Die Hölle
2. Kapitel
„Siehst du das Licht?“ Ein Wesen, einst der erste Hügelälteste der schönen Ataräus*[v1], tritt zu Luzifer. „Licht gibt es nicht“, sagt dieser. „Es gibt nur Herrschaft oder Untergang! Nach dem man greift, wird zum Besitz.“ Er deutet in ein dunkles Tal, wo viele Wesen hausen. „Kennen diese anderes als sich gegenseitig zu zerreißen?“ „Hm.“ Ein schiefer Blick. „Ist‘s nicht dein Wille, dass es so geschieht?“ „Allerdings, weil sie sich zur Herrschaft nicht erziehen lassen.“
Das Wesen grinst: „Mich würde wundern, was du tätest, kämen sie zur Macht.“ „Leicht gesagt“, lacht der Dunkle, „ich lasse es nicht dahin kommen!“ „Dann genügt, wenn einer sie in Händen hält. Überdies war es einstmals so, als . . .“ „Schweig, Puthar (,‚Der Patriarch“, Seite 70), und mache mich nicht rasend! Die Zeit, wo ich dachte, es gäbe Einen über mir, ist längst verrauscht in Schutt und Moder. Ich weiß, dass nur die Hand, die sich erhebt, den Machtstab an sich reißen kann.“
„Wenn nun der Andere, den ich ja gesehen habe, gleichfalls Seine Macht behält? Dann gäbe es zwei Mächtige und müsste sich erweisen, ob du der Größere bist.“ „Geschehen!“, ruft Luzifer verächtlich aus. „Mag der Andere herrschen oder nicht, was geht‘s mich an? Etwa ist Er längst gestorben.“
Puthar sieht ins Verzweiflungstal hinab. „Ich errechne nicht die Zeit, da mir ein Bewusstsein kam; aber niemals sah ich jemand seine Form verlieren. Zähle deine Mannen, auch diese mit, die über jene sonderbare Erde gingen wie über andere Planeten; und mir ist, als fehlte keiner außer . . .“ „. . . außer?“ Drohend hebt Luzifer die Faust. Geschickt dreht sich der Erste um. „Sei kein Tollpatsch! Welche sind doch abgegangen. Wohin —? Weißt du‘s nicht oder . . .“
„Lass das Gerede, Puthar; sie sind dahin! Ohne sie ist unser Reich nicht schwach geworden, denn Schwächlinge verließen es.“ „Nennst du sie so, weil sie sich auf Erden, um die sonderbare Strahlen gehen, zu DEM bekannten, der einst der Höchste war? Man müsste wissen, ob sie gestorben sind. Dann könnten sie uns nicht mehr schaden.“
Luzifer fühlt sich gehänselt, übergeht es aber und sagt gelassen: „Ob sie gestorben oder ‚drüben‘ sind, wo Einer keinen andern Willen duldet als nur den eigenen, das ist mir gleich. Aber manche sind zu uns hereingefallen, die von drüben kamen.“ Luzifer reibt sich die Hände, wie nach einem großen Sieg.
Puthar denkt: ‚Komisch, dass viele nur für kurze Zeit gehalten werden. Können sie sich nicht befreien, so kommen andere, denen wir nicht widerstehen und holen die ‚Verirrten aus dem Hades‘, meinet wegen; nach Luzifer bin ich der Erste und habe an der Macht mein gutes Teil. Ha, welche Lust, mich auf die zu stürzen, die von drüben kommen! Trotz aller Kraft, die ihrem Geiste innewohnt, gelingt es wenigen, sich völlig meinem Einfluss zu entziehen.
Sie zappeln wie die Fische an der Angel, sobald sie meine Fänge spüren, und . . .“ Puthar reißt es plötzlich um. Auch Luzifer steht wie erstarrt. Sie sehen ins Flammental, in dem die Wesen schaurig wühlen. Eine Kraft legt sich um sie. Noch zerreißen sie das Unsichtbare; aber — da, ein Blitz, ein rotes Licht — sanft und stark, ein Faden, dem sie sich erwehren, und eine Kette, die sie bindet.
„Was ist das?“, ruft Puthar zornig. Luzifer knirscht: „Lass dich nur nicht irre machen! Da kommt wieder einer, um uns zu beweisen, dass ein ‚Drüben‘ existiert. Wenn die uns bloß in Ruhe ließen mit ihrem dummen Schein! Wir müssen noch ganz anders wirken; denn breitet sich der Glaube aus, es gäbe einen Gott, wohin die Guten gingen und die Verdammten in die Hölle, so . . .“ „. . . unterliegen wir?“ „Du?“
Luzifer stößt Puthar in die Brust. „Lass dein Gewinsel, mache mich nicht toll! Mir fällt nicht ein, mich mit jemandem zu messen. Mit wem? Ich will nicht, dass es auf der Welt so weitergeht! Die anderen sind stark zu mindern oder —“
„Luzifer, was ich dir riet, probiere doch. Ausmerzen kannst du das andere nicht. Hatten wir bisher Erfolg? Lass sie sich mit ihrem Glauben an sich selbst ergötzen; schüre noch dies Feuer, bis es zum Hochmut wird und jeder sich viel besser dünkt als alle anderen. Und schüre, bis aus dem Glauben die Parteien werden, wo eine die andere verdammt und sich selber in den Himmel hebt. So hast du alle! Denn der Hochmut — oft bemerkt — lässt den Menschen umso tiefer stürzen, je höher er sich auf die Füße stellt.“
„Der Plan ist längst erwogen; doch — wir haben Zeit.“ „Nicht so viel“, widerspricht der Erste, „um nicht . . . Ah, wieder so ein Blitz! Die Hölle sei verdammt, wenn man das nicht spürt!“ Er reibt sich seine Lenden. Auch Luzifer hat es getroffen. Mit grimmigem Gesicht verbirgt er seinen Schmerz. „Puthar, wenn du noch mal von Blitzen sprichst, die von drüben kommen und schmerzen sollen, ist es mit dir aus! Ich habe andere, die ich zu Ersten machen kann.“
„Einer von uns Sieben . . .“ „Schweige, du Dämon!“ Luzifer schüttelt Puthar grob zusammen. Der lässt nicht locker: „Zwecklos, die Augen zuzudrücken. Im Gegenteil: Wenn man einen Fall bedenkt, kommt man zu neuen Argumenten, durch die man später besser wirkt. Also: Unser zweiter, der Donar, den man Kain nannte, ging uns verloren, obwohl er . . .“ „. . . uns guten Vorschub leistete.
Glaube mir“, grinst Luzifer, „das Weltgesetz, vom Raum bestimmt, forderte seinen Tod, weil er das Blut des Abel fließen ließ. Die Gnade, ihm zugesagt, war Bluff, um mich zu ärgern. Wenn du einmal drüben wärest, du würdest Donar nirgends finden, und — dich selber aufgelöst, solltest du das merken können. Nur bei mir gibt‘s Leben und Bewusstsein, während drüben . . . Ah, schau, ein Blitz, ein rotes Licht! Jetzt sah ich‘s selber niederfahren!“
„Hast du denn nichts gespürt?“ Puthar greift sich an die Stirn. „Nein“, lügt Luzifer. „Da, sieh!“ Puthar deutet vorwärts. „Es kommt her. Lass uns fliehen! Hinunter in die Klüfte der Verzweiflung, dort hinab drang nie ein Strahl!“ Puthar versucht Luzifer mit fortzureißen. Doch beide stehen wie gebannt, keiner kann sich rühren.
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