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Kap 16 – Keine Fäuste, sondern Wasser; Wer hat die Steinigung geboten: Gott oder

Keine Fäuste, sondern Wasser; Wer hat die Steinigung geboten: Gott oder Mose

16. Kapitel

Kap. 20-2 1

Die Freunde warten lang auf Eliphas, dann soll gegen Hiob alle Schärfe angewendet werden. Sie erschräken, würden sie der Mächte inne, von denen sie gefesselt sind. Da sie sich nicht prüfen, hat der Teufel leichtes Spiel. Hiob nutzt die Ruhe. Er bittet Gott, doch seit dem zweiten Angriffsakt hört und sieht er nichts; hingegen wird die Heilkraft immer stärker. Der Arzt, von den Freunden aufgehetzt, streut sein Gift: „Teufelsspuk, hütet euch! So fängt der Böse eure Seelen, indem er euern Körper heilt.“ (Matt. 12, 24).

Simon und Priguhas lauern ihm auf. Hm — prügeln ist verboten. Wie wäre es mit einem kühlen Bad? Nun tauchen sie ihn tief, bis er gurgelnd schwört, nie wieder gegen Hiob anzugehen. „Du entkommst uns nicht, brichst du dein Wort!“, droht Priguhas. Der Wundmann taumelt heim. In Zukunft hält er seinen Mund.

Ismaha hat geplaudert. Hiob lächelt: „Ein kühles Bad ist gegen Teufelshitze gut. Aber Leben darf man nicht bedrohen, sonst muss ich unsern dreien die Ohren ziehen. Wo sind die Männer?“ „Die tun deinem Weibe schön; und es kam Gewinn.“ „Woher weißt du das?“ „Oh“, sagt Ismaha, „sie haben ihre gute Kammer inne, und das wäre ohne Münzen nicht.“ „Du siehst scharf, Dirnlein“, lobt Hiob. „Nun bringt Zophar wieder sein Geschwätz; und gnade mir, wenn ich mich mucke.“

Eben treten sie verbissenen Gesichtes ein. Heute knurrt der Graue fürchterlich. „Dieses Biest“, schilt Elihu, „ein Frommer hält sich einen Tiger!“ Als habe es der Hund verstanden, so faucht er los. Hiob beruhigt ihn: „Still, Grauer; dir wird freilich übel wie deinem Herrn, bläht sich die Bosheit in der Hütte.“

„Hast du keinen andern Morgengruß?“ Zophars Faust kracht auf den Tisch. „Langsam, Leute, das vertragen Kranke nicht; und Tiger, wie der Graue einer ist, fassen es als Angriff auf. Das Grüßen ist auch eure Sache, denn ich bin ein graues Haupt. Ansonsten wäre ja die Ordnung auf den Kopf gestellt.“

„Man grüßt die Bettler nicht“, erwidert Zophar flegelhaft, „und wären sie so alt wie Adam war. Auch hast du wider mich gesprochen.“ „So? Hast du gelauscht?“ Zophar grinst: „Ich lernte es von deinem Knecht.“ „Seit wann ahmen große Herren die Manieren kleiner Knechte nach?“, spottet Hiob fein. „Auch lauschen meine Knechte nicht; sie wachen nur.“

Gereizt springt Zophar auf, taumelt aber gleich zurück. „Gib die Bestie weg“, schreit er schlotternd, „sonst . . .“ „Was sonst? Ich kann mich schützen wie ich will. Ismaha“, sagt er zur Dirne, „komme auf den Abend wieder.“ „Ja, und habe keine Angst. Gott braucht nur ein Engelein, um dich zu behüten.“ „Gut gesagt! Gott kann kleine Engel über Welten setzen, wenn es Seinem Rat gefällt. Also halte ich den Ruten still, die man sich zurechtgeschnitten hat.“

„Das weiß der Teufel, wie du redest! Ich hörte dein Geschrei schon vor der Tür. Mein Verstand, den du als blöd bezeichnet hast, wird sagen, was dir fehlt.“ „Ich sprach mit Ismaha, die neben meinem Lager stand.“ „Du hältst es mit der Dirne, obwohl du wie aus einem Grabe stinkst? Ergötzt du dich noch an der Lust, so fließt dein Hurenbecher, den du fälschlich Opferkelch genannt, auch davon über.

Bald zerbricht dein böser Krug; wie ein Traum zerrinnt dein Leben. Ich bin‘s müde, dich zu Gott zu wenden.“ „Zophar, ließe ich mich wenden, was würde Gott dann mit mir tun?“ „Du fragst? Er würde dich im Staube lange liegen lassen, dann erhöhen zu deinem alten Recht.“ „Da wäre euer Traum sehr kurz, Landesherren sein zu wollen. Nützte euch, meinem Weib allmählich jeden Faden aus der Hand zu spinnen? Denn erhöht mich Gott nach euerm Wort, bin ich wieder wie zuvor der Herr.“ Man starrt Hiob eine Weile an. Zophar gellt los:

„Ha, wo ist des Satans Zunge? Legst du Netze aus, so merke auf: In unsern Netzen soll sich deine Seele winden wie ein Wurm! Du biegst dein Haupt zur Hölle nieder. Ob unser Traum vergeht, sei dahingestellt; doch deine Träume sind wie Nebel vor der Sonne. Du wirst vergessen, weil du dich zum Fürsten machtest, wie Abraham und Mose waren. Nenne dich gleich Henoch und Elia einen Geist des Lichts, und dein Frevelmaß trennt dich von Gottes Güte.

Bereitet es dir Pein, wenn wir von deinen Kindern sprechen? Als Unhold musst du deine Habe fahren lassen; und dein Leib beweist, wie du reich geworden bist. Wir fragten oft danach. Einmal brachte man dreihundert sattelfeste Dromedare vom schönsten Bau. Wir stachen in dich, woher? Doch du hieltest deine Zunge fest.

Oha, was hast du unserm Land gestohlen und den Tribut dafür in dein Gehege eingesteckt? Nun behielt Gott nichts zurück, weil an allem Unrecht klebt. Du hast das Otterngift gesaugt; dafür tötet dich die Schlange! Wenn du sagst, der Teufel streite wider dich, so hast du nur zu wahr gesprochen.“

„Ich denke, Gott straft mich?“ Die Frage klingt ironisch. „Ja, Er straft dich durch den Teufel! So wenig giltst du Ihm, dass nicht ER die Hand erhebt.“ Ein tiefer Seufzer: ‚Erst übten sie, mir Wunden beizubringen, und nun in die Wunden Gift zu streuen. — Herr, erhalte mir die Kraft.‘ Der Hund rutscht langsam auf die Männer zu.

„Die Bestie!“ Bildad rennt zur Türe hin. „Er spürt eure Bosheit. Früher konntet ihr ihn streicheln, und mit Elihu hat er gespielt. So habt ihr euch gewandelt.“ „Oder du“, zankt Zophar, dem die Angst in allen Gliedern liegt. „In Zor war ein Heide.“ „Ich weiß“, unterbricht Hiob hart. „Von ihm kaufte ich dich los.“ „Damals war es eine gute Tat. Aber höre nur, dir zugeschnitten: seine Schiffe gingen unter, die Häuser brannten ab, die Herden raubte man. Als Bettler warf man ihn ins Moor und ward ihm keine reine Stätte.“

„Soll sich dein Wunsch an mir erfüllen?“ „Was heißt Wunsch?“ „Du verrietest dicht. Hat GOTT den Mann bestraft?“ Hiob zwingt Zophars Augen in die seinen. „Ja“, stottert dieser. „Gott hätte also wider Sein Gebot gehandelt, dass wir den Feinden notfalls helfen sollen (Spr. 25, 21). Übertritt Er denn Sein eigenes Gesetz?“

„Schwätzer!“ Zophar tut lässig. „Gott steht über dem Gesetz, wir darunter. Er gibt‘s, wir sind daran gebunden. So ist‘s egal, ob Er zufolge des Gesetzes oder meines Wunsches straft.“ „Deine Weisheit glänzt wie neues Blech. Ein Gesetz, das der König gibt, muss er selber halten, sonst hält es auch kein Untertan. Gibt es beim Höchsten Unterschiede, so aus der Güte, die als Brücke über das Gesetz das Geschöpf zum Schöpfer leitet, von dem es ausgegangen ist.

Glaubst du Tor, Gott bringe jemanden um? Er gebietet: ‚Du sollst nicht töten!‘ Böse Wünsche sind dem Morde gleich. Gott straft den Heiden nicht, der nur nach der Erziehung handelt, nicht wissend, dass er übel tut. Doch wer — wie ihr — das Böse wünscht und mit Taten sogar nachzuhelfen sucht, der vergreift sich am Gesetz, das er kennt und ihm demzufolge untersteht.“ (Joh. 9, 41).

„Da müsste ich längst ausgerottet sein“, ruft Zophar zornig. „Doch ich lebe, und mein Weib erwartet ein gesundes Kind. Bei dir hingegen zeigt es sich, gerade wie in Zor. Er trat die Leute und führte schon Prozesse, das Neue, dass man durch falsche Eide Besitzende um ihre Habe bringt. Nicht voll genug konnte er den Wanst bekommen. Was blieb nun übrig von dem Fressen . . .? Der Tod im Moor. Das, Hiob, ist dein Lebensbild.“

„Ich bewundere deine Fantasie“, lächelt Hiob herb. „Daraus einen Kinderschreck zu machen, musst du keinen Hiob wählen. Du wurdest in der Wüste abgefangen und in Zor versteigert. Ich kaufte viele Sklaven und ließ sie frei; nicht wenige blieben gern bei mir als Knecht und Magd. Nun willst du — ich frage — in zwei Tagen alles das gesehen haben, was du mir geschildert hast?“

„So nicht“, windet Zophar sich heraus. „Ich bekam vor kurzem eine Kunde.“ „Ich nicht, obwohl ich ‚bis vor kurzem‘ mit dem Manne in Verbindung stand.“ Zophar greift den schlechten Faden auf: „Ah, von dem hast du gelernt, wie man heidnisch stiehlt und Gott und Volk betrügen kann?“ Hiob sagt gelassen: „Deine Lügen sind zu dumm, ich will mich nicht mit deinem Schmutz befassen. Der HERR wird zu dir sagen, wer falsch geredet hat.“

„Er beweist es dir, auch die Höllenzunge! Du wirst fliehen vor Gottes Bogenwaffe; im tiefen Abgrund wird dein Leib samt Seele wie im Moor ersäuft. Das bloße Schwert des Heiligen wird dich durchbohren, wie Michael es mit dem Teufel tat. Du zerstiebst vor Gottes Klarheit, wie jener Nebel, den du uns angedichtet hast.

Dieser Schreck fällt über dich; Gottes Feuerlohe fährt in deine Hölle nieder. Deinen Flammenpfuhl löscht keiner aus. Und denen, die noch an dir hängen, ergeht es ebenso. Das hat Gott als böses Erbe ihnen vorbehalten.“ Priguhas knirscht draußen: „Die Bande müsste man ins Wasser werfen, bis sie am Grunde liegen bleibt! Hierher, Trokk!“, pfeift er einem Hund, „beiß zu, bis sie laufen lernen ohne Wiederkehr!“ In der Hütte ist es still. Hiobs Antlitz hat sich sonderbar geprägt. „Er stirbt“, flüstert Elihu, „lasst uns fliehen.“

„Nein“, beruhigt Bildad, „wäre er gestorben, hätte sich der Hund geregt. Zophar hat ihn löblich zugerichtet, nun wird er hoffentlich zur Demut kommen.“ Hiob hört ihr Flüstern. Kann das ihn aber mehr verwunden als das laute Wort? Er richtet sich ein wenig auf, den Kopf in seine rechte Hand gestützt.

„Wäre nur mein Leben aus“, sagt er leise vor sich hin. Gleich hakt Zophar ein: „Feigling! Sprachst du so in guten Tagen? Statt erst zu büßen, willst du lieber sterben. Galten deine Reuereden nur den anderen?“ „Mit euch zu leben, bringt sonderbare Lust. Was veranlasst dich, Zophar, mein Wort arg zu münzen? Ja, hätte ich mein Erdenwerk vollbracht, was viel zu heilig ist, um es vor euch auszusprechen. Ihr seid verkauft!“ Hiob setzt sich etwas höher auf

„Widerspreche ich, so meutert ihr; verteidige ich mich, reißt ihr den Faden ab. Vertragt doch meine Rede. Dann spottet, so viel ihr wollt, am besten außerhalb der Hütte. Das Heilige der Last versteht ihr nicht (Matt. 13, 13-14). Ich bin geduldig! Leib und Herz ertragen alles Leiden. Ihr scheltet meine Hand, sie könne nicht mehr heilen. Seid gewiss: Eure lose Zunge kann sie heilen.

„Dir wäre recht, wir dienten deiner Bestie zum Fraß. Ist sie deine Heilerhand? Das Gesumse, deinetwegen ginge es um Finsternis und Licht, behalte gut für dich. Du liegst ja auf dem Totenbett! Dein Herz ist elend und verstümmelt; und von Geduld habe ich noch nichts gemerkt. Nur leben möchtest du in Pracht und Herrlichkeit.“

„Wenn das“, erwidert Hiob, „so frage ich: Warum werden Übeltäter reich und alt? Ihr Stamm sprosst, sie spüren Gottes Rute nicht. Doch ein Tor, der dieses sagt! Es gibt Gauner und Gerechte, deren Samen blüht; Fromme und Verlorene, denen das Gesetz am Nacken hängt. Den armen Frommen hebt ihr hoch; den Reichen nur, wenn er euch gibt. Wird er arm, dann verflucht ihr ihn, statt ihm zu helfen. Seid ihr ohne Sünde, dass ihr Steine werfen könnt (Joh. 8, 7)?

Wenn einer sagt: ‚Ich glaube nicht‘, dürft ihr ihn richten, oder Gott? Wenn ER, was bückt ihr euch, um eure Schleudern anzufüllen?“ „Das Schleudern lernten wir von dir“, faucht Bildad, „und steinigen hat Mose gegen Übeltäter anbefohlen. Das ist ein Gebot des Herrn (5. Mos. 13, 11).“ „Meinst du? Vergiss nicht, welche Umstände in der Wüste harte Richtlinien erforderten.

Auf der Flucht verlieren Einzelne wie Völker das Gesetz. Israel büßte im großen Wanderzuge viel an Ethik und an Glauben ein, obwohl der Höchste Seine besten Engel sandte. Oder denkst du, Mose hat die Steinigung befohlen und im gleichen Atemzug das Schutzgesetz für Tiere ausgesprochen? (5. Mos. 22) Sage, Bildad, wer hat die Steinigung verordnet: Mose oder — GOTT?!“

Hiob Recht zu geben, fällt Bildad schwer. So sagt er obenhin: „Ich war nicht dabei; einer sagte es, sonst stünde es nicht im Gesetz.“ „Ich lasse dich nicht aus! Hat der Herr geboten: ‚Du sollst nicht töten‘, kann ER es nicht gewesen sein. War Mose es, so war in ihm kein Himmelsfürst. Dann wäre sein Gesetz ein weltliches Gefüge, auf das wir nicht zu pochen brauchten. Löst du den Konflikt?“ „Nein; und die Wahl des Volkes hätte keine Gültigkeit. Weißt du es denn?“

„Du fragst mich? Ich denke, ich bin Schüler und ihr seid Meister über alles Volk? Was seid ihr denn, um dem Allmächtigen zu dienen? Ich weiß die Antwort, schweige aber noch, weil . . .“ „. . . du sie nicht weißt, du Lügenmaul!“, prustet Zophar wild. „So klug sich auszureden sind wir auch. Wer verbietet dir‘s?“

„Der Heilige!“ Hiob setzt sich vollends auf „Ihr steinigt und seid sündig. Eure Hand hat keine Gabe, kein Friede ist in euerm Mund. Ihr seid Schafe, die den Hirten aufgegeben haben (Joh. 10, 26). Noch zeigt sich‘s nicht, ob der Herr euch schonen wird. Eure Leuchte (Matt. 25, 1-13) kann vergehen, weil das Weh die Welt durchzieht. Heute steht ihr auf den Stoppeln meines Feldes und ahnt nicht, wie rasch die Windsbraut über euern kahlen Acker braust.

Gott kann das Unglück ja auf einmal bringen, weil ihr als Richter über euerm Bruder sitzt. Nur sieht die Vergeltung aus dem Lichte anders aus; denn über dem Gericht steht Gottes Güte! Er steinigt nicht das arme Herz; Er schreibt die Sünde in den Sand (Joh. 8, 5). Er verdammt auch nicht; Er führt in Gnaden heim. Das ist Sein ewigheiliges Gesetz, und das zu halten liegt auf unserm Weg. Eure Bürde müsst ihr selber bis zum Richtstuhl tragen. Habt ihr niemals einen Stein geworfen, weder in Gedanken, im Wort, noch in der Tat, dann leuchtet über euch die helle Friedenssonne.

Wer trotz Erkenntnis Rache übt, der muss vom Grimm des Höchsten trinken (Ps. 90, 7). Ihr spracht, ich läge auf dem Totenschragen. Wisst ihr, wann meine Stunde schlägt? Teilt ihr euch eure Monde zu? Wollt ihr Gott belehren, der hoch und nieder richtet und erlöst? Stirbt wer gesund, bei vieler Habe, ein anderer arm, in elender Gestalt, fallen dennoch beider Leiber der Vergänglichkeit anheim.

Eure Gedanken habt ihr gar zu offen vor euch hergetragen. Blöde wäre, wer sie nicht verstanden hat. Meinen letzten Tag hättet ihr schon nach der ersten Rede gern gesehen. Nun ist eure zweite Rede umgegangen. Wollt ihr eine dritte halten? Euch selber baut ihr keine Sperre, dass die Gedanken nicht zu bösen Worten werden, noch weniger, um ungerechte Taten aufzuhalten.

Ihr lachtet: ‚Wo ist sein Fürstenhaus? Das Geistige ist vergangen und das Land erringen wir, bevor es seine Knechte nehmen. Je mehr wir den Verdammten schlagen, umso mehr verliert er Kraft. Stirbt er aus Gram, denkt jedermann: Sein Leid war seines Todes Fluss; keiner hat an ihn die Hand gelegt, nicht einmal der Satanas.‘

O ihr Toren! Ihr krümmtet euch, würde Gott mich von euch fordern! Und das nicht wie einst bei Kain, der zu wenig Lebenswissen hatte. Bildad, hast du dem Wanderer vom Feld (Kap. 15, 28) ein Zeugnis abverlangt? Nein, es wurde nur bedacht, wie ihr rasch zum Fürstensitze kamet. Ihr geißelt, bis die wunde Seele für den siechen Körper keine Kraft behält. Wahrlich — steinigen ist nicht so arg; das ist oft ein schneller Tod. Ihr aber wollt mich langsam martern.

Denkt ihr, einst ist Luzifer verworfen (Off. Joh. 12, 10)? Wie falsch! An euerm Tage des Gerichts wird Luzifer nicht nur verklagt; er darf auch Zeuge sein. Ihr steht mit vor Gottes Richterstuhl. Wenn ihr ihm aber dann ins Auge sagen wollt, er hätte euch verführt und wollt von Gott das Strafmaß für ihn haben, was er an mir getan — durch euch —‚ dann erwacht ihr grauenvoll!

Gott wirft das Böse fort. Aber wehe, die ihm folgen oder schon vorausgegangen sind! Der Tote hockt auf seinem Grab, bis die Seele Sehnsucht nach dem Licht empfängt. Am längsten bleiben die in wacher Pein in ihrer Grube liegen, die andere zu Tode marterten, leiblich oder durch die Seelenqual. Merkt ihr nun, wie euer Teil beschaffen ist? Aber keine andere Bitte kenne ich, als nur die eine: Vater, vergib, sie wissen ja nicht, was sie tun!“ (Luk. 23, 34).

Draußen flüstert Priguhas: „So kann nur ein Hiob reden. Müssten sie nicht merken, was er an ihnen Großes tut?“ Indessen kommt ein Knecht und fragt nach Zophar von Naema. „Er ist drinnen“, zeigt Priguhas auf die Tür. „Niemand darf hinein.“ „Es ist eilig“, keucht der Bote. „Sein Weib hat tot geboren, und die Kindesmutter wird die Bahrefrau.“ „Ach!“ Priguhas steht ganz unter Hiobs hohem Wort.

Da wird es drin lebendig. Zophar wirft einen Schemel an die Wand: „Deine Heuchelei kennt keine Grenze! Mit frommen Worten fährst du durch die Welt, im Herzen eine Hölle. Du hast kein Recht, für uns zu bitten, weil wir keine Übeltäter sind! Was soll Gott vergeben? Ich finde nichts! Doch wir, o Freunde“, faltet er die Hände, „wollen bitten, dass Gott seine Seele heilen möge. O Gott“, hebt er an und verdreht die Augen, „wir bitten Dich . . .“

Das ist für Priguhas zuviel. Auch Zophars Bote zieht erstaunt die Augenbrauen hoch. Er kennt Hiob als einen Mann, wie er weit und breit zu suchen ist. Priguhas reißt die Türe hastig auf und lässt den Boten ein. „Da, melde deine Mär!“ Er hält Trokk fest, der sich wie toll gebärdet.

„Was ist?“, fragt Hiob. „Herr, komm heim“, winkt der Melder Zophar zu. „Dein Weib stirbt.“ Zophar wird kreidebleich. Rühmte er sich nicht, sein Weib würde ein gesundes Kind gebären? Er stürzt fort, die anderen ihm nach. „Das ist ein Unglück“, seufzt Elihu. Bildad aber rast: „Das hat Hiob unsern Freunden eingebrockt! Mich hat er verschont“, glänzt er eitel, „ich war ihm ja der Liebste von uns dreien. Auch hat‘s Zophar bisschen scharf gemacht.“ Sie werfen sich auf ihre Esel.

Priguhas sagt ungehalten: „Lass das Pack nicht mehr herein! Ganz verstehe ich es nicht, dass der Herr dich so verlässt. Mir fuhr es durch und durch, als du vom . . .“ er stockt, „. . . vom Vergeben bis ins Heiligste gebetet hast. Ich wünschte manches Böse, freilich nur den Bösewichten. Aber nun —? Ich stehe Gott noch fern. Hilf mir zur Überwindung, dass ich auch das Licht erlange.“

Hiob tröstet: „Jeder Mensch hat seine Fehler, auch wenn er auf dem Pfad des Lichtes ist. Mich traf es wohl, als sie ‚Heuchler‘ sagten, wo ich kein Höheres erbitten kann. Das Schuldbuch brauchen wir nicht umzublättern; der Heilige ist‘s, der den Schlussstrich zieht. Wünsche niemals Böses, auch wenn das Übel in der Türe steht. Gehe ich einst heim ins Reich, dann folgt ihr Treuen nach. Wir stehen alle unter Gottes Bogen Seines Bundes und der Gnade.“

„Ist‘s unrecht, wenn man Übeltätern in die Sperre läuft, um ihnen einen Dämpfer aufzusetzen?“ „Nein; nur kommt es darauf an, was man dabei fühlt. Ihr habt den Doktor in die Flut getaucht. Das war nicht schlecht. Nur fragt es sich, was ihr dabei dachtet. Machte es euch Freude, so war‘s nicht gut; wolltet ihr ihm zeigen, dass die Bäume nicht zum Himmel wachsen, da war es recht.

Das Richtige zu wollen ist meistens schwer. Man sagt gern: ‚Ich habe es nur gut gemeint.‘ Aber Gott erforscht die Nieren (Jer. 17, 10);

Er sieht ins tiefste Kämmerlein. Darum muss man stets bedenken, wie und warum man etwas tut und nicht zuletzt ein helles Mäntelchen benutzen, das in Gottes Feuerlohe graue Asche wird.“

„Wie gut du bist!“ Simon tritt vor. Er, Samulis und Ismaha waren leise eingetreten, und sie hatten alles mitgehört. Ismaha streicht zärtlich über Hiobs Hand: „Äußerlich ist sie krank“, flüstert sie ergriffen, „doch wie stark ist ihre Kraft.“ „O ihr Lieben!“ Hiob fleht auf die Getreuen des Himmels Segen nieder. Ruhig liegen beide Hunde da.

„Vierzig Männer, Frauen und auch Kinder warten“, meldet Samulis. „Soll die Hälfte kommen und die andern morgen?“ „Bringt alle! Gott zählt nicht die Menge; Er heilt die Gläubigen, wie viele es auch wären (Joh. 1, 12).“ Sie treten ein, schüchtern, innerlich bewegt. Und wie sich jeder beugt und die Kinder sich an Hiob lehnen, so werden sie gesegnet und gesund.

Von ferne sieht der Doktor zu, wie die Kranken jubelnd heimwärts gehen. Er murmelt: „Etwas stimmt hier nicht. Sollten seine Freunde Unrecht haben? Kann er in einer Stunde vierzig heilen, so hat seine Kraft noch zugenommen. Ich —? Er gab sie mir aus Gottes Geist, und ich konnte manchem herrlich helfen. Ich war stolz, er demütig; wer ihm danken wollte, den führte er zu seinem Altar hin. Ich nahm sogar von Armen Gaben an. Hm, ich glaube . . .“ Er wendet sich, bedrückt im Herzen, ab.

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