Das Abendmahl
24. Kapitel
In der hohen Halle, aus Zedernholz gezimmert, steht die Tafel, mit handgewebtem Purpur bedeckt, darauf Silberplatten, alte Krüge aus Chaldäa, Silberbecher und daneben Tellermulden aus hellem Erz. In der Mitte, für den ‚höchsten Gast‘ gerichtet, steht ein Stuhl mit einem blaugefärbten Löwenfell, wie es in Babel Mode ist. Eine Ehre, die nur Herrschern gilt. Der goldne Teller, reich verziert, stammt aus Ra-Tanas Eheschatz, ebenso der große, feine Silberkelch.
Glühenden Gesichts harrt sie an der Pforte, Ismaha am Stuhl, um ihn für den ‚HERRN‘ zu stellen. Der Arzt bespricht sich mit dem Wirt und mit fünf Männern. Drei Frauen und zwei Mädchen sind ebenfalls gekommen. Diese stehen etwas ängstlich nahe bei den Fenstern, die drei Knechte zu jedem Dienste sprungbereit.
Die Männer sind erregt. Was sie hörten, grenzt ans Unglaubhafte. Wenn dies nicht beim frommen Hiob wäre, hätten sie die Füße nicht bewegt. GOTT sichtbar wie ein Mensch —? Die Väter, die Propheten sahen Ihn. Allein, wo ist solche Gnade hingekommen? Durch viele Heidenvölker ist das Volk geschleift, und jede Unterjochung prägte unfehlbar ihr Bild.
Gott hat sich abgewendet, und man weiß es längst, dass der Tempel in Jerusalem, von Kores und Darius (Esra, Kap. 1 u. 6) wieder hergestellt, nur ein herrliches Gebäude ist. Gottes Geist ist ausgezogen, und das Volk hat keine Himmelslehrer (Propheten) mehr. — Nun soll auf einmal Gott erschienen sein —?
Hiob, im besten Gastgebermantel, geleitet Gott herein. „O Herr, Heiliger“, sagt er an der Schwelle, „Du bist zu uns gekommen. Lasse Dir für Deine Güte danken.“ Ra-Tana kniet nieder, erwartungsvoll, ob sie alles recht getan. Die Tafel schmücken Blumen, am Löwenstuhl steht eine junge Palme. Zartes Lammfleisch füllt große Schüsseln, weißes Brot, Früchte aller Art, Butter, Honig und ein Milchgerinne (Käse) in vielen Schalen. Männer und Frauen verneigen sich. Der Hohe bückt sich zu Ra-Tana nieder:
„Stehe auf, Tochter“, sagt Er so gütig, dass ihr die hellen Tränen kommen. „Darf ich Dich zur Tafel führen?“, fragt sie leise. „Ja, denn du selber bist darauf die beste Gabe.“ Die Heidnische, oft genug verachtet, geleitet Gott. Sie aber denkt: „Ich werde ja geführt von dem, den ich meinen Gott und Vater nennen darf.“
Zur Rechten Gottes hat Hiob seinen Platz, links der Arzt, an deren Seiten die andern Männer. Der Herr hat Ra-Tana sich gegenüber den Schemel angewiesen; alle andern reihen sich rundum. Ganz benommen sind sie über das Geschehen. Sie kommen sich wie Arme vor, die nicht wissen, wie man sich vor einem König zu benehmen hat. Gott lächelt sanft, Reine Demut, reine Liebe sind Ihm Speise und der Wein. Er segnet alle Gaben und nimmt davon, um den Bann zu brechen. Er will ERLOSER sein, der ein Abendmahl mit Seinen Treuen hält.
Indessen treten noch vier Männer ein. Sich tief verneigend, bieten sie den Friedensgruß. Sie sind fremd gekleidet. Hiob führt sie an die Tafel. „Ich kenne euch zwar nicht“, sagt er höflich, „doch hier kann jeder sitzen, der jetzt das Haus betritt. Es käme keiner, den Gott nicht zugelassen hätte. Wir haben EINEN unter uns, der das Geheimste sieht (Jer. 17,10). Das heißt, ich weiß ja nicht, ob ihr meines Glaubens seid.“
Einer der zwei Größeren sagt freundlich: „Dein Gott ist auch der unsere; wir zogen aus, um Ihm zu dienen.“ „Das nenne ich von solcher Jugend hoch gepriesen“, begeistert sich der Arzt. „Ihr seid an den besten Platz gelangt.“ „Das wissen wir“, sagt der zweite Große. „In welcher Schule habt ihr studiert?“ „In Gottes Schule.“
Hiob merkt, wie die schönen Jünglinge Gott unentwegt betrachten. Ah, Er sitzt ja auffällig auf dem gezierten Löwenstuhl; erklärlich also, in Ihm den Gastgeber zu vermuten. Und das ist der Herr! „Nehmt bitte Platz“, ladet er sie ein. Er führt sie zu dem noch freien Tischraum an der Frauenseite hin. Die Fremden neigen sich wie im Gebet. Der Hohe spricht:
„Lasst uns beginnen, um Ra-Tanas Tisch zu ehren.“ Er verteilt das Brot, wobei sich jeder wie vom Irdischen enthoben fühlt. Fast wortkarg wird das Mahl verzehrt. Man wundert sich, weil Gott wirklich isst. Auch die Fremden zeigen guten Appetit. Hiob fragt, wie sie gerade dieses Haus gefunden hätten.
„Ein Stern stand darüber (Matt. 2, 9), und aus den Fenstern drang das Licht.“ „Steht man günstig, ist überall ein Stern“, meint der Wirt; „und Lampenlicht zieht jeden Pilger an. Wäre das der Grund, hier einzutreten?“ „Wir sagten ja, weshalb wir kamen“, erwidert einer. „Doch der Hohe hat euch viel zu sagen, wenn das Mahl vorüber ist.“ „Das habe Ich! Du, lieber Jüngling, hast den Menschen gut den Weg gewiesen.“ Gott nimmt den großen Silberkelch zur Hand.
„Aus heiliger Höhe bin Ich zu euch gekommen. Ihr wisst, dass Gott ‚Sein Bild‘ den Menschen gab. Dass Ich aber menschlich mit euch rede und sogar esse, geht außer Hiob und den vier Boten schwer in eure Erkenntnis ein. Noch bleibt manches zugedeckt, bis erst das ‚OPFER‘ allen Welten der Materie die volle Offenbarung schenkt. Begnügt euch also mit der Freude, Mich unter euch zu haben und mit Mir zu sprechen wie mit einem guten Freund.
Ihr habt das gute Brot als ‚Wort und Gnade‘ aus dem Geist, der zu den Menschen dringt, empfangen, ob sie des Geistes Stimme hören oder nicht. Doch eingesegnet ist damit das ganze Werk! Nichts steht Mir fern! Und ehe je ein Engel ward, drang Mein Wort als Lebenskraft durch Raum und Zeit.
In Äonen folgte Werk auf Werk. Gedanke, Wort und Tat ergaben jede Schaffung, auch Meine Kinder! Es bedarf noch keiner letzten Lösung; wer sich Mir hingibt, dem wird das Fehlende hinzugeschenkt. Seit dem Sternensturz trat neben Meine Offenbarung der große Kelch. Meine Tochter“, Gott zeigt auf Ra-Tana, „hat unbewusst diesen Kelch Mir hergestellt, der durch den Fall das Opferleid bedingt. Den Kindern bleibt der kleine Becher vorbehalten.“
„Nein!“ Ra-Tana ist entsetzt. „Du solltest nur geehrt sein, ich wusste nicht, dass . . .“ Zitternd schiebt sie Gott ihren Becher hin. „O nimm!“ Da steht ein Großer hinter ihr, sein wunderbarer Mantel fällt schützend um das Weib. „Sei ohne Furcht; nur dem SCHÖPFER gilt die ‚heilige Erfüllung‘.“ Auch Hiob und der Arzt reichen ihre kleinen Trinkgefäße dar; und Simon kniet neben Gott, seinen Becher in der Faust. „Herr, nimm diesen und gib mir den schweren; meine Hände . . .“ Er betrachtet sie besorgt.
Priguhas und Samulis waren Simons Beispiel schnell gefolgt. „Ihr dient ordentlich“, sagt Gott freundlich zu den Knechten, „und seid gesegnet, zumal um eurer Treue willen. Doch es behalte jeder nach der heiligen Gesetzesordnung seinen Becher.“ Man nimmt die Plätze wieder ein. Gott spricht weiter:
„Ihr erkennt in Mir den Schöpfer. Der gute Knecht“, Simon ist gemeint, „sah seine Hände größer als die Meinen an, die also leichter mit dem Hauptkelch fertig würden. Brav gedacht! Doch Meine Hände“, Gott hebt sie hoch, „halten alle Sonnen und das ganze Firmament. Nur sie halten auch den Schöpfungskelch bis zum letzten Tropfen, der zu trinken ist. Das bedeutet:
Der Fall bleibt böse, solange er außerhalb der Gnade bleibt. ICH bin die GNADE und trinke auch den Kelch in Meine Gnade, in MICH hinein! Es ist nicht nur äußerliche Last, bis hin zum Martertod; sondern wie die Kinder während segensvoller Schöpfungsnächte in MIR schlafend ruhen, so durch den Kelch das Hingestürzte in der Gnade, bis es ohne Scham erwacht, neugeboren, zu neuem Segenswerk.“
Hiob bittet: „Mein lieber Herr, dürften wir von Deinem Kelch mit trinken? Wir möchten ja mit Dir verbunden sein. Als Du uns das Brot verteiltest, war mir, als hätte ich die Gnade mitgenossen.“ Dies hat jeder so empfunden. Der Herr bejaht:
„Wen dürstet, der komme; wer will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst (Off. Joh. 22, 17)! Es ist der Quell, der die Nächte speist und die Tage offenbart.“ Hiobs Augen bitten: ‚Gib mir, so viel ich darf und kann.‘ Es ist ein großer Schluck, der ein Feuer durch die Adern jagt. Danach trinken alle. Nur die Jünglinge sehen, wie der Kelch sich füllt, ehe Gott ihn bis zur Neige leert. Den schweren Ernst des Kelch-Symbols deckend, sagt Gott in Seiner Liebe:
„Hiob setzte in der Leidenszeit den Becher nicht vom Mund. Seine Freunde rührte nicht mal sein Gebet (Kap. 14, 36-44). Simon erkannte es; und Mein Befehl, Eliphas zu holen, galt ihm als größte Auszeichnung. In allem, was Mein Hiob trug, lag Anbetung und Dienstbarkeit. Ja — die Mich lieben, beten Mich im Geist und in der Wahrheit an und dienen MIR allein (Joh. 4, 24).
Ein Schöpfungsgrundgesetz: Die Treuen beten Mich im Himmel an und dienen Mir in der Materie; die Abgewichenen müssen lernen, auf ihrem armen Weg Mich anzubeten, um hernach zu dienen. Also stützt der gute Dienst ihre mangelhafte Anbetung, und später hilft die Anbetung der Himmlischen, sie zur Dienstbarkeit zu erziehen. Beides verschmelze Ich durch Meine Güte und Mein Opfer.
Hiob gab das Gleichnis von den Körnern und vom Stroh (Kap. 7, 6-8; 13, 33; 15, 20; 18, 29). Ich bin der Landmann, der das Grundfeld schuf; Ich teilte es in viele Felder ein, ließ die besten Ähren wachsen, bis sie nach Meinem Willen Schnitter wurden. Damit sind sie Mir gemäß der Fundamente Ernte und auch Ernteleute, die Frucht, durch die Ich Früchte sammeln lasse. Und das geschieht wiederum für zweierlei: Für Mich, der den Segen an die Kinder gibt, und für die Kinder, durch die Mir Meine wohl verdiente Freude wird! Doch auch das entnahm Ich Meinem Erstlingswerk, das niemand kennt.
Meine Ernteleute gehen auch aufs ärmste Feld, diese Erde, und auf andere, die kaum weniger dürftig sind. Überall betreuen sie die Kümmerlichen, bis diese sich aus der Materie lösen lassen. Glaubt es ja: Über diese herrscht bei Mir und allen Helfern große Freude (Luk. 15, 10)! Es sei euch auch erklärt: Fragt die Knechte, wann sie sich am meisten freuen, wenn — leicht getan — ein Bäumchen oder mit viel Ächzen, Blut und Schweiß ein Riese stürzt.
Es ist ein Bild für alle Mühe mit den Seelen, die zäh in ihrem argen, harten Boden wurzeln. Sobald sich aber eine Seele zum Licht gewendet hat, wird sie an den Lebensstrom verpflanzt. Dort kann ihr Baum am nächsten Tage (Schöpfung) zwölfmal Früchte tragen (Off Joh. 22, 2), wie die Treuen schon an diesem Tag.“ Der Arzt bittet:
„Herr, darf ich etwas sagen?“ „Mir ist‘s lieb“, entgegnet Gott, „wenn sich eure Zungen lösen; so befreit sich auch das Herz. Nebst Anbetung und Dienen sollen Liebe und Vertrauen walten.“ „Vertrauen habe ich, nur Deine Gegenwart bin ich nicht wert. Mich bedrückt, dass Bildad log, ich hätte Hiob Gesunde zugeschickt (Kap. 19, 9). Oh, ich habe Hiobs Treue schlecht belohnt; aber das —? Nein — Herr! Denn soviel wusste ich trotz Groll, in dem gerade Bildad mich bestärkte, dass Heilen eine Gottesgabe ist, die man zwar zum Vorteil, nicht aber zum Betrug verwenden kann.
Auch sagte er, durch Kranke können keine Kräfte wirken. Aber Hiob hat geheilt, das bezeuge ich vor aller Welt! Magst Du uns darüber etwas sagen?“ „Ja, Mein Sohn. Hiob spürte Bildads Lüge; darum trägt derselbe auch das Übel bis zu seinem Tod. Also stehst du längst vor Hiob sauber da und — vor Mir auch.“ Der Doktor senkt den Blick, hängt aber alsbald wieder an den Lippen Gottes.
„Es gibt in der Heilkraft manche Unterschiede. Wer in Hochmut oder Habsucht handelt, hat die echte Gabe nicht und kann — an seiner Seele und an seinem Leib — erkranken. Ein schmutziges Gefäß besitzt kein reines Wasser (Jak. 3, 11). Ist jedoch die Seele rein, was Ich allein ersehe, so gehen die Kräfte aus dem Geist durch sie und nicht erst durch den Leib auf Kranke über.
Echte Heilerkraft wohnt nur dem Geiste inne, der sie über Seine Seele leitet, die im Reiche zugeboren ist. Jeder Geistteil ist ein Funke Meines Geistes und die Himmelsseele Meines Lebens Funke! Nur Irdische haben solche Kräfte nicht: Wer andere Kraft benutzt, soll sich hüten, dass ihm solche nicht zum Übel werde.“
Innig dankt der Arzt. Der Wirt fragt, ob Teufel in Lichtgestalt erscheinen können. „Das kann euch Mein Sohn erklären“, deutet Gott auf einen Jüngling. „Er war dabei, als Satan fiel.“ Beklommen sieht man zu ihm hin. „Ist‘s Michael, von dem es heißt, er habe Luzifer besiegt?“ „Nein, er ist Michaels spezieller Bruder, Gabriel, der zu Daniel geflogen kam.“ (Dan. 8, 16; 9, 21)
„Oh“, erhebt sich der Wirt, „darf ich dich bitten, hoher Gast, mir die Frage zu erklären?“ Gabriel lächelt lieb: „Das ‚hoher‘ gebührt dem Herrn. — Du warst Hiob treu, soweit ein Mensch vermag, desgleichen auch dein junges Weib, das Hiob heilte (Kap. 14, 49). Seid frei von Angst, es möge euch ein falsches Licht betören.
Satan darf sich selten zeigen (Kap. 15, 28; 16, 37); doch hinter Menschen steht er oft und wirkt durch glatte Worte, sogar in Gottes Namen, zumeist durch Gold und Macht. Nun wisst ihr schon, was es bedeutet: Er zeigt sich auch in Lichtgestalt. — Wer Gott allein vertraut, der merkt, was Licht und Blendung ist. Streckt ihr beide Hände nach dem Lichte aus, das nur Gottes ist, das niemals blendet, hat über euch der Satan keine Kraft.“
„Herr, Dir sei Dank“, verneigt der Wirt sich gegen Gott. „Es ist in unserer Zeit nicht leicht, den Versuchungen als Herbergsmann zu widerstehen, die herangetragen werden. Auch Hiob danke ich, der mir geholfen und mich mit Gottes Wort getröstet hat.“ „Alles Lob gehört dem lieben Herrn“, sagt Hiob schlicht.
Des Wirtes Oheim Ophalith, der erst Priester, vom Jerusalemer Treiben angeekelt, nun zu des Oberrichters Leuten zählt, wird von Gott aufgefordert: „Sprich, du stehst mir näher, als du denkst. Die Antwort gibt der andere Große.“ „O Herr“, sagt Ophalith bescheiden, „Deine wunderbaren Himmelssöhne können Antwort geben, ohne dass wir zu fragen brauchen. Du bist zu uns gekommen wie in alter Gnadenzeit.“ „Du hast Recht, nur gibt es bei Mir keine alte oder junge Zeit, wenn auch die Welt das Ohr und Auge für das Licht verliert.“
Ophalith beginnt: „Leider weiß ich deinen Namen nicht, darum sage ich: Lieber Fürst des einzig wahren Königs, zeige mir das Licht, nach dem es mich verlangt. Ich forschte fleißig in der Schrift; doch in Jerusalem darf keiner nach Erkenntnis lehren, sondern wie der Rat beschließt. Allgemein fand ich auf schwere Dinge eine Antwort. Jetzt weiß ich freilich, dass da nur der HERR in mir gesprochen hat. Ihm sei Ehre!“ Ophalith neigt tief sein Haupt vor Gott.
„Eine Sache blieb mir offen; sie betrifft die Steinigung. Mich widert‘s an, GOTT, der das Gebot ‚Du sollst nicht töten‘ im Gewitter gab (2, Mos. 20, 13), hätte diese Todesstrafe anbefohlen, vor dem ein Edelmensch die Augen schließt. Hat sie nicht der Herr befohlen, sodann die Frage: Hat Mose, dieser hohe Geist, sie denn erlassen? Hier komme ich nicht mit. Eindeutig steht sie in den Rollen; doch die Vernunft wehrt sich dagegen.“
„Das fragte ich die Freunde“ (Kap. 16, 28), fällt Hiob ein. Der Herr zeigt auf den Antwortgeber: „Mein Ordnungsträger Uraniel wird die harte Nuss leicht knacken. Die Wahrheit dringt schwer durch, weil zwei Mächte, die des Kopfes und der Hand (Off. Joh., Kap. 13), sie unterdrücken. Einst reden sie sich schön heraus: ‚Es stand im Gesetz!‘ Allein — Mein Gesetz ist den Kindern in ihr Herz gegeben! Wer guten Willens ist, erkennt das Grundgebot: Gott über alles zu lieben und den Nächsten wie sich selbst! — Nun, Mose, zeige ihnen dein Gesetz.“
„Mose?“, fragt man durcheinander. „Du nanntest ihn Uraniel.“ „Er war euer Mose.“ „Ah!“ Man umringt ihn; es ist nahegehend, ihn als Himmelssohn unter sich zu haben. Er winkt ab: „Bleibt sitzen, liebe Männer; nehmt euch ein Beispiel an den Frauen, die mich am liebsten küssen möchten, trotzdem aber nur den Herrn betrachten. Immerhin — ich biete eure Liebe dem König als Tribut. Nun höret:
Israel wurde in Ägypten schwer belastet. Die unwürdigste Fron war damals: Steine richten und tragen zu den Bauten, die die Pharaonen wünschten (2. Mos. 1, 14; Kap. 5). Kein Ägypter, der etwa einen Ziegel aufgehoben hätte. Die Steineträger waren Dieben, Einbrechern und Mördern gleich.
Ihr fragt, was diese Schandarbeit mit dem Gesetz der Steinigung zu schaffen habe? Wartet es nur ab! Als ich das Volk durch die Wüste leiten musste, lasteten auf meinen Schultern schwere Bürden. Selbst als hoher Geist kann ich nicht anderes sagen als: Der HERR war mein Stecken und mein Stab (Ps. 23, 4)!
Durch Heimatlosigkeit von Ordnung und Gesetz gelöst, glaubte man alles tun zu dürfen, was der Wüstensand begrub. Israel geistig zu erhalten, hatte ich des Himmels Auftrag; dazu irdisch festzuhalten, gebot mir meine Liebe zu den Jakobstämmen. Außer Gottes heiligen Geboten musste ich die Satzung geben. Oft konnte ich die Übeltäter kaum noch zähmen. Ich bat den Herrn, Strafen zu bestimmen, um sie dadurch zu erretten. Gott gebot:
‚Lass die Bösen Steine hauen und schleppen wie am Nil; sie sollen so lange am Gemeinschaftswesen keinen Anteil haben, bis sie wieder gut geworden sind.‘ Sie mussten also Steine richten und tragen für den Lagerwall und anderes; man nannte sie die ‚Steinigen‘, vom Volk für ‚tot‘ erklärt. Das war mein Gesetz der Steinigung.
Ihr habt verneint, dass der ‚Gott des Lebens‘ Todesstrafen setzt, habt es als Entheiligung erkannt. Konnte aber ich, mit einer hohen Vollmacht ausgerüstet, etwas anderes bewirken, als was in Gottes Lebensgeist beschlossen lag? Trotz menschlicher Unzulänglichkeit, der auch inkarnierte Engel unterstehen, konnte ich, der ich die heiligen Gebote auf Sinai empfing und mit schwerer Hand in Stein gravierte, ein solches ‚Tod-Gesetz‘ nicht geben.
Ihr meint, es gab immer Mord und Krieg. Ja; doch der Mensch beschwört sich solches selbst herauf. Das Gesetz der Steinigung ist unter Saul entstanden. Es sei heute nicht gesagt, weshalb Saul das von einem Richter angeratene Gesetz bestätigte. Zunächst wurde es auch nur den Gesetzesrollen beigelegt. Erst König Omri, der Vater des bekannten Ahab zu Samaria, vertauschte Gottes Grundgesetz mit dem der Steinigung und galt dieses nunmehr als ein ‚Bestandteil des Mosaischen Gesetzes‘.“
Hiob enthält sich nicht: „Ach Herr, warum hast Du solchen Frevel zugelassen? Auch ernsten Suchern in unserer Geschichte wurde nichts davon bekannt. Ein Ehrlicher müsste doch die Wahrheit festgehalten haben?“ „Das taten sogar viele, wurden aber ausgerottet samt der Grundwahrheit. Entschuldigend ist, auch durch die Gefangenschaften, die Israel erdulden musste.
Die Sinaitafeln wurden zu Omris Zeiten, nicht aber von ihm selbst vernichtet. Man schlug später neue und stellte sie als ‚echte Mosesteine‘ im Tempel auf. Der Grundtext blieb aus Angst unangetastet.“ „Diese Kunde ist schnellstens auszubreiten“, eifert der Arzt. „Lasst uns Schriften setzen und . . .“ „Guter Freund“, beruhigt ihn Uraniel, „das brächte wenig Nutzen. Bald wird Juda den Ägyptern und den Syrern unterliegen und erginge eurer Schrift es so wie der Verkündigung des Messias, von der ein Richter namens Judamäa in Babylon ein irdisch Bild entwarf (1. Markstein). Lasst der Sache ihren Lauf, wirkt in euren Kreisen Gutes, und es bleibt der Same euch erhalten bis zur letzten Zeit, wo es sich dann völlig offenbart.
GOTT wird die Pharisäer fragen, ob sie ohne Sünde seien und darum Steine werfen könnten (Joh. 8, 7). ER beweist, ob er Isa-is Messias oder der des Judamäa ist. Und Juda stirbt an Jerusalems zerbrochenem Gestein!“ (Matt. 24, 2). Eine Weile wird der Fall besprochen; und es bedarf noch eines guten Wortes, um die Gemüter zu beruhigen. Doch der Wirt sagt grollend:
„Mir wäre recht, die Männer, die Hiob mit ihrem Hass gesteinigt haben, hätten das gehört.“ „Begrabe deinen Groll“, rät der Herr, „wenn er auch nicht unberechtigt ist. Ich führte sie hinweg, denn es hätte sie bedrückt; und das Gnadenvolle dieses Abend zu erleben, sind sie noch nicht reif.“
„Herr“, sagt der Arzt, „mich ließ Deine Gnade reifen. Warum jene nicht? Ich war genauso böse.“ „Nicht ganz. Die Eigenschuld bemäntele Ich nicht; doch du hast Mein leises Klopfen schon gehört, ehe du Mich sahest; sie wurden erst durchs Schauen angerührt. Deshalb verträgst du diese schwere Kost, die Hiob ihnen später zubereiten wird.“ „O was bist Du für ein guter, guter Vater!“ „Ja, das bin Ich, und mit diesem Wort bist du Mein Sohn.“
„Ich handelte am schlechtesten“, bekennt Elihu. Er wagte bisher nichts zu sagen. Gabriel tröstet ihn: „Sieh, Gott hat mit Seinem Kommen, mit dem Mahl und Segenswort das Gewesene ausgemerzt. Ferner und das höre willig an — bist du noch zu jung; man fordert von dir keine volle Rechenschaft.
Der Mensch gliedert sich in vier Hauptgruppen ein: In des Kindes Unverstand; in der Jugend Dummheit; in des Mannes Klugheit; und — meist erst spät — in des Alters wahre Weisheit. Also lass für dich das Dummheitsalter gelten, das bewahrt dich vor ernster Strafe. Lässt du dich von Hiob leiten, so wirst du klug und findest einstens auch die Weisheitsstufe.“ „Das will ich tun“, beteuert Elihu. „Ich bin furchtbar dumm und stolz gewesen.“ „Selbsterkenntnis ist die beste“, sagt der Bürgermeister Ophalith. „Ich habe noch etwas; erlaubst Du, Herr, es vorzutragen?“
„Ja; der Doktor wälzt dieselbe Frage.“ „Es wurde über Deine Opfertat gesprochen“, beginnt Ophalith. „Isa-i, wie Du Jesaja nennst, kündete, dass Gott zum Menschen würde. Das rundet sich mir nicht; und wenn — wieso wäre das ein Opfer? Du bist in menschlicher Gestalt bei uns. Doch nur Liebe sahen wir, die aus Deinen Augen strahlt. Also kann Dein Kommen Dir kein Opfer sein.“
„Deine Frage gilt der Sorge, die du nicht benamsen kannst. Noch ist das Geheime nicht zu lüften; aber etwas sei euch offenbart. Zu jener Zeit werde Ich wie ein Mensch geboren, und das schon ist ein Opfer: Meine Göttlichkeit zu Hause lassen, ein Mensch unter Menschen sein! Aus diesem Werdegang entwickelt sich je nach Einstellung der Finsternis das ‚Sohnesopfer‘ aus dem Wort des Isa-i:
‚Er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen.‘ ‚Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben.‘ (Jes. 53, 4-5, und 9, 5-6). Die Sohngeburt geschieht; ob bis zur letzten Neige auch das Schmerzgebilde, kommt auf Satan an und auf jene, die ihm dienen.“ Bekümmert sieht Ophalith Gott an und sagt:
„O lieber Herr, halte mich nur nicht für unbescheiden, wenn es weder in den Kopf, am wenigsten ins Herz mir gehen mag, dass Du, Allmächtiger, der nicht zu hauchen braucht, um Sonnen zu erschaffen oder eine Schöpfung einzuschmelzen, ein ‚Kind‘, und aus einem Weib geboren, werden kannst. Das setzte ja voraus, dass . . .“ Er zögert, den Gedanken auszusprechen.
Gott hilft freundlich nach: „Es wäre undenkbar, dass GOTT sich zeugen und gebären lässt? Alle Dinge ruhen auf den beiden Schöpfungsfundamenten als ursächliche Zweiheit. Ebenso der heilige Akt der Zeugung und Geburt: im Reiche durch die Kräfte der Gedanken; in der Materie ans Äußere geheftet, weil Satan sein veräußerlichtes Werk über das des Geistes hob. Doch da ICH der UR Lebenszeuger bin, ist in Hinsicht einer Sohngeburt die Zeugung längst geschehen und es bedarf dafür keines körperlichen Aktes.*[v11]
Ganz anders die Geburt! Jenes Weib, das die Frucht des Geistes tragen wird, ist seit sechs Ewigkeiten*[v12] vorgesegnet. Zur Zeit zeuge ICH MICH SELBER ein. Nur dieser Gnadenakt geht der Geburt voraus (1. Markstein). Als ein Kind geboren, bin Ich dann menschlich bei den Menschen, auch als GOTT, wie jetzt bei euch, um die Materie zum letzten Heile zu vergeistigen! Versteht ihr das?“
Nach langem Schweigen bekennt Hiob: „Herr, Dein SANKT SANKTUARIUM können wir nicht voll erfassen, und ich erachte, dass es auch nicht nötig ist. Wir schauen es in Deiner Herrlichkeit, wenn wir wieder Geist geworden sind.“ „Du bist in jeder Hinsicht der Geduldsträger.“ Der Herr legt Seine Rechte auf Hiobs Haupt. „Was der Welt verborgen bleibt, wird Mein Heiligtum enthüllen, wenn Ich zu euch sage: Gehet ein zur Freude eures Herrn!“ (Matt. 25, 21).
„Herr“, sagt der Arzt, „Du fragtest Eliphas nach den Sternen. Ich war froh, dass nicht mir die Frage galt. Wir wissen vieles aus der Weisheit der Chaldäer, die den Sternen Namen gaben. Heißen sie denn wirklich so? Bleibt die Figur, von der Erde aus gesehen, in naher Sicht dieselbe? Wir sind nachts auf Deine Himmelslichter angewiesen; auch sehe ich in ihnen einen gnadenvollen Fingerzeig, der den Weg zum Himmel weist. Wir müssen ja nach ‚oben‘ blicken, um zur Nacht die Richtung unserer Wege zu behalten.“ Sagt der Herr:
„Sofern es sich um die Materie handelt, stimmt die Weisheit dieser Weisen (Matt. 2, 1). Andere Weltbewohner sehen von ihrem Standort aus die Sterne anders und geben ihnen Namen nach ihrer Sprache. Wenn du auf einer dem Orion zugehörigen Sonne stündest, so lösten sie sich wie die meisten euch bekannten Bilder auf, weil sie in anderer Entfernung mit andern Sternen neue Formen bilden. Hingegen würden viel Gebilde, von hier aus nicht zu sehen, in den euch bekannten Himmelsbildern gleichfalls neu erscheinen.
Sonnen und Sterne haben — wie Familien — eine verwandtschaftliche Bindung. Einzelgänger dienen kurze Zeit zweckgebunden; meist sind‘s Außenseiter. Lässt sich solch ein Vagabund von einem ‚Himmelsrichter‘ (Hauptsonne einer Gruppe) fangen, gelangt er auch zur Ordnungsbahn; ansonsten wird er aufgelöst. Doch wie beim verlorenen Kinde bleibt den ‚Schöpfungsbummlern‘ lange Zeit, freilich unbewusst. Behaltet darum, was ihr wisst, es dienet auch zum guten Zweck.“
Der Arzt drückt seine Lippen, stumm dankend, an den Ärmelsaum des Herrn. — Die Mitternacht ist nahe, aber keiner denkt ans Gehen. An der Türe liegen wachsam die zwei Hunde. Ra-Tana lässt neue Speisen bringen; alle greifen zu. Zwischen Essen und Gesprächen sagt der Herr besonders freundlich:
„Nun, Meine lieben Töchter, ihr habt fleißig zugehört und seid mit in Meine Vaterhand hineingewachsen. Aber Ich erschuf Mir keine stummen Töchter. Hat denn gar keine unter euch eine Frage Mir zu stellen?“ Die Frauen rücken verlegen hin und her. Sollen sie nicht unter Männern schweigen? In manchen Häusern sind sie an der Tafel niemals zugelassen. Hiob sagt:
„Ich billige es nicht, dass ein Weib so rechtlos sei. Die Lasten soll es tragen, die Arbeit soll es tun und den Männern ihre Kinder bringen. Welch ein Unterschied besteht vor Dir, o Schöpfer-Vater, zwischen den Geschlechtern?“
„Ich wies auf die Schöpfungsfundamente hin“, erklärt der Herr. „Wohl zu weit höherem Zweck entsprechen Mann und Weib den beiden Grundgesetzen. Sie sind ebenbürtig und vor Mir völlig gleich, wenn auch jede Art ihr eigenes Gesetz und ihre eigene Erfüllung hat. Eines ohne das andere gelangt nicht zur Vollendung.
Einstmals wird auf dieser Welt die Gleichheit gelten. Zwar wird das Recht erst überspült; allein das ist beim Manngeschlecht jetzt auch der Fall. Im Schöpfungsgleichklang ist der Mann das führende, das Weib das ergänzende Prinzip. Meine Töchter tragen eine große Ehrenlast für Sadhana, sie stehen wie in zweiter Reihe da; nicht jedoch vor Mir! Nur offenbart das erst die letzte Zeit. — Nun soll eine Tochter für die andern sprechen.“
Ra-Tana stupst des Wirtes junge Frau (Kap. 14, 49; 24, 32), die nicht ungeschickt im Reden ist. Feurig wie Mohn drückt diese erschrocken ihre Hände auf die Brust. Vor den Männern würde ihr‘s nicht fehlen; aber vor dem Herrn —? Und vor den Himmlischen —? Gottes Augen nehmen ihr die Scheu und sie beginnt:
„O Herr, Du sagtest gnädig, wir Töchter wären Dir in Deine Hand gewachsen. Ich bitte, wohne Du dafür in unsern Herzen. Dich lieben zu dürfen ist höchste Seligkeit! Von Dir kündete Freund Hiob stets das Gnadenvollste: Geduld, Liebe und Barmherzigkeit. Unser Priester aber spricht am liebsten vom Gesetz des Fluches, dass Du die Missetat der Eltern an den Kindern strafst bis ins dritte und ins vierte Glied. Darf ich sagen, was ich dabei denke?“
„Nur heraus damit, Meine Tochter; und die Männer sollen staunen, welcher Geist in einem Weibe wohnt.“ Die Frau wird wieder rot, weil Gott sie lobt und die Männer auf sie sehen. „Ich denke mir“, fasst sie sich indessen Mut, „dass es eine andere Bewandtnis hat. Du, Herr, bist ewig gut! Kannst Du jemanden strafen für Dinge, die man nicht begeht? Andererseits böse Nachkommen segnen?
Etwa gleichst Du aus, dass eine Zeit der anderen nichts schuldig bleibt. Wo wäre aber die Gerechtigkeit, würden gute Kinder böser Eltern abgestraft, böse Kinder guter Eltern aber nicht? Letzthin sprach der Priester über Strafen bis ins vierte Glied und vergaß den Segen. Ich . . .“ sie wird purpurrot, „. . . erwarte ja ein Kind. O Herr, strafe es nicht meinetwegen! Unschuldig ist‘s gezeugt, ohne Schuld wird es geboren. Lass es unter Deinem tausendfachen Segen sein!“ Sie springt jäh auf und birgt schluchzend ihr Gesicht in Gottes Schoß.
Sanft heben Gottes Liebehände die Mütterliche hoch; Er trocknet ihre Tränen. Der Arzt setzt sich an Ra-Tanas Seite. Dabei merkt er, dass von dieser Seite aus, wo auch die Engel sitzen, Gott ganz wunderbar anzusehen ist. Er dachte, ‚neben‘ Gott sei es besonders schön. Ist‘s aber nicht ein Tisch, an dem sie mit dem Vater sitzen dürfen? Indessen sagt der Herr:
„Meine liebe Tochter, du erbatest dir das Beste, was dem Werden eines Kindes dient. Der Pharisäer sagt absichtlich so, wenn du in der Synagoge bist, weil ihr Hiobs Freunde seid und nicht viel vom Tempel haltet. An Hiob wagt er sich nicht heran, denn da würde ihm der Oberrichter eine Leuchte setzen. So versucht er es bei schwachen Frauen, und du hast aus Liebsorge um das Kind mehr auf das Wort gehört als auf den Ton des Pharisäers.
Dein Kindlein ist gesegnet, deinet- und des Mannes wegen. Das sei noch besprochen: ‚Der heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, die MICH hassen (2. Mos. 20, 5).‘ Diesen Nachsatz, der darauf deutet, dass an denen eine Heimsuchung geschieht, die Mich wie ihre Väter hassen, also selber böse sind, vergisst der Pharisäer gern.
Es gibt aber gute Kind und Kindeskinder, die in Unschuld Lasten tragen. Da bedenkt: Seelen kommen aus dem Reich und nehmen — zwar hier nicht wissend — freiwillig Lasten auf, um die Ahnen zu befreien, damit die auch zur Gnade kommen. Das dritte oder vierte Glied bezieht sich gnadenmäßig mit auf Meine Wesenheiten.
Demnach trägt keiner eine ungerechte Last. Ist jemand böse wie die Ahnen, so ist‘s gerecht; da stammt er ja vom gleichen Grund. Ist einer gut, dann ist er von ‚oben her‘ (Joh. 15, 19; 17, 16) und hat in Nächstendienstbarkeit die Bürde aufgenommen.
Solches Opfer rechne Ich dann doppelt an. — Nun noch das Gegenstück: ‚Der da bewahret Gnade in tausend Gliedern und vergibt Missetat, Übertretung und Sünde!‘ (2. Mos. 34, 7). In der Materie- Erlösung treten Engel auch im Vorhinein schon auf den Plan, um spätere Lasten auszugleichen. Wer aus tiefstem Herzen MICH erkoren hat, ist nicht bloß ein Segensträger für Vergangenes, sondern auch ein Segenausstreuer für die Zukunft! Das schließt viele Arme ein, wenn sie zur Abrechnung gerufen werden. Hierauf am meisten bezieht sich Meine tausendfache Segnung. Zudem gilt die ‚Tausend‘ einer ganzen, einer fortgesetzten Segnung.
Das habt ihr gut verstanden und wird es euch in Zukunft nicht mehr schaden, wenn der blinde Blindenleiter (Matt. 15, 14) in seine eigene Grube fällt. Aus deiner Linie, treue Tochter, wird eine Prophetin (Luk. 2, 36) kommen, die im hohen Alter Mich als Kindlein sieht und in Mir den Herrn erkennt.“
„O Herr, o Vater, o Liebe!“ Nun vor Freude weinend, wirft sich das Weib an Gottes Brust. Die Engel umringen Gott und Kind; auch eine Tochter, wie sie heilig-ernst erwarten, es möge bald die eine erste, arme Tochter sich wieder ihrem Vater anvertrauen. — Und Gottes Augen strahlen. Da eilen alle Frauen hin, schmiegen sich Ihm an, und Er tröstet und segnet sie. Zu Ra-Tana sagt Er noch: „Aus Hiobs Geist sind deine ersten Kinder rein geworden. Nun kommen andere; und sie sollen niedersteigen aus dem Reich und deinen Tisch umgeben, weil du Mir das Mahl bereitet hast.“
„Herr“, schluchzt Ra-Tana, „es ist Deine Tafel, an der wir sitzen dürfen!“ „Ja, Meine Tochter. Ich habe deinen Tisch umwandelt, weil du Mir dein Herz in einem Zuge aufgeopfert hast.“ Ach — reicht ein Wunderbild! Die Frauen knien vor Gott, die Männer stehen Ihm im Angesicht, zu beiden Seiten die vier Engel. Ein Schöpfungsbild, wie Gott es sich ersah, als Sadhana den Fuß zur armen Fremde lenkte, dass sie — heimgekehrt — wieder ganz in Seinem Schoße ruhen darf. Und die Himmelstöchter um sie beide her, und die Söhne stehend vor dem Herrn, die vier Wächter im Geviert der Herrschaftssäulen.
O du Hohes Heiligtum, schließe bald die Pforten auf, lasse alle fernen Kinder wiederkehren zur höchsten Freude deines Herrn, des
Allheiligen UR im Sankt Sanktuarium!
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