Im Zeichen der Geduld
1. Kapitel
Im Reiche ordnen sich die Scharen, wallen hin zur Stadt, die ihnen ewig heilig ist. GOTT, der des Falles wegen Sein UR-Ich sehr verhüllte, ohne es den Kindern des Gehorsams zu verbergen, sitzt auf Seinem Stuhl, davor die sieben Fürsten und die Ersten; und Scharen drängen sich herzu, ihre Angesichter selig überstrahlt.
Gewiss begegnet ihnen überall der Vater, auch wenn sie in die Hölle gehen (Ps. 139, 8). Dennoch ist‘s Besonderes, in des Hohen Reiches Zentrum, im Sankt Sanktuarium, das Wort zu hören und immer Neues zu empfangen. Denn sie lernen niemals aus, wenn sie auch die große Schöpfungsfreiheitsprobe gut erfüllten, ganz im Sinne URs.
Sein Wort galt für die Armen, von Ihm gelöst, kümmerlich in ihrer Ferne lebend, deren Geist nicht wirken kann, deren Seele täglich Tode stirbt, deren Herz kein Lichtlein kennt. Tief neigen sich die Ersten; alle andern tun es nach. Alaniel tritt mit Madenia an den Gnadenstuhl. Er legt die linke Hand auf den Heiligen Herd, nahe an sein Würdezeichen: den Kelch.
„O Vater aller Kinder, aller armen Wesen und der Menschen, Du kennst keine Ferne, sie ruht in Deiner Schöpferhand. Du weißt, Dich lieben wir und dienen Dir, und wir wissen, dass der beste Dienst in unserer Lichthingabe ist an jene Tiefe, die sich bis zum letzten Heilsrand schob. Alles sehen Deine Augen, und wir manches Ende, das in Deinem UR-Sein schon den neuen Morgen trägt.
Aber das, o Vater, mag sich nicht in uns gestalten, wie der Fall zerstören kann und hat keine Kraft, nicht des Todes noch weniger des Lebens, das ewig Deine Macht gebiert. Löste sich das erste Kind von Dir, könnte es nicht besser trotz der Freiheit von der Grenze der Gerechtigkeit umschlossen sein? Nur Widerordnung schafft es uns! Hilf, guter Vater UR, und verwende uns zu diesem Hilfedienst als treue Diener, wie Dir es immer wohlgefällt.“
„Meine Kinder! Eure Dienstbarkeit, eure Hingabe als die letzte der zwölf Perlen schmückt Mein Diadem, dessen Strahl die Schöpfung segnet. Merket: Auch das Vergeblichste des Satans ist bei Mir noch lange kein Vergeblich! Ehe einem Kind der Lebensodem wurde, sorgte Ich so herrlich vor. Ihr Fackeln, Meines Herdes Lichter, erkanntet in den ersten Tagen Meines Tat-UR-Jahres, dass keine feinste Lebenszelle jemals ferne Meiner Sorge steht.
Schon bei Beginn des Tat-Zyklus, der sich aus dem Wort-Zyklus entfaltete, hatte Ich die Kinder, die da werden sollten, in eine heilige Erlösung (Jes. 63, 16) eingeordnet, die euch Erste tief erschauern lässt, euch liebe Schar erst eine Ahnung schenkt, die aus Liebeherrlichkeit euch übermannt, wenn Ich den Kreuzpunkt stellen werde, wo es für die Gefallenen heißen muss: Bis hierher und nicht weiter! Und für die Getreuen heißen wird: Hier ist euer Halt!
Kann sich Meine Schaffung in andere Richtung bilden als in die Hand hinein, von der sie ausgegangen ist? Ich habe lange Fäden der Geduld! Wie weit ein Kind auch zerren mag, so fragt es sich, ob MIR ein Faden reißt.“ Man sieht an Gottes Händen zahllos feine Fäden, an deren Enden je ein Kindherz hängt, große, kleine, ferne und auch nahe. Alaniel erfasst den Kelch, der vor ihm steht, und sagt:
„Wenn aber doch ein Faden reißt? Der eine, der am längsten und am dünnsten ist, an dem ein Drittel Deines Tagewerkes hängt? Ich sehe eine Stelle! Wenn die bricht — Vater, wie viel arme Kinder könnten Deinen Tag der Liebe nicht zu Ende leben! Auch wir, durch Deine Güte treu geblieben, würden nicht den Abendsegen haben. O UR, spinne Deine Treuen um den einen Faden; denn reißt dieser nicht, so können auch die anderen Kinder ihren Frieden ernten.“
„Meinst du, Träger der Geduld, Ich brauchte jemanden, um das Bruchstück ganz zu machen? Kann Ich aus dem Ton (Jes. 64, 7; Jer. 18, 4-6) Mir keine neue Vase formen, daran Mein Schöpferauge sich erfreut?“ „Ja Vatergott“, sagt Alaniel, „Du brauchst uns nicht, um Deine Schöpfung zu erhalten oder umzuwenden, neue Krüge herzustellen, in die hinein Du Deine Segnung gibst.
Hast Du aber treue Kinder, die nicht bösen Willens am Auf und Ab des Tages hängen, so kannst Du ihre Dienstbereitschaft nehmen, die wir in Demut, Liebe, Ehrfurcht und in Freude opfern. Spinne unsere Fäden an den einen, bis er zum Seile wird, dessen beide Enden Du in Deiner Gnadenhand verknüpfst.“
„Das tat Ich schon, sooft der Faden reißen wollte. Wie viel Zeit und Mühe (Jes. 43, 24) fällt auf diesen Krug, der sich seiner Schönheit selbst beraubte. Viele Treue gingen einen Opferweg!“ „Ja, aber würdest Du aus diesem alten Ton Dir Neues formen, so bliebe es im Grunde dennoch das Gebilde, das Du aus Deinem Sein gehoben hast. Und wir könnten nicht in Deine Hände fallen, sagend: Herr, belasse diesen Krug, auch wenn er jetzt nicht wohlgefällig ist.
Wir wären froh, wenn die Hingefallenen sich läuterten, auf dass Du wieder Freude hättest an dem Werk, das sich entblößt der Schönheit und der Kraft, beides Deine guten Gaben. Dennoch — o Vater, lasse die Geduld noch länger sein, als der längste Faden aus dem Fall es ist; dehne Deinen Langmutsmantel wie ein Fell (Jes. 40, 22), darein die Gnade alle armen Seelen hüllt.“
„Mein Sohn, du redest eine schwere Sprache. Ich will eure Treue um den Faden spinnen, bis wir sehen, ob er Meine Last erträgt. Aber die Geduld, Alaniel, sollst du beweisen, ob auch du die Decke weben kannst, das Unrecht zuzudecken; zwar nicht vor der Gerechtigkeit, wohl aber vor der Heiligkeit, damit die Krüge noch verbleiben, ehe Ich als UR sie anders formen müsste. Gehe hin und sprich mit diesem dünnen Faden, ob er sich stärker machen lassen will.“
„Vater!“ Bittend und schon dankend sind die Hände ausgestreckt. Alaniel geht bis zum Stuhl und birgt sein Antlitz in den Schoß des Lichts. O er weiß, was das Wort bedeutet, und er ahnt die Last. Doch der Güte allezeit gewiss, geht er seinen Weg. Der Vater segnet Seine Kinder und heißt sie wiederkommen, wenn Er sie ruft.
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