Das Heiligste wird von den Bösen angegriffen
19. Kapitel
Die Übeltäter kommen angeschlichen. „Herr, verzeihe uns“, bittet Samulis. „Hätten sie dich nicht so sehr gekränkt, wär‘s nicht so schlimm geworden. Wir hatten Angst, als sie in die noch heiße Grube stiegen.“ „Warum stand ein Knabe dort?“ „Mit diesem lockten wir sie an. Wer ahnte, dass sie den Buben hauen würden? Simon kam zu spät. Aber denke, der Doktor holte ihn und fragte, ob er Kranke bringen dürfe, die er nicht mehr heilen kann.“
„Da half Gott und — euer Bad“, lächelt Hiob. „Ich hatte aber .. .“ „. . . Fäuste, Wasser oder Medizin verboten“, fällt Simon ein. „Ihr Kinder!“, kneift Hiob seine Knechte. „Nur gut, dass Ismaha auf keine Streiche kommt.“ Glührot bekennt das Mädel tapfer: „Mir fiel die Asche ein; die hattest du nicht mit genannt.“ Hiob lacht: „Da hat man es! Auf deine kleinen Hände baute ich, dass sie die groben Fäuste meistern sollten. Nun aber an die Arbeit; heute ist kein Sabbat, wo man lauschen kann.“ Befreit gehen die vier ab.
Als die Magd das Essen bringt, sagt Hiob: „Mädchen, das war etwas Tolles; solches tu nicht wieder.“ „Nie!“, versichert Ismaha. Dann bittet sie verschämt: „Vater Hiob, hilf mir.“ „In was?“ „Die dreie gehen mir nach, doch ich kann nur einen nehmen.“ „War dir Elihu nicht lieb?“ „Nicht mehr!“ Zornig flammt es hoch: „Wer so viel Gutes mit Niedertracht vergilt, ist für mich erledigt, ein für allemal!“
„Braves Dirnlein! Welcher ist‘s?“ „Priguhas, sage ich es jedoch selbst, wird der Neid die Eintracht stören.“ „Dem ist abzuhelfen. Zur gelegenen Zeit gebe ich dich Priguhas.“ „O, du bist doch der beste Fürst!“, ruft Ismaha erleichtert aus.
Die Männer kommen an. Sie nahmen sich das Beste, was Hiob sonst zu Besuch an Königshöfen trug: Kleider, Mäntel, Schuhe, Gold- und Silberschmuck. „Fein seht ihr aus, gerade so, als kämen Pharaonen.“ Er deutet auf die Schmuckgehänge. „Du ließest uns die Wahl.“ Bildad ist in Angst, das Geschmeide zu verlieren, denn schließlich sind das keine Kleider.
Hiob winkt nur ab: „Behaltet es, wenn es euch selig macht. Mein Schmuck ist ein ganz anderer, wenn der äußere der Stellung wegen auch mitunter nötig ist. Wer weltlich ist, bleibt daran hängen; wer GOTT, den Höchsten liebt, lässt willig fahren, was des Geistes Weg erschwert.“
Bildad, am Fenster sitzend, sagt: „Ich frage nur nach Gott und Seinem Reich. Von deiner Rede hörte ich nicht viel. Natürlich kommt es auf die Meinung an; doch wie tief bist du gesunken. Gott lässt den Schreck auf alle Bösen niederkommen. Der Fremde wollte mit uns reden? Ha — der Satan sah in uns das Licht, deshalb ist er ausgerissen. Was gilt‘s? Er hat das Gold geholt und bringt‘s zurück, sobald wir heimgezogen sind.
Gottes Friede ruht auf uns. Zählst du Seine Kriegerscharen? Sie haben dich umstellt samt dem Bösen, dem du ins Garn gegangen bist. Trotzdem will ich für dich beten. Sei ohne Furcht, denn kein Mensch wird selig, wenn nicht GOTT vergibt.“ Bildad sagt das nur, dass er den Schmuck behalten kann. „Nicht einmal das kleinste Kind ist ohne Sünde. Sein erster Schrei gilt nur der Welt. Sonne, Mond und Sterne sind nicht rein, sie vergehen auch nach ihrer Zeit.
Doch was gilt der Trost?“, spricht er salbungsvoll. „Ich hörte, du habest Kranke neulich gesund gemacht. Aber, aber! Dein Arzt tat es, ohne dass die Kranken es bemerkten; dann holtest du sie her, auf dass dein Name wieder vor der Welt geehret werde. Selbst mit der hohen Gabe schacherst du!
Wir sehen nicht den Kasten, der für dein Handauflegen der Armen letzte Habe birgt. Schämst du dich denn nicht? Kranke haben keine Heilerkraft. Ist Gott krank? Der Heilige allein macht alle Siechen wieder froh. Nur Aussätzigen“, Hiob trifft ein schräger Blick, „lässt Er ihre Qual behalten. Aussatz ist der Sünde Sold!“
„Dein Trost ist eine teure Salbe; müsste ich sie GOTT bezahlen, würde meine Seele arm. Aarons Weib ward wieder rein (4. Mos. 12, 15) und . . .“ „Halt! Das ist etwas anderes. Mirjam musste sieben Tage Aussatz tragen, sie hatte Mose vor dem Herrn verklagt.“ „Richtig! Und ihren Denkzettel trug sie länger als ihr euer Pech. Ich ließ euch nicht zum Gespött davon, trotzdem eure Bosheit es verdient.“
„Uns zu reinigen war deine Pflicht, du hast uns in die Aschegrube fallen lassen.“ Hiob seufzt: „Man macht der Esel lange Ohren nimmer kurz.“ „Spotte nur“, faucht Bildad wild. „Ich sage dir aus Gottes Mund: Du stirbst mit schwerem Aussatz, weil du die verweste Hand zum Hohn auf Menschen legst, die Gottes Güte durch den Doktor heilen lässt. Wie eine Schlange liegst du da, die man am Morgen sticht, und am Abend stirbt sie erst. Ich tue nun wie Eliphas: Fürder schweige ich; du bist‘s nicht wert, ein gutes Wort zu hören.“ „Ich schweige auch“, geifert Zophar garstig nach. „Mögen unsere Eselsohren lange wachsen, dafür Gottes Strafe länger über dir!“ Eine Zeit hindurch ist‘s still.
Hiob sammelt alle Kraft, die vom harten Kampfe übrig bleibt. Soll er noch mit ihnen rechten? O — Gott, der Herr, ist gut! Er hat immer eine Hand bereit, um Verirrte auf den rechten Weg zu bringen. „Bildad“, spricht er so ruhig, dass der Freund zusammenzuckt, „ich bedanke mich bei euch, wenn ihr wirklich schweigen wollt. Und das Beste wäre, wenn ihr heimwärts zöget, weil stumme Menschen, die doch reden könnten, einfach unerträglich sind. Nie möchte ich mit euch so tun, wie ihr mit mir getan.
Stehst du mir bei? Gäbest du guten Rat, wenn ich keine Weisheit hätte? Mich anzuklagen, ich legte nur zur Schau die Hände auf, ist ungeheuerlich; das wirst du wohl bezahlen müssen! Fahre nur nicht hoch; ich gönne es dir nicht. Aber dieser Stachel des Skorpions, in meine Seele eingetrieben, sticht dich in das eigene Herz! Ich könnte dir Beweise geben, ob ich wirklich heilen kann.“
Hiob betet: „Ich wende mich zu Dir, Herr, meine Burg und Zuversicht (Ps. 91, 2). Mein Leben durfte Dir zur Ehre dienen, mein Leid als Vorspiel dessen, was DU SELBST zur Erde bringst: Geduld und Liebe-Kelch und Kreuz!“ In langer Rede zeigt er an, warum er leiden muss. Er preist Gottes Herrschaft und dass sich Seine Weisheit nicht erforschen lasse, sondern denen werde, die in Demut und in Ehrfurcht vor dem Herrn verblieben.
Sein ohne Schuld zerstörtes Glück ist die erste Klage, die er für sich selber führt. Von Last und Leid, so schwer, fällt vieles auf die Männer. Hiob sieht sie an, ob sie die Rechtfertigung seines unsträflichen Wandels anerkennen möchten. Es rührt sie nicht; denn ihre Hoffnung, bald Hiobs Stelle einzunehmen, ist ihnen ungewiss geworden, seitdem der Fremde in die Kammer getreten ist.
Am Abend gehen sie in Hiobs großes Haus. „Schöne Fabeln haben wir gehört.“ Bildad schielt auf einen schweren Ring an Zophars Hand. Schade, dass er nicht rascher zugegriffen hatte. „Lass ihn“, entgegnet dieser hämisch, Bildads Neid erspähend. „Ich rede nicht mehr wider ihn.“ Heimlich denkt er an den Gast, in dem er einen Perserfürsten sieht. Diese Leute sind sehr weltgewandt, nicht selten pharaonenreich. Sollte Hiob sich an diesen lehnen, wäre es nur gut, den alten Freund herauszukehren.
Eliphas seufzt: „Zwecklos, länger dazubleiben.“ „Ich möchte auch mit Hiob rechten“, sagt Elihu, „und ihr wäret meine Zeugen; oder wenn er stirbt, dass mich niemand einen Mörder nennen könnte.“ „Ach du — junger Mann?“, fragt Eliphas geringschätzig. „Was uns Alten nicht gelingt, wird ein Grünling nicht erreichen.“ Elihu höhnt schnippisch: „Eine Wette, ob grüne Bäume Früchte bringen? Die Alten dörren ab, die Jungen sprossen in die Höhe.
In Hiobs Schule lernt man nicht nur schreiben oder lesen“, brüstet er sich stolz. „Ich weiß von Handel und Gewerbe, von Völkern und wie man Dinge schnell verbessern kann. Ein Ägypter wusste viel. Ihr werdet euch verwundern, was vom grünen Holze kommt.“
„Lass ihm seinen Spaß“, meint Zophar. „Etwa tut es Hiob gut, wenn der Junge seinen grauen Bart bestreicht.“ „Meinetwegen“, gibt der Alte ungern zu. „Aber nur noch einen Tag.“ „Willst wohl dem Fremden aus dem Wege gehen?“, stichelt Elihu. „Sei nicht frech, Jüngling, sonst ziehe ich dir einen über!“
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