Noch schweigt der Herr; ein unerkannter Freund
17. Kapitel
Eine Zeit lang wird Hiob nicht geplagt, selbst sein Weib hört auf zu sticheln. Es wird ruchbar, dass er wieder heilt. Freilich, viele fürchten sich und glauben es auch nicht. Können gute Strahlen aus dem Siechen kommen? Die böse Saat, über Hiob ausgestreut, lässt sich nicht so schnell verwischen.
Der Geprüfte betet oft. Einmal sagt er ängstlich: „Herr, hast Du mich in der Geduld erprobt? Mein Leiden gilt nicht viel gegenüber Deinem Erdenweg. Soll‘s mich reizen, meine Bürde abzuwerfen? Halte mich! Denn mir ist, als käme noch das schwerste Stück! Du wolltest wiederkommen, wenn das Maß beendet ist. Es genügt ja, wenn es Deine Hände spulen. Doch ein klein wenig könntest Du erscheinen, dass ich wüsste, ob ich Dir noch wertvoll bin.“
Hiob hockt auf seinem Lager. Die Stille um ihn her macht ihn noch ängstlicher. Da tritt Simon fröhlich ein: „Herr, sechs Tage sind vorbei, seit die Bösewichte türmten. Seit den Tagen geht es dir weit besser.“ Er tut manche Handreichung. Für den Grauen bringt er frische Streu. „Den lasse hier“, setzt er hinzu, „man weiß mitunter nicht, was noch geschieht.“
Hiob wäre gern allein gewesen, sagt aber freundlich: „Verscheucht die Männer nicht; wer weiß, was Gott im Schilde führt. Wir rechnen nur den Augenblick und das Vergangene. Weil die Zukunft uns verborgen ist, bilden wir ein Urteil aus Erfahrung. Dies kann dienlich sein; doch Kommendes ist selten aus Erlebtem abzuschätzen, weil man eben selten weiß, wie die Dinge sich gestalten.“
„Herr, es gibt schlechte Kerle. Wenn man nun eines Bösen Absicht spürt, ist es da falsch, im Voraus abzuwehren? Soll man ihn erst werken lassen, weil man nicht wüsste, was er tut? Bei den Männern ahnte ich es längst.“ „Woher wusstest du, dass sie böse sind?“ „Sie tragen ihre Nasen gar zu hoch“, erwidert Simon. „Deine freien Leute reden sie wie Sklaven an. Dabei glänzen sie als ‚Hiobs Freunde‘ und heimsen unverdiente Ehre ein.“
Hiob fasst nach Simons Schulter: „Bedenke, es sind kleine junge Seelen; du kannst als Knecht darüber stehen. Denn nicht das Irdische macht rein und alt, sondern nur der Geist, wenn er sich vor seinem Schöpfer beugt. Wer Ihm hebend dienstbar ist, wird Ihn recht erkennen. Darin sind wir Knecht und Kind in einem.“
„Ja, ja“, unterbricht Simon froh, „so hast du allezeit gehandelt und man fühlt das Dienen bei dir nicht. Doch das ärgert, kommen andere dahergelaufen, früher selber arme Beutel, durch die Güte eines Großen groß geworden, und dann spielen sie den Herrn.“ Simon betrachtet seine Fäuste.
Hiob tippt darauf: „Lass spielen! Hoch und nieder haben kurzen Weg. Kann man geradestehen, deckt Gott gern die Mängel zu, weil wir weltverhaftet sind.“ Auf einmal stürzt der Graue freudig bellend fort. „Wer mag kommen?“ „Ein Treuer“, meint Simon, „sonst wäre er nicht so davongerast.“ Hiob ist erregt. Sein Ungemach ist durchs Land getragen worden, er kann auf wenig Freundschaft hoffen.
Ein Fremder von edlem Angesicht und fein gekleidet tritt herein. Würdig sind die Bewegungen und tief die dunklen Augen. Doch der bartlose Mund, die hochgewachsene Gestalt lassen höchstens vierzig Jahre zu. „Mit was kann ich dienen?“ Hiob richtet sich verwundert hoch, Simon rückt einen bequemen Stuhl an den Tisch. Der Fremde grüßt Hiob mit sanftem Händedruck.
„Die Frage kündet deinen guten Ruf. Ich will mit dir reden.“ Er sieht Simon freundlich an. Hiob versteht. „Geh an die Arbeit; und bist du fertig, so ist Schlafenszeit.“ „Aha“, sagt Simon draußen zu sich selbst, „ohne lauschen. Nun, bei diesem feinen Mann kommt mir keine Angst, zumal der Graue ihn vor Freude zupfte.“ Rasch berichtet er den andern, was sich zugetragen hat.
Hiob will sein Bett verlassen. „Bleibe liegen“, wehrt der Fremde. „Darf ich deinen Namen wissen?“, forscht Hiob höflich. „Es ist dein Recht, zu fragen. Behalte ich den Namen noch zurück, so wundere dich nicht; auch nicht, wenn ich Dinge sage, die dein Herz mit deinem Gott besprach.“ Hiob meistert die Erregung. O, Himmlische kommen manchmal auch ganz irdisch. Er kennt Leute von den Ländern weit und breit, doch in keines ist der Fremde einzureihen.
„Du hast ein schweres Krankenlager. Kann dir keiner helfen?“ „Ja, EINER; aber Er verzieht.“ „Wer ist der Mächtige“ der dir nicht hilft, da du gottesfürchtig bist?“ „Ob ich‘s bin“, entgegnet Hiob trübe, „steht nicht völlig fest. Soll ich von mir sagen, dass ich ohne Sünde sei? Ich bin‘s nicht, denn sonst brauchte Gott mich nicht zu strafen. Erst glaubte ich, es ginge um ein hohes Recht.“ Er blickt auf. „Weißt du, was ich meine?“ „Durchaus! Deine Gotteslehre ist mir gut bekannt, ja — sie ist die meinige.“
Hiob legt seine armen Hände in die warmen, hellen und sagt: „Du bist ein Freund, von Gott gesandt. Oft werden Fromme krank oder sind in Niedrigkeit geboren; dagegen haben Frevler reiche Krippen, und Spötter fragen: Wo ist der Herr, dass Er euch hilft? — Irdisch lässt sich‘s nicht erklären, und das Geistige verstehen sie nicht. Auch im Ausgleich der Gerechtigkeit bleiben Lücken, weil der Mensch sein Auge an den Boden heftet, statt zum Himmel zu erheben.“
Der Fremde nickt: „Das Geschrei: ‚Es gibt keinen Gott, weil so viel Ungerechtigkeit geschieht‘, soll das Gewissen ruhig machen. Das Licht wird gern verleugnet. Letztlich deckt Gott manches zu, weil die meisten an ihr erstes Leben nicht mehr glauben, oder nur von dieser Welt. Das gibt es auch, aber seltenst und ist mit dem ersten niemals gleichzusetzen. Jede Weltzeit ist nur ein ‚Dazwischen‘, ein ‚Arbeits-‘ oder auch ein ‚Gnadenfeld‘, je nachdem.
Ein Spötter merkt es erst, wenn er zur Grube muss oder an die Mauer rennt. Das ist dann Gottes letzte Hand.“ „Ach“, erwidert Hiob, „ich glaube, Seine Güte kennt gar keine letzte Hand.“ „Meinst du, Er sei an eine enge Zeit der Welt gebunden? Nur der Mensch zieht schnell sein Angebot zurück.“
„O die gute Lehre! Ich spüre auch die ‚letzte Hand‘.“ Hiob umarmt den Gast. Der entgegnet: „Bei dir von letzter Hand zu sprechen ist verfehlt. Mit Recht hast du gefragt, ob Gott sieht, wie du Geduld bewahrst in deinem schweren Leiden.“ „Woher weißt du das?“ „Ich sagte ja“, kommt der freundliche Bescheid, „du solltest dich nicht wundern, wenn ich deine Herzenssache weiß.“
„Bist du ein Engel?“ Eine Sehnsuchtsfrage. „Man könnte mich so nennen. Kann nicht aber auch ein Mensch empfangen, was zu Gottes Zwecken dienlich ist?“, weicht der Befragte aus. „Allerdings!“ Hiob schließt ein Weilchen seine Augen. Ja, es ist ein Gottesbote, wenngleich nur indirekt. Man sollte sich begnügen mit dem Segen, den der Schöpfer gütig gibt. Er bittet:
„Freund, lass mich deine Sendung wissen; und ich will den Höchsten preisen, der mir solche unverdiente Gnade gibt.“ „Daran tust du recht.“ Lind liegt eine Hand auf dem kranken Körper. „Du dachtest in Geduld, Gott möge eher kommen, als Er sich vorbehalten hat. Nicht einmal die Form der Bitte wagtest du, um nicht zu stören, was zwischen Licht und Finsternis jetzt ausgetragen wird. Darum ist die Gnade auch nicht unverdient.
Mein Besuch ist Liebe, die der Gottheit Schoß entspringt. Diese wohnt in allen reinen Kindern und wird offenbar, wo man sie ehrt und wiederliebt. Du hast zwar alle Kraft aus GOTT geschöpft, doch das Erdenleben braucht Erneuerung. Es versiegte jeder Strom, würde dessen Quelle nicht vom Meeresbrunnen aus dem Grund gespeist. Also auch der gute Wille eines Kindes. Mein Wort wird dir zur Kraft, daran der letzte Pfeil zerschellt.“
„Ich danke dir“, sagt Hiob schlicht. „Deine Gegenwart hat mich gestärkt. Ach, wärest du mein Freund, der Einzige, von dem ich nehmen dürfte ohne zu errechnen, was ich dir schuldig sei.“ „Schon gut“, erwidert sanft der hohe Mann. „Dem VATER gegenüber braucht die Seele nicht so sehr zu rechnen, sie kann vorwiegend für diese Welt Empfänger sein. Doch der Geist, aus dem priesterlichen Geist geboren, hat die Fähigkeit und daher auch die Pflicht zu prüfen, was er seinem Schöpfer schuldig ist.“ Hiob fragt:
„Der Kindgeist, aus dem Schöpfergeist gekommen, empfing erst alles aus dem UR-Impuls. Wo bleibt dann seine freie Gabe?“ „Ganz einfach: Der kleine Funke ist das Wesenhafte aus dem hehren Schaffergeist, er braucht nicht zuzunehmen, wie Gott niemals größer wird. Er müsste sonst ein Embryo gewesen sein und zum Riesen wachsen, wodurch der gute Ausgleich zwischen Schöpfer und Geschöpf verloren ginge.
Gott ist in allen Dingen höchst vollkommen, und der Kindgeist ist ein Strahl davon. Wie Gott Werke schafft aus Seiner Macht, so kann der Kindesfunke die ihm eingewirkten Kräfte auch gestalten, woraus die freie Gabe wird. Das ‚Selbstgestalten ist im tiefsten Grunde nicht ein Schöpferakt, der nur der GOTTHEIT möglich ist. Gott ist der Rufer, und im Kinde hallt das Echo. —
Kann denn Gott auf Gaben hoffen, die im UR-Keim Seine eigene Fülle sind? Aber EHRE, ANBETUNG, LIEBE, DANK sind des Kindes Gaben, aus dem Lebensfunken rein entfacht. So kommt die UR-Substanz aus Gottes Quelle, speist die Bächlein, bis sie mächtig sich ins Meer ergießen und im UR-Quell neue Werke werden.“
Hiobs Haupt ist tief gesunken. Schauer überstürzen ihn. Wer ist wohl der, den er seinen Freund zu heißen sich ermaß? Da sagt der Fremde: „Sei unbesorgt, mich Freund zu nennen; wahre Freundschaft ist der Liebe Partner. Demütig dienst du Gott und wirst von Seinem hohen Licht geleitet. In diesem Sinne stehst du ganz mit GOTT im Freundschaftsbund. Genügt dir das?“
„Ja, Herr, wenn ich auch nicht weiß, wen dein Kleid verbirgt. Dein Wort hat mich getröstet, dein Licht — war mir das Hohe Heiligtum.“ Das Letzte ward geflüstert. Die Nacht blickt durch das Fenster hell herein; ungezählte Sterne schimmern friedlich nieder. Hiob merkt nicht, wie sich seine Augen schließen. Der Gast legt seine Hände auf das von Leiden tief zerfurchte Angesicht: ein Evangelium an Reinheit, Glaube, Liebe und Geduld.
Es ist gut, dass der Mensch den Hohen jetzt nicht sieht. Doch im Schlaf gesegnet, fühlt er Gottes hehre Majestät. Und der Graue? Nur eine Kreatur. Auch zu ihm bückt sich der Mann. Ein Winseln, wie ein Seufzer aus erlöster Not — —
Lautlos geht die Türe auf und zu.
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