen, wenn jeder Ehrliche die Sache aufzuklären sich bemüht.

Oder glaubt ihr Ränkesüchtigen“, geht er aufs Ganze, „daß Römer ihre Waffen uns verkauften? Diese sind gestohlen! Darum gibt‘s nur einen Schutz, können alle Rädelsführer ausgeliefert werden. O, sehr hart, unsre Leute anzugeben. Für einen Schuldigen sind aber hundert Unschuldige zu retten, dazu die Frauen und die Kinder. Hoffentlich begreift ihr das! Josabad und ich ließen es bereits verbreiten, und die Römer helfen uns dabei.“

„Die wären dumm“, lacht Usiel, „würden sie das Fischefangen untersagen! Aber jeder ist ein Schuft, der einen unserer Brüder Rom verrät!“ „Sollen Hunderte zu Grunde gehen, die nichts mit dem zu schaffen haben, aber der die Not hervorgerufen hatte, unbeschädigt hocken bleibt? Wie denkst du dir denn das?“

Aus Usiels Blick bricht wüstes Funkeln. Sein Haß geht mit ihm durch: „Wenn ich einen Kämpfer wüßte und du, Hasabra, müßtest für ihn daran glauben, ich würde alles tun, dich zu belasten, und den Mann, der unser armes Volk vom Joch befreien helfen will, in jeder Hinsicht decken!“

Kaum ausgeredet, faßt Richter Thola nach des Sprechers Arm: „Du hast dich verraten; du gehörst der Bande an! Glaube ja, daß wir alle lieber heut‘ als morgen unabhängig leben möchten. Der Tribun kennt unsere Ansicht, weiß aber auch, daß wir nicht dummerweise uns die Grube selber graben. Die Zeit zur wirklichen Befreiung ist noch lang nicht angebrochen. Wissen wir, ob Juda sie verdient — ? Israel ist auch verweht.

Es ist kein Simson da, der mit einem Eselsknochen tausend schlug (Rich. 15, 15); und wir sollen es nicht tun. Wir sind zum Lieben und zum Helfen auf der Welt. Nur geht das einem Usiel nicht ein!“ „Verrate mich nur gleich!“ Es soll herausfordernd klingen, allein — Angst bleicht Usiels Gesicht. Thola gibt ihm keine Antwort. Er, Jaor und Chol-Joses gehen mit Hasabra in das Städtehaus. Athaja stellt die Ordnung wieder her, weist den Templern Arbeit an und läßt jedes Tor verstärkt bewachen.

Bei den Römern ist es trotz des Großalarmes ruhiger als im Tempel zugegangen. Nach der Besprechung mit den Offizieren sagt Cornelius: „Außer Gott könnte keiner Juda retten. Rasch würde Palästina von den Furien des Krieges überrollt. Als verantwortlicher Römer wäre mein Befehl längst formuliert; als Geschöpf des Schöpfers weiß ich keinen rechten Rat.“

Simeon lächelt fein. „Ich freue mich über dich.“ „Die Freude ist gerade ungelegen“, kommt die Antwort. „Doch! Du hast dich fest in Gottes Hand gestellt und bist nicht aufgebraust. Nun höre an.“ Er enthüllt das Ganze mehr als dummen Streich denn als Rebellion, „Die Meuterer“, sagt er, „sind wenige und stehen auch nicht einheitlich zusammen. Sie können gar nicht schaden. Eure Waffen sind zwar zum Teil gestohlen, bloß nicht eben willentlich, und keinen Legionär trifft eine Schuld.

Sieh, manche schlafen übermüdet ein, manche kommen in der Wüste um. Wohl sind aufgefundene Waffen abzuliefern; aber ernstlich ist das nicht von Unterjochten zu erwarten. Nimm meinen Rat zu deiner Tat. Bei den Waffenlagern war kein Mann zu sehen. Wer hat sie also aufgekauft, gestohlen, oder dort gehortet?“ „Du gabst es vorher selber zu“, unterbricht der Duumvir.

„Gewiß; ich sagte nur, daß kein Beweis dafür vorhanden ist. Ist‘s nicht möglich, daß Ängstliche solche Funde lieber in die Höhlen trugen? Bei dir, Cornelius, wägt man es, die Waffen abzugeben. Die meisten liegen schon seit vielen Jahren dort, was ihr an manchem Merkmal leicht erkennen könnt.

Einige, nicht bloß Hebräer, kommen dir bald unter; die sende dem Quirin. Angst wird sie eher heilen als die Strafe.“ Cornelius sagt erleichtert: „Ich bekenne wieder gern: wenn ich dich nicht hätte! Ich war um unsern letzten Abend arg besorgt. Wer weiß, wann, ob und wie ein Wiedersehen möglich ist. Und mit dir — ? Ich wage gar nicht dran zu denken.“

„Denke nur daran, Cornelius; du wirst immer spüren, wie nahe dir die Hilfe ist, wenn du dein Lebensschiff auf wilden Wogen steuern mußt. Gar mancher wähnt, es wäre besser, wenn der HERR das Steuer in den Händen hat. Natürlich ist es besser, wenn jemand überhaupt nicht steuern kann. Mancher will, mehr unbewußt, die Verantwortung dem Höchsten überlassen mit den Worten: ‚Herr, Du nur kannst mein Schifflein lenken.‘ —

Jeder soll sein Leben lenken, jedoch inne bleiben, daß er nur ein Lehrling, allenfalls Geselle ist und sich dankbar freuen, steht der MEISTER (Matt. 23, 8; Joh. 13, 13) neben ihm, um einzugreifen, wann und wie es nötig wird. Wer also steuert, fährt ins Licht!“ Simeon geht ins Städtehaus. Allen fällt ein Fels vom Herzen, denn die bitterste Gefahr ist abgewendet.

Noch lastet es, als man zu Cornelius geht. Auf dem Wege zischeln manche ihnen eine Drohung nach. Kluge gibt‘s zum Glück genug, die den Weg als Hilfe werten. In Machtbefugnis des Quirin hat Cornelius befohlen: ‚Wer Waffen kaufte oder fand, soll sich rasch freiwillig stellen; verschärfte Ronden; Sperrstunden bis auf Widerruf; Abgabe jeder Waffe, die man unbefugt besitzt.‘

Die Gefahr, die als Damoklesschwert über Juda hängt, ist zum Teil beseitigt. Cornelius sagt, es sei das mindeste, was er zum Schutze Roms, nicht zuletzt zu Judas Schutz verhängen müsse. Man sieht es ein. Hasabra dankt für Stadt und Volk, Athaja für den Tempel. Der Tribun erklärt:

„Wenn ich keinen Simeon und nicht den wahren GOTT gefunden hätte und nicht wüßte, daß viele eures Volkes brav und fleißig sind, dann sähe es jetzt anders aus. Ich verstehe, daß ihr uns abzuschütteln sucht um jeden Preis. Ihr guten Obersten der letzten Jahre habt er kannt, daß euer kleingewordenes Volk keine Souveränität bewahren kann, seit Jahrzehnten nicht. In Nöten vielerlei Gefangenschaften habt ihr es erlebt, daß die Sieger ihre Götterlehre, ihre Lebensart euch aufzuzwingen suchten; wir dagegen — abgesehen des Tributs — nur das offizielle Recht.

Ich weiß: Babel, Persien, Ägypten senden durch die Händler immer wieder Kunde zu, wie frei ihr wäret ohne uns und — mit ihnen treu verbündet. Welch eine Illusion! Versprechen kann man leicht; aber es auch halten ist hinterher ein zugeklapptes Buch. Wir versprachen nichts; wir handelten.“

Hasabra sagt: „O Tribun, wir unterwiesen unser Volk, daß für uns ein Leben unter Rom jetzt besser wäre als ein freies, besser als bei früheren Eroberern. Kluge sehen es auch ein; die Menge aber ist zu leicht zu irritieren. Darum bitte ich, scheide jene, die diese Sache angezettelt haben von den andern, die bloß ‚Freiheitsfunken lodern sahen‘. Und die Geiseln, die du heute festgenommen hast, — bitte, gib sie frei.“

„Nein! Ich würde abgesetzt und ein — Naxus käme wieder.“ O, nur dieses nicht! „Außerdem sind Angehörige der Geiseln meine beste Suchaktion. Und dann“, ein harter Zug gräbt sich am Mund des Römers ein, „geht es um unsre Sicherheit.“ Wieder freundlich werdend, fügt er an: „Solang sie nicht als Meuterer zu überführen sind, geht es ihnen gut, um Gottes und — um euretwillen!

Ich lasse Rochus hier, bis Cyrenius einen Oberst sendet, dem der Pontius untersteht. Ihr habt daher nichts zu fürchten. Ich komme bald zurück, die Volkszählung beginnt in Kürze. Übrigens werde ich Venitrius in Vorschlag bringen, den der Quirin entsenden soll. An ihm habt ihr einen wahren Freund.“

„Wie gut, daß kein Pompejus herrscht.“ Cornelius winkt ab: „Wir wollen diesen Abend nur vom Lichte prägen lassen und uns für den Himmel öffnen.“ Hanna gibt ihr Wort dazu: „ Gott sprach zu dir: ‚Du sollst ein Segen sein.‘ Und du bist es irdisch, sowie geistig. Wohl geht des Menschen Weise auf und ab; doch dein letztes Wort hat dich hinaufgeführt, dich und viele der Bedrückten, die des Tages Lasten bitter spüren mußten.“

„Mutter Hanna! Wenn überhaupt, daß man ein Segen ist, so nur, wenn man aus Gottes Güte erst gesegnet wird. Kann ich segnen? Nein, das darf ich gar nicht tun. Das ist GOTTES Sache ganz allein! Mir ist aufgefallen, daß Simeon, der berechtigt wäre, niemals segnete. Ihr Templer tut es bei dem Ritual, was an sich verständlich ist, weil ihr unserm Schöpfer dient. Aber sonst?“ Der Römer zieht ein wenig seine Schultern schief.

„Das erklärt uns Mutter Hanna“, fällt Forestus ein. „Dann folgt Simeons große Rede.“ „Woher weißt du, daß es eine große wird?“ fragt Askanius. „Duumvir!“ Forestus Augen werden kugelrund. „Als ob er schon einmal kleine Reden hielt! Niemand überflügelt ihn!“ „EINER!“, entgegnet Hilkior, Forestus widerspricht: „Willst du sagen, Simeon und Hanna brächten keine reine Lehre?“ Der Anwalt stutzt. Jissior bestätigt: „Es kommt nicht darauf an, wer etwas sagt, sondern was gegeben wird.“

Eine Tafel ist gerichtet. Man braucht nicht lang, um die guten Gaben zu verzehren. Danach öffnet der Tribun für seine Gäste jenen Raum, wo man bei Cyrenius geladen war. Bald ist man der Erde fern, dem Himmel nah. Hanna beginnt mit ihrer ausdrucksvollen Stimme, die noch nicht das Alter brach.

„Sohn Cornelius hat erkannt, daß keine Segnungsgabe mit dem Wort des Herrn an ihn verbunden war. Gar mancher meint, er könne selber segnen, weil er gesegnet ist. Gott sprach zu Abraham: ‚ICH will dich segnen, und du sollst ein Segen sein‘ (1. Mo. 12, 2). Mühelos ist zu erkennen, daß das ‚ein Segen sein‘ im HERRN verankert liegt. Wer rechtschaffen handelt, ist ein Segen dahingehend, weil er als ein gutes Beispiel wirkt.

Gott gab Abraham kein Segnungsrecht, denn: ‚Ich will segnen, die dich segnen‘, bedeutet: wer ihm Gutes tut, wird als Vergeltung Gutes von dem HERRN empfangen, wie umgekehrt: ‚ . . . und verfluchen, die dich verfluchen‘ (1. Mo 12, 3). Der Ausdruck ‚Fluch‘ hat nicht den Sinn einer gottgewollten ewigen Verdammung; es gilt in der Entsprechung als die schwerste Strafe.

‚In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden‘ (1. Mo. 12, 3). Also: GOTT segnet über das erlangte Segenstum des Fürsten Muriel — als Abraham. Ich flechte ein, daß Gott alle Geschlechter meint und der Segensspruch an keine Zeit gebunden ist. Er gilt bis ans Ende dieser Welt, ob die Völker Gottes Segen haben wollen, ob sie ihn verdienen oder nicht.

Wenn der Text auch anders lautet, bezieht sich das Erkennen noch auf das: ‚Dies ist der Segen, damit Mose, der Mann Gottes, die Kinder Israel vor seinem Tode segnete‘ (5. Mo. 33, 1). Das war seine letzte Mahnung, die er im Auftrag Gottes sprach. Er war für das Volk ein Mittler, was sich in den feinen Worten spiegelt: ‚Wie hat ER die Leute so lieb!‘ (5. Mo. 33, 3)

Eine andere Stelle unserer Schrift: ‚Die Lehrer werden mit viel Segen geschmückt‘ (Ps. 84, 7), sagt an, daß der Segen nur vom HÖCHSTEN kommt, selbst wenn Er ihn durch Menschen an die Menschen leiten läßt. Der ‚Schmuck‘ kündet ihren Wandel, Gott zur Freude und zur Ehre, den Nächsten zum Ansporn und Symbol.

Doch jede Segnung fordert auch. Sacharja gibt es kund: ‚Das ist‘s aber, was ihr tun sollt: Rede einer mit dem andern Wahrheit, richtet recht, und schaffet Frieden in euren Toren‘ (Sach. 8, 16). Ja, gute Gedanken, Worte, Taten bringen reichen Widerhall. Man muß manchmal lange darauf warten; allein zur rechten, zur Gerichtszeit offenbart es sich, daß das Licht sich nur im Lichte spiegelt, die Finsternis in Finsternis. ‚Denn wer im Segen sät, der wird im Segen ernten‘ (2. Kor. 9, 6).

Dem Aaron wird befohlen: ‚Also sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet:‘ Es sieht aus, als ob Aaron und die Söhne segnen dürfen. Aber nein, auch sie können nur als Mittler wirken: ‚Der HERR segne dich und behüte dich‘ (4. Mo. 6, 23-24). Denn der Segnungsträger ist der HERR allein ! Kein Himmelsfürst wird selber segnen. Vermittelnd bringen sie das Gute, was sie aus sich geben können.

In Hinsicht auf das Segenstum sind manche Stellen in der Schrift nicht wörtlich rein. Aber herrlich werden diese Wörtermängel im Symbol, im Sinn der Gottesworte überflutet. Weder das Symbol, noch der Sinn, sind falsch zu deuten. Das ‚Suchen in der Schrift‘ gilt dem Erforschen dessen, was symbolhaft rein und heilig bleibt und kein Wortgefüge ändern kann.

Genauso steht es um den Segen. Jeder kann für diese Welt ein Segen sein, indem er sich mit Ernst bemüht, immer nur die Wahrheit auszusprechen, allzeit recht zu richten, Frieden zu schaffen, wider seinen Nächsten keinen Arg im Herzen zu tragen, kurzum: Das Gesetz des Herrn zu halten!“

Obadnia sagt: „Du sprachst von den Himmelsfürsten, sie segneten nicht selbst. Leicht zu denken: nicht auf dieser Welt, sonst wähnte jeder Wicht, daß er auch dazu berechtigt sei. Doch im Empyreum . . .“ „Frage Simeon“, kürzt Hanna sein Bedenken ab. „Ja, erkläre es uns bitte“, wird er bestürmt.

„Was im Lichte gilt“, geht er darauf ein, „ist für die Materie selten reif, zumal der Mensch so gern nach Sternen greift, an denen er sich allzu schwer verbrennt. Gewiß ist gut, jenes zu erstreben, was Höhere besitzen. Aber ach — aus hoher Strebsamkeit entsteht die Nachahmung. ‚Was dieser kann, das kann ich auch; was jener hat, das will ich auch‘, ist das Übel kleiner Seelen. Echtes Vorwärtsstreben stützt sich auf wenige Lehrer und auf viele Schüler, und daß die Letzteren geistig mit den Lehrern auf der gleichen Stufe stehen können, wenn — sie gerne Schüler sind.

Das erhellt, wie vieles nicht auf diese Erde zu verpflanzen ist oder nur gering. Jenseits wird der Segen stets als das erkannt, was er ewig ist und ewig bleibt: Der Segen des Allmächtigen ! — Es gibt hingegen Haus- und Sphärensegen, die vor und nach dem Mahle, vor und nach der Lehre von den Haus- oder Lehrer-Engeln eigenwörtlich ausgesprochen werden.

Kommt zu euch ein Freund, so darf jeder Gottverbundene wünschen: ‚Gott segne deinen Eingang und Verweilen.‘ Tut man das, zumal bei Armen oder gar bei Feinden, dann wird GOTT den Segen über solchen Sprecher offenbaren. In gewissen Fällen genügt der Bittgedanke, der die gleiche Segenskraft erzeugt.“

Athaja fragt: „Wo ist das Verdienst, das zu bekommen?“ „Rechne weniger mit dem, als mehr mit Gottes Güte. Beim Erwerben steht auch ein ‚Hernach‘ in Kraft. Das Verhältnis ist das gleiche bei Gebeten.

Man kann nichts erbitten, das Gott erst aus einer Bitte tut !

Kann denn der Schöpfer nicht schon eine Bitte angesehen haben, wenn sie noch tief im Kinde schlummert? O — merkt euch stets das Eine:

Durch keine Bitte strömt Gottes Segen mächtiger,

noch wird sein Flechtwerk für das Universum dadurch stärker!

Ihr meint, dann hätten Bitten keinen Zweck? Ach, noch wenig wißt ihr von der Lichtverbundenheit! Was Kinder aus den Tagesstrahlen (7 Eigenschaften) tun, ist an den Segen angebunden. Denke niemand, Gebete seien überflüssig, es ginge ohnehin nach Gott oder nach dem Schicksal, dem man unterworfen sei. Gebete können auch vier Kammern oder Stufen haben, wie Sich der Herr als Schöpfer, Priester, Gott und Vater offenbart.

Die erste Stufe darf die allgemeinen Bitten bergen. Da sich das erste Bindeglied zwischen Schöpfer und Geschöpf ergibt, kann man im Prinzip der Bitten für sich selber reden, was die Höherwertung eines Nächsten nicht verletzt. Das hat gleichfalls nichts mit einem Eigennutz zu tun.

Das Gebet ist die zweite Stufe. Ist‘s nicht einerlei? Jede Bitte ist die Hand, die sich einer Gabe öffnet. Das Geschöpf erhält vom Schöpfer durch die Bitte, wodurch es rückzugeben fähig wird, was noch keinen Dank ergibt. Der Priester segnet erst mit Seiner Kraft; mit dieser wird ein Lichtgeist Geber im Gebet!

Da erkennt er als Geschöpf des Schöpfers Güte an, neigt als Geist sich freudig nieder, um den Allmächtigen anzubeten (Matt. 2, 11; Luk. 2, 20). Im Gebet liegen weder Bitten, Danken, noch sonst etwas. Ein richtiges Gebet ist nichts als pure Anbetung, die die Willigkeit zum Dienen offenbart. Wer zur echten Anbetung gelangt, erreicht die dritte Stufe bald, in der die Nächstendienstbarkeit jede Eigenbitte überstrahlt.

Das ist die Fürbitte; sie verbindet Gott und Seele. Ich lehrte es, daß aus der dritten Gottheitskammer der Erlöser kommt, der die höchste Dienstbarkeit (Joh. 15, 13) beweist. Diese Stufe hat zwei Grade: für Freund und Feind. Wer den zweiten Grad erreicht, dessen Fürbittkraft langt in den Himmel.

Bloß mit beiden Graden kann man sich dem Höchsten angeloben, um in Rückverbindung jene Kindschaft wieder zu bekommen, die man einst in Treue seinem Schöpfer gab, oder dienstbereit zu wirken, damit alle jene, die die Kindschaft durch den Fall verschleudert hatten, sie auf einem Gnadenweg zurückerhalten können.

In der vierten Stufe der Gebetsverbindung tritt die Danksagung in Kraft (1. Tim, 2, 1). Das Kind kann jubelnd seinem Vater danken für alles, was durch Bitte, durch Gebet und Fürbittleistung sich im Schöpfungswerk enthüllt. Das ist der Wille des Erhabenen, in dem das herrliche Voraus enthalten ist, was gute Kinder leisten können. Und diese ihre Seligkeit ist daran zu ermessen, daß tausend mal tausend (Dan. 7, 10) mit beseligt werden. Darum, liebe Freunde, haltet an am Bitten, Beten, Fürbitten und Danken, und der Herr wird immer mit euch sein! —

Es sei noch gesagt, daß man im öffentlichen Dienst gut und weise reden soll und nicht stottern wie ein Kind. Doch ein Kindesstottern kommt noch eher vor den Herrn, als ein wohlgeformter Spruch, dem die Innigkeit des Herzens fehlt! Auch lassen sich gewisse Sprüche und Gebete wörtlich wiederholen, ist aber dann nicht gut, wenn pur der äußerlichen Form gehuldigt wird.“

„Nun wissen wir Bescheid.“ Eliphel und der stumme Zacharias nicken sich einander zu. Askanius möchte wissen, was es mit sogenannten Pechsträhnen für Bewandtnis habe. Josabad meint, er gäbe nicht sehr viel darauf; denn auch Glückssträhnen kämen vor, und beide wüchsen ohne Unterschied den Guten und den Bösen auf dem Kopf. Nur haftete das Pech meist besser als das Glück. Es ist das erstemal, daß man heute wieder heiter lacht.

„Fragt sich nur“, erwidert Malluch, „was man unter Glück und Pech versteht. Manchem schwellen seine Beutel, doch sein Herz wird zum Skelett. Umgekehrt bei Hiob, dessen Seele um so reicher ward, je mehr Schläge auf ihn niederfielen. Zwischen allem Glück der Welt lauert immer Ungemach; zwischen allem Pech — wer es merken will — leuchtet Gottes Güte durch.“

„Fein gemalt“, lobt Chol-Joses. „Nun der letzte Teil, zu dem ich vorher meine Meinung äußern möchte. Die Lehre der vier wichtigen Gebetspunkte war himmlisch schön und — irdisch interessant.“ „Wir werden sehen, was sich tun läßt.“ Simeon steckt sein allbekanntes liebes Lächeln auf. Nachdem Rochus alle Becher füllte, lehrt Simeon wieder weiter.

„Die Menschen haben sich in ihrer Ausdrucksform schon vielerlei geleistet und werden einst kaum wissen, wie sie ihr Gehabe in ein Wortgefüge kleiden sollen. Sie machen ihre Sprache nackt und arm trotz großer Übersteigerung. Ich meine weniger den Sinn, als mehr die Oberflächlichkeit des Wortes.

Es ist nicht leicht, zumal geistig, einem Sinn das rechte Wort zu geben. ‚Ich habe es nicht so gemeint‘, heißt es oft. Man sagt also ungenau, was dem Gedanken innelag. Aus diesem Grunde sollte niemand über Worte grollen oder gar beleidigt sein, wenn es sich ergibt, was gesagt sein wollte.

Aber bei den Gottheitsdingen kommt es auf die innere Empfindung und auf deren Ausdruck an. Chol-Joses nannte das Gehörte schön und interessant. Wirklich spürte er die Schönheit und die Klarheit aus dem Licht. Sein Wortlaut konnte daher gelten, weil sich sein Gefühl nicht auf die Welt bezog. Hanna lehrte, man solle das, was sich auf den HERRN bezieht, sehr genau erkennen lernen, dazu die Sprache, in die es einzukleiden ist.

Im Zyklus der Gedanken webte erst der Schöpfer sozusagen einen Stoff, aus dem Er für das vorbedachte Kindervolk die Heimat schuf. Man baut erst die Wohnung, bevor man sich ein Weib erwählt, Kinder zeugt und Freunde zu sich ladet. Der Schöpfer schattete die Arbeit der Gedanken vor. Als der erste Teil des Innenwerkes wohl gelungen war, begann Er mit dem zweiten Teil, Seinem Wort-Zyklus, dem Er die Kraft verlieh, jene Kraft der Sprache, des auch euch bekannten:

Es werde !

Der Allmächtige rief durch Sein Wort das Werk hervor. Nichts war da zu viel, zu wenig oder falsch gesagt. Gedanke und Wort fügten sich aus Stoff und Kraft zum Innenwerk zusammen. Damit war der Teil des Werkes abgeschlossen, der sich auf die Gottheit selbst bezog. Es war fertig, es mußte nur in einem Tat-Zyklus die äußere Gestalt bekommen, um es denen, die im Tat-UR-Jahr geboren werden sollten, als ein Erbe herzuschenken.

Das Tat-UR-Jahr ist die dritte Unterteilung des Tat-Zyklus. Hier wirkt die Empfindung, das LEBEN! Nur ein Lebender empfindet Sein und Wesen: Stoff und Kraft. Empfindung besitzt die schöpferische Möglichkeit der Erkenntnis und ebenso der Ausdrucksfähigkeiten von Gedanke, Wort und Tat.

Das ergab den zweiten Hauptabschnitt, die Darstellung des Innenwerkes, das in hehrer Spiegelung zwei Teile kennt: erstens in der äußeren Erscheinlichkeit der erwähnte Tat-Zyklus, in dessen Folge aus der Gottheit deren dritter Wesensteil; zweitens die Empfindung, die sich in die Darstellung ergoß und somit sich den Lebenskindern einverleiben ließ.

Als die ersten Kinder zum Bewußtsein kamen, offenbarte sich die Gottheit tatsächlich!, schuf im und mit dem Innenwerk zwischen Sich und ihnen die Vereinigung, die nebst geschöpflicher und geistiger Struktur ein Drittes gab: die Seele! Nicht jenes Konglomerat der mit dem Fall entstandenen Kraftzersplitterung, aus dem das materiell Seelische entstand; nein, der Odem (1. Mo. 2, 7), der das Bewußtsein eigener Empfindung schuf, ist es gewesen.

Daran schloß die Gottheit in der Vorschau einen vierten Teil für jedes Werk, ob vergangen, laufend oder künftig. Alle Dinge haben aus dem Aufbau ihre Richtung und den Lauf erhalten, was urbedingt ein Ziel verlangt. Das Ziel setzt einen Lebensrhythmus aber kein Halt, vielmehr sichert es die Folge und auch das Erreichte aus der Anstrengung des Lebens.

Alles ward in einem ATMA-Zyklus (Urwerk S. 9-12) vorgebildet, ein Ring von Aufbau, Richtung, Lauf und Ziel. Für jene Zeit, von deren Anfang an die Kinder wurden, ist der vierte Teil als Folge-Zyklus erst das Werdende; doch ihm entströmt ein Folge-UR-Jahr als Anschluß an das bestehende Tat-UR-Jahr, damit Gottes Volk die Lebenssegnung nach der Aufhebung des Falles ernten kann.

Der Schöpfer gab den Kindern jenen Folgeteil, den sie freilich nur gefühlhaft spüren, weil er die Zukunft ihres lichtgeprägten Lebens ist. Immerhin Gott enthüllte im Zusammenspiel von Stoff, Kraft und Empfindung das All-Seiende Prinzip, aus dem der Höchste für die Kinder das unmittelbare Bewußtsein nahm, das der Empfindung übergeordnet ist. Empfindung und Bewußtsein geben der in Stoff und Kraft urlebenden Gestaltungsfähigkeit ihre herrliche Erfüllung: das fühl- und sichtbare ATMA!

Wie die Gottheit im erhabenen Zusammenspiel der UR-Essenz und UR-Substanz und deren Gliederungen von Gedanke, Wort, Tat und Folge ihre Werke schuf, so soll das Kind — ebenso in einer zeitweiligen Weltexistenz — aus der innerlichen Regsamkeit die Schlüsse für das Lebensdasein ziehen.

Ich füge noch hinzu: Ein Gedanke, im Inneren geformt, läßt sich leichter umgestalten; ein Wort hingegen ist schon eine Präge des Gedankens. Noch mehr bezieht sich das auf Taten. Die guten ernten Segen, den bösen bleibt die Sühne übrig. Wer die Gedanken prüft und vom Lichte formen läßt, der findet stets das rechte Wort, die rechte Tat.“

„Welche Lehre!“ Von Athaja und Cornelius zugleich gesagt. Hanna sekundiert: „Wo das Licht zu Hause ist, verbindet es uns mit dem ATMA. Da triumphiert der Geist; denn vor uns steht der HERR, hinter uns versinkt die Welt. Gottes Güte und Barmherzigkeit möge uns den Rest des Wanderweges segnen, und IHN, den KÖNIG, DER DA KOMMT, von Angesicht zu Angesicht noch sehen lassen. Ihm sei Preis, Ehre, Lob und Dank!“ Jeder fügt ein ‚Amen‘ an. —

Mitternacht. Der Römer bittet, eine Stunde zuzugeben. „Etwa rügt mich Gott und nennt mich unbescheiden. Doch wer weiß, wann ich diese Krippe wiederfinde. Wolle es der Herr nicht übelnehmen.“ Erwidert Josabad: „O Tribun, übelnehmen gibt es bei Ihm nicht! Bitte, lieber Simeon, öffne nochmals deine Hirtentasche, und gib den Schäflein Brot und Salz.“

Wie freut sich da der Himmlische. Er sieht den Strahl, der segnend niederfällt, fragt jedoch, was sie gerne hören möchten. Da schreibt Zacharias auf: ‚Aus den vier hohen Himmelspunkten gib uns bitte das Gesamtgebot, welches uns dem Höchsten vierfach dienen lehrt.‘ Und sieh, nach kurzer Pause hört man eine fremde Stimme, vor der jeder seine Augen niederschlägt.

„Ihr sollt Mich lieben von ganzem Herzen! (Mark. 12, 30-32). Mein Herz ließ von der Macht, Kraft, Gewalt und Stärke in die Kinder die vier Ströme fließen, die ihr Anbild formten; nicht das MIR gleiche, sondern das MIR gleichgemachte! Ich gab in sie symbolhaft alle Dinge, die Mein ICH ursächlich sind. Ich liebe sie mit Meinem ganzen Herzen, nicht nur darum, weil Ich sie erschuf, nein, auch als eigene Person, die sie letztwillig durch die Kindschaft und wie aus sich selbst erreichen sollen.

Das Herz ist der Sitz des Lebens, des Geistes, der Wahrheit und Erkenntnis. Nach diesen vier Prinzipien sollt ihr Mich lieben. Was Liebe ist — ? Ihr meint, sie schon zu kennen, weil sich Meine Liebe durch die Lehre offenbart. In diesem Sinne und soweit als möglich habt ihr sie erkannt. Aber erst, wenn im stufenweisen Vorwärtsgehen alle Himmelsströme aufzunehmen sind, werdet ihr das ‚Wesen‘ Meiner Liebe sehen nach der Art, wie und was ICH BIN!

Von ganzem Herzen! O ihr Wanderer, Ich weiß, wie schwer sich das auf eurer Welt erfüllen läßt! Also rüge Ich kein Kind, wenn es nicht sein Soll erreicht und nenne es nicht unbescheiden, will es sich von Meinem Wort und Wesen nicht mehr lösen! Dennoch könnt ihr MIR mit bestem Willen dienen und MICH lieben. Das ist jenes volle Maß, das Ich für den Wanderweg in Rechnung stelle.

Meine Rechnung ist nicht hoch, nur planmäßig abgewogen. Ihr könnt Mir wenig geben; Ich frage nicht nach wenig oder viel. Aber was ihr gebt, das gebet ganz! Denn Ich habe auch Mein Herz den Kindern ganz gegeben. Ist das in euch eingegangen, so sollt ihr Mich mit ganzer Seele lieben.

Warum steht die Seele, werkhaft an der dritten, hier an zweiter Stelle? Wenn ein Geschöpf in Hinsicht seines Lebens ‚Kind‘ geworden ist und eine Herzverbindung mit Mir anzubahnen sucht, will nicht allein Empfänger, sondern Geber, nicht nur Auswanderer, vielmehr Heimkehrer werden, dann ist‘s erst fähig, Mich zu lieben, wie Ich es erkläre. Für euch steht das Herz an vierter Stelle, denn bloß dann ist es ein Ganzes, wenn die vier Kammern gemeinsam wirken, woraus Ich eines ganzen Herzens Liebe heische.

Aus Meiner Herzverbindung folgen nacheinander Geschöpf, Geist, Seele, Kind. Den Kindern gilt es für den Weitweg umgekehrt, den Ich aus den sieben Eigenschaften leichter mache. Meine Schöpfer- und die Kindesliebe, aus Meinem und aus eurem Herzen, sind der Boden, auf welchem sich die Schöpferfreude und die Kinderseligkeit ge stalten lassen.

Nun ist es leicht, Meiner Lehre nachzugehen. Im hehren Gegenüber stehen Meine Priesterwesenheit und des Kindes Seelentum. Deshalb für die Kinder zur Erlernung an der zweiten Stelle: ‚Du sollst Mich lieben mit deiner ganzen Seele‘, weil Mein Priestersegen über ihren Geist die seelische Lebendigkeit verlieh und nach Einvernahme nebst der Fähigkeit das bewußte Seelenleben sich erhalten läßt.

Da Ich vollen Segen gebe, erwarte Ich die volle Liebe, die eine ‚Treue bis zum Tode‘ kennt! Es bedeutet nicht das Sterben. Hingabe an MICH ist der Tod nach dem in Freundlichkeit gesetzten Kindes- maß für Meine Hingebung, die allerdings kein Maß (Joh. 3, 34) besitzt.

Mein Wesen braucht kein Maß!

‚Aus ganzem Gemüt sollt ihr MICH lieben‘ ist das Dritte, wo Ich als Gott und der Kindesgeist ihr Gegenüber haben. Die Gottherzkammer war von jeher die Sammelstelle, in der Sich Meine UR-Vier wesenheit enthüllt, heilig voraus den vierten UR-Teil mit. Sie ge währt, zumal den unvollendeten Kindern, auch ein Anteilstück von der gesamten Offenbarung. Ihr könnt die Fülle (Joh. 1, 16; Kol. 1, 19) niemals voll ermessen, die in die Kinder segnend strömt.

Eben daraus, was dem Geist im Kind am nächsten kommt, ist‘s Mein Recht, des Gemütes ganze Liebe zu verlangen, weil sich im Gemüt der Geistanteil entfalten kann. Wissen und Erkenntnis nützen wenig, wenn dem Wissen nicht die Weisheit, der Erkenntnis nicht das Anerkenntnis folgt. Wer anerkennen kann, lebt sein Leben durch die Tat. Hierin wurzelt des Gemütes Liebe. Denn im Gemüt liegt auch der MUT, die Ausdauer, die sich als GEDULD erweist.

‚Von allen euren Kräften !‘ Das Stabile Meines Willens zeigt sich für Mich, jenes Meiner Werke für die Kinder. Ich setzte alle Kräfte aus den sieben Eigenschaften als Sterne, Geister, Fackeln und al Leuchter ein (OJ. 1, 20; 3, 1; 4, 5).

Wenn Ich solchen Aufwand für euch machte, keine Meiner Kräfte Mir zurückbehielt, unabhängig davon, daß das ‚Macht-UR‘ Mir allein verbleibt, sollte Ich da nicht erwarten können, daß auch die Kinder alle Kräfte regen, um nach dem Maße und dem Standvermögen ihres Herzens Mich zu lieben, wie Ich sie zuerst (1. Joh. 4, 19) aus Meines Wesens UR-Grund liebte? —

Die Barmherzigkeit, die alle Kräfte krönt, ist nicht ursächliches Herniederneigen zu Verlorenen, sonst müßte es solange Abgeirrte geben, wie lange die Barmherzigkeit besteht. Das Niederneigen ist ein Ausfluß der Barmherzigkeit, in welchem alle Eigenschaften ihren gleichen Anteil haben, der sich — wohlweislich — beim Fall gebildet hat. Gerade dabei zeigen sich für das gesamte Kindervolk alle Meine Kräfte, mit welchen Ich die Treuen und die Ungetreuen liebe! Jedes Kind kann Mich nach diesem vierten Maße lieben; denn die Fähigkeit dazu floß ihm durch Meine Kräfte zu.

In Kreuzverbindung gibt es einen zweiten gleichwertigen Teil des Grundgebotes, das nicht größer oder kleiner als die Sinai-Gebote ist. Es ist die Liebe für den Nächsten! Man kann auch da nach den vier Punkten lieben, sobald man MICH in dieser Hinsicht liebt; man wird Mich aber niemals lieben, wenn den Nächsten etwas vorenthalten bleibt. Der Nächste ist stets jener, der Hilfe, Nachsicht, Beistand und Verzeihung braucht. Hier ist die Frage überflüssig: Herr, wie ist dieses oder jenes zu verstehen? (Mark. 12, 34)

Wer aus dieser Lehre keine Klarheit lernt, hat noch einen langen Weg, ehe er zur Umkehr oder gar zur Heimkehr kommt. Seid aber aus der Lehre insgesamt gesegnet, sowie jene mit, die sich darin von euch unterweisen lassen. Ja — ihr alle sollt und könnt ein Segen sein. Ziehet eueren Weg in Frieden; Mein Friede ist und bleibt bei euch!“ — —

Wer hat jetzt gesprochen? mit einem Klang, fernher von der Erde? Geneigten Hauptes, aber hoch erhobenen Herzens ahnen sie, es stünde der Allmächtige in ihrem Kreis, als könnten sie Ihn sehen, den noch nie ihr Leibesauge sah. Als sie um sich sehen, ist Simeon nicht zu gegen. Trotz unerhörter Seligkeit kommt ein Bangen über sie. Man wollte Simeon bitten, diese Lehre aufzuschreiben. Fraglos ist er dessen mächtig.

Als sie eine Weile stumm beisammensitzen, tritt er wieder ein. Er kommt ihnen sehr verändert vor. Immer war er trotz der Geistigkeit ein Mensch, der ihren Lebensiagen Rechnung trug. Nun steht der Engel da: ‚Fern von der Erde her‘. Doch allmählich wandelt er sich wieder um, weil die Menschen ihn noch menschlich brauchen. Liebvertraut setzt er sich mitten unter sie.

Man fragt benommen: „War es der Herr, Der zu uns geredet hat?“ „Unmöglich; wir sind nicht reif!“ „Diese Stimme, diese Lehre, kann nur vom Ewig-Vater kommen!“ „Warum bist du weggegangen, Simeon?“ Man rückt eng an ihn heran, das Gefühl nicht kennend, das sie zu ihm treibt. Simeon sagt freundlich:

„Ich war nicht fort; ich stand an der Tür, die für den Himmel ohne Vorhang ist. Wenn der HERR erscheint, säumen Seine Engel Raum, Weg und Offenbarung; es sei denn, Er beruft uns vor Sein Angesicht. Wir sind Ihm darin näher, als ihr jetzt mir seid. Allein, die gewonnene Erkenntnis sagt es euch: Wort und Lehre sind des HERRN, des VATER‘s der Barmherzigkeit!

Das ‚unmöglich‘ ist verständlich; ihr habt Gottes Wort zum ersten Male so erlebt. Da ist die ungewisse Frage jener echte Ausdruck einer Liebe, die bereits vier Flügel hat. Das bezieht sich mit auf das, ob es der Allheilige Selber war. Nun wißt ihr es und bedarf es keiner Untermauerung. Wer nicht glaubt, daß allein der ‚Gott der Liebe und Geduld‘ die Sprache hat, die ihr hörtet, wird auch keinen Nutzen an der Wahrheit haben.

Freuet euch! ER war da mit Seinem Wort, dem Wesen nach mit Seiner Liebe! Gute Nacht; für eine Nacht der Welt, und — für die dunkle Zeit in dieser Welt!“ „Gute Nacht“, tönt es leis zurück. Gottes hehre Segenstille hüllt die Menschen friedsam ein.

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