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Kap 20 – Eine jammervolle Nacht; des Doktors gute Wandlung; was vom grünen …

Eine jammervolle Nacht; des Doktors gute Wandlung; was vom grünen Holze kommt

20. Kapitel

„O Herr, man hat mir das Lendentuch vom Leib gerissen; mit Mühe decke ich die Scham vor Deinem Angesicht. Ich heilte doch mit Deiner Kraft die Kranken. Oder hat der Arzt Gesunde zugeschickt, die meinen trüben Augen krank erschienen? Ist‘s möglich“, stöhnt er bang, „dass man ein böses Spiel getrieben hat? Ach — ich hätte kein Vertrauen mehr, nicht zu Dir, o Herr, am wenigsten zu mir!

Mein Schiff ist ohne Steuer und die Ruder sind entzwei; hilflos treibt mein Geist auf Wellen; Wetterwolken nehmen mir die Sicht. Tun sie Böses, kann ich ja mit Deiner Huld die Prüfung tragen. Ist es aber doch ein Blitz von Dir, unbegreiflich, hoher Schöpfer, dann bin ich gestraft. Herr, erhebe mich — oder stürze mich; nur lass mich nicht im Dunkeln tappen, ungewiss, wie ich vor Deinen Augen bin.“

Aus zerbrochener Tiefe, aus der Selbstpein gellt der Schrei. Hiob prüft bis auf des Messers Schneide. Er sucht dort, wo der ‚Gnädige‘ nichts finden würde. „Mein letztes Glied enthülle ich vor Dir“, ruft er aus, „und du hörst mich nicht? O, es ist Sünde gegen Dich; doch mich schmerzt der Leib, und das Herz hört auf zu schlagen.“ Es ist die jammervollste Nacht, die er durchzukämpfen hat. Seine Lippen werden blau. Im Fieber grinsen schwarze Fratzen, Geierschnäbel hacken auf ihn ein. Der Graue winselt.

Ismaha erschrickt zu Tod, als sie früh ans Lager tritt. Sie ruft die Knechte und den Arzt. Sogar Hiobs Weib kommt mit, denn mit Groll sah sie die Männer mit dem Schmuck behängt. Sie weint. Simon sieht die Männer kommen. Ein leiser Puff; er verstellt mit Samulis und Priguhas die Tür. Der Graue klemmt sich auch mit Trokk dazwischen und knurrt die Männer böse an.

Ein harter Kampf, ehe Hiob wieder zu sich kommt. „Das Herz hat ausgehalten“, atmet ehrlich froh der Doktor auf. „Jetzt muss gute Speise her und — vor allem keine Aufregung.“ Er bedauert sein bisheriges Verhalten, wäscht und salbt die Wunden und bereitet aus dem harten Lager ein ordentliches Krankenbett.

„Kommt er durch,“ fragt Hiobs Weib. „Ich hoffe es, Ra-Tana; aber er braucht Pflege.“ „Das tut Ismaha“, sagt Ra-Tana rasch, „sie braucht nicht aufs Feld.“ Erstaunt hören es die Leute. Ein Wunder ist geschehen, von Hiobs Gott. Nun wollen sie der Herrin treulich dienen, solange Hiob nicht genesen ist.

„Lasst uns ein“, zanken die vier Männer. „Nein!“, kommt es barsch zurück. Hiob ruft sie aber, „Ich bleibe da“, sagt der Arzt. Dankbar drückt Ra-Tana ihm die Hand. Wie vieles möchte sie jetzt tun; sie streichelt Hiob ohne Scheu. Wichtig setzen sich die Männer auf die Bank. Elihu rutscht hin und her. Er will seine Zunge wetzen, ehe Hiob stirbt. Sie sind so blind und merken nicht, was für sie selber auf dem Spiele steht. — Eine Stunde später.

Gestärkt wacht Hiob auf. Das Fieber ist gewichen. Im Traum ging er an eines Mannes Seite: GOTT auf Erden! Den Jesaja HEILAND nannte (Jes. 43, 3 und 11) hatte große Ähnlichkeit mit seinem unbekannten Freund. Wie fröhlich fühlt er sich. Umso härter trifft ihn Elihus Geschwätz. Der Doktor ging, um Öl zu holen, und die andern suchten ihre Arbeit auf. Da fegt der Junge los:

„Hiob, in der Schule lernte ich, was viele alte Leute noch nicht wissen.“ Er ahmt des ägyptischen Lehrers Stimme nach. „Ganz recht“, erwidert Hiob äußerlich gelassen, „ob jedoch in meiner Schule, wird sich weisen, wenn du ausgeredet hast. Dein Anfang zeigt mir nur kein gutes Ende.“

„Wohl“, höhnt das grüne Holz, „für dich! Hältst du dein Leben so unsträflich? Ich ließ euch gerne sprechen“, dreht er sich den Alten zu, „doch bei euch war kein Verstand. Ihr habt nur gestritten, was der Herr verwirft. Ihr sagt: ‚Wir trafen Weisheit an, Gott selber muss ihn richten.‘ Weil es bisher nicht geschah, seid ihr verzagt. Ah, wie er fein auf seinem Bette hockt!“ Elihu deutet auf das reine Lager. Kräutersäfte verbreiten Wohlgeruch.

„Hiob dachte, ich sei ohne Frucht. Ihr sollt vor mir noch stille stehen! Ich streite nicht, sondern rede, was in mir wie junger Wein im zugestopften Schlauche gärt.“ Trotz Prahlerei bleibt er im alten Rahmen stecken. Ja — zugespitzt wirft er seinem treuen Gönner alles vor die Füße: Leid und Ungemach.

12 „Ich war froh, als du mich wie deine Söhne liebtest, die längst der Teufel fraß.“ Elihu kichert blöde. „Mich hast du freilich auch verloren, denn dein Sohn zu heißen schämt man sich. Ist Weisheit nur im alten Mund?“ Die Männer staunen über diese Rede, wie von der Tafel abgelesen. Hiob sticht kaum der Schmerz: ‚Den hab ich von der Gasse weggenommen und ihm ein gutes Leben zubereitet.‘ Bloß das freut ihn, dass seine Schule nützlich ist. Leider — Elihu mag ein ungezogener Schüler sein. Der Junge poltert weiter:

„Bist du abgestürzt, rettest du dich selbst? Wenn ein Engel käme und du erkennst ihn an, sagte Gott zum Engel: ‚Löse ihn, dass er nicht noch tiefer falle; denn Ich habe eine ewige Erlösung gefunden (Hebr. 9, 12) für alle, die verloren sind!“ Als Hiob den vor Eifer Glühenden unterbrechen will, ruft dieser laut: „Höre mir nur zu, ich will dich zur Weisheit führen!“

Gerade tritt Ismaha ein. Prustend stellt sie ihre Essensschale ab. „Du unverschämter Grünschnabel mit der Eierschale hinterm Ohr willst unserm Vater Hiob Weisheit lehren? Du . . .“ Sie bebt vor Zorn. Hiob fasst nach ihrer Hand: „Sei ruhig, Mädchen; der Junge will sein Garn verspinnen. Ich hab Geduld mit Grünen, die vor Eifer überschnappen, und mit Dürren, die ihr Wort im Mund vergessen. Beides wäre ja nicht nötig, setzte man Vernunft auf einen Richterstuhl.“

„Nein“, begehrt die Dirne auf, „und der Arzt wird es nicht dulden.“ „Was soll ich nicht dulden?“ Der Genannte kommt herein. „Der Flegel macht sich breit“, wütet Ismaha. „Hinaus! Und schnell!“ „Wir gehen selbst“, sagt Eliphas gespreizt. „Auch ist Mittagszeit. Du hast aber nichts zu melden, hast Hiob selber schwer gekränkt.“ Betroffen schweigt der Arzt.

„Was vergangen ist“, greift Hiob ein, „ist vergeben, wenn man es bereut. Wer nur die Zunge eitel wetzt, ist notfalls zu ertragen. Das Grüne will zur Reife kommen, darum bleibt Elihu das Wort, bis die Suppe ausgelöffelt ist.“

Die Männer gehen. Ra-Tana hat das Haus verschlossen. Missmutig wenden sich die vier zum nahen Wirt, Hiobs Freund. Die ‚aufgeblähten Gimpel‘ kommen ihm gerade recht. Samulis unterrichtet ihn von allem.

Des Wirtes Tochter* bedient. Sie lassen sich vom besten Landwein geben. Als der Wirt kassieren will, sagt Bildad würdig: „Das bezahlt der Fürst.“ „Würde er das tun, wäre er der dümmste Esel weit und breit! Bezahlt, sonst bemühe ich den Oberrichter, der bei mir gerade abgestiegen ist!“ Derselbe achtet Hiob hoch; es wäre schlimm, wenn etwa . . ., zumal der Wirt fortgesetzt den Fürstenschmuck beäugt, ihm sicherlich nicht unbekannt.

* Des Wirtes Tochter stammt aus dessen erster Ehe. Die schon erwähnte junge Frau des Wirtes ist sein zweites Weib.

„Wir zanken nicht“, sagt Zophar schnell, um fort zu kommen. „Hiob gibt es uns zurück.“ Mit den Augen warnt er Eliphas, der aufbegehren will. „Wollen wir den Oberrichter uns vergrämen?“, grollt er, als sie sich im Schatten von Platanen niederlassen. „Einer muss mit Hiob reden, damit wir Essen und das Lager haben.“

Eliphas erwidert: „Ich schwur zu schweigen.“ „Ich auch“, sagt Zophar heftig, „du hast sonst stets das erste Wort.“ „Darauf kommt es gar nicht an.“ „Rede du mit ihm, Bildad.“ „Nicht“, gähnt dieser, „ich tat denselben Schwur.“ „Ich tu es gern“, eifert Elihu, „dabei kann ich meine Rede weiterführen.“

Sie gehen zu Hiob, der sich mit dem Doktor unterhält. Durch diesen fühlt sich Elihu beengt, doch bald läuft seine Rede wie der Faden von der Spindel. Hiobs Klage nennt er ‚Gott verhöhnt‘. Wichtigtuend spricht er von Vergeltung, die jeglicher nach seinem Tun empfange, weil der Allmächtige niemals ohne Recht verdamme. Er rühmt Gottes Herrlichkeit. Da sagt der Arzt:

„Wüsstest du davon, so könntest du gesegnet sein. Da du verletzen willst, ist dein Gerede Spott und Hohn. Was soll Gott entgegnen?“ „Das lass Seine Sorge sein“, erbost sich Elihu, „Kümmere dich nur um dich! Ist‘s fein, ins Wort zu fallen? Sogar Hiob schweigt; meine Weisheit schließt ihm seinen Mund.“ „Fein getroffen“, sagt Hiob fast belustigt, „dein Weisheitsberg ist unbesteigbar.“ Der Eitle wähnt, es sei ernst gemeint. „Ja“, doziert er wie ein Templer, „diese Höhe fällt auf jene, die zur Hölle müssen.“

Der Abend zieht herauf, als seine Stimme heiser wird. „O dass du versucht würdest bis ans Ende“, eifert er, „weil du es mit ungerechten Leuten hältst (Matt. 9, 11; 11, 19), wie der Perser einer ist. Uns verspottest du; aber deine Reden gingen wider Gott.

Hiob, schließe nicht dein Haus, wie du anbefohlen hast, dass wir zum Wirte gehen mussten. Es wirft kein gutes Licht auf dich, wenn treue Freunde lange mit dir trauern und gibst ihnen keine Speise.“ Hiob fragt Ismaha, die das Abendessen bringt, ob niemand drüben gewesen sei. „Ich weiß es nicht, die Herrin kam spät heim.“ „Sage meinem guten Weib, es möge Essen und das Lager geben; und ich will noch eine gute Stunde mit Ra-Tana haben.“ —

Die Stunde kommt. Ra-Tana bittet unter Tränen um Verzeihung. Wie dankt der Kranke: Nun doch die Seele, die ihm bitterlich am Herzen lag. „Ra-Tana, Gott sieht das Vergangene nicht an; lass uns Hand in Hand das Licht erwarten, wenn es wieder zu uns kommt.“ „Zu dir“, flüstert sie, „nicht zu mir.“ „Niemals! Sieh, ich wusste, dass das Leben der Judäer dich, die Fürstentochter Babylons, des reichen Hauses mit dem Sklavenheer und deines Vaters Götterfesten, ärgern würde. Darum hatte ich Geduld.“

„Vater wollte es; und ich schwieg im Zorn, weil das Weib so wenig Willen hat. Du warst anders; doch mich machte meine Knechtung rasend gegen dich.“ „Ra-Tana, lass den Vorhang fallen; wir gehen den neuen Weg ins Licht. Gottes Liebe eint uns nun, und wir tauschen unsere Gaben aus.“ „Wie gut du bist“, schmiegt sie sich an. „Keiner öffnete die Arme so, da ich niederträchtig war.“

„Das warst du nicht“, widerspricht der Edle. „Ich bedenke, wie du aufgewachsen bist. — Wir wandeln noch auf dieser Welt, aber unsere Herzen sind in Gottes Reich.“ Da schiebt sich der Graue hoch. „Ja Grauer, du gehörst auch dazu und darfst nun deiner Herrin nicht vom Rocke weichen.“ Der Hund versteht. Er wacht bei Ra-Tana, und der schwarze Trokk legt sich an Hiobs Lager nieder.

Der Vormittag bringt die Männer. Hiob fragt: „Na Elihu, wie dick ist heute deine Spindel?“ „Lachhaft, so zu reden!“ Elihu läuft rot an. „Wieso? Du wolltest mich doch Weisheit lehren.“ „Bei dir geht‘s fehl“, sagt der Junge frech. „Spindeln sind für blöde Weiber; für Männer ziemt sich kluge Rede und die Macht.“ „Vergiss die Arbeit nicht“, mahnt Hiob väterlich. „Und drehten die Frauen keine Spindeln, wären wir wie Adam nackt.“

Die Alten hüsteln. „Pfui!“, ruft Elihu. „So krank und denkst an solche Dinge? Das ist ein arger Pfuhl! Willst du die böse Lust bedecken, indem du sagst: ‚Sündig ist der Mensch, ob mehr, ob weniger, es bleibt sich gleich? Werden wir verdammt, so schon um einer Sünde willen; werden wir erlöst, so verzeiht Gott mehr‘—?“ Die zweite Rede wird ein schlechter Widerhall. Am feinen Kleid her unterstreichend und mit den Silberringen klirrend, Hiobs Schatz entnommen, zankt Elihu: „Den Eitlen hört Gott nicht, und du siehst Ihn nicht, außer“, er macht eine angestrengte Pause, „im Gericht. Gott verzieht bei dir nicht lang; rascher als ein Blitz fällt Seine Flamme nieder.

Hiob hat den Mund nur unverständig aufgesperrt. Tragt es ihm nicht nach“, wendet er sich an die Alten, „seid freundlich bis zu seinem Tod.“ Der Stein trifft gut, Hiob presst die Hand aufs Herz. ‚Böse —? Ach nein, nur unerfahren. Herr, Unreifes verdammst Du nicht, nur weil man davon sterben kann. Ich will es von mir tun. Oder — der Gedanke ist von Dir, Du hast ihn mir jetzt eingegeben, und ich bedenke es: Ja, ich will die grüne Frucht in Deine Hände betten, bis sie in Deiner Gnadensonne reift.‘ —

Keiner ahnt, wie Hiobs Seele reif geworden ist, dass Gedanke zu Gedanke mit dem Herrn verkehren kann. Die Männer rühren sich nicht sehr; Trokk verlangt noch mehr Respekt als der Graue. Hiob hat ihn lose angebunden, damit er nicht gleich springen kann.

„Er ist eingeschlafen.“ Vorsichtig steht Zophar auf. Draußen sagt Elihu gekränkt, weil seine Rede unbeachtet blieb: „Morgen spreche ich zum letzten Mal. Dann wandere ich fort.“ „Wohin?“, fragt Eliphas. „Du bist bei deinem Alten nur ein Knecht. Sieh zu, dass du bei Hiob wieder Anklang findest, wenn . . .“ „. . . er nicht indessen stirbt.“

„Nicht mehr“, entgegnet Bildad ärgerlich. „Der Perser steht im Spiel; der hat Medizin gebracht. Gestern stand es auf des Messers Schneide. Aber Hiobs Herz hat die Säfte ausgeglichen. Unsere Felle schwimmen fort.“ Trübe blickt er in die Ferne. Ja — trübe sieht es für die Freunde aus. Was man in der Tasche wähnte, hockt als Adler auf dem Horst. Gesundet Hiob, ist die Freundschaft ausgespielt.

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