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Kap 7 – Satan schiebt Gott die Schuld in die Schuhe

Satan schiebt Gott die Schuld in die Schuhe

7. Kapitel

Kap. 1, 13-22

Abermals geht Satan durch die Lichterreihen. GOTT hat gerufen. Puthar prahlte: „Keine Angst! Wir bleiben hinter dir. Zeige an, was Hiob leiden muss und — wälze es auf Ihn.“ „Richtig; keiner braucht zu büßen, wenn der Andere ein Opfer haben will. Mag Er dieses auch noch auf sich nehmen.“

Die Straße sperren die drei Wächter und die Fürsten. Ein starker Strahl, der Luzifer entgegendringt. Umso stolzer richtet er sich auf, als er an die Barriere kommt. Er schweigt. Musste er — heimlich zugegeben — dem Rufe Folge leisten, nun, so mögen sie beginnen, umso besser kann er seine Widerrede führen.

Aus dem halbgeöffneten Heiligtum spricht Gott: „Satan, wo kommst du her?“ „Deine Frage ist sehr überflüssig“, entgegnet Luzifer. „Ein Gott braucht nicht zu fragen. Ich muss dich also unterweisen. Ich bin von meinem Land gekommen, das ich unentwegt durchziehe.“ „Sage nicht“, fällt Gott ein, „du wollest es in Ordnung halten. Deine Saat ist Unordnung, kaum wächst ein Gräslein hoch, geschweige eine Blume oder gar ein Baum. Du durchziehst das Land mit deiner bösen Rute und schlägst jene, die Mir lieb und teuer sind.“

„Du gibst selber zu, dass Du nicht widerstehen kannst? Sind Dir die Deinen teuer, warum schützest Du sie nicht? Mich hast Du niemals angegriffen; höchst frei blieb ich, nachdem ich von Dir schied, obwohl Du mir den Untergang verheißen hattest. Sieh zu, wie Du Dich deckst und Dein Unvermögen vor mir minderst.“

„Satan, rede Ich mit dir, so nur aus der Geduld, die du zerstören willst. In der Materie sind dir die Treuen überlassen. Geht es bei manchem fehl, so kommen alle Lasten auf dein Haupt. Denn dir rechne Ich es doppelt an, was du ihnen Böses tust! Sogar deine Wesen stehen unter Meinem Schutz. Ist ja ihr dunkles Dasein hart, das mit einem reichen Leben auf den Welten keinen Ausgleich hat.

Schau nach rechts! Was siehst du da?“ Luzifer gehorcht. Eine große Schar steht auf weitem, rauem Feld. Sie tragen helle Kleider, und ihre Augen sind aufs Heiligtum gerichtet. „Ach, Deine Wesen?“, sagt Luzifer. „Wie wunderlich; ihr Feld ist kahl.“ „Das Äußere, Satan; die Herzen siehst du nicht. Das Feld bedeutet die Materie, und die Engel sind zum Schutze deiner Wesen ausgesandt, die so armselig sind, dass ihr Seelenboden keine Früchte trägt.

Was halten ihre Hände?“ „Es interessiert mich nicht“, bockt Luzifer und schielt hinüber. „Man kann‘s nicht sehen“, lügt er laut. „Es sieht wie Halme aus, die ohne Körner sind. Ist Hiobs arme Ähre auch dabei?“ „Satan, greif Mir nicht zu weit! Um Hiob reden wir. Diese schmalen Ähren ziehen Meine Engel aus dem harten Boden der Materie. Mühselig ist ihr Geschäft; und sie bücken sich, solange sie im Felde stehen, um dich zum Vater heimzuholen.“

„Des verlangt mich nicht; ich bin selber Vater aller meiner Wesen. Für Deine Bauern bleibt mir kein schlechter Groschen über; ich rief sie nicht, bei mir in Lohn zu sein. Wirf mir also ja nicht vor, sie bückten sich für mich!“

„Das sei dahingestellt.“ Des Herrn Stimme härtet sich. „Und ob du löhnen kannst, wird sich erweisen, wenn die Barmherzigkeit am Hohen Himmel steht (7. Schöpfungstag). Dann wird — vielleicht — des Vaters Reichtum deine Schulden tilgen! In der Opferschale liegt für jeden Fleißigen ein Taglohngroschen (Matt. 20, 2), dessen Aufschrift lautet: ‚Herzliche Barmherzigkeit‘ (Luk. 1, 78) und ‚Wer die Welt überwindet, erbt das Himmelreich.‘ — Doch nun berichte Mir von Hiob und vergiss die Wahrheit nicht.“

„Ich lüge nicht, zumal ich Deinen Hiob hasse. Dir zu sagen, wie er fällt, ist mir Genugtuung. Hast Du ein Recht, mich zu verfluchen? Kam ich aus Dir, trüge ich ja Deines Wesens Anteil im Gesicht; und was Dir widerstrebt, wäre so Dein eigen Bild. Ich kam aber nicht aus Dir; also ist es rechtlos, mich zu schmähen. Jeder lebt nach seiner Art, die er sich geschaffen hat.“

Michael hebt sein breites Schwert. „Halt ein! Wir stehen zwar auf keiner Kampfesbahn, doch deine Lästerung macht aus dem Gnadenpfad das Kampfgelände. Ducke dich, du Bösewicht! Sage nur, was Gott gebietet, sonst . . .“ Vor Michael erzittert Luzifer zutiefst. Ah, mit dem ist nicht zu spaßen. Außer Gott ist der sein ärgster Feind, der auch auf Erden sich nicht treffen ließ. Mit bittersüßer Miene hebt Luzifer den Kopf und sagt:

„Darf ich nur reden, was man hören will? Meinetwegen, ich habe keine Lust, für andere den Speer zu brechen. Also geht‘s um Hiob und um seine Frömmelei. Er opfert für des Weibes Sünden Farren, für die Söhne nimmt er Widder, für die Töchter junge Schafe. Er bestreicht mit bloßer Hand den Altar mit dem Opferblut, auch die Schwellen und die Pfosten aller Häuser, in denen seine Kinder suhlen.

Täglich setzt er Dir mit Ungeduld den Brand; es geht ihm gar nicht schnell genug. Mir sind solche Opfer widerlich; Dir gefallen sie und nennst Dich Schöpfer! Sollen Tiere Unrecht heilen? Welch ein sonderbarer Gott! Jetzt kann Hiob nimmer opfern, ihm ist die Lust dazu vergangen.“

„Dass Hiobs Weib und Kinder sündigen, ist wahr. Da sie aber dir entstammen, ist es nicht verwunderlich. Du hast den teuflischsten der Teufel angesetzt, um Hiobs Mahnungen im Wind verwehen zu lassen. So trifft ihn keine Schuld, kaum noch die armen Seelen; sondern alle Last gilt dir. Mir gefallen keine Opfer, zumal im äußeren Gesetz. Ungern tötet Hiob Opfertiere. Doch er fand ein heiliges Symbol; und es gleicht den schmalen Ähren auf dem kahlen, harten Feld.

Hiob kennt den Ursprung deiner Wesen und hat mit Mir gerechtet: ‚Herr, sie haben sich nicht selbst gemacht. Kaum ohne Eigenwillen sind sie in der Dunkelheit. Schaue sie nur bitte an wie die reinen Opfertiere, die schuldlos leiden (JESU) für die Schuldigen. Ich opfere für sie die Tiere. Die armen Seelen brächte ich Dir lieber.‘ MIR hat er sie zugetragen. Das Opfern tat er nur des Volkes wegen, damit es durch die Satzung noch zu binden sei; sonst würde es sich völlig von der Gnade reißen.

Aus diesen Opfern bringe ICH das Letzte, das deine Seele einst im Blute reinigt! Aber nicht einmal die schmale Ähre wirst du sein, sondern nur ein Körnlein (3. Markstein, Seite 56) in des Hohen Priesters Hand. — Allein, warum opfert Hiob nimmer? Er hat genügend Tiere, die für viele arme Wesen Geltung haben könnten.“

„Hatte, hatte! Als ich das Land durchzog, hörte ich ein grausiges Geschrei. Hiobs Erstgeborener suhlte sich beim Festgelage mit den Schwestern. Zu dieser Zeit gingen Hiobs Rinder und die Esel an der Grenze. Da kamen die von Saba, die Jakobs Samen neidisch sind, weil Abraham die Ahnen schied (1. Mos. 25, 3-6). Sie erschlugen alle Knechte und raubten alle Joche samt den Eseln. Kein Jungtier blieb zurück. Hiob zeterte; doch sein Reichtum war noch groß.“

„Hat er gezetert, Satan? Mir gegenüber nicht, als Ich beim Opfern eines Widders kam. Er sprach: ‚Herr, Du ließest mir ein Siebtel nehmen, und noch bin ich reich genug. So fahre es dahin! Wenn ich nur das Licht bewahre, dass es auf Erden scheinen kann. Ja — tausend Rinder und die Hälfte Eselinnen sind ihm nichts gegen einen Strahl, aus Meinem Licht gekommen.“

„Warte ab“, lacht Satan widerlich. „Das Licht ist ausgeblasen wie ein schlechter Kerzenstumpf. Im andern Monat kam das Feuer just zur rechten Zeit. Zur Hauptschur waren alle Schafe beigetrieben. Hiob hatte Hütten zugerichtet, dass man sagen sollte: Sogar die Schafe haben einen Stall. Die Knechte waren mitten in der Herde, weil die Böcke leidig wurden.

Da kamen Wetterwolken und die Blitze zuckten schaurig nieder; aus vier Ecken brach der Brand. Alles kam im Feuer um. Solchen Brand als Opfer sahest Du noch nie! Als Hiob diese Nachricht hörte, lag er stundenlang wie ein gefällter Baum. Es schüttelte ihn im Ärger und im Grimm.“

„Ich habe nichts gemerkt“, entgegnet Gott. „Wohl fiel er vor Mir nieder; aber Demut war sein Opfer. Er sprach: ‚Herr, was gilt‘s? Die Knechte und die Tiere tun mir bitter Leid. Das schüttelt mich, ich mag mich nicht erheben. Nimm die Welt, wenn ich dafür auf Deinem Wege bleibe und Du mich segnest durch Dein Angesicht.‘ Sieh, Satan, Mich zu schauen geht ihm über alles; denn das Liegen auf der Erde galt dem Schmerz um Mensch und Vieh.“

„Ihm verging die Schau“, ruft Satan giftig. „Nach vier Wochen bei der Zählung der Kamele, dreitausend ohne Dromedare und die Fohlen, hatten die Chaldäer in der Nacht die Hürde ganz umstellt und brachen in der Hitze ein, wo die Tiere stille stehen. In breiter Front ward der Staub zu dichten Wolken. Keiner sah, wie die Herde fortgetrieben wurde. Der Oberhirte kündete das Ungemach.

Da schnitt sich Hiob in die Hand, ließ den Blutbach lange tropfen und schwur, so wolle seine Rache sein. Und DU solltest diese Räuber schlagen bis zum letzten Mann. Er verhüllte das Gesicht, solang er mit den Knechten sprach, ging auch nicht zum Hain; er mochte seinen Gott nicht schauen.“

„War es so? Ich bin an keinen Hain gebunden und Hiob nicht ans Haus. Im Traum ging seine Seele unter seinem Geist. Ich traf ihn bei den Strömen, die zum Raum des Tages fließen (Mitternachtsquelle) Er rief: ‚Mein Gott, groß ist Deine Güte, dass ich an Deiner Quelle sitzen darf. Wohl lässt Du mich auf Erden schlagen und ich merke, wie man mich verlässt. Man sagt: Gott muss ihn strafen, er hat im Hause keine Zucht. Du weißt, wie ich täglich im Gebet und Opfer um die Seelen ringe. Könnte ich ein Kind erretten, so wollte ich trotz Armut nimmer klagen.

Mögen die Chaldäer die Kamele nehmen, wenn es Dein guter Wille ist; wenn nicht, so wirst Du sie zu strafen wissen. Von mir aus sind sie frei, möchten nur die Kinder nicht mehr freveln — So sprach Mein Knecht. Mit dem Blute wollte er das jüngste Kind erlösen. Bis jetzt, scheint Mir, ist Hiob treu und fromm geblieben.“

„Wie lang? Denn wie Hagel kamen Deine Plagen. Zur Sonnenwende kam der schwerste Schlag. Der Erstgeborene hatte zugesagt, er und seine Brüder wollten nicht mehr mit den Schwestern oder andern Dirnen buhlen. Hiob sah im Auge seines Sohnes lose Spreu. Und was tat er, um das Übel abzustellen ? — Nichts!

Da kam aus Sur der harte Wind, der die festen Häuser fegte. Hätte Hiob auch nur Hütten, wie die Armen seines Landes, so wäre niemand umgekommen. Die Mauern waren gleich das Leichentuch, darein die Toten eingewickelt wurden. Er zerriss sein Kleid, streute Asche auf sein Haupt, fiel hin und weinte bitterlich. Nunmehr schüttelt neben der Zerknirschung ihn nur Angst.“

„Satan, Ich erforschte es. Wohl weinte er, als Ich vor ihm stand. Er betete Mich an: ‚O Vater, so kommst Du zu mir, da ich in meiner Trauer liege? Ach die jungen Seelen, wie sie verderben mussten und blieb keine Zeit, sich mit Dir auszusöhnen. Nur das Jüngste soll im letzten Schrei Deinen Namen angerufen haben. Lass sie um meinet willen Frieden finden.‘ Ich sprach: ‚Hiob, wie viel Gaben weisest du Mir vor, die die Sünden deiner Kinder tilgen könnten.‘

‚Klein sind meine Gaben‘, sprach der Redliche. ‚Aber nimmst Du sie in Deine Hand, so wachsen sie in Deiner Gnade, bis es genügend Kleider für die Armen gibt; Engel tragen sie dann heim. Denn ich bin nackt von meiner Mutter Leib gekommen, nackt werde ich zur Grube fahren. Nur was Du meinem Geiste schenkst, ist die Gewandung meiner Seele. Nimmst du den Reichtum dieser Welt zurück, so sei Dein Name hoch gelobt.‘ Sieh, Satan, Hiob trägt vier schwere Plagen und hat nicht gesündigt und nichts Törichtes getan. —

Jetzt habe Acht: Du sagtest, ICH hätte Hiob so gestraft, obwohl Ich bei ihm keine Sünde sehe. Wenn überhaupt, so müsstest du es eine Prüfung nennen, die zur Läuterung der Materie dient; nicht seiner Seele, die der Probe nicht bedarf. Du willst die Geduld zerstören, sie aber baut dir einen Weg bis hin zum Opferkreuz! Nun — wer schlug Hiob, du oder Ich?“ „Ich habe es getan“, krümmt sich Luzifer, „doch der Auftrag stammt von Dir.“

„Du lügst! Die Erprobung der GEDULD gab Ich dir frei, wo mit derselben auch der Träger unterstand. Hast du die Geduld zur Ungeduld getrieben? Oder hat Mein treuer Hiob standgehalten?“ „Pah“, Luzifer zieht sich auf dem Weg zurück, „warte es nur ab; nachher will ich wiederkommen, wenn er verstummt am Boden liegt!“

„Ich will dich eher rufen“, ertönt Gottes Stimme laut, „denn du wirst Meinen Hiob nicht zerbrechen! Prüfe weiter die Geduld und schau, wie weit die Sehne reicht. Achte aber gut, dass dich dein abgeschnellter Pfeil nicht selber trifft!“

Da fährt Satan in die Tiefe —

für die Kinder öffnet sich das Heiligtum.

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